Gehirn 1888-026/1899

Freud, Sigmund (1888-026/1899): Gehirn

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    820                                                                Geheimnis—Gehirn.

     

     

          Gehirn, das [ἐγκέφαλος (scil. μύελος) das
    Mark, welches im Kopfe (κεφαλή) ist, lat.
    cerebrum]; (frz. cerveau m; engl. brain; it.
    cervello m, encefalo m).

          A. Anatomie. I. Histologie. Das G.
    besteht aus wesentlichen (nervösen) und un-
    wesentlichen Bestandteilen. Letztere sind

     

      die Hüllen des G—s, das Stützgewebe (Glia),
    die Gefässe. Wesentlich sind die Nerven-
    oder Ganglienzellen und die Nervenfasern. In
    der grauen Substanz des G—s befinden sich
    vorwiegend Ganglienzellen, in der weissen
    vorwiegend Nervenfasern. Jede Nerven-
    faser besitzt einen Achsencylinder und eine
    Markscheide. Eine weitere Hülle — Schwann-
    sche Scheide — haben nur die Fasern der
    peripheren Nerven. Die Zellen haben sehr
    verschiedene Grössen. Jede Ganglienzelle
    hat einen grossen, bläschenförmigen Kern,
    Kernkörperchen und etwas Pigment. Die
    Zellmasse besteht aus zwei Substanzen, einer
    Grundsubstanz, die sich mit gewissen Farb-
    stoffen (Methylenblau der Nisslschen Fär-
    bung) nicht färbt, und eingelagerten, färb-
    baren Strukturen, die sich bei verschieden-
    artigen Zellen verschieden verhalten und bei
    Krankheiten der Zellen in verschiedenartiger
    Weise sich verändern. Der Zellkern färbt
    sich im Gegensatz zu sonstigen Zellkernen
    auffallend wenig mit den verschiedenen Farb-
    stoffen. Der Zelleib besitzt eine Anzahl sich
    verästelnder Fortsätze; dieselben sind ent-
    weder Protoplasmafortsätze, die breit dem
    Zelleib aufsitzen und sich bald verschmälern,
    oder Nervenfortsätze, die ihre Dicke lange
    Strecken gleichmässig behalten. Man nahm
    früher an, dass die Fortsätze der Zellen sich
    miteinander zu einem zusammenhängenden
    Netze verbänden, dass Zellen voneinander
    entfernter Gebiete durch verbindende Nerven-
    fasern zu einander in Beziehungen gesetzt
    würden, dass endlich auch aus dem eben
    erwähnten Fasernetze Nervenfasern ent-
    sprängen und zu Zellen irgend einer anderen
    Region in Beziehungen träten. Das gesamte
    Nervensystem nahm, dieser Anschauungs-
    weise zufolge, die Form eines Netzes an,
    dessen Knoten zu einem Teile durch die
    Zellen gebildet waren. Diese Auffassung hat
    sich als unrichtig erwiesen. Man nimmt jetzt
    als sicher an, dass jede Zelle mit der dazu
    gehörigen Nervenfaser ein für sich bestehen-
    des nervöses Element (Neuron) bildet,
    welches mit anderen Elementen nicht zu-
    sammenfliesst, sondern nur durch Kontakt
    zu ihnen in Beziehung tritt. Jede Nerven-
    zelle (ausgenommen die der Spinalganglien
    und der Ganglien der Hirnnerven) hat nur
    einen einzigen Nervenfortsatz. Dieser ver-
    ästelt sich entweder in unmittelbarer Nähe
    der Zelle zu Büscheln von feinsten, frei mit
    kleinen Kölbchen endigenden Fäden, oder
    er zieht eine grössere oder kleinere Strecke
    markumhüllt in andere Teile des Nerven-
    systems, um erst dort seine Endverästelung
    zu finden. Indem der Fortsatz unterwegs
    in rechten Winkeln feine Seitenäste (Kolla-
    teralen) abgiebt, die ihrerseits ebenfalls
    einen Endbüschel besitzen, kann ein und
    dieselbe Zelle zu verschiedenen und beliebig
    weit auseinander liegenden Bezirken in Be-
    ziehungen treten. Die sensiblen peri-
    pheren Hirnnervenfasern entspringen in
    Zellen der Ganglien der einzelnen Nerven
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    Gehirn.                                                                               821

    und enden in den ersten Stationen grauer
    Substanz des G—s (den sensiblen Nerven-
    kernen) mit Endbüscheln; die motorischen
    entspringen aus Zellen der motorischen Ner-
    venkerne und finden ihre Endverästelung in
    den Muskeln.

          II. Entwicklungsgeschichte: Aus dem
    äussersten Blatte des Embryo (Ektoderm)
    schnürt sich nach innen ein hohles Rohr
    (Medullarohr) ab, das sich vorn und hinten
    schliesst. das vorderste Stück dieses Rohrs
    wird zum G., das übrige zum Rückenmark.
    Aus dem Hohlraum entstehen sämtliche Ven-
    trikel, Aquaeductus Sylvii und Centralkanal
    des Rückenmarks; diese Räume bleiben alle
    in Verbindung miteinander. Die ventrale
    Hälfte des Rohrs bezeichnet man als Grund-,
    die dorsale als Rückenplatte. Der G—anteil
    des Medullarohrs entwickelt sich zu drei
    hintereinander liegenden Blasen, den pri-
    mären Hirnbläschen. Das hintere Bläs-
    chen zerfällt in zwei hintereinander liegende
    Teile, Hinter- und Nachhirn. Die Grund-
    platte des Nachhirns wird zur Medulla
    oblongata, die Rückenplatte verkümmert
    zu einem einschichtigen Epithelblatt, welches,
    durch Bindegewebe der Pia verstärkt, das
    hintere Marksegel (Velum medullare
    posticum) darstellt. Eindringende Gefässe
    stülpen das Velum als Plexus chorioideus des
    vierten Ventrikels in den Hohlraum hinein.
    Eine Oeffnung des Velum (Foramen Magendie)
    erleichtert den Ausgleich zwischen der Hirn-
    flüssigkeit innerhalb und ausserhalb der Ven-
    trikel. Der Hohlraum wird zur unteren
    Hälfte des vierten Ventrikels, der Boden des-
    selben zur unteren Hälfte der Rauten-
    grube. Die Grundplatte des Hinterhirns
    wird zur Brücke, die Rückenplatte desselben
    zum Kleinhirn, der Hohlraum zur oberen
    Hälfte des vierten Ventrikels, dessen Boden
    zur oberen Hälfte der Rautengrube. Aus
    dem vordersten Stück der Rückenplatte bildet
    sich ein dünnes Markblatt (Velum medul-
    lare anticum), welches das Kleinhirn mit
    dem Mittelhirn verbindet. Das mittlere Hirn-
    bläschen, in der Entwickelung beim Menschen
    am meisten zurückbleibend, wird zum Mittel-
    hirn; aus seinem Boden entstehen die Hirn-
    schenkel, aus seiner Rückenplatte die
    Vierhügel, aus dem Hohlraum der Aquae-
    ductus Sylvii. Aus dem vorderen Hirn-
    bläschen wächst nach vorn eine neue Blase
    heraus, das sekundäre Vorderhirn; der
    Rest des Bläschens zwischen Vorder- und
    Mittelhirn wird zum Zwischenhirn. An
    der Uebergangsstelle beider Blasen wächst
    unten seitlich jederseits ein Auswuchs hervor,
    der in die Augenhöhle eindringt. Das vor-
    derste Stück des Auswuchses gestaltet sich
    zu Netz- und Aderhaut des Auges, das hin-
    tere Stück wird Sehnerv; diese Teile sind
    daher keine peripheren Organe, sondern ge-
    hören zum Hirn. Der sog. Sehnerv ist ein
    zentraler Hirnteil; seine Fasern besitzen
    keine Schwannsche Scheide. Der Hohlraum
    des Zwischenhirns wird zum mittleren oder

     

    dritten Ventrikel. Sein Boden wird hinten
    durch die Hirnschenkel zum Teil verdeckt,
    seitlich durch die Sehstreifen (Tractus
    optici) abgegrenzt. Die Sehstreifen laufen
    nach vorn schräg zum Chiasma zusammen.
    Hinter dem Chiasma senkt sich der Boden
    trichterförmig als Trichter (Infundibulum)
    in die Sella turcica ein und verbindet sich
    unten mit einer von der Pharynxwand stam-
    menden, schilddrüsenartigen Masse zum
    Hirnanhang (Hypophyse). Hinter dem In-
    fundibulum liegen, in der Mittellinie an-
    einander stossend, die beiden kugeligen Cor-
    pora mammillaria oder candicantia,
    zur Hälfte in die Masse der Trichterwand
    eingebettet. Zwischen beiden Corpora und
    den Hirnschenkeln findet sich, von zahlreichen
    Gefässen durchbohrt, die Substantia per-
    forata posterior. Nach aussen vom
    Chiasma liegt jederseits die Substantia per-
    forata anterior. Jede Seitenwand des Zwi-
    schenhirns wird in ihrer oberen Hälfte zum
    Sehhügel, in ihrer unteren zur Regio
    subthalamica. Das Dach des Zwischen-
    hirns verhält sich wie das Velum medullare
    posticum, wird zur epithelialen Schicht und
    gibt, durch einstülpende Gefässe der Pia in
    den Ventrikel hineingedrängt, dem Plexus
    chorioideus medius den Ursprung; aus
    der hintersten Partie des Daches bildet sich,
    an der Grenze gegen das Mittelhirn, die
    hintere Kommissur, und dahinter, den
    Vierhügeln aufliegend, die Zirbeldrüse.

          Die Längsachse des Medullarohrs erleidet
    eine Anzahl von Knickungen um von rechts
    nach links durchgehende (quere) Achsen,
    welche insgesamt den Einfluss haben, die
    Längsachse des Rückenmarks gegen die des
    G—s senkrecht zu stellen; erstere liegt
    vertikal, letztere sagittal (horizontal von vorn
    nach hinten). Diese Umbiegung geschieht
    in einem sanften Bogen, welcher vom unteren
    Anfang des verlängerten Marks bis zum hin-
    teren Ende des dritten Ventrikels reicht.
    Im Verlaufe dieses Bogens ändern sich all-
    mählich die Lageverhältnisse: was im Rücken-
    mark dorsal ist, wird im G. oben, was dort
    ventral ist, hier unten; was dort oben und
    unten ist, wird hier vorn bezw. hinten.

          Das Vorderhirn (Grosshirn) zerfällt
    durch eine sagittal um dasselbe herum lau-
    fende Furche, die Sichelfurche, in die bei-
    den nebeneinander liegenden Grosshirnhemi-
    sphären. Ganz vorn unten bleibt ein Stückchen
    des Grosshirns ungeteilt und bildet als graue
    Endplatte das unterste Stück der vorderen
    Wand des mittleren Ventrikels dicht vor dem
    Chiasma. Dadurch zerfällt der Hohlraum
    der Vorderhirnblase in zwei seitliche Hälften,
    die beiden Seitenventrikel, und ein unpaares
    Stückchen, welches mit dem Hohlraum des
    dahinter gelegenen Zwischenhirns zum mitt-
    leren Ventrikel zusammenfliesst. Die Ueber-
    gangsstellen zwischen dem mittleren und
    den Seitenventrikeln heissen Foramina
    Monroi. Die Hemisphärenblasen wachsen
    nach allen Seiten mächtig aus, überwuchern

  • S.

    822                                                    Gehirn.

    alle übrigen Hirnteile und nehmen nach
    hinten das Zwischenhirn, d. h. die Seh-
    hügel, zwischen sich. Nur etwa der Grösse
    und Lage des Zwischenhirns entsprechend,
    bleibt inmitten der äusseren Wand jeder Hemi-
    sphärenblase ein Wandstück im Wachstum
    zurück, so dass hier eine Vertiefung entsteht,
    die spätere Fossa Sylvii. Der Grund der
    Vertiefung wird zur Insel (Insula Reilii
    oder Stammlappen). An der vorderen unteren
    Ecke der Insel (dem Inselfuss) wächst die
    Hemisphärenblase ebenfalls nicht heraus, so
    dass hier (zwischen dem späteren Stirn- und
    Schläfelappen) eine tiefe Furche bleibt, auf
    deren Boden entlang gehend man von der
    Insel in die Medianspalte des Grosshirns ge-
    langt. Das Wandstück, dessen Oberfläche
    die Insel bildet, verdickt sich nach innen und
    wächst, mit dem Boden der eben beschriebenen
    Furche in Kontakt bleibend, gegen den Seh-
    hügel hin; es wird zum Streifenhügel (Cor-
    pus striatum). Schliesslich wachsen der Strei-
    fenhügel, die Aussenwand des Sehhügels und
    die zwischen beiden liegende Partie der
    medianen Wand der Hemisphärenblase mit-
    einander zusammen. Diese Teile bilden dann
    eine quer verlaufende, dicke Masse von
    Ganglien, den Gehirnstamm, um den sich
    das Uebrige der Hemisphärenblase als Hirn-
    mantel herumlegt. Bei der Sektion des
    G—s nach Meynert trennt man Mantel und
    Stamm in ihrer Verbindungslinie auseinander.
    Der Seitenventrikel wird durch die Bildung
    des Streifenhügels zu einem fast kreisförmi-
    gen Rohr von der Gestalt eines Aneroid-
    barometers, welches um jenen herumläuft
    und nur am Inselfuss unterbrochen ist. Alle
    Teile des Grosshirns machen diesen Kreislauf
    um den Stamm herum mit. Nach der Lage
    zum Stamme zerfällt der Hirnmantel in den
    Stirnlappen vor, den Scheitellappen ober-
    halb, den Hinterhauptlappen hinter und den
    Schläfelappen unterhalb des Stammes. Der
    Seitenventrikel heisst im Stirnlappen Vorder-
    horn, im Scheitellappen Cella lateralis, im
    Schläfelappen Unterhorn. Zwischen Cella
    lateralis und Unterhorn läuft das absteigende
    Stück des Ventrikels herab; dasselbe buchtet
    sich nach hinten als Hinterhorn in den Hinter-
    hauptlappen hinein aus. Ein unterstes Stück
    des Stirnlappens spaltet sich von diesem ab
    und wird in seiner hinteren Hälfte zum
    Riechstreifen (Tractus olfactorius), in
    seiner vorderen zum Riechkolben (Bulbus
    olfactorius). Beide sind Hirnteile, nicht peri-
    phere Nerven. Der Riechstreifen geht nach
    hinten in das Trigonum olfactorium über,
    welches eine sog. äussere Riechwurzel zum
    Inselfuss und eine innere gegen den Balken hin
    sendet; nach hinten setzt sich dasselbe in die
    Substantia perforata anterior fort. Die aus
    der Schneiderschen Membran der Nase herauf-
    kommenden peripheren Riechnerven treten
    durch Löcher der Siebplatte in den Schädel
    ein und enden im Bulbus olfactorius. — Die
    Nervenfasern des Hirnschenkels treten, von
    hinten unten her kommend, zwischen Zwi-
     

    schenhirn und Streifenhügel in die Hemi-
    sphäre ein; unmittelbar bei ihrem Eintritt
    in dieselbe werden sie von unten her schlingen-
    förmig von Fasern umfasst, die von aussen
    kommend nach innen zum Sehhügel ziehen
    und die Hirnschenkelfusschlinge (Ansa pedun-
    cularis), sowie die unmittelbar über dieser
    liegende Linsenkernschlinge (Ansa lenticu-
    laris) bilden. Die Hirnschenkelfasern dringen
    dann in die Masse des Streifenhügels und
    sprengen, trichterförmig auseinanderlaufend,
    den äussersten Randteil des Streifenhügels
    wie einen Ring von der übrigen Masse des
    Ganglions ab. Der abgesprengte Ring ist
    der Schwanzkern (Nucleus caudatus), das
    centrale Stück der Linsenkern (Nucleus
    lenticularis). Der Schwanzkern besitzt im
    Stirnlappen einen mächtig entwickelten Kopf,
    welcher in der Gegend des Inselfusses mit
    dem Linsenkern zusammenfliesst; der sich
    aus dem Kopf nach hinten entwickelnde,
    immer dünner werdende Schwanz läuft im
    Kreise um den Linsenkern herum und ver-
    wächst vorn im Schläfelappen ebenfalls mit
    demselben. Der Schwanzkern tritt im Seiten-
    ventrikel frei zu Tage, der Linsenkern liegt
    in der Tiefe der Markfaserung. Durch zahl-
    reiche schmale Brücken grauer Substanz
    werden beide Kerne auch sonst an vielen
    Stellen miteinander verbunden. Die sie von-
    einander trennenden Fasern bilden die in-
    nere Kapsel (Capsula interna). Auf dem
    Horizontalschnitt erscheint diese aus einem
    vorderen und einem hinteren Schenkel zu-
    sammengesetzt, welche in einem stumpfen
    Winkel, dem Knie, zusammenstossen; auf
    dem Frontalschnitt zeigt sich entsprechend
    ein oberer und ein unterer Schenkel. Zwischen
    Linsenkern und Inselrinde liegt ein schmales,
    von der G—rinde abgetrenntes Blatt grauer
    Substanz, die Vormauer (Claustrum). Die-
    selbe wird von dem Linsenkern durch die
    Markfasern der äusseren Kapsel (Cap-
    sula externa), von der Inselrinde durch die
    der äussersten Kapsel (Capsula extrema) ge-
    trennt. Im Schläfelappen verbindet sich die
    Vormauer mit einer kugelförmigen Masse
    grauer Substanz, dem Mandelkern (Amyg-
    dala), welcher mit der Rinde an der Median-
    fläche des Schläfelappens zusammenfliesst
    und dieselbe wenige Centimeter hinter der
    Schläfelappenspitze als Haken (Uncus)
    median vortreibt.

