[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Schwerdtner ›Der Schlaf‹ 1907-434/1907.01

Rank, Otto (1907-434/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Schwerdtner ›Der Schlaf‹

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    Dritter Vortragsabend
    am
    23. Oktober 1907.




     

    Der Schlaf.

    Dr. Schwerdtner.

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    Man finde in der gesammten Literatur keine befriedigende
    Definition des Schlafes. Die Ansichten darüber differirten noch
    sehr. Der V. bespricht kurz einige (physiologische) Theorien des
    Schlafes, deren anerkannteste den Schlaf mit der Ansammlung
    ermüdender Stoffe sich einstellen lässt. – Die Ursache des Schlafs
    sei danach der Verbrauch an Spannkraft in den Nerven etc. etc.
        V. gibt nun eine kurzgefasste Kritik aller dieser Auffassungen,
    aus der sich die Hinfälligkeit des oben zitierten Lehrsatzes er-
    gibt, die er auch an Beispielen aus dem praktischen Leben dar-
    legt.
        Wie eine unbefangene Betrachtung lehre diene der Schlaf
    dazu, um die Einordnung neuer, während des Tages empfangener,
    Eindrücke und Vorstellungen möglich zu machen. Schlafen
    heiße: seinen Apperzeptionsnachtrag leisten. Das Gehirn will
    allein sein; deswegen nimmt         dem Schlaf       jede Störung
    das Erquickende. Wegen seiner ordnenden Kraft reinigt er das Gedächtnis.
    („Beschlafen“ im Volksmund). Da werde der Durchschnitts–
    mensch zum genialen Künstler. – Im Schlafe benehmen sich
    die Vorstellungen ungeniert; es sei das, was man als Hexen-
    sabbath symbolisiert habe. Der Schlaf sei eines der wichtigsten
    Mittel individueller Psychotherapie; die Kunst sei das
    zweite (Rank). Überhaupt sei das künstlerische schaffen, be-
    sonders in Bezug auf die fast gänzliche Verdunklung des
    Bewusstseins eine Analogie zum Schlafzustand. – Nur mit
    dem Unterschied das der Künstler einen Leitgedanken habe,
    der mit grosser Energie das Bewusstsein beherrsche. In
    der „Künstlerhypnose“ handle es sich also nur um peripherie
    klarere, aber im Grunde identische, Zustände. Im Schlaf
    tue man als dasselbe, was man etwa beim Dichten tue. Der
    Vortragende selbst habe stets traumlos geschlafen, allerdings

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    aber tagsüber den Trieb zu dichten gehabt. Eine Nichtbefolgung
    dieses Triebes habe Schlaflosigkeit mit sich gebracht.
        Der V. ergeht sich nun in Vergleichen der beiden Zustände
    und führt besonders ihre zahlreichen Analogien aus (was man
    auch bei Sören Kierkegaard bestätigt finde). Der Künstler
    müsste also eigentlich nicht schlafen. Rein intuitive dichterische
    Arbeit ermüde nicht nur, sondern erquicke. Auch
    der Schlaf sei nicht eine Pause zur Wiederherstellung ver-
    brauchter Nervenk Nervenkräfte sondern eine Sinnen-
    klausur zum Aufarbeiten des Verdrängten.
        Schliesslich bespricht der Vortragende noch die Wirkung
    der Schlafmittel vom Standpunkt seiner Theorie.
        Morphinist werde nur derjenige, der psychisch des Morphiums
    bedürfe. – Die Wirkung des Morphins als Schlafmittel bestehe
    einfach darin, dass man trotz äusserer Einflüsse (Licht,
    Lärm etc) die Sinnesreize abwehre, nämlich durch Lähmung
    der Perzeption. –
        Zum Schluss stellt der Vortragende noch folgende
    Gesetze des Schlafes auf:
        Der Schlaf ist jener Zustand in welchem das Gehirn von der
    Aussenwelt keine Reize empfängt und daher die psychisch Kristallisation
    ungestört verlaufen kann.
        Der Schlaf ist unerlässlich zur Erhaltung der psychischen
    Funktionstüchtigkeit (daher schlafen auch nur höhere Lebe-
    wesen; Jagdhunde und Menagerietiere träumen.)
        Die Dauer des Schlafs ist unbeschränkt. Je mehr Zeit dem
    normalen Schlaf zufällt desto tüchtiger ist die Gedächtnis-
    funktion.
        Schlaf und Hypnose sind identisch.

