Erster Vortragsabend am 14. Oktober 1908. Der Traum ein Leben und seine Beziehungen zu Grillparzers Neurose. Dr. Stekel 1908-523/1908

Rank, Otto (1908-523/1908): Erster Vortragsabend am 14. Oktober 1908. Der Traum ein Leben und seine Beziehungen zu Grillparzers Neurose. Dr. Stekel

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    Erster Vortragsabend
    am 14. Oktober 1908




    „Der Traum ein Leben“ und seine Beziehungen
    zu Grillparzers Neurose.



    Dr. Stekel.

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    Stekel weist eingangs darauf hin, dass alles Wertvolle, was wir vor
    Freud vom Traum wußten, von den Dichtern gesagt wurde. Ihnen
    hat sich der Zusammenhang von Traum und Dichtung auch
    aufgedrängt (bes. Jean Paul und Hebbel). Auch Grillparzer
    hat sich viel mit dem Problem des Traumes und mit seinen
    eigenen Träumen beschäftigt. — Nachdem nun die Haupt-
    probleme des Traumes so ziemlich erschöpft seien, interessieren
    uns jetzt die feineren Details: so zum Beispiel der Traum im
    Traum. Stekel versucht an zwei Beispielen aus der Praxis nach-
    zuweisen, dass dieser Traum im Traum zur Beseitigung unliebs-
    samer Tatsachen diene, dass er gleichsam die Redensart: „ach,
    das Ganze ist ja nur Traum“ zum Ausdruck bringe. Das-
    selbe sei nun in Grillparzers Gedicht der Fall. Auch das
    sei ein Traum im Tr., da ja die ganze Dichtung selbst als Traum
    des Dichters aufzufassen sei. — Ref. geht zunächst nicht
    von den Werken sondern vom Menschen Grillparzer und
    speziell von seiner Neurose aus. Gr. habe an Zwangs-
    neurose gelitten und „der Traum ein Leben“ sei der
    Tr. eines Zwangsneurotikers. Der Charakter des Zwangs-
    neurotikers sei nach Freuds Ausführungen der Zweifel,
    u. zw. der Zweifel an der Liebe. — Rau (G. u. sein Liebe-
    leben) behauptet in Gs Dichtungen wäre nichts per-
    sönliches, man könne aus denselben nichts über den Menschen
    G. herausfinden. Das entspreche aber nicht der Tatsache:
    G. habe vielmehr alle seine Leiden in seine Werke hinein-
    gedichtet.
         Der Zweifel an allem drücke sich in dem Gedicht: Incubus
    aus, das er mit 30 Jahren schrieb. Er hatte eine Reihe von
    Zwangs-Vorstellungen u. Zwangshandlungen. — Auffallend
    sei sein Benehmen gegenüber Kathi Fröhlich. Ref. verliest

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    hierauf eine Stelle aus Gs Tagebuch, wo er über den Grund seiner
    Abneigung. — G. kämpfe überall zwischen sexual-Neigung und Abneigung.
    Er wird von zwei mächtigen Strömungen hin- und hergezerrt; von
    einer homosexuellen in eine heterosex. hineingerissen.
         Ref. berichtet dann einiges über Gs Sexualleben. Zunächst
    über die Eltern. Seinem strengen nüchternen pedantischen
    Vater gegenüber verbarg G. unter der Hülle der Liebe einen
    glühenden Hass. +) Über seine eigenen sonstigen Eigenschaften
    berichtet G. sehr freimütig im Tagebuch: Eifersucht, Hass, Liebe
    Neid spielen — wie bei allen Zwangsneurotikern eine grosse Rolle.
    Auch der plötzliche Versagen des geistigen Apparates sei charakt.
    Wie ihm nämlich der entfallene Stoff zur Medea bei einer
    Haydn-Symphonie, die seine Mutter sel. liebte — wieder einfiel. —
    Stekel kommt dann auf Gs Traumanalyse im Traum von der
    „Martine“ zu sprechen u. bemerkt, dass bei Zwangs. N. die Ver-
    giftung eine grosse Rolle spiele, auch in dem vorliegenden
    Drama. —
         Neben dem Zweifel spiele die Unfähigkeit zu Entschlüssen
    eine bedeutende Rolle. Auch Rustan werde nur durch
    die Verhältnisse gedrängt.
         Ref. geht nun zu dem dramatischen Märchen selbst über.
    Den Stoff dazu entnahm G. einer Novelle Voltaires: Le blanc et le
    noir, wo sich einige Gedanken über den Traum finden. Bei V.
    heißen die Fürsten jener Gegend Mirza. Rustan sollte in der
    früheren Fassung Ismael heißen, ein Name, der die drei
    auch im Namen des Dichters vorkommenden Vokale enthält (i, a, e).
    Die verschiedenen Umarbeitungen zeigen am besten was ursprünglich
    beabsichtigt war.
         Mirza steht im selben Verhältnis zu Rustan wie Gs erste
    Liebe, seine Kusine, in Leben zu ihm stand. Sein Vater kommt
    in mehrfacher Gestalt vor, eine derselbe, u. zw. die gute Seite

