S.
M E D I C I N I S C H E N E U I G K E I T E N
für practische Aerzte.
1895. Nr. 50.
45. Jahrgang.Ueber die Behandlung der
31. December.Ich habe die feste Ueberzeugung, dass der ärztliche
Beruf für Sie keinen Reiz hat. Ich wünsche es Ihnen
auch nicht, dass er ihn ergübtet.
(Albert.)Inhalt: Ueber Hysterie. —
hysterischen Verstopfung durch grossen Oelröhren.
— Les formes mixtes et associées de la maladie de Stokes-
Adams. — Neuheit auf dem Gebiete der Massage. —
Entfernung v. Hollensteinflecken. — Tagesnachrichten.
— Literatur.
Ueber Hysterie.
Von Dr. S. Freud-Wien.
(Vortrag, geh. i. Wiener medicinischen Doktoren-Kollegium.)
(Schluss.)
Die Lehre von der Verdrängung lässt sich
zunächst leichter an die Zwangsvorstellungen
besprechen. Bei diesen ist eine Erinnerung ver-
bunden, dieselbe bildet ein Schuldbewusstsein,
zwischen beiden besteht eine logische Association.
Die Bildung der Zwangsvorstellung geschieht zwei-
seitig. Zunächst giebt die Vorstellung der Erin-
nerung nur ein bestimmtes Ereigniss ihre psychische
Intensität ab und diese verscheucht sich auf dem
Wege der logischen Association auf das Schuld-
bewusstsein; dieses gibt überstark. Im zweiten
Teile vermischt sich die überstarke Abstraktion
mit irgend einer anderen Vorstellung (Surrogat)
oder Surrogatvorstellung ist diejenige, welche uns
als Zwangsvorstellung zum Kranke gemacht wird.
Dieser Mechanismus zeigt nun bei der Hysterie
vor Allem den Unterschied, dass die Verdrängung
eine Verdrängung mit Sexualbezug stattfinden, sondern
die Verdrängung geschieht gleichzeitig mit der
Symptombildung und giebt vor sich, in gewissen
ausgesprochenen Momenten des Lebens, in welchen
ein Affekt eine grosse Rolle spielt, H y p n o i d e
M o m e n t e n. Solche Hypnoide Momente kommen
bei der Zwangsvorstellung nicht vor. So weit
es zur Zeit, da die Verdrängung stattfindet, ist, haben wir es hier
es zum sexuellen Vorstellungsmaterial und immer
darum, dass die ersten Verdrängungen in der
Zeit vor der Pubertät stattgefunden haben.
Es handelt sich nun bei der Hysterie darum,
diese verdrängten Vorstellungen zu suchen. Mit
dieser Unternehmung fällt also auch die Therapie
zusammen. Während der Arzt daran arbeitet,
diese verdrängten Vorstellungen zu finden, heilt
er den Patienten. Diese Wahrnehmung hat zu-
erst B r e u e r vor 13 Jahren gemacht, indem es
ihm gelang die hysterischen Symptome einerPatientin zu durchschauen und sie von dem Zwang
dieser Symptome zu befreien. Zu diesem Zwecke
bediente er sich der Hypnose, indem er während
derselben die Patientin aufforderte, sich an die
Situation zu versetzen, in der die Symptome zu-
erst aufgetreten waren, also in den „Moment der
Verdrängung“, in den „Hypnoiden Momenten“. In
der Hypnose war nun die Patientin sehr wohl
im Stande den Weg von den verdrängten hysteri-
schen Symptomen zu den verdrängten Vorstel-
lungen zu finden, damit war die Ueberstarke der
verdrängten Symptome zu Ende. Für die H y p-
nose giebt es also keine Verdrängung.
Diese Methode wurde nun durch eine andere
ersetzt u. zw. deshalb, weil viele Schwierigkeiten
bei der practischen Ausführung des Hypnotisierens
zu überwinden sind. Das Verfahren ist eigentlich
mit der Hypnose identisch. Man knüpft an den
vorhandenen Erinnerungsrest an und fordert die
Kranke auf zu erzählen, an was sie sich von da
an weiter rückerinnert. Auf diese Weise gelingt
es, längst der letzten im verdrängten Vorstellung
liegenden Erinnerungen vorzugreifen. Wenn auch
die Patientin die letzte Vorstellung welche nun
an der Reihe ist, nicht finden kann, macht man
die Annahme, dass diese Vorstellung wirklich
die nächstliegende sei, dass aber die Patientin
nicht im Stande ist, ihre Aufmerksamkeit da-
rauf zu richten. Man bringt nun die kranke ihre
Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zur Situation
zu concentrieren, indem man ihr beispielsweise die
Hand an die Stirn legt und sagt: Wenn ich nun
drücke, muss Ihnen eine Erinnerung einfallen, welche
wir suchen. Was dann die Patientin angibt, ist in
der Regel das Richtige. Es verhält sich hier gerade
so wie in der Hypnose, die psychische Auf-
merksamkeit wird der einen betreffenden Vorstell-
ung zugewendet. Es wurde angenommen, dass die
Kranken nicht im Stande sind, ihre Symptome
sämtlich spontan den verdrängten Vorstellungen
zuzuwenden und dass darin das Wesen der Ver-S.
