S.
Ueber Hysterie.
Von Dr. S. Freud-Wien.
(Vortrag, geh. i. Wiener medicinischen Doktoren-Kollegium.)
Der Versuch, die eine oder die andere Frage
aus der Lehre der Hysterie zu erörtern, stösst
auf mehr Schwierigkeiten als die Besprechung
irgend eines Krankheitsbegriffs, dessen
Bild ein wohl u m g r e n z t e s ist. Es wird sich da-
her als praktisch erweisen, vorher auf die Diag-
nose der Hysterie einzugehen, resp. deren Unter-
schiede von ähnlichen Affektionen zu besprechen.
Es ist das Verdienst C h a r c o t 's und seiner
Schüler, die Hysterie von gewissen organischen
Affektionen abgegrenzt zu haben. Gegenwärtig
steht im Mittelpunkt des Interesses das Problem,
die Hysterie von gewissen Neurosen zu unter-
scheiden, mit denen sie ihrem Wesen nach ent-
schieden nahe verwandt ist. Es kommt hier
zunächst die Neurasthenie in Betracht. In die
Besprechung derselben zur Klärung des Wesens
der Hysterie einzugehen, scheint von vornherein
kein Vorteil zu sein, da zunächst die Neuras-
thenie der verschwommene, unklarere Begriff ist.
Aber dieser Punkt entfiele, wenn es gelänge auch
die Neurasthenie schärfer zu umschreiben. Ferner
ist der Einwand berechtigt, dass es nach Aussage
der sachkundigsten Autoren den Anschein hat, als
ob diese bei den Neurosen nur in den extremsten
Formen von einander zu trennen sind. Es ist
wichtig, dass uns die Klinik täglich zeigt, dass
recht häufig hysterische und neurasthenische
Symptome sich beisammen vorfinden, aber dies
hindert nicht im Geringsten, die beiden Affek-
tionen begreiflich, d. h. diagnostisch von einanderS.
zu trennen. Im Jugendlichen Alter findet man
jene Formen von Hysterie, welche nicht eine
S p u r von neurasthenischen Beimengungen haben,
und umgekehrt. Wer freilich die Natur betrchtet,
ob eine solche Trennung der Hysterie von der
Neurasthenie vom therapeutischen Standpunkt
einen Werth hat, muss man sagen, dass sich die
gegenwärtige Behandlung viel zu sehr mit der
Thatsache der Heredität beschäftigt und vielzu
wenig mit der Symptomatologie der Neurosen abgiebt.
Und obgleich oftmalig man durch das aufmerk-
same Studium der Symptomatologie sehr wertvolle
Aufschlüsse über die Natur der Neurosen u. zw.
zunächst über die Aetiologie erhalten. Es gibt
nämlich einen konstanten Zusammenhang zwischen
der Art, in welcher sich die Neurasthenie äussert
und der Aetiologie, die im speziellen Falle nebst
der Heredität noch eine Rolle spielt. Man kann
somit durch Beachtung der Symptomatologie
einen direkten Schluss auf die Aetiologie
ziehen und damit wertvolle Anhaltspunkte für
die Prophylaxe erlangen. Dies ist wichtig, da
die Erfahrung gezeigt hat, dass die Heilbarkeit
eines gewissen Symptoms innerhalb eines Symp-
lexes einfach davon abhängt, ob dasselbe hyster-
ischer oder neurasthenischer Natur ist, insofern,
als eine ganz bestimmte Heilmethode das hyster-
ische Symptom beseitigt, ein neurasthenisches
Symptom aber absolut nicht theilt.
