Lähmung 1890-023/1891

Freud, Sigmund (1890-023/1891): Lähmung

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    Lager – Lähmung

    zucker). L. ist eine weissgelbliche, Feuchtigkeit
    schnell anziehende und alsdann klebrige, zer
    fliessliche, syrupartige Masse, die sich leicht in
    Wasser und Alkohol löst, sehr süss schmeckt, links
    drehend (bei 15:106°) ist, alkalische Kupferlösung
    reduziert und mit Hefe gärt. Sie kristallisiert nicht.
    – Kocht man L. längere Zeit mit Schwefelsäure
    (10 G L. mit 120 G Wasser und 15 G konzentrierter
    Schwefelsäure 8 Tage lang), so entsteht (König)
    Laevulinsäure.

    Lager, das (frz. camp m; engl. camp, eng. Sinn:
    encampment; it. campo m). Stehende L. sind in den
    Armeen Frankreichs, Russlands, Englands, u. a.
    üblich; in Deutschland hat man nur auf Schiess
    plätzen L. und zieht gewöhnlich im Bedarfsfalle
    Kantonnement und Biwaks vor. Die Wahl
    des Platzes für das L. ist die erste hygienische
    Forderung. Trockene, etwas hoch gelegene Gelände
    mit gutem Trinkwasser und genügendem Gefälle
    für den Abfluss des Tages- und Verbrauchswassers
    sind in erster Linie zu empfehlen. Die Nähe eines
    Gehölzes ist für die Beschaffung von Brenn- und
    Hüttenmaterial wesentlich, doch darf das L., ab
    gesehen von militärischen Rücksichten, der mangeln
    den Luft wegen prinzipiell nicht im Walde errichtet
    werden. – Nach Art der Unterkunft unterscheidet
    man Baracken-, Zelt-, Hütten-, und Frei-
    lager oder Biwaks; Formen, für deren Auswahl
    im wesentlichen die Dauer der Benutzung bestim-
    mend ist. Bei den auf längere Zeit berechneten
    L-n sind Baracken das beste Unterkunftsmittel.
    Diese sind aus Holz oder in Backsteinbau hergestellt;
    meist aus ca. 30 Mann, mit einem oder zwei Räumen,
    hin und wieder auch mit einem Uebergeschoss ver-
    sehen. Zur Bedeckung dient Dachpappe oder Filz,
    ein Dachreiter vermittelt die Ventilation, der ausser-
    dem die Fenster mit etwa 0.8 qm Lichtfläche pro
    Kopf dienen. Den Fussboden legt man meist etwas
    erhöht, so dass die Luft auch unter der Dielung
    zirkulieren kann. Wo letztere nicht anzubringen
    ist, wird der Boden gepflastert oder nur gestampft
    mit Kies bestreut – immerhin nur ein Notbehelf
    sowohl hinsichtlich der Behaglichkeit der Insassen,
    als der erforderlichen Reinhaltung. Abhaltung des
    Traufwassers von den Wänden wie vom Fussboden
    ist natürlich vorzusehen. Für die Winternutzung
    sind Oefen mit langem horizontalem Rauchrohr wohl
    am empfehlenswertesten. – Die Nivellierung des
    ganzen für ein L. bestimmten Terrains sollte man
    (bes. in Hinsicht auf etwa an-
    zulegende einheitliche Kanalisation) wegen niemals
    unterlassen und natürlich stets vor Errichtung des
    ersten Gebäudes beendet haben. – Lagerzelte.