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drängung bestehe. Die Patienten haben einen
Widerstand, sich an gewisse Vorstellungen zu
erinnern. Dieser Widerstand kann nur der Wider-
stand des Willens aufgefasst werden. Sucht man
das Motiv dafür, so findet man ganz regelmässig,
dass die Kranken bei dem Versuche, ihre Auf-
merksamkeit auf verdrängte und schwererinner-
liche Neben umstände zu lenken, g r o s s e U n l u s t
empfinden, unwillig werden. Ja, diese Unlust
ist überhaupt der Grund, welcher sie zu diesen
Vorstellungen nicht denken lässt und auf die sie
ohne fremden Zwang niemals kommen. Auch im
normalen psychischen Leben macht sich das Un-
lustgefühl gegenüber den verdrängten Erinner-
ungen geltend, aber es besteht doch ein Unter-
schied, die psychisch normalen Menschen
wissen, dass sie sich an etwas nicht erinnern
wollen, die hysterischen wissen nicht, dass
sie das nicht wollen. Dieser psychische Zu-
stand ist und bleibt räthselhaft, aber wir haben
ein Wort, um diesen Zustand zu bezeichnen, wir
sprechen von einer „Spaltung des Bewusstseins“,
oder, besser nach B r e u e r, von einer „Spal-
tung der Seelenthätigkeit“.
Der Widerstand, welchen die Kranken der
Erklärung der verdrängten Vorstellungen ent-
gegensetzen, kann alle Formen annehmen; be-
sonders häufig geäusserten sie Ansichten: man
sucht dasselbst zu erstarren, den Kranken klar
zu machen, dass es ein Verlust ist, was sie ver-
hindert an das Eingenickte zu denken. Diese
Methode ist keineswegs einfach, sie gehört viel
mehr zu der schwierigsten Aufgaben, die dem
Arzte erwachsen. Aber ihr therapeutischer Wert
ist bei der sonstigen Machtlosigkeit unserer
Therapie kein geringer, denn sie ist im Grunde,
prinzipiell das Symptom der Verdrängung zu
helfen. Richtig ist, dass die Methode geeignet
ist, die Patienten zu quälen, dass sie sie nicht
im Stande, ihnen zu schaden. Sie stellt eine
Operation dar, bei sich aber viele Wochen und
Monate erstreckt und bei welcher die Schmerzen,
das Unbehagen, die Unlust, die dabei entstehen,
dem Kranken doch keine Art von Schaden er-
spürt werden. Man könnte gegen diese Behand-
lungsart einwenden, dass es sich kaum lohnen
dürfe, wenn es durch sie nur gelänge, ein
Symptom zu beseitigen und wenn man die Dis-
position bestehen lassen müsste. Aber nun
macht die Wahrnehmung, dass die Kranken
eigentlich nicht viel derartiger Verdrängungen in
ihrem Leben erfahren haben, und dass nach der
Pubertät überhaupt keine zu entstehen scheinen.
Wenn sich späterhin Symptome bilden, dann
knüpfen sie in der Regel an die bestehendenVerdrängungen an. Wenn man also bedenkt,
wie engs die Bedingungen für die Entstehung
der Verdrängungen sind (s e x u e l l e r C h a r a k t e r,
Entstehung in der Zeit vor der Pubertät, An-
knüpfen neuer Symptome an in der Jugend ent-
standene Verdrängungen), dann ist die Hoffnung
berechtigt, dass, wenn es gelingt, die erste Ver-
drängung aufzufinden und rückgängig zu machen,
es auch gelingen könnte, die Quelle für spätere
Verdrängungen dauernd zu verstopfen. Weitere
Erfahrungen müssen zeigen, ob diese Hoffnung
wirklich berechtigt ist.
„Wiener med. Presse.“
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Ueber Hysterie (Schluss)
1895-411/1895.11