Lähmung 1890-023/1900

Freud, Sigmund (1890-023/1900): Lähmung

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    Lagophthalmus–Lähmung.

    auch mit einem Obergeschoss versehen. Zur
    Bedeckung dient Dachpappe oder Filz, ein
    Dachreiter vermittelt die Ventilation, der
    Dachreiter vermittelt die Ventilation, der
    ausserdem die Fenster mit etwa 0.8 qm Licht-
    fläche pro Kopf dienen. Den Fussboden
    legt man meist etwas erhöht, so dass die
    Luft auch unter der Dielung zirkulieren kann.
    Wo letztere nicht anzubringen ist, wird der
    Boden gepflastert oder festgestampft, mit
    Kies bestreut – immerhin nur ein Notbe-
    helf sowohl hinsichtlich der Behaglichkeit
    der Insassen, als der erforderlichen Rein-
    haltung und daher in den ständigen L-
    nn
    nicht gebräuchlich. An verschiedenen Orten
    werden Baracken aus Wellblech benutzt.
    Sie sind dauerhaft, haben aber alle Nach-
    teile des guten Wärmeleiters und sind des-
    halb im Sommer sehr heiss, im Winter kaum
    zu erhitzen. Diese Nachteile werden durch
    eine viel benutzte dicke Holzfütterung teil-
    weise ausgeglichen. – Die Nivellierung des
    ganzen für ein L. bestimmten Terrains sollte
    man des Wasserabflusses (bes. in Hinsicht auf
    etwa anzulegende einheitliche Kanalisation)
    wegen niemals unterlassen und natürlich
    stets vor Errichtung des ersten Gebäudes
    beendet haben. – Lagerzelte. In Preussen
    sind meist konische in Gebrauch für 15 Mann
    mit Gepäck. Die Leute liegen radiär gegen
    die Zeltstange. Im Zeltmantel ist eine durch
    Leinwandklappen verschliessbare Thüröff-
    nung. Trockener Boden ist Hauptbedingung,
    bei längerem Gebrauch sind Entwässe-
    rungsgräben um das Zelt nicht zu entbeh-
    ren. Dauernde Benutzung der Zeltlager
    ist wegen der ungenügenden Ventilation,
    der ungestellten Desinfektion des Bodens,
    Schwierigkeit der Reinhaltung des L-s
    nicht ratsam. – Schutzzelte, tentes (-)abri
    flpl, sind jetzt auch in der deutschen Armee
    bei Biwaks allgemein eingeführt. Sie werden
    mittels der von den Soldaten getragenen ein-
    zelnen Teile zusammengesetzt und gewähren
    durch die äusserst zweckmässige Art ihrer
    Verbindung die Möglichkeit, für 2 und
    mehr Mannschaften eine Notunterkunft mit
    sicherem Schutz gegen die Unbilden der
    Witterung herzustellen. (Vgl. a. Zelte.) –
    Hüttenlager sind in Deutschland nicht
    von der preussischen Armee gemachte Erfah-
    rungen bei der Verwendung gut eingedeckter
    Erdhütten in den rauhen Klimaten ratsam.
    Trockener Boden und Möglichkeit der Be-
    heizung bei guter Ventilation sind notwendige
    Vorbedingungen.

