Gespräch über das Rauchen. Von Dr. Wilhelm Stekel 1903-411/1903

Stekel, Wilhelm (1903-411/1903): Gespräch über das Rauchen. Von Dr. Wilhelm Stekel

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  • S.

    Feuilleton.

    Gespräch über das Rauchen. 
    Von Dr. Wilh St

    Ein kleines gemütliches Studierzimmer eines 
    bedeutenden Nervenarztes. Der Hausherr sitzt an 
    Schreibtisch und dampft aus einer kleinen englischen 
    Pfeife. Der „Unruhige Geist“ lehnt sich an 
    einem weichen Fauiteuil zurück und raucht wie sein 
    Meister womöglich noch behaglicher aus einer eng 
    lischen Pfeife. Der „Schweigsame“ behandelt 
    mit grosser Sachkenntnis und Eleganz eine feine 
    Cigarette. Der „Socialist“ saugt gemächlich an 
    einer Virginia und macht ein sehr ernstes Gesicht.

    Es läutet 
    Herein tritt der „Bequeme“. Der Hausherr 
    bietet ihm eine Cigarre an.

    Der Bequeme: „Ich danke, ich rauche jetzt 
    sehr wenig. Ich habe mich überzeugt, daß ich viel 
    freier denken kann, wenn ich nicht rauche. Das Rauchen 
    erzeugt eine gewisses Wohlgefühl, es regt unsere 
    schöpferische Kraft an. Aber es hat einen grossen Nach- 
    theil. Es kostet uns, ähnlich dem Alkohol, den klaren

    Blick, es zerstört den wohlthätigen Einfluß der Selbst 
    kritik“.

    Der Meister: „Ich verstehe. Sie wollen 
    sich durch das Rauchen nicht ein Atom Ihres freien 
    Willen rauben lassen.“

    Der Bequeme: „So ist es. Ich arbeite 
    jetzt viel klarer und nüchterner. Es würde mich in- 
    teressieren, was die anderen Herren dazu sagen. Könnte. 
    nicht der Rückgang der metaphysischen Wissenschaften, 
    das Zurücktreten der Philolosophie vor den anderen 
    Wissenschaften auf die allgemeine Unsitte zurückzu- 
    fhren sein, während der geistigen Arbeit zu rauchen?“

    Der Unruhige: „Das stimmt nicht mit 
    meinen Erfahrungen überein. Wenn ich genau zurück 
    denke, so fällt meine schriftstellerische Thätigkeit gerade 
    in jenen Zeiten, als ich zu rauchen begann.“

    Der Bequeme: „Das beweist nur meine 
    Annahme, daß das Rauchen die Selbstkritik unter 
    gräbt.“

    Der Hausherr: „Geistreich — aber bos- 
    haft.“

    Der Unruhige: „... Und falsch. Denn ich 
    rauche nur nach den Mahlzeiten und niemals während 
    der geistigen Arbeit. Seit wann rauchen die Europäer? 
    Zur allgemeinen Sitte ist das Rauchen erst seit circa 
    zwei Jahrhunderten geworden. Bis ins neunzehnte

    Jahrhundert hinein war das Rauchen auf der Straße 
    verboten. Gerade die letzten Jahrhunderte haben so 
    einflussreiche Erfindungen, so ungeheure geistige Arbei- 
    ter hervorgebracht.“

    Der Meister (zum Bequemen): „Sie ver- 
    kennen direct das Wesen des Schaffens. Ich wenig- 
    stens arbeite immer in zwei Etappen. Am ersten 
    Tage concepire ich unter dem Eindrucke der Begeiste- 
    rung meine Gedankan. Da muss die Phantasie ordent-
    lich mitarbeiten, wenn die Sache einen Zug ins Große 
    erhalten soll. Die Kritik kommt bei mir erst am zwei- 
    ten Tage. Mit oder ohne Rauchen. Ein kleiner Kern 
    von Wahrheit scheint in diesen Ausführungen zu 
    liegen. Wenn ich ein gegnerischen Buch lesen soll, 
    worüber ich mich voraussichtlich ärgern werde, so 
    rauche ich niemals. Ich lese es in grosser Aufregung 
    rasch durch und ----- rauche erst nachher. Das
    Rachen bewirkt entschieden eine geringe Narkose, ein 
    Wohlgefühl der Nerven.“

    Der Schweigsame: „Das Rauchen der 
    Frauen, das gäbe auch manche berücksichtigungswerthe 
    Punkte. Ein Theil raucht nur aus Emancipations- 

    gelüsten.--
    Der Bequeme: „Bei manchen Damen sind 
    es unschuldige Bahnen, auf die sich Impulse sexueller Perversität
    ergießen.

  • S.