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    Diskussion:

    Abels glaubt an der psychologischen Auffassung des V. noch mehr
        Kritik zu üben, wenn er den physiologischen Grundsatz ver-
        trete, es müsse sich beim Schlaf um den Ersatz verbrauchter
        Spannkräfte handeln. Er versucht dann verschiedene Einwände
        des V. gegen die physiologische Theorie zu entkräften.
        Der traumlose Schlaf könne übrigens auch durch hochgradige
        physische Ermüdung herbeigeführt werden.
    Sadger kann kein abschliessendes Urteil fällen sondern nur
        einige Gedanken und Einfälle anführen. Es scheine ihm als
        ob eine Versöhnung zwischen den beiden Theorien nicht so
        unmöglich wäre. Für die psychischen Leistungen gäbe es eben
        nur einen Ersatz und das sei der Schlaf; der dann ein
        eminent psychischer Prozeß wäre.
        Im heurigen Sommer war in der N. F. Presse ein Artikel von
        Lindau worin er die Abfassung seines ersten Dramas schildert:
        er habe 36 h ununterbrochen gearbeitet ohne Müdigkeit, Hunger
        oder Durst zu verspüren, dann habe er darauf 8 h geschlafen.
        Bekannt sei, dass geistig Kranke keinen Schlaf brauchen.
        Dichter (z. B. Goethe) haben in der Zeit ihrer besten Produktion ein
        grosses Schlafbedürfnis.
        Den Einfluss der Befriedigung und Unbefriedigung des Geschlechts-
        triebes auf Schlaf, habe V. nicht erwähnt.
        Bei der Frage nach einem traumlosen Schlaf sei zu beachten,
        dass wir vielleicht träumen, ohne dass es uns zum Bewusst-
        sein kommt.
    Steiner sieht den Zweck des Schlafes darin, uns die am Tage
        verbrauchte Wärme zu ersetzen und führt zur Bestätigung
        seiner Behauptung Beispiele an. –
    Reitler hat dem Vortrag eigentlich nichts neues entnehmen
        können, da ja die Beziehungen des Schlafs zum Unbewussten

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    eigentlich der Inhalt der „Traumdeutung“ seien.
        Der Erklärung des Morphinismus müsse er zustimmen. –
    Hitschmann findet die Besprechung des Schlafes zu persönlich.
        Man müsste auch den Schlaf des Kindes und der Tiere und des ruhig
        dahinlebenden (gesunden) Menschen, ferner Rasseverschieden-
        heiten u. a. in Betracht ziehen. Es ginge doch nicht an, den
        Schlaf nur aus dem Verdrängten und Neurotischen zu erklären
        (und dabei noch auf das Sexuelle eigentlich zu vergessen) und an-
        zunehmen, dass man hysterisch würde, wenn man nicht
        schliefe. – Das Überschlafen des Volksmundes sei doch nichts
        Reales, worauf man sich berufen könne, sondern schliesslich
        doch nur ein Aberglaube.
    Rank vermutet, dass der Schlaf alle die angeführten Einzel-
        und Hauptzwecke zusammengenommen und noch andere die
        wir nicht kennen erfüllen dürfte. Mit dieser Annahme sei
        auch der Vergleich mit der Kunst dahin modifiziert, den
        auch sie nicht allein dem einen genannten – allerdings vielleicht
        wichtigsten – Zweck, sondern auch noch anderen, nur vor-
        läufig weniger interessierenden Zwecken diene. –
        Psychologisch sei es jedenfalls höchst interessant dass
        der Vortragende, der an abnormen Schlafzuständen (im
        weitesten Sinne: er sagte, kein Mensch habe vielleicht so viel
        geschlafen wie er u. a.) laborierte, eine Theorie des Schlafs auf-
        gestellt habe.
    Adler hebt hervor, dass Schwerdtner zu zeigen versuche, was
        während des Schlafs in uns vorgehe. Ein andres Problem
        sei: was ist der Schlaf? V. sei in eine fehlerhafte Iden-
        tifizierung verfallen, er habe das Wesen des Schlafs mit dem
        Schlaf selbst identifiziert. Seine Arbeit sei aber jedenfalls
        als ein Fortschritt gegenüber den bisher Bekannten zu begrüssen.
        Der Gesichtspunkt von der Einordnung der Vorstellungen sei