    Lagophthalmus, der [λαγώς Hase –
    ὀφθαλμός Auge], = Hasenauge, s. Lider.
    Lähmung, die (frz. paralysie f [motrice];
    engl. paralysis, auch palsy; it. paralisi f).
    Unter L. (der motorischen Teile) versteht
    man die Aufhebung des Vermögens, durch
    Willenseinfluss eine Bewegung zu erzeugen.
    Ist dieselbe eine absolute oder hochgradige,
    so wird sie als Paralyse, sonst als Pa-
    rese, motorische Schwäche, bezeichnet. Je
    nach dem Orte ihrer Entstehung spricht
    man von cerebraler, spinaler und peri-
    pherischer L. Wiewohl eine durch genuine
    Erkrankung der Muskeln und Gelenke auf-
    gehobene Beweglichkeit gleichwertig mit L.
    ist, so wird der Ausdruck L. doch sonst nur
    mit Bezug auf das Nervensystem gebraucht.
    Eine L., die vom Nervensystem abzuleiten ist,
    kann von zwei verschiedenen Arten von Ver-
    änderung in demselben herrühren: erstens
    von einer Funktionseinstellung gewisser Hirn-
    teile, und zweitens von einer durch ana-
    tomische Verhältnisse gegebenen Unter-
    brechung der motorischen Leitung. Die
    Veränderung der ersteren Art wird sich
    durch keinerlei Methoden der anatomischen
    Untersuchung nachweisen lassen, sie ist eine
    rein funktionelle; die andere, sog. organische
    Veränderung muss als nachweisbar ange-
    nommen werden, ob sie nun bereits in die
    Tragweite der von uns zum Nachweis ver-
    wendeten Methoden fällt oder nicht.
    I. Die rein funktionellen L-en sind
    uns erst in sehr geringem Umfange bekannt.
    Es ist möglich, dass wir dieselben an ver-
    schiedenen Stellen des Nervensystems wer-
    den lokalisieren dürfen; gegenwärtig kennen
    wir aber genauer bloss die hysterische
    L., bei welcher wir die Funktionseinstellung
    in die psychischen Funktionen dienenden Teile
    des Grosshirns verlegen können. An dieser
    Stelle sind nur die allgemeinsten Charaktere
    hysterischer L-en zu erwähnen: Die hyste-
    rische L. hat gewisse Aehnlichkeiten mit der
    später als kortikal zu beschreibenden, zeichnet
    sich aber dadurch aus, dass sie kein Abbild
    der anatomischen Verhältnisse des Nerven-
    systems liefert, sondern sich nach den Be-
    grenzungen der Körperteile, wie sie uns
    durch die gemeine sinnliche Wahrnehmung
    bekannt sind, richtet; dass sie an einem
    Körperteil leicht den höchsten Grad erreicht
    (Absolutheit), ohne auf einen anderen Teil der
    Körperperipherie überzugreifen (Ausschliess-
    lichkeit); dass sie nie einzelne Teile be-
    fällt, die bloss eine anatomische Selbständig-
    keit besitzen, sondern stets ganze Apparate,
    insofern sie bestimmten Funktionen dienen.
    Die hysterische L. ist in der That keine L.
    von Körperteilen, sondern eine Aufhebung
    von Funktionen, oder sie besteht in einem
    Abhandenkommen eines ganzen Gliedes für
    den Willen und die Vorstellung des Kranken.
    Von der hysterischen L. ergriffen werden
    am häufigsten: einzelne Extremitäten, gleich-
    namige Extremitäten oder beide Extremi-
    täten einer Seite und der Sprachapparat;
    die Gesichtsmuskulatur, welche die feinsten
    Anzeichen bei L-en organischer Natur
    liefert, leidet fast nie bei der Hysterie. Ueber-
    dies ist für die hysterische L. charakteristisch,
    dass die Störungen der Sensibilität in der
    Regel die Motilitätsstörung an In-
    tensität überwiegen, was bei organischen
    Läsionen nur ausnahmsweise vorkommt (s. a.
    Hysterie IV. 2 und 3).
    Es ist der wichtigste Schritt in der Dia-
    gnose einer L., die funktionelle von der

