Psychologie und Psychopathologie der Angstneurose. Vortragender: Dr. Stekel 1907-513/1907

Rank, Otto (1907-513/1907): Psychologie und Psychopathologie der Angstneurose. Vortragender: Dr. Stekel

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    Psychologie und Pathologie der Angstneurose.

    24. April 07

    Vortragender Dr Stekel

      geht vom Traum einer Pat. aus, in dem die Verschmelzung von Sexualität
    und Tod sehr deutlich ist; es kommt ein Mann darin vor, der Eros und
    Thanatos in einer Person sei. – Man müsse den Satz aufstellen, daß
    jede Angst Todesangst sei (leichte Übergänge zum Normalen seien: Lampen-
    fieber, Schwindel, Redeangst etc.). Freud habe die Angstneurose auf
    den coitus interruptus zurückgeführt; er sehe die Quelle der Angst in
    der Ablenkung der somatischen Sexualerregung vom Psychischen. Stekel
    betont, er müsse dem gegenüber daran festhalten, daß auch bei der Angst-
    neurose – wie bei jeder andern Neurose – der psychische Konflikt wesent-
    lich sei. In dem Fall der Angst Konflikt zwischen Sexualerregung und
    Sexualablehnung. Der schwächere Wunsch wird zur Angst. Angesichts
    der Angstzustände bei Intoxikationen müsse man in Erwägung ziehen,
    ob die Angst nicht unter Mitwirkung eines Toxins zustande komme. Stekel
    verweist auf den morb. Basedow, der eigentlich nur einer Steigerung
    der Angstneurose entspräche. Man müsse demnach einen intimeren
    Zusammenhang der Angstneurose mit der Schilddrüse vermuten
    (Volksglaube: durch einen Griff an den Hals die Jungfernschaft nachzuweisen. – Catull).
    Fließ fasse die Angst ganz als Sexualgefühl auf; sie sei bei ihm das gegen-
    geschlechtliche Stück der Libido.
      Als Beweis für die Wichtigkeit des psychischen Konfliktes beim Zustande-
    kommen der Angstneurose bespricht Stekel einige Fälle ausführlich.
    Im ersten Fall ergaben sich drei Komponenten der Neurose:
        coitus interruptus
        psychischer Konflikt (böses Gewissen)
        Vorstellung vom Tod eines lieben Wesens.
    Diese Projektion der Todesgedanken auf den andern Eheteil oder die Kinder

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    sei besonders häufig.
    Ähnliche Gesichtspunkte ergibt der zweite Fall. Bei der Traumdeutung zeigten
    sich: Ehebruchgedanken, Wunsch vom Tod des Mannes etc. –
    Im dritten Fall handle es sich die relative Impotenz des Mannes (schwer er-
    regbare Frau).
    Im vierten Fall ist die wichtigste Komponente die Angst vor der Entdeckung
    der Untreue der Pat. Auch sonst treten wieder die bereits bekannten
    Momente auf: interruptus, psychischer Konflikt, Todesgedanken; außerdem
    noch die Vorstellung eines gigantischen Penis, die auch in andern Fällen
    eine Rolle spiele und auf eine infantile Szene oder Phantasie zurückgehe.
    Sexualsymbolik aus den Träumen: der Mann als Amme; kleines und großes
    Kind: schlaffer und erigierter Penis. – Die Kleine (das Mädchen) = Vagina,
    der Kleine (Knabe) = Penis. – Wachmann: bei Eheleuten der andere bewachende
    Eheteil (Untreue).
    In allen diesen Fällen erweist sich die Angst immer als neurotisches Symptom,
    entstanden durch eine peinliche (sexuelle) Vorstellung. –
    Die Angst als solche müsse man vom Standpunkt des Trieblebens be-
    trachten. – Isolierte Triebe gebe es nicht. So erscheine der Geschlechts-
    trieb immer in Begleitung zweier Triebe: des Lebens- und des Todes-
    triebes. Lebens- und Geschlechtstrieb würden oft identifiziert (sich aus-
    leben etc.). Je stärker der Lebenstrieb sei, desto stärker entwickelt
    sei das Angstgefühl. Der Koitus sei ja, wie Swoboda ausgeführt habe,
    ein partieller Tod. Die Angstneurose sei das Spiel zwischen Lebens- und
    Todestrieb. – Die Angstneurose könne man also – bemerkt Stekel zusammen-
    fassend – nicht allein auf das Moment des Coitus interruptus zurück-
    führen, sondern man müsse auch den psychischen Konflikt dabei
    in Betracht ziehen.
    Reitler bemerkt, er könne sich der rein somatischen Auffassung der Angst-
    neurose nicht anschließen. – Stekels Fälle jedoch seien nicht be-
    weisend, da sie keine einfachen Neurosen, besonders aber keine typisch
    Angstneurosen seien, sondern Fälle von Hysterie mit Angst. Vielleicht

