[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Ein Fall von multiformer Perversion (1. Teil)‹ 1909-430/1909.01

Rank, Otto (1909-430/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Ein Fall von multiformer Perversion (1. Teil)‹

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    3. Vortragsabend
    am 3. November 1909.

     

     

    Ein Fall von multiformer Perversion I. Teil.

    Dr. Sadger.      

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    Es handelt sich um den sehr komplizierten Fall eines 32 jähr. schwedischen
    Barons (Archäologe), der aus einer stark degenerierten Familie stammend,
    schon in seiner Jugend an epileptischen Zuständen litt. Er lebt seit 2 Jahren
    in einem intimen Bund mit einer ehemaligen Prostituierten, dem nur
    die kirchliche Formalität zur Ehe fehlt. Vor einigen Wochen hat er sich in einen
    unbedeutenden jungen Mann, einen Kellner, verliebt und wollte mit
    ihm nach Island reisen. Sein Hausarzt, der ihn zur Behandlung dieser
    absonderlichen Neigung nach Wien schickt, legt in seinem Begleitbrief
    das Hauptgewicht auf die Degeneration und Epilepsie und weniger auf die Homo-
    sexualität. In der 5 Monate hindurch fortgesetzten Psychoanalyse ergab
    sich, dass trotz der schweren Belastung nicht diese sondern die Vita
    sexualis im Vordergrunde stehe. Seine epileptischen Anfälle wurden zwar
    auch im Laufe der Kur vollkommen gedeutet und geheilt aber es zeigte
    sich, dass neben der Homosexualität auch noch eine Reihe anderer
    sexueller Abirrungen das Krankheitsbild beherrschte (soz. b. einige
    Formen des Autoerotismus, Onanie, Narzissmus, eine Art Selbstfolter, eine
    ausgedehnte Analerotik, Exhibitionismus, Voyerneigungen, Fetisch-
    liebhaberei, sadistisch-masochistische Gelüste etc. etc.).

          Der Vortr. gibt nun einen kurzen Lebensabriss des Pat. und geht sogleich
    auf die im Vordergrund stehende Erscheinung ein, auf die

          Homosexualität. Pat. erklärt in Bezug auf seine Verliebtheit in
    den Kellner, er habe nur deren Nähe und leichte Körperberührung ge-
    wünscht; das sei ihm schon voller sexueller Genuss gewesen. „Bei mir kommen
    nämlich die Gefühle hauptsächlich durch die Augen.“ Später gibt er zu,
    dass ein Greifen nach den Hoden des andern einer seiner Hauptge-
    nüsse bestehe. Er liebe zwei Arten von Männern: 1.) Jünglinge von
    17, 18 Jahren mit lebhaften Augen und einem weiblichen Typus in der
    Haltung; sie dürfen aber nicht homosexuell sein, weil alles natur-
    widrige ihn abstosse. 2.) Liebe er schon weniger Männer von 25–30
    Jahren, sexuell Kraftvolle Naturen, nur solche, die einen Hang zum
    weiblichen Geschlecht haben, was er ihrem Gesicht erkenne.

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    Während er für den ersten Typus Liebe empfinde habe er für den 2. keine
    Neigung sondern nur lebhafter Interesse. Pat. liefert dann zum
    1. Typ noch einige Ergänzungen, die ihn dem 2. sehr nahe bringen.
    Das beiden Gemeinsame ist das Jugendliche und die Augen. Bei sol-
    chen jungen Männern stelle er sich immer die Frage: wie gestaltet
    sich für ihn das sexuelle Problem? Er möchte, wie er sagt, auf diese
    Weise erfahren, wie er selbst es anstellen soll. Später stellt sich noch
    ein 3. Typus heraus, der wissenschaftliche Mann.