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    organisch bedingten Bewegungsstö-
    rung zu scheiden. Hat man erkannt, dass
    die L. von einer Ursache letzterer Art, also
    von einer anatomischen Unterbrechung im
    Nervensystem abhängt, so hat die Diagnose
    die drei Fragen zu beantworten, welche zum
    Schaden der diagnostischen Klarheit nicht
    immer auseinandergehalten werden. Die
    erste Frage geht nach dem Sitz der Unter-
    brechung (der Lokalität der Erkrankung);
    die zweite nach dem Prozess, der die
    Unterbrechung verschuldet, und die
    dritte nach dem ätiologischen Moment
    desselben. Nur die Frage nach der Lokali-
    sation der Unterbrechung kann hier ohne
    Bezugnahme auf die speziell pathologischen
    Artikel behandelt werden. – Unsere Kennt-
    nisse über den anatomischen Verlauf der
    motorischen Bahn lassen sich kurz dahin zu-
    sammenfassen: Es gibt ein verhältnismäßig
    grosses Gebiet auf der Hirnrinde, von dem
    die Fasern für willkürliche Bewegung aus-
    gehen. Dasselbe umfasst die beiden Zentral-
    windungen, den Lobus paracentralis an der
    medialen Gehirnoberfläche, das über die
    Sylvische Grube hängende Speculum und
    das anstossende Stück der ersten Stirnwin-
    dung (vgl. Gehirn A.). Von diesen Rinden-
    gebieten aus zieht die motorische Faserung
    immer enger konvergierend durch den Mark-
    kern der Hemisphäre in die grosse Faser-
    strasse zwischen den Grosshirnganglien,
    die innere Kapsel (vgl. Corpus striatum).
    In der inneren Kapsel nimmt sie die vor-
    deren zwei Drittel des hinteren Schenkels
    ein. Die sensible Bahn, welche ebenfalls
    vom Parietalhirn, ausserdem noch vom
    Hinterhaupt- und Schläfelappen kommt,
    nimmt in der inneren Kapsel das hinterste
    Drittel des hinteren Schenkels in Anspruch.
    – Das kompakte Verlaufsstück der motori-
    schen Bahn setzt sich nun durch den Hirn-
    schenkel, in dem sie das mittlere Drittel
    einnimmt, fort in den Pons und tritt als
    Pyramide aus dem letzteren hervor. Auf
    dem Wege durch Pons und Oblongata lösen
    sich bereits die Fasern zu den motorischen
    Hirnnerven von der motorischen Bahn ab.
    Als Extremitätenbahn gelangen die Pyra-
    miden immer noch als kompakte Bündel bis
    zur oberen Grenze des Rückenmarkes, wo-
    selbst sie eine Umlagerung erfahren (Re-
    gion der Pyramidenkreuzung). Ein
    in inkonstantem Verhältnis mächtigerer An-
    teil begibt sich in den gekreuzten Vorder-
    strang, ein geringerer Anteil behält seine
    Lagerung als inneres Stück der Vorder-
    stränge bei (Türk’sche Bündel). Im
    Rückenmark nehmen beide Teile der Pyra-
    midenbahn allmählich nach unten ab, die
    Vorderstrangbahn erschöpft sich früher als
    die Seitenstrangbahn, beide, wie es scheint,
    durch Faserabgabe zu den Vorderhörnern
    des Rückenmarkes, von denen aus die moto-
    rische Bahn sich durch die vorderen Wurzeln
    zur Peripherie fortsetzt. Ausser dieser langen
    motorischen Bahn gibt es gewiss noch andere
     

    Wege für die Innervation der Muskels; es
    scheint aber nicht, dass dieselben bei der will-
    kürlichen Bewegung des Menschen in An-
    spruch genommen werden.
     

