S.
Feuilleton.
Gespräch über das Rauchen.
Von Dr. Wilh StEin kleines gemütliches Studierzimmer eines
bedeutenden Nervenarztes. Der Hausherr sitzt an
Schreibtisch und dampft aus einer kleinen englischen
Pfeife. Der „Unruhige Geist“ lehnt sich an
einem weichen Fauiteuil zurück und raucht wie sein
Meister womöglich noch behaglicher aus einer eng
lischen Pfeife. Der „Schweigsame“ behandelt
mit grosser Sachkenntnis und Eleganz eine feine
Cigarette. Der „Socialist“ saugt gemächlich an
einer Virginia und macht ein sehr ernstes Gesicht.Es läutet
Herein tritt der „Bequeme“. Der Hausherr
bietet ihm eine Cigarre an.Der Bequeme: „Ich danke, ich rauche jetzt
sehr wenig. Ich habe mich überzeugt, daß ich viel
freier denken kann, wenn ich nicht rauche. Das Rauchen
erzeugt eine gewisses Wohlgefühl, es regt unsere
schöpferische Kraft an. Aber es hat einen grossen Nach-
theil. Es kostet uns, ähnlich dem Alkohol, den klarenBlick, es zerstört den wohlthätigen Einfluß der Selbst
kritik“.Der Meister: „Ich verstehe. Sie wollen
sich durch das Rauchen nicht ein Atom Ihres freien
Willen rauben lassen.“Der Bequeme: „So ist es. Ich arbeite
jetzt viel klarer und nüchterner. Es würde mich in-
teressieren, was die anderen Herren dazu sagen. Könnte.
nicht der Rückgang der metaphysischen Wissenschaften,
das Zurücktreten der Philolosophie vor den anderen
Wissenschaften auf die allgemeine Unsitte zurückzu-
fhren sein, während der geistigen Arbeit zu rauchen?“Der Unruhige: „Das stimmt nicht mit
meinen Erfahrungen überein. Wenn ich genau zurück
denke, so fällt meine schriftstellerische Thätigkeit gerade
in jenen Zeiten, als ich zu rauchen begann.“Der Bequeme: „Das beweist nur meine
Annahme, daß das Rauchen die Selbstkritik unter
gräbt.“Der Hausherr: „Geistreich — aber bos-
haft.“Der Unruhige: „... Und falsch. Denn ich
rauche nur nach den Mahlzeiten und niemals während
der geistigen Arbeit. Seit wann rauchen die Europäer?
Zur allgemeinen Sitte ist das Rauchen erst seit circa
zwei Jahrhunderten geworden. Bis ins neunzehnteJahrhundert hinein war das Rauchen auf der Straße
verboten. Gerade die letzten Jahrhunderte haben so
einflussreiche Erfindungen, so ungeheure geistige Arbei-
ter hervorgebracht.“Der Meister (zum Bequemen): „Sie ver-
kennen direct das Wesen des Schaffens. Ich wenig-
stens arbeite immer in zwei Etappen. Am ersten
Tage concepire ich unter dem Eindrucke der Begeiste-
rung meine Gedankan. Da muss die Phantasie ordent-
lich mitarbeiten, wenn die Sache einen Zug ins Große
erhalten soll. Die Kritik kommt bei mir erst am zwei-
ten Tage. Mit oder ohne Rauchen. Ein kleiner Kern
von Wahrheit scheint in diesen Ausführungen zu
liegen. Wenn ich ein gegnerischen Buch lesen soll,
worüber ich mich voraussichtlich ärgern werde, so
rauche ich niemals. Ich lese es in grosser Aufregung
rasch durch und ----- rauche erst nachher. Das
Rachen bewirkt entschieden eine geringe Narkose, ein
Wohlgefühl der Nerven.“Der Schweigsame: „Das Rauchen der
Frauen, das gäbe auch manche berücksichtigungswerthe
Punkte. Ein Theil raucht nur aus Emancipations-gelüsten.--
Der Bequeme: „Bei manchen Damen sind
es unschuldige Bahnen, auf die sich Impulse sexueller Perversität
ergießen.S.
Der Unruhige: „Sie rauchen, um wie der
Mann zu genießen. Wozu tiefere Sünde suchen?"
