Trauer und Melancholie 1918-002/1918.2

Freud, Sigmund (1918-002/1918.2): Trauer und Melancholie

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    SEPARATABDRUCK

    aus der

    Internationalen Zeitschrift

    für
    ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE
    herausg. von Prof. S. FREUD, redig. von Dr. S. FERENCZI, Dr. O. RANK u. Prof. E. JONES.
    IV. Jahrgang 1916.
    Verlag von Hugo Heller & Co. in Leipzig und Wien, I, Bauernmarkt 3.
    Abonnementspreis ganzjährig M. 18.——=K 21.60.

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    II.

    Trauer und Melancholie.

    Von Sigm. Freud.

    Nachdem uns der Traum als Normalvorbild der narzißtischen Seelen-
    störungen gedient hat, wollen wir den Versuch machen, das Wesen der 
    Melancholie durch ihre Vergleichung mit dem Normalaffekt der Trauer zu 
    erhellen. Wir müssen aber diesmal ein Bekenntnis vorausschicken, welches 
    vor Überschätzung des Ergebnisses warnen soll. Die Melancholie, deren
    Begriffsbestimmung auch in der deskriptiven Psychiatrie schwankend ist,
    tritt in verschiedenartigen klinischen Formen auf, deren Zusammenfas-
    sung zur Einheit nicht gesichert scheint, von denen einige eher an so-
    matische als an psychogene Affektionen mahnen. Unser Material be-
    schränkt sich, abgesehen von den Eindrücken, die jedem Beobachter zu 
    Gebote stehen, auf eine kleine Anzahl von Fällen, deren psychogene
    Natur keinem Zweifel unterlag. So werden wir den Anspruch auf allge-
    meine Gültigkeit unserer Ergebnisse von vornherein fallen lassen und
    uns mit der Erwägung trösten, daß wir mit unseren gegenwärtigen For-
    schungsmitteln kaum etwas finden können, was nicht typisch wäre, 
    wenn nicht für eine ganze Klasse von Affektionen, so doch für eine 
    kleinere Gruppe.

    Die Zusammenstellung von Melancholie und Trauer erscheint durch
    das Gesamtbild der beiden Zustände gerechtfertigt.1) Auch die Anlässe
    zu beiden aus den Lebenseinwirkungen fallen dort, wo sie überhaupt
    durchsichtig sind, zusammen. Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf
    den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten
    Abstraktion, wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw. Unter den näm-
    lichen Einwirkungen zeigt sich bei manchen Personen, die wir darum
    unter den Verdacht einer krankhaften Disposition setzen, an Stelle der
    Trauer eine Melancholie. Es ist auch sehr bemerkenswert, daß es uns
    niemals einfällt, die Trauer als einen krankhaften Zustand zu betrachten
    und dem Arzt zur Behandlung zu übergeben, obwohl sie schwere Ab-
    weichungen vom normalen Lebensverhalten mit sich bringt. Wir vertrauen

    1) Auch Abraham, dem wir die bedeutsamste unter den wenigen analytischen
    Studien über den Gegenstand verdanken, ist von dieser Vergleichung ausgegangen
    (Zentralbl. f. Ps. A., II, 6, 1912).

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    darauf, daß sie nach einem gewissen Zeitraum überwunden sein
    wird, und halten eine Störung derselben für unzweckmäßig, selbst für
    schädlich.

    Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerz-
    liche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, 
    durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Lei-
    stung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvor-
    würfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zurwahnhaften Er-
    wartung von Strafe steigert. Dies Bild wird unserem Verständnis näher
    gerückt, wenn wir erwägen, daß die Trauer dieselben Züge aufweist 
    bis auf einen einzigen; die Störung des Selbstgefühls fällt bei ihr weg.
    Sonst aber ist es dasselbe. Die schwere Trauer, die Reaktion auf den 
    Verlust einer geliebten Person, enthält die nämliche schmerzliche Stim-
    mung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt – soweit sie nicht 
    an den Verstorbenen mahnt –, den Verlust der Fähigkeit, irgend ein 
    neues Liebesobjekt zu wählen – was den Betrauerten ersetzen hieße –, 
    die Abwendung von jeder Leistung, die nicht mit dem Andenken des
    Verlorenen in Beziehung steht. Wir fassen es leicht, daß diese Hemmung 
    und Einschränkung des Ichs der Ausdruck der ausschließlichen Hingabe
    an die Trauer ist, wobei für andere Absichten und Interessen nichts
    übrig bleibt. Eigentlich erscheint uns dieses Verhalten nur darum nicht
    pathologisch, weil wir es so gut zu erklären wissen.

    Wir werden auch den Vergleich gutheißen, der die Stimmung der 
    Trauer eine „schmerzliche“ nennt. Seine Berechtigung wird uns wahr-
    scheinlich einleuchten, wenn wir im stande sind, den Schmerz ökonomisch 
    zu charakterisieren.

    Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet? Ich glaube, 
    daß es nichts Gezwungenes enthalten wird, sie in folgender Art darzu-
    stellen: Die Realitätsprüfung hat gezeigt, daß das geliebte Objekt nicht 
    mehr besteht, und erläßt nun die Aufforderung, alle Libido aus ihren 
    Verknüpfungen mit diesem Objekt abzuziehen. Dagegen erhebt sich ein
    begreifliches Sträuben, – es ist allgemein zu beobachten, daß der Mensch
    eine Libidoposition nicht gerne verläßt, selbst dann nicht, wenn ihm
    Ersatz bereits winkt. Dies Sträuben kann so intensiv sein, daß eine Ab-
    wendung von der Realität und ein Festhalten des Objekts durch eine 
    halluzinatorische Wunschpsychose (s. die vorige Abhandlung) zu stande
    kommt. Das Normale ist, daß der Respekt vor der Realität den Sieg
    behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort erfüllt werden. Er wird nun
    im einzelnen unter großem Aufwand von Zeit und Besetzungsenergie
    durchgeführt und unterdes die Existenz des verlorenen Objekts psy-
    chisch fortgesetzt. Jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungen, in 
    denen die Libido an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt, über-
    besetzt und an ihr die Lösung der Libido vollzogen. Warum diese Kompromißleistung

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    der Einzeldurchführung des Realitätsgebotes so außer-
    ordentlich schmerzhaft ist, läßt sich in ökonomischer Begründung gar 
    nicht leicht angeben. Es ist merkwürdig, daß uns diese Schmerzunlust 
    selbstverständlich erscheint. Tatsächlich wird aber das Ich nach der
    Vollendung der Trauerarbeit wieder frei und ungehemmt.

    Wenden wir nun auf die Melancholie an, was wir von der Trauer 
    erfahren haben. In einer Reihe von Fällen ist es offenbar, daß auch 
    sie Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objekts sein kann; bei
    anderen Veranlassungen kann man erkennen, daß der Verlust von mehr 
    ideeller Natur ist. Das Objekt ist nicht etwa real gestorben, aber es ist
    als Liebesobjekt verloren gegangen (z. B. der Fall einer verlassenen Braut). 
    In noch anderen Fällen glaubt man an der Annahme eines solchen Ver-
    lustes festhalten zu sollen, aber man kann nicht deutlich erkennen, 
    was verloren wurde, und darf um so eher annehmen, daß auch der
    Kranke nicht bewußt erfassen kann, was er verloren hat. Ja, dieser 
    Fall könnte auch dann noch vorliegen, wenn der die Melancholie ver-
    anlassende Verlust dem Kranken bekannt ist, indem er zwar weiß wen,
    aber nicht was er an ihm verloren hat. So würde uns nahe gelegt, 
    die Melancholie irgendwie auf einen dem Bewußtsein entzogenen Objekt-
    verlust zu beziehen zum Unterschied von der Trauer, bei welcher nichts 
    an dem Verluste unbewußt ist.

    Bei der Trauer fanden wir Hemmung und Interesselosigkeit durch
    die das Ich absorbierende Trauerarbeit restlos aufgeklärt. Eine ähnliche 
    innere Arbeit wird auch der unbekannte Verlust bei der Melancholie 
    zur Folge haben und darum für die Hemmung der Melancholie verant-
    wortlich werden. Nur daß uns die melancholische Hemmung einen 
    rätselhaften Eindruck macht, weil wir nicht sehen können, was die
    Kranken so vollständig absorbiert. Der Melancholiker zeigt uns nun noch 
    eines, was bei der Trauer entfällt, eine außerordentliche Herabsetzung
    seines Ichgefühls, eine großartige Ichverarmung. Bei der Trauer ist die 
    Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst. 
    Der Kranke schildert uns sein Ich als nichtswürdig, leistungsunfähig
    und moralisch verwerflich, er macht sich Vorwürfe, beschimpft sich und
    erwartet Ausstoßung und Strafe. Er erniedrigt sich vor jedem anderen, 
    bedauert jeden der Seinigen, daß er an eine so unwürdige Person ge-
    bunden sei. Er hat nicht das Urteil einer Veränderung, die an ihm vor-
    gefallen ist, sondern streckt seine Selbstkritik über die Vergangenheit
    aus; er behauptet, niemals besser gewesen zu sein. Das Bild dieses – 
    vorwiegend moralischen – Kleinheitswahnes vervollständigt sich durch
    Schlaflosigkeit, Ablehnung der Nahrung und eine psychologisch höchst
    merkwürdige Überwindung des Triebes, der alles Lebende am Leben fest-
    ​​​​​​​zuhalten zwingt.

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    Es wäre wissenschaftlich wie therapeutisch gleich unfruchtbar, dem
    Kranken zu widersprechen, der solche Anklagen gegen sein Ich vorbringt.
    Er muß wohl irgendwie recht haben und etwas schildern, was sich so
    verhält, wie es ihm erscheint. Einige seiner Angaben müssen wir ja
    ohne Einschränkung sofort bestätigen. Er ist wirklich so interesselos,
    so unfähig zur Liebe und zur Leistung, wie er sagt. Aber das ist, wie
    wir wissen, sekundär, ist die Folge der inneren, uns unbekannten, der
    Trauer vergleichbaren Arbeit, welche sein Ich aufzehrt. In einigen anderen
    Selbstanklagen scheint er uns gleichfalls recht zu haben und die Wahr-
    heit nur schärfer zu erfassen als andere, die nicht melancholisch sind. 
    Wenn er sich in gesteigerter Selbstkritik als kleinlichen, egoistischen,
    unaufrichtigen, unselbständigen Menschen schildert, der nur immer be-
    strebt war, die Schwächen seines Wesens zu verbergen, so mag er sich
    unseres Wissens der Selbsterkenntnis ziemlich angenähert haben, und 
    wir fragen uns nur, warum man erst krank werden muß, um solcher 
    Wahrheit zugänglich zu sein. Denn es leidet keinen Zweifel, wer eine 
    solche Selbsteinschätzung gefunden hat und sie vor anderen äußert – 
    eine Schätzung, wie sie Prinz Hamlet für sich und alle anderen bereit
    hat  –1) der ist krank, ob er nun die Wahrheit sagt oder sich mehr
    oder weniger Unrecht tut. Es ist auch nicht schwer zu bemerken, daß
    zwischen dem Ausmaß der Selbsterniedrigung und ihrer realen Berech-
    tigung nach unserem Urteil keine Entsprechung besteht. Die früher
    brave, tüchtige und pflichttreue Frau wird in der Melancholie nicht
    besser von sich sprechen als die in Wahrheit nichtsnutzige, ja vielleicht
    hat die erstere mehr Aussicht, an Melancholie zu erkranken, als die andere,
    von der auch wir nichts Gutes zu sagen wüßten. Endlich muß uns
    auffallen, daß der Melancholiker sich doch nicht ganz so benimmt wie
    ein normalerweise von Reue und Selbstvorwurf Zerknirschter. Es fehlt
    das Schämen vor anderen, welches diesen letzteren Zustand vor allem
    charakterisieren würde, oder es tritt wenigstens nicht auffällig hervor.
    Man könnte am Melancholiker beinahe den gegenteiligen Zug einer auf-
    dringlichen Mitteilsamkeit hervorheben, die an der eigenen Bloßstellung
    eine Befriedigung findet.