    In Preussen sind nur konische in Gebrauch für
    15 Mann mit Gepäck. Die Leute liegen radiär gegen
    die Zeltstange. Im Zeltmantel ist eine durch Lein-
    wandklappen verschliessbare Thüröffnung. Trockener
    Boden ist Hauptbedingung, bei längerem Gebrauch
    sind Entwässerungsgräben um das Zelt nicht zu
    entbehren. Dauernde Benutzung der Zeltlager ist
    wegen der ungenügenden Ventilation, der mangel-
    haften Desinfektion des Bodens, Schwierigkeit der
    Reinhaltung des L-s nicht ratsam – Schutz-
    zelte, tente-abri, werden mittels der von den
    Soldaten getragenen einzelnen Teile zusammen-
    gesetzt und sollen für 2–4 Mann im Biwak eine
    notdürftige Unterkunft und Schutz, nicht immer
    gegen Wind und Wetter, sondern in wärmeren
    Klimaten (so in Italien) auch gegen Insektenstiche,
    gewähren. In Deutschland hat man bis jetzt die aus
    Stroh, Latten und Seilschnürungen schnell errichteten,
    sehr zweckmässigen Windschirme vorgezogen, erst
    in neuester Zeit hat man wirksamere Schutzdächer mit
    Leinentuch probiert. Doch wird die Schwierigkeit des

    Transports, der seitens der Leute selbst nicht geschehen
    kann, der allgemeinen Einführung hinderlich sein.
    – Hüttenlager sind in Deutschland nicht in Ge-
    brauch. Nach den bei der russischen Armee ge-
    machten Erfahrungen ist die Verwendung gut ein-
    gedeckter Erdhütten in rauhen Klimaten durchaus
    ratsam. Trockener Boden und Möglichkeit der Be-
    heizung bei guter Ventilation sind notwendige Vor-
    bedingungen.

    Lagerbier, das (frz. bière de conserve ou de
    garde; engl. lagerbier; it. birra conservata, birra
    vecchia), s. Bier 4.

    Lagophthalmus, der [λαγώς Hase, ὀφθαλμός
    Auge] = Hasenauge, s. Lider.

    Lähmung, die (frz. paralysie f motrice; engl.
    paralysis, vulg. palsy; it. paralisi f). Unter L. (der
    motorischen Teile) versteht man die Aufhebung des
    Vermögens, durch Willenseinfluss eine Bewegung
    zu erzeugen. Ist dieselbe eine absolute oder hoch-
    gradige, so wird sie als Paralyse, sonst als Pa-
    rese, motorische Schwäche, bezeichnet. Der ge-
    samte Bewegungsapparat gliedert sich in einen zen-
    tralen Teil (zentrales Nervensystem), in einen
    intermediären (periphere Nerven) und in einen
    peripheren Teil (Muskeln und Gelenke). Jeder
    dieser Teile kann den Grund für eine L. abgeben.
    Ehe man eine L. auf das Nervensystem zurückführt,
    für welche Art von L. dieser Name eigentlich zu
    gebrauchen ist, muss man feststellen, dass nicht
    etwa eine Veränderung der Muskeln und Gelenke
    die Aufhebung der Beweglichkeit verschuldet. Die
    Ausschliessung ist nicht immer leicht; die passiven
    Teile des Bewegungsapparates (Knochen und Mus-
    keln) hängen in ihrem Ernährungszustand von dem
    Zustand des zugehörigen Nervenapparates ab, die
    genuinen Erkrankungen der Muskeln sind oft schwierig
    von den sekundären Erkrankungen derselben infolge
    von Nervenerkrankung zu trennen. – Eine L., die
    vom Nervensystem abzuleiten ist, kann von zwei
    verschiedenen Arten von Veränderung in demselben
    herrühren. Erstens: von einer Funktionseinstellung
    gewisser für die Entstehung der Bewegung wichtiger
    Hirnteile, und zweitens von einer durch anatomische
    Verhältnisse gegebenen Unterbrechung der motori-
    schen Leitung. Die Veränderung der ersteren Art wird
    Untersuchung nachweisen lassen, sie ist eine rein
    funktionelle; die andere, sogen. organische Verän-
    derung muss als nachweisbar angenommen werden,
    ob sie nun bereits in die Tragweite der von uns
    zum Nachweis verwendeten Methoden fällt oder nicht.
