Mitteilung [Zwei Frauenschicksale] 1912-424/1912.01

Freud, Sigmund (1912-424/1912.01): Mitteilung [Zwei Frauenschicksale]

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    am 20. November 1912.


     

    Referate und kasuistische  Mitteilungen  .


     

    Prof. Freud : Zwei Frauenschicksale .

          Die Krankengeschichte der Exkönigin Charlotte von Mexiko, die
    derzeit im Sterben liegt, enthält ein für uns interessantes Problem.
    Sie litt an VVergiftungswahn, der ausbrach, ehe ihr Gemahl ermordet wur-
    de. Ihren ersten Anfall hatte sie in der Unterredung  mit Napoleon.
    Sicher fühlte sie sich nur beim Papst. Auch in einem Waisenhause in
    der Nähe Roms scheint dies der Fall gewesen zu sein, da sie dort ei-
    nen Knochen aus einem Topf heisser Suppe zog und zu benagen begann.
          Das Schicksal allein kann es nicht gewesen sein, was ihre Erkran-
    kung verursachte, denn wir sehen an dem gewiss ebenso schweren Schick-
    sal der Eugenie von Frankreich, die nach dem Sturze ihres Gemahls
    flüchten  musste und der später der Sohn in Afrika erschlagen wur-
    de, dass sie gesund blieb.
          Versuchen wir also im ersten Falle die geheimen Motive hinter
    den Symptomen zu erraten, so entspräche der Vergiftungswahn dem Wunsch
    ein Kind zu bekommen, resp. der Abwehr dieses Wunsches. Nun ist aus auth-
    entischer Quelle zu erfahren, dass ihr Mann absolut impotent war und  n
    nie den Koitus versuchte. Darum hat sie, gleich der Lady Macbeth, alle
    ihre Energie auf ehrgeizige Pläne geworfen und ihr Schicksal wollte  e
    es, dass sie gerade dort gescheitert ist. Dass sie sich beim Papst
    und in der Kinderstube, wo die Versuchungsgefahr nicht besteht, sicher
    fühlt ist dann begreiflich.

      Rank erwähnt dazu den Wahn einer paranoischen Frau, die sich
    von ihrem Manne vergiftet glaubte. Sie hatte zwei halber-
    wachsene Kinder, lebte aber seit Jahren ohne Sexualverkehr
    mit ihrem neurasthenisch-impotenten Manne, dem sie sich
    auf Anraten einer Verwandten gleich von Anfang an nur mit
    grösster Zurückhaltung hingegeben hatte. Ihr Wahn erweist  s
    sich als berechtigte Anschuldigung, dass ihr Mann sie wider
    ihren Willen geschwängerty habe. Ihre Eifersucht auf die
    weiblichen Hauswesen, die ihr Mann infolge ihrer Krankheit
    zuziehen muss, weist auf xix homosexuelle Wurzeln, wie übri-
    gens auch ihre Anästhesie beim Koitus.
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      Ferenczi bemerkt, dass die an Stelle des Kindes vorgescho-
    bene Ambition vielleicht auch in der feministischen Be-
    wegung eine Rolle spiele.

    Hitschmann: Goethe - ein Vatersymbol.

          Drei Träume von verschiedenen Personen, mit oedipusartigem Ein-
    schlag, in denen sich Goethe als Symbol des Vaters erweist.

      Weiss meint, es wäre interessant, Näheres über die Person
    der Väter zu erfahren; sie dürften unbedeutend sein.
    Sadger weist auf die häufige Verwertung Napoleons in der-
    selben Bedeutung hin. Auch bei Frauen verrate Goethever -
    ehrung ein Stück Vaterkomplex.
    Sachs möchte meinen, dass der Träumer die Insuffizienz des
    Vaters kennen gelernt habe und nun das Höchste was er
    kenne, dafür einsetze. Es sei ein Korrelat zum Heldenmythus
    wobei auf einer gewissen Kulturhöhe des einzelnen sich
    ein idealer Ersatz für das Kaisersymbol einstelle.
    Ferenczi meint, dass wir aus der Person der Väter (Weiss)
    nichts über die Symbolwahl erfahren würden, da sowohl die
    überschätzende als auch die negative Einstellung zugrunde
    liegen könne.

    Reitler: Ein Beitrag zur Sexualsymbolik des Auges.