          Entlang des ganzen Zwischenhirnrandes
    vom Foramen Monroï bis zum Uncus wird
    jederseits die Wand der Hemisphärenblase
    durch aus der Pia kommendes Bindegewebe
    und Gefässe in den Seitenventrikel hinein
    eingestülpt. Dieses eingestülpte Stück ist
    der Plexus chorioideus lateralis. Vor
    dem Foramen Monroï treten beide lateralen
    und der mediane Plexus chorioideus mit-
    einander in Verbindung. Das viele Gefässe
    enthaltende Piablatt, welches die Sehhügel
    überzieht, und aus dem in der Mittellinie der
    Plexus chorioideus medianus, an den Rändern
    des Zwischenhirns jederseits der Plexus cho-

  • S.

    Gehirn.                                                                               823

    rioideus lateralis seinen Ursprung nimmt,
    heisst Tela chorioidea. Soweit dieselbe
    den mittleren Ventrikel deckt, wird sie auf
    ihrer Unterfläche von dem erwähnten epithel-
    artigen Ueberzug, dem Reste der oberen
    Zwischenhirnwand, überzogen. Unmittelbar
    nach aussen von der Einstülpung des Plexus
    chorioideus lateralis entsteht jederseits ein
    längs um dieselbe verlaufendes Faserbündel,
    welches die Grenze der G—rinde markiert,
    das Gewölbe (Fornix). Der Schläfelappen-
    anteil desselben heisst Fimbria. Hinter
    dem Sehhügel laufen beide Fimbriae als
    hintere Schenkel des Gewölbes aufwärts und
    fliessen über dem Sehhügel zum Körper des
    Gewölbes zusammen. Vor dem Sehhügel
    trennt sich das Gewölbe wieder in die beiden
    vorderen Schenkel, welche jederseits vor dem
    Foramen Monroï abwärts laufen, in die
    Trichterwand sich einsenken, und schliess-
    lich im Corpus mammillare der entsprechen-
    den Seite ihr Ende finden. Oberhalb des
    Gewölbekörpers werden beide Hemisphären
    sekundär miteinander durch die Querfasern
    des Balkens (Corpus callosum) vereinigt.
    Das Gewölbe ist hinten der Unterfläche des
    Balkens unmittelbar angeheftet, vorn bleibt
    zwischen Balken und Gewölbe ein Stück
    medianer Hemisphärenwand übrig, welches
    eine rudimentäre G—rinde darstellt und den
    Namen des Septum pellucidum führt.
    Jedes Septum pellucidum bildet die mediane
    Wand des Vorderhorns des Seitenventrikels.
    Zwischen beiden Septis, dem Balken und dem
    Gewölbe bleibt ein der Sichelspalte zuge-
    höriger Spaltraum übrig, der sog. Ventri-
    culus septi pellucidi, der aber mit den eigent-
    lichen Ventrikeln nichts zu tun hat, son-
    dern nur ein durch den Balken abgekapselter
    Aussenraum des G—s ist. Der Balken lässt
    auf einem beide Hemisphären trennenden
    Längsschnitt ein schmäleres Mittelstück er-
    kennen, den Körper, ein verdicktes hinteres
    Ende, den Wulst (Splenium), ein verdicktes
    vorderes Ende, das Knie (Genu), und einen
    von der unteren Begrenzung des Kniees
    schräg nach hinten unten ziehenden schmalen
    Streifen, den Schnabel (Rostrum). Gewisser-
    massen ein losgetrenntes Stück des Balkens
    bildet die vordere Kommissur; dieselbe
    läuft unmittelbar vor den vorderen Schen-
    keln des Gewölbes von einer Seite zur anderen
    und zieht seitlich im untersten Stück des
    Streifenhügels nach aussen, um nach hinten
    und unten in den Schläfelappen abzubiegen.
    Oberhalb des Balkens stossen die beiden
    Hirnhaut getrennt, an einander, unterhalb
    dagegen werden die Schläfelappen durch
    die sich dazwischen schiebenden Teile des
    G—stamms und die Knochen des Türken-
    sattels weit voneinander getrennt.

          III. Form und Gliederung des Gehirns,
    soweit dieselbe nicht schon im Teil II ge-
    geben ist.

          Jede Grosshirnhemisphäre hat eine äussere
    konvexe und eine mediane ebene Fläche,

      ferner eine untere oder Orbitalfläche des
    Stirnlappens und eine gemeinschaftliche
    untere innere Fläche des Hinterhaupt- und
    Schläfelappens. Ferner zerfällt jede Hemi-
    sphäre durch Furchen (Sulci, Fissurae) in fünf
    grosse Abteilungen, die schon erwähnten
    Lappen (Lobi), und in kleinere Stücke, die
    Windungen (Gyri, Lobuli). — 1. Konvexe
    oder äussere, laterale Fläche. Die wich-
    tigste Furche, die Fissura Sylvii, entsteht da-
    durch, dass die Ränder der Fossa Sylvii pilz-
    artig wuchern und sich zuletzt zu einer engen
    Spalte zusammenlegen. Man unterscheidet
    einen langen, schräg von vorn unten nach
    hinten oben ziehenden Ast (Ramus posterior)
    und je einen kurzen, aufwärts bezw. vorwärts
    ziehenden Ast (Ramus superior und anterior).
    Die Insel (der Stammlappen) besitzt eine vom
    Inselfuss aus schräg nach hinten oben ziehende
    Furche, die Inselhauptfurche, hinter derselben
    eine lange (Gyrus longus), vor ihr mehrere
    kurze Windungen (Gyri breves). Die Grenz-
    furchen, welche die Insel vom Hirnmantel
    trennen, bezeichnet man als Ober-, Unter-
    und Vorderspalte. Die Zentralfurche (Sulcus
    centralis) trennt, schräg von hinten oben nach
    vorn unten ziehend, Stirn- und Scheitel-
    lappen. Ihr parallel ziehen die vordere und
    hintere Zentralwindung (Gyr. centr. ant. und
    post.). Die vordere Zentralwindung wird
    vorn durch die Furchenstücke der Präzentral-
    furchen (S. praec.) begrenzt. Von ihr ziehen
    sagittal nach vorn die obere und untere Stirn-
    furche (S. front. sup. und inf.) und trennen
    den Stirnlappen in die obere, mittlere und
    untere Stirnwindung (Gyr. front. sup., med.
    und inf.). Das Uebergangsstück aus der vor-
    deren Zentralwindung in eine jede Stirn-
    windung nennt man Fuss der letzteren. Der
    Fuss der unteren Stirnwindung heisst Broca-
    sche Windung; er zerfällt in die hinter dem
    Ramus superior der Fossa Sylvii liegende Pars
    opercularis und die zwischen Ramus superior
    und Ramus anterior liegende Pars triangu-
    laris. Die dem Scheitellappen zugehörige
    hintere Zentralwindung wird hinten durch
    die Postzentralfurche (S. postc.) begrenzt.
    Aus letzterer entspringt, direkt nach hinten
    in den Hinterhauptlappen hinein ziehend und
    meist durch eine Windungsbrücke unter-
    brochen, die Interparietalfurche (S. interpar.).
    Dieselbe trennt das obere Scheitelläppchen
    (Lobul. parietal. sup.) vom unteren (Lobul.
    parietal. inf.). Das letztere zerfällt in eine
    vordere, unmittelbar das Ende der Fossa Sylvii
    umgebende Windung, den Gyrus marginalis,
    und in eine hintere, meist aus mehreren
    Stücken bestehende Windung, den Gyrus
    angularis. Die häufig schlecht ausgeprägte
    vordere Occipitalfurche trennt Scheitel- und
    Hinterhauptlappen. Letzterer hat meist drei
    von hinten nach vorn laufende Windungen,
    die obere, mittlere und untere Occipital-
    windung (Gyr. occ. sup., med. und inf.). Hinter-
    haupt- und Schläfelappen gehen ohne Grenze
    ineinander über. Der Schläfelappen besitzt
    zwei der Fossa Sylvii parallel ziehende Fur-
  • S.

    824                                                    Gehirn.

    chen, die obere Schläfefurche oder Parallel-
    furche und die untere Schläfefurche (S. temp.
    inf.). Sie trennen drei Windungen von ein-
    ander, die obere, mittlere und untere Schläfe-
    windung (Gyr. temp. sup., med. und inf.). —
    2. Mediane und untere innere Fläche.
    Ueber dem Balken und parallel demselben
    zieht, durch einen Windungszug von ihm ge-
    trennt, die Balkenrandfurche (S. calloso-margi-
    nalis); ihr hinteres Ende wendet sich nach oben
    gegen die Kante der Hemisphäre. Unterhalb
    des Zwischenhirns befindet sich, vom Balken-
    wulst aus schräg nach vorn unten ziehend, der
    Sulcus hippocampi. Von dem Hinterhaupt-
    zum Schläfepol zieht an der unteren inneren
    Fläche die Kollateralfurche (S. collateralis).
    Der hintere Teil der medianen Fläche wird
    von zwei Furchen durchzogen, von denen die
    eine, die Occipito-Parietalfurche, schräg von
    oben hinten nach unten vorn, die zweite,
    die Fissura calcarina, horizontal auf der
    stumpfen Kante zwischen medianer und hin-
    terer unterer Fläche von der Hinterhaupt-
    spitze nach vorn verläuft. Beide Furchen
    vereinigen sich unter dem Balkenwulst mit-
    einander und ziehen eine kurze Strecke ge-
    meinsam unter dem letzteren hin. Die Cal-
    carina teilt sich hinten in einen auf- und
    einen absteigenden Ast. Hinter diesen Aesten,
    ganz an der Hinterhauptspitze des G—s,
    liegt der Gyrus descendens. Zwischen Occi-
    pito-Parietalfurche und Calcarina befindet
    sich der dreieckige Cuneus oder Zwickel.
    Zwischen Occipito-Parietalfurche und dem
    aufsteigenden Stück der Calloso-marginalis
    liegt der viereckige Praecuneus oder Vor-
    zwickel. Die Windung oberhalb des Sulcus
    calloso-marginalis ist in ihrem vorderen Teil
    die in die Medianspalte sehende Fläche der
    oberen Stirnwindung, in ihrem hinteren Teil
    die entsprechende Fläche beider Zentral-
    windungen; letztere Partie heisst Parazentral-
    läppchen (Lobul. paracentr.). Der Praecuneus
    entspricht dem oberen Scheitelläppchen, der
    Cuneus der oberen Hinterhauptwindung.
    Zwischen S. call.-marginalis und Balken liegt
    der Gyr. fornicatus, zwischen S. hippoc. und
    S. collat. der Gyr. uncinatus, der vorn in den
    Uncus übergeht; Gyr. fornicatus und Gyr. un-
    cinatus zusammen heissen auch Gyr. limbicus.
    Zwischen F. calcar. und S. collat. erstreckt sich
    die Zungenwindung (Gyr. lingualis); zwischen
    S. collat. und unterer Kante der Hemisphäre
    liegt das Spindelläppchen (Gyr. fusiformis),
    welches gleichzeitig die mediane Fläche der
    dritten Schläfe- und Hauptwindung dar-
    stellt. — 3. Die Orbitalfläche des Stirn-
    lappens zerfällt durch zwei Aeste des in-
    mitten derselben gelegenen Sulcus orbitalis
    in drei nebeneinander liegende Windungs-
    züge, welche den drei Stirnwindungen der
    konvexen Fläche entsprechen. Inmitten der
    median gelegenen Windung zieht von vorn
    nach hinten eine schmale, tiefe Spalte, Gyr.
    rectus, welche den mediansten Abschnitt der
    Orbitalfläche als Sulcus rectus abschneidet,
    und in welchen der Bulbus und Tractus olf.
     

    eingebettet sind. Die meisten Furchen sind
    einfache Einschnitte, der S. occ.-par. und die
    F. calc. besitzen jedoch, gleich der Insel,
    einen von kurzen Windungsstücken besetzten
    Grund. — 4. Im Schläfelappen vom
    Balkenwulst bis zum Haken ist die Rinde an
    ihrem Saume S-förmig eingerollt und bildet so
    das Ammonshorn. Dem Saume selbst sitzt,
    wie überall, das Gewölbe als Fimbria auf.
    Unmittelbar nach aussen von der Fimbria in
    dem inneren Bogen des S liegt ein langer,
    gekerbter Streifen grauer Substanz, die
    Fascia dentata, eine verkümmerte Win-
    dung. Das Ammonshorn wölbt sich in das
    Unterhorn des Seitenventrikels vor. Sein
    vorderstes, sich aufrollendes und in den Uncus
    übergehendes Stück bezeichnet man als Klaue
    (Digitationes). Eine ähnliche Vorwölbung
    treibt die F. calc. als Calcar avis in das Hinter-
    horn und in geringerem Grade der S. coll. als
    Eminentia collateralis in Hinter- und Unter-
    horn vor. Der Sehhügel hat etwa Form
    und Grösse einer Wallnuss. Beide Sehhügel
    fliessen in der Mitte ihrer medianen Fläche
    in der mittleren Kommissur zusammen. Die
    mediane Fläche selbst wird durch eine
    dünne Lage grauer Substanz gebildet. Die
    obere, von Nervenfasern bedeckte und da-
    her weisse Fläche zeigt vorn einen Höcker
    (Tuberculum anterius); hinten geht sie in
    einen vorspringenden, seitlich der Vier-
    hügel gelegenen Wulst, das Pulvinar, über.
    Unter dem letzteren, nach hinten und unten
    sehend, finden sich zwei nebeneinander
    liegende Vorsprünge, die Kniehöcker (Cor-
    pus geniculatum externum und internum).
    Das Corp. genicul. extern. verschmälert sich
    zu dem unterhalb des Sehhügels um den
    Hirnschenkel nach vorn ziehenden Tract. opt.,
    der auch aus dem Corp. geniculat. intern.
    einen Zuzug erhält. Zwei dünne, von aussen
    nach innen ziehende Streifen markhaltiger
    Fasern, die Vierhügelarme, verbinden und
    zwar der vordere und obere (Brachium con-
    junctivum ant.) vorderen Vierhügel und Corp.
    geniculat. extern., der hintere und untere
    (Br. conjunct. post.) hinteren Vierhügel und
    Corp. geniculat. intern. Aussen wird der Seh-
    hügel vom Streifenhügel durch einen Nerven-
    faserstreifen, die Taenia semicircularis, abge-
    grenzt. Die obere und innere Fläche stossen
    in einer scharfen Kante zusammen, längs deren
    ebenfalls ein Nervenfaserstreif, Habenula,
    verläuft; letztere geht am hinteren Ende des
    dritten Ventrikels in eine kleine Anschwel-
    lung, das Ganglion habenulae, über,
    aus dem die beiden dünnen Zirbelstiele zur
    Zirbeldrüse führen.