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    gebe es sogar keine Hysterie ohne Angst. – Auch Zwang und Angst gehören
    zusammen. Der Mechanismus bei Hysterie, Zwangs- und Angstneurose
    sei ja bis zu einem gewissen Punkte identisch: werde der losgelöste
    Affekt nicht ins Körperliche konvertiert, so werde er eben zu Angst oder
    Zwang. Hinter jeder Zwangsneurose könne man Angst nachweisen,
    dadurch daß die Angst ein Objekt sucht, entsteht aus ihr die Zwang-
    vorstellung oder Handlung. – Die Angst sei etwas ausgesprochen Psychisches.
    Sie sei keine Ablenkung vom Psychischen (Freud) sondern ins Psychische.
    Auch handle es sich ja beim Mann bei der Befriedigung des Geschlechtstriebes
    keineswegs um die Entleerung der Samenbläschen, wie Freud sagt. –
    Daß die Vorstellung vom Tod einer geliebten Person immer eine Rolle
    spielt, möchte R. bezweifeln. –
    Reitler teilt dann noch aus einem M.S. einen Fall von vermeintlichem
    Vergreifen mit Angstgefühlen mit, den er zu publizieren gedenkt. –
    Federn hat an manchen Punkten (bes. in der Sexualsymbolik-Deutung)
    die Beweise vermißt. In der Form, daß jede Phobie auf eine verdrängte
    Sexualvorstellung zurückgehe, sei der Gedanke wohl nicht haltbar. –
    Auch Freuds Erklärung, daß sich die nicht befriedigte Sexualität
    in Angst verwandle, sei nicht verständlich. – Ihm scheine, daß das
    Weib vor jedem Sexualakt (nicht nur vor dem ersten) immer wieder
    Angst habe; diese Angst bleibe eben dann beim nichtnormalen Koitus
    bestehen, während der norm. Geschlechtsakt sie beseitige. –
    Der Todestrieb sei nichts Ursprüngliches; er sei viel eher eine Flucht
    vor der Angst: der Todeswunsch sei eine Folge der Todesangst.
    Hitschmann bezeichnet es das Fazit von Stekels Vortrag eine totale
    Verwirrung des ihm bisher Bekannten. Freud habe die Angstneurose
    fast als rein körperlichen Zustand geschildert, verbunden mit
    einer Angst, die keinen spez. Inhalt habe.
    Der Todestrieb sei ihm unverständlich. – Im allgemeinen rügt er noch
    einzelne Oberflächlichkeiten. – Die Angstneurose scheine ihn auf kom-
    plizierteren Ursachen zu beruhen. So spiele zb. das ein lädierbares
     

