[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Spielrein ›Über Transformation‹ 1911-432/1911.01

Rank, Otto (1911-432/1911.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Spielrein ›Über Transformation‹

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      P R O T O K O L L  

    der

      60. S i t z u n g  

    am 29.November 1911.







     

      Frl.Dr.S. Spielrein:  



     

      U E B E R   T R A N S F O R M A T I O N .  

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          Ausgehend von der Frage,ob es einen normalen Todesinstinkt beim
    Menschen gibt(Meschnikoff),wird der Nachweis zu erbringen gesucht,
    dass die Todeskomponente im Sexualinstinkt selbst enthalten sei,dass
    dem Instinkt zugleich eine destruktive Komponente innewohnt,welche
    für das Werden unentbehrlich ist.Dass wir diese Tendenz zur Selbstdes-
    truktion für gewöhnlich nicht merken,erklärt sich auf Grund des Jung-
    schen Schemas,wonach allem Wollen zwei einander entgegengesetzte Kom-
    ponenten zugrunde liegen,von denen eine immer nur ein wenig überwiegt.
    So scheint uns auch für gewöhnlich der Werdeinstinkt zu überwiegen,
    jedoch sehen wir bei einer geringen Verschiebung nach der andern Sei-
    te im Sexualinstinkt nur eine destruktive Macht.

          In zahlreichen mythologischen Vorstellungen findet sich direkt
    das Bedürfnis nach Zerstörung ausgedrückt und als Tod wird überhaupt
    jeder Uebergang in einen anderen Zustand aufgefasst.Und auch in der
    Neurose ist stets ein Konflikt vorhanden,welcher in der Dissonanz
    zwischen diesen beiden Sexualkomponenten besteht.-

          Die mythologischen Begriffe von Leben und Tod werden nun in der
    Erde-und Wasser-Symbolik verfolgt.Der Baum der Erkenntnis wird in sei-
    ner zweifachen Rolle als Symbol des Todes und der Genese aufgezeigt,
    in welcher er auch als Kreuzholz Christi wieder erscheint.Der Lebens-
    baum wird auch als Brücke über das Wasser gedacht,das ebenfalls zeu-
    gende Urkraft wie die Erde ist.

          Diese Beziehungen werden nun am Siegfriedmythus und an der Hollän-
    dersage verfolgt und in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen,dass
    die Wagnerschen Helden nach dem Rettertypus Freuds lieben,indem sie
    sich opfern und sterben.In diesem Sinne ist auch Christus ein Retter-
    typus,der sich für die Menschheit opfert.

          Es wird dann auf die symbolische Bedeutung jedes Opfers hingewie-
    sen,welches Wertvolles durch immer weniger Wertvolles ersetzt;wobei
    aber das Symbol   für das Unbewusste den Wert des Objektes selbst hat.

          Diese Beziehungen erweisen sich als durchgehende Analoga in der
    Menschen-Tier und Pflanzenwelt.Denn der Fortpflanzungstrieb fordert
    die Destruktion des Sexualtriebes.Der Mensch hat das Bedürfnis zu wer-
    den und zu vergehen,deshalb erscheint dem Volksbewusstsein das ewige
    Leben als eine Last(Holländer,Glaukos).Nur das Opfer kann erlösen,
    weil es beide Komponenten enthält:man nimmt sich die Komponente des

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    Werdens und überlässt dem Opfer die der Destruktion.Das Opfer wird als
    Analogon der Versetzung in den Mutterleib dargestellt;auch der Ster-
    bende wird in die Mutter zurückversetzt und dann wieder geboren.Der
    Zustand vor der Geburt wird dem Tode gleichgesetzt oder wie dieser als
    ein Schattendasein aufgefasst.

          So ist die Destruktion die Ursache des Werdens;die alte Form muss
    zerstört werden,damit die neue zustandekommt.Es gibt daher keinen ab-
    soluten Todesbegriff und was für die alte Form Tot bedeutet ist für
    die neue Leben.Der Tod an sich ist wohl grauenhaft,aber im Dienste
    des Sexualinstinktes ist er heilbringend.
     

