Sigmund Freud und seine Lehre 1926-074/1926.3

Hitschmann, Eduard (1926-074/1926.3): Sigmund Freud und seine Lehre

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    Br. Dr.
    Eduard Hitschmann,
    Wien.

    Sigmund Freud und seine Lehre.

          Der große, hohe Saal, in dem wir uns zur Feier des
    70. Geburtstages unseres Bruders, meines verehrten
    und geliebten Lehrers Prof. Freud versammeln, hat auch
    eine symbolische Bedeutung, da wir in ihm einen Riesen
    an Geist und an Kraft, einen Förderer der menschlichen
    Seelenkunde und Seelenheilkunde von überdimensionalem
    Maße, einen der größten Gelehrten unserer Zeit feiern. Das
    Ausnahmsweise und Besondere liegt also hier nicht im
    Siebzig-Jahre-alt-werden, in einem Leben voll Arbeit, im
    Mitglied unserer Loge sein; es liegt nicht nur im edeln
    Menschentum seiner Persönlichkeit, es handelt sich nicht
    nur um Freuds Judentum, Österreicher- oder Zeitgenosse-
    sein, sondern darum, daß er weit über die Grenzen von
    Beruf, Volkszugehörigkeit, Vaterland und Gegenwart
    hinaus, wissenschaftliche Leistungen von Ewigkeitswert
    geschaffen hat. Man hat die Geschichte der Wissenschaft
    eine große Fuge genannt, in der die Stimmen der Völker
    nach und nach zum Vorschein kommen. In dieser unserer
    Zeit ist es das jüdische Volk, das durch Freud die Stimmen
    der anderen Völker übertönt. Erfüllt uns darüber ein edler
    Stolz, so übersehen wir nicht, daß er deutsche Kultur
    genossen hat, daß er durch seine Universalität und seine

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    Leistungen für die Menschheit ein Weltbürger zu nennen
    ist; aus aller Herren Länder kommen Schüler zu ihm,
    seine Werke werden in alle Sprachen übersetzt. Freuds
    Arbeit steht jedem menschlich nahe, da sie sich mit Gesund-
    heit und Lebensglück, mit der Liebe und der Erziehung des
    Charakters, mit den einzelnen Menschen beschäftigt. Jeder
    muß sich hier sagen: Tua res agitur.

          Prof. Freud ist am 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren
    geboren. Der glücklichen Mutter prophezeite eine Bäuerin,
    daß sie der Welt einen großen Mann geschenkt habe. Die
    Abergläubischen unter ihnen werden triumphieren, denn
    zweifellos ist diese Weissagung eingetroffen. Es ist aber
    nichts Mystisches dabei; der kleine Knabe hörte wiederholt
    von dieser ihm so schmeichelhaften Weissagung, sie hat ihn
    unbewußt angespornt, so daß er es so weit gebracht hat.
    In der Traumdeutung Freuds lesen wir, daß er mit vierzig
    Jahren von dieser Prophezeiung geträumt hat und erkennen
    einen Grundsatz dieses Forschers, daß nämlich Kindheits-
    eindrücke tiefe dauernde Wirkung haben.

          Freud kam mit vier Jahren nach Wien, besuchte dann
    das Gymnasium, in dem er sieben Jahre Primus war, eine
    für Eltern willkommene Nachricht; denn die Entdecker und
    große Männer bekanntlich meist schlechte Schüler sind,
    käme ohne solche Ausnahmen das Lernen zu sehr in
    Mißkredit.

          Ein weitherziger Vater überließ dem Sohne trotz enger
    Verhältnisse die Berufswahl nach eigenem Wunsch, und
    der junge Student bezog die Wiener Universität, um
    Medizin zu studieren. Es traf ihn jener giftige Hauch, der
    auch jetzt dort nicht fehlt: es wurde ihm zugemutet, sich
    als minderwertig und nicht volkszugehörig zu fühlen, weil
    er Jude war. Freud ließ sich dies nichts anhaben, wurde aber
    dadurch früh mit dem Schicksal vertraut, in der Opposition
    zu stehen und sich ein unabhängiges Urteil zu wahren.
    Heute ist dieser jüdische Gelehrte der weltberühmteste an
    unserer Hochschule!

          Freud arbeitete bei Brücke und Meynert und veröffent-
    lichte exakte Arbeiten über Anatomie und Physiologie des
    Nervensystems. Er lernte hier jenes gewissenhafte Arbeiten,
    das ihm immer treu blieb, er war nie ein Phantast, sammelte
    in allem geduldig Erfahrungen und konnte mit Recht auf
    seine Befunde vertrauen. Einen Irrtum einzugestehen, hat
    er nie unterlassen, sondern sich freimütig verbessert. Zu-
    nächst sei einer Entdeckung Erwähnung getan, der Freud
    nur sehr nahe kam. Ich meine die Bedeutung des Kokains
    als gefühlbetäubendes Mittel, das namentlich für Augen-
    operationen von unschätzbarem Wert ist. Freud arbeitete
    über dieses Alkaloid und schloß seine Arbeit mit der An-