    I. Die rein funktionellen L-en sind uns erst
    in sehr geringem Umfange bekannt. Es ist mög-
    lich, dass wir dieselben an verschiedenen Stellen
    des Nervensystems werden lokalisieren dürfen; gegen-
    wärtig kennen wir aber genauer bloss die hyste-
    rische L., bei welcher wir die Funktionseinstellung
    in den physischen Funktionen dienenden Teile des
    Grosshirns verlegen dürfen. An dieser Stelle sind
    nur die allgemeinsten Charaktere hysterischer L-en
    zu erwähnen: Die hysterische L. hat gewisse Aehn-
    lichkeiten mit der später als kortikal zu beschreiben-
    den, zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie kein Ab-
    bild der anatomischen Verhältnisse des Nerven-
    systems liefert, sondern sich nach den Begrenzungen
    der Körperteile, wie sie uns durch die gemeine sinn-
    liche Wahrnehmung bekannt sind, richtet; dass sie
    an einem Körperteil leicht den höchsten Grad er-
    reicht (Absolutheit), ohne auf einen anderen Teil
    der Körperperipherie überzugreifen (Ausschliesslich-
    keit), dass sie nie einzelne Teile befällt, sondern
    stets ganze Apparate, insofern sie bestimmten Funk-
    tionen dienen. Die hysterische L. ist in der That

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    keine L. von Körperteilen, sondern eine Aufhebung
    von Funktionen, oder sie besteht in einem Abhanden-
    kommen eines ganzen Gliedes für den Willen und
    die Vorstellung des Kranken. Von der hysterischen
    L. ergriffen werden am häufigsten: einzelne Extremi-
    täten, gleichnamige Extremitäten, oder beide Ex-
    tremitäten einer Seite, und der Sprachapparat; die
    Gesichtsmuskulatur, welche die feinsten Anzeichen
    bei Len organischer Natur liefert, leidet nie bei
    der Hysterie. Ueberdies ist für die hysterische L.
    charakteristisch, dass die Störungen der Sensibilität
    in der Regel die Motilitätsstörung an In- und Ex-
    tensität überwiegen, was bei organischen Läsionen
    nur ausnahmsweise vorkommt (s. a. Hysterie III. 5).
    Es ist der wichtigste Schritt in der Diagnose einer
    L., die funktionelle von der organisch be-
    dingten Bewegungsstörung zu scheiden. Hat
    man erkannt, dass die L. von einer Ursache letzterer
    Art, also von einer anatomischen Unterbrechung im
    Nervensystem abhängt, so hat die Diagnose drei
    Fragen zu beantworten, welche zum Schaden der
    diagnostischen Klarheit nicht immer auseinander-
    gehalten werden. Die erste Frage geht nach dem
    Sitz der Unterbrechung (der Lokalität der Er-
    krankung); die zweite nach dem Prozess, der
    die Unterbrechung verschuldet, und die
    dritte nach dem ätiologischen Moment des
    selben. Nur die Frage nach der Lokalisation der
    Unterbrechung kann hier ohne Bezugnahme auf die
    speziell pathologischen Artikel behandelt werden. –
    Unsere Kenntnisse über den anatomischen Verlauf
    der motorischen Bahn lassen sich kurz dahin zu-
    sammenfassen: Es gibt ein verhältnismässig grosses
    Gebiet auf der Hirnrinde, von dem die Fasern für
    willkürliche Bewegung ausgehen. Dasselbe umfasst
    den Lobus paracentralis an der medialen Gehirnoberfläche, das über
    die Sylv’sche Grube hängende Speculum und das
    anstossende Stück der ersten Stirnwindung (vgl. Ge-
    hirnwindungen). Von diesen Rindengebieten
    aus zieht die motorische Faserung immer enger kon-
