[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Wittels ›Die natürliche Stellung der Frau‹ 1908-421/1908.01

Rank, Otto (1908-421/1908.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Wittels ›Die natürliche Stellung der Frau‹

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    Einundzwanzigster Vortragsabend
    am 11. März 1908.




     

    Die natürliche Stellung der Frau.
                                                         Dr. Wittels.

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    Vom Problem der Menstruation ausgehend, die das Problem der Weiblich-
    keit in sich schließt, bespricht der Vortragende die Bedeutung der
    Periode bei den Naturvölkern, in den Mythen und Volksbräuchen
    (nach Plinius: das Anlaufen der Fingerringe zur Zeit der Periode, Stumpf-
    werden einer Pflugschar, die eine Menstruierende überschreitet etc. etc.), das
    Verständnis der Tiere (besonders der Hunde u. Vögel) für diese Er-
    scheinung (nach Brehm die Vorliebe der Kanarienvögel für die anders-
    geschlechtlichen Menschen) und gelangt dann zur kurzen Besprechung
    der wissenschaftlichen Theorien der Periode. Die Pflüger'sche Theorie der
    monatlichen Eireife sei durch Experimente als unrichtig erwiesen worden;
    jetzt erkläre man die Menstruation durch innere Sekretion: das Weib
    entgifte sich alle Monate. – Die Bedeutung werde der Periode abge-
    sprochen von den Bisexualisten, die behaupten, daß nicht
    nur das Weib eine Periode habe sondern auch der Mann und daß
    das nicht die einzige Periode sei, die im organischen Leben vor-
    komme. – Auch vom Weibe selbst werde die Menstruation geringge-
    schätzt, beschämend empfunden und geheimgehalten. – Die Frauen
    sollten nicht den Gürtel der Charitinnen abwerfen. —
    Der V. bespricht sodann sein Problem vom geologisch-biologisch-
    darwinistischen Standpunkt und entwirft ein Bild der Entwicklungs-
    geschichte des Menschen, deren Entstehung man in die Eiszeit ver-
    legt hat, der aber aus vielen Gründen damals nicht entstanden
    sein kann. – Das wesentlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen
    Mensch und Tier sei neben der Unabhängigkeit des menschlichen, bes.
    des männlichen Sexualtriebes von der Periodizität (den Brunstzeiten
    der Tiere) darin zu sehen, daß der Geschlechtstrieb des Tieres aus-
    schließlich dem Zwecke der Fortpflanzung diene, während er beim
    Menschen noch den Zweck des Lustgewinnes habe. – Zu dieser Art
    Lustgewinnung gehören neben einer gewissen Intelligenz auch besond.
    günstige äußere Bedingungen (Paradies), die nur in der Tertiärzeit vor-
                  handen

