Rank, Otto (1912-061/1912.05): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] VIII. Onanie-Debatte
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Dr. Dattner verfolgt die Schicksale der Onanie von der Zeit der
frühesten Kindheit bis in die reifen Jahre, wobei er sich an den in
den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie geschilderten Entwicklungs-
gang anschliesst. Er nimmt dabei besonders auf den Einfluss bedacht,
den die physische Bereitschaft und die psychische Entwicklung des
Individuums auf Art und Folge der masturbatorischen Betätigung aus-
übt. In der frühesten Kindheit steht die Sexualbetätigung im Dienste
biologischer Interessen und kann, ausser exzessiv betrieben oder
durch mächtige Verbotstraumata gehemmt, keine Schädlichkeiten setz-
en. Dagegen pflegen sich schon in der Latenzperiode, in der die Se-
xualdämme errichtet werden, die ersten psychischen und physischen
Zeichen der Schädigung zu zeigen. Die bedeutsamsten Wirkungen ent-
faltet die Masturbation in der Pubertätszeit. In dieser Periode kann
die Reizung sämtlicher erogener Zonen schädlich wirken, doch wird
die genitale Masturbation wegen des damit verbundenen Samenverlus-
im allgemeinen
tes schädlicher sein als die extragenitale, und die psychische Onanie
wird schwerere Folgen setzen als die manuelle; die Störungen werden
um so intensiver ausfallen, je mehr die Psyche beteiligt ist. Auch die
instinktive Erkenntnis der Artzweckwidrigkeit wird sicherlich die
schädigenden Folgen verstärken wie auch die Häufigkeit des Aktes von
Einfluss sein muss. Die Persistenz der Onanie sowie die ihr zugrunde
liegende Willensschwäche bringt der Vortr. mit der Störung der innern
Sekretion in Zusammenhang. Im Ganzen sei in der Masturbation nicht
mehr als ein notwendigesÜUebel des Entwicklungsalters zu erblicken,
wobei die minderwertige Anlage am meisten Schuld an der Schädlich-
keit trage.Federn ist im allgemeinen mit den Ausführungen einverstanden und
möchte nur einige Unrichtigkeiten bemängeln. Es scheine auf misver-
ständlicher Ausdrucksweise zu beruhen, dass während der Latenzperio-
de die Sexualorgane in der Entwicklung begriffen seien; im allgemei-
nen müsse man annehmen, dass in den Zeiten stärkerer Genitalentwick-
lung die Latenzperiode durchbrochen werde. Der Verlust des Sekretes
bei der Onanie sowie die brüske Entladung bei der Ejakulation könne
als schädliches Moment überhaupt nicht in Betracht gezogen werden.
Auch sei es, nachdem im Laufe der Debatte die verschiedensten MomenS.
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te für
dieSchädlichkeit verantwortlich gemacht worden seien, nicht
angängig, ohne weiters die eine oder andere Art für schädlicher zu
erklären.Markus bemerkt zur Beeinflussung der Sekretion durch die Onanie,
dass die generative und sekretorische Funktion der Genitaldrüsen
vollkommen getrennt sei; wozuSteiner bemerkt, dass trotzdem der Parallelismus bestehe.