    vergierend durch den Markkern der Hemisphäre in
    die grosse Faserstrasse zwischen den Grosshirn-
    ganglien, die innere Kapsel (vgl. Corpus stria-
    tum). In der inneren Kapsel nimmt sie die vorderen
    zwei Drittel des hinteren Schenkels ein. Die sen-
    sible Bahn, welche ebenfalls vom Parietalhirn, ausser-
    dem noch vom Hinterhaupt- und Schläfelappen
    kommt, nimmt in der inneren Kapsel das hinterste
    Drittel des hinteren Schenkels in Anspruch. – Das
    kompakte Verlaufsstück der motorischen Bahn setzt
    sich nun durch den Hirnschenkel, in dem sie das
    mittlere Drittel einnimmt, fort in den Pons und
    tritt als Pyramide aus dem letzteren hervor. Auf
    dem Wege durch Pons und Oblongata lösen sich
    bereits die Fasern zu den motorischen Hirnnerven
    von der motorischen Bahn ab. Als Extremitäten-
    bahn gelangen die Pyramiden immer noch als kom-
    pakte Bündel bis zur oberen Grenze des Rücken-
    markes, woselbst sie eine Umlagerung erfahren (Re-
    gion der Pyramidenkreuzung). Ein in inkon-
    stantem Verhältnis mächtigerer Anteil begibt sich
    in den gekreuzten Vorderstrang, ein geringerer An-
    teil behält seine Lagerung als inneres Stück der
    Vorderstränge bei (Türck’sche Bündel). Im
    Rückenmark nehmen beide Teile der Pyramiden-
    bahn allmählich nach unten ab, die Vorderstrangs-
    bahn erschöpft sich früher als die Seitenstrangsbahn,
    beide wehe es scheint durch Faserabgabe zu den
    Vorderhörnern des Rückenmarkes, von denen aus
    die motorische Bahn sich durch die vorderen Wur-
    zeln zur Peripherie fortsetzt. Ausser dieser langen
    motorischen Bahn gibt eswiewoch noch andere Wege
    für die Innervation der Muskeln; es scheint aber

    nicht, dass dieselben bei der willkürlichen Bewe-
    gung des Menschen in Anspruch genommen werden.
    II. Die zerebrale Unterbrechung. Es ist
    nun klar, dass eine Unterbrechung der beschriebenen
    motorischen Bahn auf ihrem Verlaufe von der Gross-
    hirnrinde bis zur Pyramidenkreuzung stets dasselbe
    klinische Bild ergeben muss, nämlich das der zere-
    bralen Hemiplegie: L. der willkürlichen Mus-
    kulatur auf der dem Sitz der Unterbrechung un-
    gleichnamigen Körperhälfte. Innerhalb dieses Ver-
    laufsstückes wird sich eine Unterscheidung zwischen
    der Unterbrechung im Gebiet des kompakten Verlaufs
    von der inneren Kapsel abwärts, und der Unter-
    brechung des diffuser ausgebreiteten Stückes im
    Hemisphärenmarke bis zur Rinde machen lassen.
    Die Hemiplegie der zweiten Art – kortikale und
    subkortikale Hemiplegie – wird einen un-
    vollständigen Charakter haben und sich der mono-
    plegischen L. annähern. Es kann so von der Rinde
    aus bloss die Innervation der Gesichtsmuskeln
    der Zunge, einer oberen und in seltenen Fällen
    einer unteren Extremität gestört sein. Doch dürfen
    diese kortikalen Monoplegieen nicht sehr intensiv
    werden, wenn sie nicht wenigstens andeutungsweise
    auf die anderen Glieder derselben Seite übergreifen
    sollen. Sensibilitätsstörung kann die kortikale L.
    begleiten, ist aber nicht jedesmal vorhanden; wo
    von dieses Verhalten abhängt, ist unbekannt. –
    Unterbrechung im Gebiet des kompakten Verlaufs
    der motorischen Bahn erzeugt das Bild der
    zerebralen Hemiplegie (vgl. Gehirnblutung).
