S.
Berichte aus den wissenschaftlichen Vereinen.
Wiener Medizinisches Doktorenkollegium.
Sitzungen vom 14., 21. und 28. Oktober 1895.
(Original-Bericht der , Wiener Med. Wochenschrift".)
Doz. Dr. Freud: Ueber Hysterie.
Bis vor 10 Jahren handelte es sich darun, die Hysterie vom
organischen Erkrankungen des Nervensystems zu trennen. Dieser
Theil der Aufgabe wurde von Ch arcot erledigt. Die jetzige
Aufgabe besteht darin, Hilfsmittel zu suchen, wodurch es er-
möglicht werden soll. die Hysterie von den anderen Neuroscn
diagnostisch unterscheiden zu können. Im Chaos der Neurosen
gibt die Hysterie jenen Symptomenkomplex, der sieh am ehesten
von den anderen differenziren lässt; die Nenrasthenie zeigt deni
gegenüber ein verschwommenes Bild. Diese beiden Neurosen
sondern sich allerdings nur in ihren extremen Erscheinungen von
einander. in den mittleren Formen Hiessen sie zusammen; indem
neurastheische und hysterische Symptome Zusammen VOr-
kommen. In den jugendlichen Formen dieser beiden Neu-
rosen tindet man eine scharfe Sonderung; gewöhulich zeigt dann
Hysterie bei Jängerem Bestande neurasthenische Symptonme.
Die wichtigsten Neuro:en sind die Hysterie, Neurasthenie im
engeren Sinne, Angstneurose und Zwangsneurose, indem die Neur-
asthenie in gewöhuliehem Sinne in diese letzteren zwei Neurosen
getheilt ist. Die Reclhtfortigung dieser Scheidung liegt darin,
dass mit der Versclicdenheit der Symptomatologie eine Ver-
scbiedenheit der Aetiologie parallel läuft. Die Zwangsneurosen
äussern sich klini:.ch in dem ausschliesslichen Vorkommen von
Zwangsvorstellnngen. ln jenen Pällen, wo neurasthenische Sym-
ptome und Zwang: vorsteliungen beisammen sind, haudelt es sich
nm eine Vermengung von Neurasthenie mit Zwangs- und Angst-
neurosen : Ernüdumg. beständiger Kopídruck, Stuhlverstopfung
spinale Schmerzen, Parüsthesien, daneben Ueberreizung, beständige
Unuhe. Krankheitsturcht, allgemeine Aengstlichkeit, Herzbeschleu
nigung. Schweissausbriiche, Schlafstörung, Heisshunger, Ueblich-
keiten als Rudimente oder Åequivalente des Angstantalls.
Als Aetiologie der echten Neurasthenie sind entweder
Schädliclikeiten des sexuellen Lebens zu finden: Masturbation,
oder es Jandelt sich un eine hereditäre Erkrankung des Nerven-
systems, Als Aetiologie der Angstneurose sind cbenfalls sexuelle
Schädlichkeiten, jedoch anderer Natur zu betrachten: Abstinenz
bei vorhandener geschlechtlicher Kraft, abnorme Ausübung des
sexuellen Bedürfnisses, bei Frauen hauptsäcllich der Coitus
interruptus.
Die Neurosen, die wir gewöhnlich vorfînden, sind Misch-
neurosen. Die Hysterie erscheint als ein Theilkomplex aus einem
grossen Komplex. Der Mechanismus der Hysterie ist ein psychi-
scher, die anderen Neurosen haben einen somatischen Mechanismus.
Die bysterischen Symptome entstehen durch den psychischen
Mechanismus der Verdrängung. Eine Erklärung hiefür ergibt sich
aus der Kombination der wichtigsten hysterischen Symptome;
diese sind: W ahrn ehmungen oder W ahrnehmungs-
reste, so dass die Patienten von Hallucinationen gequält wer-
den; ferner die motori s chen Entladungen als heftigeAffektäusserungen, wie krampfhaftes Weinen, Lachen, Zuckungen;
eine andere Gruppe sind komplizirtere psychische Bildungen, Vor-
stellungskomplexe, Tendeazen und Abulien (Nicht essen,
nicht gehen). Das hiutigste Vorkommniss ist dic Kombination
von Wahrnehmungsresten 1mit motorischen Reizungen, so dass,
wenn eine hysteriselhe Person sich zum Essen oder Gehen zwingt,
eine hetige Affektänsserung auftritt. Die Symptome haben den
gemeinsamen Charakter, dass sie dem Willen der betreffenden Per-
Son entzogen sind. Der sonstige psychische Ablauf kann das Auf-
treten dieser Symptome absolut nicht hindern ; Alles, womit man sonst
normalerweise dem Ablaufe seiner Vorstellungen entgegentritt,
ist für diese Symptome ausgeschaltet. Es sind überstarke Vor-
stellungen, die mit einem Zwange behaftet sind. Immer, wenn
ein solcher hysterischer Zwang besteht, hat eine Verdrän-
gung stattgefunden. Die hysterische Person kanu z. B. nicht
essen, wenn sie isst, bekommt sie Ekelgefühl und Erbrechen ; in
diesen Fällen ist die Erinnerung an .eine einst während des
Essens sich abspielende unangenehme Szene verdrängt worden,
denn die hysterische Person erinnert sich bei der Afektäusserung,
welche der Versuch des Essens hervorruft, absolut nicht an die
riiher stattgehabte unangenehme Szene. Auf welche Weise ent-
steht dureh Verdrüngung das hysterische Symptom? Konstant
ist die Neigung, sich einen Vorwurf zu machen, konstant ist das
Schuldbewusstsein, welches an ein im Leben des Individuums
faktisch vorgekommenes Ereigniss anknüpít. Dann tritt die Ver-
drängung ein, indem es dem Individunm unangenehm ist, an
dieses stattgehabte Ereigniss u denken; es gelingt, diese Erinne-
rung wirklich zu verdrängen, Nun wird das Schuldbewusstsein über-
stark, es taucht der Person das Bewusstsein auf, sie hätte etwas be-
gangen, weiss aber nicht mehr, was; nun tritt ein Surrogat
ftür die eigentliche Schuld ein und verbindet sich mit den
hyperästhetischen Schuldbewusstsein, die Person glaubt sich einer
That bewusst zu sein, die sie gar nicht ausgefülhrt, hat.