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    nicht widerlegbar. – Die Zweckmäßigkeits theorien seien aber in
    die letzte Linie zu rücken.
        Es sollte jeder seine persönlichen Erfahrungen über seinen
    Schlaf mitteilen.
        Viele Menschen schlafen sofort ein (scheine hereditär zu sein),
    andere brauchen lange Zeit etc. – Das hänge wohl mit dem
    Wesen des Schlafs zusammen. –
        Nicht nur die höher organisierten Lebewesen schlafen; der
    Schlaf sei schon eine Erscheinung der Zelle.
    Freud hebt hervor, dass der V. reichliche Anregungen gegeben habe. –
        Jedoch solle man sich bei psychischen Phänomenen der
        Definitionen enthalten.
        Man müsste mit der biologischen Genese des Schlafs beginnen. Er
        hänge vor allem mit dem Wechsel von Licht und Dunkelheit (Ge-
        stirne etc.) zusammen. Dann müsste man, individuell,
        den Schlaf des Kindes in Betracht ziehen; er sei der natürliche
        Zustand desselben, aus dem es nur durch seine Bedürfnisse
        geweckt werde, nach deren Befriedigung es wieder weiter-
        schlafe. Das Kind setze damit seinen Fötal zustand fort. Es
        trete nun allmählich eine Verlötung dieser beiden Bedingungen ein, indem
        das Kind die Dunkelheit zum Schlafen benutzen lerne. Die
        Ermüdung scheine also beim Kind keine Rolle zu spielen.
        Später stellen sich dann gewisse Sekundär funktionen ein, ange-
        sichts derer man den teleologischen Standpunkt doch nicht so
        ohne weiters verwerfen könne. An einer späteren Stelle dieser
        Reihe kommen dann die Funktionen, in denen der V. den
        Zweck des Schlafs sieht: nämlich die Schützung vor der
        Aussenwelt. – Dieser Gesichtspunkt sei sehr wertvoll und in
        Stützen Flournoy habe in einer kleinen Arbeit den Schlaf
        unter die Abwehrmechanismen eingereiht, was ja ganz der
        Auffassung des Vortragenden entspreche. Es wäre so eine Um-