          Es handelt sich um eine obszöne Holzfigur, die bei entsprechende[m]
    Druck einen erigierten Penis zeigt. Auffallend sei, dass sie an der Stir-
    ne ein drittes (zyklopisches) Auge trage. Der Verfertiger der Figur, ein
    einfacher Bauer im Salzkammergut, gibt auf Befragen an, das Auge bedeu-
    te, dass dahinter eine Schweinerei verborgen sei. Leute, die keine Kin-
    der mehr zeugen können, nenne man übrigens blind (Mischlingstiere hei-
    ssen Blendlinge).

      Markus verweist auf das Okulieren.
    Ferenczi auf die Entstehung der Augensymbolik auf Grund der
    Beweglichkeit des Augapfels, was
    Prof. Freud mit dem allgemeinen Hinweis bestätigt, dass sich
    beim Kind die Symbolbildung überhaupt über dem Bewegungs-
    eindruck vollziehe. Hierher gehöre auch die Geschichte ei-
    nes Mannes, der seine Kastration seltsam darstellte. Von der
    Onanie früh durch die Kastrationsdrohung abgeschreckt, hat
    er später die masochistische Phantasie, von einem Manne ver-
    führt zu werden; er weigert sich hartnäckig und erst als
    ihm mit Blendung gedroht wird, gibt er nach.

    Rosenstein: Ueber Periodizität in Träumen.

          An Hand einiger Beispiele wird die Zurückführung auffälliger
    Traumelemente auf die Fliess-Swoboda'schen Perioden (resp. deren Viel-
    fache) demonstriert, allerdings auch nicht versäumt darauf hinzuweisen,
    dass sich in vielen Fällen für die betreffenden Elemente auch die
    Veranlassungen am Vortage nachweisen lassen. Dies genüge aber nicht
    immer; oft bleiben Rests, die Vortr. mit der Periodenfälligkeit ausfül**
    len zu können glaubt. Ein Widerspruch zwischen der Periodenlehre und

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    der Freudschen Traumdeutung könne darin nicht gefunden werden; es han
    le sich lediglich um eine neue Art der Ueberdeterminierung.

      Dattner kann die Auffassung Rosensteins aus eigner Erfahrung
    bestätigen.
    Prof. FreudFreud findet auch keine prinzipielle  Schwierigkeit
    diesen Einfluss in der Form anzuerkennen. Bei Swoboda sei a
    aber nie klar gewesen, ob es sich um manifeste oder latente
    Elemente handelte. Die eigene Erfahrung habe ihn belehrt,
    dass sich Fälle, wo die Periode zutreffe, regelmässig auch
    der aktuelle Anlass vom Vortage nachweisen lasse, dass sich
    dagegen sehr oft der Einfluss der Periode nicht konstatiere
    lasse. Zu einer Entscheidung in dieser Frage müsste man nat
    türlich auch diese negativen Fälle heranziehen.
    Im ersten mitgeteilten Falle habe es sich auch um die wirk-
    liche Periode  des Weibes gehandelt, die offenbar bei diesen
    Versuchen ausgeschaltet werden müsse, da dann die Periode
    mit der Periodizität des Sexuallebens zusammenfallen würde.
    Ferenczi weist auf die Grundbedingung aller derartigen Ex-
    perimente, nämlich die gänzliche Unbekanntheit des Träumers
    mit der Periodenlehre hin

    Federn: Verdrängung bei einem visuellen Menschen.


     

          Bei einem Menschen, der mehr unterrichtet als behandelt wurde,
    stellt sich die Erinnerung an wichtige verdrängte Kindererlebnisse
    auf dem Wege der stückweise ins Bewusstsein tretenden visuellen
    Szenerie dieser Erlebnisse (der Kindheitswohnung) ein; dabei kommen be-
    wegte Teile früher ins Gedächtnis als unbewegte, glänzende früher als
    matte. Der Teil des Zimmers, wo die schwersten Erlebnisse waren, ganz zu-
    letzt.

      Hitschmann weist darauf hin, dass häufig Träume in der Loka-
    lität der pathogenen Traumen spielen.
    Dattner hat in der Hypnose das Umgekehrte gefunden: das af-
    fektbesetzte kommt zuerst zum Vorschein.
    Tausk weist auf die allgemeingültigkeit dieser Erfahrung
    hin: das erste Stück, das dem Pat. bei einem Thema einfällt,
    ist das nächste, von dem er allerdings gleich wieder abzu-
    kommen sucht.

    Tausk eine Traumdeutung ,

          bei der in einem Worte das ganze Schicksal der Person zusammenge
    fasst ist und bei der Assoziation sich abwickelt.


     

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