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    vorhanden waren. Auch einige andere wichtige Charakteristika der
    Menschwerdung stünden in Zusammenhang mit dem Liebesleben:
    so der aufrechte Gang des Menschen, der vielleicht nur einem
    primitiven exhibitionistischen Akt, dem Zeigen der geschlecht-
    lichen Bereitwilligkeit, seine Entstehung verdankt. – Auch das bis
    jetzt ungeklärte Problem der Nacktheit ließe sich vielleicht mit dem
    Hochstand der Sexualgefühle zur Zeit der Menschwerdung erklären: der
    Mensch hat vielleicht den Haarpelz ausgezogen, um inbrünstiger umarmen
    zu können. – Ein Teil der Menschwerdung wäre so Verdienst des Weibchens, aller-
    dings ein passives Verdienst: denn sie brauchte dabei nichts als nur
    Weibchen zu sein. —
         Aber bald war die Fruchtbarkeit hinderlich, weil Zeit zum Liebesgenuß
    verloren ging; – ein Teil der Libido des Weibes wurde durch Ablenkung in
    mütterliche Bahnen sublimiert, wodurch die weibliche Libido
    kleiner wurde als die männliche. Es trat eine Not an Weibchen ein,
    die vielleicht die erste Not überhaupt war, die der Mensch kannte (wie
    vielleicht das Weib vielleicht auch das erste Gut war das er schätzte). Der Mann
    mußte nun auch einen Teil seiner Sexualität sublimieren, um über-
    haupt etwas von ihr zu haben: Er erfand also die sublimierte, geistige
    Sexualität: die Erotik (Gesang, Tanz, Musik). – Die erste Sprache sei
    wahrscheinlich aus dem Gesang hervorgegangen und hatte vielleicht den
    Zweck dem Weib die Liebe eindringlicher zu gestehen als die Musik
    vermag. – Auch die Entstehung der Perversionen müßte in diese
    Urzeit verlegt werden; sie entstanden um die große Fruchtbarkeit
    einzuschränken. —
         Das Weib wurde vielleicht auch zur Ursache der Primordial-Religion;
    sie war verehrungswürdig, nahm ursprünglich eine Herrscherstellung
    ein & fühlt sich heute noch in dieser Rolle wohl; – denn das
    Weib ist im Gegensatz zu dem sich rastlos verändernden Manne die
    konservativste Schöpfung.
         Die Eiszeit machte diesem herrlichen Naturzustande ein Ende.

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    Bei den wenigen überlebenden Menschen, die schwer um die Erhaltung des
    Daseins kämpfen mußten, wurde der Wert der Liebe herabgesetzt. Sein
    Unglück lehrte den Menschen nun auch an böse Götter glauben. – Er
    erfand Feuer u. Axt und wurde so wie etwa heute die Naturvölker sind.
    Jetzt wurde das Weib zur Arbeiterin gepreßt und da sie als solche nicht
    viel leisten konnte, wurde sie verachtet und so zum Prinzip des
    Bösen, wie auch in der Religion immer die anfänglich verehrten Götter
    später zu feindlichen werden. Man verlangte vom Weib weder Keuschheit
    noch Treue, es blieb ihr die innere Freiheit. – Aber nachdem sie so
    ihre Stellung als Geliebte verloren hatte, gewann sie sie wieder als Mutter.
    Der Mensch erfand das Hordenleben. Nach dem Vorbild der Mutterliebe ist
    vielleicht die Kameradschaftsliebe gebildet. – Die Frau war nur so lange
    Gegenstand der Verehrung bis das Eigentum erfunden war; er wollte
    dieses Eigentum vererben und sperrte darum das Weib in den Käfig der
    Ehehe. Der Mann braucht das Kind für sich, er gebiert es sozusagen selbst
    (Männerkindbett). Aber das Weib mußte nun seine Stellung als Mutter
    aufgeben als das Kind einen Vater bekam. – Diese neue Kultur wird aber
    häufig vom Weib übertreten; sie muß jetzt nicht mehr schön sondern
    keusch sein, sie soll nicht mehr Lust spenden sondern auch treu sein;
    sie muß sich nun schmücken. – Eine Folge davon ist unsere heutige
    gottverfluchte Kultur, in der die Weiber bedauern, nicht als
    Männer auf die Welt gekommen zu sein; – sie suchen aber Männer zu
    werden (Frauenbewegung). Die Leute haben keinen Sinn für das Ver-
    kehrte und Sinnlose dieser Bestrebungen, aber auch die Frauen selbst nicht. —


     

    Diskussion:
         Bass hält die Bemerkung, daß in den Zeiten der Not der Geschlechts-
    wert der Frau in den Hintergrund trete, für nicht zutreffend. – Man könne im
    Gegenteil heute sehen, daß gerade die Schichten, denen es am
    allerschlechtesten geht, am eifrigsten dem Geschlechtsgenuß frönen, der ihnen
    alle ersetzen muß. —