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    gabe: Die gefühlsbetäubende Eigenschaft des Kokains
    „werde noch mehrere Anwendungen ergeben“. Er empfahl
    dem verstorbenen Bruder Prof. Königstein, das Kokain am
    Auge zu erproben, dem aber sein Kollege Koller zuvor-
    kam. Freud sah sich damals gedrängt, ein Gefühl bei sich zu
    beruhigen, denn Sehnsucht zog ihn zu seiner Verlobten in
    Hamburg, die er zwei Jahre nicht gesehen hatte. Einige
    Jahre später machte er sie zu seiner Frau; aus hochgeistiger
    Umgebung gewählt, war sie ihm in Dur und Moll
    des Lebens stets eine wertvolle Gefährtin. Sie schenkte
    ihm sechs treffliche Kinder, denen sich später fast
    ebensoviel Schwiegerkinder gesellt haben. Eine seiner
    drei Töchter wurde tragischerweise in blühendem
    Alter von der Grippe hinweggerafft; seine jüngste
    Tochter hat sich in die Wissenschaft des Vaters voll
    eingearbeitet, die sie namentlich an Kindern gerne ausübt,
    und ist ihm eine wertvolle Helferin in seiner Arbeit. Freud
    ist mehrfacher Großvater und hat das seltene Glück, noch
    eine rüstige, lebensfreudige Mutter zu besitzen.

          Da die Mehrzahl meiner Zuhörer nicht das Glück hat,
    Freud persönlich zu kennen, will ich, ehe ich seine Lebens-
    arbeit auszugsweise wiedergebe, den Versuch machen, ihn
    als Menschen zu schildern. Sein Wesen ist durchaus ein-
    fach, nie pathetisch und nie gravitätisch; seine ungewöhn-
    liche Arbeitskraft, die bis tief in die Nacht tätig sein kann,
    verdankt er u. a. einem ausgezeichneten Schlaf. Er strahlt
    stets liebenswürdige Ruhe aus. Daß ein so unerhörter
    Menschenkenner, zu dem nun über ein Menschenalter die
    Leute kommen, ihr Herz auszuschütten — nicht nur die
    Vorhöfe, sondern die Herzkammern — nicht ohne Skepsis
    bleiben kann, ist klar, aber sie ist stets eine humorvolle.
    Im Gespräch und im Vortrag gebraucht er die trefflichsten
    Vergleiche und ist ein Freund des Witzes. Seine Bildung
    ist universell, besonders interessieren ihn die Werke der
    bildenden Kunst, oft zog es ihn nach Italien. Sein Schreib-
    tisch ist umkränzt von Ausgrabungen aus den frühesten
    Zeiten der Menschheit, Symbolen für sein Vordringen in
    die Tiefen der menschlichen Seele. Freud war stets ein
    Förderer junger Begabungen, ein gütiger Lehrer und
    Helfer seiner Jünger, aber streng in den Anforderungen
    an seine Mitarbeiter. Er hat nie um die Gunst der Menge
    oder der Autoritäten geworben; die Integrität seines Cha-
    rakters, die Vornehmheit seiner Gesinnung stechen ebenso
    hervor, wie seine Wahrhaftigkeit, die er auch durch seine
    Selbstbeichte in seinen Werken bewiesen hat. Neben der Un-
    abhängigkeit seines Denkens und seiner genialen Intuition,
    haben ihn aber vor allem sein Selbstvertrauen, seine uner-
    schütterliche Ausdauer, sein Mut, durchzudenken, zum

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    Ziele geführt! Lange Jahre war sein Leben ein heroisches,
    für seine, der Menschheit so wertvolle Leistung kämpfte er
    gegen übergroße Schwierigkeiten und schien unbelohnt
    bleiben zu sollen. Aber an seinem Lebensabend vergoldet
    nun die Bewunderung der ganzen Welt seine Tage; einer
    Welt, mit der er sich nie eingelassen hat, was Goethe dem
    empfahl, der der Welt etwas geben will. Eine schwere
    Krankheit, die Freud vor einigen Jahren betroffen hat,
    hat er in Geduld und Humor glücklich überwunden. Seine
    ungeschwächte Arbeitskraft schafft andauernd wertvolle
    Arbeiten, die ganze Welt horcht jetzt auf seine Stimme.

          Für sein eigenstes Arbeitsgebiet, die Seelenkunde und
    die Erkrankungen der Seele, prädestinierte ihn eine eigen-
    artige Wißbegierde, die sich mehr auf menschliche Ver-
    hältnisse bezog als auf natürliche Objekte. Charakteri-
    stisch für sein Arbeiten ist, den Gegenstand genau und
    wiederholt selbst anzusehen, ehe er darüber nachliest.
    Unzufriedenheit mit dem, was er bereits vorfand, und die
    Originalität seiner Einfälle, die über das Dargebotene
    hinausging, machten ihn zu dem bewundernswerten Neuerer.