    Es ist also nicht wesentlich, ob der Melancholiker mit seiner pein-
    lichen Selbstherabsetzung insoferne recht hat, als diese Kritik mit dem 
    Urteil der anderen zusammentrifft. Es muß sich vielmehr darum han-
    deln, daß er seine psychologische Situation richtig beschreibt. Er hat
    seine Selbstachtung verloren und muß guten Grund dazu haben. Wir
    stehen dann allerdings vor einem Widerspruch, der uns ein schwer lös-
    bares Rätsel aufgibt. Nach der Analogie mit der Trauer mußten wir

    1)„Use every men after his desert, and who should scape whipping?“ Hamlet, II, 2.

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    schließen, daß er einen Verlust am Objekt erlitten hat; aus seinen Aus-
    sagen geht ein Verlust an seinem Ich hervor.

    Ehe wir uns mit diesem Widerspruch beschäftigen, verweilen wir 
    einen Moment lang bei dem Einblick, den uns die Affektion des Me-
    lancholikers in die Konstitution des menschlichen Ichs gewährt. Wir
    sehen bei ihm, wie sich ein Teil des Ichs dem anderen gegenüberstellt,
    es kritisch wertet, es gleichsam zum Objekt nimmt. Unser Verdacht,
    daß die hier vom Ich abgespaltene kritische Instanz auch unter anderen
    Verhältnissen ihre Selbständigkeit erweisen könne, wird durch alle wei-
    teren Beobachtungen bestätigt werden. Wir werden wirklich Grund finden, 
    diese Instanz vom übrigen Ich zu sondern. Was wir hier kennen lernen, 
    ist die gewöhnlich Gewissen genannte Instanz; wir werden sie mit der 
    Bewußtseinszensur und der Realitätsprüfung zu den großen Ichinstitutionen 
    rechnen und irgendwo auch die Beweise dafür finden, daß sie für sich allein 
    erkranken kann. Das Krankheitsbild der Melancholie läßt das moralische 
    Mißfallen am eigenen Ich vor anderen Ausstellungen hervortreten: körper-
    liche Gebrechen, Häßlichkeit, Schwäche, soziale Minderwertigkeit sind 
    weit seltener Gegenstand der Selbsteinschätzung; nur die Verarmung
    nimmt unter den Befürchtungen oder Behauptungen des Kranken eine 
    bevorzugte Stelle ein.

    Zur Aufklärung des vorhin aufgestellten Widerspruches führt dann 
    eine Beobachtung, die nicht einmal schwer anzustellen ist. Hört man 
    die mannigfachen Selbstanklagen des Melancholikers geduldig an, so
    kann man sich endlich des Eindrucks nicht erwehren, daß die stärk-
    sten unter ihnen zur eigenen Person oft sehr wenig passen, aber mit
    geringfügigen Modifikationen einer anderen Person anzupassen sind, die
    der Kranke liebt, geliebt hat oder lieben sollte. So oft man den Sach-
    verhalt untersucht, bestätigt er diese Vermutung. So hat man denn den 
    Schlüssel des Krankheitsbildes in der Hand, indem man die Selbstvor-
    würfe als Vorwürfe gegen ein Liebesobjekt erkennt, die von diesem weg 
    auf das eigene Ich gewälzt sind.

    Die Frau, die laut ihren Mann bedauert, daß er an eine so un-
    tüchtige Frau gebunden ist, will eigentlich die Untüchtigkeit des Man-
    nes anklagen, in welchem Sinne diese auch gemeint sein mag. Man 
    braucht sich nicht zu sehr zu verwundern, daß einige echte Selbstvor-
    würfe unter die rückgewendeten eingestreut sind; sie dürfen sich vor-
    drängen, weil sie dazu verhelfen, die anderen zu verdecken und die Er-
    kenntnis des Sachverhalts unmöglich zu machen, sie stammen ja auch 
    aus dem Für und Wider des Liebesstreits, der zum Liebesverlust geführt 
    hat. Auch das Benehmen der Kranken wird jetzt um vieles verständ-
    licher. Ihre Klagen sind Anklagen, gemäß dem alten Sinne des
    Wortes; sie schämen und verbergen sich nicht, weil alles Herabsetzende,
    was sie von sich aussagen, im Grunde von einem anderen gesagt wird;

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    und sie sind weit davon entfernt, gegen ihre Umgebung die Demut und
    Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein so unwürdigen Personen gezie-
    men würde, sie sind vielmehr im höchsten Grade quälerisch, immer wie
    gekränkt und als ob ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre. Dies
    ist alles nur möglich, weil die Reaktionen ihres Benehmens noch von 
    der seelischen Konstellation der Auflehnung ausgehen, welche dann 
    durch einen gewissen Vorgang in die melancholische Zerknirschung über-
    geführt worden ist.

