[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Über Harnerotik‹ 1910-427/1910.01

Rank, Otto (1910-427/1910.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Über Harnerotik‹

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    30. Vortragsabend
    am 15. Juni 1910.





     

    Über Harnerotik.

    Dr. I. Sadger.      

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    Der Obmann berichtet, dass eine Mitteilung über die Gründung der
    internationalen Vereinigung bis jetzt nicht erflossen sei und bean-
    tragt, die selbständige Gründung des Vereins durchzuführen. 1. be-
    absichtigt der Verein die Herausgabe einer Flugschrift, 2. sei eine Vereins-
    gründung etwas so Leichtes, dass die lange Frist nicht zu verstehen sei.
    Vielleicht bewirken wir durch diesen Akt der Selbständigkeit, dass der
    int. Verein endlich gegründet werde.

        Prof. Freud meint, dass gar nichts verloren sei, wenn wir noch den
    Sommer über zuwarten; Jung habe mancherlei persönliche Schwie-
    rigkeiten.

        Federn verweist auf die Gültigkeit der Nürnberger Beschlüsse und
    schließt sich Freud an. —

        Stekel schließt sich vollinhaltlich Adler an.

        Furtmüller macht einen Vermittlungsvorschlag: es möge jetzt noch
    zugewartet werden, jedenfalls aber die Vereinsgründung bis Okto-
    ber perfekt sein.

        Steiner stimmt bei mit dem Zusatz, den Obmann mit dieser Ange-
    legenheit zu betrauen.

        Freud erklärt sich dem modifizierten Antrag Furtmüller-Steiner
    an mit dem Zusatz den Obmann der Internationalen von dieser
    Eventualität zu verständigen.

        Adler bringt den Antrag Freud-Furtmüller-Steiner zur Abstimmung,
    der angenommen wird mit 11 gegen 1 Stimme. — Wenn der Verein
    noch einen dritten Brief an Jung sende, so möge der
    Sekretär damit beauftragt werden.

        Von der Selbstmorddiskussion sei das Material vollkommen abge-
    schlossen und gehe morgen an Bergmann.

    Der Bibliothekar mahnt um Rückstellung aller Entlehnungen.

      "  Kassier bittet die 100 Mk. Superhonorar dann an ihn gelangen zu lassen.

      "  Obmann verkündet, dass dies die letzte Sitzung sei, dass alle den Verein
        betreffenden Nachrichten an ihn geleitet werden mögen und den
        die nächste Sitzung schriftlich bekanntgegeben wird.

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    Vortrag:

            Von der durch Freud aufgedeckten Analerotik ausgehend, weist
    Ref. auf die ebenso bedeutsame Erotik hin, die sich auf den Harnapparat
    sowie dessen Produkte bezieht und im weiten Sinne zu nehmen ist,
    wie ja auch die Analerotik keineswegs auf den After beschränke.
    Unter „Urinerotik“ ist die Erogenität des gesamten peripheren Harn-
    apparats von der Blase bis zum Orificium externum urethrae
    verstanden sowie in zweiter Linie die später auftretenden erogenen
    Beziehungen, die von den eigentlichen Genitalorganen sowie
    deren physiologischen Produkten ausgehen. Diese letzteren Beziehungen
    sind noch zur Harnerotik zu rechnen und vielfach direkt
    erogene Beziehungen von den Harn- auf jene Geschlechtsorgane
    ausstrahlen und auch beider Produkte analytisch nachweisbar
    einander gleichgesetzt werden. Die Vorbestimmung des peripheren
    Harnapparats zu einer Lustzone erklärt sich für das männliche Ge-
    schlecht durch die corpora cavernosa urethrae, also typischer Wollust-
    organe und – bei beiden Geschlechtern aus der Bespülung des peripheren
    Genitals durch den Urin.

            Gelingt es ein Kind nicht vor Ende des ersten od. höchstens im
    zweiten Jahr zimmerrein zu machen, so beweist das eine starke
    Urethralerotik. Solche Kinder zeigen schon in der allerersten Lebens-
    zeit Pollakiurie, sodann Symptome welche die Mictio als solche
    lustbetont zeigen; ebenso die Bespülung des eigenen Körpers mit
    Harn (Haut erogen), was später auf andere geliebte Personen,
    als Liebesbeweis übertragen werden kann. Für solche urethral-
    erotische Kinder ist das Harnen als solches lustbetont und daraus
    erklärt sich auch jede über die physiolog. Zeit hinausreichende
    Enuresis. — Aus demselben Grunde geben manche Kinder ihre
    Ausscheidungsprodukte nur in dosi refracta her, ein Pat. gab
                                                    zu Lustzweckenzu Lustzwecken
    an, dass er in der Kindheit die Miktion wiederholt zu unterbrechen
    liebte. Solche Kinder nehmen für die späteren Jahre den Impuls mit,
    die Ejakulation (in coitu et masturbatione) zu unterbrechen.

