[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Ein Fall von multiformer Perversion (3. Teil)‹ 1909-430/1910.03

Rank, Otto (1909-430/1910.03): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Ein Fall von multiformer Perversion (3. Teil)‹

Zurück zum Werk
  • S.

    28/92

    92     




     

    10. Vortragsabend
      am 5. Jänner 1910.






     

    Sadger: Ein Fall von multiformer Perversion III.

    Rank: Ein Traum, der sich selbst deutet.

  • S.

    1

    Sadger trägt zu seinem Fall von multiformer Perversion (Prot.
    No 3/4) die neurologische Seite nach: Alkoholintoleranz
    und die Absencen. Die ganze Analyse wird im nächsten
    Heft des Jahrbuches erscheinen.


     

    Diskussion.


     

    Hitschmann meint die interessanten Ausführungen gaben gewiss
    einen neuen Beweis für den Wert der Stenographie in der Analyse.
    Er habe alte Widerstände gegen die Gehirnanatomie und die Anziehung
    eines Gehirnphantoms sei hier oft genug eben zurückgewiesen
    worden. Die Auffassung der Absencen als Äquivalente der
    höchsten Wollustempfindung sei nicht neu; Freud habe das
    längst dargelegt. Die Stellung des Pat. in den Absencen erinnert
    an gewisse Formen der Kindersonanie zwischen den Schenkeln. Fall,
    wo eine Patientin in einer ähnlichen Position eine Pollution
    hatte. Es gibt zweifellos Anfälle, die wie epileptische aussehen
    und doch neurotisch sind. Dieser Hinweis ist für die prakti-
    schen Ärzte sehr wichtig. –
        Die bewusste a pastiori-Deutung von Seiten des Pat. bedeutet
    eigentlich nicht viel. Es ist die Frage, ob diese Sachen real
    zu nehmen sind? Der Pat. hatte ja keinerlei Neigung etwas
    Unbewusstes herzugeben. Die Pat. sagen vieles im „erweiterten“
    Bewusstsein, was doch nichts eigentlich klar ist. Wie weit Pat.
    da vom Arzt beeinflusst ist, erscheint nicht klar.

    Tausk glaubt, dass dieser Pat. den Arzt prellt, indem er erst
    in der Deutung gewisse Phantasien (z. B. der Koprophilie) ent-
    wickelt, wodurch er dem Arzt das Erlebnis entzieht. Eine
    sekundäre Erscheinung wäre erst Gegenstand der PhantasieDeutung.

    Jekels meint, dass sich nicht urteilen lasse solange Sadger
    nicht die analytischen Details vorbringe.

  • S.

    2

    Stekel geht auf den theoretischen Appendix nicht ein; er kenne
    sich in der Gehirnanatomie nicht aus. Was die Analyse betrifft,
    so müsse er sagen: wenn immer betont wird, der Anfall ist
    ein sexuelles Äqui Äquivalent, so ist das nicht das zu demonstrierende,
    das wissen wir schon durch Freud. Der letzte Inhalt der Absencen
    ist in diesem Falle nicht analysiert. Es muss irgend ein be-
    sonderes Motiv sein, das den Pat., der ja schon bewusst ein
    so großes Schwein ist, zwingt mit seinen Phantasien noch
    ins Unbewusste, in den Anfall, zu flüchten. Von diesen ver-
    meintlich grässlichen Phantasien, die in diesen Absencen vor-
    sich gehen, haben wir nichts gehört.
        Tausks Bemerkung habe eine gewisse Berechtigung; es scheint,
    dass ihm die Pat. mit den Dingen aufwarten, die er eben verlangt.
        Das stenographische Detail erdrücke das Wichtigste. Das Material
    ist gewiss hochinteressant und hat sicherlich einen großen
    Wert. Aber wichtiger wäre es gewesen zu zeigen, warum Pat. es not-
    wendig hat in seine Absencen zu verfallen und was darin
    vorgeht.