    Klinisch ist hierzu zu bemerken, dass eine solche
    zerebrale Seitenlähmung gesetzmässigerweise nicht
    alle Muskeln der gekreuzten Seite befüllt, son-
    dern nur die Muskeln der Extremitäten und die
    Gesichtsmuskeln im Mund und Nase. Die Muskeln
    um die Lidspalte (Augenfacialis), sowie die Rumpf-
    muskeln erleiden nur eine geringe Schwächung;
    zur L. der von Gehirnnerven versorgten willkür-
    lichen Muskulatur (Kau-, Schling-, Zungenmuskeln)
    ist eine besondere Lokalisation der Unterbrechung
    erforderlich. Endlich ist von Augenmuskellähmung
    infolge zerebraler Unterbrechung nichts bekannt,
    wenn man von der noch nicht sicher bewiesenen
    zerebralen Ptosis absieht. Der Grund für dieses
    Verhalten wird zumeist in der doppelseitigen Inner-
    vation der bei der zerebralen Hemiplegie verschonten
    Muskeln gesucht, könnte aber auch in der Natur
    der Beziehung des Grosshirns zu den genannten
    Muskeln überhaupt gelegen sein. Andererseits ist
    hervorzuheben, dass auch die Muskeln der gleich-
    namigen Seite bei der zerebralen Hemiplegie eine
    Kraftabschwächung davontragen. – Für die zere-
    brale L. (mit Einschluss der kortikalen) ist ferner
    charakteristisch: 1. dass die Endglieder der Extre-
    mitäten stärker beeinträchtigt sind als die Rumpf-
    glieder, 2. dass der Arm in der Regel mehr leidet
    als das Bein, 3. dass die gelähmten Muskeln nur
    in geringem Masse – infolge der Unthätigkeit –
    atrophieren, und 4. dass die elektrische Erregbar-
    keit der Muskeln und Nerven unverändert bleibt.
    Ist die zerebrale L. eine beständige, so gesellt sich
    nach einiger Zeit zu ihr der Symptomenkomplex hinzu,
    den man als den Ausdruck einer absteigenden De-
    generation in der motorischen Bahn auffasst: Reflex-
    steigerung, spastische Kontraktur, mitunter auch
    echte Muskelatrophie (vgl. Gehirnblutung).
    Sensibilitätsstörung gehört nicht zum Bilde der zere-
    bralen Hemiplegie, dagegen tritt bei Mitverletzung
    des hinteren Drittels der inneren Kapsel ein – auch
    selbständig beobachteter – Symptomenkomplex zur
    zerebralen Hemianästhesie bezeichnet wird. – In man-
    chen Fällen von zerebraler L. ist man überdies im

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    stande, den Ort der Unterbrechung innerhalb der
    Strecke von der inneren Kapsel bis zur Pyramiden-
    kreuzung zu erkennen. Die zu dieser Bestimmung
    dienenden Lokalitätszeichen sind teils von der Be-
    teiligung benachbarter Gebilde, teils von dem Ver-
    lauf der motorischen Hirnnervenbahn hergenommen.
    So wird eine Unterbrechung in der Hirnschenkel-
    region den dort austretenden N. oculomotorius leicht
    affizieren können und die Hemiplegie eine gekreuzte
    Augenmuskellähmung hinzufügen, ähnlich wird bei
    einer Läsion im Bereich des hinteren Randes der
    Brücke durch Affektion des N. abducens (s. d.)
    eine mit der Hemiplegie gekreuzte L. des M. rectus ex-
    ternus auftreten. Eine Unterbrechung der motorischen
    Bahn im unteren Drittel der Brücke wird die Ge-
    sichtslähmung aus dem Bilde der Hemiplegie aus-
    fallen lassen, da sich hier bereits die Fasern zum
    Facialiskern von der motorischen Bahn abgelöst
    haben, dagegen wird die Zungenablenkung an dieser
    Stelle noch vorhanden sein. Unmittelbar oberhalb der
    Pyramidenkreuzung kann die Hemiplegie überhaupt
    nur noch die Extremitäten betreffen. Wegen der An-
    näherung der motorischen Bahn an die Mittellinie
    wie der Brücken- und Oblongatengegend sind von
    Unterbrechungen in dieser Region eher doppelseitige
    Lähmungen als von höher oben gelegenen Krank-
    heitsherden zu erwarten. L. nach Apoplexie s. a.