          An der Seitenwand des Mittelhirns sieht
    man zwischen Vierhügeln und Hirnschenkel
    eine dreieckige, weisse Fläche, die Schleife
    (Lemniscus). Unmittelbar hinter den hinteren
    Vierhügeln liegt die Kreuzung der Nervi tro-
    chleares. Hinter derselben kommen unter
    den Vierhügeln die Bindearme (Crura cere-
    belli superiora) heraus und gelangen, sich
    voneinander entfernend und durch das Vel.

  • S.

    Gehirn.                                                                               825

    med. ant. getrennt, zum Kleinhirn. Aus dem
    Hirnschenkelfuss am inneren Rande desselben
    treten unmittelbar vor der Brücke die Nervi
    oculomotorii heraus. Die Brücke wird durch
    die beiderseits aus dem Kleinhirn hervor-
    tretenden Brückenarme (Crura cerebelli me-
    dia) gebildet. Vorn seitlich tauchen mitten
    aus der Brückenfaserung die Nervi trigemini
    auf. Am Kleinhirn unterscheidet man ein
    Mittelstück, den Wurm, und die beiden Hemi-
    sphären; alle drei Teile zerfallen wiederum
    in verschiedene Lappen und Läppchen. Der
    Hirnschenkel verschwindet am oberen Rande
    der Brücke in derselben; unterhalb derselben
    kommt er im verlängerten Mark in sehr ver-
    kleinertem Masstabe als Pyramide wieder zum
    Vorschein. Nach aussen von jeder Pyramide
    liegt ein länglicher Vorsprung, die Olive.
    Der von hier nach hinten gelegene Rest des
    verlängerten Marks zeigt oben jederseits,
    dem Kleinhirn zunächst, den aus demselben
    kommenden, abwärts ziehenden Strick-
    körper (Crus cerebelli inferius), und als
    scheinbare Fortsetzung desselben die oberen
    aufgetriebenen Enden der hinteren Rücken-
    marksstränge, der Funiculi graciles und
    cuneati. Die Rautengrube selbst, der Boden
    des vierten Ventrikels, kommt nach Ent-
    fernung oder Halbierung des Kleinhirns zum
    Vorschein. Die beiden oberen Grenzlinien
    der Raute werden durch die auseinander-
    weichenden Bindearme, die unteren durch
    die sich einander nähernden Strickkörper
    gebildet. Die untere Spitze der Raute heisst
    Calamus scriptorius. Quer über die breiteste
    Stelle der Raute von rechts nach links laufen
    einige weisse Nervenstränge, die Striae
    acusticae, welche Wurzelfasern der Nervi
    acustici darstellen. Im oberen Dreieck der
    Raute findet man dicht an der Mittellinie jeder-
    seits einen bläulich schimmernden Flecken,
    den Locus caeruleus (darunter liegt ein
    Trigeminuskern). Im unteren Dreieck tritt
    dicht an der Mittellinie eine längliche Er-
    habenheit hervor, die Eminentia teres
    (darunter der Hypoglossuskern); seitlich da-
    von liegt ein längliches graues Dreieck, die
    Ala cinerea (darunter der sensible Vagus-
    kern).

          IV. Anordnung der grauen Massen. Das
    Grosshirn ist, wie von einem Beutel, von
    der grauen Hirnrinde umgeben, deren Dicke
    von 1.5—4 mm schwankt. Die Rinde enthält
    Zellen und Fasern. Man kann vier auf-
    einander folgende Schichten unterscheiden:
    1. zu oberst eine von Nervenzellen freie
    Schicht, 2. eine Schicht kleiner Pyramiden-
    zellen, 3. eine Schicht grosser Pyramiden,
    4. eine Schicht kleinerer, unregelmässig be-
    grenzter Nervenzellen. Die grossen Pyramiden
    sind am besten in der Rinde der Zentralwindun-
    gen zu sehen. Die Rinde der Fiss. calcarina
    und ihrer nächsten Umgebung zeichnet sich
    dadurch aus, dass sie in der dritten Schicht
    neben sehr vereinzelten Riesenpyramiden drei
    durch zellarme Zwischenstreifen getrennte
    Schichten kleiner rundlicher Nervenzellen,

     

    sog. Körner, enthält. Die markhaltigen Rin-
    denfasern scheidet man in 1. senkrecht zur
    Rindenoberfläche aus dem darunter liegenden
    Marke eindringende Bündel von Fasern, die
    Radiärbündel; dieselben gelangen etwa bis
    in die zweite Rindenschicht; 2. der Rinden-
    oberfläche parallel laufende Fasern; von
    diesen befindet sich eine Schicht in der ersten
    Rindenschicht, die Tangentialfaserung, eine
    zweite Schicht kreuzt die äussersten Enden
    der Radiärbündel und heisst Baillargerscher
    Streifen. In der Körnerzellenregion der Fiss.
    calcarina ist dieser Streifen sehr dick und deut-
    lich und führt den besonderen Namen des
    Vicq d'Azyrschen Streifens. Die Tangential-
    faserung wird auf dem Uncus so dick, dass sie
    dem blossen Auge als ein getüpfelter Belag
    erscheint; 3. ein zartes Flechtwerk feiner,
    in allen möglichen Richtungen einander
    durchkreuzender Fasern, welches man in
    Bezug auf die Radiärbündel als ein super-
    radiäres und ein interradiäres Flechtwerk
    unterscheidet. Durch besondere Anordnung
    der Zellen und Fasern zeichnet sich das
    Ammonshorn und der Bulb. olf. aus. Der
    Zusammenhang der einzelnen Fasern und
    Faserschichten mit den Achsencylinderfort-
    sätzen und Kollateralen der einzelnen Zellen
    ist noch nicht völlig aufgeklärt.

          Der Schwanzkern bildet mit dem
    äusseren Gliede, dem sog. Putamen des
    Linsenkerns, ein einheitliches Ganglion.
    Der innere Teil des Linsenkerns, der Globus
    pallidus, erscheint infolge seiner zahlreichen
    Fasern weisslich gefärbt; er erstreckt sich
    schräg nach hinten und innen mit seiner
    Spitze weit in die zum Hirnschenkel zu-
    sammenfliessenden Fasern der inneren Kapsel
    hinein. Zwischen Putamen und Glob. pallid.
    erstreckt sich von oben nach unten eine Faser-
    schicht, die sog. Marklamelle des Streifen-
    hügels; durch ein bis zwei weitere solche
    Marklamellen wird der Glob. pallid. in zwei
    bis drei Teile zerlegt.

          Am Sehhügel unterscheidet man einen
    inneren und einen äusseren, sowie einen vor-
    deren Kern, der sich keilförmig zwischen die
    beiden anderen nach hinten erstreckt. Die
    Regio subthalamica enthält aussen, der in-
    neren Kapsel an- und dem Globus pallidus
    gegenüberliegend ein mandelförmiges Gang-
    lion, das Corpus Luys oder subthalamicum.
    Nach innen davon liegt ein walzenförmig
    von vorn nach hinten sich erstreckendes
    Ganglion, der rote Kern (Nucleus ruber).
    Derselbe verwandelt sich nach hinten in ein
    dickes Faserbündel, läuft als solches schräg
    nach hinten und innen, kreuzt unter den
    Vierhügeln mit dem der anderen Seite und
    wird so zum Bindearm. Unter dem Nucleus
    ruber, unmittelbar den austretenden Fasern
    der inneren Kapsel und dem Hirnschenkelfuss
    aufgelagert, befindet sich ein Ganglion,
    welches durch den starken Pigmentgehalt
    seiner Zellen ein schwärzliches Aussehen an-
    nimmt; die Substantia nigra. Gangl.
    habenulae, Corp. mammillare, Pulvinar

  • S.

    826                                                    Gehirn.

    und Corpora geniculata sind bereits er-
    wähnt.

          Jeder Vierhügel enthält, allseitig von
    Nervenfasern umgeben, ein rundliches Gang-
    lion.

          In jeder Kleinhirnhemisphäre befindet
    sich ein gezackter Streifen von Ganglien-
    substanz mit kleinen, birnförmigen Zellen,
    das Corpus dentatum cerebelli. Im Wurm
    sind mehrere gangliöse Anhäufungen ent-
    halten (Dachkern, Pfropf und Kugelkern).
    Die Kleinhirnrinde besteht aus einer inneren
    Körnerschicht und einer äusseren, zellarmen,
    sog. molekularen Schicht. Zwischen beiden
    befinden sich, in einer Reihe angeordnet, un-
    gewöhnlich grosse, flachgedrückte Zellen mit
    hirschgeweihartig in der molekularen Schicht
    sich verästelnden Fortsätzen, die Purkinje-
    schen Zellen.

          Zahlreiche graue Massen, die Brücken-
    kerne, liegen zwischen den Fasern der Brücke
    verstreut.

          In der Olive findet sich ein dem Corp.
    dent. cereb. ganz ähnlich gestaltetes Ganglion,
    eine gefaltete Platte, welcher innen und
    hinten je eine gerade, dünne Platte grauer
    Substanz, die innere und die hintere Neben-
    olive, durch eine dünne Markschicht getrennt,
    anliegt. In der Verlängerung der Olive nach
    oben inmitten der Brückenregion liegt ein
    kleines, histologisch ebenso gebautes Gang-
    lion, die obere Olive. Im verlängerten Mark
    findet man noch in den verdickten oberen
    Enden der hinteren Rückenmarksstränge
    kleine graue Massen, die Kerne derselben,
    und eine ähnliche graue Masse seitlich davon
    im untersten Stück des Strickkörpers, den
    Kern der Kleinhirnseitenstrangbahn. In dieser
    Darstellung der grauen Massen fehlen noch
    die später zu schildernden Nervenkerne.

          V. Faserung des Gehirns (vgl. die Zeich-
    nung): Das G. steht in Beziehungen zum ge-
    samten übrigen Körper, im wesentlichen zu
    den Sinnesoberflächen mit Einschluss der
    Haut einerseits und zu den Bewegungs-
    organen, der Muskulatur (und den Drüsen)
    andererseits. Die Endstation im G. bildet
    die Grosshirnrinde (C b). Die Bahnen, welche
    den Körper mit der Grosshirnrinde verbinden,
    ihn auf dieselbe „projizieren“, sind die „Pro-
    jektionsfasern“ (1, 2). Neben dieser Haupt-
    projektionsbahn findet sich eine Nebenpro-
    jektionsbahn (3, 4, 5), welche über das Klein-
    hirn (C b l) läuft. Alle anderen Fasern sind
    Assoziationsfasern (6—9); dieselben dienen
    dazu, Komplexe von nervösen Elementen zu
    gemeinsamer, planmässiger Thätigkeit zu-
    sammenzufassen. Die Assoziationsfasern lie-
    gen entweder innerhalb eines solchen Kom-
    plexes einheitlicher Funktion, eines sog.
    Zentrums, und verbinden dessen einzelne
    Teile miteinander; oder sie setzen verschie-
    dene Zentren, sei es ähnlicher, sei es ver-
    schiedenartiger Funktion, in Beziehung zu-
    einander. Ueberschreiten die Assoziations-
    fasern die Mittelebene des G—s und gelangen
    in Centren der symmetrischen Hälfte, so

     

    nennt man sie Kommissurfasern; als solche
    verbinden sie entweder genau symmetrische

    Anatomische Zeichnung des Gehirns und seiner Bahnen

          B. k. Brückenkerne — Cb. Grosshirnrinde —
    Cbl. Kleinhirnrinde — C. qu. Vierhügel — G. Globus
    pallidus — G. sp. Spinal- (bezw. Hirnnerven-)gang-
    lion — h. C. hintere Kommissur — M. Muskel —
    m. H. motorisches Höhlengrau — N. c. Nucleus cau-
    datus — N. d. Nucleus (oder Corpus) dentatus cere-
    belli — N. l. Nucl. lenticularis — o. obere Schleife
    O. i. untere Olive — P. Putamen — pk. Pyramiden-
    kreuzung — S. sensible Nervenendigung — s. H.
    sensibles Höhlengrau — sk. Schleifenkreuzung —
    Th. Thalamus opticus — u. untere Schleife. — 1. Pyra-
    midenbahn — 1 a. Vorderstrangbahn — 1 b. Seiten-
    strangbahn — 1′. motorischer Nerv — 2. sensible
    Bahn, obere Etage — 2′. Schleife — 2″. sensibler
    Nerv — 2˟. gekreuzte Haubenbahn der hinteren
    Kommissur — 3. Brückenbahn — 3′. mittlerer —
    4. oberer — 5. unterer Kleinhirnschenkel — 5′. Fasern
    zur Olive — 5″. Kleinhirnseitenstrangbahn (bezw.
    Kleinhirnfasern zu den sensiblen Hirnnervenwurzeln)
    — 6. Assoziationsfaser des Grosshirns — 7. Balken-
    faser — 8. Assoziationsfasern des Kleinhirns —
    9. Assoziationsfaser (Reflexbahn) des Höhlengrau.

       ———   Hauptprojektionsbahn.
       — — —   Kleinhirnverbindungsbahnen.
       ··········   Assoziationsbahnen.
       - · - · -   Streifenhügelbahnen.
       ——|      Teilung einer Bahn (nicht etwa einer
                   Nervenfaser).
          X      Kreuzungsstellen in der Mittelebene.

  • S.

    Gehirn.                                                                               827

    Zentren miteinander oder Zentren verschie-
    dener Lage. Die meisten Projektionsfasern
    überschreiten ebenfalls an irgend einer Stelle
    die Mittelebene und kreuzen sich hier mit
    den symmetrisch von der anderen Seite kom-
    menden Fasern (in der Zeichnung durch Kreuze
    markiert). Diese Stellen sind Kreuzungen,
    aber keine Kommissuren, wenn sie auch mit-
    unter diesen Namen führen.

          Die Endpunkte der Hauptprojektionsbahn,
    Körperperipherie und Grosshirnrinde sind
    nicht durch eine ununterbrochene Faserung
    miteinander verbunden. Vielmehr sind in
    den Verlauf der Faserung Zentren grauer
    Substanz eingeschaltet, in denen die von der
    einen Seite her kommenden Fasern endigen,
    während aus Zellen derselben neue, nach der
    anderen Seite weiterlaufende Fasern ent-
    springen. Es gibt zwei Arten solcher Zwischen-
    zentren. Die eine wird durch das Höhlen-
    grau (m. H., s. H.) gebildet, eine Masse grauer
    Substanz, welche im allgemeinen dem Hohl-
    raum des Hirn-Rückenmarkskanals zunächst
    liegt. Im Höhlengrau enden alle Fasern
    der sensiblen Nervenwurzeln der Hirn- und
    Rückenmarksnerven (2″), aus Zellen desselben
    entspringen ebenso alle Nervenfasern der
    motorischen Wurzeln (1′). Zum Höhlengrau
    gehören: die gesamte graue Substanz des
    Rückenmarks, sämtliche Kerne der Hirn-
    nerven, die Netzhaut und der Bulbus olfac-
    torius. Die zweite Art der Zwischenzentren
    bildet das Gangliengrau; dazu gehören Seh-
    hügel (Th.), Regio subthalamica, Vierhügel
    (C. qu.). Das Gangliengrau ist ein Zwischen-
    zentrum nur der sensiblen Bahn.

