Ueber Hysterie 1895-411/1895.10

N. N. (1895-411/1895.10): Ueber Hysterie

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  • S.

    Ueber Hysterie.

    Von Dr. S. Freud-Wien.

    (Vortrag, geh. i. Wiener medicinischen Doktoren-Kollegium.)

    Der Versuch, die eine oder die andere Frage
    aus der Lehre der Hysterie zu erörtern, stösst
    auf mehr Schwierigkeiten als die Besprechung
    irgend eines Krankheitsbegriffs, dessen
    Bild ein wohl u m g r e n z t e s ist. Es wird sich da-
    her als praktisch erweisen, vorher auf die Diag-
    nose der Hysterie einzugehen, resp. deren Unter-
    schiede von ähnlichen Affektionen zu besprechen.
    Es ist das Verdienst C h a r c o t 's und seiner
    Schüler, die Hysterie von gewissen organischen
    Affektionen abgegrenzt zu haben. Gegenwärtig
    steht im Mittelpunkt des Interesses das Problem,
    die Hysterie von gewissen Neurosen zu unter-
    scheiden, mit denen sie ihrem Wesen nach ent-
    schieden nahe verwandt ist. Es kommt hier
    zunächst die Neurasthenie in Betracht. In die
    Besprechung derselben zur Klärung des Wesens
    der Hysterie einzugehen, scheint von vornherein
    kein Vorteil zu sein, da zunächst die Neuras-
    thenie der verschwommene, unklarere Begriff ist.
    Aber dieser Punkt entfiele, wenn es gelänge auch
    die Neurasthenie schärfer zu umschreiben. Ferner
    ist der Einwand berechtigt, dass es nach Aussage
    der sachkundigsten Autoren den Anschein hat, als
    ob diese bei den Neurosen nur in den extremsten
    Formen von einander zu trennen sind. Es ist
    wichtig, dass uns die Klinik täglich zeigt, dass
    recht häufig hysterische und neurasthenische
    Symptome sich beisammen vorfinden, aber dies
    hindert nicht im Geringsten, die beiden Affek-
    tionen begreiflich, d. h. diagnostisch von einander

  • S.

    zu trennen. Im Jugendlichen Alter findet man
    jene Formen von Hysterie, welche nicht eine
    S p u r von neurasthenischen Beimengungen haben,
    und umgekehrt. Wer freilich die Natur betrchtet,
    ob eine solche Trennung der Hysterie von der
    Neurasthenie vom therapeutischen Standpunkt
    einen Werth hat, muss man sagen, dass sich die
    gegenwärtige Behandlung viel zu sehr mit der
    Thatsache der Heredität beschäftigt und vielzu
    wenig mit der Symptomatologie der Neurosen abgiebt.
    Und obgleich oftmalig man durch das aufmerk-
    same Studium der Symptomatologie sehr wertvolle
    Aufschlüsse über die Natur der Neurosen u. zw.
    zunächst über die Aetiologie erhalten. Es gibt
    nämlich einen konstanten Zusammenhang zwischen
    der Art, in welcher sich die Neurasthenie äussert
    und der Aetiologie, die im speziellen Falle nebst
    der Heredität noch eine Rolle spielt. Man kann
    somit durch Beachtung der Symptomatologie
    einen direkten Schluss auf die Aetiologie
    ziehen und damit wertvolle Anhaltspunkte für
    die Prophylaxe erlangen. Dies ist wichtig, da
    die Erfahrung gezeigt hat, dass die Heilbarkeit
    eines gewissen Symptoms innerhalb eines Symp-
    lexes einfach davon abhängt, ob dasselbe hyster-
    ischer oder neurasthenischer Natur ist, insofern,
    als eine ganz bestimmte Heilmethode das hyster-
    ische Symptom beseitigt, ein neurasthenisches
    Symptom aber absolut nicht theilt.
    Aus dem Gebiete, welche die Neurose nennen,
    können wir vier folgende Typen abtrennen: die
    Hysterie, die Neurasthenie im engeren Sinne, die
    Angstneurose, und die Neurose der Zwangsvorstel-
    lung oder Zwangshemmnis. Was man sonst Neu-
    rasthenie heisst, zerfällt hier in die Neuras-
    thenie s t r i c t i s s i m e und die Angstneurose und die
    Zwangneurosen. Die Rechtfertigung für diese Be-
    nennung liegt darin, dass mit der Verschiedenheit
    der Symptome auch die Verschiedenheit der
    Aetiologie konstant erkennbar ist. Die Zwangs-
    vorstellung wird teils als Symptom der Neurasth-
    enie angeführt, teils als Zwangneurose von der
    Neurasthenie getrennt und als Symptom der
    Degeneration aufgefasst. Dass die Zwangneurose
    mit der gemeinen Neurose gar nicht zu thun
    hat, dafür spricht (?) dass es eine Reihe von
    Fällen gibt, welche keiner anderen neurasthenischen
    Zeichen, als der Zwangsvorstellung und
    Zwangshemmung zusammen vorkommen, let-
    tere keineswegs der Schwere der übrigen neurast-
    henischen Symptome parallel laufen. Es giebt
    viel eher aus der Zwangsvorstellung Fälle von
    k o m p l e x e n Zwangsvorstellungen ebenso häufig neben
    Hysterie vor.

