S. Freud: Ueber Hysterie (Schluß.) 1895-411/1895.6

N. N. (1895-411/1895.6): S. Freud: Ueber Hysterie (Schluß.)

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  • S.

     

    Wiener medizinisches Doctoren-Collegium.

    (Orig.-Ber. der „Wiener Medizinischen Presse“.)
    Wissenschaftliche Versammlung vom 26. October 1895.

    S. FREUD: Ueber Hysterie.

    (Schluß.)

    Die Lehre von der Verdrängung, welche Redner zum
    Mittelpunkte seiner Erörterungen gemacht, lässt sich zunächst leichter
    an den Zwangsvorstellungen besprechen. Bei letzteren ist eine Er-
    innerung vorhanden; dieselbe bildet ein Schuldbewusstsein; zwischen
    beiden besteht eine logische Association. Die Bildung der Zwangs-
    vorstellung geschieht zweizeitig: Zunächst gibt die Vorstellung der
    Erinnerung an ein bestimmtes Ereigniß ihre psychische Intensität ab
    und diese verschiebt sich auf dem Wege der logischen Association
    auf das Schuldbewusstsein; dieses wird überstark. Im zweiten Tempo
    verbindet sich die überstarke Affectneigung mit irgend einer anderen
    Vorstellung (Surrogat); diese Surrogatvorstellung ist diejenige,
    welche uns als Zwangsvorstellung vom Kranken geklagt wird. Dieser
    Mechanismus zeigt nun bei der Hysterie vor allem den Unterschied,
    daß die Verdrängungsvorgänge nicht zweizeitig stattfinden, sondern
    die Verdrängung geschieht gleichzeitig mit der Symptombildung und
    geht vor sich in gewissen ausgezeichneten Momenten des Lebens,
    in welchen ein Affect eine große Rolle spielt (**hypnoide Momente**).
    Solche hypnoide Momente kommen bei der Zwangsvorstellung nicht
    vor. So weit es zu eruiren war, handelte es sich bei der Hysterie
    stets um sexuelles Vorstellungsmaterial und immer darum, daß die
    ersten Verdrängungen in der Zeit vor der Pubertät stattgefunden
    hatten.

    Es handelt sich nun bei der Hysterie darum, diese verdrängten
    Vorstellungen zu suchen. Mit dieser Untersuchung fällt aber auch die
    Therapie zusammen. Während der Arzt arbeitet, um diese verdrängten
    Vorstellungen zu finden, heilt er den Patienten. Diese Wahrnehmung
    hat zuerst BREUER vor 13 Jahren gemacht, indem es ihm gelang,
    die hysterischen Symptome einer Pat. zu durchschauen und sie von
    dem Zwang dieser Symptome zu befreien. Zu diesem Zwecke be-
    diente er sich der Hypnose, indem er während derselben die Pat.
    aufforderte, sich in die Situation zu versetzen, in der die Symptome
    zuerst aufgetreten waren, also in den „Moment der Verdrängung“,
    in den „hypnoiden Moment“. In der Hypnose war nun die Pat.
    sehr wohl im Stande, den Weg von den vorhandenen hysterischen
    Symptomen zu den verdrängten Vorstellungen zu finden. Damit war
    die Ueberstärke der verdrängten Symptome zu Ende. Für die Hyp-
    nose gibt es also keine Verdrängung.

    F. hat diese Methode durch eine andere ersetzt, und zwar
    deshalb, weil er viele Schwierigkeiten bei der praktischen Ausfüh-
    rung des Hypnotisirens zu überwinden hatte. Das Verfahren F.’s ist
    eigentlich mit der Hypnose identisch. Man knüpft an den vorhan-
    denen Erinnerungsrest an und fordert die Kranke auf zu erzählen,
    an was sie sich von da an weiter rückerinnert. Auf diese Art ge-
    lingt es, einige der letzten, der verdrängten Vorstellung nächsten
    Erinnerungen wachzurufen. Wenn dann die Pat. die letzte Vor-
    stellung, welche nun an der Reihe ist, nicht finden kann, macht
    man die Annahme, daß diese Vorstellung wirklich die nächstlie-
    gende sei, daß aber die Pat. nicht im Stande ist, ihre Aufmerksam-
    keit darauf zu richten. Man nöthigt nun die Kranke, ihre Auf-
    merksamkeit auf diesen Punkt der Situation zu concentriren, indem
    man ihr beispielsweise die Hand auf die Stirne legt und sagt:
    „Wenn ich nun drücke, wird Ihnen jenes Ereigniß einfallen, welches
    wir suchen.“ Was dann die Pat. angibt, ist in der Regel das Richtige.
    Es verhält sich hier genau so wie in der Hypnose: Die volle psy-
    chische Aufmerksamkeit wird der einen betreffenden Vorstellung
    zugewendet. Es wurde angenommen, daß die Kranken nicht im
    Stande sind, ihre Aufmerksamkeit spontan den verdrängten Vor-
    stellungen zuzuwenden und daß darin das Wesen der Verdrängung
    bestehe. Die Pat. haben einen Widerstand, sich an gewisse Vor-
    stellungen zu erinnern. Dieser Widerstand kann nur als Widerstand
    des Willens aufgefaßt werden. Sucht man das Motiv hiefür, so findet