          Bevor er sich in der Praxis niederließ, zog ihn das
    Interesse für Nervenkranke zu Charcot nach Paris, wo er
    wertvolle Anregungen erhielt. Er ließ sich dann in Wien
    nieder, aber die damalige Behandlung der Neurotiker mit
    Elektrizität und Hypnose enttäuschte ihn in ihren Erfolgen.
    So fuhr er noch einmal nach Frankreich, nach Nancy, um
    sich in der Hypnose zu vervollkommnen.

          Es war aber in das Leben Freuds ein vierzehn Jahre
    älterer Freund, Berater und Helfer getreten, Dr. Josef
    Breuer, ein durch Intelligenz und Herzenseigenschaft her-
    vorragender Arzt, der berufen war, Freud die bedeutsamste
    Anregung für sein späteres Arbeiten zu geben. Es ist ein
    Beweis auch für den hohen Wert des Jüngeren,
    daß Breuer alle wissenschaftlichen Interessen mit
    ihm teilte. So berichtete er dem Jüngeren von
    einem Krankheitsfall, den er durch unendliche Geduld
    einige Jahre früher geheilt hatte. Ein Mädchen war im
    Anschluß an die Krankenpflege ihres Vaters an schwerer
    Hysterie erkrankt. In eigentümlichen Schlafzuständen,
    später auch durch Hypnose eingeschläfert, war die Patien-
    tin geneigt, von Erlebnissen an Vaters Krankenbett zu
    erzählen, welche an ihren Zuständen schuld waren. Im
    Wachzustand wußte sie von diesen effektvollen Erlebnissen
    nichts; wenn sie aber ihrem Arzt die Entstehungsgeschichte
    eines Symptoms ausgeplaudert hatte, schwand dasselbe für
    immer. Damit war das Sprichwort: „Was ich nicht weiß,
    macht mir nicht heiß“, entwertet, es müßte richtig heißen:
    „Was ich weiß, macht mir nicht mehr heiß.“ Hiemit war

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    aber der denkwürdige Beweis erbracht, daß die Symptome
    der Hysterie auf eindrucksvollen Erlebnissen aufgebaut
    sind, auf zunächst nicht bewußten Erinnerungen beruhen,
    daß mit einem Wort das hysterische Symptom einen Sinn
    hat, und schwinden kann, wenn die unterdrückte Erregung
    abreagiert ist. Bis dahin waren die Symptome der Hysterie
    vollkommen rätselhaft, wurden bloß auf Vererbung zurück-
    geführt, oder für Simulation gehalten. Breuer und Freuds
    Werk: „Studien über Hysterie“, behandelte die Theorie der
    Entstehung hysterischer Symptome, die Bedeutung der
    Aufstauung von Affekten, den Unterschied von bewußten
    und unbewußten seelischen Akten. Freud hat immer aner-
    kannt, daß Breuer ein überwiegender Anteil an dieser
    Arbeit zukommt. Da sich aber Breuer von diesem Arbeits-
    thema zurückzog, bleibt es Freuds eigenstes Verdienst, das
    stolze Gebäude der Psychoanalyse dann allein aufgeführt
    zu haben. Ein Witzwort sagte: Breuer hat das Ei gelegt,
    Freud hat es ausgebrütet. Was wir aber heute Psychoana-
    lyse nennen, ist eine ganz neue, von Freud angegebene
    Technik des Untersuchens und Behandelns; die wesent-
    lichen Gesichtspunkte über die spezifischen sexuellen Ur-
    sachen der Neurosen, die Aufdeckung der seelischen
    Mechanismen von Widerstand, Verdrängung und Über-
    tragung, und der Erweis von der entscheidenden Bedeutung
    des unbewußten Seelenlebens, sind das Werk Freuds.
    Freud gab nämlich die Hypnose auf, und erst seine genial
    erdachte Methode der sogenannten „freien Einfälle“ ent-
    hüllte das Kräftespiel im Seelischen sowie die sämtlichen
    Erlebnisse der Patienten. Wenn nämlich der Patient auf-
    gefordert wird, alles, was ihm auftaucht, Gleichgültiges und
    Peinliches, mit einem Wort Alles aufrichtig und ohne
    Kritik mitzuteilen, so bringt er in der Kette der Einfälle
    auch Ausläufer aus dem Unbewußten, Verdrängten und
    Triebhaften. Der Arzt fühlt dabei jedesmal den Wider-
    stand, den der Patient gegen die Mitteilung peinlicher Er-
    innerungen leistet, und der Schluß war zwingend, daß die-
    selbe Kraft, der er jetzt als Widerstand begegnet, seiner-
    zeit das Peinliche ins Unbewußte verdrängt hat. Es ergab
    sich dabei die Möglichkeit, jedes Symptom der Hysterie
    abzuleiten und zu verstehen, den ganzen Aufbau des Cha-
    rakters des Kranken zu durchschauen und vor allem die
    Tatsache von Seelischem, das nicht bewußt ist, sondern erst
    durch Aufhebung der Verdrängung in der Analyse bewußt
    wird. Während die Philosophen, bloß auf Selbstbeobachtung
    angewiesen, alle psychischen Vorgänge für bewußt halten,
    ergab so die Krankenbeobachtung ein Unbewußtes von
    überwiegendem Umfang. Verstand man unter Verdrängung
    die Abweisung von Verbotenem, Peinlichem und Trieb-

