Rank, Otto (1909-430/1910.03): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Ein Fall von multiformer Perversion (3. Teil)‹
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Sadger trägt zu seinem Fall von multiformer Perversion (Prot.
No 3/4) die neurologische Seite nach: Alkoholintoleranz
und die Absencen. Die ganze Analyse wird im nächsten
Heft des Jahrbuches erscheinen.
Diskussion.
Hitschmann meint die interessanten Ausführungen gaben gewiss
einen neuen Beweis für den Wert der Stenographie in der Analyse.
Er habe alte Widerstände gegen die Gehirnanatomie und die Anziehung
eines Gehirnphantoms sei hier oft genug eben zurückgewiesen
worden. Die Auffassung der Absencen als Äquivalente der
höchsten Wollustempfindung sei nicht neu; Freud habe das
längst dargelegt. Die Stellung des Pat. in den Absencen erinnert
an gewisse Formen der Kindersonanie zwischen den Schenkeln. Fall,
wo eine Patientin in einer ähnlichen Position eine Pollution
hatte. Es gibt zweifellos Anfälle, die wie epileptische aussehen
und doch neurotisch sind. Dieser Hinweis ist für die prakti-
schen Ärzte sehr wichtig. –
Die bewusste a pastiori-Deutung von Seiten des Pat. bedeutet
eigentlich nicht viel. Es ist die Frage, ob diese Sachen real
zu nehmen sind? Der Pat. hatte ja keinerlei Neigung etwas
Unbewusstes herzugeben. Die Pat. sagen vieles im „erweiterten“
Bewusstsein, was doch nichts eigentlich klar ist. Wie weit Pat.
da vom Arzt beeinflusst ist, erscheint nicht klar.Tausk glaubt, dass dieser Pat. den Arzt prellt, indem er erst
in der Deutung gewisse Phantasien (z. B. der Koprophilie) ent-
wickelt, wodurch er dem Arzt das Erlebnis entzieht. Eine
sekundäre Erscheinung wäre erst Gegenstand derPhantasieDeutung.Jekels meint, dass sich nicht urteilen lasse solange Sadger
nicht die analytischen Details vorbringe.S.
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Stekel geht auf den theoretischen Appendix nicht ein; er kenne
sich in der Gehirnanatomie nicht aus. Was die Analyse betrifft,
so müsse er sagen: wenn immer betont wird, der Anfall ist
ein sexuellesÄquiÄquivalent, so ist das nicht das zu demonstrierende,
das wissen wir schon durch Freud. Der letzte Inhalt der Absencen
ist in diesem Falle nicht analysiert. Es muss irgend ein be-
sonderes Motiv sein, das den Pat., der ja schon bewusst ein
so großes Schwein ist, zwingt mit seinen Phantasien noch
ins Unbewusste, in den Anfall, zu flüchten. Von diesen ver-
meintlich grässlichen Phantasien, die in diesen Absencen vor-
sich gehen, haben wir nichts gehört.
Tausks Bemerkung habe eine gewisse Berechtigung; es scheint,
dass ihm die Pat. mitdenDingen aufwarten, die er eben verlangt.
Das stenographische Detail erdrücke das Wichtigste. Das Material
ist gewiss hochinteressant und hat sicherlich einen großen
Wert. Aber wichtiger wäre es gewesen zu zeigen, warum Pat. es not-
wendig hat in seine Absencen zu verfallen und was darin
vorgeht.Federn möchte den Vortragenden in Schutz nehmen; er habe eine
Menge vom Inhalt und den Beziehungen der Absencen auf-
gedeckt. Um einen Anfall mit all seinen Komplikationen
in der Art zu deuten wie es Freud vorgezeichnet hat, dazu müss-
ten diese Absencen gesehen haben; aus den Erzählungen des
Pat. wird das nicht leicht möglich sein.
Beim theoretischen Teil hat man den Eindruck als wären manche
Menschen gegen die Sexualerregungen intolerant. Sadgers Theorie
bezeichnete die Entartung als Erkrankung der Körper-
fühlsphäre. Diese Fälle machen einen darauf aufmerk-
sam, dass es sich um eine Erkrankung der höheren Sphäre
handelt, die nicht imstande ist, das übermächtige Trieb-
leben zu beherrschen. Darin müsse man eine gewisse Inkon-
sequenz der Sadgerschen Lehresehensehen.S.
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Es muss nicht gerade immer ein Verweilenwollen bei den sex.
Phantasien das Motiv der Flucht in die Absencen sein; es könne auch
eine Flucht vor der Sexualität (vor Erinnerungen an die Impo-
tenz, die homosexuelle Neigung etc.) sein. Bei diesem perversen
Menschen wäre es wahrscheinlich, dass er in die Sexualität flieht
nicht vor derselben (Prof. Freud: das ist dasselbe). |Wittels möchte gegen einiges in der Disk. vorgebrachte Stellung nehmen.
Das Vorgebrachte wurde vom Pat. nicht rasch und mühelos beige-
ben wie es beim Vortrag scheint. Auch muss man einem Ana-
lytiker von Erfahrung schon so viel zutrauen, dass er weiss, wann
ein Pat. ihn zum Besten hält und wann er wirklich Aufklärungen
bringt. Ferner sei unbedingt der Ansicht Federns beizustimmen,
dass man den Anfall gesehen haben müsse um ihn voll deuten zu
können.Reitler meint auch, dass frühere Absencen schwer deutbar seien.