  • S.

    man ganz regelmäßig, daß die Kranken bei dem Versuche, ihre
    Aufmerksamkeit auf verdrängte und schwererinnerliche Nebenumstände
    zu lenken, große Unlust empfinden, unruhig werden. Ja, diese Unlust
    ist überhaupt der Grund, welcher sie an gewisse Vorstellungen nicht
    denken läßt und auf die sie ohne fremden Zwang niemals kommen.
    Auch im normalen psychischen Leben macht sich das Unlustgefühl
    gegenüber den verdrängten Erinnerungen geltend, aber es besteht
    doch ein Unterschied: Die psychisch normalen Menschen wissen,
    daß sie sich an etwas nicht erinnern wollen, die Hysterischen wissen
    nicht, daß sie dies nicht wollen. Dieser psychische Zustand ist und
    bleibt räthselhaft; aber wir haben ein Wort, um diesen Zustand zu
    bezeichnen, wir sprechen von einer „Spaltung des Bewußtseins“ oder
    besser nach BREUER von einer „Spaltung der Seelenthätigkeit“.

    Der Widerstand, welchen die Kranken der Erklärung der
    verdrängten Vorstellungen entgegensetzen, kann alle möglichen Formen
    annehmen; besonders häufig gebrauchen sie Ausreden; man sucht
    dieselben zu entlarven, den Kranken klar zu machen, daß es nur
    Unlust ist, was sie verhindert, an das Eigentliche zu denken. Diese
    Methode ist keineswegs einfach, sie gehört vielmehr zu den schwierig-
    sten Aufgaben, die dem Arzte erwachsen. Aber ihr therapeutischer
    Werth ist bei der sonstigen Machtlosigkeit unserer Therapie kein
    geringer, denn sie ist im Stande, principiell das Symptom der Ver-
    drängung zu heilen. Richtig ist, daß die Methode geeignet ist, die
    Pat. zu quälen, aber sie ist nicht im Stande, ihnen zu schaden. Sie
    stellt eine Operation dar, die sich über viele Wochen und Monate
    hin erstreckt und bei welcher die Schmerzen, das Unbehagen, die
    Unlust, die dabei entstehen, den Kranken durch keine Art von
    Narkose erspart bleiben. Man könnte gegen diese Behandlungsart
    einwenden, daß sie sich kaum lohnen dürfte, wenn es durch sie nur
    gelänge, ein Symptom zu beseitigen und wenn man die Disposition
    bestehen lassen müsse. Aber man macht die Wahrnehmung, daß die
    Kranken eigentlich nicht viele derartige Verdrängungen in ihrem
    Leben gemacht haben, und daß sie nach der Pubertät überhaupt
    keine mehr zu machen scheinen.

    Wenn sich späterhin Symptome bilden, dann knüpfen sie in
    der Regel an die bestehenden Verdrängungen an. Wenn man also
    bedenkt, wie enge die Bedingungen für die Entstehung der Ver-
    drängungen sind: Sexueller Charakter, Entstehung in der Zeit vor
    der Pubertät, Anknüpfen neuer Symptome an in der Jugend ent-
    standene Verdrängungen, dann ist die Hoffnung berechtigt, daß,
    wenn es gelingt, die erste Verdrängung aufzufinden und rückgängig
    zu machen, es auch gelingen könnte, die Quelle für weitere Er-
    scheinungen dauernd zu verstopfen. Weitere Erfahrungen müssen
    zeigen, ob diese Hoffnung wirklich berechtigt ist.