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    haftem durch das verdrängende Ich, so ergab sich weiters
    auch die Erkenntnis für die Entstehung dieser moralisch
    und ästhetisch wertenden Instanz, nämlich des höheren
    Wesens im Menschen, die Entstehung von Moral und Ge-
    wissen. Die Analyse, die bis in die Kindheit vordrang,
    zeigte nämlich, daß das Kind eines Tages den bewunderten
    und gefürchteten Vater durch Identifizierung in sich auf-
    nimmt, richtiger die Eltern und später folgenden Autori-
    täten. Wir nehmen so diese Persönlichkeiten in uns auf,
    ihre Warnungen und Gebote hören wir wir dann als innere
    Stimme, sie werden ein Teil von uns. Aus dem ursprüng-
    lichen Gehorsam und Gefallenwollen den Eltern gegen-
    über, folgt der Gehorsam gegen die innere Stimme des Ge-
    wissens. Wir empfinden Schuldgefühle, sobald wir uns von
    diesem für uns aufgerichteten Ideal entfernen.

          Das Unbewußte enthält aber nicht nur Verdräng-
    tes oder das verdrängende Ichideal, sondern wir sind in
    allem und jedem von unbewußten und unbeherrschten
    Mächten abhängig, wir werden sozusagen gelebt, wir
    denken, fühlen und handeln nicht selbst, sondern es denkt,
    es fühlt in uns, es handelt aus uns. Vom unbewußt Seelischen
    haben schon früher Hartmann, Schopenhauer, Nietzsche
    u. a. gesprochen, den Beweis dafür, seine volle Inthronisa-
    tion hat erst die Psychoanalyse gebracht. Sie tat sozusagen
    einen Blick hinter die Kulissen der seelischen Vorgänge
    und ermöglicht eine glänzende Vorstellbarkeit derselben.

          Als unzweifelhaft erkannte Freud durch seine weiteren
    Erfahrungen, daß die Ursachen der Neurosen regelmäßig
    im Liebesleben der Patienten zu finden sind. Ohne es
    erwartet zu haben, fand Freud in allen Fällen die Ursachen
    der Hysterie, Angst und Zwangsneurose in der Sexualität,
    sei es in aktuellen Konflikten, sei es in Nachwirkungen
    aus der Kindheit. Allerdings ist der Begriff sexuell hier
    weiter genommen, und umfaßt nicht nur den Drang nach
    Lust und Vereinigung, sondern alle Zärtlichkeit, etwa im
    Sinne von Platons Eros. Freud ging auch den Veranlassun-
    gen der Neurasthenie nach, hatte den Mut, die Kranken,
    die ihn befragten, auch in sexueller Richtung auszuholen,
    und nahm keine Rücksicht darauf, daß hier jeder — „ein
    Lohengrin“ sein wollte. Die Untersuchung des Liebeslebens
    des Menschen gelangte bis in die frühe Kindheit, und es
    ergab sich erst rückblickend in der Analyse, später durch
    tausendfache direkte Beobachtung am Kinde die Tatsache des
    infantilen Sexuallebens. Auch den Begriff der kindlichen
    Sexualität nimmt die Psychoanalyse weiter als gewöhnlich
    angenommen wird. Das Kind gewinnt nicht nur Lust am
    Geschlechtsorgane, sondern auch sonst am eigenen Körper.
    Aber auch alle Regungen der Zärtlichkeit, Eifersucht, Grau-

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    samkeit, Schaulust und so weiter beziehen wir mit ein. All
    dieses wird verdrängt, daher das Nichtwissen der Erwach-
    senen davon. Das kindliche Geschlechtsleben gipfelt im so-
    genannten Ödipuskomplex, beim Knaben bestehend aus
    einer zärtlichen, manchmal ungehemmten Fixierung an die
    Mutter und einer Rivalitätseinstellung gegen den Vater.
    Diese Einstellungen sind beim kleinen Mädchen die um-
    gekehrten. Der Ödipuskomplex, der Kernkomplex der
    Neurose, hat seinen Namen nach der alten Ödipussage, wo
    das kindliche Begehren in eine Schicksalsmacht umgewan-
    delt ist, die den Sohn zwingt, den Vater zu töten und die
    Mutter zu ehelichen. Wer zuerst von diesen Dingen hört,
    empfindet Abneigung und Zweifel. Wir wissen ja, daß
    diese Dinge aus dem Gedächtnis schwinden, zum Teil unter
    dem Einfluß der Erziehung, welche die Schranken der
    Scham, des Ekels und der Moral aufrichtet. Auf die Welt
    kommt jedes Kind sozusagen als ein kleiner „Wilder“ und
    muß die gleiche Entwicklung zur Kultur mitmachen,
    welche die ganze Menschheit mitgemacht hat. Das ur-
    sprünglich Kindliche und Triebhafte bildet, verdrängt, die
    Grundlage des Unbewußten, ist aber stets bereit, auf Um-
    wegen wieder zur Befriedigung zu gelangen. Der stolze
    psychische Oberbau des Erwachsenen erweist sich labil,
    und die Neigung, an Neurosen und Psychosen zu erkran-
    ken, tritt in Erscheinung, sobald sich das Kräfteverhältnis
    zwischen Ich und dem Verdrängten zuungunsten des Ichs
    verschiebt. Freud war ausgezogen, um eine neue wirksame
    Behandlung der Neurosen zu suchen, aber er fand außer
    dieser eine Seelenkunde auf ganz neuer Basis,
    die für alle Wissensgebiete wichtig wurde, die auf Psycho-
    logie gegründet sind.