          Es zeigte sich, dass Pat. vor dem Kellner schon eine ganze Reihe homo-
    sexueller Verliebtheiten hatte; so vor allem in seinen Vater und
    in den Bruder desselben, den Onkel Archäologen. Bewusst sei
    er sich seiner Homosexualität erst mit 19 Jahren geworden, in
    einer Verliebtheit mit einem 17 jähr. Kameraden, einem Kadetten, des
    1. Typus. In all seinen homosexuellen Liebhabereien spielt die Haupt-
    rolle das Ansehen und Bewundern des Mannes, die Liebesempfindung
    durchs Auge; daneben ein Verlangen nackt neben ihm zu liegen (so beim
    Kadetten), einen Abscheu vor sexuellem Verkehr und endlich der
    passive Zug sich lieben und liebkosen zu lassen. Auch auf den Kellner
    lassen sich grobe sexuelle Phantasien nachweisen, die ihn nicht in Ruhe
    liessen.

          Häufig und gerne liebt und arbeitet er zu Dritt, im Dreibund wie er
    es nannte und liebt auch sonst die Dreizahl in Gesellschaften etc. Auch
    mit seiner jetzigen Frau fühlte er sich nur wohl, wenn er einen Dritten
    jeweils Geliebten seiner Frau dabei hatte. Er meinte, das habe in
    seinem früheren Zusammenleben mit den beiden Schwestern die
    Grundlage. In Wirklichkeit geht es darauf zurück, dass er selbst bei
    seiner Mutter der Dritte im Bunde sein wollte.

          Die Familie des Pat. Den Onkel Archäologen, der grossen Einfluss auf
    ihn übte und auch seine Berufswahl bestimmte, liebte Pat. sehr,
    mit 15, 16 Jahren war diese Neigung manifest. Der Onkel hat sich
    damals wie eine Mutter dem Knaben gegenüber benommen und war
    auch von Einfluss auf die Entwicklung seiner exhibitionistischen

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    Neigungen.

          Der Vater soll an melancholischen Verstimmungen ab-
    weichend gelitten haben, die in Zusammenhang mit einem Sturz vom
    Pferde gebracht werden. Diese Anfalle sowie das religiöse Leben
    und Kuren des Vaters hat Pat. später hysterisch nachgemacht. Er
    bewunderte den Vater anfangs. Später verglich er ihn mit anderen
    und begann Kritik an ihm zu üben. Aus politischen Differenzen
    (es handelte sich um einen Besuch bei Hofe, den der Sohn nicht
    mitmachen wollte) trat dann eine Entfremdung ein und er besuchte
    von da ab den Vater nur zweimal im Jahr. Der letzte und schwerste
    Konflikt mit dem Vater wurde durch sein illegitimes Verhältnis mit
    der Prostituierten heraufbeschworen. Die Gründe liegen natürlich
    tiefer und gehen auf die Mutter zurück.

          Die Mutter spielt im Leben dieses Pat. wie bei jedem Homosexuellen
    die entscheidende Rolle. Sie wird als adelsstolz, bigott und wenig intelligent
    geschildert. Pat. war seit jeher ihr Lieblingskind. Mit 15, 16 Jahren trat eine
    Entfremdung zwischen ihm und der Mutter ein, weil sich Pat. von ihr nicht
    mehr verstanden fühlte. Später begann er sie zu hassen, angeblich
    weil sie die Kinder verkehrt erzogen habe, worhinter jedoch der Vorwurf
    zu suchen ist, sie habe ihn sexuell schlecht erzogen. Auch sei
    sie vom obsessivsten Geiz und einer unerträglichen Ordnungs-pedanterie
    worin wir schon einen Hinweis auf die Analerotik der Mutter finden.
    Neben diesen Hauptsymptomen der Analerotik zeige sie noch einige
    weniger bekannte Symptome: so hatte sie kein Vertrauen zu anderen, keiner
    vermochte, es ihr ordentlich genug zu machen. Sie fürchtet immer
    Darmkrebs zu bekommen, an dem ihre Mutter gestorben ist; sie leidet
    an Verstopfungen und hat häufig sich selbst, sowie auch den Kindern
    Irrigationen gemacht. – Mit 13, 14 Jahren wurde Pat. kränklich, schwäch-
    lich und der Hausarzt riet auf Onanie, was Pat. der Mutter gegenüber
    hartnäckig leugnete. Er kränkte sich über diese Zumutung der
    Mutter (er hatte tatsächlich unbewusste Onaniegefühle) und als er
    mit 15, 16 Jahren bewusst zu onanieren begann v. seine Mutter ihm

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    deswegen alle nachspürte, da begann wie es scheint, der Hass gegen sie.