    Es hat dann keine Schwierigkeit, diesen Vorgang zu rekonstruieren.
    Es hatte eine Objektwahl, eine Bindung der Libido an eine bestimmte 
    Person bestanden; durch den Einfluß einer realen Kränkung oder 
    Enttäuschung von seiten der geliebten Person trat eine Erschüt-
    terung dieser Objektbeziehung ein. Der Erfolg war nicht der normale 
    einer Abziehung der Libido von diesem Objekt und Verschiebung der-
    selben auf ein neues, sondern ein anderer, der mehrere Bedingungen für
    sein Zustandekommen zu erfordern scheint. Die Objektbesetzung erwies sich 
    als wenig resistent, sie wurde aufgehoben, aber die freie Libido nicht 
    auf ein anderes Objekt verschoben, sondern ins Ich zurückgezogen. 
    Dort fand sie aber nicht eine beliebige Verwendung, sondern diente dazu, 
    eine Identifizierung des Ichs mit dem aufgegebenen Objekt herzu-
    stellen. Der Schatten des Objekts fiel so auf das Ich, welches nun von
    einer Instanz wie ein Objekt, wie das verlassene Objekt, beurteilt werden 
    konnte. Auf diese Weise hatte sich der Objektverlust in einen Ichverlust
    verwandelt, der Konflikt zwischen dem Ich und der geliebten Person in
    einen Zwiespalt zwischen der Ichkritik und dem durch Identifizierung 
    veränderten Ich.

    Von den Voraussetzungen und Ergebnissen eines solchen Vorganges
    läßt sich einiges unmittelbar erraten. Es muß einerseits eine starke
    Fixierung an das Liebesobjekt vorhanden sein, anderseits aber im
    Widerspruch dazu eine geringe Resistenz der Objektbesetzung. Dieser
    Widerspruch scheint nach einer treffenden Bemerkung von O. Rank zu
    fordern, daß die Objektwahl auf narzißtischer Grundlage erfolgt sei, so
    daß die Objektbesetzung, wenn sich Schwierigkeiten gegen sie erheben,
    auf den Narzißmus regredieren kann. Die narzißtische Identifizierung mit
    dem Objekt wird dann zum Ersatz der Liebesbesetzung, was den Er-
    folg hat, daß die Liebesbeziehung trotz des Konflikts mit der geliebten
    Person nicht aufgegeben werden muß. Ein solcher Ersatz der Objekt-
    liebe durch Identifizierung ist ein für die narzißtischen Affektionen
    bedeutsamer Mechanismus; K. Landauer hat ihn kürzlich in dem
    Heilungsvorgang einer Schizophrenie aufdecken können.1) Er entspricht 
    natürlich der Regression von einem Typus der Objektwahl auf den

    1) Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, II, 1914.

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    ursprünglichen Narzißmus. Wir haben an anderer Stelle ausgeführt, daß
    die Identifizierung die Vorstufe der Objektwahl ist und die erste, in
    ihrem Ausdruck ambivalente, Art, wie das Ich ein Objekt auszeichnet.
    Es möchte sich dieses Objekt einverleiben, und zwar der oralen oder
    kannibalischen Phase der Libidoentwicklung entsprechend auf dem Wege
    des Fressens. Auf diesen Zusammenhang führt Abraham wohl mit
    Recht die Ablehnung der Nahrungsaufnahme zurück, welche sich bei
    schwerer Ausbildung des melancholischen Zustandes kundgibt.

    Der von der Theorie geforderte Schluß, welcher die Disposition 
    zur melancholischen Erkrankung oder eines Stückes von ihr in die Vor-
    herrschaft des narzißtischen Typus der Objektwahl verlegt, entbehrt 
    leider noch der Bestätigung durch die Untersuchung. Ich habe in den 
    einleitenden Sätzen dieser Abhandlung bekannt, daß das empirische Ma-
    terial, auf welches die Studie gebaut ist, für unsere Ansprüche nicht 
    zureicht. Dürften wir eine Übereinstimmung der Beobachtung mit un-
    seren Ableitungen annehmen, so würden wir nicht zögern, die Regres-
    sion von der Objektbesetzung auf die noch dem Narzißmus angehörige 
    orale Libidophase in die Charakteristik der Melancholie aufzunehmen.
    Identifizierungen mit dem Objekt sind auch bei den Übertragungs-
    neurosen keineswegs selten, vielmehr ein bekannter Mechanismus der
    Symptombildung, zumal bei der Hysterie. Wir dürfen aber den Unter-
    schied der narzißtischen Identifizierung von der hysterischen darin er-
    blicken, daß bei ersterer die Objektbesetzung aufgelassen wird, während
    sie bei letzterer bestehen bleibt und eine Wirkung äußert, die sich 
    gewöhnlich auf gewisse einzelne Aktionen und Innervationen beschränkt.
    Immerhin ist die Identifizierung auch bei den Übertragungsneurosen
    der Ausdruck einer Gemeinschaft, welche Liebe bedeuten kann. Die
    narzißtische Identifizierung ist die ursprünglichere und eröffnet uns 
    den Zugang zum Verständnis der weniger gut studierten hyste-
    rischen.