Aus dem Gebiete, welche die Neurose nennen,
können wir vier folgende Typen abtrennen: die
Hysterie, die Neurasthenie im engeren Sinne, die
Angstneurose, und die Neurose der Zwangsvorstel-
lung oder Zwangshemmnis. Was man sonst Neu-
rasthenie heisst, zerfällt hier in die Neuras-
thenie s t r i c t i s s i m e und die Angstneurose und die
Zwangneurosen. Die Rechtfertigung für diese Be-
nennung liegt darin, dass mit der Verschiedenheit
der Symptome auch die Verschiedenheit der
Aetiologie konstant erkennbar ist. Die Zwangs-
vorstellung wird teils als Symptom der Neurasth-
enie angeführt, teils als Zwangneurose von der
Neurasthenie getrennt und als Symptom der
Degeneration aufgefasst. Dass die Zwangneurose
mit der gemeinen Neurose gar nicht zu thun
hat, dafür spricht (?) dass es eine Reihe von
Fällen gibt, welche keiner anderen neurasthenischen
Zeichen, als der Zwangsvorstellung und
Zwangshemmung zusammen vorkommen, let-
tere keineswegs der Schwere der übrigen neurast-
henischen Symptome parallel laufen. Es giebt
viel eher aus der Zwangsvorstellung Fälle von
k o m p l e x e n Zwangsvorstellungen ebenso häufig neben
Hysterie vor.Die Angstneurose macht im Gegensatz zur
Neurasthenie, den Eindruck der Ueberzeugung.
Die Personen befinden sich in beständiger Un-
ruhe, relativer Spannung und zeigen oft erste
reine Angst in allen möglichen Formen: akute
Angst, als plötzlich über sie hereinbrechender An-
fall, Angst in chronischer Form, latent, lauernd
um sich an irgend ein Vorkommnis anzuschliessen.
Daneben bestehen Parästhesien, Athem beschwerden,
H e r z b e s c h w e r d e n, Tingeloi, Schwächean-
fälle, Schlechtorgie u. dgl. mehr. Es maskiert
sich der Angstzustand durch gewisse Symptome,
wie Unbehagen, Dyspnoe, Herzstörungen, Magen-
beschwerden etc., bei stärkeren Anfällen tritt
dann das Angstgefühl dentlich hervor. Hecker
nennt diese Erscheinungen R a h m e n n e oder äquiva-
lent der Angstanfälle. In vielen Stücken
sind die einzelnen Symptome der Angstneurose
denen der Neurasthenie ganz entgegengesetzt,
besonders die oft falsch diagnostizierte Angst-
diarrhoe. Was an besonderem Recht gibt, diesen
Typus der Angstneurose herauszugreifen, ist die
relative Häufigkeit ihres ganz reinen Vorkommens,
ohne Spur von sonstigen neurasthenischen Er-
scheinungen. Natürlich sind noch immer die
Mischfälle die häufigsten. In der Zeit, als die
Neurasthenie noch nicht im Vordergrund stand,
hat offenbar dieses Bild der Angstneurose dem
alten Begriffe der Hypochondrie zu Grunde gelegen.
Es wurde eben gesagt, dass den konstanten
symptomatischen Verschiedenheiten konstante Ver-
schiedenheiten in der Aetiologie parallel laufen.
Das verhält sich folgendermassen: Wenn man
typisch reine Fälle von jugendlichen Individuen
studiert, so zeigt die tagliche Erfahrung, dass die
Aetiologie sowohl bei der genuinen Neurasthenie,
als auch bei der Angstneurose S c h ä d i g u n g e n
des Sexuallebens betrifft. Aber dieselben sind
in beiden Fällen verschiedener Art. Bei der
echten Neurasthenie findet man nämlich immer
als Ursache M a s t u r b a t i o n u. zw. bei Männern
wie bei Weibern; wo Masturbation nicht vorliegt,
kann man mit Leichtigkeit nachweisen, dass es
sich um eine Hereditäre Affektion des Nerven-
systems handelt, welche sich in ausserordentlich
reichlichen und frühzeitigen spontanen sexuellen
Entladungen in Ejakulation äussert. Man kann
demnach schematisch zwei Formen der Neurast-
henie annehmen, eine erwerbliche, die Mastu-
bationsneurasthenie, und eine erworbene, die Konsti-
tutionsneurasthenie. Was nun aber die Aetiologie
der Angstneurose betrifft, so handelt es sich zwar
auch um sexuelle Schädigungen, aber von ganz
anderem Charakter. Bei Männern ist die Angst-
neurose auf Abstinenz bei vorhandener kräftigerS.