          Die Hauptprojektionsbahn zerfällt in die
    Fussbahn und die Haubenbahn, nach dem
    Fuss und der Haube des Hirnschenkels ge-
    nannt. Die Fussbahn, Pyramidenbahn oder
    cortico-muskuläre Leitungsbahn (1) leitet die
    Bewegungsimpulse vom Grosshirn (Cb) zur
    Muskulatur (M.). Sie entspringt aus den
    grossen Pyramidenzellen der Zentralwindun-
    gen, des Lobulus paracentralis und deren
    nächster Nachbarschaft, läuft im Stabkranz
    abwärts, liegt in der inneren Kapsel (auf dem
    Horizontalschnitt betrachtet) im Knie (Fa-
    cialisbahn) und im vorderen Drittel des hin-
    teren Schenkels (übrige Körpermuskulatur),
    bildet etwa das mittlere Drittel des Hirn-
    schenkelfusses, tritt in die Brücke ein, durch-
    läuft dieselbe in gröbere Bündel zerspalten
    und tritt als Pyramide am unteren Rande
    der Brücke wieder hervor. Am unteren Ende
    des verlängerten Marks kreuzt der grösste
    Teil der Faserung nach der anderen Seite
    hinüber (Pyramidenkreuzung, pk), das Vor-
    derhorn der grauen Substanz vom Central-
    teil derselben abspaltend, und wird zur
    Pyramidenseitenstrangbahn (1 b) des Rücken-
    marks. Ein kleiner Teil zieht als Pyramiden-
    vorderstrangbahn (1 a) abwärts, um erst im
    Rückenmark selbst zu kreuzen. Unterwegs
    gibt die Fussbahn Fasern an die gekreuzten
    Kerne der motorischen Hirnnerven ab. Die
    Fasern enden im Höhlengrau; ihre Fort-

      setzung abwärts bilden die motorischen Wur-
    zeln der Hirn- und Rückenmarksnerven (1′).
    Die Fasern der Haubenbahn entspringen aus
    den Zellen der Intervertebralganglien, bezw.
    der Ganglien der sensiblen und sensorischen
    Hirnnerven (G. sp.). Jede Faser teilt sich in
    zwei Fortsätze; der eine zieht peripherwärts
    zur Sinnesfläche bezw. Haut (2″), der andere
    endet im Höhlengrau und zwar je nachdem
    1. in den Hinterhörnern des Rückenmarks,
    2. (in den Hintersträngen des Rückenmarks
    aufwärts ziehend) in den Kernen der hinteren
    Rückenmarksstränge oder 3. in den Kernen
    der sensiblen oder sensorischen Hirnnerven.
    Aus Zellen dieser grauen Substanzen ent-
    springt die zweite Etage der Haubenbahn (2′);
    deren Fasern aus 1. kreuzen schon im Rücken-
    mark und gelangen, in den Vorderseiten-
    strängen aufwärts ziehend, zwischen die
    Ganglien der beiden unteren Oliven, unmittel-
    bar dorsalwärts von der Pyramide des ver-
    längerten Marks. Die Fasern aus 2. gelangen
    ebendahin, nachdem sie der im unmittelbar
    oberhalb der Pyramidenkreuzung gelegenen
    Schleifenkreuzung (sk.) zur entgegengesetzten
    Seite hinübergetreten sind. Die Fasern aus 3.
    schliessen sich kreuzend der von unten herauf-
    kommenden Hauptmasse der Bahn an. Ober-
    halb der Oliven bildet die Bahn eine breite,
    niedrige, der Fussbahn, dann der Brücken-
    faserung unmittelbar dorsal aufgelagerte
    Platte, zieht dann lateralwärts, schlingt sich
    um den aus dem Kleinhirn unter die Vier-
    hügel ziehenden Bindearm jederseits herum
    — hier als Lemniscus der äusseren Betrach-
    tung zugänglich, s. o. —, gelangt so über
    denselben und endet zum Teil in dem tiefen
    Marke der Vierhügel (untere Schleife, u.), zum
    Teil im Sehhügel (obere Schleife, o.), also
    im Gangliengrau. Ob einzelne Faserteile
    ohne weitere Unterbrechung bis in die Gross-
    hirnrinde gelangen, ist zweifelhaft. Aus dem
    Gangliengrau entspringen neue Fasern (2),
    welche (aus den Vierhügeln durch deren
    Arme) in die innere Kapsel treten, auf-
    steigend in den Stabkranz gelangen und
    in der Grosshirnrinde enden. Die Fuss-
    bahn zerfällt mithin in zwei (1, 1′), die
    Haubenbahn in drei (2, 2′, 2″) übereinan-
    der liegende Etagen. Für den Sehnerven
    bildet N. und Tract. opt. die zweite Etage;
    deren Fasern enden im Pulvinar, Corp. genic.
    ext. und vorderen Vierhügel; die aus diesen
    Ganglien entspringenden Fasern wachsen
    der Haubenbahn zu. Corp. genic. int. und unterer Vier-
    hügel haben wahrscheinlich Beziehungen zur
    Acusticusbahn. Im übrigen gelangen Fasern
    aus dem Sehhügel und der Regio subthala-
    mica, also auch der Projektionsbahn ange-
    hörige Fasern, in alle Teile der Grosshirn-
    rinde. Diese Fasern bilden eine parallele
    Streifung des äusseren und vorderen Seh-
    hügelkerns und führen in ihrer Gesamtheit
    den Namen des äusseren und des vorderen
    Sehhügelstiels. Ebenfalls der Projektions-
    bahn zuzurechnen sind: 1. Fasern aus dem
  • S.

    828                                                    Gehirn.

    Streifenhügel, welche teils in der Fussbahn
    mit unbekanntem anderen Ende abwärts ver-
    laufen, teils in den gleichseitigen Sehhügel
    ziehen, teils sich dem Tract. opt. anschliessen,
    im Chiasma nerv. opt. als Guddensche und
    Meynertsche Kommissur nach der anderen
    Seite hinüberziehen, und hier entweder, den
    Hirnschenkelfuss durchbrechend, im Luys-
    schen Körper oder im Corp. genic. int. ihr
    Ende finden (in der Zeichnung durch schwache
    Linien angedeutet); 2. Fasern aus dem Seh-
    hügel, welche in der sog. hinteren Kommissur
    (h. C.) kreuzen und jenseits derselben in der
    Haube nach innen und hinten von der Schleife
    abwärts ziehen mit unbekanntem unteren
    Ende (2˟) (die Fasern der hinteren Kom-
    missur sind möglicherweise echte Kommissur-
    fasern und verbinden zwei oberhalb der
    Oculomotoriukerne gelegene kleine Kerne —
    die Kerne der hinteren Längsbündel — mit-
    einander [Edinger]); 3. die Fasern der Hirn-
    schenkel- und Linsenkernschlinge, welche teils
    aus der Insel und dem Schläfelappen stammen,
    teils aus oberen Teilen des Grosshirns kom-
    mend in den Marklamellen des Linsenkerns
    abwärts ziehen, unter dem Linsenkern nach
    innen laufen, den Hirnschenkelfuss unmittel-
    bar bei seinem Eintritt in die Hemisphäre
    von unten umschlingen und nach innen von
    demselben in den Sehhügel aufsteigen (in-
    nerer und unterer Sehhügelstiel).

          Jede Kleinhirnhemisphäre besitzt drei
    Arten von Faserverbindungen, den oberen,
    mittleren und unteren Kleinhirnschenkel,
    welche nebeneinander als Kleinhirnstiel hin-
    ter der Brücke aus dem Kleinhirn heraus-
    treten und den vierten Ventrikel seitlich be-
    grenzen. In jeder Kleinhirnhemisphäre selbst
    liegt der obere Schenkel in der Mitte und
    wird zunächst vom unteren umgeben, während
    der mittlere am meisten nach aussen, zu-
    nächst der Kleinhirnrinde liegt. Der obere
    Kleinhirnschenkel oder Bindearm (4) bezieht
    seine Fasern aus dem Inneren des Corp.
    dentat. cereb. (N. d.). Der Verlauf der Binde-
    arme nach aufwärts bezw. vorwärts ist be-
    reits geschildert. Die mittleren Kleinhirn-
    schenkel oder Brückenarme (3′), die bei weitem
    grössten der drei, entstammen der Kleinhirn-
    rinde, treten seitlich heraus, nehmen als
    Brückenfaserung die Hirnschenkel zwischen
    sich, zerspalten jederseits die Fasern des
    Fusses, kreuzen über die Mittellinie hinüber
    und gelangen in die grauen Brückenkerne
    (B. k.); aus letzteren entstehen neue Fasern (3),
    welche aufwärts laufend sich der Fussbahn
    anschliessen, im äusseren und inneren Drittel
    des Hirnschenkelfusses als Brückenbahn auf-
    wärts ziehen, mit demselben in die innere
    Kapsel eintreten und allen Teilen der Gross-
    hirnrinde zuströmen. Der untere Kleinhirn-
    schenkel oder Strickkörper (5) nimmt seinen
    Ursprung aus der äusseren Fasernhüllung
    des Corp. dentat. cereb., dem sog. Vliess,
    und aus dem Dachkern und zieht abwärts;
    ein Teil seiner Fasern (5′) wendet sich nach
    innen, kreuzt teils mitten durch die untere

     

    Olive hindurch, teils hinter, teils vor ihr
    ziehend nach der anderen Seite hinüber und
    endet in der entgegengesetzten Olive (o. i.);
    der übrige Teil des Strickkörpers (5″) sendet
    Fasern in alle sensiblen Nervenwurzeln, direkt
    in die der G—nerven, als Kleinhirnseiten-
    strangbahn über die Clarkeschen Säulen in
    die der Rückenmarksnerven.

          Die innere Kapsel besteht in ihren unter-
    sten Partieen als unmittelbare Fortsetzung
    des Hirnschenkelfusses nur aus Pyramiden-
    und Brückenbahn; sie vergrössert sich auf-
    wärts ziehend durch die aus dem Ganglien-
    grau hinzutretenden Fasern und breitet sich
    fächer- oder trichterförmig aus, so dass die
    einzelnen Faseranteile nach allen Richtungen
    um den Linsenkern herum auseinander-
    weichen. Die unmittelbare Fortsetzung der
    inneren Kapsel jenseits des Streifenhügels
    zwischen diesem und der Rinde ist der, eben-
    falls fächerförmig gestaltete Stabkranz (rich-
    tiger: Strahlenkranz, Corona radiata). Der
    Uebergang zwischen innerer Kapsel und Stab-
    kranz heisst Fuss des Stabkranzes. Der direkt
    nach vorn ziehende Stabkranzanteil enthält
    hauptsächlich Sehhügelsfasern (vorderer Seh-
    hügelstiel) und Brückenfasern. Schräg nach
    vorn oben, nach oben und nach hinten oben
    ziehen wesentlich die Pyramidenfasern, sowie
    Fasern aus dem Sehhügel (äusserer Sehhügel-
    stiel); erstere mehr nach vorn, letztere mehr
    nach hinten abbiegend. Die nach hinten in
    den Hinterhauptlappen und nach unten vorn
    in den Schläfelappen ziehenden Fasern stam-
    men teils aus dem Pulvinar, den Vierhügeln
    und den Corpora geniculata (Opticus- und
    Acusticusbahn), teils aus den Brückenfasern
    (Türcksches Bündel); diese Fasern ziehen an
    der Aussenseite des Unter- resp. Hinterhorns
    nach vorn unten resp. hinten und werden
    vom Ventrikel durch Balkenfasern getrennt.

          Die Assoziationsfasern des Grosshirns (6)
    zerfallen in kurze, innerhalb desselben Lap-
    pens bleibende und lange, verschiedene Lap-
    pen miteinander verbindende. Je kürzer die
    Fasern sind, um so näher liegen sie der
    Oberfläche der Hemisphäre. Die kürzesten,
    dicht unterhalb der Rinde, zum Teil noch
    innerhalb der Rinde selbst gelegenen ver-
    binden benachbarte Windungen und laufen
    U-förmig um die Furchen herum. Die Bündel
    der langen Fasern enthalten nur zum Teil
    Fasern, welche der ganzen Länge des Bündels
    angehören; ein grosser Teil der dazu ge-
    hörigen Fasern verläuft nur eine mehr oder
    minder kurze Strecke in der Richtung des
    Bündels, um sich dann der Rinde wieder
    zuzuwenden. Lange Faserbündel sind: 1. das
    untere Längsbündel (Fasciculus longitudi-
    nalis inferior) zwischen Hinterhaupt- und
    Schläfelappen. Dasselbe umfasst leisten scha-
    lenförmig die in seiner Mitte gelegene Balken-
    und Stabkranzfaserung des Hinterhaupt-
    lappens und sammelt sich nach vorn zu in
    einer breiten, unterhalb des Hinter- und Unter-
    horns gelegenen Schicht. 2. Das obere Längs-
    oder Bogenbündel (Fasciculus long. super. oder

  • S.

    Gehirn.                                                                               829

    arcuatus), welches oberhalb der Oberspalte
    der Insel, etwa der oberen Kante des Linsen-
    kerns nach oben und aussen aufgelagert,
    nach hinten verläuft, hinter der Insel nach
    unten umbiegt und in den Schläfelappen
    zieht, das untere Längsbündel hier von aussen
    deckend; es besteht hauptsächlich aus kür-
    zeren Fasern, die nur ein Stück der ganzen
    Länge durchlaufen. 3. Das Hakenbündel
    (Fasciculus uncinatus), dem untersten Teil
    des Linsenkerns und der äusseren Kapsel von
    aussen aufgelagert und den Inselfuss bogen-
    förmig umziehend; es verbindet die Rinde
    der Orbitalfläche des Stirnlappens mit den
    vorderen äusseren Partieen des Schläfe-
    lappens. 4. Die Zwinge (Cingulum), die der
    ganzen Länge des Gyrus limbicus dicht unter
    der Rinde desselben entlang läuft, vor, über
    und hinter dem Balken diesem dicht auf-
    gelagert ist und unterhalb desselben im Gyrus
    uncinatus nach vorn zum Schläfepol zieht;
    sie verbindet die verschiedenen Rindenpar-
    tieen des Gyrus limb. untereinander. 5. Fasci-
    culus nuclei caudati, zwischen Schwanzkern,
    Balken und Stabkranzfuss, dicht aussen vom
    Seitenventrikel; das Bündel läuft um den
    ganzen Schwanzkern herum, ist vorn am
    Kopf desselben sehr dick und verdünnt sich
    nach hinten und in dem Schläfelappen, gleich-
    wie der Schwanzkern selber, immer mehr
    und mehr; es nimmt insbesondere zahlreiche
    Fasern aus dem Stirnlappen und aus der
    äusseren Kapsel auf. 6. Stratum profundum
    der äusseren Fläche des Hinterhauptlappens;
    die Schicht schliesst sich unmittelbar an den
    hinteren absteigenden Teil des Fasciculus ar-
    cuat. an und füllt einen grossen Teil des Raums
    zwischen der Rinde und dem unteren Längs-
    bündel im Hinterhauptlappen aus; ihre Fasern
    laufen im allgemeinen von oben nach unten.

          Die Kommissurfasern des Grosshirns (7)
    werden durch den Balken und die vordere
    Kommissur vertreten. Letztere verbindet nur
    die vorderen Hälften beider Schläfelappen
    und mit ihrem, beim Menschen sehr kleinen
    Riechlappenanteil die beiden Trigona olfact.
    miteinander. Die übrigen Rindenpartieen
    beider Hemisphären stehen untereinander
    durch Balkenfasern in Verbindung, und zwar
    derart, dass eine jede Region der einen Hemi-
    sphäre zu allen möglichen Regionen der
    anderen in Beziehung tritt. Die Balkenfasern
    kreuzen sich daher in der Mittellinie zu
    einem unentwirrbaren Faserfilz. Dieselben
    liegen überall zunächst dem Seitenventrikel
    an und ziehen in einem Bogen um denselben
    herum, so dass sie jenseits desselben etwas
    rückläufig werden. Diejenigen für Schläfe-
    und Hinterhauptlappen müssen, ehe sie zu
    ihrem Rindenende kommen, einen längeren
    Weg in der Markmasse zurücklegen. Die
    Fasern für den Hinterhauptlappen ziehen
    zum grössten Teil als grosses Bündel über
    dem Hinterhorn nach hinten (grosser Forceps-
    anteil); aus demselben laufen die für die
    unteren Partieen der konvexen Fläche be-
    stimmten Fasern an der Aussenfläche des

     

    Hinterhorns als dicke Schicht zwischen Hinter-
    horn und Stabkranz des Hinterhauptlappens
    (Sehstrahlung) abwärts (sog. Tapetum des
    Hinterhauptlappens). Die Fasern für den
    Schläfelappen (Tapetum desselben) laufen
    an der Aussenseite des absteigenden Teils
    des Seitenventrikels als dichte Schicht un-
    mittelbar vor den vordersten Fasern des
    Tapetums des Hinterhauptlappens abwärts
    und ziehen dann an der Aussenfläche des
    Unterhorns unmittelbar unter dem Schwanz
    des Schwanzkerns nach innen vom Stabkranz
    des Schläfelappens nach vorn. Ein kleiner
    Teil der Fasern aus dem Balkenwulst geht
    als dichtes Bündel am vorderen Ende des
    Hinterhorns median von demselben abwärts
    (kleiner Forcepsanteil), um sich dann zum
    Teil nach hinten in den Hinterhauptlappen,
    zum anderen Teil nach vorn in den Schläfe-
    lappen zu wenden und die inneren und
    unteren Partieen beider Lappen mit Balken-
    fasern zu versehen. Endlich laufen auch
    noch im Gewölbe Kommissurfasern aus einem
    Ammonshorn in das andere hinüber.