    Die Melancholie entlehnt also einen Teil ihrer Charaktere der 
    Trauer, den anderen Teil dem Vorgang der Regression von der narzißti-
    schen Objektwahl zum Narzißmus. Sie ist einerseits wie die Trauer 
    Reaktion auf den realen Verlust des Liebesobjektes, aber sie ist über-
    dies mit einer Bedingung behaftet, welche der normalen Trauer abgeht 
    oder dieselbe, wo sie hinzutritt, in eine pathologische verwandelt. Der 
    Verlust des Liebesobjekts ist ein ausgezeichneter Anlaß, um die Ambi-
    valenz der Liebesbeziehungen zur Geltung und zum Vorschein zu brin-
    gen. Wo die Disposition zur Zwangsneurose vorhanden ist, verleiht darum 
    der Ambivalenzkonflikt der Trauer eine pathologische Gestaltung und
    zwingt sie, sich in der Form von Selbstvorwürfen, daß man den Ver-
    lust des Liebesobjekts selbst verschuldet, d. h. gewollt habe, zu äußern. 
    In solchen zwangsneurotischen Depressionen nach dem Tode geliebter 

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    Personen wird uns vorgeführt, was der Ambivalenzkonflikt für sich allein
    leistet, wenn die regressive Einziehung der Libido nicht mit dabei ist. 
    Die Anlässe der Melancholie gehen meist über den klaren Fall des Ver-
    lustes durch den Tod hinaus und umfassen alle die Situationen von 
    Kränkung, Zurücksetzung und Enttäuschung, durch welche ein Gegen-
    satz von Lieben und Hassen in die Beziehung eingetragen oder eine
    vorhandene Ambivalenz verstärkt werden kann. Dieser Ambivalenz-
    konflikt, bald mehr realer, bald mehr konstitutiver Herkunft, ist unter
    den Voraussetzungen der Melancholie nicht zu vernachlässigen. Hat sich 
    die Liebe zum Objekt, die nicht aufgegeben werden kann, während das
    Objekt selbst aufgegeben wird, in die narzißtische Identifizierung ge-
    flüchtet, so betätigt sich an diesem Ersatzobjekt der Haß, indem er es 
    beschimpft, erniedrigt, leiden macht und an diesem Leiden eine sa-
    distische Befriedigung gewinnt. Die unzweifelhaft genußreiche Selbst-
    quälerei der Melancholie bedeutet ganz wie das entsprechende Phänomen 
    der Zwangsneurose die Befriedigung von sadistischen und Haßtendenzen,1)
    die einem Objekt gelten und auf diesem Wege eine Wendung gegen
    die eigene Person erfahren haben. Bei beiden Affektionen pflegt es den
    Kranken noch zu gelingen, auf dem Umwege über die Selbstbestrafung 
    Rache an den ursprünglichen Objekten zu nehmen und ihre Lieben durch 
    Vermittlung des Krankseins zu quälen, nachdem sie sich in die Krank-
    heit begeben haben, um ihnen ihre Feindseligkeit nicht direkt zeigen 
    zu müssen. Die Person, welche die Gefühlstörung des Kranken hervor-
    gerufen, nach welcher sein Kranksein orientiert ist, ist doch gewöhn-
    lich in der nächsten Umgebung des Kranken zu finden. So hat die
    Liebesbesetzung des Melancholischen für sein Objekt ein zweifaches
    Schicksal erfahren; sie ist zum Teil auf die Identifizierung regrediert, 
    zum anderen Teil aber unter dem Einfluß des Ambivalenzkonflikts auf 
    die ihm nähere Stufe des Sadismus zurückversetzt worden.

    Erst dieser Sadismus löst uns das Rätsel der Selbstmordneigung,
    durch welche die Melancholie so interessant und so – gefährlich wird.
    Wir haben als den Urzustand, von dem das Triebleben ausgeht, eine so
    großartige Selbstliebe des Ich erkannt, wir sehen in der Angst, die bei
    Lebensbedrohung auftritt, einen so riesigen Betrag der narzißtischen
    Libido frei werden, daß wir es nicht erfassen, wie dies Ich seiner Selbst-
    zerstörung zustimmen könne. Wir wußten zwar längst, daß kein Neurotiker
    Selbstmordabsichten verspürt, der solche nicht von einem Mordimpuls
    gegen andere auf sich zurückwendet, aber es blieb unverständlich, durch
    welches Kräftespiel eine solche Absicht sich zur Tat durchsetzen kann.
    Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie, daß das Ich sich nur dann
    töten kann, wenn es durch die Rückkehr der Objektbesetzung sich selbst

    1) Über deren Unterscheidung s. den Aufsatz über „Triebe und Triebschicksale“.

  • S.

    296

    wie ein Objekt behandeln kann, wenn es die Feindseligkeit gegen sich
    richten darf, die einem Objekt gilt und die die ursprüngliche Reaktion des
    Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt. (S. Triebe und Triebschick-
    sale.) So ist bei der Regression von der narzißtischen Objektwahl das
    Objekt zwar aufgehoben worden, aber es hat sich doch mächtiger er-
    wiesen als das Ich selbst. In den zwei entgegengesetzten Situatio-
    nen der äußersten Verliebtheit und des Selbstmordes wird das Ich,
    wenn auch aufgänzlich verschiedenen Wegen, vom Objekt überwältigt.

    Es liegt dann noch nahe, für den einen auffälligen Charakter der 
    Melancholie, das Hervortreten der Verarmungsangst, die Ableitung der 
    aus ihren Verbindungen gerissenen und regressiv verwandelten Anal-
    erotik zuzulassen.