    Federn möchte den Vortragenden in Schutz nehmen; er habe eine
    Menge vom Inhalt und den Beziehungen der Absencen auf-
    gedeckt. Um einen Anfall mit all seinen Komplikationen
    in der Art zu deuten wie es Freud vorgezeichnet hat, dazu müss-
    ten diese Absencen gesehen haben; aus den Erzählungen des
    Pat. wird das nicht leicht möglich sein.
        Beim theoretischen Teil hat man den Eindruck als wären manche
    Menschen gegen die Sexualerregungen intolerant. Sadgers Theorie
    bezeichnete die Entartung als Erkrankung der Körper-
    fühlsphäre. Diese Fälle machen einen darauf aufmerk-
    sam, dass es sich um eine Erkrankung der höheren Sphäre
    handelt, die nicht imstande ist, das übermächtige Trieb-
    leben zu beherrschen. Darin müsse man eine gewisse Inkon-
    sequenz der Sadgerschen Lehre sehen sehen.

  • S.

    3

    Es muss nicht gerade immer ein Verweilenwollen bei den sex.
    Phantasien das Motiv der Flucht in die Absencen sein; es könne auch
    eine Flucht vor der Sexualität (vor Erinnerungen an die Impo-
    tenz, die homosexuelle Neigung etc.) sein. Bei diesem perversen
    Menschen wäre es wahrscheinlich, dass er in die Sexualität flieht
    nicht vor derselben (Prof. Freud: das ist dasselbe).      |

    Wittels möchte gegen einiges in der Disk. vorgebrachte Stellung nehmen.
    Das Vorgebrachte wurde vom Pat. nicht rasch und mühelos beige-
    ben wie es beim Vortrag scheint. Auch muss man einem Ana-
    lytiker von Erfahrung schon so viel zutrauen, dass er weiss, wann
    ein Pat. ihn zum Besten hält und wann er wirklich Aufklärungen
    bringt. Ferner sei unbedingt der Ansicht Federns beizustimmen,
    dass man den Anfall gesehen haben müsse um ihn voll deuten zu
    können.

    Reitler meint auch, dass frühere Absencen schwer deutbar seien.
    Aber dieser Pat. hat auch während der Kur solche gehabt, die man
    hätte vernehmen sollen. Zweifellos sei, dass eine bewusste Sexual-
    erregung nicht zu Absencen führen könne sondern nur eine
    unbewusste.

    Tausk stellt den Wittels’schen Bemerkungen gegenüber – noch fest,
    dass er nicht gemeint habe der Pat. frotzle den Arzt, sondern er
    leistet in der Analyse was er nicht leisten sollte, um geheilt zu
    werden, und entzieht sich dadurch dem Affekte. –

    Prof. Freud gesteht, dass er von den ersten Mitteilungen der Sadger-
    schen Arbeiten immer einen schlechteren Eindruck habe
    als wenn sie gedruckt vorliegen. Die Gründe dieser Opposition
    liegen zumeist an den Objekten, die S. gewöhnlich habe. Dieser
    Pat. sei ein absolutes Schwein, ein Fall von infantiler, homoleg.
    vergrößerter Sexualität, und wir haben so viel Verdrängungen in
    uns, dass wir demgegenüber einen Widerwillen empfinden. Andere
    Motive der Opposition liegen im Vortragenden selbst. Vor allem wegen
    der erdrückenden Fülle der Details, die er bringt, wo er nur

  • S.