          Die Schwestern: die ältere, die später Krankenpflegerin wurde, war
    von geringerem Einfluss auf das Leben des Pat. als die jüngere, die auch
    eine Reihe pathologischer Züge aufwies. Sie hatte schwere Anfalle von
    Besinnungslosigkeit und seit etwa 2 Jahren wird sie vor Nervosität angeb-
    lich fast blind. Als Kind hat sie lange eschibiert. Mit 4 Jahren sah
    Pat. beim Urinieren zum erstenmale ihre weiblichen Genitalien.

          Auch diese jüngere Schwester ist ein ausgesprochener Analcharakter;
    sie sitzt ungewöhnlich lange auf dem Abort, verwendet häufig den
    Irrigator und hatte schon früh einen starken trotzigen Charakter. Geiz
    fehlt angeblich vollständig. Dafür aber zeigt sie ein anderes Symptom:
    sie hat die Theorie vom reinen Mann. Pat. hatte mit 24, 25 Jahren
    direkte Inzestgedanken auf die Schwester. Er meinte, er erwiese ihr
    mit dem Koitus einen grossen Dienst, da sie sonst als alte Jungfrau
    verbleiben würde. Er machte ihr auch indirekte Andeutungen, die
    sie aber zurückwies, weil es ihr nicht rein genug war, weil er sich
    im Verkehr mit Prostituierten beschmutzt habe. Die Schwester hatte
    schon mit 10 Jahren die Mutter überrund sie am Vater ausserordentlich
    hing.

          Wie bei allen Homosexuellen finde man auch in der Familie des
    Pat. Andeutungen dieser Anlage bei den übrigen Familienmit-
    gliedern. Pat. selbst ist ein Mann mit ausgesprochen kindlichen
    Zügen. Der Vater ist ausgesprochen männlich hat aber Hinterpfort-
    erotik. Der Onkel Archäologe schwärmt für das Hauswesen und
    führte dem Grossvater die Wirtschaft wie eine Frau. Den Kindern (bes.
    dem Pat.) gegenüber benahm er sich, nicht nur bildlich gesprochen,
    wie eine Mutter (er wusch und kämmte sie etc. – Ausserdem finden sich
    noch bei verschiedenen andern Verwandten homosexuelle Züge.

          Die Heterosexualität. Auch das weibliche Sexualobjekt war
    dem Kranken keineswegs fremd. Wir wissen schon um seinen gemein-
    samen mit der Prostituierten, kennen seine Liebe zur Mutter
    und die Inzestgedanken auf die Schwester. Pat. kann aber nur

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    als bisexuell bezeichnet werden mit vorwaltend homosexueller
    Trieberichtung. Für sein Leben von tief einschneidender Bedeutung
    war das Kindermädchen. Sie kam ins Haus als Pat. 3 Jahre alt war und
    blieb bis zu seinem 17. Jahr; sie erzog ihn mehr als die Mutter. Zu seinen
    frühesten Erinnerungen gehört (mit 3 Jahren), dass er sie mit Armen
    und Beinen fast umschlang; dabei habe er ein Spannungsgefühl im
    Kreuz gespürt. Aus seinem 7, 8. Jahre stammt eine Erinnerung, dass
    sie ihm beim Waschen am Penis fasste, was ihn erregte und was er ihr
    auch verbot. Sie hatte gesunde Farbe und grosse blaue Augen, was in
    seinem 1. männl. Typus wiederkehrt.