      D I S K U S S I O N .  

    Dr.Sachs findet den Gedankengang von der Ambivalenz des Wollens(Jung)
    hier nicht ganz überzeugend dargelegt.Es wurde nur an interessantem
    und speziellem Material bewiesen,dass in der Phantasie aller Menschen
    Geburt und Tod enge verbunden sind.Diese Verbindung findet ihre Vor-
                                                             Angst
    bedingung in dem ersten und stärksten Affekt des Menschen bei der
    Geburt(Freud).Der Selbsterhaltungstrieb findet seine Ergänzung in der
    Todesfurcht.Dazu kommt die schon im Altertum und in der ganzen christ-
    lichen Mythologie ausgedrückte Identität des Lebens nach dem Tode und
    des Lebens vor der Geburt(Augustinus lässt die Menschen nur deshalb
    sterben weil sie zeugen).Davon geht die asketische Idee des Mittelal-
    ters aus,dass die Unsterblichkeit durch die Entsagung des Geschlechts-
    verkehrs herbeigeführt werden kann.

          Zwei Materialproben zur Symbolik von Lebensbaum und Kreuz:In ei-
    nem Stücke Calderons tut die Brücke alle Wunder und die Königin von
    Saba verkündet den Menschen Erlösung.-In einem der älteren Eddalieder
    hängt Wodan als Opfer an der Weltesche,was man neuestens auf christ-
    liche Einflüsse zurückgeführt hat,worin aber im Hinblick auf das mitge-
    teilte Material vielleicht doch ein Stück originaler Menschheitsphan-
    tasie enthalten sein mag.

          Tausk möchte den Vortrag nicht seinem Inhalt und Material nach
    beurteilen,sondern von dem Standpunkt,von dem die Vortragende dem Thema
    nahegetreten sei,der hart an der Grenze der Metaphysik liege.Es wurde
    das Problem aufgeworfen,ob nicht unser Leben nach Analogie irgend eines
    älteren Vorganges entstanden sei.Das sei Platos Frage nach der ideellen
    Welt,die Frage nach dem lieben Gott.Von hier aus kommt man,wie der Vor-

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    trag auch gezeigt habe,deduktiv zu allen Fragen,zu denen man in der Psa.
    induktiv gekommen ist.-

          Dass der Widerstand gegen die Sexualität aus der Destruktion stammt
    sei ein wertvoller Gesichtspunkt.Ja die ganze Verdrängung beruhe im
    tiefsten Sinne nur darin,dass die Todeskomponente den Widerstand gegen
    die Sexualität aufgebracht hat.-

          Im Meister von Palmyra von Wilbrandt werden die Beziehungen von
    Werden und Vergehen und der Gedanke des ewigen Lebens behandelt.

          Federn vermisst eine präzise Zusammenfassung der aus dem Material
    gezogenen Schlüsse.-Es liege die Vermutung nahe,dass allen diesen Bezie-
    hungen zutiefst die Angst vor dem Tode zugrunde liege und dass das erst
    späte Trostgedanken seien,die für den ursprünglichen Zusammenhang von
    Leben und Tod in dem vorgetragenen Sinne nicht beweisend seien.-Die
    Angst habe zwei Komponenten,eine aus dem Sexuellen und eine aus dem Le-
    bensverlust.Die Menschen stellen nun die sexuelle Angst als Todesangst
    dar.-Die Auffassung des Opfers als Vereinigung mit der Mutter hätte nur
    für die Zeiten des Matriarchats Geltung.-Vielleicht muss man sich über-
    haupt sagen,dass die Mythen nicht von Gesunden geschaffen wurden,sondern
    schon damals von Dementen und dass daher die Uebereinstimmung sich erkläre.