    II. Die cerebrale Unterbrechung.

    Es ist nun klar, dass eine Unterbrechung
    der beschriebenen motorischen Bahn auf
    ihrem Verlaufe von der Grosshirnrinde bis
    zur Pyramidenkreuzung stets dasselbe klini-
    sche Bild ergeben muss, nämlich das der
    cerebralen Hemiplegie: L. der willkür-
    lichen Muskulatur auf der dem Sitz der
    Unterbrechung ungleichnamigen Körper-
    hälfte. Innerhalb dieses Verlaufsstückes
    wird sich eine Unterscheidung zwischen der
    Unterbrechung des mehr kompakten Stückes
    von der inneren Kapsel abwärts und der
    Unterbrechung des diffuser ausgebreiteten
    Stückes im Hemisphärenmarke bis zur Rinde
    machen lassen. Die Hemiplegie der zweiten
    Art – kortikale und subkortikale
    Hemiplegie – wird einen unvollständigen
    Charakter haben und sich der monoplegischen
    L. annähern. Es kann so von der Rinde
    aus bloss die Innervation der Gesichtsmuskeln,
    der Zunge, einer oberen und einer unteren
    Extremität gestört sein. Doch dürfen diese
    kortikalen Monoplegieen nicht sehr intensiv
    werden, wenn sie nicht wenigstens andentungs-
    weise auf die anderen Glieder derselben
    Seite übergreifen sollen. Sensibilitätsstörung
    kann die kortikale L. begleiten, ist aber
    nicht jedesmal vorhanden; wovon dieses Ver-
    halten abhängt, ist unbekannt. – Unter-
    brechung im Gebiet des kompakten Ver-
    laufs der motorischen Bahn erzeugt das
    Bild der cerebralen Hemiplegie (vgl. Gehirn-
    druck). Klinisch ist hierzu zu bemerken,
    dass eine solche cerebrale Seitenlähmung
    gesetzmässigerweise nicht alle Muskeln der
    gekreuzten Seite befällt, sondern nur die
    Muskeln der Extremitäten und die Gesichts-
    muskeln um Mund und Nase. Die Muskeln
    um die Lidspalte (Augenfascialis), sowie die
    Rumpfmuskeln erleiden nur eine geringe
    Schwächung; zur L. der von Gehirnnerven
    versorgten willkürlichen Muskulatur (Kau-
    Schling-, Zungenmuskeln) ist eine besondere
    Lokalisation der Unterbrechung erforderlich.
    Endlich ist von Augenmuskellähmung infolge
    cerebraler Unterbrechung nichts bekannt,
    wenn man von der noch nicht sicher be-
    wiesenen cerebralen Ptosis absieht. Der
    Grund für dieses Verhalten wird zumeist
    in der doppelseitigen Innervation der bei
    der cerebralen Hemiplegie verschonten Mus-
    keln gesucht, könnte aber auch in der Natur
    der Beziehung des Grosshirns zu den ge-
    nannten Muskeln überhaupt gelegen sein.
    Andererseits ist hervorzuheben, dass auch
    die Muskeln der gleichnamigen Seite bei
    der cerebralen Hemiplegie eine Kraftab-
    schwächung davontragen. – Für die cere-
    brale L. (mit Einschluss der kortikalen) ist
    ferner charakteristisch: 1. dass die Endglieder
    der Extremitäten stärker beeinträchtigt sind
    als die Rumpfglieder, 2. dass der Arm in
     

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    der Regel mehr leidet als das Bein, 3. dass
    die gelähmten Muskeln nur in geringem
    Masse – infolge der Unthätigkeit – atro-
    phieren, und 4. dass die elektrische Erreg-
    barkeit der Muskeln und Nerven unverändert
    bleibt. Ist die cerebrale L. eine beständige,
    so gesellt sich nach einiger Zeit zu ihr der
    Symptomenkomplex hinzu, den man als den
    Ausdruck einer absteigenden Degeneration
    in der motorischen Bahn auffasst: Reflex-
    steigerung, spastische Kontraktur, mitunter
    auch echte Muskelatrophie. Sensibilitäts-
    störung gehört nicht zum Bilde der cere-
    bralen Hemiplegie, dagegen tritt bei Mit-
    verletzung des hinteren Drittels der inneren
    Kapsel ein – auch selbständig beobachteter
    – Symptomenkomplex zur einseitigen Läh-
    mung hinzu, der als cerebrale Hemian-
    ästhesie bezeichnet wird. – In manchen
    Fällen von cerebraler L. ist man überdies
    imstande, den Ort der Unterbrechung inner-
    halb der Strecke von der inneren Kapsel bis
    zur Pyramidenkreuzung zu erkennen. Die
    zu dieser Bestimmung dienenden Lokalitäts-
    zeichen sind teils von der Beteiligung be-
    nachbarter Gebilde, teils von dem Verlauf
    der motorischen Hirnnervenbahn hergenom-
    men. So wird eine Unterbrechung in der
    Hirnschenkelregion den dort austretenden
    N. oculomotorius leicht affizieren können
    und der Hemiplegie eine gekreuzte Augen-
    muskellähmung hinzufügen, ähnlich wird
    bei einer Läsion im Bereich des hinteren
    Randes der Brücke durch Affektion des N.
    abducens (s. d.) eine mit der Hemiplegie
    gekreuzte L. des M. rectus externus auftreten.
    Eine Unterbrechung der motorischen Bahn
    in unterem Drittel der Brücke wird die Ge-
    sichtslähmung aus dem Bilde der Hemiplegie
    ausfallen lassen, da sich hier bereits die
    Fasern zum Facialiskern von der motorischen
    Bahn abgelöst haben, dagegen wird die
    Zungenablenkung an dieser Stelle noch vor-
    handen sein. Unmittelbar oberhalb der
    Pyramidenkreuzung kann die Hemiplegie
    überhaupt nur noch die Extremitäten be-
    treffen. Wegen der Annäherung der motori-
    schen Bahn an die Mittellinie in der Brücken-
    und Oblongatagegend sind von Unter-
    brechungen in dieser Region eher doppel-
    seitige Lähmungen als von höher oben ge-
    legenen Krankheitsherden zu erwarten. L.
    nach Apoplexie s. a. Massage.