    Die Angstneurose macht im Gegensatz zur
    Neurasthenie, den Eindruck der Ueberzeugung.
    Die Personen befinden sich in beständiger Un-
    ruhe, relativer Spannung und zeigen oft erste
    reine Angst in allen möglichen Formen: akute
    Angst, als plötzlich über sie hereinbrechender An-
    fall, Angst in chronischer Form, latent, lauernd
    um sich an irgend ein Vorkommnis anzuschliessen.
    Daneben bestehen Parästhesien, Athem beschwerden,
    H e r z b e s c h w e r d e n, Tingeloi, Schwächean-
    fälle, Schlechtorgie u. dgl. mehr. Es maskiert
    sich der Angstzustand durch gewisse Symptome,
    wie Unbehagen, Dyspnoe, Herzstörungen, Magen-
    beschwerden etc., bei stärkeren Anfällen tritt
    dann das Angstgefühl dentlich hervor. Hecker
    nennt diese Erscheinungen R a h m e n n e oder äquiva-
    lent der Angstanfälle. In vielen Stücken
    sind die einzelnen Symptome der Angstneurose
    denen der Neurasthenie ganz entgegengesetzt,
    besonders die oft falsch diagnostizierte Angst-
    diarrhoe. Was an besonderem Recht gibt, diesen
    Typus der Angstneurose herauszugreifen, ist die
    relative Häufigkeit ihres ganz reinen Vorkommens,
    ohne Spur von sonstigen neurasthenischen Er-
    scheinungen. Natürlich sind noch immer die
    Mischfälle die häufigsten. In der Zeit, als die
    Neurasthenie noch nicht im Vordergrund stand,
    hat offenbar dieses Bild der Angstneurose dem
    alten Begriffe der Hypochondrie zu Grunde gelegen.
    Es wurde eben gesagt, dass den konstanten
    symptomatischen Verschiedenheiten konstante Ver-
    schiedenheiten in der Aetiologie parallel laufen.
    Das verhält sich folgendermassen: Wenn man
    typisch reine Fälle von jugendlichen Individuen
    studiert, so zeigt die tagliche Erfahrung, dass die
    Aetiologie sowohl bei der genuinen Neurasthenie,
    als auch bei der Angstneurose S c h ä d i g u n g e n
    des Sexuallebens betrifft. Aber dieselben sind
    in beiden Fällen verschiedener Art. Bei der
    echten Neurasthenie findet man nämlich immer
    als Ursache M a s t u r b a t i o n u. zw. bei Männern
    wie bei Weibern; wo Masturbation nicht vorliegt,
    kann man mit Leichtigkeit nachweisen, dass es
    sich um eine Hereditäre Affektion des Nerven-
    systems handelt, welche sich in ausserordentlich
    reichlichen und frühzeitigen spontanen sexuellen
    Entladungen in Ejakulation äussert. Man kann
    demnach schematisch zwei Formen der Neurast-
    henie annehmen, eine erwerbliche, die Mastu-
    bationsneurasthenie, und eine erworbene, die Konsti-
    tutionsneurasthenie. Was nun aber die Aetiologie
    der Angstneurose betrifft, so handelt es sich zwar
    auch um sexuelle Schädigungen, aber von ganz
    anderem Charakter. Bei Männern ist die Angst-
    neurose auf Abstinenz bei vorhandener kräftiger