          Rosenstein sieht die wichtigste Frage darin,ob der Todeswunsch und
    der Lebenswunsch einander korrelat seien.;ob das die Norm zweier Affek-
    te sei oder ein äusserer objektiver Vorgang:Dass jedes Leben nur möglich
    ist auf Grund der Zerstörung von Lebendigem.Es fragt sich ob dieses
    psychologische Gesetz eine parralele Erscheinung des Weltgesetzes sei
    (im Sinne von Tausk).Wir können die Psyche nur bilologisch nehmen nicht
    metaphysisch;dann bleibt aber nur der Lebenstrieb übrig und vom Tode nur
    die Angst.Die Todeswünsche würden sich wahrscheinlich als Reaktionsbil-
    dungen im Sinne Stekels herausstellen(Selbstmord wenn man einen andern
    töten wollte).Ferner würde sich fragen,ob das Bedürfnis sich in dem ge-
    liebten Objekt zu verlieren als normale Erscheinung oder gleichfalls
    als Reaktionsbildung aufzufassen ist;im ersten Falle könnte man eher
    sagen,dass in der Psyche beide Triebe vorhanden sind.-Der normale Mensch
    verträgt den Tod,der in der Libido liegt,der Neurotiker nicht,weil er
    einen stärkeren Ich-Lebenstrieb hat.- Das Schlubewusstsein beim Opfer
    ist nur Aeusserung der Selbsterhaltung:man sichert sich durch das Opfer

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    gegen den Tod.

          Reinhold weist auf die Möglichkeit hin,dem Gedanken aus allgemein
    biologischen Gründen näher zu treten.Diese Wertung des Todes ist bio-
    logisch gegeben;nur dadurch,dass wir sterben müssen,können wir Affekte
    erleben,müssen wir auch Lust empfinden.Es ist möglich,dass diese Tat-
    sache dem Bewusstsein in irgend einer Form zugänglich ist.So hat Pla-
    to den Eros nicht nur zur Liebe sondern auch zum Tod in Beziehung ge-
    bracht.

          Stekel weist darauf hin,dass die Auffassung der Angst als Reaktio
    gegen den Todestrieb bereits in seinem Angstbuche enthalten sei.-
    Die Brücke in Träumen bedeute Phallus und Baum;aber auch die Brücke,die
    zum Tode führe.

          Friedjung stellt sich die Arbeit im Gegensatz zu den metaphysi-
    schen und philosophischen Neigungen mancher Vorredner als Versuch dar,
    eine wissenschaftliche Tröstung für die Todesangst zu finden.Dass der
    Mensch für die primitivste Ansgt,die in sein Denken eintritt,Tröstungen
    gesucht hat,die sich in Mythen niederschlugen und dass er Analoga aus
    der Natur dazu herangezogen hat,ist uns als gleiche Tröstung verständ-
    lich.

          Frau Dr.Stegmann bemerkt,dass Leben im Verlaufe der Diskussion
    nicht immer in der gleichen Bedeutung gebraucht wurde;man müsse ausein-
    anderhalten das persönliche und das allgemeine(kosmische)Leben.Der
    Todeswunsch erscheint als Wunsch der Hingabe an das ALL.Die Furcht vor
    der Liebe ist Furcht vor dem Tode der Persönlichkeit.Liebe ist ja als
    Uebergang vom kleinen individuellen zum grossen kosmischen Leben anzu-
    sehen.

          Tausk präzisiert gegenüber Friedjung seinen Standpunkt,dass die
    Dinge,die ontogenetisch Gegenstand der Psa.sind,auch im allgemeinen als
    psychologische Probleme gefasst werden können.Man muss die allgemeinen
    Projektionen soweit die richtig sind,wenigstens zum Vergleich heranzie-
    hen,um den Leuten einen Anschluss an die Psa.zu bieten.

          Das Matriarchat(Federn)ist etwas Hypothetisches;diese Dinge ha-
    ben sich ontogenetisch durch die Einstellung des Individuums gegen seine
    Umgebung gebildet.