    III. Spinale, akute, aufsteigende, L. an-
    drysche L., s. Spinallähmung; in betreff
    spinaler L. vgl. auch noch spastische Spinal-
    paralyse; vgl. a. Myelitis. Seitenläsion des
    Rückenmarks, s. Brown-Séquardsche L.

    IV. Als peripherische L. bezeichnet
    man im Gegensatz zu der cerebralen und
    spinalen die neuropathische Bewe-
    gungslähmung der willkürlichen Mus-
    keln, welche durch Affektionen der Hirn-
    und Rückenmarksnerven nach ihrem Aus-
    tritt aus den nervösen Zentralorganen be-
    dingt ist. Nach den veranlassenden Ursachen
    und nach deren örtlichem Angriffspunkte

    zeigt sie einen variablen Umfangsbezirk.
    Am häufigsten tritt die peripherische L.
    als sog. partielle, auf bestimmte Ab-
    schnitte eines Körperteils beschränkte, auf.
    Dies ist immer dann der Fall, wenn ein
    einzelner Nervenstamm oder nur ein Teil
    seiner Faserbündel von der lähmenden Ur-
    sache getroffen ist. Seltener werden räum-
    lich weit getrennte Nervenbahnen durch
    denselben peripherischen Prozess leitungs-
    unfähig. Doch beobachtet man derartige
    L.-
    en, z. B. bei multiplen Neuromen, der
    Polyneuritis, dem chronischen Alkoholismus.
    Für gewöhnlich sind dann aber, abgesehen
    von den zeitlichen Unterschieden in dem
    Erscheinen der L., die Grade der Bewegungs-
    störung in den verschiedenen Innervations-
    gebieten voneinander abweichend; hier
    herrscht etwa vollkommene Paralyse, dort
    nur leichte Parese vor. Noch seltener wer-
    den durch peripherische Prozesse Mono-
    Hemi-- und Paraplegieen von dem Charakter
    der cerebralen und spinalen bewirkt. Als
    ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal
    von diesen gilt das übliche, jedoch nicht als
    pathognostisch zu betrachtende Freibleiben
    des einen oder anderen Nervenstamms mit
    samt seinen Aesten, da, selbst wenn der Krank-
    heitsherd das Plexusgebiet einnimmt, nicht
    alle die Extremität versorgenden Nerven in
    Mitleidenschaft gezogen zu werden pflegen,
    noch weniger zu gleicher Zeit und in gleich
    grossem Masse. Am ehesten geben noch
    Wurzelerkrankungen und Komplikationen
    mit L.-en anderer Herkunft zu Irrthümern
    Veranlassung. In der Aetiologie der
    peripherischen L. sind mechanische In-
    sulte, primäre und sekundäre Neuritis, Er-
    kältungen, Veränderungen der Zirkulation
    und Blutmischung, Gifte, akute und chro-
    nische Infektionskrankheiten anzuführen.
    Diagnostisch muss mit manchen Ein-
    schränkungen vor allem der Mangel krank-
    hafter Erscheinungen von seiten der nervösen
    Zentralorgane, die Abgrenzung der L. auf
    einzelne Teile einer Extremität, die Beteili-
    gung der Sensibilität, der gleichzeitige Ver-
    lust der Reflexe und Mitbewegungen, sowie
    die Nichtbeteiligung an allen zentral be-
    dingten krankhaften Bewegungsvorgängen
    neben der Einbusse der willkürlichen Mus-
    kelthätigkeit, der schnelle Eintritt von tro-
    phischen und vasomotorischen Störungen, das
    eigenartige Verhalten der elektrischen Er-
    regbarkeit und der Nachweis der Entstehung
    für den peripherischen Sitz entscheiden. Die
    elektrische Untersuchung bietet auch
    in manchen Fällen ein Mittel, die Läsions-
    stelle am Nerven genauer zu ermitteln, näm-
    lich dann, wenn auf Reizung des zentraler
    gelegenen Nervenstückes eine Reaktion aus-
    bleibt, während die Applikation des Reizes
    auf das peripherische Ende Zuckung her-
    vorruft. Die Prognose richtet sich in
    erster Linie nach der Natur der L.-ursache.
    Grössere durch ein Trauma vernichtete
    Nervenstrecken regenerieren sich meist nicht,