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    Libido zurückzuführen; ferner gehören hierher
    jene Formen der abnormen Befriedigung, bei
    welchen starke sexuelle Erregungen gesetzt, aber
    nicht auf normalen Wege beendigt werden. Bei
    Frauen ist der häufigste Grund der Angstneurose
    ausser der durch die Wissenschaft gegebenen
    Gunstigkeit der Abstinenz, der Coitus interruptus
    Während es sich also bei der Neurasthenie um
    eine überreichliche Ausgabe von sexuellem Stoff
    handelt, spielt bei der Angstneurose die Zurück-
    haltung, die Aufspeicherung des sexuellen Stoffes
    gewissermassen eine grosse Rolle.
    Diese sexuellen Aetiologie wurde bei intensiver
    Beobachtung und dem Studium zahlreicher Fälle
    in etwa 80% gefunden. Die Frage, ob die ge-
    meinhin als Ursachen der Neurastenie angezeigten
    Momente (Civilisation, Leben in grossen Städten,
    Ueberbürdung in den Schulen, Ueberanstrengung
    unseres Sinnesorganen, das Hasten und Jagen nach
    Erfolg, die unsicheren Lebensverhältnisse, die
    grossen Katastrophen, die Nervosität, mit denen
    wir uns überladen) gar nicht in Betracht kommen,
    muss man dafür beantworten, dass diese Faktoren
    in der That keinen direkten Beitrag zur Aetio-
    logie der Neurasthenie liefern. Die sexuellen
    Schädlichkeiten stellen spezielle Ursachen dar
    d. h. sie sind nicht zu entbehren, wenn eine be-
    stimmte Neurose zu Stande kommen soll. Als
    q u a n t i t a t i v e Momente können dann allerdings
    die verschiedenen Schädlichkeiten zur Entstehung
    der Neurose beitragen. Die sexuellen Schädlich-
    keiten geben also dem Ganzen die Richtung, sie
    geben aber nicht den Ausschlag. Der Ausschlag
    kommt dadurch zu Stande, dass die lokalen
    Ursachen, die auf das Individuum einwirken, ein
    gewisses Mass erreichen. Ein sexuell normaler
    Mensch, auf welchen gewisse Schädlichkeiten
    einwirken, bricht unter ihnen nicht zusammen, er
    bekommt keine Neurose, während andererseits
    diese lokalen Schädlichkeiten gar nicht vorhanden
    zu sein brauchen, wenn nur die sexuellen Schäd-
    lichkeiten intensiv und lang genug einwirken.
    Nach diesen Prinzipien gelingt es leicht, die
    reinen Formen der Neurasthenie und der Angst-
    neurose zu erkennen, und von der Hysterie zu
    unterscheiden. Auch die reinen Fälle von Hysterie
    erkennen wir nach den klassischen Fällen, die
    Charcot beschrieben hat. Die übrigen Formen
    sind Mischformen und es ist ebenso Unrecht, die
    Hysterie zu nennen, weil sie hysterische Phäno-
    mene aufweisen oder Neurasthenie, weil neuras-
    thenische Symptome vorhanden sind.
    Wenn man sich eine Vorstellung über den
    Mechanismus der Neurosen, zu denen schon so
    viele nicht zur Hysterie gezählt wurden, von
    dem bisher Angeführten behält