    Massage.
    III. Spinale, akute, aufsteigende, Landry’sche
    L. s. Spinallähmung; in betreff spinaler L.
    vgl. auch noch spastische Spinal-Paralyse;
    L. a. Myelitis. Seitenläsion des Rückenmarks,
    Brown–Séquard’sche L.
    IV. Als peripherische L. bezeichnet man im
    Gegensatz zu der zerebralen und spinalen l. die-
    jenigen neuropathische Bewegungslähmung der
    willkürlichen Muskeln, welche durch Affektionen
    der Hirn- und Rückenmarksnerven nach ihrem Aus-
    tritt aus den nervösen Zentralorganen bedingt ist.
    Nach den veranlassenden Ursachen und nach deren
    örtlichem Angriffspunkte zeigt sie einen variablen
    Umfangsbezirk. Am häufigsten tritt die periphe-
    rische L. als sog. partielle auf und ist dann auf
    bestimmte Abschnitte eines Körperteils beschränkt.
    Dies ist immer dann der Fall, wenn ein einzelner
    Nerven-
    stamm oder nur ein Teil seiner Faserbündel
    von der lähmenden Ursache betroffen ist. Seltener
    werden räumlich weit getrennte Nervenbahnen durch
    denselben peripherischen Prozess leitungsunfähig.
    Doch beobachtet man derartige L-en, z. B. bei
    multiplen Neuromen, der Polyneuritis, dem chro-
    nischen Alkoholismus. Für gewöhnlich sind dann
    aber, abgesehen von den zeitlichen Unterschieden
    in dem Erscheinen der L., die Grade der Bewegungs-
    störung in den verschiedenen Innervationsgebieten
    voneinander abweichend, hier herrscht etwa voll-
    kommene Paralyse, dort nur leichte Parese vor.
    Noch seltener werden durch peripherische Prozesse
    Mono-, Hemi- und Paraplegieen von dem Charakter
    der zerebralen und spinalen bewirkt. Als ein wesent-
    liches Unterscheidungsmerkmal von diesen gilt das
    übliche jedoch nicht als pathognostisch zu be-
    trachtende Freibleiben des einen oder anderen
    Nervenstamms mitsamt seiner Aeste, da, selbst wenn
    nicht alle die Extremität versorgenden Nerven in
    Mitleidenschaft gezogen zu werden pflegen, noch
    weniger zu gleicher Zeit und in gleich grossem
    Masse. Am ehesten geben noch Wurzelkran-
    kungen und Komplikationen mit L-en anderer
    Herkunft zu irrtümern Veranlassung. In der
    Aetiologie der peripherischen L. sind mecha-
    nische Insulte, primäre und sekundäre Neuritis, Er-
    kältungen, Veränderungen der Zirkulation und Blut-
     

    mischung, Gifte, akute und chronische Infektions-
    krankheiten anzuführen. Diagnostisch muss mit
    manchen Einschränkungen vor allem der Mangel
    krankhafter Erscheinungen von seiten der nervösen
    Zentralorgane, die Abgrenzung der L. auf einzelne
    Teile einer Extremität, die Beteiligung der Sensi-
    bilität, der gleichzeitige Verlust der Reflexe und
    Mitbewegungen, sowie die Nichtbeteiligung an allen
    zentral bedingten krankhaften Bewegungsvorgängen
    neben der Einbusse der willkürlichen Muskelthätigkeit,
    der schnelle Eintritt von trophischen und vasomoto-
    rischen Störungen, das eigene Verhalten der elektri-
    schen Erregbarkeit und der Nachweis der Entstehung
    für den peripherischen Sitz entscheiden. Die elek-