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    kleinere wachsen zusammen oder können
    wiedervereinigt werden, peripherische L–en
    nach Diphtherie (s. diphtherische L.), Typhus,
    Ruhr, Pocken u. s. w. heilen oft, Druckläh-
    mungen, rheumatische und toxische L–en
    geben gleichfalls häufig eine günstige Vor-
    hersage. Therapeutisch kommen opera-
    tive Eingriffe (Entfernung von Tumoren und
    Fremdkörpern, Exzision von Narben, Nerven-
    naht), Antiphlogose, Derivantien, Nervina,
    Tonica, Beseitigung des Grundleidens, anti-
    toxische Mittel, hypodermatische Kuren,
    allgemeine und lokale Bäder, Massage
    (s. d.), Heilgymnastik (s. d.), Elektrizi-
    tät in Frage.

    Auch die myopathische L. ist im eigent-
    lichen Wortsinn eine peripherische. Von
    der neuropathischen unterscheidet sie sich
    wesentlich dadurch, dass sie als kausales
    Moment primäre Veränderungen in der
    elementaren Zusammensetzung des Muskels
    voraussetzt. Diese Veränderungen können
    durch mechanische Schädigungen, durch
    akute und chronische, stationäre und fort-
    schreitende Entzündungen, durch Ueber-
    greifen krankhafter Vorgänge aus dem inter-
    stitiellen Bindegewebe auf die fibrilläre Mus-
    kelsubstanz, durch einfache Atrophie der
    Fasern, durch Infektionskrankheiten, durch
    Vergiftungen herbeigeführt werden. Auch
    ein Teil der sog. ischämischen Lähmungen
    muss nach dem Vorgang von Volkmann
    notwendig zu den myopathischen gerechnet
    werden. Immer kann von einer myopathischen
    L. aber nur dann die Rede sein, wenn der
    Funktionsverlust oder die Funktionseinbusse
    vor dem kontraktilen Muskelgewebe aus
    geht, die nervösen Endapparate aber zu-
    nächst intakt sind. Als hauptsächlichste Er-
    kennungs- und Unterscheidungsmerkmale für
    die myopathische L. gelten: der Nachweis
    der Entstehungsursache, der Beginn des
    Leidens nur an einem oder wenigen Muskeln,
    das langsame Fortschreiten auf die Um-
    gebung, der bestimmt lokalisierte Schmerz
    und die Druckempfindlichkeit des erkrankten
    Muskels, das Vorausgehen der Atrophie vor
    der Paralyse, die dem gradweisen Faser-
    schwinde konforme Abnahme der elektri-
    schen Erregbarkeit, die fibrillären und fas-
    zikulären Zuckungen, der Befund der leicht
    und gefahrlos zu bewerkstelligenden mikro-
    skopischen Untersuchung.

