[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›An der Grenze der Psychose‹ 1908-411/1908.01

Rank, Otto (1908-411/1908.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›An der Grenze der Psychose‹

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  • S.

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    Zwölfter Vortragsabend
    am
    8. Jänner 1908.




    An der Grenze der Psychose.

    Dr Stekel.

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    Stekel teilt zwei Fälle von Psychose mit, die in seinem Buch über die
        Angsthysterie publiziert werden sollen und bei denen es ihm
        gelungen sei, die Rückseite der Psychose zu sehen. Es stecke
        dahinter ein Liebesmotiv mit schweren psychischen
        Konflikten – das die ganze Sache ins Rollen bringe. –


    In der Diskussion bemerkt Hitschmann, die Ausführungen seien
        eine Kombination von verschiedenen Vorträgen, die Stekel früher
        gehalten habe. – Erst sei der psychische Konflikt überall im Vor-
        dergrund gestanden, später sei wieder alles exquisit sexuell ge-
        wesen. – Es erhebe sich die Frage, ob es nicht Zustände gebe, die eine
        Verstimmung primär hervorrufen könnten. – In Stekels Fällen
        seien die Folgen der Verstimmung den Erlebnissen nicht proportioniert.
        Eine nähere Analyse sei nicht gemacht worden, sondern eine Art
        Suggestivbehandlung.

    Sadger vermißt die psychoanalytische Aufklärung. Zu seinem
        Erfolg habe Stekel hier seine Kenntnis der Familienverhältnisse
        als langjähriger Hausarzt und seine Erkundigung bei andern
        Personen über die Patienten verholfen. Zur Auflösung
        solcher Fälle müßte man etwas anwenden, was der Psychoanalyse
        ähnlich wäre. – Aus den Ausführungen habe er weder etwas
        diagnostisch noch therapeutisch neues entnommen. –
        Vieles gehe sicher auf die früheste Kindheit zurück: in der
        Psychose führe die Pat. nur das aus, was sie sich früher
        nicht getraut habe (z. B. das Schlagen der Mutter etc.). –
        Das typische Melancholie-Symptom (Verarmen etc.) dürfte –
        wie schon Hitschmann mit dem Hinweis auf die Einförmigkeit
        des psychologischen Bildes vermutet habe – einen ganz bestimmten
        Grund haben.

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    Rank bezweifelt, daß die aufgezeigten psychischen Konflikte, wie
        sie Stekel dargestellt habe, zum Ausbruch einer Psychose genügen.
        Auch die Wirkung der Aufklärung in der Form wie sie Stekel dar-
        gestellt habe sei zweifelhaft. Das direkte Zusagen könne doch
        keine tiefere Wirkung üben. –

    Federn wendet gegen Rank ein, daß derartige schwere psychische
        Konflikte schon genügen um einen Menschen neurotisch zu
        machen. – Die Wirkung der direkten Aufklärung zeige sich in
        den von Stekel erwähnten Weinen, das als gewaltige Abreaktion
        aufzufassen sei. – Die typische Klage: „ich bin eine arme Frau“ etc.
        sei vom PsychischenMateriellen aufs MateriellePsychischen übertragen; arme Frau =
        unglückliche Frau. –

    Bei den Neurosen nach erschöpfender Krankenpflege ist nicht
        immer – wie Stekel meint – der Todeswunsch und seine Abwehr
        die Ursache. Wir wissen ja noch nicht, wie weit Affekte
        toxisch wirken (gehetzte Tiere schmecken besser).
        Es sei wertvoll wie Stekel gezeigt habe, daß Menschen auf so schwere
        Affekte mit Psychosen reagieren.

    Wittels möchte das typische Symptom der Verarmungsangst be-
        bi Melancholikerinnen sehr häufig – mit der merkwürdigen Rolle
        in Zusammenhang bringen, die das Eigentum im sexuellen
        Leben der Frau spielt. – Es scheint daß hinter diesem Symptom
        ein Wunsch verborgen liegt. Vielleicht hat diese Frau in ge-
        sunden Tagen eingesehen, daß ihre eingeschränkte Sexualität
        im Eigentum gelegen ist. In der Psychose sei das durch einen
        gegenteiligen Wunsch ausgedrückt.