    trische Untersuchung bietet auch in manchen
    Fällen ein Mittel, die Läsionsstelle am Nerven ge-
    nauer zu ermitteln, nämlich dann, wenn auf Reizung
    des zentral gelegenen Nervenstückes eine Reaktion
    ausbleibt, während die Applikation des Reizes auf
    das peripherische Ende Zuckung hervorruft. Die
    Prognose richtet sich in erster Linie nach der
    Natur der L-ursache. Grössere durch ein Trauma
    vernichtete Nervenstrecken regenerieren sich meist
    nicht, kleinere wachsen zusammen oder können wieder-
    vereinigt werden, peripherische L-en nach Diph-
    therie (s. diphtherische L.), Typhus, Ruhr,
    Pocken u. s. w. heilen oft, Drucklähmungen,
    rheumatische und toxische L-en geben gleichfalls
    häufig eine günstige Vorhersage. Therapeutisch
    kommen operative Eingriffe (Entfernung von Tu-
    moren und Fremdkörpern, Excision von Narben,
    Nerven-
    naht), Antiphlogose, Derivantien, Nervina,
    Tonica, Beseitigung des Grundleidens, Antitoxische
    lokale Bäder, Massage (s. d.), Heilgymnastik
    (s. d.), Elektrizität in Frage.
    2. Auch die myopathische L. ist im eigent-
    lichen Wortsinne eine peripherische. Von der neuro-
    pathischen L. unterscheidet sie sich wesentlich da-
    durch, dass sie als kausales Moment primäre Ver-
    änderungen in der elementaren Zusammensetzung
    des Muskels voraussetzt. Diese Veränderungen
    können durch mechanische Schädigungen, durch akute
    und chronische, stationäre und fortschreitende Ent-
    zündungen, durch Uebergreifen krankhafter Vor-
    gänge aus dem interstitiellen Bindegewebe auf die
    fibrilläre Muskelsubstanz, durch einfache Atrophie
    der Fasern, durch Infektionskrankheiten, durch Ver-
    giftungen herbeigeführt werden. Auch ein Teil
    der sog. ischämischen Lähmungen muss nach
    dem Vorgang von v. Volkmann notwendig zu den
    myopathischen gerechnet werden. Immer kann von
    einer myopathischen L. aber nur dann die Rede
    sein, wenn der Funktionsverlust oder die Funktions-
    einbusse von dem kontraktilen Muskelgewebe aus-
    geht, die nervösen Endapparate aber zunächst intakt
    sind. Als hauptsächliche Erkennungs- und Unter-
    scheidungsmerkmale für die myopathische L. gelten:
    der Nachweis der Entstehungsursache, der Beginn
    des Leidens nur an einem oder wenigen Muskeln,
    das langsame Fortschreiten auf die Umgebung, der
    bestimmt lokalisierte Schmerz und die Druckempfind-
    lichkeit des erkrankten Muskels, das Voraufgehen
    der Atrophie vor der Paralyse, die dem gradweisen
    Faserschwinden konforme Abnahme der elektrischen
    Erregbarkeit, die fibrillären und faszikulären
    Zuckungen, der Befund der leicht und gefahrlos zu
    bewerkstelligenden mikroskopischen Untersuchung.
    Lakenbad, das (frz. procédé du drap mouillé,
    engl. packing in wet blankets;
    it. idroterapia del panno bagnato, frottamento col
    panno reiteratamente raffreddato), stellt eine von Priess-
    nitz zuerst eingeführte Modifikation der kalten Ab-
    reibung (s. d.) dar in der Weise, dass das Ab-