Libido zurückzuführen; ferner gehören hierher
jene Formen der abnormen Befriedigung, bei
welchen starke sexuelle Erregungen gesetzt, aber
nicht auf normalen Wege beendigt werden. Bei
Frauen ist der häufigste Grund der Angstneurose
ausser der durch die Wissenschaft gegebenen
Gunstigkeit der Abstinenz, der Coitus interruptus
Während es sich also bei der Neurasthenie um
eine überreichliche Ausgabe von sexuellem Stoff
handelt, spielt bei der Angstneurose die Zurück-
haltung, die Aufspeicherung des sexuellen Stoffes
gewissermassen eine grosse Rolle.
Diese sexuellen Aetiologie wurde bei intensiver
Beobachtung und dem Studium zahlreicher Fälle
in etwa 80% gefunden. Die Frage, ob die ge-
meinhin als Ursachen der Neurastenie angezeigten
Momente (Civilisation, Leben in grossen Städten,
Ueberbürdung in den Schulen, Ueberanstrengung
unseres Sinnesorganen, das Hasten und Jagen nach
Erfolg, die unsicheren Lebensverhältnisse, die
grossen Katastrophen, die Nervosität, mit denen
wir uns überladen) gar nicht in Betracht kommen,
muss man dafür beantworten, dass diese Faktoren
in der That keinen direkten Beitrag zur Aetio-
logie der Neurasthenie liefern. Die sexuellen
Schädlichkeiten stellen spezielle Ursachen dar
d. h. sie sind nicht zu entbehren, wenn eine be-
stimmte Neurose zu Stande kommen soll. Als
q u a n t i t a t i v e Momente können dann allerdings
die verschiedenen Schädlichkeiten zur Entstehung
der Neurose beitragen. Die sexuellen Schädlich-
keiten geben also dem Ganzen die Richtung, sie
geben aber nicht den Ausschlag. Der Ausschlag
kommt dadurch zu Stande, dass die lokalen
Ursachen, die auf das Individuum einwirken, ein
gewisses Mass erreichen. Ein sexuell normaler
Mensch, auf welchen gewisse Schädlichkeiten
einwirken, bricht unter ihnen nicht zusammen, er
bekommt keine Neurose, während andererseits
diese lokalen Schädlichkeiten gar nicht vorhanden
zu sein brauchen, wenn nur die sexuellen Schäd-
lichkeiten intensiv und lang genug einwirken.
Nach diesen Prinzipien gelingt es leicht, die
reinen Formen der Neurasthenie und der Angst-
neurose zu erkennen, und von der Hysterie zu
unterscheiden. Auch die reinen Fälle von Hysterie
erkennen wir nach den klassischen Fällen, die
Charcot beschrieben hat. Die übrigen Formen
sind Mischformen und es ist ebenso Unrecht, die
Hysterie zu nennen, weil sie hysterische Phäno-
mene aufweisen oder Neurasthenie, weil neuras-
thenische Symptome vorhanden sind.
Wenn man sich eine Vorstellung über den
Mechanismus der Neurosen, zu denen schon so
viele nicht zur Hysterie gezählt wurden, von
dem bisher Angeführten behält388
werden, dass die Neurasthenie und die Angst-
neurose Störungen rein somatischen Charakters
vorstellen, Störungen physiologischer Art, etwa
wie die Intoxikationen und es gehen uns nichts
auf psychisches Gebiet zu rekurrieren. Für die
Hysterie aber kann man nach den Arbeiten der
letzten Jahre annehmen, dass der Mechanismus
des hysterischen Symptomcomplexes ein psycho-
logischer ist, d. h. dass die Störungen bei Hysterie
auf psychischem Gebiet vor sich gehen, dass es
ein psychischer Mechanismus ist, welcher allen
hysterischen Symptomen gemeinsam zukommt.
Interessant ist, dass die Zwangsvorstellungen einen
ganz ähnlichen, psychischen Mechanismus haben
und dass sich darauf eine ganz bestimmte sehr
erfolgreiche Therapie gründen lässt.