          Sein früh auftretender Trieb zum anderen Geschlecht ist sehr deutlich.
    Er liebt einen Frauentypus von 16–18 Jahren, der ihm in einer Cousine
    2. Grades verkörpert schien. Nachher mit 5–7 Jahren liebt
    er zwei Mädchen. Aber immer waren seine Liebhaften nur plato-
    nisch; das Auge spielte dabei die Hauptrolle, das nach Freuds Aus-
    druck beim Pat. eine erogene Zone war. Er hatte noch eine Reihe von
    geliebten Mädchen denselben Typus. Eine dieser Mädchen hatte
    einen Verlobten, einen Mediziner, in den sich Pat. ebenfalls verliebte
    und der jetzt, als Gatte dieses Mädchens, der Pat. Hausarzt ist.

          Der Vortr. geht nun auf das interessanteste und wichtigste Kapitel ein:
    das Verhältnis zu den Prostituierten. Pat. gibt an, unter heftigen De-
    pressionen gelitten zu haben und in diesen Zeiten ohne sexuelles
    Verlangen Prostituierte aufgesucht zu haben, bloss um bei ihr zu
    schlafen. Er liebte es immer bei und dieselbe zu besuchen. Bis
    zu seinem 25 Jahre habe er regelmässig onaniert. Später war er,
    immer in Begleitung von Kameraden, bei Prostituierten gewesen,
    was auf den Vater zurückgehen dürfte. Sein Wunsch ist anfangs nur neben
    der Dirne zu schlafen, ihr sein Herz ausschütten zu können und von
    ihr selbst in die Geheimnisse der Liebe eingeführt zu werden. Mit 30 Jahren
    gelingt ihm endlich der Koitus wirklich bei seiner 4. Braut (vorher
    hatte er immer Angst vor Blamage), womit sich sein ganzes Wesen
    verändert. Diese 4. Dirne, eine hübsches junges Mädchen gefiel
    ihm so gut, dass er sie aushob, ins Bett trug und sofort koitieren konnte.

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    Mit 18 Jahren hatte er einmal, um seine Kraft zu zeigen, die Mutter und
    auch seine Schwester in die Höhe gehoben. Als er das bei der Dirne tat,
    konnte er sie koitieren, weil die Beziehung von ihr auf die Mutter galt.
    Durch einen Lungenspitzenkatarrh war er genötigt auf einige Zeit zu
    verreisen; als er zurückkam war diese Dirne nicht mehr da und
    alles Suchen nach ihr erfolglos. In dieser Zeit taucht der Inzestge-
    danke auf die Schwester auf, der erst schwindet als er eine neue,
    die 5., Dirne findet, die er anfangs als seine erste ausgegeben hatte.
    Sie war ziemlich alt und der Verkehr mit ihr gelang nur weil Pat. dabei
    passiv war.

          Seine Frau gefiel ihm gleich das erste Mal sehr gut: ihr gutes Wesen,
    ihr starkes Rechtsgefühl und ihre geschmackvolle Kleidung fielen ihm
    angenehm auf. Später wäre es fast zum Bruch mit ihr gekommen, weil
    er eine ihrer Kolleginnen koitierte. Er will seine Frau nicht allein lieben
    sondern nur mit einem Dritten Freund.

          Damit schliesst der Vortr. die heutige Mitteilung über den Fall. Zur
    Diskussion möchte er zwei Punkte stellen:
          1.) das Verhältnis der Belastung zur Sexualität
          2.) ein paar neue Gedanken zur Analerotik.

    ad 1) Die gemeldeten Neigung zu Depressionen (Schwermuts-Anfälle in Perioden
    von 1–1/2 monatigen Anfällen) und die Hemmungshat des Affekt-
    lebens (Zornanfälle) sind typische Symptome der Belastung.
    Diese wird aber erst durch die sexuelle Faktoren zur vollen Ent-
    faltung gebracht. Pat. verkehrt gewöhnlich alle 4 Tage mit
    seiner Frau; wenn er einmal 6 Tage nicht verkehrt bekommt
    er eben Depressionen; diese stellen sich übrigens auch aus homo-
    sexuellen Gründen ein. In den depr. Zuständen beruhigte ihn der
    Besuch bei Prostituierten, auch wenn er bloss sprach und
    nicht koitierte, was auf die Mutter hindeutet. Ebenfalls auf
    diese scheint zurückzugehen sein häufiger Glaube, die Frau
    wolle nicht verkehren, ohne dass er zu dieser Meinung Grund gehabt
    hatte.