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    +) Als sich G. dem Totenbette seines sterbenden Vaters näherte sagte
    dieser: zu spät! Solche Worte sind im Leben der Neurotiker
    unheilvoll. Wiederholt ist in Gs Dichtungen dieser Vaterhass
    übergegangen; so in Gedichte: die tragische Muse und in
    der Ahnfrau, die den Vatermord behandelt. Dabei ist die
    Schwester statt der Mutter eingesetzt in folge einer Verschiebung.
    Seinem Bruder Karl stand Franz feindlich gegenüber und Kamillo,
    der Liebling der Mutter, war ihm nicht sonderlich sympathisch.
    Aber sein Verhältnis zur Mutter ist nicht viel bekannt. Mit
    Rücksicht darauf, dass er den Haushalt bestritt sagt er
    einmal er sei ihr Sohn u Gatte. — Seine erste Neigung war
    eine Kusine Marie Rizzi, woraus Mirza eine Zusammen-
    ziehung ist. — Seine homosex. Komponente zeige sich in
    seinem Verhältnis zu Altmütter. Er nennt ihn „lieber Karl“. 
    Diese Namensgleichheit mit seinem Bruder, war wohl
    nicht ohne Einfluss auf Gs Neigung, wie überhaupt die
    Symbolik des gleichen Namens eine bedeutende Rolle spiele.

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    ist unzweifelhaft Massud. Zanga ist das personifizierte Unbe-
    wußte, Unterdrückte, er trägt auch viele Züge seines Bruders Karl.
    Osmin, Rustans Nebenbuhler hieß ursprünglich Sapor und ist,
    der Schilderung nach (Akt I) 
                         (aus?) weibiher
    Grillparzers        Bruder Kamillo (Vokale a u. o) Er spielt
    in der ersten Fassung eine grosse Rolle u. trat später zurück; als
    Nebenbuhler hat er R. die Gunst der Prinzessin entzogen, wie eben
    Kamillo die Liebe der Mutter geraubt hat. — Es heißt, der Napo-
    leons Schicksal G. bewogen habe, das Stück zu Ende zu führen.
    N. war aber, wie G. selbst, der Sohn eines Advokaten; es sind
    wahrscheinlich Größenphantasien bei G. dabei wirksam gewesen,
    wie sie ja auch im Stück angedeutet sind (Zanga verwischt
    Rustans Abkunftspuren). Gr. haßte übrigens auch seinen Namen,
    wie alle Menschen, die ihren Vater hassen.
         Ref. bespricht dann an der Hand des Dramas Szene für Szene, u.
    liest besonders wichtige Stellen vor u. knüpft daran die Deutung. —
    Für die Szene des ersten Aufzugs, wo sich Mirza zwischen Massud u.
    Rustan setzt, um diesen vor dem Zorn des Alten zu schützen, war
    gewiss eine häusliche Szene, wo die Mutter zwischen Vater u. Sohn ver-
    mittelte, vorbildlich. —
         Im Traum selbst (II. Aufzug) sei zunächst die Szenerie deutlich
    sexualsymbolisch aufzufassen, wobei die Symbolik von rechts u.
    links, ganz wie in den Analysen, durchgeführt sei. —
    Zu erwähnen sei auch die Symbolik d. Schlange. — Der Mann vom
    Felsen sei eine der Gestaltungen des Vaters. G. wollte ein
    Stück: der Purpurmantel schreiben (Königsmantel, Vatermantel);
    hier hat d. Mann einen braunen Mantel. — Gülnare, die Prinzessin,
    die der Mutter entspricht, ist erst in der letzten Fassung über
    alle menschliche Liebe erhaben dargestellt. — Der Mann vom Felsen
    (der Vater) erinnert ihn an Osmin (den Bruder); er wollte den Vater u.
    den Bruder morden. Rustan sagt von ihm: „sein Berühren ist
    Entmannen,“ was auf ein infantiles Erlebnis mit dem Vater