Tausk bemängelt einige Formulierungen. So stehe die Sexualbetätigung
nicht nur in der frühen Kinderzeit, sondern immer im Dienste biolo-
gischer Interessen. Ekel, Scham und Moral könne man nicht unter der
gemeinsamen Bezeichnung Sublimierungen zusammenfassen; das seien Din-
ge von ganz verschiedener Herkunft. Auch stimme es mit den tatsächli-
chen Beobachtungen nicht überein, dass in der sog. Latenzperiode die
masturbatorische Betätigung unterbleibe.Sachs bemerkt dazu, dass nach Freuds Auffassung in der Latenzperiode
die Sexualbetätigung nicht unterbleibe, sondern bloss stationär sei,
keine Weiterentwicklung erfahre. In dem komplizierten Verhältnis der
psychischenLeistungbeim Koitus und der Onanie ist ein wichtiger
zeitlicher Unterschied zu beachten. Beim Koitus ist die psychischeLeistung vorher eine intensivere, bei der Onanie muss gerade auf dem
Höhepunkt der Sexualspannung die Phantasie festgehalten werden.Federn glaubt daran festhalten zu müssen, dass in der Latenzperiode
die Onanie eingestellt wird und die Sublimierung geschieht; in Perio-
den, wo der Trieb schwächer ist, versucht der Mensch ihn zu sublimie-
ren.Rank meint dagegen, dass eine Sublimierung
stärkermsher bei starkem
Trieb denkbar sei.Hitschmann findet, dass der Begriff der Latenzperiode vielfach zu
wörtlich genommen wird; es handelt sich eben, wie der Name sagt, um ein
zeitweiliges
Latentwerden der manifesten onanistischen Betätigung. Unter der psy-
chischen Onanie, deren Begriff Tausk festgestellt sehen wollte, ver-
stehe man das Hingeben an Phantasien bis zur Ejakulation; diese Art
der Onanie schädige das Ventil bei weitem mehr und führe leicht zu
ejakulatio praecox. Vorschlag: im Anhang der zu publizierenden Schrif
eine Sammlung typischer Onanie Träume oder kasuistischer BeiträgeS.
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über Verbotträumen mitzuteilen.
Prof. Freud bemerkt, dass es sich bei dem Begriff der Latenzzeit
zunächst um die Aufstellung eines scharfen extremen Typus gehan-
die
delt habe, an dem nun die sorgfältige Einzelbeobachtung erforder-
lichen Modifikationen anzubringenhabe.ErstensIn hört in dieser
Periode sexuelles Interesse und sexuelle Betätigung vollkommen
auf, es sind aber auch Unterbrechungen möglich.Tausk meint, dass in dieser Periode, wo
daserotische Interesse sich-
deutlich dem Objekt zuwendet, infolge Entwicklung des Schamgefühls
auch dieAmnesiefür die Unanie in dieser Zeit intensiver sei. Ander-
seits zeigtdieseheftige Scham in der Periode, dass sich das Indivi-
duum irgend einer Sache zu Schämen hat.Dattner klärt einige Misverständnisse Hitschmann, Tausk und Federn
gegenüber auf.Prof. Freud heisst den Versuch, die Latenzperiode mit psychosexuellem
Inhalt zu erfüllen, willkommen und betont nochmals, dass der Begriff
nur ein relativer, im Vergleich zur sexuellen Blüteperiode von 3-4
Jahren hervorgehobener sei. Interessant wäre die anatomische Parallel
dazu; es scheine, dass die Genitalien das Wachstum sehr früh einstel-
len; es wäre möglich, dass zwischen 3 und 4 Jahren auch der Wachstums
schub eintritt.Friedjung teilt aus seinen Beobachtungen mit, dass das relative Abfla
en der Sexualität in der von Freud bezeichneten Latenzperiode in de
grösseren Zahl der Fälle zutreffe. Ohne anatomische Messungen vorge-
nommen zu haben, habe er dochdenEindruck gewonnen, dass die Genita-
lein bis zum dritten, viertenJJahr ein rasches Wachstum zurücklegen
und ein grösserer Wachstumschub erst wieder mit 12-13 Jahren entreteStekel hält die Ausführungen Dattners für falsch; die Latenzperiode
bestehe in den meisten Fällen nicht. Wenn die Kinder werden, so ist
das nicht eine Folge der Onanie, sondern des Aufgebens derselben. Bei
manchen tritt eine scheinbare Latenzperiode ein, weil mit dem 3.4.
Jahr die Erziehung an das Kind herantritt.Hitschmann weist darauf hin, dass die bedeutsame Sexualentwicklung
im 3.4. Lebensjahr am besten die Adlerschen Aufstellungen widerlege,
da um diese Zeit weder von "männlichem Protest" noch von Zweifel ab
der Sexualrolle die Rede sei.S.
