[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Ein Fall von multiformer Perversion (2. Teil)‹ 1909-430/1909.02

Rank, Otto (1909-430/1909.02): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Ein Fall von multiformer Perversion (2. Teil)‹

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    4. Vortragsabend

    am 10. Novemb. 1909.






     

    Ein Fall von multiformer Perversion. (2. Teil)

    Dr. Sadger.
















     

    p. 2.

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          Der Vortragende bemerkt eingangs, dass infolge des grossen Umfangs
    dieses komplizierten Falles, alles nicht streng zum Thema gehörige weg-
    lassen müsse. So die Pseudepilepsie, die wie der erste bereits publizierte
    Fall gebe und dieselben Resultate liefere; denn die Alkoholintoleranz,
    die ihre homo- und heterosexuellen Wurzeln habe u. a. —

          Der Vortr. geht nun zur Besprechung der Erziehungseinflüsse über.
    Pat. hatte als Kind keine Kameraden; sein erster, mit 10 Jahren war ein Vetter,
    mit dem ihn aber auch kein eigentliches Kameradschaftsverhältnis ver-
    band. Er hatte immer ein Bedürfnis nach älteren Knaben, „Beschützer“
    wie er sie nannte. Seine spätere Kameradschaftssucht sei zweifellos eine
    Reaktion auf seine frühere Kameradenlosigkeit. Man könne häufig
    finden, dass spätere Homosexuelle ihre ganze Jugend fast ausschliess-
    lich unter weiblicher Hut belebt verbrachten.

          Vor dem 15. Jahr hatte niemand mit dem Pat. vom Sexualen gesprochen.
    Zwischen 15 und 17 erhielt er von Kameraden die erste Aufklärung, die
    dann beim Militär vervollständigt wurde. Er schlief und badete noch
    mit 16 Jahren gemeinsam mit den Schwestern. Bis zu seinem 7. Jahr sah
    er auch dem Vater häufig beim Baden zu. Ebenso ungeniert benahm
    sich die Mutter vor ihm: noch vor dem 12 u. 14 jährigen Knaben setzte
    sie sich auf den Topf um zu urinieren. Dieses Niedersetzen auf den
    Topf macht Pat. später im hyst. Anfall nach. Bei diesem Gebaren
    der Mutter kam natürlich die oben hervorgehobene Schaulust des
    Pat. auf ihre Rechnung. Beim Symptom des Analcharakters, wie er
    sich bei der Mutter des Pat. finde, hebt Sadger noch das übermässige
    Hochheben der Röcke bei älteren Frauen hervor, um dem „Kot“
    auszuweichen. Dieses Tun der Mutter ist dem Pat. immer als lächerlich
    erschienen. In der Kur erinnerte ihn an die auf dem Topf sitzende
    Mutter wie sie sich das Hemd hoch hebt.

          Homosexuelle Regungen aus der frühesten Kindheit:
    Pat. hatte eine grosse Vorliebe für zylindrische Gegenstände. Er umschmiegte
    den Ofen stürmisch, liebte die Gliederspuppe seiner Mutter zärtlich und
    umarmte auch sie (stundenlang umschlang man oft den Ofen des Klatschens

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    an ihm herauf). Schon hervorgehoben, dass er die Genitalien des Vaters beim
    Baden sah. Die verbotene Neugier auf dieselben äussert sich in einem
    Symptom: der dysuria psychica. Wenn er mit dem Vater zugleich uriniert
    hatte, verglich er die Genitalien und vergass dabei sein eigenes Urinieren.
    Das scheine eine typische Wurzel für die enuresis psych. zu sein.