          Eines Tages entdeckte Freud zu seiner großen
    Überraschung, daß die Träume deutbar sind, einen
    Sinn ergeben und sich dem Seelenleben des Träumers auf-
    klärend einordnen lassen, wenn er seine Methode des
    freien Einfalls beim Träumer in Anwendung brachte. Läßt
    man einen Träumer, der man auch selbst sein kann, zu dem
    Traum seine Einfälle aufrichtig und kritiklos bringen, so
    kann der hinter dem Traum steckende verborgene Gedan-
    keninhalt — regelmäßig eine unbewußte triebhafte Regung
    als Auslöser enthaltend — aufgezeigt werden. Freud hatte
    hiemit ein Problem des normalen Seelenlebens gelöst, das
    die Menschheit jahrtausendelang vergeblich zu lösen gesucht
    hat. Freud veröffentlichte im Jahre 1900 seine wissenschaft-
    liche Traumdeutung, die seither in unzähligen Auflagen
    und Übersetzungen erschienen ist, immer wieder sich als
    richtig erweist — ein vollendetes Ganzes, vielfach als seine
    bewundernswerteste Leistung anerkannt! Die tägliche Er-

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    fahrung des Analytikers bestätigt immer wieder die Rich-
    tigkeit von Freuds Angaben. Der Traum zeigt denselben
    Aufbau wie das neurotische Symptom. Er ist eine voll-
    wertige seelische Leistung und stellt jedesmal „die
    verkappte Erfüllung eines verdrängten Wunsches“ dar.
    Wer die Wahrheit und die Schönheit der Psychoana-
    lyse erkennen will, beschäftige sich mit der Traum-
    deutung! Der deutbare Traum erwies sich als der beste
    Weg ins Unbewußte und damit als ein wertvolles Hilfs-
    mittel der Analyse. Wo eine Erkenntnis richtig ist, passen
    ja die einzelnen Stücke zu einander wie die Teile der vom
    Zimmermann vorgerichteten Hölzer. In einer gewissen Art
    von Ausdrucksmittel verrät sich im Traume auch ein Erbe
    der primitiven Menschheitszeiten, nämlich in den Symbolen.
    Auf Vorarbeiter gestützt, hat Freud die Bildersprache des
    Traumes ausgearbeitet, der wir auch in Mythen, Märchen
    usw. begegnen. Die unbewußten Vorstellungsinhalte,
    welche symbolisch ausgedrückt werden, sind solche von
    typischer Bedeutung: die Eltern und nächsten Verwandten,
    der Vorgang von Zeugung, Geburt und Tod, der mensch-
    liche Körper und seine Teile.

          Ein leichter verständliches Buch als die Traumdeutung,
    geeignet zur ersten Annäherung an die Probleme der
    Psychoanalyse, nennt sich „Zur Psychopathologie
    des Alltagslebens“, und zeigt, daß auch unsere All-
    tagsmalheurs, unsere scheinbaren Nachlässigkeiten, wie das
    Vergessen von Namen und Vorsätzen, das Verlieren von
    Gegenständen, das Sichversprechen u. a., daß auch diese
    Fehlhandlungen oft deutbar sind und auf zurückgehaltene
    und verdrängte Regungen schließen lassen. Wenn z. B. eine
    Dame eine zweite trifft und über deren auffallenden Hut
    die Bemerkung macht: „Den haben Sie gewiß selbst — auf-
    gepatzt“, so ist es klar, daß sie ihn aus Höflichkeit loben
    wollte, aber sich hinter dem heuchlerischen Lob ihre Kritik
    vorgedrängt hat. Schon solche Beispiele erregen Lachen
    und auch der Traum ist manchmal witzig. Freud schrieb
    in dieser Konsequenz ein Buch: „Über den Witz
    und seine Beziehungen zum Unbewußten“,
    welches sich mit der traumähnlichen Technik des Witzes
    und den Wurzeln unseres Vergnügens an ihm beschäftigt.
    Der Witz taucht gewöhnlich blitzartig aus dem Unbe-
    wußten auf, sein Inhalt wirkt erleichternd und befreiend,
    insofern er der Äußerung einer verbotenen Regung gegen
    Autorität oder seriöse Institutionen für einen Moment
    Freiheit gibt. Man erspart dabei Verdrängungsaufwand, ist
    sozusagen einen Augenblick kindlich oder lasziv oder revo-
    lutionär — und das tut so wohl! Voraus geht eine Ver-

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    lockung mit Spielen mit Worten, Darstellen durch ein
    Gegenteil, durch Verschiebung oder Verdichtung.