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            Ein zweites Symptom der Urethralerotik ist die abnorm frühe Reiz-
    barkeit der corpora cavernosa urethrae durch den zurückgehaltenen
    Harn, die nicht selten schon bei Säuglingen zum Gegenteil des
    Dranges, zur Retention führt. Wie nun beim Erwachsenen notge-
    drungene Urinzurückhaltung eine gewisse sexuelle Erregung setzt
    (Morgeneretionen), so bekommt auch das Kind bei Harnretention
    eine deutliche Steifung des Gliedes, die dann ihrerseits wieder der
    Miktion im Wege steht und eine Nachhilfe der Mutter erfordert (neue
    Lustquelle). Bei diesen Kindern entwickelt sich häufig ein
    förmlicher Negativismus, der das Vorbild für das entsprechende Ver-
    halten bei Dementia praecox abzugeben scheint.

            Da, wie eben erwähnt, diese Kinder geliebte Personen anpissen
    – das nämliche gilt vom Kot –, so ist es natürlich, dass sie auch
    den Sexualakt zwischen den Eltern als Anpissen der Mutter
    durch den Vater auslegen. Kommt später die Wunschphantasie dazu,
    von der geliebten Person ein Kind haben zu wollen, dann ist das Trin-
    ken von deren Urin das hiezu geeignetste Mittel. Daraus ergibt
    sich, dass dem Kind der Harn als Geschlechtsprodukt gilt.

            Bei der Erogenität des peripheren Harnapparats fallen die
    scheinbar einander widersprechenden Angaben d. Autoren auf, von
    denen der eine in seinen Fällen immer Hyperästhesie, der andere
    wieder regelmäßig Anästhesie findet. Das erklärt sich durch die
    Einsicht, dass beides Seiten ein und derselben Medaille, der Urin-
    erotik sind. — Die Erotik des peripheren Harnapparats verrät sich
    abgesehen von der eben erwähnten leichten Ansprechbarkeit
    der corpora cavernosa urethrae auch durch öfters auftretende
    Kitzelgefühle der Harnröhre, ferner durch akut auftretende ure-
    thrale Schmerzen, meist ohne jeden anatomischen Befund, und
    endlich durch pollutionsartige Gefühle mit od. anfangs auch
    ohne Sekret.

            Es gibt dann eine Reihe von Symptomen, die scheinbar aus-
    schließlich in die Genitalsphäre fallen, aber doch geradezu eine

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    Fortsetzung der Urinerotik in die Pubertät hinein darstellen.
    Unter diesem Gesichtspunkt erhalten die vielfach noch rätselhaf-
    ten Formen der vorzeitigen oder verzögerten Ejakulation, der
    gehäuften Pollutionen u. Spermatorrhoen, des congressus interr.
    zur Lustverlängerung, der psychischen Impotenz (Vorbild Retentio urinaeVerbot, die Mutter anzupissen),
    der nervösen Harnstörungen, der Neuralgien des peripheren Genitals
    bei Erwachsenen einen neuen Sinn. Die habituell geübte Retention
    ist aber auch Vorstufe für die spätere Onanie.

        Diese Umwandlungen können nun stattfinden, müssen es aber
    keineswegs; die infantile Neurotik kann isoliert und ohne Beschei-
    den bleiben. – Was geschieht nun aber mit der infantilen Urethral-
    erotik. Ein Teil derselben verbleibt ziemlichunverändert (Harnspiele der
    Knaben etc.), ein anderer Teil erhält eine sexualsymbolische Um-
    kleidung (Kottentheorie Potatoren – Wassertrinken); eine weitere Modifi-
    kation erfährt dem die Neurotik durch die in der Sprache angedeu-
    tete Gleichstellung des Harnes mit Wasser (Wasserspiele etc.). Auch
    die Sublimierung ist zu erwähnen, die Ziele, Sport- und Berufs-
    wahl nicht selten bestimmt (Schwimmen, Segeln, Matrosen, Wasserbau-
    ingenieure.