          Stegmann weist auf Fechner hin,der das Verlassen des subjektivem
    Standpunkt in den Vordergrund gestellt habe.Nach ihm bedeutet das Sterb

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    ben für den Menschen nur das Eingehen in die Allgemeinheit,in den Zu -
    stand der Weltseele.Auf Fechner hat dann Nietzsche seine Ideen vom
    Uebermenschen aufgebaut.

          Freud stellt zunächst fest,dass das Matriarchat keine Hypothese,
    sondern durch historisches Material so gut wie bewiesen sei;es ist kein
    politisches sondern ein soziales System.

          Der Meister von Palmyra bringt das Problem mit einfältigen Voraute
    setzungen und einer kindischen Lösung?

          Die doppelgeschlechtliche Bedeutung der Symbole sei wohl häufig
    aber nicht gesetzmässig.Auch dürfe man dabei die Genitalsymbole nicht
    mit den Sexualsymbolen verwechseln.So ist z.B.die Schlange als Geni-
    talsymbol immer nur männlich gebraucht,während sie als Sexualsymbol
    weiblich ist.Nicht selten ist in Träumen ist ein männliches Genital-
    symbol zur Bezeichnung des weiblichen Genitales gewählt,oder umgekehrt,
    was dann immer einen besonderen Sinn hat,meist den,dass der Träumer im
    Sinne des Kastrationskomplexes die Umkehrung der Geschlechter zum Aus-
    druck bringen will,seine Identität mit dem anderen Geschlecht.Das heisst
    aber nicht,dass dieses Symbol doppelsinnig ist,es wird nur im umgekehr-
    ten Sinne verwendet.

                                  gebe
          Der Vortrag selbst liessxxxxxx zu einer Kritik Jungs Anlass,weil
    er in seinen neuen mythologischen Arbeiten ebenso beliebiges mytholo-
    gisches Material,das massenhaft vorhanden ist,in seiner gegenwärtigen
    Fassung ohne Auswahl verwendet.Nun kann man aber das mythologische Ma-
    terial in diesem Sinne nur verwenden,wo es in seiner originalen Form
                                                  M
    und nicht in seinen Abkömmlingen auftritt.Das material ist uns nun in
    einem Zustand überliefert,welcher uns nicht gestattet,es zur Lösung un-
    serer Fragen zu verwerten.Im Gegenteil:es muss erst von psa.Seite her
    die Aufklärung erfahren.Als Beispiel einer besonders starken Entstell-
    lung wird die Genesis im einzelnen nachgewiesen.

          Ob sich die xiam unsere psychologische Annahme,dass die Triebe
    ganvollständig gedämpfte astatische Paare darstellen,auch auf die Sexua-
    lität anwenden lässt,was immerhin annehmbar sei,müsste durch individual
    psychologische Untersuchungen entschieden werden.Zum Unterschied von
    unserer psychologischen Auffassung habe jedoch die Vortragende versucht
    die Trieblehre auf biologische Voraussetzungen(wie die Arterhaltung)zu
    gründen.

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          Spielrein bedauert in ihrem Schlusswort,dass durch Weglassung des
    grundlegenden Kapitels ihrer Arbeit:Destruktion als Ursache des Werdens
    eine Begriffsverwirrung die Diskussion beeinträchtigt habe.Sie fasse
    den Sexualtrieb als partiellen Fall des Transformationstriebes auf.
    Sie habe den Konflikt in bezug auf das persönliche und nicht das kosmi-
    sche Ich gemeint.Ob sich die Todeswünsche gegen die eigene oder gegen
    die andere Person richten hängt vom Vorwiegen der sadistischen oder
    masochistischen Komponente ab.-Das Aufgehenwollen sei eine normale Ten-
    denz und finde sich bei Frauen häufig als Destruktionsvorstellung aus-
    gesprochen.