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    Der Zusammenhang zwischen der angeborenen Belastung und den
    begünstigenden, auslösenden sexuellen Faktoren, sei sehr
    wichtig, es stehe aber noch eine Darlegung an einem grossen
    Material aus. Alle diese Depressionen seien nicht minder psycho-
    sexuell bedingt als gehirnanatomisch.

    ad 2. Die von Freud hervorgehobene Charakteristik der Analerotiker scheine
    meist von Männern abgezogen. Einige Erfahrungen von Frauen
    möchte der Vortr. ergänzen. Bei Frauen scheine die peinliche Rein-
    heit und Sauberkeit stärker betont als die andern Eigenschaften,
    die in manchen Fällen ganz fehlen. Entsprechend der Bestätigung
    des Weibes scheine sich auch die Analsymbolik spezifisch zu
    äussern. So sei das Reinemachen für viele Frauen entschiedener
    Selbstzweck und lustbetont. Solche Frauen halten auch ihre Kinder
    oft lange von der analen Selbstständigkeit zurück, pflegen sie
    lange auf den Topf zu setzen und aufs Abort zu begleiten.
          Ein Mädchen mit sublimierter Analerotik zeigt (wieder Pat.
    Schwester) die Phantasie vom Mann, der rein in die Ehe treten müsse.

          Eine andere Eigenschaft, die vielen Analerotikern häufig zu komme, sei
    der Gedanke: „Kein anderer kann es so gut machen, wie ich selbst.“
    (d.h. kein so gut Stall absetzen = machen wie ich selbst). Anderer-
    seits gibt es, die alles bis zum letzten Augenblick aufschieben.
    Endlich auch noch das lange Sitzen auf dem Abort womöglich noch
    mit der gleichzeitig vorgenommenen Lektüre.

    Diskussion:

          Steiner bemerkt,, daß den man die beiden Fakten gegenüber nicht Abs-
    trahieren könne. Was den Pat das Charakter-betreffe, so habe sich der Vortr.
    die Mühe genommen, Amerika noch einmal zu entdecken. Das
    Verhältnis von Disposition und sexuellen Elementen sei ihm
    nicht klar geworden; auch habe er nichts neues darin finden
    können. Was die Analerotik der Hausfrauen betreffe, so
    habe Freud in der Dora-Analyse diese als Hausfrauen-Neurose
    geschildert (Zwischenruf v. Federn: aber nicht auf analer Grundlage).
    Übrigens habe der Vortr. den Unterschied zw. Analcharakter u. Erotik
    nicht präzisiert.

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    Furtmüller möchte bezüglich eines der wenigen Fälle von Analcharakter
    aus seinem Bekanntenkreise, der nicht zu stimmen scheine, Auf-
    klärung. Es handle sich um einen Provinzkollegen, der Anfälle von
    vollkommenem Bewusstseinsverlust habe und alle Züge eines Anal-
    charakters aufweise. Er lasse aber auch Anzeichen einer regenten
    Analerotik erkennen. Es scheine danach, dass sowohl die Ver-
    drängungssymptome als auch Reste der eigentlichen Beschäftigung
    mit dem Anus (der Erotik) gleichzeitig bestehen können.