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    Herz eine große Rolle. Für Herzkranke sei eine volle und vollständige Sexual-
    befriedigung sehr wichtig.
    Frey schließt sich im allgemeinen den Ausführungen Hitschmanns an.
    Er selbst habe einen Herzfehler, und es sei bei ihm, wenn er im Erektions-
    zustande eine Pollution unterdrückte, Angst aufgetreten. –
    Stekel wollte die psychische Seite der A.N. aufklären; bei ihm fehle aber
    zwischen der und der somat. Seite das geistige Band. An dem Wider-
    spruch, den der „Todestrieb“ gefunden habe, sei wohl nur der unglück-
    lich gewählte Ausdruck schuld. Der Begriff sei nicht ganz unbegründet
    (leidenschaftliches Spiel zb. um den Angstgefühlen zu entgehen). Er sei aber
    nichts Primäres und entstehe nur auf patholog. Grundlage. – Stekels
    Beispiele seien Fälle von Hysterie.
    Adler begrüßt Stekels Arbeit als einen Versuch, die organ. Vorgänge bei den Neurosen
    etwas umfangreicher ins Auge zu fassen. Eine rein organische Fundierung
    der Angstneurose sei vielleicht heute noch nicht durchführbar. – Her-
    vorzuheben sei die glänzende Zusammenfassung seiner Traum-
    deutungen. In manchen Folgerungen, zu deren Beweisen uns die Mittel
    noch nicht zur Verfügung stünden, sei Stekel zu weit gegangen.
    Man finde die Angstneurose bei allen Zuständen, die uns körperliche Gebrechen
    zeigen; besonders häufig bei Herzveränderungen, bei Genitalaffektionen
    u. auch bei Magen-Darmbeschwerden. Ganz normale Menschen könnten
    eigentlich keine Angst-Neurose akquirieren.
    Man müsse nicht so weit gehen wie Freud, der die Angst im Geburtsakt
    sieht, aber bis ins Kinderleben könne man sie zurückverfolgen.
    Beim Kind sei vielleicht nur durch die Befriedigung einer gewissen
    Summe von Liebesbedürfnissen Abwesenheit der die Angst garantiert.
    Wittels bemerkt, er habe zur Angstneurose aus eigener Erfahrung fast
    nichts zu bemerken. Daß der Todestrieb im Zusammenhang mit der
    Liebe auftrete, sei so alt wie die Welt. Ob die Angst immer Angst vor dem
    Tode sei, habe er nicht unterschieden. Man habe nicht Angst vor etwas,
    sondern Angst sei ein Urgefühl. Die Angst hat wahrscheinlich auch

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    den ersten Philosophen geboren.
    Die Angst des Kindes hänge wohl damit zusammen, was Adler die Zurecht-
    findung im Milieu nannte; die fällt aber zusammen mit der Ichfindung.
    Ein großer Teil der Kinderangst könne philosophisch erklärt werden.
    Sadger rügt zunächst die Verwirrung der Begriffe, die Stekel anzurichten
    versucht habe. Die Angst lasse sich bei reinen Fällen von Angstneurose ohne Psychoanalyse durch
    die Herstellung des normalen Verkehrs beseitigen. –
    Die Angst sei immer eine späte Wiederholung aus des Kindes frühesten Lebens-
    jahren. In vielen Fällen gehe die erste Angst des Kindes auf die Belauschung
    des elterlichen Koitus zurück. Das Kind glaubt, die Eltern raufen (die Mutter
    wird umgebracht): das gibt Angst. – Auch die unvernünftige Erziehung fördere
    die Entwicklung der psych erotischen Angst vielfach; so die Drohung der
    Eltern, das Kind wegzuschicken (ihm also die Liebe zu entziehen) etc.
    Nebenbei sei übrigens zu bemerken, daß die schwersten hysterischen Zwangssymptome
    aus homosexuellen Gründen zum Ausbruch kommen.
    Adlers Bemerkung, wonach ein normaler Mensch keine A.N. bekommen
    könne, müsse man widersprechen: es seien gewöhnlich auffallend gesunde
    Leute. – Den Hysterischen schade der interruptus in der Regel nicht,
    weil die große Neurose die kleine erschlägt.
    Für das Wertvollste der Ausführungen Stekels halte er die Anwendung der Jungschen
    Ideen auf die Psychoanalyse.
    (Nachtrag zum Vortrag: Stekel läßt sich nämlich, wenn Pat. bei der Deutung
    großen Widerstand zeigt und nicht sprechen will, auf ein von ihm gegebenes
    Reizwort (das am besten dem Traum zu entnehmen ist) alle dem Pat. ein-
    fallenden Reaktionswörter rasch hersagen und analysiert dann diese ein-
    zelnen Worte mittels der Einfälle die der Pat. zu jedem derselben vorbringt.
    Auf diese Weise wird die scheinbar sinnlose Wortreihe sinnvoll. –)
    Freud findet die Traumanalysen richtig und auch die technische Neuerung
    zweckmäßig. Er selbst habe seine Technik dahin geändert, daß er nun,
    wenn Pat. nicht sprechen will, das Material beiseite liegen läßt und zunächst
    die Widerstände zu beseitigen sucht. Pat. schweigen in zwei Fällen: wenn sie
    die Sexualsymbolik nicht anerkennen wollen, oder wenn die Übertragung sie hindert.