    Lakenbad, das (frz. procédé m du drap
    mouillé, bisw. a. affusion f froide; engl.
    packing in wet blankets; it. idroterapia f
    del panno bagnato, frottamento m col panno
    reiteratamente raffreddato), stellt eine von
    Priessnitz zuerst eingeführte Modifikation
    der kalten Abreibung dar in der Weise,
    dass das Abreibetuch, sobald es warm ge-
    worden, aufs neue ein- oder mehreremal
    mit kaltem Wasser begossen wird. Die Wir-
    kung ist eine stärkere als die der einfachen
    Abreibung, insbesondere ist die Wärmeent-
    ziehung eine bedeutendere. Daher findet das
    L. besonders als temperaturherabsetzendes

    Mittel Anwendung zumal in der Privat-
    praxis bei Mangel einer ordentlichen Bade-
    vorrichtung.

    Laktation, die [lat. lac Milch]; (frz.
    allaitement m; frz. lactation f; engl. lacta-
    tion; it. allattamento m, lattazione f). Ano-
    malieen der Milchsekretion sind
    nicht selten. Ein vollständiger Mangel der
    Milchsekretion im Wochenbett, Agalaktie
    [ἀ priv. – τὸ γάλα, γάλακτος Milch],
    ist sehr selten, ebenfalls selten, aber doch
    relativ häufiger zu beobachten ist die Poly-
    galaktie [πολύς, viel – τὸ γάλα Milch], eine
    zureichliche Milchsekretion, dass darunter das
    Allgemeinbefinden leidet. Die Polygalak-
    tie wird zur Galaktorrhoe (s. d.), wenn
    auch nach dem Absetzen des Kindes ein ge-
    setztes Ausfliessen der Milch stattfindet.
    – Von praktischer Bedeutung ist allein die
    Galaktorrhoe, da durch den mit ihr verbun-
    denen Säfteverlust schwere Störungen des
    Allgemeinbefindens bedingt werden können.
    In gleicher Weise wirkt das zu lange Fort-
    setzen des Stillungsgeschäftes. Eine eigen-
    tümliche, öfters dabei auftretende Erschei-
    nung ist eine Hyperinvolution des Uterus,
    welche zu langdauernder Amenorrhoe führt.
    Gegen die Polygalaktie ist das Herbeiführen
    reichlicher wässeriger Stühle durch den Ge-
    brauch von Bittersalz, sowie die Einschrän-
    kung flüssiger Nahrung von Vorteil. Ist
    Galaktorrhoe vorhanden, so ist durch An-
    legung eines Druckverbandes, Darreichung
    von Jodkalium oder Antipyrin innerlich, die
    Sekretion zu vermindern. Das Wiederein-
    treten der Menses, das durch heisse Douchen
    beschleunigt werden kann, vermindert die
    Sekretion zumeist. – Vorzeitiges Ver-
    siegen der Milchsekretion kommt häufig
    vor bei Eintreten der Menstruation, bei wie-
    der eingetretener Schwangerschaft, starken
    Säfteverlusten, Blutungen, Diarrhöen, sowie
    nach Gemütserregungen und bei Auftreten
    akuter Erkrankungen.

    Die Kongestion der Milch in den
    Brüsten in den ersten Tagen des Wochen-
    bettes führt lediglich zur Hyperämie der
    Brüste ohne Fieber und schwindet in den
    nächsten Tagen. Ein sog. Milchfieber
    gibt es nicht. Kommt es zu fieberhaften
    Zuständen während der Kongestion der Milch
    in den Brüsten, so handelt es sich wohl
    ausnahmslos um lokale Entzündungsprozesse
    an den Brüsten oder den Genitalien. Vgl. a.
    Brustdrüse C.

    Laktodensi-
    meter, der [lat. lac Milch
    – densus dicht (densare dicht machen)
    – τὸ μέτρον Mass], Laktokrit, der [lat. lac
    Milch – κριτής der Beurteiler], s. Milch V.

    Laktose, die [lat. lac Milch]; (frz. lac
    tose f, lactine f; engl. lactose; it. lattosi f, lattina f), oder Milch-
    zucker, C12H22O11 + H2O, findet sich zu
    3–6% in der Milch der Frauen, zu 4.8%
    in der Kuhmilch. Die L. ist ein spezifisches
    Sekret der Milchdrüse und kann nur aus Milch
    dargestellt werden. Sie wird als Nebenprodukt