          Bedeutsam ist des Pat. Interesse für die Hoden, die ihn mehr inter-
    essierten als der Penis. Er will dem Vater von hinten und unten an die
    Hoden greifen. In dieser Weise wird wahrscheinlich ihn selbst das
    Kindermädchen und noch früher die Mutter angegriffen haben, wenn
    er sich auch nicht ganz genau daran erinnert. Er identifiziert sich
    also als Homosexueller mit der Mutter als Weib, um dem Geliebten die
    Befriedigung zu gewähren. Diese Interessen für die Hoden hat übrigens
    auch eine heterosexuelle Wurzel. Wenn er den Vater baden sah hatte er
    den Wunsch ihm die Hoden abzuschneiden (ein deutlicher Kastrations-
    wunsch, der auf die Mutter zurückgeht). Auch hatte er gern, dass
    Frauen oben schwache Hoden hätten. Die Kontraktion der Hoden beim
    Angreifen wird ihm ein „Beweis“, den das Kind etwas für Unangenehmes findet.
    Ihm selbst beruhigte das Angreifen. Er hatte den Wunsch, dass seine
    eigenen Hoden nicht so hängen sollten und suchte das auch
    ausserordentlicher Weise zu verhindern. — Diese Hodeninteressen
    verstand sich nun gut zu verbergen. So erinnert ihn das Gesäß an
    die Hoden (die offen zur Schau getragen werden), auch die kräftige
    Schultermuskulatur erinnert ihn daran. Er hatte schon als Kind leb-
    haftes Interesse für die Gesäße: bes. gefällt ihm, die kräftige Mus-
    kulatur, der Lendenwirbel und der glatt rasierte Schädel, der
    ihn auch bei den Clowns und Pierrots im Zirkus besonders mitreißt.
    Dieses Interesse für die Hoden liegt auch seiner Statuenliebhaberei
    zugrunde; das Entscheidende dafür: der ausgebildete Schautrieb u. Interess. f. d. Genitalien.

          Mit der Schaulust verbunden ist deren Gegenstück, der
    Exhibitionistrieb, der schon mit 4/5 Jahren deutlich auftritt. Er streckt
    sich die Lendenlungs nach, machte nackte Muskelübungen.
    Mit 15 Jahren begann er sich selbst nackt zu zeichnen, womöglich

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    auf rosarotem Papier. Das Zeichnen war ihm ein Mittel, sich selbst zu
    idealisieren. In den letzten Jahren pflegte er sich im Sommer zuhause
    ganz nackt auszuziehen. Zum Händewaschen zog er sich vor den
    Kameraden ganz nackt aus. Dann übte er eine Art sexuellen Turnens,
    wobei er auch ganz nackt war.

          Pat. hatte auch eine ganze Reihe der abenteuerlichsten sadistischen und
    masochistischen Phantasien, die sich meist auf die Eltern bezogen.

          Neben dem Schautrieb war die Analerotik am deutlichsten ausgeprägt.
    Schon als Kind machte er einen langwierigen Darmkatarrh durch, der
    nach Gratzl (der Arzt als Erzieher) häufig den Boden zu späteren Depressionen
    lege. Er litt auch an Inkontinenz des Stuhles. Er hatte einen prolapsus
    recti und hat immer mit dem Finger im After herumhantiert.
    Mit 15 Jahren las er von Päderastie. Beim ‚Pädieratisieren‘ (Finger im
    After) hatte er Blut und Erektionen; später verstand er Onanie
    und „Päderastie“. Auch jetzt noch hat er beim Stuhlgang Lust-
    empfindungen. — Er hat die Gewohnheit die liebsten Speisen wieder
    herauf zu würgen, was auf einen in der Kindheit verschluckten
    Kern zurückgeht. Es scheint dies eine verirrt Form von Kopro-
    phagie zu sein. Die kotähnlichen Speisen haben ihm, ausgesperrt
    zu den Idiosynkrasien des Kindes, immer besser geschmeckt.

          Einige allgemeine Bemerkungen:

    1.) Vor allem fällt die mangelnde sexuelle Aufklärung schwer ins Ge-
    wicht bei der Entstehung der Neurosen und Perversionen. Die
    Anästhesie der Mädchen rührt oft daher, dass in der Familie
    die harmlosesten sexuellen Dinge nicht besprochen werden
    dürfen; dasselbe sei auch der Erfolg, wenn die Onanie der jungen
    Mädchen mit maßloser Strenge verfolgt werde. Bei Knaben
    führen diese Verhältnisse zur Grundlegung der psych. Impotenz.

