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Wiener medicinisches Doctorencollegium.
Sitzung vom 10. November 1895.
(Originalbericht der Wiener klinischen Rundschau.)
Fortsetzung der Discussion über den Vortrag des Doc. Dr. S. Freud über Hysterie.*)
Teleky: Das Werk der Autoren Freud und Breuer liest sich mit wahrem Vergnügen. Es stellt den ersten Versuch vor, vom psychologischen Standpunkte aus Psychopathien zu er- klären und der Psychotherapie einen Weg zu eröffnen. Sonst endet für den praktischen Arzt die Behandlung Geisteskranker
*) Siehe Wiener klinische Rundschau 1895, Nr. 45.
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mit ihrer Uebergabe in eine Anstalt. Was immer diese Anstalten an Pflege und somatischer Behandlung leisten mögen, psychische Therapie wird dort nicht eingeschlagen. Deshalb bezeichnen Weg und Erfolg der Freud’schen Untersuchungen einen bedeutenden Fortschritt. Freilich ist eine derartige Behandlung mit grossen Schwierigkeiten verknüpft und nicht jeder Arzt wird in der Lage sein, solche Erfolge wie Freud aufzuweisen. Darum wäre es wünschenswerth gewesen, dass die Art der Behandlung des Näheren auseinandergesetzt worden wäre.
Die ausschliessliche Betonung einer sexuellen Grundlage der Hysterie wird sich vielleicht beheben lassen, sicher ist sie für einen Theil der Fälle berechtigt. Schon seit längerer Zeit ist man geneigt, den Schwerpunkt der hysterischen Erkrankung in sexuellen Momenten, allerdings nur in angeborenen oder erworbenen Ver- änderungen der weiblichen Geschlechtsorgane, zu suchen. That- sächlich sind durch Ovariektomie, ja in Israel’s Falle durch Vortäuschung einer solchen Operation, Heilungen erzielt worden. Ein Wiener Gynäkolog führt Hysterie und andere Geisteskrank- heiten auf Hypoplasie des Uterus zurück und hat durch Anwendung der entsprechenden Therapie Erfolge zu verzeichnen. Zwei von seinen Fällen waren von Nervenärzten als unheilbar angesehen worden, kamen aber durch Ovariektomie zur Heilung, deren sie sich seit einem halben und einem Jahre erfreuen. Hier findet sich also neben der Psychotherapie Freud’s noch ein anderer Weg der Therapie.
H. Weiss hält dafür, dass Freud den Kampf ums Dasein, den Beard als Grundlage der Neurasthenie ansieht, in seiner Arbeit unterschätzt habe. Neurasthenie sei eben eine Erschöpfungs- krankheit, ihr hervorstechendstes Merkmal eine Erschöpfung der Arbeitskraft. Deshalb finde man sie so häufig in Amerika. Man sehe ferner auch Leute, die ihr Gesicht ängstlich zu verbergen trachteten, wenn sie vor der Ordination mit anderen Patienten zusammentrafen. Sie litten an Beachtungswahn und klagten freilich Masturbation als Ursache ihrer Erkrankung an. Dabei aber fände man, dass sie populäre Schriften gelesen hätten und sich für schwer krank hielten, zumeist als rückenmarkskrank gelten wollten. Sie repräsentirten Fälle von Hypochondrie und kämen ins Gleich- gewicht, wenn es gelänge, ihre Besorgnisse ihnen auszureden. Auch gebe es Länder, wo die von Freud angeführten sexuellen Missbräuche an der Tagesordnung stünden. Die Zahl der Neurosen sei dort gleichwohl nicht grösser als an anderen Orten. In Frank- reich allerdings sei Hysterie häufiger zu finden. Dieses sei aber ein Land, von politischen Kämpfen vielfach erschüttert, zudem sei dort die Hysterie anders geartet. Ihre besonderen Eigenthüm- lichkeiten rührten von nationalen Unterschieden her. Die Hysterie entspringe aus einem labilen Nervensystem und könne der sexuellen Wurzel entbehren. Uebrigens sei die Betonung des sexuellen Charakters nicht neu. Wenn ein Mädchen, eine Frau ein Geheim- niss mit sich herumtrage, mit dem sich ein psychischer Shok verknüpfte, so könne sich daraus Hysterie entwickeln. Schon Benedikt habe darauf hingewiesen, dass es wünschenswerth sei, in gewissen Fällen nach sexuellen Ereignissen zu forschen. Die Krankengeschichten Freud’s und Breuer’s seien sehr schön geschrieben, man könne sich aber des Eindruckes nicht erwehren, dass sie mit einer gewissen Scholastik dargestellt seien, dass ferne stehende Elemente in sie hineingetragen seien. Auch Breuer’s »hypnoide Momente« seien nicht neu, sondern deckten sich mit dem bekannten »second life« der Hysterischen. Durchaus zu tadeln wäre, wenn Aerzte aus Freud’s Auseinandersetzungen die An- regung holten, Kinder und Frauen nach allen möglichen sexuellen Affairen zu fragen. Trotz dieser Einwürfe stehe er zu Freud’s Lehre doch nicht in voller Opposition. A—r.
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