          Aus dem Schwanzkern, wie aus dem Pu-
    tamen des Linsenkerns gelangen Fasern in
    die inneren Glieder des letzteren; die Fasern
    aus dem Schwanzkern müssen zu diesem
    Zwecke die innere Kapsel durchbrechen
    (s. Zeichnung).

          Das Corp. mamm. des Sehhügels nimmt,
    wie erwähnt, die Fasern des Gewölbes in
    sich auf. Aus diesem Ganglion entspringen
    noch drei Faserbündel; das eine geht auf-
    wärts zum vorderen Kern des Sehhügels
    (Vicq d'Azyrsches Bündel oder absteigende
    Wurzel des Gewölbes), ein zweites gelangt,
    schräg nach hinten oben ziehend, unter die
    Vierhügel, ein drittes mengt sich der Hauben-
    faserung bei. Aus dem Ganglion habenulae
    tritt ein Faserbündel nach abwärts (Fasci-
    culus retroflexus oder Meynertsches Bündel),
    legt sich in einem mit der Konvexität nach
    vorn gerichteten Bogen an den roten Kern
    an, zieht innen von demselben nach abwärts
    und gelangt in ein kleines, zwischen beiden
    Hirnschenkeln gelegenes Ganglion (Gangl.
    interpedunculare). Beide Sehhügel sind mit-
    einander durch eine geringfügige, in der
    mittleren Kommissur verlaufende Fasermasse
    verbunden.

          Im Kleinhirn finden sich zahlreiche Asso-
    ziations- und Kommissurfasern (8), welche
    die einzelnen Regionen der Kleinhirnrinde
    miteinander und mit dem Nucl. dentat. und
    beide Kleinhirnhemisphären miteinander ver-
    binden.

          Jeder einzelne Nervenkern besitzt eben-
    falls Assoziationsfasern; ferner sind die zu-
    sammengehörigen Kerne miteinander durch
    Fasern verbunden, und zwar sowohl die
    Kerne derselben, als auch die der entgegen-
    gesetzten Seite. Unter diesen treten besonders
    hervor: 1. das hintere Längsbündel, welches
    dicht an der Mittelebene unter dem Aquae-
    ductus Sylvii abwärts zieht und die ver-
    schiedenen Augenmuskelkerne miteinander

  • S.

    830                                                    Gehirn.

    verbindet; 2. das Krausesche Respirationsbün-
    del oder Solitärbündel, welches nach aussen
    von den hinteren oder sensiblen Kernen des
    IX. bis XI. Hirnnerven abwärts zieht, diese
    Kerne zu einander in Beziehungen setzt und
    sich tief in das Halsmark verfolgen lässt.

          VI. Die Nervenkerne und die austretenden
    Hirnnerven. Die Nervenkerne kann man (ab-
    gesehen von den bereits erledigten Olfactorius
    [I] und Opticus [II]) in drei Gruppen teilen:
    1. die hinteren motorischen Kerne: sie liegen
    dicht an der Mittellinie unmittelbar unter der
    entsprechenden G—höhle (Aquaed. Sylvii
    bezw. vierter Ventrikel); es sind die Kerne
    des Oculomotorius (III), Trochlearis (IV), Ab-
    ducens (VI) und Hypoglossus (XII); die Wurzel-
    fasern laufen (ausser IV) nahe der Mittel-
    ebene direkt nach vorn. Im Rückenmarke
    entsprechen ihnen die Vorderhörner. 2. Die
    sensiblen Kerne: sie liegen in einem Gebiete,
    welches sich nach aussen und etwas nach
    vorn von 1. befindet; hierhin gehören die
    sensiblen Kerne des Trigeminus (V), Glosso-
    pharyngeus (IX), Vagus (X), Accessorius (XI)
    und die beiden Acusticusterne (VIII). Ihre
    Wurzelfasern laufen schräg nach aussen und
    vorn und treten seitlich aus dem Hirnstamm
    hervor; zu einem Teile müssen sie erst eine
    Strecke abwärts oder aufwärts verlaufen, um
    ihre Austrittsstelle zu erreichen. Im Rücken-
    mark entsprechen ihnen die Hinterhörner.
    3. Die vorderen motorischen Kerne: sie liegen
    seitlich dicht hinter der Hirnschenkelfuss-
    bahn, nach aussen von der Schleifenfaserung;
    hierher gehören der Facialis (VII) und die
    motorischen Kerne von V und IX bis XI.
    Ihre Wurzelfasern laufen erst etwas nach
    hinten, um dann nach vorn umzubiegen.
    Sie haben kein Analogon im Rückenmark.

          Im einzelnen verhalten sich die Hirnnerven
    folgendermassen: 1. Obere Partie bis zum
    oberen Rande der Brücke enthält die Kerne
    von III und IV. III hat eine ganze Reihe
    von Kernen; die obersten Ursprungszellen
    liegen in der grauen Auskleidung des dritten
    Ventrikels; die Kerne erstrecken sich nach
    abwärts fast bis zum Beginn der Rauten-
    grube. Die Wurzelfasern durchsetzen in
    einzelnen Bündelchen bogenförmig nach oben
    und aussen konvex den roten Kern und sam-
    meln sich zu dem dicht oberhalb der Brücke
    aus den innersten Bündeln des Hirnschenkels
    austretenden Stamme von III. Das unterste
    Stück des Kerns gibt den Wurzelfasern von IV
    den Ursprung; diese ziehen in mehreren
    kleinen Bündelchen aus dem Kern erst nach
    aussen, wenden sich dann nach oben, ziehen
    um die seitliche Begrenzung des Aquaed.
    Sylvii herum, laufen oberhalb desselben im
    oberen Marksegel nach innen gegen einander,
    kreuzen sich unmittelbar hinter den hinteren
    Vierhügeln und laufen dann als Nervenstamm
    frei werdend in grossem Bogen um den
    Hirnschenkel herum nach unten und vorn
    zur G—basis. Zweite Partie bis zum unteren
    Drittel der Brücke enthält den Trigeminus-
    ursprung. Etwa in der Mitte der Brücke liegen

      nebeneinander der motorische Trigeminus-
    kern innen und der sensible aussen. Von hier
    aus gelangen die beiden Wurzeln getrennt
    von einander schräg nach aussen und vorn zu
    ihrer Austrittsstelle seitlich an der Brücken-
    faserung, indem sie die letztere durchbrechen.
    Die sensible Wurzel hat noch folgende Zu-
    züge: a) aus einer Zellanhäufung, welche
    sichelförmig die Seitenkante des Aquaed.
    Sylvii umlagert, die absteigende (recte auf-
    steigende) Wurzel (wahrscheinlich keine sen-
    sible, sondern motorische Wurzel); b) einen
    Zuzug aus den Zellen des Locus coeruleus;
    c) die Kleinhirnwurzel, mit der inneren
    Partie des Strickkörpers herabkommend;
    d) die aufsteigende (recte absteigende) Wur-
    zel aus der Substantia gelatinosa, welche
    sich vom sensiblen Kern, die Stelle des-
    selben beibehaltend, halbmondförmig durch
    das ganze verlängerte Mark nach abwärts
    erstreckt und schliesslich sich unmittelbar
    in das Hinterhorn des Rückenmarks fort-
    setzt. 3. Dritte Partie bis zum unteren
    Rande der Brücke enthält die Kerne von
    VI bis VIII. Der kern von VI entspricht ge-
    nau dem von III; seine Wurzelfasern laufen
    dicht an der Mittelebene nach vorn und
    treten unmittelbar am unteren Rande der
    Brücke als Nervenstamm hervor. Der Kern
    von VII liegt seitlich von der Schleife, hinter
    dem Brückenarm; seine Wurzelfasern ziehen
    in ganz kleinen Bündelchen nach hinten
    innen, umschlingen den Kern VI und sam-
    meln sich an dessen medianem Rande zum
    Nervenstamm; dieser zieht zunächst etwas
    aufwärts, biegt dann im Bogen nach vorn
    aussen um und läuft, der Richtung seiner
    Wurzelfasern gerade entgegengesetzt, gegen
    die untere äussere Ecke des Brückenarms,
    dort wo derselbe in das Kleinhirn eintaucht.
    Dicht unterhalb der Austrittsstelle von VII
    befindet sich die von VIII. Der Acusticus
    besitzt einen vorderen Kern, unmittelbar an
    seiner Austrittsstelle frei dem verlängerten
    Mark anliegend, und einen hinteren Kern
    am Boden der Rautengrube in der mittleren
    Höhe derselben, seitlich von Kern VI. Zu
    diesem gelangen die Wurzelfasern teils, in-
    dem sie den Strickkörper umziehen, als Striae
    acusticae, teils, indem sie zwischen auf-
    steigender V-Wurzel und unterer Olive durch-
    brechen. Den Fasern aus dem hinteren Kern
    schliesst sich eine Kleinhirnwurzel an. 4. Un-
    tere Partie bis zum Beginn des Rückenmarks
    enthält die Kerne von IX bis XII. Kern XII
    liegt in der unteren Hälfte der Rautengrube
    unmittelbar unter deren Oberfläche jeder-
    seits dicht neben der Mittelebene; seine
    Wurzelfasern ziehen in leichten, nach aussen
    konvexen Bögen (ähnlich denen von III),
    durchbrechen die untere Olive und treten
    in einer Reihe kleiner Bündelchen zwischen
    Pyramide und Olive heraus. IX bis XI
    haben zwei gemeinschaftliche Kerngebiete,
    ein motorisches und ein sensibles, die je
    eine lange Säule grauer Substanz bilden.
    Die sensible Kernsäule entspricht der Lage
  • S.

    Gehirn.                                                                               831

    nach dem hinteren Kern VIII und liegt,
    wie dieser nach aussen von Kern VII, so
    ihrerseits nach aussen von Kern XII. Die
    Wurzelfasern ziehen in kleinen Bündelchen
    schräg nach vorn aussen, entsprechend denen
    von VIII und V, durchbrechen zum Teil die
    aufsteigende Wurzel von V und treten aussen
    von der Olive in einer langen Reihe heraus.
    Sie nehmen die Fasern aus der motorischen
    Kernsäule mit, welche entsprechend dem
    Kern VII mehr vorn und aussen liegt; diese
    Fasern laufen ein klein wenig nach hinten
    innen und biegen dann in die Richtung der
    sensiblen Wurzelbündel ein. Es gesellen
    sich dazu ferner Fasern aus dem Krause-
    schen Bündel. Erst nach dem Austritt aus
    dem verlängerten Mark formieren sich die
    zahlreichen Wurzelbündel zu den drei dicht
    untereinander liegenden Nerven. Die Wurzel-
    bündel von XI kommen zum grössten Teil
    aus abwärts gelegenen Teilen des motori-
    schen Kerns, der sich bis tief in das Cervikal-
    mark hinunter erstreckt, treten zwischen den
    motorischen und sensiblen Rückenmarks-
    wurzeln hervor und laufen rückläufig (daher
    N. recurrens Willisii) nach oben, ehe sie sich
    zu dem Stamme des Nerven vereinigen.

          VII. Hüllen und Gefässe des Gehirns. Das
    G. ist zunächst von der weichen Hirnhaut
    (Pia mater) umgeben; dieselbe umspannt mit
    einem tiefen Blatt knapp anliegend die Wülste
    und Windungen der verschiedenen G—teile.
    Ein oberflächliches Blatt (Arachnoidea) über-
    deckt die Furchen. Beide Blätter sind durch
    zahlreiche Blättchen und Bälkchen miteinan-
    der zu einem Netzwerk verbunden. Die Pia
    dringt zwischen Balkenwulst und Vierhügeln
    ein, überzieht hier den Sehhügel als Tela
    chorioidea und stülpt sich als Plex. chorioideus
    med. und lat. in Seiten- und mittleren Ven-
    trikel und entsprechend zwischen Kleinhirn
    und verlängertem Mark in den vierten Ven-
    trikel ein. Die äussere Hülle des G—s ist die
    harte Hirnhaut (Dura mater), welche gleich-
    zeitig den Schädelknochen als Periost dient.
    Die Dura entsendet die grosse Hirnsichel
    zwischen beide Grosshirnhemisphären, die
    kleine Hirnsichel zwischen beide Kleinhirn-
    hemisphären und das Zelt (Tentorium cere-
    belli) zwischen Gross- und Kleinhirn; alle
    drei ineinander übergehenden Durafortsätze
    zusammen ergeben eine Kreuzform. In
    Spalten der Dura liegen die Blutleiter (Sinus)
    derselben, welche das venöse Blut des G—s
    ableiten. Aeussere Pia- und innere Dura-
    fläche sind mit Endothel überzogen. Die
    ernährenden Arterien des G—s sind die
    inneren Karotiden und die Vertebrales; letz-
    tere vereinigen sich zum gemeinsamen
    Stamme der Basilaris. Die Hauptäste jeder
    Carotis sind Art. fiss. Sylvii und Art. corp.
    callos. Die beiden Art. corp. callos. sind mit-
    einander durch den Ramus communicans ant.,
    jede Art. fiss. Sylvii mit je einem Endast der
    Basilaris, nämlich der Art. profunda cerebri
    durch einen Ramus communicans post. ver-
    bunden. So entsteht der arterielle Circulus

     

    Willisii, welcher etwa die auf die G—basis
    projiziert gedachten Sehhügel umkreist. Aus
    den einzelnen Teilen des Circulus Willisii und
    den unmittelbar anschliessenden Stücken der
    erwähnten grossen Arterien entspringen eine
    grosse Anzahl kleiner Arterien, welche die
    Gefässlöcher der Substantiae perfor. durch-
    ziehen, den Hirnstamm versorgen und End-
    arterien sind, d. h. keine Anastomosen mit-
    einander eingehen. Die ernährenden Arterien
    des Hirnmantels dagegen, in welche sich die
    genannten grossen Gefässe auflösen, bilden
    in der Pia ein weitmaschiges, arterielles
    Gefässnetz, aus dem dann erst die Gefässe
    für den Hirnmantel entspringen. Die äusseren
    Venen des Grosshirns laufen nach dem Scheitel
    zu schräg gegeneinander und ergiessen sich
    in dem kurzen Raume von 2 cm in den
    grossen Längsblutleiter der Dura; die inneren
    Venen des Grosshirns vereinigen sich schliess-
    lich zu den beiden die Foramina Monroi
    passierenden Venae anonymae, welche in der
    Tela chorioidea nach hinten ziehen und, oft
    zur Vena magna Galeni vereint, in den Sinus
    perpendicularis einmünden. Kleinhirn und
    untere Hirnteile beziehen ihr arterielles Blut
    aus Aesten der Basilaris und ergiessen ihr
    venöses Blut in den nächst gelegenen Sinus
    der Dura.

          B. Physiologie des Gehirns. Jedes ein-
    zelne nervöse Element (Neuron) hat die all-
    gemeine Aufgabe, auf einen von irgend
    woher stammenden, an dasselbe herantreten-
    den Reiz zu reagieren und infolgedessen
    eine Erregung irgend einer anderen Stelle
    mitzuteilen. Der an das Element heran-
    tretende Reiz kann von der Körperperipherie
    oder von einer anderen Stelle des Nerven-
    systems herstammen; die von dem nervösen
    Element ausgehende Erregung kann in die
    Peripherie oder in eine andere Stelle des
    Nervensystems gelangen. Die besonderen
    Aufgaben der einzelnen Teile des G—s gehen
    am besten aus einem Beispiele hervor (vgl.
    die Zeichnung). Eine Nadel berühre die
    Hornhaut eines Auges (statt S zu denken).
    Dieser äussere mechanische Reiz veranlasst
    eine Erregung, welche in der in ihren End-
    ausläufern getroffenen, peripheren Trige-
    minusfaser (2") aufwärts zum Höhlengrau
    (s. H.) verläuft und hier als Reiz für eine
    oder wahrscheinliche eine ganze Reihe von
    Ganglienzellen in den Kernen des Trigeminus
    wirkt. In diesen nervösen Elementen ent-
    steht eine neue Erregung, welche in ihren
    Achscylinderfortsätzen und deren Kollate-
    ralen anläuft. Je nach der peripher ge-
    troffenen Stelle und der Stärke des äusseren
    Reizes ist die Verteilung der Erregung im
    Höhlengrau auf die einzelnen Elemente und
    die Stärke der Erregung, die in jedem ein-
    zelnen entsteht und von dort weiterläuft,
    verschieden (Form der Erregung). Die neue
    Erregung im Höhlengrau läuft nach zwei
    Richtungen. Ein Teil derselben gelangt
    (über 9) in den motorischen Kern des Fa-
    cialis (m. H.) und wirkt hier als Reiz auf

  • S.