    2.) Homosexualität tritt in der Regel am stärksten in der Puber-
    tätszeit auf. Frühestens im 10./11. Jahr. Es muss dazu ein be-
    deutsames Ereignis auftreten, das geeignet ist die Mutter
    auszuschalten. Dazu gibt es viele Gründe: bei Fleiß sei es der

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    Tod der Mutter, bei einem andern eine entstellende Krankheit, in
    einem dritten Fall ein Vermögenskrach, der die Güte der Mutter
    zurücktreten lässt. In diesem Falle sei es ihr unzweckmäßiges
    Verhalten bei der Onanie.

          Die lange Erziehung in weiblicher Gesellschaft sowie der Mangel
    an Jugendkameraden spiele wie oben erwähnt, eine grosse Rolle.

          Wenn sich die Betreffenden nach Ausschaltung der Mutter zuwenden
    hänge auch sehr von den äußeren Umständen ab. In der Regel wenden
    sie sich einem etwas älteren Kameraden zu, von dem sie sich be-
    lehren, in die Geheimnisse des Sexualen einführen lassen können,
    oder einem etwas jüngeren, den sie selbst belehren, bei dem sie die
    Rolle der Mutter spielen können. Selten ist es der Vater oder
    ein älterer Mann, dem sie sich zuwenden.

          Eine grosse Rolle spiele der Narzissismus in der Form des Vergleichens.
    In den geliebten Typen könne man  neben den Zügen der Homo-
    und Heterosexuellen XXX geliebten Personen auch Züge der eigenen
    Person erkennen. Ein anderer Pat. liebte noch immer den Typus,
    der sich bei ihm entwickelte, als er die Liebe zur Mutter ausschaltete.
    Hinter dieser Art Narzissismus scheine eine Flucht von der jetzt
    nicht mehr liebreichen Mutter zu der einst bewunderten und ge-
    liebten zu stecken. Mit der Verdrängung der Mutterliebe ver-
    drängen die meisten auch die Liebe zum ganzen weiblichen Ge-
    schlechte. – Freud habe auf einen Fall aufmerksam gemacht, wo
    die Abwendung von der Mutter und das Hinneigen zu Knaben durch
    die Eifersucht auf einen von der Mutter geliebten Knaben zurück-
    gehe. Das habe sich tatsächlich in ein paar Fällen bestätigt.

    3.)       Es sei bei dem Pat. naheliegend an den von Freud geschilderten
    Typus der mütterlichen Objektwahl zu denken, obwohl nicht
    alle geforderten Punkte genau stimmen. Der Rettungswunsch, der
    nach Freud ein Kind machen bedeute, zeigt sich beim Pat. in
    einer verdrängten Form. Er grübelt fortwährend darüber nach, ob
    er als degenerierter seiner Frau ein Kind machen dürfte, und

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    versicherten Condom. Auch fehlt ihm jeder Gedanke an eine Heirat.
    Adler sei der Fall nach anderen Richtungen hin gegenüber dem
    „Typus“ kompliziert: so durch die Homosexualität, die Schau- und
    Zeigelust und die Analerotik.

          Pat. hat der Mutter vorgeworfen und später immer nachgetragen, dass
    sie niemals über das Sexuale mit ihm gesprochen habe, ebensowenig wie
    der Vater. Es stellt sich heraus, dass seine Gedanken dahin gingen, der
    Vater hätte ihn im Onaniekampf (8 Jahren) über die Onanie aufklären
    müssen und ihn zu Mädelchen führen. Weil das die Mutter später unterlassen
    hatte wendet er sich nun an den Vater (den Mann) dort hat er es leichter;
    und er wird ja auch beim Militär von dem Kameraden zu Dirnen geführt.
    Er wendet sich aber der Dirne zu weil sie dazu da ist ihn in das Liebes-
    leben einzuführen, das sei, wie er selbst deutlich sagt, ihr eigent-
    licher Beruf. Die Mutter dagegen hätte in seine Seele eingepflanzt,
    der Verkehr mit dem Weibe sei etwas Sündhaftes.

          Direkte Koitusgedanken auf die Mutter gehabt zu haben erinnert
    sich Pat. nicht. Nach Vollendung der Kur schreibt er, dass er sich auf
    Tagträumen, die ihn betreffen, überrascht hat. In seinem Typus
    spielen auch die lügen der Schwester eine Rolle, auf die er Jugend-
    gedanken hatte.