    Die Melancholie stellt uns noch vor andere Fragen, deren Beant-
    wortung uns zum Teil entgeht. Daß sie nach einem gewissen Zeitraum
    abgelaufen ist, ohne nachweisbare grobe Veränderungen zu hinterlassen,
    diesen Charakter teilt sie mit der Trauer. Dort fanden wir die Aus-
    kunft, die Zeit werde für die Detaildurchführung des Gebots der Re-
    alitätsprüfung benötigt, nach welcher Arbeit das Ich seine Libido vom 
    verlorenen Objekt frei bekommen habe. Mit einer analogen Arbeit kön-
    nen wir das Ich während der Melancholie beschäftigt denken; das öko-
    nomische Verständnis des Herganges bleibt hier wie dort aus. Die
    Schlaflosigkeit der Melancholie bezeugt wohl die Starrheit des Zustandes, 
    die Unmöglichkeit, die für den Schlaf erforderliche allgemeine Einziehung
    der Besetzungen durchzuführen. Der melancholische Komplex verhält
    sich wie eine offene Wunde, zieht von allen Seiten Besetzungsenergien
    an sich (die wir bei den Übertragungsneurosen „Gegenbesetzungen“ ge-
    heissen haben) und entleert das Ich bis zur völligen Verarmung; er 
    kann sich leicht resistent gegen den Schlafwunsch des Ichs erweisen. – 
    Ein wahrscheinlich somatisches, psychogen nicht aufzuklärendes Moment 
    kommt in der regelmäßigen Linderung des Zustandes zur Abendzeit zum 
    Vorscheine. An diese Erörterungen schließt die Frage an, ob nicht Ich-
    verlust ohne Rücksicht auf das Objekt (rein narzißtische Ichkränkung) 
    hinreicht, das Bild der Melancholie zu erzeugen, und ob nicht direkt toxische
    Verarmung an Ichlibido gewisse Formen der Affektion ergeben kann.

    Die merkwürdigste und aufklärungsbedürftigste Eigentümlichkeit
    der Melancholie ist durch ihre Neigung gegeben, in den symptomatisch 
    gegensätzlichen Zustand der Manie umzuschlagen. Bekanntlich hat 
    nicht jede Melancholie dieses Schicksal. Manche Fälle verlaufen in
    periodischen Rezidiven, deren Intervalle entweder keine oder eine nur sehr 
    geringfügige Tönung von Manie erkennen lassen. Andere zeigen jene
    regelmäßige Abwechslung von melancholischen und manischen Phasen,
    die in der Aufstellung des zyklischen Irreseins Ausdruck gefunden 
    hat. Man wäre versucht, diese Fälle von der psychogenen Auffassung

  • S.

    297

    auszuschließen, wenn nicht die psychoanalytische Arbeit gerade 
    für mehrere dieser Erkrankungen Auflösung wie therapeutische Beein-
    flussung zu stande gebracht hätte. Es ist also nicht nur gestattet,
    sondern sogar geboten, eine analytische Aufklärung der Melancholie auch 
    auf die Manie auszudehnen.

    Ich kann nicht versprechen, daß dieser Versuch voll befriedigend 
    ausfallen wird. Er reicht vielmehr nicht weit über die Möglichkeit einer 
    ersten Orientierung hinaus. Es stehen uns hier zwei Anhaltspunkte zu
    Gebote, der erste ein psychoanalytischer Eindruck, der andere eine, man
    darf wohl sagen, allgemeine ökonomische Erfahrung. Der Eindruck,
    dem bereits mehrere psychoanalytische Forscher Worte geliehen haben,
    geht dahin, daß die Manie keinen anderen Inhalt hat als die Melan-
    cholie, daß beide Affektionen mit demselben „Komplex“ ringen, dem
    das Ich wahrscheinlich in der Melancholie erlegen ist, während es ihn 
    in der Manie bewältigt oder beiseite geschoben hat. Den anderen An-
    halt gibt die Erfahrung, daß alle Zustände von Freude, Jubel, Triumph,
    die uns das Normalvorbild der Manie zeigen, die nämliche ökonomische
    Bedingtheit erkennen lassen. Es handelt sich bei ihnen um eine Ein-
    wirkung, durch welche ein großer, lange unterhaltener, oder gewohn-
    heitsmäßig hergestellter psychischer Aufwand endlich überflüssig wird, 
    so daß er für mannigfache Verwendungen und Abfuhrmöglichkeiten
    bereit steht. Also zum Beispiel: Wenn ein armer Teufel durch einen 
    großen Geldgewinn plötzlich der chronischen Sorge um das tägliche 
    Brot enthoben wird, wenn ein langes und mühseliges Ringen sich am 
    Ende durch den Erfolg gekrönt sieht, wenn man in die Lage kommt, 
    einen drückenden Zwang, eine lange fortgesetzte Verstellung mit einem 
    Schlage aufzugeben u. dgl. Alle solche Situationen zeichnen sich durch
    die gehobene Stimmung, die Abfuhrzeichen des freudigen Affektes, und
    durch die gesteigerte Bereitwilligkeit zu allerlei Aktionen aus, ganz wie
    die Manie und im vollen Gegensatz zur Depression und Hemmung der
    Melancholie. Man kann wagen es auszusprechen, daß die Manie nichts
    anderes ist als ein solcher Triumph, nur daß es wiederum dem Ich ver-
    deckt bleibt, was es überwunden hat und worüber es triumphiert. Den 
    in dieselbe Reihe von Zuständen gehörigen Alkoholrausch wird man
    – insoferne er ein heiterer ist – ebenso zurechtlegen dürfen; es han-
    delt sich bei ihm wahrscheinlich um die toxisch erzielte Aufhebung von
    Verdrängungsaufwänden. Die Laienmeinung nimmt gerne an, daß man in 
    solcher maniakalischer Verfassung darum so bewegungs‑ und unter-
    nehmungslustig ist, weil man so „gut aufgelegt“ ist. Diese falsche 
    Verknüpfung wird man natürlich auflösen müssen. Es ist jene erwähnte
    ökonomische Bedingung im Seelenleben erfüllt worden, und darum ist 
    man einerseits in so heiterer Stimmung und anderseits so ungehemmt 
    im Tun.

  • S.