    832                                                            Gehirn.

    eine gewisse Anzahl von Zellen des Kerns.
    Die in diesen Zellen entstehende Erregung
    läuft in ihren Achscylinderfortsätzen (1')
    abwärts zum Augenschliessmuskel (M) und
    bewirkt den Lidschluss, der das Auge vor
    der Verletzung schützt. Diese Erregung be-
    schränkt sich nicht auf den Facialiskern,
    sondern sie geht in mehr oder minder grosser
    Stärke auf das gesamte motorische Höhlen-
    grau über, reizt die Nervenzellen desselben
    in bestimmter Form, d. h. je nach der Stärke
    des einwirkenden Reizes, verschiedene Zellen
    in verschiedener Intensität, und bewirkt eine
    Muskelbewegung, die sich gegebenenfalls auf
    die ganze Körpermuskulatur erstrecken kann
    und je nachdem ein Zurückziehen des Kopfes,
    ein Zurückweichen des ganzen Körpers her-
    vorruft. Ein Teilstrom der Erregung gelangt
    in den motorischen Trigeminuskern und be-
    wirkt Thränenabsonderung. Alle diese Dinge
    zusammen bilden einen Reflex. Derselbe
    geht rein mechanisch ohne Dazwischen-
    kommen von Bewusstsein vor sich und ist
    in der Anlage vorgebildet, braucht also nicht
    erst gelernt zu werden. Nötig für den Reflex
    ist also die periphere, sensible Bahn (2"),
    der sensible Kern (s. H.), die Verbindung
    zwischen dem sensiblen und dem motorischen
    Kern (9), der motorische Kern (m. H.) und
    die periphere motorische (1') Bahn; selbst-
    verständlich auch die sensiblen und motori-
    schen, bezw. sekretorischen Endorgane (S. M.).
    (Ein Teil der sog. vegetativen Funktionen
    besitzt reflektorisch wirkende Apparate in
    eigenen, dem Zentralnervensystem fern liegen-
    den Ganglien; Herz und Eingeweide.) Der
    zweite Teil der Erregung im Höhlengrau
    läuft zentralwärts (über 2') und gelangt in
    die subkortikalen Ganglien (Sehhügel [Th.]
    und Zubehör, Vierhügel [C. qu.]). Ebendahin
    gelangen auch Erregungen, die durch die
    reflektorischen Bewegungen bewirkt und
    von der Peripherie, bezw. aus dem motori-
    schen Höhlengrau zentralwärts laufen. Diese
    gesamten Erregungen wirken als Reize auf
    die Zellen im Gangliengrau. Es entsteht in
    diesen eine neue Erregung, welche nach den
    anlangenden Reizen wieder bestimmte Form
    hat. Es hat den Anschein, dass ein Teil
    dieser Erregung wieder reflektorisch wirkt
    und eine Art höherer Reflexe bedingt; dass
    nämlich bei von verschiedenen Seiten, und
    namentlich auch von seiten der Sinnesorgane,
    gleichzeitig oder unmittelbar nacheinander
    kommenden Reizen aus der Gesamtsumme
    derselben eine zweckmässige, reflektorische
    Thätigkeit kombiniert wird. Auch diese
    höhere reflektorische Thätigkeit ist in der
    Anlage bestimmt, hängt nicht vom Bewusst-
    sein ab und braucht nicht erlernt zu werden.
    Der Unterschied zwischen beiden Arten von
    Reflex ergibt sich aus folgendem Beispiel.
    Wenn man einen des Grosshirns beraubten
    Frosch in bestimmter Weise reizt, so macht
    er einen Sprung: einfacher Reflex — Höhlen-
    grau. Stellt man dem Frosch ein Hindernis
    in den Weg, so springt er über dasselbe
      hinweg, wenn es nicht zu hoch ist; ist es
    aber zu hoch, so versucht er nicht, darüber
    hinwegzuspringen, sondern wendet sich rück-
    wärts: kombinierter Reflex aus dem Haut-
    reiz und dem Netzhautreiz — Gangliengrau.
    Bei niederen Tieren arbeiten Höhlengrau
    und Gangliengrau sehr selbstständig; je höher
    ein Tier steht, um so mehr überwiegt die
    Thätigkeit des Rindengraus, d. h. des Gross-
    hirns. Kehren wir nun zur Erregung des
    Gangliengraus durch den aus dem Höhlen-
    grau stammenden Reiz zurück. Der grösste
    Teil dieser Erregung läuft (über 2) aufwärts
    zur Hirnrinde (Cb) und wirkt hier als Reiz
    für Zellen derselben. Die in den Rinden-
    zellen entstehende Erregung kann nach zwei
    Richtungen ausstrahlen: einmal in andere
    Rindenpartieen (über 6, 7), und sodann wieder
    peripherwärts durch die motorische Bahn
    (Pyramidenbahn, 1) zum Höhlengrau (m. H.)
    zurück; durch dessen Vermittlung gelangt
    die Erregung wieder zur Muskulatur (M).
    Die zunächst im Rindengrau auf den vom
    Gangliengrau kommenden Reiz ausgelöste
    Erregung ist als solche etwas genau so
    Mechanisches, wie jede andere Erregung eines
    nervösen Elements, und stellt, rein äusserlich
    betrachtet, eine physikalische oder chemische
    Veränderung vor. Gleichzeitig mit dieser
    Erregung (vorausgesetzt, dass sie eine ge-
    wisse Stärke erreicht) entsteht aber etwas
    anderes, und zwar eine bestimmte Empfin-
    dung, also ein Vorgang des Bewusstseins.
    Diese Empfindung ist nicht die Folge der
    nervösen Erregung, sondern sie ist genau
    derselbe Vorgang, nur von der anderen, sub-
    jektiven, innerlichen Seite her betrachtet;
    genau dasselbe, was objektiv als physikalische
    oder chemische Veränderung in einem ner-
    vösen Element erscheint, erscheint subjektiv
    als bewusste Empfindung. Diese Dinge sind
    miteinander identisch, haben also unter-
    einander keinen Kausalzusammenhang. Je
    nach der Rindenpartie oder Rindenzelle, die
    durch den zentripetalen Reiz getroffen wird,
    ist die Empfindung verschieden, wird Farbe,
    Schall, Geruch, Geschmack oder Hautreiz
    empfunden. Inwieweit verschiedene Farben
    oder Gerüche etc. durch verschiedene Zell-
    gruppen oder durch verschiedenartige Er-
    regungen derselben Zellgruppe bedingt sind,
    mag dahingestellt bleiben. Erwähnt mag
    werden, dass dieser sinnliche Ton der Em-
    pfindung von manchen Autoren (vor allem
    Meynert) als Funktion des Gangliengrau auf-
    gefasst wird. Die Einzelempfindung ist durch
    die Anlage gegeben und braucht nicht er-
    lernt zu werden. Insofern bestimmten ner-
    vösen Endorganen in letzter Linie bestimmte
    Partieen des Rindengrau und damit ge-
    gebenenfalls bestimmte Empfindungen ent-
    sprechen, spricht man von einer spezifischen
    Energie der sensiblen Nerven; inwieweit die
    spezifische Energie durch die reizaufnehmen-
    den Organe, inwieweit sie durch jeden ein-
    zelnen Teil des zentralen Systems bis zur
    Rinde hinauf bedingt ist, ist nicht bekannt.
  • S.

    Gehirn.                                                                               833

    Eine Art der Empfindungen muss besonders
    hervorgehoben werden; das sind diejenigen
    Empfindungen, die durch die Bewegungen
    des eigenen Körpers ausgelöst werden, die
    Bewegungsempfindungen (mag man sie nun
    als Innervationsempfindungen betrachten, die
    aus dem motorischen Höhlengrau zentripetal
    laufen und so der Rinde die Kunde von der
    Thätigkeit des ersteren bringen, oder mag
    man sie ausschliesslich als aus Haut, Muskeln
    und Gelenken stammend und auf dem ge-
    wöhnlichen Wege über das sensible Höhlen-
    grau laufend auffassen), welche die Wahr-
    nehmung des Raumes ermöglichen. In unserem
    Beispiel treffen im Rindengrau gleichzeitig
    oder kurz nacheinander zwei Reize an ver-
    schiedenen Stellen ein, einmal der durch die
    Berührung der Hornhaut ausgelöste, welcher
    subjektiv eine Empfindung bestimmter Art
    hervorruft, und sodann der durch die reflek-
    torische Bewegung bewirkte Reiz, subjektiv
    eine Bewegungsempfindung. Die erste Em-
    pfindung hat noch etwas Besonderes an sich,
    sie wird von einem unangenehmen Gefühl
    begleitet. Im Grosshirn entsteht infolge-
    dessen eine besonders intensive Erregung in
    einer Assoziationsbahn, welche beide ge-
    reizte Stellen miteinander verbindet (d. h.
    in gewissen nervösen Elementen, deren Zellen
    an einer der gereizten Stellen liegen, während
    ihre Achscylinderfortsätze an der anderen
    gereizten Stelle ihre Endverästelung finden).
    Diese Erregung in der Assoziationsbahn ver-
    schwindet nicht vollkommen wieder, es bleibt
    vielmehr in der letzteren eine gewisse Span-
    nung zurück, welche es ermöglicht, dass bei
    einem neuen, in die Rinde dringenden Reize,
    der nur eine von zwei durch eine solche
    „ausgeschliffene“ Bahn verbundenen Stellen
    trifft, vorzugsweise die Erregung in diese
    „eingeübte“ Bahn läuft, die verbundene
    Rindenstelle reizt und so die ihr zukommende
    Empfindung neu belebt. Dieser Vorgang ist
    der objektive Ausdruck der Erinnerung; die
    Eigentümlichkeit, dass von zwei einmal
    gleichzeitig oder kurz nacheinander in Thätig-
    keit gewesenen Rindenstellen jede einzelne,
    wenn gereizt, mittels der ausgeschliffenen
    Bahn die andere miterregt, ist das Gedächtnis.
    Diese Verknüpfung der Rindenstellen mit-
    einander ist nicht durch die Anlage gegeben;
    sie wird durch die Erfahrung gelernt und
    durch Uebung, d. h. wiederholte gleichzeitige
    Reizung, gefestigt. Insofern die äusseren
    Reize, die gleichzeitig verschiedene, mit
    sensorischen oder sensiblen Endorganen aus-
    gerüstete Körperstellen erregen, zufällig
    zusammentreffen, ist auch die cerebrale Ver-
    knüpfung der entsprechenden Empfindungen
    eine zufällige (z. B. ein unerwartetes Ge-
    räusch an einem bestimmten Ort). Insofern
    die verschiedenen äusseren Reize durch
    äusserlich kausal zusammengehörige Ge-
    schehnisse oder durch dasselbe äussere Ding
    bewirkt werden und dadurch auch cerebral
    mehrere Rindenstellen immer oder doch häufig
    gleichzeitig in derselben Weise gereizt wer-
      den, entsteht subjektiv für uns ein Kausal-
    zusammenhang; wir erinnern uns dann nicht
    nur bei dem einen Reiz an den anderen,
    sondern wir erwarten ihn und sind über-
    rascht, wenn er ausbleibt (z. B. das Gesichts-
    bild eines Hundes, sein Bellen, die bei seinem
    Berühren auftretenden Empfindungen, der
    Wortklang „Hund“ u. s. w.). Da aber das
    wiederholte Zusammentreffen äusserer
    Reize zufällig sein kann, so können unsere
    Vorstellungen von kausalen Zusammenhängen
    falsch sein; dann entstehen Wahnvorstellun-
    gen. Die Wahnvorstellungen sind normal,
    so lange sie durch neue äussere Reize, die
    das Gegenteil beweisen, korrigiert werden
    können; sie werden krankhaft, wenn eine
    solche Korrektur unmöglich ist (z. B. Wahn-
    vorstellung eines Kindes, das den Mond aus-
    pusten will — Wahnvorstellung eines Ver-
    rückten, der Kaiser zu sein glaubt). Im
    Laufe des Lebens wirken unzählige Mengen
    von äusseren Reizen auf die Körperperipherie
    ein, und es entstehen dementsprechend un-
    zählige Mengen „ausgeschliffener“ Bahnen
    im Grosshirn. Diese Spannungen in den
    einzelnen Assoziationsfasern bleiben aber
    nicht einzeln für sich; gerade so, wie in den
    subkortikalen Zentren die Erregungen der
    einzelnen Zellen und Zellgruppen von Haus
    aus in bestimmten Formen zusammengefasst
    sind, die sich voneinander durch die Anzahl
    der gleichzeitig in Erregung tretenden Ele-
    mente und die Stärke der Erregung in jedem
    einzelnen unterscheiden, so bilden sich analog
    in der Assoziationsfaserung des Grosshirns
    solche bestimmten Formen aus. Indem nun
    während des ganzen Lebens neue Verbin-
    dungen im G. durch äussere Reize geschaffen
    werden (Bildung neuer Erfahrungen), die
    eindringenden Erregungen zu den schon vor-
    her bestehenden Spannungen, den Residuen
    älterer Erregungen, in Beziehung treten (Ver-
    knüpfung neuer Erfahrungen mit den Er-
    innerungen) und die verschiedenen, aus
    vergangener G—thätigkeit in der Assozia-
    tionsfaserung bestehenden Erregungen sich
    miteinander verbinden (Thätigkeit der Phan-
    tasie), entsteht jenes in sich zusammen-
    hängende Ganze von Vorstellungen, welches
    den geistigen Inhalt, die Persönlichkeit des
    Einzelnen darstellt. Die Urquelle aller Gross-
    hirnthätigkeit ist ausschliesslich die Erfah-
    rung. Im Bewusstsein befindet sich jederzeit
    nur derjenige Teil der Assoziationen, der
    eine besondere Höhe der Erregung besitzt.
    Indem die Erregung in einer bestimmten Zu-
    sammenfassung von Assoziationsfasern jeder-
    zeit schnell wieder abklingt und auf eine
    andere, zu bestimmter Form zusammenge-
    fasste Gruppe von Fasern übergeht, wechselt
    im wachen G. stets eine Vorstellung mit der
    anderen ab. — Wie erwähnt, gelangen in
    das Grosshirn auch Bewegungsempfindungen;
    dieselben kombinieren sich zu Bewegungs-
    vorstellungen und werden als solche in das
    Spiel der Assoziationsthätigkeit mit hinein-
    bezogen. Die ursprünglichen, reflektorischen

          Villaret, Handwörterbuch der gesamten Medizin. I. 2. Aufl.                         53

  • S.