Der Beweis, dass es sich bei der Hysterie
thatsächlich um einen psychischen Mechanismus
handelt, wurde erst kürzlich durch B r e u e r in
einem Aufsatz, »Theoretisches über Hysterie«
erbracht. Diese psychische Mechanismus ist ein
einheitlicher; es entstehen nämlich alle hysterischen
Erscheinungen durch den psychischen Mechanis-
mus der hysterischen oder psychopathischen Erreg-
ung. Schon im normalen Leben sucht man Er-
eignisse, mit denen unangenehme Erinnerungen
verbunden sind, zu verdrängen. Die Erringung an
gewisse unangenehme Dinge abzulehnen. Dies
schieht dies, indem man allen Wahrnehmungen,
welche den betreffenden Gedanken assoziativ be-
leben könnten, aus dem Wege geht oder man
benützt die Herrschaft über den eigenen Gedanken-
ablauf in der Weise, dass man alles vermeidet,
was auf Gedanken dieser peinlichen Vorstellung
hinzielt, und indem man immer vorsichtiger wird,
bringt man es zu einer solchen Virtuosität im
Verdrängen und Vergessen, dass die betreffende
Erinnerung im Bewusstsein nicht mehr spontan
auftaucht. Etwas ganz Aehnliches spielt sich bei
der Hysterie ab. Man kann die wichtigsten
hysterischen Symptome schematisch in folgende
3 Gruppen teilen:
1. Erinnerungen von hallucinatosicher Stärke
2. motorische Entladungen (Weinkrämpfe,
Lachkrämpfe, Störungen)
3. Schlüsse, Tendenzen (Neigung, irgend etwas
zu tun) Abulien (Unfähigkeiten z. B. zu
essen, zu gehen etc.).
Natürlich sind die hysterischen Phänomene
nicht immer so einfach, sondern setzen sich aus
solchen Elementen zusammen. Es ist z. B. nicht
blos ein Geruch, den die Patientin von Zeit zu
Zeit hallucinatosich verspürt, sondern es muss
bei einem gewissen Geruche weinen, traurig seinS.
u. dgl. Alle diese Symptome haben den gemein-
samen Charakter, dass sie dem Willen gänzlich
entzogen sind; es handelt sich um „überstarke
Vorstellungen“.
Diese Vorstellungen sind immer mit einem
Zwang behaftet. Nun kann man behaupten,
dass überall dort, wo ein h y s t e r i s c h e r Z w a n g
herrscht, eine Verdrängung stattgefun-
den hat. Wenn z. B. eine Hysterische nicht
essen kann und Ekel bekommt, so handelt es
sich um die Verdrängung einer Erinnerung an
etwas Unangenehmes, das mit zum Essen ver-
knüpft und allerdings im Stande war, Ekel zu
erregen. Dass dem so ist, ergibt sich aus einer
Untersuchungsmethode, welche zuerst von B r e u e r
angewendet wurde, und von welcher später die
Rede sein wird.
Alle verdrängten Vorstellungen bei Hysterie
haben einen gemeinsamen Charakter: sie sind
nämlich stets sexuellen Inhalts und sind von den
Personen innerlich p e i n l i c h empfunden worden,
überhaupt gelten wir Aerzte, die wir sonst auf
Ernährung, Schlaf etc. so viel Wert zur Erklä-
rung von Krankheiten und zum Angriffspunkt
unserer Therapie legen, die geschlechtlichen
Aktien in späteren Patienten nicht so sehr ver-
nachlässigen. Wenigstens lehrt die tägliche Er-
fahrung, wie wichtig die Geschlechtsverhältnisse
für das allgemeine Wohlbefinden sind.
Es fragt sich nun, auf welche Weise bei der
Verdrängung das hysterische Symptom entsteht.
Es handelt sich dabei im Wesentlichen um etwas
Aehnliches wie bei der Zwangsvorstellung, oder
beim Beachtungswahn, wobei eine Verschiebung
des A c c e n t s der peinlichen Intentität, längs
eines vorgebildeten W e g e s oder einer S c h i e n e
stattfindet.
(Schluss folgt.)
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