    Federn hebt den sympathischen Eindruck hervor, den Pat. mache.
    Die Darstellungstechnik des Vortr. sei eine ungewöhnliche, vielleicht
    die Richtige, wir seien jedoch gewohnt eine historische Darstellung
    zu hören. Durch diese Technik mag der Anschein willkürlicher Zu-
    sammenhänge hervorgerufen werden. – Die Gärtnerei der jüngeren
    Schwester als symbolische Genitalbetätigung aufzufassen, sei eine derbe
    Ausdrucksweise. In jedem Beruf können sexuelle Ziele erreicht werden.
    Für unrichtig halte er es, das Räumen auf die Analphase zu beziehen.
    Es sei davor zu warnen unvorsichtiger Weise gewisse Symptome als
    analerotische zu bezeichnen; es könnte damit ergehen wie mit der
    anfänglichen Überschätzung der sexuellen Traumen, deren Wirkung
    man dann einzuschränken gezwungen war. Manche der vom Vortr.
    angenommenen Zusammenhänge machen übrigens einen recht
    wahrscheinlichen Eindruck. –

          Das Inzestöse Leben der Dirne möchte er diesmal doch unfröidisch
    als einfache Erinnerung seines Wohlgefallens an dem Mädchen auf-
    fassen.

          Zur Belastungsfrage habe er ein hübsches Beispiel dreier Brüder,
    welche die sexuelle Schädlichkeit des coitus interr. verschieden ver-
    tragen haben und Sadgers Behauptung wahrscheinlich machen, dass
    die Angstneurose bei belasteten Menschen leichter auftrete. Es
    handelt sich dabei vielleicht um die Herzbegabung. Sonst habe die
    Angstneurose wenig zu tun mit dem, was wir Degeneration heissen.

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    Gegen den Zusammenhang von Belastung und Sexualität werde man
    kaum einen Widerspruch erheben können. An 4 eigenen charak-
    teristischen Verstimmungen habe er gesehen, wie die stark prorahierte
    Schädlichkeit (lange fortgesetzte Masturbation) bei belasteten Indi-
    viduen zur Melancholie führen kann.

    Rank kann die Auffassung, den Analerotiker alle bis zum letzten Moment
    aufzuschieben, ein Analcharakter sei; an einem stark ausgeprägten Anal-
    charakter bestätigen.

    Hitschmann findet in den heutige mitgeteilten nur die bekannte Anamnese
    des Pat. Das Krankhafte sei mehr der Grad seiner Neigungen. Die Homo-
    sexualität stimme aber gut zur Beschäftigung mit antiker Kunst
    (Winckelmann) und auch die Kostümkunde spiele dabei vielleicht eine
    Rolle. Die theoretischen Einwürfe (die von Federn) scheinen oft wirklich
    wenig begründet. – Der Fall zeige aber wieder wie wenig es beweist, wenn
    man zeigt: er hat seine Mutter geliebt. Es entscheidet hier auch
    immer der Grad. Er hat den Vater homosexuell gehasst ist ein Re-
    versismus. Wie soll er ihn denn lieben? – Das Bedürfnis aus Ekparaus
    nach einem Dritten sei sehr häufig und habe die unverkennbarste
    Notion (bes. Anästhesie der Frau).

          Bei den Depressionen dürfte auch die Unbefriedigung eine grosse Rolle
    spielen; bes. der Zusammenhang mit der Onanie.

          Der reine Hass sei die Wirtschaftsordnung scheine in der Zurück-
    führung auf die Analerotik nicht plausibel. Der Verschwendung scheine
    aber mit der Onanie in Zusammenhang zu stehen.

          Die Frage sei, worin die Disposition zur Aktual Neurose bestehe: die
    Masturbation dürfte da eine grosse Rolle spielen, ebenso die Vaso-
    motoren bei der Angstneurose (Hitschmann). Die Untersuchung der
    Sexualorgane des Pat. durch den behandelnden Analytiker halte er
    für unbedingt nötig und wie ein Zeichen von Befangenheit,
    wenn Sadger dies unterlassen habe. Man dürfte doch Anhaltspunkte
    finden, die für eine Minderwertigkeit des Sexualorgans bei den Neurosen
    in Betracht kommen (bes. bei Homosexuellen).