          War die Psychoanalyse zur besten Kennerin der kind-
    lichen Seele geworden, so mußte sie auch ein wertvolles
    Hilfsmittel in der Erziehung sein. Machen Anlage und
    frühes Erleben den Charakter des Menschen aus, so gehört
    die Erziehung als ein wichtiger Teil diesem frühen Erlebnis
    an. Die Erfahrung der Psychoanalyse rät dringend ab von
    Gewalt und Bedrohung. Trotz ist ein Echo! Sie empfiehlt
    nur Liebe und geduldige Energie sowie rechtzeitiges Selb-
    ständigmachen durch Loslösung aus den Bindungen der
    Familie. Auch Seelsorger und Heilpädagogen bedienen sich
    der psychoanalytischen Kenntnisse, um ihren Schützlingen
    besser zu helfen. Selbst triebhaften Halbverlorenen in
    Korrektionsanstalten hat psychoanalytisch geschärftes Ver-
    ständnis Hilfe gebracht: Geduldige Aussprache, zum Ge-
    ständnis bringen ist die Methode der Wahl. In diesem
    Sinne geht von der Psychoanalyse ein neues Evangelium
    der Liebe aus. Die Kinder scheinen mir der Analyse zu
    besonderem Dank verpflichtet zu sein, dafür, daß sie die
    rührenden seelischen Konflikte der Kinder aufgedeckt
    hat und sie zu erleichtern versteht, daß sie die Kinder voll
    nimmt und feststellt, daß der Charakter des Einzelnen schon
    mit dem achten bis zehnten Lebensjahr ziemlich fertig ist.
    Bedrohung, Einschüchterung und Unaufrichtigkeit, ebenso
    wie Überzärtlichkeit sollen in der Erziehung vermieden
    werden, die der sexuellen Aufklärung nicht entraten kann,
    aber die früher so überschätzten Kinderfehler und Unarten
    zu entwerten gelernt hat. Freud hat die Verantwortung des
    Arztes sowie des Erziehers damit am deutlichsten gewür-
    digt, daß er für ihre Ausbildung fordert, daß sie selbst einer
    gründlichen Analyse unterzogen werden. Denn die alte
    sittliche Forderung: „Erkenne dich selbst!“ wird erst durch
    die Einbeziehung des Unbewußten eine vollendete. Als
    Charakteranalyse macht Freuds Methode Menschen lebens-
    tüchtig und harmonisch, „sittlich“, die es vorher nicht
    waren.

          Sobald Freud den Ansatz zu seiner neuen Seelenkunde
    in der Hand hatte, lag es für ihn als universell Gebildeten
    und innerlich Reichen nahe, ihre Untersuchungsmethode
    auch auf die großen Menschheitsprobleme und verschiedene
    Wissensgebiete, so auch Künstlerpsychologie, Literatur und
    Dichtung anzuwenden. Auch der Künstler, zeigte er,
    hat sich wie der Neurotiker aus der unbefriedigenden
    Wirklichkeit in seine Tagträume und Phantasien zurück-
    gezogen, seine Schöpfungen sind Phantasiebefriedigungen
    unbewußter Wünsche, ganz wie die Träume. Die Psycho-
    analyse konnte bei der Untersuchung berühmter Persön-

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    lichkeiten ihre Konstitution und ihre wirksamen Trieb-
    regungen, also das allgemein Menschliche in ihnen ab-
    leiten, indem sie die Werke des Künstlers, seine Schicksale
    und Lebensäußerungen in Betracht zog. Es ergaben sich
    gesetzmäßige Erfahrungen für die unbewußte Entstehung
    der Charaktere. Eine psychoanalytische Charakterlehre,
    die bis auf die angeborenen Triebe zurückgeht, ist im
    Werden. Diese Menschenkenntnis kam der Biographik
    sehr zunutze. Freud hat sich mit der Persönlichkeit Leo-
    nardo da Vincis und anderer beschäftigt, das Hamlet-
    Problem gedeutet, über den „Moses“ von Michelangelo ge-
    arbeitet, zahlreiche mythologische Arbeiten fertiggestellt,
    ferner eine eingehende Untersuchung der Psychologie der
    Massen angestellt, Ansätze zu einer Trieblehre gegeben
    usw. In elf umfangreichen Bänden ist seine bisherige Arbeit
    niedergelegt. „Sind Sie denn ein Dutzend statt einer“ —
    möchte man ihn fragen (wie Goethe gefragt wurde) —
    „daß Sie so unglaublich Vieles machen konnten?!“