        Für die Disposition zur Neurotik wirkt entscheidend die Ver-
    erbung und Erziehung. Natürlicher- wie mütterlicherseits bestehen
    häufig Harnbeschwerden. Durch diverse Erziehungseinflüsse —
    bei das Spielen mit den Genitalien des Kindes von Seiten der Erwachse-
    nen, das Auffordern eigener Anaklitik noch bis in die späte Zeit
    fortgesetzte Auf den Kopf setzen der Kinder durch die Vater – wird die
    hereditäre Disposition verstärkt.

        Die Prophylaxe müsste vor allem mit der Behandlung der Eltern
                                                                               vermeidenzu vermeiden
    einsetzen und diese schädlichen Erziehungseinflüsse zu beseitigen
    suchen. – Die Therapie ist die psychoanalytische, wobei die ganze psychi-
    sche Umkleidung aufgelöst wird.

        Schließlich folgt die Anführung einiger Fälle – eines Urinierer, sowie
    einer Zwangsneurotikerb. mit seinen beiden kleinen Kindern, welche
    das Gesagte erläutern.

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    Diskussion:


     

    Friedjung möchte im Interesse der Kinder die Frage der Zimmerreinheit
        in ein höheres Alter hinaufgeschoben wissen; vor dem Ende des ersten
        Jahres sind die wenigsten Kinder rein. – Das Anpissen möchte er
        keineswegs immer als Liebesbeweis ansehen. — Verweist schließlich
        auf die Volksvorstellung, wonach die Kinder urinieren sollen, wenn
        sie erschrocken sind.

    Dr. Fr. S. Kraus erwähnt, dass erwiesenermaßen bei den Hellenen die Anal-
        erotik wie die Heterosexualität geschätzt wurde, was mit den Anschau-
        ungen aller orientalischen Völker, sowie mancher slavischen Völker
        übereinstimme. — Das Anpissen hat auch oft den Sinn der Verpottung.
        Hinweis auf die verbreitete Sitte des Urintrinkens (Negervölker, Eskimos,
        Japan: Muschelmumme).

    Federn legt dem Vortr. nahe, die wesentlichen Vorarbeiten Freud's und
        Adler's zu zitieren. Letzterer betonte die Bedeutung des Rechenfehlers, die
        Zusammenhänge der Über- und Unterempfindlichkeit, besonders
        aber die Deszendenz sowie den psychischen Überbau (Wassertransport etc.)
        hervorgehoben.

            Im Ganzen seien die Ausführungen sehr wertvoll und lehrreich
        gewesen. — Das Urintrinken kläre als kindliche Auffassung des Sexual-
        aktes in den infantilen Sexualtheorien sie dar und werfe auch ein
        Licht auf die masochistische Praktik des Sich-in-den-Mund-
        pissen-lassens. —

            Es ist darauf zu achten, dass nicht alles, was an Genitalorganen
        vor sich geht Urinerotik ist. Wir müssen trennen: 1. das bei
        vorzeitiger sexueller Erregung vom Harntrakt aus, eine Erregung
        der sexuellen Sphäre mit erfolgt, 2. die Wollustgefühle sind
        nicht in der Urethra sondern in den unentwickelten Sexual-
        organ, 3. die selteneren Fälle, in welchen das Urinieren an und
        für sich eine Wollusterregung erzeugt. Diese haben aber auch
        bei erschlaffem Glied das Wollustgefühl.

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        Redner führt dann kurz einige Fälle an, woraus sich ergibt, dass auch
        der Kitzeltrieb dabei auf seine Rechnung kommt. Gemeinsames
        Urinieren ist eine der frühzeitigsten Sexualerregungen mit Objekt.
        Die Angst löst nicht den Harndrang aus. Beim Kind lösen alle mög-
        lichen Erregungen Libido (Angst!) aus, die dann den Drang erhöht.

    Nepalleck bemerkt, der Harnapparat bleibe oft auch später noch,
        namentlich bei Frauen, erogene Zone und es seien Fälle bekannt,
        wo in die Harnblase hinein onaniert wurde. – Zur Sublimierung
        der Harnerotik (Schifffahrt etc.) gehört auch der Ausdruck schiffen.

    Tausk hat aus dem Vortrag erst erfahren, dass zum Urinieren der Genital-
        apparat gehört.

