Rezension von: Bechterew, [Wladimir] ›Über die hinteren Nervenwurzeln, ihre Endigung in der grauen Substanz des Rückenmarkes und ihre centrale Fortsetzung im letzteren‹ 1888-202/1887

Freud, Sigmund (1888-202/1887): Rezension von: Bechterew, [Wladimir] ›Über die hinteren Nervenwurzeln, ihre Endigung in der grauen Substanz des Rückenmarkes und ihre centrale Fortsetzung im letzteren‹

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    598 Centralblatt für Physiologie. Nr. 22.

     

    Bechterew. Ueber die hinteren Nervenwurzeln, ihre Endigung in der
    grauen Substanz des Rückenmarkes und ihre centrale Fortsetzung im
    letzteren (His-Braune’s Arch. 1887, Nr. 2 u. 3, S. 126).

    Die Untersuchung fötaler Rückenmarke vom Menschen lehrt, dass
    die hinteren Wurzeln nicht aus gleichartigen Fasern bestehen, sondern
    wenigstens in zwei streng differenzirte Bündel zerfallen. Diese Bündel
    erscheinen im Querschnitt der hinteren Wurzel nicht getrennt, sondern
    sich aber im Rückenmark voneinander. Das früher entwickelte Bündel
    (schon zu Anfang des fünften Schwangerschaftsmonats markhaltig) besteht
    aus starken Fasern und geht nach dem Eintritt ins Rückenmark grössten-
    theils in den äusseren vorderen oder Wurzeltheil der Burdach’schen
    Stränge (innere starke Wurzelfasern) über; das später entwickelte
    Bündel besteht aus feinen Fasern und lagert sich im Rückenmark im
    hintersten Theil der Seitenstränge in der von Lissauer sogenannten
    „Randzone“ ab (äussere feine Wurzelfasern). Kleinere Antheile
    beider Bündel gehen direkt in die gelatinöse Substanz.

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    Nr. 22. Centralblatt für Physiologie. 599

    Alle Fasern der hinteren Wurzeln dringen nach längerem oder
    kürzerem Verlaufe in die graue Substanz ein. Es gibt keine direct zur
    Oblongata aufsteigenden hinteren Wurzelfasern. Die Thatsache der
    Degeneration in den Goll’schen Strängen nach Degeneration oder
    Durchschneidung von hinteren Wurzeln beweist nichts für einen un-
    unterbrochenen Verlauf derselben, da Degenerationen sehr wohl über
    eine graue Substanz hinaus auf eine mittelbare Fortsetzung eines Faser-
    bündels sich erstrecken können.

    Der centrale Verlauf der beiden Bündel in den hinteren Wurzeln
    ist folgender: Wenn die Fasern der inneren starken Bündel in die
    graue Substanz getreten sind, geht ein Theil derselben zu den Clarke-
    schen Säulen, ein anderer in den mittleren Theil der grauen Substanz
    und weiter bis ins Vorderhorn, wo sie sich mit den dort befindlichen
    Zellen verbinden; ein dritter Antheil endlich zieht in die vordere
    Commissur und durch diese in den contralateralen Vorderstrang zum
    Vorderhorn der anderen Seite. Die Fasern des äusseren feinen Bündels
    laufen in der Randzone eine Strecke weit aufwärts und verbinden sich
    dann hauptsächlich mit den kleinen Zellen des Hinterhorns vor der
    Substantia gelatinosa Rolandi.

    Von den Clarke’schen Säulen gehen mehrfache Fasersysteme
    aus, zunächst Fasern, die den Kleinhirnseitenstrang bilden (am reich-
    lichsten an der Grenze zwischen Lenden- und Brustmark zu beobachten),
    sodann Fasern in den hinteren Theil der Burdach’schen und theil-
    weise auch der Goll’schen Stränge, welche zur Oblongata aufsteigen,
    und endlich Bündel zum gleichseitigen und durch die vordere Com-
    missur zum gekreuzten Vorderhorn. — Aus den kleinen Zellen der
    Hinterhörner sollen Fasern entspringen, welche (als Fortsetzung der
    äusseren feinen Wurzelfasern) in die sogenannte Grenzschicht der
    grauen Substanz gehen. Aus denselben Zellen nehmen wahrscheinlich
    die Fasern zu den Goll’schen Strängen ihren Ursprung.

    Zur physiologischen Deutung der beiden in den hinteren Wurzeln
    aufgefundenen Faserarten bringt B. folgende Beobachtung bei: Durch-
    schneidung der Hinterstränge erzeugt bei Thieren erst dann Schmerzens-
    äusserung, wenn der Apex cornu posterioris mitverletzt wurde. B. ver-
    muthet also, dass die äusseren feinen Wurzelfasern die sensible Leitung
    von der Haut darstellen, während die inneren starken Wurzelfasern
    der Leitung des Muskelgefühls dienen. Von den beiden Fortsetzungen
    der inneren starken Wurzelfasern wäre die eine — Kleinhirnseiten-
    strangbahn — eine reflectorische Verbindung mit dem Kleinhirn; die
    andere — peripherer Theil der Burdach’schen Stränge — diente
    der Fortleitung der Muskelsensibilität zum Gehirn. Von den beiden
    Fortsetzungen der äusseren feinen Wurzelfasern — im Goll’schen
    Strang und im contralateralen Seitenstrang — will er die letztere für
    die Fortleitung der Hautsensibilität zu höheren Theilen in Anspruch
    nehmen. Die Goll’schen Stränge sollen ähnlich den Kleinhirnseiten-
    strängen „Bedeutung für Reflexvorgänge“ besitzen. — Die hintere Com-
    missur enthält im fötalen Rückenmark nicht eine markhaltige Faser.

    (Dem Ref. ist der Uebergang hinterer Wurzelfasern in die vordere
    Commissur an Präparaten von Darkschewitsch 1885 gezeigt worden.
    Ref. muss der obigen Arbeit B.’s anfügen, dass die Bedeutung der

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    Goll’schen Stränge offenbar unrichtig erfasst ist. Dieselben sind den
    Burdach’schen Strängen analog und unterscheiden sich von ihnen
    durch die Beziehung zur unteren Extremität, während die Burdach-
    schen Stränge in Beziehung zu den Fasern für die obere Extremität
    stehen.) Sigm. Freud (Wien).