    834                                                            Gehirn.

    Bewegungen sind zweierlei Art, je nachdem
    der die Körperperipherie treffende Reiz von
    Nutzen oder von Schaden für den Körper
    ist; sie sind entweder Abwehrbewegungen
    (Schluss des Auges beim Berühren der Horn-
    haut) oder Angriffsbewegungen (Saugen des
    Kindes auf den Gefühlsreiz der Sangwarze
    hin). Beim Eintreten in den Mechanismus
    der Assoziation im Grosshirn wird subjektiv
    die Empfindung, deren Ursprungsreiz eine
    Angriffsbewegung ausgelöst hat, von einem
    angenehmen, einem Lustgefühl begleitet, die
    Empfindung dagegen, deren Ursprungsreiz
    eine Abwehrbewegung erzeugte, von einem
    unangenehmen, einem Unlustgefühl. Die Ge-
    fühle werden beim Wiederauftreten der Er-
    innerung von neuem erregt und wirken dann
    als Motive. Wird eine lebhaft in das Be-
    wusstsein eintretende Erinnerung von aus-
    gesprochenem Gefühl begleitet, so wird die
    dazu gehörige Bewegungsvorstellung erregt;
    und gewinnt diese eine bestimmte Intensität
    (d. h. gewinnt die Erregung in denjenigen, zu
    einer bestimmten Form zusammengefassten
    Assoziationsfasern, deren subjektives Korrelat
    jene Bewegungsvorstellung ist, eine bestimmte
    Stärke), so fliesst eine Erregung ebenfalls
    in bestimmter Form in die ableitenden Fasern
    der Pyramidenbahn hinein, gelangt in das
    motorische Höhlengrau, wirkt hier als Reiz
    auf die schon von Haus aus zu bestimmten
    Formen zusammengefassten nervösen Ele-
    mente der motorischen Nervenkerne und löst
    mit deren Hilfe die Bewegung selber aus.
    In unserem ursprünglichen Beispiel wird die
    Annäherung der Nadel an das Auge mit dem
    Gesichtssinn aufgefasst; das Gesichtserinne-
    rungsbild der Nadel wird assoziiert mit der
    Abwehrbewegungsempfindung des Augen-
    schlusses und der unangenehmen Empfindung
    der Hornhautberührung. Wird später die
    Annäherung der Nadel an das Auge gesehen,
    ohne dass die Hornhaut berührt wird, so
    wird von der Gesichtserinnerung aus die
    Berührungsempfindung mit ihrem unan-
    genehmen Gefühl und die Abwehrbewegungs-
    empfindung ausgelöst, und es kommt auf dem
    besprochenen Wege zum „willkürlichen“
    Augenschluss. Der „willkürliche“ Augen-
    schluss wirkt in diesem Fall fast mit der Gewalt
    eines Reflexes; er stellt einen „psychischen“,
    d. h. kortikalen Reflex dar. Handelt es sich
    aber um eine notwendige Augenoperation, so
    tritt eine Vorstellungsreihe kraftvoll in das
    Bewusstsein, welche sich auf die angenehmen
    Gefühle des Gutsehenkönnens bezieht. Hier
    kommt es zu einem Kampf der Motive, in
    welchem das kräftigere siegt; im vorliegenden
    Falle tritt nicht die Abwehrbewegung des
    Augenschlusses ein, sondern die Angriffs-
    bewegung der weiten Oeffnung des Auges.
    Die Wirkung der Bewegungsvorstellung auf
    das Höhlengrau kann in diesem Falle so
    stark werden, dass sogar der einfache Reflex
    unterdrückt wird, und bei der Berührung des
    Auges mit der Nadel, falls deren Wahr-
    nehmung nicht durch Cocaïn ausgeschlossen
     

    ist, dasselbe offen bleibt (kortikale — will-
    kürliche Hemmung der Reflexe). (Wenn hier
    von Einfluss der Vorstellung gesprochen wird,
    so ist das eine übertragene Redewendung.
    Es handelt sich immer um die Erregung
    eines Komplexes von Assoziationsfasern, deren
    subjektives Korrelat die betreffende Vor-
    stellung ist.) Umgekehrt kann der Anblick
    einer Kirsche an einem fremden Baume bei
    einem Durstigen den Wunsch, sie zu pflücken,
    rege machen; aber Gegenvorstellungen der
    Strafe für den Mundraub bei eventueller
    Entdeckung oder der moralischen Herab-
    setzung unterdrücken die Kraft der Angriffs-
    bewegungsvorstellung. — Der Unterschied
    zwischen kombiniertem, höherem Reflexe des
    Gangliengraus und der willkürlichen Be-
    wegung — der Handlung — beruht also
    darin, dass im Falle des Reflexes nur die
    Summe der gegenwärtig in das Zentral-
    nervensystem eindringenden, von aussen (sei
    es aus der Aussenwelt, sei es aus den Organen
    des Körpers) kommenden Reize die Form und
    Grösse der Bewegung bestimmt, während im
    Falle der Handlung ausserdem noch alle die-
    jenigen Reize, welche früher während der
    ganzen bis zu dem Momente verflossenen
    Lebenszeit eingewirkt haben, und die in
    ihren unzähligen Kombinationen und Ver-
    bindungen in den Spannungen der Assozia-
    tionsfaserung des Grosshirns erhalten ge-
    blieben sind, mit auf die auszuführende Be-
    wegung einwirken. In beiden Fällen ist die
    ausgeführte Bewegung selbst kausal voll-
    kommen bedingt. Sie würde nicht um ein
    Haar anders ausfallen, wenn die Begleit-
    erscheinung des Bewusstseins fehlte. Dass
    uns die Handlung als etwas unserem freien
    Willen Unterworfenes erscheint, liegt nur
    daran, dass nicht alle Komponenten der-
    selben, nicht alle in der Assoziationsfaserung
    vorhandenen Spannungskomplexe als Vor-
    stellungen unserem Bewusstsein gegenwärtig
    sind.

          Einige wichtige Folgerungen aus dem
    Angeführten mögen hier ihren Platz finden.
    Die Empfindungen werden nicht in den
    einzelnen Ganglienzellen deponiert und ruhen
    hier bis zu ihrem Wiederauftauchen im Be-
    wusstsein; die reine, elementare Empfindung
    ist vielmehr etwas Gegebenes. Die aus den
    elementaren Empfindungen sich aufbauenden
    Erinnerungsbilder ruhen ebenfalls nicht in
    einzelnen bestimmten Zellen, sondern sie sind
    latent gegeben durch die Spannungen in
    einem bestimmten Komplexe von Assozia-
    tionsfasern, welche diejenigen Stellen der
    Rinde verbinden, in denen die einzelnen
    elementaren Empfindungen (richtig ausge-
    drückt die denselben zu Grunde liegenden
    Erregungszustände der nervösen Elemente)
    zustande kommen. Insofern dieselben Em-
    pfindungen bei verschiedenen Erinnerungs-
    bildern in den verschiedensten Kombinationen
    vorkommen, kombinieren sich auch dieselben
    Assoziationsfasern bei den verschiedenen Er-
    innerungsbildern zu verschiedenen Kom-

  • S.

    Gehirn.                                                                               835

    plexen. Das Eingehen derselben Assozia-
    tionsfasern in verschiedene Komplexe bedingt
    zu einem Teile den Uebergang der Erregung
    von einem Komplex auf einen bestimmten
    anderen, d. h. das Ablösen eines Erinnerungs-
    bildes im Bewusstsein durch ein bestimmtes
    anderes. Der andere Faktor, der das Ein-
    treten eines bestimmten Erinnerungsbildes
    in das Bewusstsein bedingt, ist die Höhe der
    Erregung, auf welcher sich an sich jeder sol-
    cher Komplex befindet. — Einfache, konkrete
    Begriffe sind die Summen von Erinnerungs-
    bildern, welche derselbe äussere Gegen-
    stand auf dem Wege verschiedener Sinnes-
    organe veranlasst hat, d. h. die mit Hilfe der
    langen Assoziationsfaserung zusammenge-
    fassten Komplexe von Assoziationsfasern,
    welche den einzelnen Erinnerungsbildern ent-
    sprechen. Der konkrete Begriff hat also
    seine Bestandteile in den verschiedensten
    Teilen des Grosshirns verstreut, nur durch
    die Funktion zusammengehalten; er liegt
    nicht in einer bestimmten Zelle oder Gegend
    des G—s aufgespeichert. Durch die weitere
    funktionelle Zusammenfassung von solchen
    Komplexen der in bestimmten Formen ge-
    meinschaftlich in Thätigkeit tretenden Asso-
    ziationsfasern entstehen ausgedehntere Kom-
    plexe, welche den abstrakten Begriffen und
    ganzen Vorstellungsreihen entsprechen. Ne-
    ben dem örtlichen oder räumlichen spielt
    hier auch das zeitliche Moment eine grosse
    Rolle. Die einzelnen Komplexe werden nicht
    nur zu gleichzeitiger Thätigkeit oder Funk-
    tionsfähigkeit zusammengefasst, sondern
    auch zeitlich nacheinander in bestimmter
    Ordnung und Reihenfolge zusammengehalten.
    Die Gesamtsumme aller Assoziationsthätig-
    keit, oder, was dasselbe ist, die Gesamtsumme
    aller während des Lebens bis zur Hirnrinde
    vorgedrungenen Reize in ihrer Zusammen-
    fassung und Verarbeitung, oder, was eben-
    falls dasselbe, nur subjektiv betrachtet, ist,
    die Gesamtsumme aller neben- und nach-
    einander in bestimmter Weise assoziierten
    Erinnerungsbilder, Begriffe und Vorstellungs-
    reihen mit allen dazu gehörigen Gefühlen
    stellt das geistige Individuum, das Ich eines
    jeden Menschen dar. — Die Gesamtsumme
    aller elementaren Bewegungsempfindungen
    ist unsere Vorstellung vom Raum. Da die Be-
    wegungsempfindungen nicht aus der Aussen-
    welt stammen, sondern aus den Organen des
    Körpers selbst, die Anordnung dieser Organe
    aber keine zufällige, sondern eine gegebene
    und bei jedem Menschen die gleiche ist, die
    Bewegungsempfindungen also gesetzmässig
    und immer in derselben Weise ohne Rück-
    sicht auf die wechselnden Eindrücke der
    Aussenwelt wiederkehren, entsteht in uns
    das scheinbar Aprioristische des Raums und
    der Anschein einer absoluten Giltigkeit der
    Gesetze der Raumlehre im Gegensatze zum
    Zufälligen der Raumerfüllung. Da aber die
    Entstehung der Bewegungsempfindungen an
    äussere, der Aussenwelt entstammende Reize
    gebunden ist, so können wir auch in Ge-
      danken einen reinen Raum uns nicht vor-
    stellen.
          Niedere Tiere: Fische, Frösche, auch
    Vögel, z. B. Tauben und Falken, können
    nach Entfernung des Grosshirns am Leben
    erhalten werden und können dann sich be-
    wegen und die Eindrücke ihrer Sinnesorgane
    (mit Ausnahme des Geruchs, da bei der Ent-
    fernung des Grosshirns der zentrale Riech-
    apparat stets mit zerstört wird) zweckmässig
    für ihre Bewegungen verwenden. Tauben
    ohne Grosshirn fliegen (nach Schraders Ver-
    suchen) mit Sicherheit und setzen sich auf
    ganz kleine Standorte; Falken fangen sich
    bewegende Mäuse (Fangreflex). Aber allen
    diesen Tieren fehlen die Eindrücke der Ver-
    gangenheit und damit die Resultate der Er-
    fahrungen, wie Zutraulichkeit und Furcht.
    Die Taube wird durch das Fangnetz oder
    die Katze nicht mehr erschreckt; dieselben
    sind für sie nur raumerfüllende Körper. Für
    die vom Falken gejagte Maus ist der sicherste
    Zufluchtsort unter dem Flügel des Falken;
    hier sieht sie der Raubvogel nicht, und der
    Fangreflex bleibt aus. Solche Tiere haben
    das Erlernte nicht mehr zur Verfügung und
    lernen unter diesen Umständen auch nichts
    Neues. Man kann sagen, sie sehen zwar
    noch reflektorisch, aber nicht mehr psychisch.
    Auch ein von Goltz operierter Hund, dem
    das ganze Grosshirn fehlte, zeigte auf Sinnes-
    reize noch Bewegungen; aber auch ihm fehlte
    alles durch die Erfahrung Erworbene; er
    war nur noch Reflexier.
          Ein langer Streit hat sich über die Frage
    erhoben, ob im Grosshirn eine Lokalisation
    statthat, ob bestimmten Körperbezirken be-
    stimmte Bezirke der Hirnrinde entsprechen,
    oder ob jeder Teil der Hirnrinde befähigt ist,
    für das Sehen, Hören, Riechen, Fühlen u. s. w.
    thätig zu sein. Die Frage dürfte als im Sinne
    der Lokalisation gelöst zu betrachten sein,
    allerdings unter bestimmten Voraussetzungen.
    Lokalisiert sind nur die aus den einzelnen
    Sinnesorganen stammenden Empfindungen,
    so weit sie eben nur ausschliesslich dem
    einen Sinnesorgane angehören. So gelangen
    alle diejenigen Erregungen, welche aus-
    schliesslich aus der Netzhaut stammen, in
    einen bestimmt umgrenzten Bezirk der
    Rinde und dessen kurze Assoziationsfaserung,
    und bringen hier Gruppen von Assoziations-
    fasern zu gemeinschaftlicher Funktion, die
    bestimmten optischen Erinnerungsbildern
    entsprechen. Ein solches elementares Er-
    innerungsbild ist aber innerhalb des Rinden-
    bezirks nicht „lokalisiert“; es liegt nicht in
    einer Zelle deponiert, vielmehr können die
    ihm entsprechenden, funktionell zusammen-
    gefassten Assoziationsfasern über den ganzen
    Rindenbezirk verstreut sein. So gibt es ein
    optisches, ein akustisches, ein gustatorisches,
    ein osmatisches Rindenfeld, sowie Felder für
    die einzelnen grossen Bezirke der Körper-
    sensibilität, ein Rindenfeld für die obere
    (bezw. bei den Tieren vordere), ein solches
  • S.

    836                                                            Gehirn.

    für die untere (hintere) Extremität, eines
    für das Gesicht, eines für den Hals, eines
    für den Rumpf. Je höher entwickelt eine
    Tierart ist, um so weiter scheint die Diffe-
    renzierung der Felder fortzuschreiten, so dass
    bei den Affen und den Menschen wahrschein-
    lich besondere Unterbezirke für Schulter,
    Arm, Hand und Finger bestehen. — Sobald bei
    der geistigen Thätigkeit Eindrücke verschie-
    dener Sinnesorgane in Frage kommen, also
    zunächst konkrete Begriffe gebildet werden,
    hört die Lokalisation auf, und es treten die
    langen Assoziationsfasern, welche verschie-
    dene Rindenbezirke unter einander verbin-
    den, in Thätigkeit. Besteht z. B. bei je-
    mandem der Begriff eines Apfels aus einem
    optischen, einem taktilen, einem Geschmacks-
    und einem Geruchserinnerungsbild, so liegen
    die den elementaren Erinnerungsbildern ent-
    sprechenden Assoziationsfasergruppen in vier,
    weit von einander entlegenen Rindenbezir-
    ken und werden unter einander durch lange
    Assoziationsfasergruppen zusammengehal-
    ten. Ein solcher Begriff kann also durch
    einen lokalen Herd nicht zerstört werden.
    Es können nur eine oder mehrere Komponen-
    ten ausfallen, und dadurch kann der Inhalt
    des Begriffs sehr leiden. Das gilt natürlich
    noch in höherem Grade für abstrakte Begriffe
    oder ganze Vorstellungsreihen. — Man muss
    bei dieser Betrachtung den konkreten Be-
    griff von der Sprachvorstellung sondern. Zum
    Begriff des Apfels kommen beim sprechen-
    den und schreibenden Menschen noch zwei
    bezw. vier Komponenten hinzu, die Erinne-
    rung an den Klang des Wortes „Apfel“, also
    ein akustisches Erinnerungsbild, die Erinne-
    rung an die für die Aussprache des Wortes
    notwendige Bewegungsvorstellung, das op-
    tische Erinnerungsbild des gelesenen Wortes
    „Apfel“ und endlich die Schreibbewegungs-
    vorstellung. Alle diese sprachlichen Kom-
    ponenten können ausfallen, ohne dass der
    konkrete Begriff leidet; und ebenso kann
    der Sprachbegriff intakt sein, während ein
    oder mehrere reale Komponenten fehlen.
    Die Spracherinnerungsbilder sind aber nicht
    vollständig abgesondert von den realen Er-
    innerungsbildern. Vielmehr gehören die
    Wortklangbilder demselben Zentrum an wie
    die sonstigen akustischen Erinnerungsbilder,
    die Lesebilder dem allgemeinen optischen
    Erinnerungsfelde, die Schreibbilder dem
    taktilen Zentrum der rechten Hand, die Be-
    wegungsvorstellungen der ausgesprochenen
    Wörter demselben Zentrum wie die sonsti-
    gen Bewegungserinnerungsbilder der zum
    Sprechen dienenden Muskeln. Nur darin
    besteht ein Unterschied, dass alle Sprach-
    vorstellungen nur auf der linken Grosshirn-
    hemisphäre gebildet und nur hier mit den
    realen Begriffen assoziiert werden. — Ferner
    kommen bei der Frage der Lokalisation noch
    folgende Punkte in Betracht: Im Grosshirn
    ist nicht etwa ein bestimmter Hautpunkt
    oder Retinapunkt oder ein bestimmter Mus-
    kel vertreten. Vielmehr gelangt die peri-
     

    phere Erregung zunächst als Reiz in ver-
    schiedene subkortikale Stationen, das Höhlen-
    und Gangliengrau. Im Höhlengrau sind
    die zu den einzelnen Muskeln gehörigen
    Nervenzellgruppen zu ganz bestimmten Ver-
    bindungen assoziiert, derart, dass vom Höh-
    lengrau aus niemals ein einzelner Muskel
    (mit Ausnahme der mimischen Muskeln)
    innerviert, sondern stets eine Bewegung von
    bestimmter Richtung vermittels der Inner-
    vation einer grossen Anzahl und darunter
    stets antagonistisch wirkender Muskeln aus-
    gelöst wird. Das Grosshirn erfährt durch die
    Projektionsfaserung nichts über die Thätig-
    keit der Muskeln direkt, sondern erst mittel-
    bar durch das Thätigwerden des motorischen
    Höhlengrau. Daher werden nicht Erinne-
    rungsbilder von Bewegungen einzelner Mus-
    keln, sondern stets solche von Bewegungen
    ganzer Gliedabschnitte und zwar immer von
    bestimmten Bewegungsrichtungen gebildet.
    Aehnlich geht es mit den Haut- und Sinnes-
    empfindungen. Ein Reiz, auch wenn er nur
    einen einzelnen Punkt der Peripherie trifft,
    verursacht stets im Höhlengrau eine sich mehr
    oder minder weit ausbreitende Erregung;
    und erst von dieser, noch modifiziert durch
    die abermalige Unterbrechung im Ganglien-
    grau, gelangt in das Grosshirn Kunde.