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Dr. Spielrein stellt fest, dass die Abgrenzung des Begriffes Onanie
auf Grund der verschiedenen Erfahrungstatsachen so schwankend sei.
Bei Mädchen sei die Onanie im allgemeinen seltener zu beobachten,
weilsieoft als Retention der natürlichen Bedürfnisse erscheine,
aus welcher das Kind Lust schöpfte. Das Schuldbewusstsein findet sich
regelmässig mit religiösen Vorstellungen verknüpft. Ein Analogon zur
männlichen Kastrationsphantasie findet Ref. darin, dass die Frau die
Kastrationsphantasie auf den Mann anwendet. Eine Pat. hatte die best-
tändige Angst, dieHHand werde ihr abfallen, eine andere hatte Strangu-
lationsphantasien. Auch auf den Aberglauben, dass einem der Verstand
zugenähtwerde, wird hingewiesen. Es wird dann erwähnt, dass sich die
lokale Onanie in andere Formen verwandelt (Händereiben, Haarraufen) und
dass die psychische Onanie (Romanhelden) eine grosse Rolle spiele (
Bilder: Leda, Jo). Als Uebergang zum Fetischismus wird erwähnt, dass
bei dem im allgemeinen mehr erotischen Weib alles als Erregungs-
mittel dienen kann. Besonders wird auf eine Onanieform beim Musik-
anhören hingewiesen. Schliesslich wird noch Hervorrufen der Onanie-
lust durch Kleptomanie erwähnt undzwardie für die Frau charakteris
tische Onanieform durch Andrücken des Kindes, die zu den Mädchenspie
len (Puppe) hinüberleitet.Hitschmann erwähnt die Onanie, die sich an Angstzustände und die, die
sich an das Romanlesen anschliesst. Musik scheine es zweierlei zu ge-
ben: eine reinigend wirkende und eine erregende (Klavierspiel ist in
Träumen ein häufiges Onaniesymbol). Die Beziehung der Musiker zu den
Neurotikern wäre einer eingehenden Bearbeitung wert.Reik findet in der Musik die weitestgehende Möglichkeit alle Komple-
xe abzureagieren, ohne dass sie diese selbst zu Bewusstsein bringt.Friedjung bemerkt zur Autoerotik des Haares, dass dieses ein
istwichtig
ger Angriffspunkt sei, um sich ohne direkte Berührung des Genitales
zu reizen. - Es gebe wohl zweierlei Musik, abernichtwie Hitschmann
meine, sondern einen autoerotischen Musikbetrieb, der sich im "Phante-
sieren" auf dem Klavier erschöpfe und einen andern, der für die Zuhö-
rer bestimmt ist und sie gewinnen will.Stekel findet es nicht angängig, eine Kastrationsphantasie auf die
Hand zu beziehen; die Angst vor dem Abfallen derselben ist eine TalionS.
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phantasie. Der Kastrationsphantasie des Mannes entspricht etwa die
Phantasie der Frau,siehabe sich durch die Onanie das Genitale oder
die inneren Organe beschädigt und sei nun unfruchtbar. Die Frauen
haben meist bisexuelle (männliche) Phantasien. Ein Gegenstück zur Stran
gulierungsphantasie sind die kriminellen Phantasien vieler Männer
(dass sie jemand ermorden) und Frauen (ermorden des Neugeborenen) bei
der Onanie. - Es gibt nicht zweierlei Musik, sondern ein und dasselbe
Musik vermag gänzlich verschiedene Phantasien auszulösen und versch
ieden zu wirken. Dass die Kleptomanie mit der Onanie zusammenhängt
ist richtig und es ist in den Fällen von Spielrein interessant, dass
der gehassten Person etwas weggenommen wird; häufig sind dabei auch
homosexuelle Neigungen im Spiele; sie will sich das Stück Mann er-
setzten, das ihr fehlt.Tausk meint, dass die Musik ein Stadium des menschlichen Geistes
repräsentiere, in welchem noch ohne Vorstellungen gearbeitet wurde,
und bloss durch den Affektausdruck abreagiert wurde. Die Musik als