    Der Unruhige: „Sie rauchen, um wie der 
    Mann zu genießen. Wozu tiefere Sünde suchen?"
    Der Meister: Ein mir bekanntes, geist-
    reiches Mädchen rauchte leidenschaftlich. Darüber zur
    Rede gestellt, vertheidigte sie sich in einem reizenden
    Gedichte. Der Sinn desselber war kurz und bündig:
    Ich rauche so viel, weil ich so wenig geküßt werde --"
    Der Unruhige: Das kann einen doppel-
    ten Sinn haben. Der Nikotingenuß scheint unser
    Liebesbedürfnis herabzusetzen. Es sind Fälle be-
    kannt -----

    Der Meister: "Ich weiß, wo Sie hinaus-
    wollen. Wir wissen es Alle. Deshalb die ewige
    Gegnerschaft unserer Frauen gegen das Rauchen!"

    Der Bequeme: "Das ist köstlich! Und die die
    Vorwürfe der Rauch hafte an den Vorhängen---" 

    Der Meister: "--- sind ein Vorwand1"

    Der Unruhige: "Ein Vorhang, der uns
    den wahren Zusammenhang verschleiern soll" (Alle
     lachen)
    Der Schweigsame: "Es ist ganz klar"

    Der Unruhige: Gar nichts ist klar. Es
    stimme wieder etwas nicht. Ich kannte ein Mädchen
    das liebte - "

    Der Bequeme: "Das wievielte?

    Der Unruhige: "- Nebensache... das

    ich liebte. Als ich sie küßte, sagte sie: Du rauchst

    nicht? Das ist merkwürdig. Du riechst gar nicht wie 
    ein Mann. Ein Mann muß rauchen. Dieses „Mann" 
    sprach sie mit einer so feierlichen Betonung aus. Ein 
    Mann – förmlich dreimal unterstrichen.“

    Der Bequeme: „Die alt waren Sie da 
    mals?“

    Der Meister: „Das war nur der versteckte 
    Wunsch, Sie als erwachsenen Mann zu sehen.“

    Der Socialist: „Nach der Hochzeit hätte
    sie schon das Gegentheil von Ihnen verlangt!“

    Der Schweigsame: „Das glaube ich 
    auch.“

    Der Unruhige: „Das sind Witze, das ist 
    keine Psychologie. Ich glaube allen Ernstes, daß die 
    Frauen in unserem Küssen den Tabakgenuß ungern 
    vermissen würden“

    Der Bequeme: „So wie den Schnurrbart 
    der doch beim Kusse störend wirken sollte."

    Der Socialist: „Das Rauchen hat also in
    vielen Fällen intime sexuelle Beziehungen. Dafür 
    spricht auch der Umstand, daß die alten Sennerinnen 
    im Gebirge oft viel ärger dampfen als die Männer
    Die haben auf die Liebe schon Verzicht geleistet"

    Der Unruhige: „Der Meister hat Recht
    Das Rauchen ist eine kleine Narkose. Wir als Ärzte
    müssen aber auch zugeben, daß es auch ein gefährliches 
    Gift werden kann.“

    Der Meister: „In große Dosen kann es 
    dem Menschen gefährlich werden. Was soll denn mäßi- 
    tige Rauchen für Schaden stiften können. Ich bin 
    immer sehr mißtrauisch, wenn ich höre, der aber jenes 
    Kranke sei in Folge zu starken Rauchens gestorben. Da 
    stecken sehr häufig andere Dinge dahinter. Am häufig-
    sten wohl eine Combination mit Alkoholismus, die 
    besonders verderblich zu sein scheint.“

    Der Unruhige: „Ich rauche eigentlich 
    wenig. Fünf Cigarren am Tage, immer eine nach 
    einer Mahlzeit. Daher habe ich die Empfindung, ich 
    könnte jeden Tag aufhören. Ja — nach einer beson-
    ders schlechten Cigarre nehme ich mir's vor: morgen  
    hörst Du auf. So betrüge ich mich schon Jahre lang 
    mit dem Gedanken, es sei eigentlich das letzte 
    Mal. Der abgenütze Trost aller Sünder Groß und 
    Klein.“

    Der Meister: „Sie sind kein Raucher. Sie 
    können das nicht verstehen. Ich habe zwei Jahre nicht 
    rauchen dürfen. Es war schrecklich. Ich hatte die Em- 
    pfindung, es wäre mir ein guter Freund gestorben 
    und ich müsste von früh bis Abend seiner in Trauer 
    gedenken. Auch jetzt habe ich dieselbe Empfindung für 
    meine Pfeife. Sie ist mein guter Freund, mein Be- 
    rather, mein Gesellschafter, mein Tröster, mein Weg- 
    genosse, der mir die weitesten Wege verkürzt.“