    Schwerdtner findet – da wir so wenig von den Psychosen wüßten –
        Stekels Arbeit, der als Hausarzt in diese Fälle einen solchen Einblick
        hatte, sehr wertvoller Auch er müsse gegen Rank die Bedeutung
        der psychischen Konflikte betonen; im Gegenteil vielleicht für
        alle Psychosen geltend machen. Das geringe widerstandsfähige

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    toxisch geschwächte Gehirn habe auch gegen normale Affekte
        nicht mehr die zum Ausgleich notwendige Widerstandskraft. –

    Prof. Freud hebt zunächst – nach einigen seitlichen Bemerkungen –
        die Proportionalität der Lebensereignisse und Krankheitser-
        scheinungen in Stekels Fällen hervor. –

    Widersprechen müsse man der Behauptung, daß es sich bei Kranken-
        pflege-Neurosen immer um den verdrängten Todeswunsch handle. –
        In vielen Fällen ergebe sich eine andere Lösung: besonders in Fällen,
        wo die Tochter den Vater pflegt (wie in dem in den „Studien“ publizierten)
        handle es sich um die Versuchung der Entblößung (Schaulust).
        Bei der Pflege des Bruders durch die Schwester mische sich oft in
        die Trauer um den Tod das Bedauern: Schade um den schönen
        Penis, der da mit begraben wird. Zu diesem Zug stimme eine
        alte Sitte, wonach bei den Japanern die Witwe den Penis ihres
        verstorbenen Mannes einbalsamiert aufbewahrt haben.

    Gegen die Einwendungen, er habe das Organische (Somatische) nicht
        berücksichtigt, müsse man Stekel in Schutz nehmen. Wir sehen
        eben davon bei unseren Besprechungen ab, wenn wir das
        Psychologische untersuchen. Stekel habe die psychologischen
        Hintergründe der Psychose zeigen wollen. Diese reichen natürlich
        nicht hin, um die Psychose zu machen.

    Hitschmanns Hinweis auf das einheitliche Bild der Psychosen und
        seine bestimmten Ursachen, erledigt sich mit dem Vergleich mit den
        Neurosen, die ebenfalls ausdrucksarm aber reich an psychischen
        Motiven sei.

        Stekel habe recht getan sich erst anzusehen wie der Mensch mit
        den realen Verhältnissen steht. Dann bleibt noch immer das
        große Bereich der Phantasie und schließlich das ganze patholog.
        Moment.

    Die Verarmungsangst sei ein höchst kompliziertes Symptom:
        Das Wesen der Melancholie sei ein Mangel an frei verfügbarer Libido

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    und in diesem Sinne hätten die Kranken recht, wenn sie sich
        als arm, nämlich an Libido, bezeichneten. Die klassische Schilderung
        aller Melancholischen sei ja: es sei ihnen alles gleichgültig, sie könnten
        niemand mehr gern haben. – Für andere Stereotypien könnte man
        ähnliche Aufklärungen finden.

    Er möchte Stekel vorschlagen, die Fälle, die exquisite Psychosen
        seien, nicht in das Buch über Angsthysterie aufzunehmen.
        Zwei Vorwürfe seien Stekel zu machen: Seine Darstellung war nicht
        richtig und dann hat er alles durcheinandergemengt. Da müsse
        man Hitschmanns Kritik beipflichten, der genaue Auskunft
        über die Sicherheit der Lösung forderte.

    Der Einwand der mangelnden Analyse werfe die Frage der Technik bei den
        Psychosen auf. Die bisher geübte sei hier nicht anwendbar. – In
        den Psychosen könne man nichts lernen, sondern nur das
        Erlernte und Erfahrene anwenden. Das Resultat unserer Be-
        mühungen sei eine solche Erfahrung zu sammeln, damit wir uns
        auf eine Erzählung hin ein Bild von den Komplexen und den
        Erlebnissen des Pat. machen können. In der Psychose müssen wir
        ihm das nach einiger Zeit direkt entgegenhalten.

    Man müsse auch, was Stekel unterlassen habe, auf den psychischen
        Mechanismus eingehen. Die Verdrängung als die Vorbedingung des
        Zwanges im ersten Fall habe Stekel gar nicht berücksichtigt.
        Beim Studium der Lebensverhältnisse der Psychosen müsse
        man die Gleichwertigkeit ja die Überlegenheit der Phantasie betonen.
        Daß die Psychose in beiden Fällen mit dem Aufflackern der Libido vor
        der Menopause zusammenhänge erscheint sicher.

    Stekel bemerkt schließlich er sei entsetzt über den Mangel an Ver-
        ständnis der ihm heute begegnet sei. – Wenn er aus dem
        Fall nicht mehr herausbringen konnte, sei nicht seine Schuld.
        Auch Ranks Zweifel müsse er zurückweisen. –