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    kehrung eingetreten: während das Kind ursprünglich von der
    Welt geweckt wird, wird es später durch die Welt schlaftrunken
    gemacht.
        Auch aus der Traumtheorie lasse sich die Anknüpfung an die
    Auffassung des V. finden. Die grosse Rolle des Rezienten und das
    Verbergen des Vergangenen hinter dem Rezienten sei bekannt.
    Dieses Rezente Material sei eben das, das während des Schlafs
    die Verarbeitung erfährt, die Schwerdtner unberechtigt dem
    Unbewußten zuschreibe (sie geschehe einfach im Psychischen).
    Der Schlaf werde so zum Schutze der Psyche, zur Erledigung ihrer
    Aufgaben verwendet.
        Zwei das Schlafproblem betreffende Punkte seien bis jetzt unserer
    Kenntnis zugänglich geworden:
        Über die psychischen Zustände während des Schlafzustandes
    wissen wir einiges aus der Traumdeutung: den Abwehrs Schlaf-
    zustand kennzeichne ein Nachlassen in den Besetzungen (der
    psychischen Zensur). –
        Völlig zu trennen sei das Problem des Einschlafens, das Flournoy
    als einen willkürlichen Akt bezeichnet, als Autosuggestion,
    was zur Theorie der Abwehr der Außenwelt gut paßt.
    Für die herrschenden physiol. Theorien möchte er nicht eintreten,
    da sie einseitig und unbestimmt seien. Der Einfluß der
    Ermüdungsprodukte sei jedenfalls auch nicht von der Hand zu
    weisen; das sei aber die Theorie der Schläfrigkeit, nicht des
    Schlafes – Es sei auch möglich, dass sich der Körper der
    Schlafprodukte als Signal zum Einschlafen bediene.
        Morphinist werde, ganz richtig, nur der, der mit dem Morphin
    einen psychischen Defekt auszugleichen hat.
    Ein Stück Mechanismus, das den Schlafzustand erklären würde, sei
    der Umstand, dass die späteren Besetzungen im Seelenleben
    labiler sind; dieser Umstand wird vielleicht so ausgenutzt, das

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    nur das sekundäre Ich (im Sinne Meynerts) schläft. Viele patholog.
    Krankheitsbilder (ebenso wie das Senium) bringen auch zahlreiche
    spätere Besetzungen zum Schwinden und decken gleichsam das
    primäre Ich auf.
        Die Frage ob es einen traumlosen Schlaf gebe sei müßig.
    Träumen heiße einen Trauminhalt ins Bewusstsein bekommen.
    Versteht man darunter aber die unbewusste Arbeit, aus der nicht
    notwendig ein Traum hervorgehen müsse, dann sei die Frage, ob
    wir jede Nacht träumen, mit ja zu beantworten. Traumgedanken
    habe man jede Nacht, Trauminhalt nicht. |
    Federn möchte den Vortrag teilen in das, was der V. im Rausch
        des Schlafgourmands und das was er als nüchtern denkender
        Mediziner geschrieben habe. – Es sei sein Verdienst nachdrücklich
        darauf hingewiesen zu haben, das der eigentliche Schlafzweck nur
        im traumlosen Schlaf verstanden werde. (Die Heiterethei, dieses gesunde
        Naturkind träume nicht). Schwerdtners Einordnungstheorie sei
        nur eine Hypothese; wir ordnen auch im Wachen ein. Wir ver-
        arbeiten im Schlafe die Vorstellungen nicht mit- und untereinander
        sondern sie zerfallen (es wird also keine Arbeit geleistet).
        Schlafen bedeute alles mögliche, gewiss auch physiologische Prozesse, ob-
        wohl er die physiol. Theorien nicht verteidigen möchte.
        Es gebe einen traumlosen Schlaf, was man aus dem Mangel der
        Zeitempfindung im Traum schliessen könne.
        Eine Patientin habe nach Entziehung des Morphiums 29 Tage lang
        an Schlaflosigkeit gelitten (die schließlich durch Zwangssuggestion
        geheilt wurde. Es müsse also auch im Wachen einen Ausgleich der
        Erregung geben. |
    Schwerdtner erwidert schließlich im einzelnen auf die verschiedenen
        Einwendungen: die physische Ermüdung könne keine so grosse
        Rolle spielen, weil sie sie sonst immer zum Schlaf führen müsste, was
        nicht der Fall ist. Sehr starke Ermüdung hindere oft am Einschlafen
                                                                                               (Abels),

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    Bei Lindau haben auch toxische Wirkungen mitgespielt. – Der Sexual-
    trieb gehöre zu den Reizen, die vermieden werden müssten und sei des-
    halb nicht besonders erwähnt worden (Sadger). – Die Einordnung im
    Ruhezustand gehe ganz anders vor sich als die im Wachen. – Beim
    Einordnen müssten ja die Vorstellungen zerfallen (Federn).
        Schließlich bemerkt er noch er habe sich bemüht das aufzuhellen,
    was den Physiologen gefehlt hat. –