Rank, Otto (1907-420/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Schlafwandeln‹
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Schlafwandeln.
Vortragender: Dr. Sadger 27. März 07
spricht zunächst überdenVolksglauben vom Schlafwandeln (der Mondsucht)
In der wissenschaftlichen Literatur findefastman keine Erklärung des Phänomens.
In der schönen Literatur seien ihm nur Lady Macbeth, der Prinz von
Homburg, Maria von Otto Ludwig u. Lene Tarn in Jörn Uhl bekannt (auch
Jensen soll in seinem dreibändigen Roman das Thema behandelt haben).
Auf Grund zweier Psychoanalysen bespricht dann der Vortragende
die innige Verwandtschaft des Schlafwandelns mit dem Traumleben;
er hebt hervor, dass es sich dabei immer um Wunscherfüllungen u. zw.
meist um sexuelle handle (exhibitionistische Akte u. homosexuelle Be-
ziehungen zu Eltern od. Lehrern etc.). Die konkreten Handlungen, die
man im Schlaf begeht, entspringen nur sexuellen Wünschen. In
der einen Analyse ergibt sich, dass sich das kleine Mädchen schlafend
stellte, um eine Reihe von sexuellen Handlungen zu begehen, die sonst
verboten sind (Der Marienkultus beruhe ja in ähnlicher Weise darauf, ohne
Schuld zu genießen). Auch führte sie Reden im Schlaf, ohne aber dabei
sexuelle Geheimnisse zu verraten. Dieses Mädchen war in seine Mutter
homosexuell verliebt und schlief lange Zeit im Bette der Eltern. Ihr
Mondsucht war ein Nachsteigenwollen ins Bett der Mutter. Eine große Rolle
spielt bei der Mondsucht die starke Lichtquelle (Mond: das natürliche Licht).
Pat. sagt, das Licht ruft mich unbewusst zur Mutter. - Pat. ist enuretisch.
Eine große Rolle spielt auch die Gewohnheit mancher Eltern das
schlafende Kind (bes. wenn es krank ist) zu beleuchten, um sich von
seiner Ruhe zu überzeugen.
Der zweite Fall betrifft einen jungen Mann, einen Zwangsneurotiker, der
in seinen Vater verliebt ist; die Mutter hat in seiner Kindheit sexuelle
Dinge mit ihm getrieben. Auch in seine Neurose spielt die nächtliche
Befriedigung exkrementeller Bedürfnisse hinein, ebenso wie die homo-
sexuelle Neigung (ganz wie im ersten Fall). Auch befriedigt Pat. dabei seineS.
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exhibitionistischen Neigungen, indem er dem Vater im Hemd entgegen-
tritt. Auch beischdiesem enthüllen sich diese mondsüchtigen An-
wandlungen als der Wunsch, zum Vater (zu den Eltern) ins Bett steigen
zu wollen. Er identifiziert den Mond mit dem Vater; denn die
Mutter sagte ihm, der Mond sei der Vater, der zusehe, ob das Kind brav
schlafe. Scheint der Mond ins Zimmer, so glaubt nun das Kind, der
Vater komme mit der Lampe nachsehen und stellt sich schlafend.
In Otto Ludwigs Novelle »Maria« sei deutlich dargestellt, dass die Mondsucht
(das Nachtwandeln) die ungestillte Liebessehnsucht des Mädchens zum
Ausdruck bringe. Die »weiße Frau« sei die Jungfrau im Hemd. – Die
Mondsucht der Mädchen entspringe dem Wunsch, schuldlos sexuell
zu genießen. Ähnliches habe auch Kleist in der »Marquise von O.« be-
handelt (eine häufige Phantasie Hysterischer, der Arzt habe sie in der
Ohnmacht sexuell missbraucht). – Bei Lady Macbeth sei den dramatischen
Anforderungen entsprechend das klinische Bild entstellt.Hitschmann findet das Phänomen des Nachtwandelns mit Sadgers Aus-
führungen nicht erklärt.
Federn verweist auf die Bedeutung des Mondes nicht nur als Licht-
quelle für den Schlafwandler sondern auch auf den Einfluss, den er
auf die sexuellen Vorgänge im Allgemeinen übt: die Begattung der
Fische findet im Vollmondzeiten statt; auch die Protozoen kon-
jugieren um diese Zeit.
Kahane bemerkt, das Schlafwandeln sei gleichsam der Übergang
von den motorischen Träumen, den Handlungen, die man im
Schlaf empfindet, zu den wirklichen Handlungen des wachen Lebens.
Rank bezweifelt, dass man die individuellen Ergebnisse aus den beiden
Analysen verallgemeinern könne und verweist auf die Ähnlichkeit des
mandsüchtigen Tuns mit den Symptomhandlungen.
/ Freud bemerkt, der V. habe den Kern des Problems kaum berührt.
Die Erfüllung sexueller Wünsche sei doch nichts für das Schlafwandeln alleinS.
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Charakteristisches, sondern betreffe alle neurotischen Erscheinungen.
Die Anknüpfung an den Traum sei richtig; das Rätsel sei nur, wie-
so die Lähmung der Motilität, die ja den Traum charakterisiere, im
Schlafwandeln dennoch aufgehoben werden könne, während das Traum-
leben trotzdem noch weiter fortgesetzt werde.
Somnambulismus trete oft in der Kindheit auf und verlieresichin späten Jahren.
Es sei davor zu warnen, die Aussagen der Kranken (wie in der ersten Analyse)
für vollwertiges wissenschaftliches Material zu nehmen. Man müsse
sie vielmehr einer scharfen Kritik unterziehen, da sie ein gefälschtes
Bild, aus Phantasie und Wirklichkeit, lieferten. Die Phantasie füllte die
Erinnerungslücken in passender, oft sehr geschickter Weise aus.