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    zurückgehen dürfte (Kastrationsdrohungskomplex). — Die Wunsch-
    erfüllung des ersten Traumaktes ist: er leistet dem König (Vater u.
    Mutter) einen grossen Dienst u. tötet Vater u. Bruder. — Der alte
    stumme Kaleb, der ihn des Mordes anklagt, ist wieder der gemordete
    Vater. — Die alte Hexe personifiziert seine Mutter, die somit auch in
    der Gestalt zweier Personen erscheint. Es ist dabei auch eine Ver-
    gewaltigungsphantasie angedeutet. In dem Bericht des Osmin,
    den der König liest, wird Mirza direkt mit Gülnare iden-
    tifiziert. — Ein homosex. Zug ist es, wenn Rustan dem Zanga
    befiehlt, ihm den Dolch von rückwärts in den Leib zu stoßen. —
    Rustan stirbt dann auf derselben Brücke, auf der sein Vater starb.
    Zanga verwandelt sich in den Teufel, den Versucher. — Schließlich
    überkommt R. dann das befreiende Gefühl, da er fühlt es sei alles
    nur ein Traum, er hasse niemand u. habe ein vom Mord freies Gewiss.
    Am Schluss spricht auch G. einen Gedanken aus, der der Freudschen
    Traumtheorie nicht sehr fern liegt wenn er sagt, dass der Traum
    die Wünsche nicht erschaffe, sondern die vorhandenen wecke.


    Diskussion:

         Federn findet in dem Vortrag den ganzen Stekel mit allen seinen
    Fehlern u. Vorzügen. Mit gewohnter Kritiklosigkeit werfe er
    alles durcheinander u. sei in den Details ganz willkürlich,
    worauf er aber weiter nicht eingehen wolle. Ausdrücklich
    möchte er nur hervorheben, dass das Vorgebrachte keineswegs
    zur Annahme berechtige, G. sei Zwangs-Neurotiker gewesen.
    Reitler möchte demgegenüber bemerken, dass St. Vortrag ge-
    diegen gewesen sei u. von fleissiger Arbeit zeuge. Einwenden
    möchte er, dass derartige Umkehrungen u. Verwandlungen
    von Vater u. Mutter, wie sie St. geltend machte, nicht vor-
    kämen. Gegen die verdichtende Traumtechnik verstosse es

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    wenn Stekel den Vater in so vielerlei Gestalt dargestellt finde.
    Zwangsneurose möchte auch er ausschließen; er finde eine Hysterie
    eines Impotenten. — Dass das Wort „zu spät“ in seinem Leben eine
    große Rolle spiele könne man aus Zippers Biographie ersehen,
    wonach G. es später bei wiederholter Anlässe gebrauchte. Ein neurot.
    Symptom könnte vielleicht auch G. Schwärmerei für Österreich
    sein, welche Liebe zum Vaterland eine Reaktionsbildung auf
    seinen Vaterhaß sein könnte.

    Wittels bemerkt, dass das Drama, nach der bekannten Definition,
    Furcht u. Mitleid erwecken solle; bei Stekel sei dies jedoch nicht
    der Fall, sondern seine Deutung sei eher geeignet diese Gefühle
    zu erwecken. Er behandle die Dichtung wie ein Vexierbild, in
    dem fort der Vater zu suchen sei. — Wenn man in der Deutungs-
    technik so fortfahre werde man bald dazu kommen in allen
    konvexen Gegenständen einen Penis u. in allen konkaven eine
    Vagina zu sehen. Allerdings könne man St. eine gewisse Gewandt-
    heit nicht absprechen in der Form u. Art seiner Methode an-
    zubringen. Es genüge aber doch nicht an hinter jedem Worte des
    Dichters eine versteckte Symbolik zu suchen, denn schließlich
    habe er ja kein anderes Material als die Sprache u. vielleicht
    habe überdies dieselbe bei ihm nicht dieselbe Bedeutung wie
    beim Neurotiker.
    Steiner möchte nur nachdrücklich auf den Gesichtspunkt der
    Impotenz verweisen.
    Rie möchte den Vortrag in zwei ganz ungleichwertige Teile
    sondern. In einem, worin St. — ähnlich wie Brande, der mit
    den Shakespeareschen Stücken tat — das Schaffen an der Hand
    des biographischen Materials durchleuchtet; aus diesem
    Teil des Vortrags habe er manches neue gelernt. — Dagegen
    halte er die Details, die St. vorbrachte, für minderwertig;
    er scheine ihm ein zu grosses Specialisierungsbedürfnis zu haben.
    Der Traum im Tr. sei übrigens beim Neurotiker etwas anderes als
    beim Dichter.