          Deshalb bewirkt eine zentrale lokalisierte
    Störung im Grosshirn niemals eine periphere
    Anästhesie; der ins Höhlengrau gelangende
    Reiz breitet sich hier aus und kann so stets
    in noch funktionierende Teile des Grosshirns
    gelangen (falls die Störung hier nicht eine
    zu ausgedehnte, einen ganzen Rindenbezirk
    einnehmende ist). Aus diesen Gründen ist
    es auch sehr fraglich, ob in der That eine
    Lokalisation der Netzhaut in der Hirnrinde
    Punkt für Punkt besteht. — Motorische und
    sensorische Zentren für denselben peripheren
    Bezirk scheinen in der Hirnrinde zwar be-
    nachbart, aber doch von einander gesondert
    zu sein. So existiert wahrscheinlich für den
    Gesichtssinn ein Zentrum, in welchem Licht-
    und Farbenwahrnehmungen zustande kom-
    men, und ein zweites, in welchem die Be-
    wegungen der Augenmuskeln zur Auffassung
    gelangen. Da nun bei der Reizung eines
    bestimmten Netzhautpunktes stets neben der
    Lichtwahrnehmung auch durch die Ein-
    stellung des Fixierpunktes auf den einfallen-
    den Lichtstrahl eine Bewegungswahrnehmung
    zustande kommt und diese beiden mit einan-
    der assoziativ verbunden werden, so ist die
    allereinfachste Wahrnehmung schon eine
    komplizierte Leistung des Grosshirns, näm-
    lich die Assoziation einer Empfindung, die
    durch einen von aussen her kommenden Reiz,
    den Lichtstrahl, bewirkt wird, mit einer Bewe-
    gungsempfindung, also der Empfindung der
    Reaktion des Körpers auf den eindringen-
    den Reiz. Erst beide zusammen geben eine
    Wahrnehmung. Analoges gilt für alle Em-
    pfindungen. — Eine beobachtete Störung der
    Grosshirnthätigkeit muss genau analysiert
    werden. Ein Hund, der vor der Peitsche

  • S.

    Gehirn.                                                                                       837

    nicht mehr zurückschreckt, kann dies aus
    dreierlei Gründen unterlassen: 1. das op-
    tische Erinnerungsbild der Peitsche ist ver-
    loren gegangen; 2. die Erinnerung an die
    Empfindung des Peitschenschlages und an
    das dadurch erregte Schmerzgefühl ist ver-
    loren gegangen; 3. die Assoziationsbahn
    zwischen beiden Erinnerungsbildern ist unter-
    brochen. Ebenso kann eine auf einen be-
    stimmten Reiz stets eintretende psychische
    Reaktion unterbleiben, wenn entweder die
    reizaufnehmende Stelle, oder die die Be-
    wegung auslösende Stelle im Grosshirn, oder
    die Assoziationsbahn zwischen beiden in
    ihrer Thätigkeit gehemmt ist. — Im allge-
    meinen entspricht jede Grosshirnhemisphäre
    der entgegengesetzten Körperhälfte. Indessen
    übt eine jede Grosshirnhemisphäre auch auf
    die gleichseitige Körperhälfte einen mehr
    oder minder grossen Einfluss aus. Für den
    Menschen gilt folgendes: Relativ gering und
    auf gewisse Bewegungskombinationen sich
    beschränkend ist der Einfluss einer Gross-
    hirnhemisphäre auf die gleichseitige Extre-
    mität; besser auf Bauch- und Rumpfmus-
    kulatur, auf die Zunge und den Mundfacialis.
    Annähernd gleich ausgeprägt sind die Be-
    ziehungen einer jeden Grosshirnhemisphäre
    zu den Augenmuskeln und dem Augen-
    facialis, sowie zum Kehlkopf; einen vor-
    wiegenden Einfluss immerhin hat jede Hemi-
    sphäre auf die Blickrichtung nach der ent-
    gegengesetzten Seite. Was die sensorische
    Bahn anbetrifft, so steht jede Grosshirn-
    hälfte in ausschliesslicher Beziehung zu den
    gleichseitigen Netzhauthälften beider Augen;
    ferner ist jedes Ohr in jeder Hemisphäre
    vertreten. Im übrigen scheint für die sen-
    sible und sensorische Leitung das Gesetz
    der vollständigen Kreuzung zu herrschen.
    — In Bezug auf die Lokalisation im ein-
    zelnen gilt für Hunde und Affen als fest-
    stehend: Der Hinterhauptlappen steht in
    Beziehung zu den Gesichtsempfindungen, der
    Schläfelappen zu den Gehörsempfindungen,
    das Ammonshorn und der Gyrus limbicus zu
    den Geruchs- und Geschmacksempfindungen.
    Die vordere Hälfte des Grosshirns ist mehr
    motorischer (und taktiler) Natur, derart,
    dass im Scheitellappen zuoberst die hintere,
    in der Mitte die vordere Extremität und
    unten der Kopf vertreten sind. Vor der
    Hinterbeinregion liegt die Nackenregion;
    das vordere Ende der Hemisphäre bildet die
    Rumpfregion. Beim Menschen dürfte fol-
    gende Verteilung der Wahrscheinlichkeit
    entsprechen: Fiss. calc. und nächste Um-
    gebung enthält das Sehzentrum (optisch-
    sensorisches Feld) für die Wahrnehmung
    von Licht und Farben. Der ganze grosse
    Rest des Hinterhauptlappens, insbesondere
    die konvexe Fläche desselben und der Gyr.
    angul. bilden das Zentrum für die Augen-
    bewegungen (optisch-motorisches Feld) und
    die Wahrnehmung der Formen der gesehenen
    Gegenstände. Schläfelappen (konvexe Fläche)
    und hintere Hälfte der Insel sind das aku-
     

    stische Zentrum; inwieweit sich hier zwei
    Felder unterscheiden lassen, von denen das
    eine nur der Wahrnehmung der Töne, das
    andere derjenigen ihrer Beziehungen zu
    einander in Melodie und Wort dient, muss
    dahingestellt bleiben. Ammonshorn und
    Gyr. limbicus stehen in Beziehung zum Ge-
    ruchs- und Geschmackssinn. Das obere Drittel
    der beiden Zentralwindungen und der Lobulus
    paracentr. bilden das Beinzentrum, das mitt-
    lere Drittel beider Zentralwindungen das
    Armzentrum, das untere Drittel endlich das
    Zentrum für das Gesicht. Der Fuss der unte-
    ren Stirnwindung und wohl noch die vor-
    dere Hälfte der Insel enthält das Zentrum
    für Zunge, Gaumen und Kehlkopf. In der
    linken Hemisphäre stellt das akustische Zen-
    trum gleichzeitig das sensorische Sprach-
    zentrum (Wortklangbilder), der Fuss der
    unteren Stirnwindung (Broca’sche Windung)
    das motorische Sprachzentrum (Wortsprech-
    vorstellungen) dar. Im vorderen Stirnhirn
    sind Rumpf-, Hals- und Nackenzentrum zu
    suchen. Das Stirnhirn ist jedenfalls nicht
    der ausschliessliche oder auch nur vorwie-
    gende Sitz der Intelligenz. Die Intelligenz ist
    die Gesamtsumme geistiger Thätigkeit, ihr
    Sitz mithin ist die gesamte Assoziations-
    faserung des Grosshirns.

          Ueber die Funktion des Streifenhügels
    wissen wir nichts, was der Erwähnung wert
    wäre. Der Sehhügel ist wahrscheinlich der
    Sitz der höheren, kombinierten Reflexe, die
    beim Menschen ganz zurücktreten und durch
    die kortikalen, psychischen Reflexe ersetzt
    werden; in ihm sind möglicherweise auch
    die Instinkte zu suchen. Das Pulvinar bildet
    mit dem Corp. genicul. ext. und dem vorderen
    Vierhügel das Gangliengrau des Sehnerven;
    hier liegt auch die Station, wo der Ueber-
    gang der durch Lichteinfall hervorgerufenen
    Erregung zum Okulomotoriuskern stattfindet,
    und somit die Pupillenverengerung ermöglicht
    wird. Der hintere Vierhügel scheint analoge
    Beziehungen zum Hörnerven zu haben.

          Ueber die Funktion des Kleinhirns sind
    wir durch Lucianis zahlreiche Experimente
    an Hunden in den letzten Jahren unter-
    richtet worden. Danach übt das Kleinhirn
    einen sthenischen, tonischen und statischen
    Einfluss auf die Muskulatur aus. 1. Es er-
    höht das Kraftvermögen der Nervenmuskel-
    apparate, 2. es vermehrt den Grad der
    Spannung während der Funktionspausen,
    3. der mehr rhythmische, ruckweise Impuls,
    der vom Grosshirn ausgeht, wird in einen
    gleichmässig fliessenden verwandelt; die
    Bewegungen werden dadurch stetig. End-
    lich besitzt das Kleinhirn einen trophischen
    Einfluss auf Muskeln und Haut. Jede Klein-
    hirnhälfte wirkt auf die gleichseitige Kör-
    perhälfte; innerhalb einer jeden Hälfte findet
    sich keine weitere Lokalisation. Die Aus-
    schaltung des Kleinhirns bewirkt demnach
    bei halbseitiger Zerstörung auf der gleichen
    Körperhälfte, bei vollständiger Zerstörung
    am ganzen Körper: 1. Asthenie, d. i. ge-

  • S.

    838                                                         Gehirnabscess.

    ringere Energie der Muskeln als im nor-
    malen Zustande bei Ausführung der gewöhn-
    lichen Willkürakte; 2. Atonie, d. i. vermin-
    derte elastische Spannung ruhender Muskeln
    und ungewöhnliches Bestreben aktiver Mus-
    keln zu vorzeitiger, unerwarteter Entspan-
    nung; 3. Astasie, d. i. Zittern, unterbrochene
    Muskelkontraktionen, Schwanken, Wanken,
    Unsicherheit der Bewegungen, unfertiges
    Verschmelzen der Muskelzuckungen, Halt-
    losigkeit der Körperstellung, Mängel in der
    Abwickelung der Muskelkontraktion. Indem
    hierdurch die richtige Aufeinanderfolge der
    Thätigkeit der einzelnen Muskelgruppen,
    die Form der Bewegung nach Mass und
    Richtung, die unter normalen Verhältnissen
    für den beabsichtigten Zweck am geeignet-
    sten ist, gestört ist, kommt es zu einer Art
    Ataxie (Dysmetrie). Endlich kommt eine
    Koordinationsstörung zustande durch die
    Störung in der normalerweise regelmässig
    abwechselnden bezw. gleichzeitigen Thätig-
    keit beider Körperhälften. Von diesen Aus-
    fallserscheinungen müssen die Reiz- und
    Kompensationserscheinungen unterschieden
    werden. Einseitige Verletzung oder Zer-
    störung des Kleinhirns macht mehr in die
    Augen fallende Erscheinungen als doppel-
    seitige wegen der auftretenden Differenz
    bei der Bewegung beider Körperhälften.
    Hunde mit ausgedehnten Kleinhirnzerstö-
    rungen können zu einer Zeit, wo ihnen das
    Laufen noch unmöglich ist, schon schwim-
    men, weil sie im Wasser wegen des ver-
    minderten Eigengewichts weniger Kraft ge-
    brauchen. Sinne, Instinkte, Intelligenz werden
    durch Kleinhirnaffektionen nicht beeinträch-
    tigt; nur die Exekutivorgane des Körpers
    leiden in ihrer Funktion. Die Kompen-
    sationsvorgänge bestehen in ungewöhnlichen
    Formen der Bewegungen nach Mass und
    Richtung; wegen der grösseren Kraftentfal-
    tung hierbei tritt schnellere Ermüdung ein.
    Für Kleinhirnerkrankungen beim Menschen
    sind taumelnder, schwankender Gang und
    starker Schwindel charakteristisch; sie kön-
    nen aber auch symptomlos verlaufen. Er-
    krankungen der mittleren Kleinhirnschenkel
    bewirken als Reizerscheinungen: Zwangs-
    lagen und Zwangsstellungen des Rumpfes,
    des Kopfes und der Augen, Umwälzungen
    um die Längsachse des Körpers, Schwindel
    mit der Neigung, nach einer Seite zu fallen.

          Von Reflexen kommen im Höhlengrau
    des G—s eine Anzahl in Betracht, deren
    Bögen von den sensiblen zu den motorischen
    Kernen verlaufen. Hierher gehören: der
    Augenschluss bei Berührung der Hornhaut;
    Niessen bei Reizung der Nasenschleimhaut
    sowie bei Blendung vom Sehnerven aus;
    Husten bei Reizung des Kehlkopfs oder der
    Luftröhren, sowie auch vom Gehörgang aus;
    die Schluckbewegung; die Absonderung der
    Thränen und des Speichels bei Reizung der
    Schleimhäute des Auges bezw. des Mundes.
    Beide letzteren Absonderungen sind auch
    vom Grosshirn auslösbar, aber nicht will-

     

    kürlich, sondern nur unter Zuhilfenahme
    bestimmter Gefühle. Ferner das Erbrechen,
    bei Reizung der Magenschleimhaut. Die
    motorische Thätigkeit bei einem Teile dieser
    Reflexe erstreckt sich auf Körpermuskeln,
    deren Kerne im Rückenmark liegen, es be-
    darf also für ihre Auslösung der Assoziations-
    fasern, welche die Hirnnervenkerne mit dem
    Rückenmarksgrau verbinden. Besonders wich-
    tige Reflexzentren, die wegen ihres bestän-
    digen Arbeitens als automatische Zentren be-
    zeichnet werden, liegen in der Gegend der
    Kerne des IX. bis XI. Hirnnerven, bezw.
    werden durch diese Kerne und ihre Faser-
    verbindungen gebildet. Es sind das die an
    der Spitze des Calamus scriptorius, dem
    unteren Ende der Rautengrube gelegenen
    Zentren für die Hemmung der Herzthätig-
    keit, die Verengung der Arterien (vasomoto-
    risches Centrum) und die Atmung. Am
    Boden des vierten Ventrikels liegt ferner ein
    Zentrum, dessen Verletzung (der sog. Zucker-
    stich) eine vorübergehende Glykosurie her-
    vorbringt. Aus der assoziativen Thätigkeit
    des Höhlengrau, d. h. eben aller dieser
    Nervenkerne und Zentren, ist besonders her-
    vorzuheben die Zusammenfassung der ein-
    zelnen Augenmuskeln zu bestimmten Augen-
    bewegungen, sowie die Koordination der
    beim Kauen, Schlucken, Brechen, Atmen
    u. s. w. in Thätigkeit tretenden einzelnen
    Muskeln zu den betreffenden Bewegungs-
    formen.