    298

    Setzen wir die beiden Andeutungen zusammen, so ergibt sich: 
    In der Manie muß das Ich den Verlust des Objekts (oder die Trauer 
    über den Verlust oder vielleicht das Objekt selbst) überwunden haben,
    und nun ist der ganze Betrag von Gegenbesetzung, den das schmerz-
    hafte Leiden der Melancholie aus dem Ich an sich gezogen und gebun-
    den hatte, verfügbar geworden. Der Manische demonstriert uns auch
    unverkennbar seine Befreiung von dem Objekt, an dem er gelitten 
    hatte, indem er wie ein Heißhungriger auf neue Objektbesetzungen ausgeht.

    Diese Aufklärung klingt ja plausibel, aber sie ist erstens noch zu 
    wenig bestimmt und läßt zweitens mehr neue Fragen und Zweifel auf-
    tauchen, als wir beantworten können. Wir wollen uns der Diskussion
    derselben nicht entziehen, wenn wir auch nicht erwarten können, durch 
    sie hindurch den Weg der Klarheit zu finden.

    Zunächst: Die normale Trauer überwindet ja auch den Verlust
    des Objekts und absorbiert gleichfalls während ihres Bestandes alle 
    Energien des Ichs. Warum stellt sich bei ihr die ökonomische Be-
    dingung für eine Phase des Triumphes nach ihrem Ablaufe auch nicht 
    andeutungsweise her? Ich finde es unmöglich, auf diesen Einwand kurzer-
    hand zu antworten. Er macht uns auch darauf aufmerksam, daß wir 
    nicht einmal sagen können, durch welche ökonomischen Mittel die Trauer 
    ihre Aufgabe löst; aber vielleicht kann hier eine Vermutung aushelfen. 
    An jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungssituationen, welche
    die Libido an das verlorene Objekt geknüpft zeigen, bringt die Realität 
    ihr Verdikt heran, daß das Objekt nicht mehr existiere, und das Ich, 
    gleichsam vor die Frage gestellt, ob es dieses Schicksal teilen will,
    läßt sich durch die Summe der narzißtischen Befriedigungen, am Leben 
    zu sein, bestimmen, seine Bindung an das vernichtete Objekt zu lösen. 
    Man kann sich etwa vorstellen, diese Lösung gehe so langsam und 
    schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für 
    sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.1)

    Es ist verlockend, von der Mutmaßung über die Arbeit der Trauer 
    den Weg zu einer Darstellung der melancholischen Arbeit zu suchen. 
    Da kommt uns zuerst eine Unsicherheit in den Weg. Wir haben bisher 
    den topischen Gesichtspunkt bei der Melancholie noch kaum berück-
    sichtigt und die Frage nicht aufgeworfen, in und zwischen welchen 
    psychischen Systemen die Arbeit der Melancholie vor sich geht. Was 
    von den psychischen Vorgängen der Affektion spielt sich noch an den auf-
    gelassenen unbewußten Objektbesetzungen, was an deren Identifizierungs-
    ersatz im Ich ab?

    1) Der ökonomische Gesichtspunkt ist bisher in psychoanalytischen Arbeiten
    wenig berücksichtigt worden. Als Ausnahme sei der Aufsatz von V. Tausk, Ent-
    wertung des Verdrängungsmotives durch Rekompense, Int. Zeitschrift für Psycho-
    analyse I., 1913, hervorgehoben.

  • S.

    299

    Es spricht sich nun rasch aus und schreibt sich leicht nieder,
    daß die „unbewußte (Ding‑) Vorstellung des Objekts von der Libido
    verlassen wird“. Aber in Wirklichkeit ist diese Vorstellung durch
    ungezählte Einzeleindrücke (unbewußte Spuren derselben) vertreten, und
    die Durchführung dieser Libidoabziehung kann nicht ein momentaner
    Vorgang sein, sondern gewiß wie bei der Trauer ein langwieriger, all-
    mählich fortschreitender Prozeß. Ob er an vielen Stellen gleichzeitig
    beginnt oder eine irgendwie bestimmte Reihenfolge einhält, läßt sich ja
    nicht leicht entscheiden; in den Analysen kann man oft feststellen, daß
    bald diese, bald jene Erinnerung aktiviert ist, und daß die gleichlauten-
    den, durch ihre Monotonie ermüdenden Klagen doch jedesmal von einer
    anderen unbewußten Begründung herrühren. Wenn das Objekt keine so 
    große, durch tausendfältige Verknüpfung verstärkte Bedeutung für das
    Ich hat, so ist sein Verlust auch nicht geeignet, eine Trauer oder eine 
    Melancholie zu verursachen. Der Charakter der Einzeldurchführung der
    Libidoablösung ist also der Melancholie wie der Trauer in gleicher Weise
    zuzuschreiben, stützt sich wahrscheinlich auf die gleichen ökonomischen
    Verhältnisse und dient denselben Tendenzen.