Der Meister: Ein mir bekanntes, geist-
reiches Mädchen rauchte leidenschaftlich. Darüber zur
Rede gestellt, vertheidigte sie sich in einem reizenden
Gedichte. Der Sinn desselber war kurz und bündig:
Ich rauche so viel, weil ich so wenig geküßt werde --"
Der Unruhige: Das kann einen doppel-
ten Sinn haben. Der Nikotingenuß scheint unser
Liebesbedürfnis herabzusetzen. Es sind Fälle be-
kannt -----Der Meister: "Ich weiß, wo Sie hinaus-
wollen. Wir wissen es Alle. Deshalb die ewige
Gegnerschaft unserer Frauen gegen das Rauchen!"Der Bequeme: "Das ist köstlich! Und die die
Vorwürfe der Rauch hafte an den Vorhängen---"Der Meister: "--- sind ein Vorwand1"
Der Unruhige: "Ein Vorhang, der uns
den wahren Zusammenhang verschleiern soll" (Alle
lachen)
Der Schweigsame: "Es ist ganz klar"Der Unruhige: Gar nichts ist klar. Es
stimme wieder etwas nicht. Ich kannte ein Mädchen
das liebte - "Der Bequeme: "Das wievielte?
Der Unruhige: "- Nebensache... das
ich liebte. Als ich sie küßte, sagte sie: Du rauchst
nicht? Das ist merkwürdig. Du riechst gar nicht wie
ein Mann. Ein Mann muß rauchen. Dieses „Mann"
sprach sie mit einer so feierlichen Betonung aus. Ein
Mann – förmlich dreimal unterstrichen.“Der Bequeme: „Die alt waren Sie da
mals?“Der Meister: „Das war nur der versteckte
Wunsch, Sie als erwachsenen Mann zu sehen.“Der Socialist: „Nach der Hochzeit hätte
sie schon das Gegentheil von Ihnen verlangt!“Der Schweigsame: „Das glaube ich
auch.“Der Unruhige: „Das sind Witze, das ist
keine Psychologie. Ich glaube allen Ernstes, daß die
Frauen in unserem Küssen den Tabakgenuß ungern
vermissen würden“Der Bequeme: „So wie den Schnurrbart
der doch beim Kusse störend wirken sollte."Der Socialist: „Das Rauchen hat also in
vielen Fällen intime sexuelle Beziehungen. Dafür
spricht auch der Umstand, daß die alten Sennerinnen
im Gebirge oft viel ärger dampfen als die Männer
Die haben auf die Liebe schon Verzicht geleistet"Der Unruhige: „Der Meister hat Recht
Das Rauchen ist eine kleine Narkose. Wir als Ärzte
müssen aber auch zugeben, daß es auch ein gefährliches
Gift werden kann.“Der Meister: „In große Dosen kann es
dem Menschen gefährlich werden. Was soll denn mäßi-
tige Rauchen für Schaden stiften können. Ich bin
immer sehr mißtrauisch, wenn ich höre, der aber jenes
Kranke sei in Folge zu starken Rauchens gestorben. Da
stecken sehr häufig andere Dinge dahinter. Am häufig-
sten wohl eine Combination mit Alkoholismus, die
besonders verderblich zu sein scheint.“Der Unruhige: „Ich rauche eigentlich
wenig. Fünf Cigarren am Tage, immer eine nach
einer Mahlzeit. Daher habe ich die Empfindung, ich
könnte jeden Tag aufhören. Ja — nach einer beson-
ders schlechten Cigarre nehme ich mir's vor: morgen
hörst Du auf. So betrüge ich mich schon Jahre lang
mit dem Gedanken, es sei eigentlich das letzte
Mal. Der abgenütze Trost aller Sünder Groß und
Klein.“Der Meister: „Sie sind kein Raucher. Sie
können das nicht verstehen. Ich habe zwei Jahre nicht
rauchen dürfen. Es war schrecklich. Ich hatte die Em-
pfindung, es wäre mir ein guter Freund gestorben
und ich müsste von früh bis Abend seiner in Trauer
gedenken. Auch jetzt habe ich dieselbe Empfindung für
meine Pfeife. Sie ist mein guter Freund, mein Be-
rather, mein Gesellschafter, mein Tröster, mein Weg-
genosse, der mir die weitesten Wege verkürzt.“
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Gespräch über das Rauchen. Von Dr. Wilhelm Stekel
1903-411/1903
1903-411/1903