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    Jekels erscheint als das wichtigste Thema des heutigen Abends das
          von Steiner berührte: das Festhalten der Grenze zwischen Anal-
          erotik u. Analcharakter betreffend. Er würde eine diesbezügl.
          Aufklärung dankbar begrüssen.

          Beim Zusammenhang zwischen Belastung und Angstneurose
          nach coitus interr. sei ein Moment übersehen worden, das Freud
          seinerzeit hervorgehoben habe: dass die Angst-N. bei Männern
          nur dann auftrete wenn sie für die Befriedigung der Frau Rück-
          sicht tragen.

    Friedjung möchte die Frage aufwerfen, ob es notwendig sei Analcha-
          rakter und -Erotik so scharf zu scheiden. Können nicht an einem
          Individuum Zeichen des sublimierten und anderseits noch Reste
          der ursprünglichen Analerotik sich finden? Vielleicht sogar spät
          auf dem Wege der Sublimierung analerotische Erscheinungen wieder
          durchbrechen? z. B. bei einem Arzt, der Koprologe wird.

    Reitler meint, den Federn in der Kritik entschieden zu weit gegangen
          sei und den Hitschmann mit Recht die Determinierung gewisser
          Momente (Gärtnerei, in die Höhe heben) anerkannt habe.

          Reinemachen als Analcharakter werde vielleicht in diesem
          Falle zutreffen, verallgemeinern dürfe man das noch nicht; denn
          in andern Fällen könnte es auch auf Onanie zurückgehen. Es wäre
          auch als Teil der Wirtschaftsneurose verständlich, die auf sexuelle
          Unbefriedigung zurückzuführen ist.

          Die Verwechslung von Analcharakter u. Erotik in diesem Kreise
          sei betrüblich. Friedjungs Annahme, dass auch Mischformen vor-
          kämen, sei durchaus zutreffend.

          Der Analyse vorgreifend möchte er fragen, ob nicht auch Rettungs-
          phantasien beim Pat. eine grosse Rolle gespielt haben. Demnach
          stimme der von Freud geschilderte Typus (der mütterlichen
          Aetiologie) vollkommen.

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    Professor Freud hat gegen das von Sadger Vorgebrachte nichts einzu-
          wenden. Die Analyse sei mit Gründlichkeit gemacht und ver-
          spreche ein interessantes Resultat zu liefern. Durch die Unvoll-
          ständigkeit der heutigen Mitteilung entfallen eine Menge von
          Einwendungen, die auf unvollkommener Kenntnis und Missver-
          ständnis beruhen. Reitler habe den Wink gegeben, in welcher
          Richtung die ziemlich einfache Auflösung des Falles zu suchen
          sei:

          Was Sadger Belastung heisse, nennen wir Heredität. Im Laufe der
          psychoanalyt. Forschung sei ein Stück von der Bedeutung des
          Erlebten zurückgegangen aufs Konstitutionelle, das sich aber
          von dem unklaren Begriff der Heredität noch sondern liess
          als sexuelle Konstitution. Wir haben nun im Zurückführen
          der sexuellen Störungen auf die Erlebnisse und die sexuelle
          Konstitution unser eigentliches Arbeitsgebiet gefunden.
          Damit ist jedoch die Bedeutung der nicht sexuellen Kon-
          stitution nicht geleugnet. Diese beiden vertragen sich ganz
          gut miteinander und es sei nicht nötig, das eine für das
          andere zu setzen. – Bei der Beziehung von Belastung und
          Sexualität seien adäquate und präzise Nachweise erforderlich,
          welche die sicheren Anzeichen seien und wie das zusammenhänge;
          woraus man diese nicht sexuellen Faktoren bei der Neurose
          erkennen kann. Adler habe einen vielversprechenden
          Anfang gemacht. In einem Punkte sei Sadger im Wider-
          spruch mit sich selbst nachgewiesen: im Gegensatz zu seiner
          jetzigen Behauptung, dass eine solche Belastung für die Ak-
          tualneurosen ausserordentlich förderlich sei, habe er vor
          kurzer Zeit gemeint, die Schwerbelasteten akquirierten
          keine Aktualneurose (Lenau) weil die Belastung sie er-
          schlage.