Die Untersuchungsmethode, die bei den Hysterischen anzn-
wenden ist, fällt zusammen mit der Therapie. Es handelt sich
darum. zu den vorhandenen Bruchstücken die fehlenden Vor-
stellungen zu tinden. Während der Arzt arbeitet, um die ver-
drängten Vorstellungen wach zu nfen, heilt er die Patientin,
denn sobald der Arzt erfalren hat, welche Vorstellung verdrängt
ist ist dieselbe nicht mehr verdrängt. Die therapeutische
Aufgabe ist eine rein theoretische, es handelt sich darum, die
verdrängten Mittelglieder zu finden ; diese Mittelglieder zu er-
rathen, ist für den Arzt unmöglich, die Kranke aber weiss sie
nicht, sie sind verdrängt. Um nun diese verdrängten psychischen
Vorstellungen im Bewusstsein des Anderen wachzurufen, hilft man
sich dureh einen der Hypnose ähnlichen Vorgang: Es gelingt
zunächst, eine jener Erinnerungen wachzuruten, welche an die
letzte fehlende Vorstellung geknüpft ist. Sodann legt man der
Person die Hand auf die Stirne und fordert sie auf, in den
Momente, wo die Hand die Stirne drücken wird, ihre ganze Ant
merksamkeit auf jene Vorstellung, die verdrängt ist, zu richten ; wen
man sodann die Stirne drückt, taucht in der That die Vorstellung im
Gedächtniss auf. Die Patientin ist nicht im Stande, ihre Aufmerk
samkeit spontan dieser Vorstellung zuzuwenden, es besteht ein
Widerstand, sich daran zu erinnern, die Patientin kann an diese
Vorstellung nicht denken, "weil sie nicht daran denken will. Es
besteht ein Unterschied zwischen dem Zustande der Hysterischen
und den normalen Menschen, die an etwas nicht denken wollen;
die letzter en wissen, dass sie sich an gewisse Dinge nicht erinnern
wollen, die Hysterischen aber glauben, dieselben vergessen zu
haben. In keinem Falle hat Redner bei Anwendung dieser Methode
erfolglos gearbeitet, wenn es auch Wochen und Monate dauerte,
bis er zum Ziele gelangte.
Dr. Gro ssmann spricht über hysterische Symptome, die
im Bereiche des Kehlkopfes zur Beobachtung gelangen. Es sind
das hochgradige doppelseitige Paresen der Stimmbänder, ohne dass
irgend eine lokale Erkrankuug nachgewiesen werden kann. Die
Symptome können spontan verschwinden und spontan wieder anf
tauchen. Häufig sind dabei Schlingbeschwerden zu beobachten.
Dr. Breuer bemerkt, dass er lange nicht an der Richtig.
keit der von Freud aufgestellten Theorien glauben wollte
gegenwärtig jedoch sei er dureh die Fiülle der Thatsachen über-S.
zeugt worden. Redner stimmt Freud bei, wenn letzterer be-
hauptet. die ursprüingliche Wurzel der Hysterie sei in der
sexaellen Sphiire des Individuums zn tinden, damit ist nicht gesagt,
lass jes einzelne Symptom der Hysterie anf sexueller Basis
tertałie. Wenn auch die Theoric, welche Freud aufstellt, micht
vollständi tefricdigen mag, so sind wir doch durch die Ver
mehrung e Thatsachen dureh Freud um eiu gutes Stiück in
1er Lehre der Hysterie vorwärts gekommen.
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Doz. Dr. Freud: Ueber Hysterie
1895-411/1895.92