          Pat. hat wenig Widerstand, der nur in einem Punkte, beim Anti-
    semitismus, stärker hervortrat.

          Der Vortr. ist sich bewusst nicht alle Aufklärungen gegeben
    zu haben und bes. die Homosexualität sei noch ungeklärt. Er glaube
    aber doch das eine oder das andere Neue gebracht zu haben, bes. die
    Statuenliebhaberei habe er ein bisschen aufgelöst und vielleicht auch
    einige neue Punkte zur Genese der Homosexualität beigebracht. —

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    Diskussion.

    Adler betont, dass die vorgebrachten Dinge fast in jeder Analyse zu
    Tage treten (abgesehen von den Symptomen), so dass man den Weg eigent-
    lich hätte weiter zurück verfolgen müssen. Daher scheine es auch,
    dass viele der Erklärungen der Symptome aus einer zu späten Zeit
    stammen (aus dem 15./16. Jahre). Wenn man tiefer in die Kindheit zurück-
    geht, kommt man viel eher zu einer synthetischen Zusammen-
    fassung der verschiedenen Symptome (hinter denen doch fast immer
    das Gleiche steckt). Nach den bisherigen Erfahrungen könne man an
    einen solchen Fall gleichsam mit dem Dictionaire herantreten und der
    Vortr. scheine sich dieses Hilfsmittels allzusehr bedient zu haben, wo-
    durch auch die Zusammenfassung erschwert wurde. Denn man gelangt
    damit immer nur bis dem Punkt, der vorauszusetzen wäre, so gelange
    das z. B. mit dem Analcharakter in den meisten Fällen. Es seien aber
    nicht einzig die Wirkungen des Afters an denen beteiligt sind
    man müsse sie sogar in manchen Fällen supponieren, denn der
    Charakter sei da ohne den man die Erotik aus der Analyse
    erklären könne. Es werden vielleicht auch Beziehungen der
    Erregungen des Kindes zum Analcharakter, die von ganz anderen
    Stellen aus ihren Ursprung nehmen, und nicht immer von organischen
    Stellen allein. Es sei im allgemeinen ein Gefühl der Minderwertigkeit unter
    dem das Kind stehe und dieses Gefühl sei auch in der aktuellen Neurose
    noch so stark, dass man sich dadurch erklären könne, warum
    die Neurose so lange weiter dauere. Dieses Gefühl der Minderwertigkeit
    sei beim Pat. sehr deutlich.

          Die Beziehungen der Minderwertigkeit und Belastung seien so
    vielfach erörtert und auch er habe einiges dazu beigebracht, dass
    man die Fragen jetzt viel fundierter ansehen könne. Es könne
    nicht genügen wenn man vom Standpunkt der Belastung hinüber
    zu jonglieren suche aufs Psychische, sondern man müsse
    auch zeigen wie das zusammenhänge. Organische Insuffizienzen

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    bewirken dieses Gefühl der Minderwert. beim Kinde, das so mit einer
    grösseren Spannung an die sexuelle Problem herangehe wie andere
    Kinder. Man könne es heute schon als Überzeugung aussprechen, dass
    nur die organisch Minderwertigen, die Belasteten, einer gewissen Kate-
    gorie fähig seien eine Neurose zu erwerben.

          In heutigen Vortrag erscheine als das wichtigste die Homosexualität.
    Zu einer vorläufigen Lösung dieser Frage müsse man tiefer gehen
    als in die Zeit wo er sich von der Mutter lossagt. Dieses Ereignis wirke
    in der Regel nicht so oder müsse es wenigstens nicht. Es fehlt uns
    nämlich die Erklärung warum er damit das Weib zugleich verdrängt.
    Homosexualität dürfe nur unter der Bedingung zustande kommen,
    wenn zur Zeit der sexuellen Regungen die Aufklärung des Kindes
    eine so mangelhafte ist, dass es zwischen Vater und Mutter dem Geschlechte
    nach nicht zu unterscheiden vermag. Interesse fürs männliche
    Glied (infolge Drüsigkeit?) bei mangelhafter Aufklärung scheinen
    die Bedingungen für eine spätere Homosexualität zu sein. In dieser Zeit
    erfolgt in voller Unkenntnis eine Fixierung auf den Vater. Dass
    daneben auch eine Fixierung auf die Mutter zustande kommen kann
    ist für alle Fälle anzunehmen. In diesem Falle trete diese Unsicher-
    heit sehr deutlich hervor (Gegnerrufe??)