          Ein grundlegendes Werk Freuds behandelt Überein-
    stimmungen des Seelenlebens der Wilden und der Neuro-
    tiker und ist unter dem Namen „Totem und Tabu“
    weitverbreitet. Es brachte den Grundlehren der Analyse
    wieder aus einer ganz neuen Richtung Beweise. Pro-
    bleme der Völkerpsychologie und der Urgeschichte der
    Religionen werden dort auf geistreiche Art mittels Psycho-
    analyse zu lösen versucht. Die ersten Gesetze primitiver
    Völker erwiesen sich aufgestellt gegen Inzest und Vater-
    mord. Wie Freud dazukam, aus dem Totemismus, aus die-
    sem ersten Organisationssystem primitiver Stämme, deren
    rudimentäre Religion noch vor jedem Gott, ein Tier, das
    Totemtier, verehrt, die spätere Religionsbildung der Men-
    schen zu erklären, stützt sich auf eine geniale Vision; den
    Wert dieser Hypothese könnte ich in kurzer Darstellung
    nicht erweisen und begnüge mich daher, sie auf dieses,
    jedem Gebildeten spannende Buch aufmerksam zu machen.
    Freud hat noch auf vielen anderen Gebieten der Geistes-
    wissenschaften erste Anregungen gegeben, in der Prä-
    historie, Mythologie, Volkskunde und in juristischen Pro-
    blemen — wie auch zahlreiche Schülerarbeiten erweisen.
    Nicht nur Ärzte, auch Fachmänner sind Freuds Spuren ge-
    folgt; keine Geisteswissenschaft wird die Ergebnisse der
    Psychoanalyse entbehren können.

          Wer in gedrängter Kürze und Unvollständigkeit die
    Lebensarbeit Freuds darstellen soll, wie ich, gibt sich
    keineswegs der Illusion hin, Überzeugungen zu wecken
    oder gar unter jenen, die zum erstenmal davon hören, viel
    Glauben zu finden. Haben sie doch das Recht, darauf hin-
    zuweisen, daß die Aufstellungen Freuds lange Zeit abge-

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    lehnt wurden, manche geradezu, wie die Ansichten über
    die Sexualität, einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen
    haben. Damit ist es glücklich besser geworden und die
    Psychoanalyse kann nicht mehr untergehen. Freud hat in
    seiner vornehmen Überlegenheit die Zeit wirken lassen,
    nicht geantwortet, sondern die anfängliche Ablehnung
    psychologisch zu verstehen versucht. Unbequemes Neues
    wird ja immer abgelehnt; auch das Judentum des Ent-
    deckers hat den neuen Wahrheiten, die er gebracht hat,
    zunächst nicht genützt. Die wichtigsten Widerstände aber
    lagen in der Sache selbst. Das wissenschaftliche Zeitalter,
    in das die psychologische Erklärung der Neurosen fiel,
    hatte den Ärzten psychologische Vorbildung nicht
    gegeben, und lange Jahre wurde, so unglaublich es
    klingt, die Nachprüfung der psychoanalytischen Befunde
    verweigert. Als ob man die Richtigkeit von Befunden, die
    jemand am Mikroskop feststellt, ohne Benützung des
    Mikroskops leugnen könnte! Vor allem war es auch die
    Bedeutung, die erfahrungsgemäß in der Entwicklung von
    Charakter und Neurose der Sexualität zugeteilt wurde,
    welche lebhaften Widerstand hervorrief. Alle Kultur ist
    auf der Beschränkung der Triebe aufgebaut. Die prüde
    menschliche Gesellschaft hatte Angst vor der Befreiung
    der bedrückten Sexualität. Man übersah, daß Freud den
    Begriff viel weiter genommen hatte, leugnete einfach,
    was man nicht wahr wissen wollte, und geriet in Entsetzen
    darüber, daß das als rein geltende Kind schon Sexuelles er-
    leben sollte. Auch die Betonung des Unbewußten, das den
    Menschen lenke, die Tatsache, daß er nicht Herr im eigenen
    Hause sei, sondern auf spärliche Nachrichten angewiesen,
    über das, was in seinem Innern vorgeht, empfand man als
    Enttäuschung. Glücklicherweise sind diese Widerstände
    zum großen Teil gebrochen! Eine Reihe führender, ange-
    sehener Männer hat die allgemeine Bedeutung der Psycho-
    analyse anerkannt.

