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Wiener medizinisches Doctoren-Collegium.
Sitzung vom 14. und 22. October.
(Original-Bericht der „Wiener Medizinischen Blätter“.)
Dr. S. Freud: Ueber Hysterie.
Der Vortragende versucht, Umfang und Inhalt des Begriffes
Hysterie genau zu bestimmen, respective dieselbe von den organi-
schen Krankheiten und speciell von der Neurasthenie zu trennen.
Das gemeinschaftliche Vorkommen hysterischer und neurastheni-
scher Elemente in ein und demselben Krankheitsbilde bewog zahl-
reiche Autoren, eine scharfe Trennung für unmöglich zu halten.
Darf man jedoch aus dem gemeinsamen Vorkommen hysterischer
und neurasthenischer Symptome auf eine gemeinsame Wurzel beider
Krankheiten schliessen? Die Antwort lautet, dass sich nur an eine
Hysterie von längerem Bestande neurasthenische Symptome reihen.
Redner glaubt, die Neurosen folgendermassen eintheilen zu dürfen:
1. Hysterie, 2. Neurasthenie in engerem Sinne, 3. Zwangsneurose,
4. Angstneurose. Als Erscheinungen der Neurasthenie lassen sich
Mattigkeit, Dyspepsie, Kopfschmerz, spinale Schmerzen anführen.
Sehr oft wird sie aber charakterisirt durch Erregung, Unruhe,
Reizbarkeit, Angstgefühl, begleitet von Herzbeschleunigung, Con-
vulsionen und Schlafstörungen. Sehr oft, führt Redner weiter aus,
gibt es Patienten, die wegen Herzstörungen, Dyspnoë und Con-
vulsionen in Behandlung stehen, wo sich bei genauer Untersuchung
ihr Zustand als Angstneurose entpuppt. Dementsprechend ist es
am Platze, die Neurose und Neurasthenie auseinanderzuhalten.
Echte Neurasthenie und Angstneurose seien nach der Auf-
fassang des Vortragenden ausnahmslos auf Schädlichkeiten zurück-
zuführen, die dem Sexualleben entspringen. Entweder liege Mastur-
bation der echten Neurasthenie zu Grunde, oder es lasse sich
Heredität nachweisen. Die Angstneurose lasse sich bei früher ge-
sunden Männern auf Abstinenz, bei Frauen auf Coitus interruptus
zurückführen. Die echte Neurasthenie beruhe demgemäss auf einer
überreichlichen Entladung, die Zwangsneurose auf einer Aufspeiche-
rung des Sexualstoffes. Der Nachweis für diese Behauptung ge-
lang in 80 Percent der untersuchten Fälle. Gemüthsbewegungen,
Ueberbürdung, Unsicherheit der Erwerbsverhältnisse spielen hiebei
eine vorbereitende Rolle.
Reine Hysterie sei selten zu finden. Gewöhnlich bildet sie
einen Symptomencomplex in einer Mischung von Neurosen. Ihre
Betrachtung drängt auf das Gebiet der Psychologie. Bei der Frage,
auf welchem Wege man dazu gekommen sei, den hysterischen Er-
scheinungen einen psychischen Mechanismus zuzumuthen, müsse
Redner aus verschiedenen Gründen rein dogmatisch vorgehen.
Hysterische Erscheinungen entstehen durch den psychischen
Mechanismus der Verdrängung. Auf welche Art entstehen
nun aus der Verdrängung hysterische Symptome? Nehmen wir
ein normales Gegenstück zur Verdrängung: Wir beschäftigen uns
ungern mit Vorstellungen, die in uns Unlustgefühle erwecken. Es
ruft das Gefühl des Aergers hervor, wenn unangenehme Erinne-
rungen belebt werden. Die betreffenden Personen suchen diese Er-
innerung zu vergessen; sie versuchen also, allen Wahrnehmungen
auszuweichen, die diese unangenehme Erinnerung beleben; solche
Personen bringen es zu einer Virtuosität im Verdrängen, so dass
die Erinnerung spontan nicht mehr auftritt.
Die gewöhnlich vorkommenden hysterischen Symptome sind:
1. eine Wahrnehmung tritt in hallucinatorischer Form in Erinnerung,
hiezu könnte man hysterische Schmerzen rechnen; 2. motorische
Erscheinungen, wie Lachen, Weinen, Zucken, Convulsionen;
3. Vorstellungscomplexe mit ihren Untertheilungen: Tendenzen,
Abulien (das Nichtessen- oder Nichtgehenkönnen). Diese Sym-
ptome nun treten in verschiedenen Kombinationen auf. Wenn man
z. B. eine Person, die vorgibt, nicht essen zu können, zum Essen
zwingt, erbricht sie; also eine Combination der Abulien mit einer
motorischen Erscheinung. Ueberall, wo so ein Symptom vorkommt,
liege eine Verdrängung vor. Alle die angeführten Symptome seien
dem freien Willen entzogen; man könnte also sagen: All das,
womit man sonst dem Ablauf seiner Vorstellung entgegentritt, sei
ausgeschaltet. Weiters seien all diese Vorstellungen mit Zwang
behaftet, und wo ein hysterischer Zwang besteht, hat eine Ver-
drängung stattgefunden; alle verdrängten Vorstellungen haben
sexuellen Hintergrund, und zwar seien es peinlich empfundene
sexuelle Erinnerungen. Nachdem Redner diese seine Thesen mit
treffenden Beispielen illustrirt und, vom eigentlichen Thema ab-
schweifend, die bisherige unerklärliche Unterschätzung der Sexual-
function betont hat, führt er als Beispiel für die Zwangsvorstellung
einen Mann an, der in der Furcht befangen ist, in einem unbe-
wachten Momente einem harmlosen Passanten ein Leid zufügen
zu können. Derselbe litt früher daran, von einem Schuldner zu
viel Geld genommen zu haben. Charakteristisch sei hiebei die
constante Neigung, sich Vorwürfe zu machen. Auch hier sei eine
Verdrängung vorhanden. Der Mann hat eine Schuld, folglich
Schuldbewusstsein, und das sucht Patient zu verdrängen. Der
Vorgang hiebei sei folgender: Erst wird das Schuldbewusstsein
überstark. Nach einiger Zeit kommt eine Phantasievorstellung,
ein Surrogat, dazu, und das hyperästhetische Schuldbewusstsein
verbindet sich mit dem Surrogat. Man könnte diesen Vorgang
Surrogatbildung nennen. Es bestand also eine Schuld, verband
sich mit Schuldbewusstsein; dann kam die Verdrängung. Wir
finden also bei den Zwangsvorstellungen eine Verschiebung an
Stelle des eigentlichen Anlasses zum Vorwurf.