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    Sadger stimmt diesmal ausnahmsweise mit Federns Urteil
    überein. Was St. für Gs Zwangsneurose geltend mache, komme ja
    bei anderen Menschen auch vor; es käme doch nur darauf an, wie diese
    Triebe behandelt u. verarbeitet werden. G. sei entschieden kein Zwangs-
    N. gewesen. — Aus seiner Keuschheit Kathi gegenüber, bei
    der es sich offenbar um eine Übertragung der Mutterliebe handle,
    auf Impotenz zu schließen, wäre sehr gewagt. Zeitgenossen
    bezeichnen G. als großen Steiger.
         Ausserdem wären viele unwichtige Einzelheiten anfechtbar.
    So stand er zu Köchin in gar keinem sexuellen Verhältnis. — Auch sei die
    Behauptung, dass sich die Furchtgedanken in der Ahnfrau auf die
    Mutter bezögen, durch nichts bewiesen u.s.w. Überhaupt gäbe es
    eine Grenze für die Deutung von Dichtungen, da wir das Verhältnis,
    Art u. Grad der Entstellung nicht kennen.
    Rank verweist darauf, dass er seinerzeit in seinem Vortrag über
    das Inzest-Thema, den von Dr. Rie sogenannten ersten Teil des St.
    Vortrags zum großen Teil schon geliefert habe. Er habe noch damals
    aber wohlweislich gehütet, auf die durch nichts zu stützende
    Deutung der heute von Stekel behandelten Dichtung einzugehen,
    unter wohl mancher gewiss so zu deuten wäre, wie’s Stekel
    versuchte.                                                            die heute erfahr. habe
    / Prof. Freud spricht eingangs die Befürchtung aus, dass die Kritik
    auf Hr. Stekel keinen Eindruck machen werde, obwohl seine Arbeit,
    wenn er die Einwände berücksichtigen u. gewisse Übertreibungen
    beseitigen wollte, manches Gute bieten würde.
         Zunächst sei nicht die leiseste Gewähr dafür vorhanden,
    dass G. ein Zwangs-N. gewesen sei; vieles in seinem Charakter
    spreche sogar dagegen. — Bezüglich des Zweifels an der Liebe
    sei St. ein Missverständnis unterlaufen, denn es handle sich dabei
    immer nur um den Zweifel an der eigenen Liebe, nicht der der
    andern. — Überdies sei seine analytische Methode zu radikal.
    Alles, was er bei G. konstatierte, findet sich bei jedem Neurotiker

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    und auch bei allen Normalen. Es genüge nicht, diese Komplexe nach-
    gewiesen zu haben, von denen wir ja wissen, dass sie vorhanden sein
    müssen, sondern es handle sich um den Nachweis einer psychischen
    Lokalisation. Ein Hauptvorwurf sei St. zu machen: das ist nicht die
    Art wie man eine Analyse macht und auch nicht die Art wie man
    sie mitteilt. Man müsse Sadger recht geben, dass es Stellen gäbe,
    die man nicht behandeln könne. Es genüge nicht an die Deutung
    Stelle für Stelle zu denken. Das eine sei auf angeregte Eindrücke zurück-
    zuführen, das andere auf Hemmungen u. so komme man
    allmählich bis hinauf auf die wesentlichen Eindrücke, und dazu
    an einzelnen Stellen die intimen Zusammenhänge nachzuweisen.
    Kurz man müsse in der Darstellung gewiss Niveaus (Niveauunterschiede)
    einhalten. — Es seien gewiss Dinge in der Dichtung, die das Wesent-
    liche von Stekels Darstellung bestätigen. Er hat einen Spürsinn
    für die psychogenen Komplexe (z.B. „entmannen“) nur arbeite er
    ausschließlich mit seinen Einfällen statt sie der Kontrolle
    des bewussten Denkens zu unterstellen. Es ist weit mehr Gutes
    in seiner Arbeit als auf den ersten Blick scheint.
         Das Stück heißt mit Unrecht so: es ist das Dargestellte nämlich
    gar kein Traum sondern eine Phantasie (so arbeitet ja doch der
    Traum nie), die etwa der Mythenbildung zu vergleichen ist.
    Mythen u. Phantasien sind im Vergleich zum Traum paranoid;
    sie neigen anstatt zu verdichten u. enthalten daher Duplizierungen
    sehr häufig: dieselbe Person, ja derselbe Motiv tritt in mehreren
    Duplizierungen auf. In diesen Phantasien ist ein uns bekanntes
    Element: die Rettung des Kaisers oder Königs, die bei vielen
    Phantasien eine grosse Rolle spielt (d. i. der gütige Vater). Im
    Gegensatz dazu aber gewissermaßen identisch damit ist die
    Ermordung des Vaters. — Die Deutung Dr. als Sexualsymbolik
    kann richtig sein und auch nicht. Das einzige Beweismittel ist in
    solchen Fällen der neue Zusammenhang, der sich durch die Deutung ergibt.