    4

    die Resultate bringen sollte. Ferner sind ja all diese Dinge noch
    strittig; wenn man nun die Detailanwendung dieser noch un-
    sicheren Grundlagen macht, so ist das etwas, dessen man heute
    nicht bedarf. S. überschätzt die Beweiskraft dieser Dinge. Wir
    erkennen gewiss von dem heute Gehörten alles für möglich an. So
    ist es gewiss, dass die Anfälle des plötzlichen Sichaufrichtens (neben
    dem organischen Anteil, der ihnen zweifellos zukommt), die Phantasie
    der Erektion darstellen; diese Kranken schwitzen dabei, werden rot
    kurz benehmen sich als Penis. X Das ist aber nur eine von den
    vielen Bedingungen, welche den Zustand machen. Die Isolie-
    rung dieser rein phantastischen u. sexuellen Momente ist ge-
    eignet Widerstand hervorzurufen. Es wäre nötig an uns selbst
    die Mahnung zu richten, diese Dinge weil sie beleidigend
    wirken werden für unwahr zu halten. Die Künstler machen
    ja auch dasselbe wie die Neurotiker od. die Perversen in ihrer
    Phantasie (vgl. die Bilder von lebenden Penes etc.).

        Mit der Bemerkung über Absencen scheine Stekel das Tiefere
    und Richtigere getroffen zu haben. Die Phantasien, die dazu führen,
    entspringen einem Akt der Perseveration, es ist ein Verweilen
    und weiteres Ausmalen einer unmittelbar vorher angeregten
    Phantasie nicht der Übergang zu einer neuen.

        Ein technischer Darstellungsfehler S.s sei es, die Dinge so glatt
    zu erzählen, dass der Anschein erweckt werden muss, (Wittels) Pat.
    habe sie ebenso glatt hergegeben. So erhält man tatsächlich den
    Eindruck, dem Tausk Worte gegeben hat. –

        Die Aufklärung der Absencen sei tatsächlich schon längst
    gegeben und finde sich in der Arbeit über die Angstneurose
    bereits (1896).

        Auffällig sei die Häufigkeit gewisser Anfälle und neurotischer Zustände nach Tisch.
    Dafür scheinen doch organische Bedingungen maßgebend
    zu sein, die natürlich dann symbolisch umkleidet werden.
    Heranziehen müsse man die Tatsache, dass viele Menschen nach

  • S.

    5


     

    Tisch das Bedürfnis nach sexueller Betätigung haben (ein Fall
    in Stekels Buch über Angstzustände).

        Der erste Teil der theoretischen Ausführungen fasst das Zusammen-
    gelesene aus den diesbezüglichen Publikationen (Angstneurose, hyst.
    Anfall) zusammen. Den Sprung in die Gehirnanatomie möchte
    er aus prinzipiellen Gründen abraten.      |


     

    Rank teilt den Traum eines jungen Mädchens mit, der aus
      zwei gesonderten Stücken besteht, von denen das zweite in-
      folge seiner Offenheit als Pollutionstraum einzelne Details
      des ersten ohne Auskunft der Träumerin und ohne Bemühen
      des Beobachters als infantil-sexuell deutet.      |


     

    Stekel hat trotz der konfusen Form den Eindruck, dass das Wichtig-
      ste in einwandfreier Weise gedeutet ist. Wenn man seine Sym-
      bolik genau kennt, sei man schon nach dem ersten Satz in der
      Lage zu erkennen, worauf der Traum hinausgeht. Der Anfang
      ist das Wichtigste im Traum und verrät oft schon sein ganzes
      Programm. Das „chinesische Kleid“ ist alles wie alles „Chine-
      sische“ im Traum ein Symbol der Bisexualität (wegen des
      Zopfes, den dort die Männer tragen). Es ist hier das Schwanken
      zwischen Vater und Mutter, Mann und Weib.

        Alle im Traum auftretenden Personen reduzieren sich immer
    wieder auf den Träumer.

    Prof. Freud meint, der bisexuelle Charakter des Traumes sei
      sehr deutlich als Wunschelement. Der Traum sagt: Wenn
      ich ein Bub wäre... – Der Traum hat eine gewisse theoretische
      Bedeutung ist aber nicht genügend gedeutet; bei vollständi-
      gerer Deutung könnte man ihn dieser Selbstdeutung wegen
      publizieren.

                ~ ~ ~