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    Sadger weist, im Zweifel ob der Vortrag ernst gemeint sei, auf eine
    ganze Reihe von Unrichtigkeiten hin, die sich aus der Voraussetzung,
    das goldene Zeitalter auf die Basis der Sexualität zu stellen, ergeben. —
        Perversionen bei Tieren, die nicht Haustiere sind, habe Prof. Karsch nach-
    gewiesen. —
    Deutsch glaubt die Hypothese der Nacktheit unterstützen zu können. —
        Hypertrichosis finde sich bei Frauen da, wo eine Anomalie an den
    Sexualorganen vorhanden ist. —
    Stekel bezeichnet den Vortrag als dichterische Phantasie. Wittels liebe es, seine
    persönlichen Erlebnisse in die frühere (gesellschaftliche: Novellen) Zeit zu-
    rückzuverlegen. – Er macht dann noch einige kritische Bemerkungen
    über Einzelnes. – Nach Darwin könne man Behaarung und Enthaarung
    nachweisen. Da heute die Behaarten bevorzugt sind, müßte nach
    dem Prinzip der Zuchtwahl eine Behaarungsperiode herbeigeführt werden. —
    Urbantschitsch bemerkt, der Vortrag, wenn er auch eine Hypothese sei, so
    sei er doch eine geniale Hypothese. – Einige Punkte möchte er weiter ver-
    folgen. –    Die Ursache der Nacktheit sei nach Bölsche die Bekleidung. —
    Hitschmann geht zunächst den psychologischen Ursachen des Referates
    nach: Es sei eine Kette von Widerständen, die [der Vortragende] als peinlich und seinem
    sexuellen Ausleben hinderlich, der Reihe nach bekämpfte: die
    Schwangerschaft, die durch Bildung unerreichbare Weib, dann die
    Syphilis und nun habe er mit Plastik die sonst unbedeutende
    Erscheinung der Menses geschildert. – Man könne das nur als
    Phantasien eines jugendlichen Reaktionärs bezeichnen. – Das
    wichtigste, das ökonomische Motiv, habe er fast nicht gewürdigt.
    Die eine Stelle, wo er sich mit den ökonomischen Bedingungen der
    Mädchen beschäftigt, deutet nur darauf hin, daß er heiraten wolle. — —
        Sonst habe er ganz hübsche Sachen gesagt. —
    Ein wichtiges Prinzip sei die Austragzeit, die eine große Rolle spiele. —
    Not an Weibchen bei der Polygamie ist schwer zu erklären. —

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    Dass die Frau erst als Göttin gedient hätte, sei unwahrscheinlich; sie habe
    vielmehr auch an der Schöpfung des Gottesbegriffes mitgearbeitet.
    Prof. Freud spricht zunächst sein Wohlgefallen an dem Vortrag aus, der ihn
    amüsiert und angeregt habe. Es handle sich natürlich dabei um eine
    Phantasie; aber die Linien, die wir in der Wissenschaft zu verfolgen
    gewohnt sind, sind hier richtig verlängert. – Einige verdienen
    doch aus dem Phantastischen hervorgehoben zu werden. – So die Idee,
    daß die Menschwerdung sich in einer Zeit des Überflusses vollzogen haben
    muss, in der die Libido frei war; ebenso dass sich der Mensch damals
    auf die Perversionen geworfen hat. – Auch der wesentliche Unterschied
    zwischen Mensch und Tier sei in der Permanenz der menschlichen im
    Gegensatz zur Periodizität der tierischen Libido treffend charakterisiert.
    Auch die Details der Menschwerdung stehen viel mehr unter dem
    Einfluss der Sexualität als man meinen sollte; die ökonomischen
    Gründe werden überhaupt in der möglichen Bedeutsamkeit, die sie
    haben können.
         Der Einwendung von Bass sei damit zu begegnen, dass es sich ja
    um die Schätzung des Weibes um die Erotik handle, die in diesen Ver-
    hältnissen verkümmert sei:
         In einem Aufsatz über die Hörigkeit der Frau sei es J. St. Mill ent-
    gangen, dass die Frau nicht zugleich erwerben und Kinder aufziehen könne.
    Überhaupt profitieren die Frauen als Gruppe gar nichts durch die moderne
    Frauenbewegung; höchstens einzelne. —
    Adler bemerkt, es könnten einige anregende Gedanken in dem Vortrag sein,
    man müsste aber genau suchen. Wittels hätte sich mehr mit der
    Gegenwart und vielleicht auch mit der Zukunft beschäftigen sollen;
    statt dessen hat er als Reaktionär sich an die fernste Vergangenheit
    gewendet um dort Schwächen zu suchen. – Der wesentliche Unter-
    schied seiner Stellung von der des Vortragenden u. d. Professors sei der:
    während alle annehmen, dass der Rahmen der gegenwärtigen Gruppierung
    von Mann und Frau unveränderlich sei, nehmen die Sozialisten an,