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    In der Szene, wo der Vater (Mann vom Felsen) von der Brücke tief ins
    Wasser geworfen wird, könne man eine Anklänge an die in den Familien-
                                                           (die Geburtsdarstellung)
    roman gehörige Aussetzung des Kindes im Wasser erblicken. Nur sei
    hier sowohl die Rettungs- als auch die Aussetzungsphantasie auf den
    Vater übertragen. — Bedeutungsvoll für die Jungfrau sei, dass
    beim Mord der Name des Gülnare werde, das scheine doch auf die
    Mutter zu deuten. /
    Joachim bezweifelt, dass es überhaupt möglich sei ein Dichter-
    werk konsequent zu deuten. Es gäbe ja hierin gar keine Sicherheit.
    Auch wäre damit in psychoanalyt. Sinne nicht viel gewonnen, eher
    verloren. Die Produktionen des Künstlers hat eine große Ähnlich-
    keit mit der des Neurotikers. Ja was erhaltende Wirkung auf komm-
    unale Wirkungen zurückzuführen erscheine nicht recht
    genügend; bei allen Neurotikern erhalte die Wirkung real; das lasse
    sich vielleicht eher durch die Inkongruenz seines Phantasiebildes
    mit der Wirklichkeit erklären.
    Deutsch hebt nur hervor, Stekel sei mit der Kühnheit seiner Deutungen
    bewundernd u. hätte gewiss bei der Niederschrift vieles klar gemacht.
    Utschmann wünscht dem Vortragenden bessere Patienten N. J., dem
    durch seine Psychoanalyse nur geschadet worden wäre. J. sei ein
    impotenter, körperlich leidender Mensch mit einer stark unter-
    drückten Sexualität gewesen. In Rousseaus Confessions erblicke
    er, viel selbst widersprechendes. Stekels Argumentation, weil J.
    die Mutter nicht kennen habe, habe er auch Kathi nicht besitzen
    können, werde angesichts des Umstandes, dass sehr viele Menschen
    ihre Mutter nicht besaßen ohne darum sexualunfähig zu werden,
    sehr zweifelhaft. — Wie weit die Wunscherfüllung die erkennbar sei,
    wurde nicht gesagt: vielleicht könnte man den Wunsch dahin kurz
    zusammenfassen, nach dem Kampf eine Frau zu bekommen. —
    Auch wären die Eltern weitaus stark herangezogen gewesen,
    die man sich überhaupt in diesem Punkt vor Übertreibungen hüten
    müsse (siehe die Eltern Goethes). —

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    Adler bedauert die Reihe der Kontraredner vermehren zu müssen.
    Deutungen eines Dichterwerkes seien nicht so zu machen, dass man
    einzelne Teile aneinanderreiht u. daraus dann einen Sudel zurecht-
    macht. Man müsse vor allem berücksichtigen, dass die Einzelheiten
    verschiedenen Phasen aus dem Leben des Dichters entstammen.
         Wichtig wäre in diesem Falle der Hinweis auf den Zusammenhang
    mit dem rezenten Material gewesen. Es bezieht sich auf Osmin
    und die Szene, die sich am Vortag des Traumes bei der Jagd ereignet
    hat. Die Unbefriedigung aus der (nicht) gelungenen Revanche
    Rustans hervorgeht, leitet zum Traum über. Zu diesem Zug kommt
    Rustans Neigung zu aggressiven Handlungen. — Er versucht das
    im Traum zu erreichen, was er Osmin gegenüber nicht erreichen
    konnte. Von da wäre dann der Zugang zu den infantilen Er-
    lebnissen zu finden: es sind die verweigerten Revanchen, die
    er nicht gegen Bruder u. Vater richten konnte.
     


    Stekel hebt in einem Schlusswort hervor, dass sein Vortrag, wenn er
    nur die Antwort des Professors provoziert hätte, seinen Zweck erfüllt
    habe. Der Kühnheiten sei er sich bewusst; er gehe immer weiter
    als er selbst glaube. Aber doch sei es seine Überzeugung, dass
    das, was er geleistet habe, etwas mehr sei als manche glauben. —