    Hitschmann empfindet den Vortrag als echten Sadger, der diesmal sich
        d. Systematiker Verdienste erwirbt und wirklich vieles auf diesem
        Gebiete erledigt habe. Von uns hätte allerdings jeder das so aufge-
        fasst, für andere aber ist es wichtig genug, das so zusammengestellt zu
        sehen. – Den Sadger'schen Pat. immer solche Schweine sind unter-
        vohl daher, dass durch Eingehen aufs Detail dann jeder Neurotiker
        eben so aussehe. — Hinweis auf den Zusammenhang mit der
        urina spastica der Hysterie.

    Furtmüller macht aufmerksam, dass in Volksaberglauben dem Urin
        Heilkraft zugeschrieben wird. Ein klassisches Beispiel für die
        kindliche Auffassung des Sexualaktes d. an (oder hinein) pissen
        findet sich in Grimmelshausens Simplicissimus. Die Erklärung
        der Harnneurotigung dürfte bei nicht Eingeweihten Anstoß
        Widerspruch erregen, den man vermeiden könnte. Es könnte das
        ja etwas sein, was sich unter Umständen mit der Harnerotik
        markieren kann.

    Heller bringt einen Hinweis auf das merkwürdige Zeremoniell,
        das oft bei Kindern beim Urinieren zu beobachten ist. – Mit
        der onomatopoetischen Art, mit der Kinder zum Urinieren
        veranlasst werden, ist vielleicht auch irgend ein Kitzelreiz ver-
        bunden.

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    Oppenheim möchte aus der Erotika zwei Tatsachen anführen. Der
        Zusammenhang von Urin und Zeugung liege schon in der Sprache
        und diese Doppelidentität finde Verwendung in der Sage von der
        Zeugung des Orion.

    Adler möchte den Vortrag nicht zum Ausgangspunkt nehmen
        um theoretische Erwägungen daran zu knüpfen, die weit ab von
        dem d. Vortr. liegen. Was Sadger geboten habe, zeige nicht
        die genügende Schärfe und halte die Zusammenhänge nicht auf.
        Die Analogie zwischen Urinstrahl und Zeugungsakt braucht nicht
        viel mehr als eine Analogie zu sein. —

            Federn habe er für den Hinweis auf seine eigene Arbeit zu danken,
        wo diese Zusammenhänge mit der Deszendenz, ferner Wasser-
        und Federtransport, Exhibitionismus, Homosexualität neben dem
        gelegt seien, allerdings mit Unterschieden, so dass er Sadger
        der Verpflichtung, ihn zu zitieren, entheben möchte.

            Bestreiten möchte er neuerdings, dass die Homosexualität
        nicht immer von der Liebe zur Mutter stammt, sondern dass diese
        Liebe, auch in dem heutigen Falle, der männliche Protest war. In
        der Harnbetätigung zeigt sich die weibliche Linie.

            Die Geister überreizt zu werden könne man nicht ohne weiteres
        mit dem entsprechenden Wunsch identifizieren; es ist
        geradezu das Gegenteil der Fall: es handelt sich um Leute, die
        eben seit jeher und in jeder Hinsicht sich zu verbergen
        lieben.

    Steiner spendet dem Vortrag rückhaltlose Anerkennung, dessen Wert
        nicht dadurch herabgesetzt werde, dass die Hauptpunkte schon
        von Freud hervorgehoben wurden. Er könne das Gesagte aus
        seinen Beobachtungen vollinhaltlich bestätigen: der Zusammen-
        hang zwischen Harnerotik und Sexualität ist immer wieder zu finden.
        Pat. spricht oft nur von einer gestörten Harnfunktion statt der
        Sexualfunktion. Charakteristisch ist auch das Verhalten des
        Mannes in der Zeit, wo die Sexualfunktion zu Ende geht.
        Die Prostatiker wiederholen fast dieselben Sachen, die wir bei

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    den Säuglingsgeschreien haben. — Die Selbstvorwürfe über Onanie-
        sünden der Kindertrau lassen ihren Ursprung nicht verkennen.
        Auch mancherlei Zwangshandlungen lassen sich leicht in dieser
        Weise deuten (Harnverstümmelungsphobien auftraten).

            Zur Komplettierung wäre noch die Bedeutung der Harnerotik
        im Witz heranzuziehen, die beweist, dass diese Komplexe tief in
        unserem Unbewussten haften. – Auszusetzen wäre nur die vollkommene
        Vernachlässigung des Organischen.