Dieses Rückphantasieren finde man auch bei Normalen: z.B. bei Liebes-
paaren, die nicht vertragen, dass der jetzige Zustand ein neuer sein
soll, und die bald daran glauben, sie hätten einander schon von
früher her gekannt. Auch der Hysteriker, in dessen Krankheitsätiologie
z.B. die Verführung keine Rolle spielt, und der eine autoerotische Kind-
heit hat, gestaltet diese durch Phantasien, die seinem heutigen
Denken angemessen sind, zur Objektliebe. Ähnlich verfährt der
Historiker, der auch die Anschauungen seiner Periode in die Vergangen-
heit hineinträgt.
Den Kern des Problems habe Otto Ludwig getroffen, der in seiner Erzählung
»Maria« die einzige und zutreffende Erklärung des Somnambulismus gebe.
Das Mädchen dort geht nämlich schlafwandelnd in ein Erkerzimmer und
legt sich dort in das Bett, das an der Stelle steht, wo ihr Kinderbett
gestanden hatte. Das sei das Wesentliche am Somnambulismus: der
Wunsch dorthin schlafen zu gehen, wo man in der Kindheit ge-
schlafen habe. In der ersten Analyse finde die mondsüchtige Mutter
der Pat. auch das Bett nicht (und den Topf) weil sie unter der
Suggestion der alten Erinnerung steht. Ihr Benehmen wird
verständlich, wenn man die alte Lokalität zur Unterlage nimmt.
Das Ins-Bett-genommen-werden der Kinder sei erst eine weitereS.
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Ursache; das Kernphänomen sei das ins Bett gehen.
Der Fall der Lady Macbeth sei kein gewöhnlicher Somnambulismus sondern
etwa ein nächtliches Delir. Fall 1 sei bezeichnend für die Tatsache,
dass Leute, die im Schlaf sprechen, nie dabei ihr Geheimnis verraten;
was sie sagen ist nur der Ersatz für das, was verschwiegen wird (Leute, die
viel reden, haben ein Geheimnis). Merkwürdigerweise nun verrät aber
Lady Macbeth das Geheimnis; aber doch nicht ihr Geheimnis, das Ge-
heimnis der Lady, denn sie spielt alles in der Rolle ihres Mannes.
Sie verrät nur etwas, was mit ihrem Geheimnis im Zusammen-
hang steht. /Stekel hebt die reichen Anregungen hervor, die der V. geboten habe.
Er erwähnt ein Buch (Lagerlöf?) wo Liebende im somnambulen
Zustand einander finden. Zur Erklärung des Phänomens bemerkt er,
dass sich der Schlaf im Moment des Somnambulismus in einen auto-
hypnotischen Zustand verwandelt. Der Wunsch werde so mächtig,
dass er zu einer Art Hypnose führen kann. –
Gelegentlich trat bei Patientinnen der Mond als Symbol des Hodens auf.
Auch die biologische Bedeutung des Mondes für den Menschen sei nicht
zu unterschätzen (Lunarperioden).Reitler bemerkt, es sei wohl noch nicht möglich eine allgemein gültige
Erklärung des Phänomens zu geben.
Das Ins-Bett-steigen zu den Eltern sei nicht identisch mit dem
Wunsch zu schlafen, sondern etwas zu erleben.
Vor einigen Jahren hatte er Gelegenheit ein 8 bis 9 jähriges enuretisches Mädchen
zu beobachten, das ohne zu erwachen bei Nacht den Topf aufsuchte;
sie ging aus ihrem Zimmer in das ihrer Brüder oder ihrer Eltern
um den Topf der Brüder oder des Vaters zu benutzen. Sie litt dann
an einer Zwangshandlung, die darin bestand, dass sie sich bei
Tage den After und den rückwärtigen Teil der Oberschenkel blutig
wusch, um diese Körperteile von einer etwaigen Beschmutzung
an den „männlichen“ Töpfen zu reinigen. Gegen Prof. Freuds ErklärungS.
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spräche ein allerdings erst flüchtig beobachteter Fall eines 6 jährigen
Mädchens, in dessen Kindheitsgeschichte kein Lokalwechsel nachzuweisen sei.
Adler schließt sich der Ansicht Kahanes an, wonach der Somnam-
bulismus in eine Reihe mit den geträumten Bewegungserscheinungen
zu stellen sei. Von da aus sei der Weg zur Psychoanalyse zu finden.
Auch auf einen etwaigen Unterschied zwischen dem Nachtwandeln der
Kinder und der Erwachsenen sei aufmerksam zu machen.
Das Nachtwandeln müsse nicht immer in die Kindheit zurückzuverlegen
sein. – Die Motilitätshemmung werde beim Schlafwandeln nicht in ihrer
Gesamtheit aufgehoben. – Bei Kindern liegt dem Schlafwandeln das
ursprüngliche Lustgefühl der Bewegungsorgane zugrunde.
Personen, die von gewagten motorischen Leistungen träumen, haben
ähnliche Leistungen in ihrer Kindheit tatsächlich ausgeführt;
es sind Menschen mit ursprünglich stärkeren Bewegungsimpulsen.
Gegen die Freudsche Erklärung spräche der Umstand, dass der Somnam-
bule auch aufsteht und nicht nur sich niederlegt.
Nachträge: Hitschmann bemerkt, dass dieser Zustand eigentlich kein
Schlaf sei, sondern vielmehr dem hypnotischen Zustand ähnlich sei,
oder dem hysterischen (etwa dem double conscience).
Stekel: der Schlafwandler sucht das Sexualobjekt.