Assoziationsmaterial ist ein anderes Thema. Zum Aequivalent der männ
lichen Kastrationsphantasie beim Weib wird auch auf die Phantasien
von Abbeissen hingewiesen (Zola: Feconditè). Die passive Kastration
spielt eine andere Rolle. Die Kastrationsphantasie scheint eine phy-
logenetische Vorbildung zu haben und zeigte sich bei einem Neuroti-
ker mit dem Geburtsakt verknüpft. Beispiel dafür, dass sich die Klep-
tomanie an verbotene sexuelle Akte anschliesst.Rank weist darauf hin, dass der
verboteneInhalt des kleptomanische
in
Aktes verschiedenesexuellensexuellen Handlungen bestehen könne,
dass aber der Mechanismus der masturbatorische sei. In den Mythen
und Märchen findet sich als weibliche, aber meist von Männern ver-
hängte Strafphantasie für die Onanie das Zunähen (in Verschiebung auf
den Mund) das Verschliessen mit einem Schloss und insbesondere das
Abhauen der Hände, das dem der Begierde des Vaters widerstehenden
Mädchen meist von diesem zugefügt wird. - Der sexuellen Erregung
beim Frisieren liegt die narzistische Selbstbewunderung im Spie
gel zugrunde (natürlich ist die erogene Fähigkeit des Haares dabei
keineswegs ausser acht zu lassen)? Dem Abschneiden des Penis durch
die Frau liegen komplizierte Phantasien zugrunde und nicht ein-
fach die am Mann vollzogene Kastration wegen eigener Onanie.S.
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zwei entgegengesetzten Strebungen eines Triebstockes gibt es keine
Synthese, sondern nur ein entweder oder oder ein intermittieren.Reinhold ist mit Tausk darin einverstanden, dass nicht die Hemmung
die Neurose hervorbringe; aber auch nicht die Verwendung der Hemmung,
die ja auch zur Sublimierung führen kann; sondern es muss die Verdrän-
gung vorangehen.Friedjung meint, dass der Widerspruch, ob die Aktualneurosen dadurch
bedingt seien, dass die psychischen Momente die Drüsensekretion be-
einflussen, oder wie Stekel meint die psychischen Begleiterscheinun-
gen das Massgebende bleiben, durch die Beobachtung einer grossen An-
zahl von Idioten zu entscheiden wäre, da bei diesen die Vorgänge
sich unbeeinflusst von den Begleiterscheinungen der Kultur abspielenRosenstein bemerkt, dass er Gross zwar kenne, aber seine Erwähnung
in Zusammenhang nicht für wichtig gehalten habe. Die Hemmung als letzt-
Ursache der Neurose sei bis jetzt nicht widerlegt worden. Unter der
Sejunktion sei ja bloss eine Anlage verstanden.Spielrein verweist darauf, dass Bleuler in seiner Auffassung der Ambi-
valenz den Mangel an Aktionsfähigkeit auf zwei einander entgegenwir-
kende Kräfte zurückgeführt habe. Den Komplex nehmen wir normalerweise
nur in der Differenz der beiden antagonistischen Kräfte wahr.Markus bemerkt dagegen, dass zwei entgegengesetzte Strebungen auf ein
Objekt gerichtet nicht Gleichgültigkeit gegen dasselbe hervorrufen
werden, sondern das Gegenteil.Prof. Freud bemerkt, dass mit der Annahme der sejunktiven Disposition
nichts gewonnen sei. Die Unfähigkeit zur Synthese sei allerdings tat-
sächlich angeboren, da sie beim Kind in exquisiter Weise auch äussert.
Erst später empfinden wir es unerträglich inbezug auf dasselbe Objekt
zwei entgegengesetzte Arten des Verhaltens unvereinigt nebenein an-
der zu dulden wie es beim Kind der Fall ist. Auch in der Religions-
geschichte lässt sich dies verfolgen, da oft (beispielsweise bei den
Aegyptern) alle aufeinander folgenden Gestaltungen der Götter neben-
einander erhalten bleiben.
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