    Eitingon bemerkt anschliessend, dass auch er diese Unsicherheit hier
    nicht finden könne. Es sei ihm überhaupt die Pat. Homosexualität
    zweifelhaft geworden. Hinter allem stecke die Unzufriedenheit
    mit seinem eigenen Genitale. Auch der Narzissismus sei hier ein
    klar konstruierter und scheine überhaupt keine autoerotische
    Sexualbetätigung zu sein.

    Friedjung möchte nur kurz auf einige Bemerkungen reflektieren.
    Für die von Gratzl behauptete Beziehung der frühzeitigen Darm-
    katarrhe zur Entwicklung des Charakters habe er in dieser Form
    eine Bestätigung nicht gefunden. – Der anale Prolaps scheine keine
    rein organische und zufällige Erkrankung zu sein sondern dürfte auch

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    seinen Erfahrungen auf analerotische Motive und ein gut Teil aktiven
    Mutwillens des Kindes zur Voraussetzung haben.

          Auf die sexuelle Aufklärung zur Verhütung der Neurosen habe er selbst
    früher zu wenig Gewicht gelegt.

          Von prinzipieller Wichtigkeit scheinen Adlers Bemerkungen über
    die Entstehung der Homosexualität zu sein. Auch Freud habe schon da-
    rauf hingewiesen und der Fall des Mädchens, das die Blutbeimischung
    bei der Menstruation für den Fäkalbeststand halt ansah und unter
    dieser Voraussetzung eine homosexuelle Atte. vage, sei ein sprechen-
    des Beispiel dafür.

    Federn betont zunächst die Gründlichkeit von Sadgers Arbeit sowie
    die Fülle und den Wert des Materials. In Einzelheiten jedoch müsse
    er widersprechen. Die Deutung des Hochhebens der Röcke erscheine
    ihm willkürlich und viel plausibler wäre die Zurückführung auf
    den überaus deutlichen Exhibitionismus gewesen. Überhaupt hätte
    die Analerotik des Pat. in dieser Analyse gar nicht behan-
    delt werden dürfen. Er bekämpfe nicht die Methodik, wie ihm vorge-
    worfen werde, sondern die verfehlte Anwendung derselben.
    Die ungenügende Aufklärung könne natürlich nur eine Be-
    dingung der Impotenz sein. Es bleiben übrigens, wie Freud
    einmal angedeutet habe, nur solche Menschen völlig unauf-
    geklärt, die mit der Entwicklung ihres Sexualtriebs nicht ganz
    in Ordnung seien.

          In den beiden Hauptpunkten: der Loslösung von der Mutter und
    der Objektwahl müsse er widersprechen. Es werde aus diesem
    Fall nicht evident, dass die Loslösung von der Mutter eine
    solche Wichtigkeit gehabt habe. Die Zeichen der Homosex. seien
    viel früher. Wichtiger sei das frühzeitige Interesse für die
    Hoden des Vaters. Manche Menschen seien an Perineum sehr empfind-
    lich; wenn das beim Pat. zutreffe, dann habe er einen starken
    Anreiz gehabt sich mit dem männlichen Genitale zu be-
    schäftigen. Die Abwehr des Fugarts kann bei einem Menschen,

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    bei dem der Fugartwunsch aktuell geblieben ist, nicht die Ursache
    der Homosexualität sein. Auch der Mangel an Kameradschaften in
    der Kindheit des Pat. stimme nicht. Dagegen sei die mangelnde
    sexuelle Aufklärung ein sehr wesentliches Moment, aber nur ein
    unterstützendes kein spezifisches. Der Narzissismus müsse im
    Gegensatz zu Eitingon als Autoerotismus anerkannt werden. Und auch
    darin müsse man zustimmen, dass der intensive Autoerotismus
    zur Homosexualität führen müsse.