Aber dieser Pat. hat auch während der Kur solche gehabt, die man
hätte vernehmen sollen. Zweifellos sei, dass eine bewusste Sexual-
erregung nicht zu Absencen führen könne sondern nur eine
unbewusste.Tausk stellt den Wittels’schen Bemerkungen gegenüber – noch fest,
dass er nicht gemeint habe der Pat. frotzle den Arzt, sondern er
leistet in der Analyse was er nicht leisten sollte, um geheilt zu
werden, und entzieht sich dadurch dem Affekte. –Prof. Freud gesteht, dass er von den ersten Mitteilungen der Sadger-
schen Arbeiten immer einen schlechteren Eindruck habe
als wenn sie gedruckt vorliegen. Die Gründe dieser Opposition
liegen zumeist an den Objekten, die S. gewöhnlich habe. Dieser
Pat. sei ein absolutes Schwein, ein Fall von infantiler, homoleg.
vergrößerter Sexualität, und wir haben so viel Verdrängungen in
uns, dass wir demgegenüber einen Widerwillen empfinden. Andere
Motive der Opposition liegen im Vortragenden selbst. Vor allem wegen
der erdrückenden Fülle der Details, die er bringt, wo er nurS.
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die Resultate bringen sollte. Ferner sind ja all diese Dinge noch
strittig; wenn man nun die Detailanwendung dieser noch un-
sicheren Grundlagen macht, so ist das etwas, dessen man heute
nicht bedarf. S. überschätzt die Beweiskraft dieser Dinge. Wir
erkennen gewiss von dem heute Gehörten alles für möglich an. So
ist es gewiss, dass die Anfälle des plötzlichen Sichaufrichtens (neben
dem organischen Anteil, der ihnen zweifellos zukommt), die Phantasie
der Erektion darstellen; diese Kranken schwitzen dabei, werden rot
kurz benehmen sich als Penis.XDas ist aber nur eine von den
vielen Bedingungen, welche den Zustand machen. Die Isolie-
rung dieser rein phantastischen u. sexuellen Momente ist ge-
eignet Widerstand hervorzurufen. Es wäre nötig an uns selbst
die Mahnung zu richten, diese Dinge weil sie beleidigend
wirken werden für unwahr zu halten. Die Künstler machen
ja auch dasselbe wie die Neurotiker od. die Perversen in ihrer
Phantasie (vgl. die Bilder von lebenden Penes etc.).Mit der Bemerkung über Absencen scheine Stekel das Tiefere
und Richtigere getroffen zu haben. Die Phantasien, die dazu führen,
entspringen einem Akt der Perseveration, es ist ein Verweilen
und weiteres Ausmalen einer unmittelbar vorher angeregten
Phantasie nicht der Übergang zu einer neuen.Ein technischer Darstellungsfehler S.s sei es, die Dinge so glatt
zu erzählen, dass der Anschein erweckt werden muss, (Wittels) Pat.
habe sie ebenso glatt hergegeben. So erhält man tatsächlich den
Eindruck, dem Tausk Worte gegeben hat. –Die Aufklärung der Absencen sei tatsächlich schon längst
gegeben und finde sich in der Arbeit über die Angstneurose
bereits (1896).Auffällig sei die Häufigkeit gewisser Anfälle und neurotischer Zustände nach Tisch.
Dafür scheinen doch organische Bedingungen maßgebend
zu sein, die natürlich dann symbolisch umkleidet werden.
Heranziehen müsse man die Tatsache, dass viele Menschen nachS.
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Tisch das Bedürfnis nach sexueller Betätigung haben (ein Fall
in Stekels Buch über Angstzustände).Der erste Teil der theoretischen Ausführungen fasst das Zusammen-
gelesene aus den diesbezüglichen Publikationen (Angstneurose, hyst.
Anfall) zusammen. Den Sprung in die Gehirnanatomie möchte
er aus prinzipiellen Gründen abraten. |
Rank teilt den Traum eines jungen Mädchens mit, der aus
zwei gesonderten Stücken besteht, von denen das zweite in-
folge seiner Offenheit als Pollutionstraum einzelne Details
des ersten ohne Auskunft der Träumerin und ohne Bemühen
des Beobachters als infantil-sexuell deutet. |
Stekel hat trotz der konfusen Form den Eindruck, dass das Wichtig-
ste in einwandfreier Weise gedeutet ist. Wenn man seine Sym-
bolik genau kennt, sei man schon nach dem ersten Satz in der
Lage zu erkennen, worauf der Traum hinausgeht. Der Anfang
ist das Wichtigste im Traum und verrät oft schon sein ganzes
Programm. Das „chinesische Kleid“ istalleswie alles „Chine-
sische“ im Traum ein Symbol der Bisexualität (wegen des
Zopfes, den dort die Männer tragen). Es ist hier das Schwanken
zwischen Vater und Mutter, Mann und Weib.Alle im Traum auftretenden Personen reduzieren sich immer
wieder auf den Träumer.Prof. Freud meint, der bisexuelle Charakter des Traumes sei
sehr deutlich als Wunschelement. Der Traum sagt: Wenn
ich ein Bub wäre... – Der Traum hat eine gewisse theoretische
Bedeutung ist aber nicht genügend gedeutet; bei vollständi-
gerer Deutung könnte man ihn dieser Selbstdeutung wegen
publizieren.~ ~ ~