    Die Melancholie hat aber, wie wir gehört haben, etwas mehr zum 
    Inhalt als die normale Trauer. Das Verhältnis zum Objekt ist bei ihr
    kein einfaches, es wird durch den Ambivalenzkonflikt kompliziert. Die 
    Ambivalenz ist entweder konstitutionell, das heißt sie hängt jeder Liebes-
    beziehung dieses Ichs an, oder sie geht gerade aus den Erlebnissen
    hervor, welche die Drohung des Objektverlustes mit sich bringen. Die
    Melancholie kann darum in ihren Veranlassungen weit über die Trauer
    hinausgehen, welche in der Regel nur durch den Realverlust, den Tod
    des Objektes, ausgelöst wird. Es spinnt sich also bei der Melancholie 
    eine Unzahl von Einzelkämpfen um das Objekt an, in denen Haß und Liebe 
    miteinander ringen, die eine, um die Libido vom Objekt zu lösen, die
    andere, um diese Libidoposition gegen den Ansturm zu behaupten. Diese 
    Einzelkämpfe können wir in kein anderes System verlegen, als in das 
    Ubw., in das Reich der sachlichen Erinnerungsspuren (im Gegensatz zu 
    den Wortbesetzungen). Ebendort spielen sich auch die Lösungsversuche 
    bei der Trauer ab, aber bei dieser letzteren besteht kein Hindernis da-
    gegen, daß sich diese Vorgänge auf dem normalen Wege durch das Vbw. zum 
    Bewußtsein fortsetzen. Dieser Weg ist für die melancholische Arbeit gesperrt,
    vielleicht infolge einer Mehrzahl von Ursachen oder des Zusammenwir-
    kens derselben. Die konstitutive Ambivalenz gehört an und für sich dem
    Verdrängten an, die traumatischen Erlebnisse mit dem Objekt mögen 
    anderes Verdrängte aktiviert haben. So bleibt alles an diesen Ambivalenz-
    kämpfen dem Bewußtsein entzogen, bis nicht der für die Melancholie
    charakteristische Ausgang eingetreten ist. Er besteht, wie wir wissen,
    darin, daß die bedrohte Libidobesetzung endlich das Objekt verläßt, aber 

  • S.

    300

    nur, um sich auf die Stelle des Ichs, von der sie ausgegangen war, zu-
    rückzuziehen. Die Liebe hat sich so durch ihre Flucht ins Ich der Auf-
    hebung entzogen. Nach dieser Regression der Libido kann der Vorgang
    bewußt werden und repräsentiert sich dem Bewußtsein als ein Konflikt
    zwischen einem Teil des Ichs und der kritischen Instanz.

    Was das Bewußtsein von der melancholischen Arbeit erfährt, ist
    also nicht das wesentliche Stück derselben, auch nicht jenes, dem wir 
    einen Einfluß auf die Lösung des Leidens zutrauen können. Wir sehen,
    daß das Ich sich herabwürdigt und gegen sich wütet, und verstehen so
    wenig wie der Kranke, wozu das führen und wie sich das ändern kann. 
    Dem unbewußten Stück der Arbeit können wir eine solche Leistung eher 
    zuschreiben, weil es nicht schwer fällt, eine wesentliche Analogie zwischen
    der Arbeit der Melancholie und jener der Trauer herauszufinden. Wie 
    die Trauer das Ich dazu bewegt, auf das Objekt zu verzichten, indem es 
    das Objekt für tot erklärt und dem Ich die Prämie des Amlebenbleibens
    bietet, so lockert auch jeder einzelne Ambivalenzkampf die Fixierung
    der Libido an das Objekt, indem er dieses entwertet, herabsetzt, gleichsam
    auch erschlägt. Es ist die Möglichkeit gegeben, daß der Prozeß im 
    Ubw. zu Ende komme, sei es nachdem die Wut sich ausgetobt hat, sei
    es nachdem das Objekt als wertlos aufgegeben wurde. Es fehlt uns der
    Einblick, welche dieser beiden Möglichkeiten regelmäßig oder vorwie-
    gend häufig der Melancholie ein Ende bereitet, und wie diese Beendigung 
    den weiteren Verlauf des Falles beeinflußt. Das Ich mag dabei die Befriedi-
    gung genießen, daß es sich als das Bessere, als dem Objekt überlegen 
    anerkennen darf.

    Mögen wir diese Auffassung der melancholischen Arbeit auch an-
    nehmen, sie kann uns doch das eine nicht leisten, auf dessen Erklärung
    wir ausgegangen sind. Unsere Erwartung, die ökonomische Bedingung
    für das Zustandekommen der Manie nach abgelaufener Melancholie aus der
    Ambivalenz abzuleiten, welche diese Affektion beherrscht, könnte sich auf
    Analogien aus verschiedenen anderen Gebieten stützen; aber es gibt eine
    Tatsache, vor welcher sie sich beugen muß. Von den drei Voraus-
    setzungen der Melancholie: Verlust des Objekts, Ambivalenz und Re-
    gression der Libido ins Ich, finden wir die beiden ersten bei den Zwangs-
    vorwürfen nach Todesfällen wieder. Dort ist es die Ambivalenz, die un-
    zweifelhaft die Triebfeder des Konflikts darstellt, und die Beobachtung
    zeigt, daß nach Ablauf desselben nichts von einem Triumphe einer
    manischen Verfassung erübrigt. Wir werden so auf das dritte Moment
    als das einzig wirksame hingewiesen. Jene Anhäufung von zunächst
    gebundener Besetzung, welche nach Beendigung der melancholischenArbeit
    frei wird und die Manie ermöglicht, muß mit der Regression der Libido
    auf den Narzißmus zusammenhängen. Der Konflikt im Ich, den die Me-
    lancholie für den Kampf um das Objekt eintauscht, muß ähnlich wie eine

  • S.

    301

    schmerzhafte Wunde wirken, die eine außerordentlich hoheGegenbesetzung
    in Anspruch nimmt. Aber hier wird es wiederum zweckmäßig sein, Halt
    zu machen und die weitere Aufklärung der Manie zu verschieben, bis wir
    Einsicht in die ökonomische Natur zunächst des körperlichen und dann
    des ihm analogen seelischen Schmerzes gewonnen haben. Wir wissen
    es ja schon, daß der Zusammenhang der verwickelten seelischen Pro-
    bleme uns nötigt, jede Untersuchung unvollendet abzubrechen, bis ihr
    die Ergebnisse einer anderen zu Hilfe kommen können.