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    Er könne sich auch nur den Urteilen anschließen, die Stekels Fälle als Hysterien
    charakterisiert haben, bei denen Angst die Hauptsache ist.
    Auch darin müsse er Sadger recht geben, daß in der Regel sonst neurotisch
    ganz unverdächtige Personen (besonders Männer) die schönsten Angst-
    neurosen zeigen. – Durch die Charakterisierung der Fälle als Hysterien wird
    die Psychologie der „Angstneurose“, die Stekel zu geben versuchte, hinfällig. Es
    könne sich höchstens um die Psychol. der Angst bei der Hysterie handeln.
    Das Angstproblem sei das heikelste, zentrale Problem der Neurosenlehre.
    Die neurotische Angst entspringt, als Gegenstück zur Lebensangst, der
    Bedrohung des Sexualtriebs, so wie die gewöhnliche Angst der Bedrohung des
    Lebenstriebes ihren Ursprung verdankt. – Die Aufstellung einer rein so-
    matischen Angst ließe sich rechtfertigen. Die Angst sei ein Phänomen
    mit körperlichen Erscheinungen plus psychischen Empfindungen; ihre
    Herkunft aber könne man ihr nicht ansehen. Es fällt also die Behauptung,
    daß jede Angst vom Psychischen abzuleiten sei; ebenso wird durch die Scheidung
    in gewöhnliche (Lebens-) Angst u. neurotische Angst die Behauptung hinfällig,
    daß jede Angst Todesangst sei. –
    Fließ’ Standpunkt weiche von dem seinen ab. Bei F. heiße es, daß zb. die Angst
    des Mannes seine verdrängte weibliche Libido sei. Seine Ansicht stehe
    zur Hälfte in der Sexualtheorie; nämlich daß die Libido männlich sei; zu er-
    gänzen ist: die Angst ist weiblich.
    Zum Basedow bestehen wahrscheinlich Beziehungen, die aber durch
    Stekels Annahmen nicht erläutert werden. Besonders sei die chemische
    Theorie, von der übrigens nicht viel zu halten sei, ganz in die Ferne zu
    rücken. –
    Die Frage sei, wieso es Hysterien mit sehr viel Angst u. H. g. ganz
    ohne jede Angst gebe. – Der Unterschied zwischen der reinen Konversions-
    hysterie und den andern Formen von Hysterie sei vielleicht darin zu
    suchen, daß die Angsterregung entweder psychisch gebunden werden
    kann oder nicht. Wird die Angst zur Körperinnervation verwendet,
    dann entsteht eine Hysterie ohne Angst; die psychisch gebundene Angst

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    dagegen, ergibt die Hysterien mit Phobien.
    Reitlers Bemerkung, daß hinter dem Zwang die Angst stecke, sei richtig;
    auch dabei ist die Angst psychisch gebunden d.h. durch eine bestimmte
    psychische Konstellation – nämlich die Reaktionsbildung – gehemmt.
    Fehlt diese Bildung so ist die Angst mit einer bestimmten Vorstellung verbunden,
    so gibt das eine Hysterie mit Angst. Die hyster. Angst ist im Unbewußten
    an gewisse Vorstellungen gebunden und wird dann im Bewußtsein
    auf andere Vorstellungen transponiert. – Schließlich kann noch der
    Falleintreten, daß die Angst vom Unbewußten Psychischen überhaupt nicht gebunden
    werden kann. Auch Mengungsfälle gebe es, wo ein Teil der Angst gebunden
    sei, ein anderer nicht. – Das häufige Dominieren der Todesangst rühre
    daher, daß die an sexuellen Komplexen haftende Angst im Bewußtsein durch
    Todesangst ersetzt wird, die vom Lebenstrieb herstammt.
    Die fast allgemein vorkommende Kinderangst werde dadurch begünstigt, daß
    beim Kind die beiden Quellen der Angst zusammenfallen: denn das Kind liebt
    nur das Objekt, das seinem Erhaltungstrieb genügt (so findet a. ja das Objekt);
    droht man ihm nun etwa mit der Entfernung von diesem Objekt (ein be-
    liebtes Erziehungsmittel), so öffnet man beide Quellen der Angst.
    Rank beschränkt sich, infolge der vorgerückten Stunde, lediglich auf
    einen Protest gegen die Form des Vortrags, der besonders im ersten Teil hastig
    heruntergelesen wurde.
    Stekel weist schließlich die Einwendung, seine Fälle seien gemischt, mit
    dem Hinweis darauf zurück, daß eben die Fälle, die man früher als reine
    Angstfälle auffaßte, sich bei näherer Untersuchung psychisch deter-
    miniert zeigten. Es gebe keine reinen Fälle von Angstneurose. –