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    dass der Rahmen der Familie heute schon erschüttert sei und es noch
    mehr werde. —
         Die Frau wird sich nicht hindern lassen durch die Mutterschaft einen
    Beruf zu ergreifen: entweder wird sie einigen hinderlich bleiben oder aber
    sie wird ihre Beschwerden verlieren.
         Was den aufrechten Gang betrifft, so handle es sich bei der Gestaltung
    des Fusses um eine Degenerationserscheinung: Beine sind degenerierte Arme.
    Der Exhibitionismus sei vielleicht erst später dazugekommen.
         Die Besprechung des Mutterrechts war zu dürftig. – Durch das Erb-
    recht sei das Vaterrecht an die Stelle des Mutterrechts getreten. In den Studien von
    Marx sei geschildert, wie unter der Herrschaft des Eigentums alles zur Herrschaft
    wird. Die Frau werde zum Eigentum und da entspringe ihr Schicksal.
    Zuerst muss deshalb die Frau als Eigentum beseitigt werden. —
         Schließlich bringt Adler eine Erzählung von Karl Ewald: Adam & Eva
    aus den Märchen der Gegenwart zur Vorlesung. —
    Joachim beschränkt sich [auf] einige kritische Bemerkungen. Man habe bei der
    Beurteilung den Fehler begangen, dass man ein einzelnes Glied aus der
    Kette herausgerissen habe. – Dass die Beine durch Degeneration entstehen,
    das wäre doch keine Ursache sondern nur ein Effekt; derselbe gelte vom
    Erbrecht. —
         Hitschmann nennt nachträglich noch ein Buch: Der Mensch als
    Vierfüßler von Ernst Klotz —    Durch Koitus von vorne haben sich
    ungünstige Verhältnisse für die Reizung der Klitoris ergeben; ob das
    nicht auch für die Anästhesie von Bedeutung sei? —
         Prof. Freud erwähnt aus der Zeitschrift für Religionspsychologie einen
    Aufsatz von Schröter: Die Erotogenese der Religion, wo als die
    ersten Götter die Genitalien genannt werden u. aus der Ekstase des
    Koitus das religiöse Gefühl abgeleitet wird. —
    Wittels polemisiert zunächst gegen Adler. — Er zitiert einen Satz
    des Paracelsus über den fundamentalen Unterschied von Mann und Weib. – Die
                                            Differenzierung

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    Differenzierung der Geschlechter sei umso größer, je höher man in der
    Tierreihe komme. Die Menstruation sei der wichtigste Unterschied zwischen Mann u. Weib. —
         Es lasse sich nicht vereinigen Freudianer und Sozialdemokrat zu sein;
    daher kämen Adlers Widersprüche. – Der Fuß sei nur in bezug auf die Hand
    eine Degeneration; sonst nicht. —
         Exhibitionismus beim aufrechten Gang: der Penis der höheren Säuge-
    tiere sei versteckt; die immer deutlicher werdende Exhibition spiele in der
    Biologie der höheren Säugetiere eine große Rolle. —
         Die Bölschesche Erklärung der Nacktheit sei missglückt zu nennen. – Nach
    Exner dienen die Haare am mons veneris zur Verminderung der Reibung. —