          Den Pat. dem Muttertypus (Freud) entspreche könne er auch nicht
    finden.

    Freud kann in technischer Beziehung in dieser Analyse keine be-
    sondere Leistung erblicken. Die Kompliziertheit dieses Falles sei
    nichts besonderes, wir haben ja damit nur die regelmässige Kon-
    stitution aller Menschen aufgedeckt. Es sei dem Vortr. nicht
    gelungen das Material zu überwinden und zur Synthese des Falles
    zu gelangen.

          Dass das Aufwachsen unter Frauen bei Männern nicht zur inten-
    siven Liebe zum Weib führt sondern häufig zur Homosexualität
    ist richtig. Für das Weib hat eine solche Aufwachsen unter
    Frauen oft die Wirkung, dass es beim Weib verbleibt.

          Die Deutung des Ofens als Frauenteil, die Federn anfocht, sei
    vollkommen richtig und habe ihre mythologische Bestätigung. Schon
    den Alten war der Ofen ein weibliches Genitale; das wird aber erst
    voll verständlich, wenn man weiss das die Flamme ihnen als Phallus
    galt. Man begreift warum die Vestalinnen nicht heiraten durften,
    sie waren schon mit dem Flammenphallus verheiratet. Auch
    war eine Strafe für Ehebrecherinnen, dass ihnen ein brennender
    Span zwischen die Schenkel ins Genitale gesteckt wurde. Die Traum-
    symbole, die eine solche Unterstützung aus dem Mythus, Märchen,
    Volksbrauch etc. nicht finden werden, dürften zweifelhaft sein.

          Es sei betrübend, dass eine so freie Erziehung, wie sie Pat. ge-

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    wesen lebe, keine Hemmungen folgen hatte. Das erkläre sich aber
    mit der Einsicht, dass der Mann kein Neurotiker sondern einfach
    ein Perverser auf dieser Erziehung geworden sei: Hier vermisse
    man gerade Hinweise, warum und in welcher Weise er an bestimmten
    Stellen in Neurose umgeschlagen sei:
        Ein primitives Interesse für die Hoden mit Ausschluss des Penis
    wäre immerhin möglich. Das Oberflächliche daran sei jedoch
    so: das Interesse für die Hoden ist verschoben von den Mammae her.
    Das Interese für die Wölbungen scheine auch eine solche Verschiebung
    vom Weib auf den Mann zu sein.
        Dass das Homosexuellwerden mit der Verdrängung der Mutter
    zusammenfalle sei ganz richtig; es geschieht vermittels der Identifi-
    zierung mit der Mutter. Er wird die Mutter los durch Identifizierung,
    die hier mit der Verdrängung zusammentreffe. — Die letzten Gründe
    der Homosexualität seien uns durch die Analyse nicht zugänglich,
    da sie uns die Frage nicht löse ob die sexuelle Regung sich po-
    sitiv oder negativ wende. Zu entscheiden wann ein Mensch sich
    unter diesen oder jenen Umständen einem bestimmten Objekt
    zuwendet, das wird eine spekulative Arbeit sein. Der Anteil der
    organischen Veranlagung wird dabei entscheidenden Einfluss haben.
        Der Mann sei ein Typus von besonders deutlich protrahierter
    Sexualentwicklung und lange festgehaltener Infantilät.
        Neu und wertvoll scheine die Bemerkung Sadgers, die sich auf
    den Narzismus beziehe. Dieser sei keine vereinzelte Erscheinung
    sondern eine notwendige Entwicklungs-Stufestufe des Übergangs vom
    Autoerotismus zur Objektliebe. Die Verliebtheit in die eigene
    Person (= in die eigenen Genitalien) sei ein notwendiges
    Entwicklungsstadium. Von da gehe man zu ähnlichen Objekten
    über. Der Mensch hat allgemein 2 ursprüngliche Sexualobjekte,
    und sein weiteres Leben hängt davon ab bei welchem er fixiert
    bleibt. Diese beiden Sexualobjekte sind für jeden das Weib (die
    Mutter, Pflegerin etc) und die eigene Person. Und es komme da-