          Ich bin Ihnen aber noch die Entwicklung
    der psychoanalytischen Bewegung zu schil-
    dern schuldig, die immer erfolgreicher fortschreitet.
    An Freud hatte sich zunächst ein kleiner Kreis von
    Schülern angeschlossen, sagen wir von Nachprüfern,
    die zu den gleichen Resultaten gelangten. Heute sind sie
    eine zahlreiche Schar, über die ganze Welt zerstreut. Auch
    die seinerzeit spröden psychiatrischen Kliniken werden
    mürbe. Ein erster internationaler Kongreß der Psychoana-
    lytiker im Jahre 1908 wurde auch von Züricher Klinikern
    besucht; imposante ähnliche Kongresse haben wiederholt
    seither die inländischen und ausländischen Schüler zu-
    sammengeführt. In den großen Städten des Kontinents und

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    in Amerika bestehen Vereinigungen für Psychoanalyse.
    1909 wurde Freud zur Stiftungsfeier einer Universität nach
    Amerika gerufen, 1919 erhielt er den Titel eines ordent-
    lichen Professors, nachdem er 1902 außerordentlicher Pro-
    fessor geworden war. Freud, der auch ein unübertrefflicher
    Organisator ist, gründete für die rasch zunehmende Lite-
    ratur im Jahre 1919 einen eigenen Verlag. Auf seine seinen
    sozialen Sinn am besten bestätigende Anregung wurde im
    Jahre 1920 in Berlin ein Ambulatorium errichtet und im
    Jahre 1922 setzte ich nach langen Irrwegen bei den Behör-
    den und Bekämpfung von Mißverständnissen bei verschie-
    denen Körperschaften ein Ambulatorium in Wien durch,
    das aber dem starken Ansturm unbemittelter Patienten nicht
    Genüge leisten kann. Das Ambulatorium wird von der
    „Wiener psychoanalytischen Vereinigung“ erhalten; aber
    obwohl unser Obmann Prof. Freud mit generösem Beispiel
    vorangeht, sind die Mittel zur Anstellung von Ärzten in
    größerer Anzahl sowie für die Mietung ausreichender Räume
    nicht vorhanden. Weder Bund noch Stadt empfinden die
    Pflicht, uns zu fördern. „Man übersieht,“ sagte Freud 1918,
    „daß die Neurosen die Volksgesundheit nicht minder be-
    drohen als die Tuberkulose, und ebensowenig wie diese
    der ohnmächtigen Fürsorge des Einzelnen aus dem Volke
    überlassen werden könne. Hier müßten die Männer, die
    sich dem Trunk ergeben würden, die Frauen, die unter der
    Last der Entsagungen zusammenzubrechen drohen, die
    Kinder, denen nur die Wahl zwischen Verwilderung und
    Neurose bevorsteht, durch Analyse widerstands- und
    leistungsfähig erhalten werden.“

          In die chinesische Mauer der Bewußtseinspsychologie
    an den Unversitäten sowie der verstockten, rein beschrei-
    benden Psychiatrie an den Kliniken sind durch die Psycho-
    analyse Breschen geschlagen. Die wissenschaftliche Lite-
    ratur ist erfüllt von den Auseinandersetzungen mit der
    Psychoanalyse. Sind uns die offiziellen Wege auch noch
    verschlossen, so haben wir an unsere Ambulatorien bereits
    Lehrinstitute angegliedert, welche Ärzte und Päda-
    gogen in jahrelanger Ausbildung und praktischer Unter-
    weisung mit der Psychoanalyse gründlichst vertraut
    machen. Die Technik der Behandlungsmethode hat wesent-
    liche Fortschritte gemacht, was die Heilerfolge erleichtert;
    an diesen hat auch das Wachsen unserer Autorität seinen
    Anteil. Die psychoanalytischen Ideen durchtränken das
    Geistesleben der Jetztzeit. Kommt erst eine neue Gene-
    ration von Eltern und Erziehern, so wird eine größere
    Wahrhaftigkeit auf dem Gebiete der Sexualmoral und des
    Liebeslebens Platz greifen, die Neurosen werden seltener
    werden. Freud ist unter allen lebenden Österreichern in der

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    weiten Welt draußen der berühmteste geworden. Er wird
    am meisten genannt, wirkt am stärksten auf Wissenschaft
    und Kunst, aber auch unmittelbar aufs Leben selbst ein. Er
    taucht überall in allen Tagesgesprächen immer wieder auf,
    keine Zeitung, kein zeitgenössisches Buch, wo wir nicht ihn
    und die Psychoanalyse genannt finden. Sogar in den Exer-
    zitien der Jesuiten in Feldkirch wird er als der gerühmt —
    wie mir ein Zeuge berichtete — der die Bedeutung der
    Kindheitseindrücke für die Entwicklung des Menschen in
    das richtige Licht gerückt hat. Freud ist im ganzen Abend-
    land und auch jenseits des Ozeans nicht bloß ein Name,
    sondern ein gebräuchlicher Begriff. Vor siebzig Jahren
    hat Freud das Licht der Welt erblickt; heute blickt die
    Welt auf das Licht Freuds. Ein großer Philosoph hat gesagt,
    allzeit sei der Wahrheit — zwischen den beiden langen
    Zeiträumen, wo sie als paradox verdammt und (später) als
    trivial geringgeschätzt wird — nur ein kurzes Sieges-
    fest beschieden. Möge der Sieg der Freudschen Wahrheiten
    bald ein vollkommener sein! Möge er in Gesundheit und
    Lebensfreude noch lange unter uns weilen und wirken!

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