          Bezüglich der Analerotik seien Sadgers Ausführungen
          fehlerhaft gewesen; sie seien nicht so sehr neue als

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    schätzenswerte Ausführungen und Detailangaben. Vorzuwerfen
    sei ihm die Vernachlässigung der Unterscheidung. Es handle sich um
    die Schicksale dieser allgemein geltenden Anal-Erotik. Der in
    der Publikation daraus entwickelte Charakter sei der extremste Typus.
    Dass diese Umbildung partiell erfolgen und unvollkommen sein
    könne wurde von Furtmüller hervorgehoben. Der Fall der Mutter des
    Pat. sei ein solcher; man finde hier eine gut verwendete Analerotik.
    In der Kinderpflege finde diese ursprünglich aktuelle später sub-
    limierte Analerotik wieder direkte Verwendung. Das sei über-
    haupt die Formel für das Mutterglück: die Möglichkeit der vorwurfs-
    freien Rückkehr zu den infantilen Verdrängungen. Man sieht
    hier auch, wie sich damit der Charakter der Mutter ändert; wie
    die bisher feste Charakterbildung unter dem Wiederaufbrechen der
    Erotik um ein Stück zurückgeht.

          Die interessante Tatsache warum sich bei einzelnen Personen
    dieser Charakter Trias nur unvollkommen entwickle, liesse
    sich im Sinne gewisser Adlerscher Erwägungen verfolgen und
    beantworten. Bei Frauen sei die Pedanterie und Ordnungsliebe häufig
    und nicht bloß auch der Trotz und Geiz. Der Trotz kommt wahrschein-
    lich nicht zustande, wenn eine Triebverschränkung fehlt, die
    bei Frauen eben in der Regel vermisst wird. Die bei der normalen
    Weib stark unterdrückte sadistische Komponente wird der Bildung
    des Eigensinnes entgegenwirken. Die Fernheit der Geldinteressen
    bei einer Frau aus gutem Hause wird etwa schuld sein, dass das Geld
    nicht die grosse Bedeutung bekommt. Zu solchen Fragen komme
    man jedoch nicht, wenn man Charakter und Erotik nicht
    scharf trenne. Diese scharfe begriffliche Sondierung habe jedoch
    mit dem gemeinsamen Vorkommen nichts zu schaffen.

          Die körperliche Untersuchung sei sehr wünschenswert, jedoch
    in der Analyse unmöglich; sie müsse von einem Kollegen vorge-
    nommen werden.

          Bei der Onanie dürfe man niemals, wie Hitschmann heute u.
    Sadger kürzlich, unberücksicht lassen, dass sie nur eine Exe-

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    13

    kution und kein Trieb sei; man könne sie daher auch nicht als
    Aetiologie anführen. Es sei nicht die Gewöhnung an die Onanie ver-
    sie schwer überwindbar mache, sondern an besondere Objekte,
    besondere Phantasien, deren Inhalt der reale Liebesverkehr nicht
    zu ersetzen vermag. Die Onanie sei kein Trieb, sie zeige nur die
    Aktivität des Betreffenden, die ihm zum Vorteil gereiche; wer
    nur phantasiere sei vom Normalen weiter entfernt als der Onanist.
    Die Heranziehung der Vasomotoren (Hitschmann) beruhe auf einer
    Verwechslung zwischen physiologischen Mechanismen und der psychol.
    Aetiologie.

          Die Auffassung des Reinemachens sei eine zu entschiedene Äußerung.
    Man müsse in jedem Falle nachweisen, dass diese Betätigung anal sei. Es ent-
    spreche auch nicht immer der sexuellen Verdrängung (Reitler). Die
    Reaktion auf die Verunreinigung durch einen sexuellen Akt (Onanie) gehe
    auf den eigenen Körper; beziehe sie sich auf die äußeren Objekte, so
    sei sie vielleicht analen Ursprungs. — //