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    rauf an beide los zu werden und bei beiden nicht zu lang
    zu verweilen. Die eigene Person ist es dann meist, die sich
    durch den Vater ersetzt, der jedoch bald in die feindliche
    Position tritt. — Die Homosexualität zweigt an der Stelle ab.
    Er kommt von sich nicht so bald los wie dieser Fall sehr schön
    zeigt.     / 
    Reitler meint, der Vortr. habe das Wichtigste, die neurotischen
        Symptome, ausgelassen. Gehört haben wir nur die Anamnese
        eines Invertierten und Pervertierten und von einer Analyse
        sei nicht viel vorhanden. —
            Man müsste sagen: die missglückte Loslösung von der Mutter.
            Die Unsicherheit in der Sexualtheorie spiele eine grosse Rolle.
        Aber in diesem Falle treffe das nicht zu.
            Ein bei Homosexuellen auffälliger Charakter sei die Entwick-
        lung eines merkwürdigen Eigensinnes: wenn sie nicht alles
        bekommen verzichten sie auf alles. Vielleicht gehe auch das
        auf die Mutterfixierung zurück: da er sie nicht bekommen
        konnte verzichtet er auf alles. — Er kenne auch einen Pat., der
        zuerst Narzismus und dann Homosexualität zeigte. —
            Gefreut habe ihn, dass Freud mit der Erwartung aufgeräumt
        habe, dass die Analyse die Homosexualität aufklären könne.
            Das durchgeführte und befolgte Verbot der Onanie sei bei Frauen
        nicht für die Anästhesie verantwortlich zu machen; wir wissen
        im Gegenteil, dass die intensive Onanie oft zu Anästhesie
        für den normalen Verkehr führt.
    Tausk fand bei jungen Leuten, welche Onanie und Koitusphantasien
        mit Pollutionen haben, dass sehr häufig Wagen- oder Eisenbahnfahrten
        die Rolle des Koitus übernehmen; die Betreffenden suchen in
        den Träumen sich dem Einsteigen in den Wagen zu entziehen um so
        der Pollution zu entgehen.
            Zur Homosexualität berichtet er von einem 5jährg. Knaben, der
        an einem kleinen Mädchen einen Koitusversuch machte und dabei

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    glaubte, das Mädchen habe einen Penis. Erst in der Pubertät wurde er
    darüber aufgeklärt.
            Bei der Therapie scheine etwas eine Rolle zu spielen, was er sekundäre
        Kultur nennen möchte: es sei vielleicht nicht immer von Nutzen
        auf die Urerinnerungen (Vater und Mutter etc) zurückzugehen, wenn
        dem Pat. mit der Auslösung des Affekts aus der sekundären Kultur
        schon helfen könne.
    Hitschmann meint, die Behandlung wäre vielleicht anders anzu-
        greifen gewesen, wenn Pat. nur 5 Monate bleiben konnte. Man wisse
        nicht was der Therapie oder Forschung, bei der jemand zufällig gebessert
        würde; eher das erste. Die Besserung ist offenbar darauf zurück-
        zuführen, dass dem Pat. die Erlösung gebracht wurde aus dem Laby-
        rinth der Sexualität, der er frei besprechen konnte.
            Manche Details waren zweifellos wertvoll, aber es sei doch vor allzu
        schnellem Generalisieren gewarnt.
            Das Zirkusinteresse sei etwas exquisit sadistisches.
        Auch möchte er d. Internist davor warnen, so leichtherzig jede
        klinische Verstopfung auf Analerotik zurückzuführen.
            Pat sei ein polymorph—perverser Hypersexueller, der nicht als
        Invertierter bezeichnet werden kann. Dass er den Kellner mitnehmen
        wollte sei nur eine moralische Schwäche.
            Dass die belehrende Mutter immer das Vorbild für die homosexuellen
        Freundschaften sein solle, scheine unwahrscheinlich, aber scheinen
        sie den belehrenden Vater zu ersetzen.
            Das Motiv: ich will normal sein spielt gewiss auch eine Rolle.
        Daher die Sehnsucht nach Aufklärung.
            Zur Analerotik müsste man vielleicht auch die negativen
        Charaktere heranziehen.