    Hilferding meint, dass die Pollakiurie nicht selten durch die Erziehung
        hervorgerufen werde. – Bei dem kleinen koketten Mädchen erhebe
        sich doch die Frage ob nicht ein organisches Leiden vorhanden
        war. – Fälle wo kleine Kinder (2–3 Jahre), welche häufig die
        Umgebung wechseln, in den Funktionen versagen, können
        nicht als Harnerotik gedeutet werden; sondern durch den Wechsel
        versagt die künstlich hergestellte Beherrschung des Triebes.

            Zur analyt. Therapie der Pollakiurie einen Fall, wo ein Kind, das
        in der Schule oft hinausgehen muss, nachdem es den ärzt-
        lichen Erlaubniszettel kriegt hat, keinen vermehrten Urin-
        drang mehr verspürt. Es hat also auch Angst gehabt, es werde
        urinieren müssen und diese Angst hat den vermehrten Drang
        hervorgerufen. – Die Kinder pissen auch oft ganz fremde Per-
        sonen, aber nicht als Liebesbeweis, an.

            Zeremoniell beim Urinieren kann auch Folge der Erziehung
        und äußerer Umstände sein.

    Stekel kann nur auf weniges eingehen. Der Vortrag habe eine
        ganze Menge von guten Beobachtungen gebracht aber
        auch eine Menge von Übertreibungen und Unrichtig-
        keiten. — Er kenne Beispiele, wo das Wasserspielen mit
        der Urinerotik gar nichts zu tun habe. Das Wort Harnerotik
        möchte er nicht einführen, es ist der schon von Adler ge-
        schilderte Enuretiker-Charakter; das übrige spielt sich an
        den Genitalien ab. – Die Urolagnie ist mit der Urinerotik
        nicht erklärt.

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        Ein komplizierteres Problem sei das Anpissen des Vaters als Liebes-
        bedingung, das auf infantile Beziehungen zurückgehe (Harn).
        Die Angst möchte er nicht in Zusammenhang mit der Harnerotik
        bringen. Adler wie Freud die Pollutionen und coitus interruptus
        auf derartige Manipulationen mit dem Urin zurückzuführen.
        Für das enuretische Zeremoniell seien typisch die Unterleibsphanta-
        sien und die Bestellung in Fruchtwasser zu schwimmen.

    Freud hat sich von der Bearbeitung der Harnerotik dadurch ab-
        halten lassen, dass bei beiden Geschlechtern die anatomischen
        Apparate mit dem Sexualorgan so verquickt sind, dass man
        die Ausarbeitung die Besonderheiten der Harnerotik schwer allein vornehmen
        kann. Sadger ist dabei zu parteiisch vorgegangen. Die Klitoris kann
        man z.B. nicht zum Harnapparat rechnen.

            Den Haupteinwand gegen den inhaltsreichen und sehr berechtig-
        ten Vortrag hat Federn vorgebracht: nämlich die Trennung der Funktion
        von denen, die sich auf Organ und auf die Funktion beziehen. Der
        Organ ist bei S. zu kurz gekommen. – Auch habe er eines eines
        der Grundprobleme hinweggepatscht: wie weit man allgemeine Erge-
        bnisse von sexueller Lust identifizieren kann. – Die Beweiskräfte
        für die Existenz einer selbständigen Harnerotik
        Beobachtung sei die des Anpissens als Liebesbeweis. Die Einwen-
        dungen dagegen seien gewiss berechtigt, aber die Tatsache doch nicht
        zu bestreiten (Fall eines 10jährigen Knaben, der seine Pflegerin an-
        pisst). Allerdings hat es auch oft den negativen Charakter der Liebes-
        Komponente (Trotz, Hass, Spott). —

            Das Urineinpissen ist keine primäre Sexualtheorie des Kindes,KB
        kann sich vielleicht bei Harnerotikern früh einstellen (häufig bei Mädeln).
        Für die Pathologie ist die Harnerotik bedeutsam weil sie zu einer sozialen
        Phobie Anlass gibt; die Mädchen können es später nicht in geschlossenen
        Räumen aushalten, weil ihnen eine sexuelle Erregung Harndrang gebracht hat.
        Die Dysurie ist ein gutes Beispiel für den Satz, dass die erotische Funktion
        eines Organs seine soziale zu stören geeignet ist.

            Wertvoll ist Steiners Anregung für ein Stück Erotik die Spiegelung
        im Witz zu finden.