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    werden, dass die Neurasthenie und die Angst-
    neurose Störungen rein somatischen Charakters
    vorstellen, Störungen physiologischer Art, etwa
    wie die Intoxikationen und es gehen uns nichts
    auf psychisches Gebiet zu rekurrieren. Für die
    Hysterie aber kann man nach den Arbeiten der
    letzten Jahre annehmen, dass der Mechanismus
    des hysterischen Symptomcomplexes ein psycho-
    logischer ist, d. h. dass die Störungen bei Hysterie
    auf psychischem Gebiet vor sich gehen, dass es
    ein psychischer Mechanismus ist, welcher allen
    hysterischen Symptomen gemeinsam zukommt.
    Interessant ist, dass die Zwangsvorstellungen einen
    ganz ähnlichen, psychischen Mechanismus haben
    und dass sich darauf eine ganz bestimmte sehr
    erfolgreiche Therapie gründen lässt.
    Der Beweis, dass es sich bei der Hysterie
    thatsächlich um einen psychischen Mechanismus
    handelt, wurde erst kürzlich durch B r e u e r in
    einem Aufsatz, »Theoretisches über Hysterie«
    erbracht. Diese psychische Mechanismus ist ein
    einheitlicher; es entstehen nämlich alle hysterischen
    Erscheinungen durch den psychischen Mechanis-
    mus der hysterischen oder psychopathischen Erreg-
    ung. Schon im normalen Leben sucht man Er-
    eignisse, mit denen unangenehme Erinnerungen
    verbunden sind, zu verdrängen. Die Erringung an
    gewisse unangenehme Dinge abzulehnen. Dies
    schieht dies, indem man allen Wahrnehmungen,
    welche den betreffenden Gedanken assoziativ be-
    leben könnten, aus dem Wege geht oder man
    benützt die Herrschaft über den eigenen Gedanken-
    ablauf in der Weise, dass man alles vermeidet,
    was auf Gedanken dieser peinlichen Vorstellung
    hinzielt, und indem man immer vorsichtiger wird,
    bringt man es zu einer solchen Virtuosität im
    Verdrängen und Vergessen, dass die betreffende
    Erinnerung im Bewusstsein nicht mehr spontan
    auftaucht. Etwas ganz Aehnliches spielt sich bei
    der Hysterie ab. Man kann die wichtigsten
    hysterischen Symptome schematisch in folgende
    3 Gruppen teilen:
    1. Erinnerungen von hallucinatosicher Stärke
    2. motorische Entladungen (Weinkrämpfe,
    Lachkrämpfe, Störungen)
    3. Schlüsse, Tendenzen (Neigung, irgend etwas
    zu tun) Abulien (Unfähigkeiten z. B. zu
    essen, zu gehen etc.).
    Natürlich sind die hysterischen Phänomene
    nicht immer so einfach, sondern setzen sich aus
    solchen Elementen zusammen. Es ist z. B. nicht
    blos ein Geruch, den die Patientin von Zeit zu
    Zeit hallucinatosich verspürt, sondern es muss
    bei einem gewissen Geruche weinen, traurig sein

  • S.

    u. dgl. Alle diese Symptome haben den gemein-
    samen Charakter, dass sie dem Willen gänzlich
    entzogen sind; es handelt sich um „überstarke
    Vorstellungen“.
    Diese Vorstellungen sind immer mit einem
    Zwang behaftet. Nun kann man behaupten,
    dass überall dort, wo ein h y s t e r i s c h e r Z w a n g
    herrscht, eine Verdrängung stattgefun-
    den hat. Wenn z. B. eine Hysterische nicht
    essen kann und Ekel bekommt, so handelt es
    sich um die Verdrängung einer Erinnerung an
    etwas Unangenehmes, das mit zum Essen ver-
    knüpft und allerdings im Stande war, Ekel zu
    erregen. Dass dem so ist, ergibt sich aus einer
    Untersuchungsmethode, welche zuerst von B r e u e r
    angewendet wurde, und von welcher später die
    Rede sein wird.
    Alle verdrängten Vorstellungen bei Hysterie
    haben einen gemeinsamen Charakter: sie sind
    nämlich stets sexuellen Inhalts und sind von den
    Personen innerlich p e i n l i c h empfunden worden,
    überhaupt gelten wir Aerzte, die wir sonst auf
    Ernährung, Schlaf etc. so viel Wert zur Erklä-
    rung von Krankheiten und zum Angriffspunkt
    unserer Therapie legen, die geschlechtlichen
    Aktien in späteren Patienten nicht so sehr ver-
    nachlässigen. Wenigstens lehrt die tägliche Er-
    fahrung, wie wichtig die Geschlechtsverhältnisse
    für das allgemeine Wohlbefinden sind.
    Es fragt sich nun, auf welche Weise bei der
    Verdrängung das hysterische Symptom entsteht.
    Es handelt sich dabei im Wesentlichen um etwas
    Aehnliches wie bei der Zwangsvorstellung, oder
    beim Beachtungswahn, wobei eine Verschiebung
    des A c c e n t s der peinlichen Intentität, längs
    eines vorgebildeten W e g e s oder einer S c h i e n e
    stattfindet.
    (Schluss folgt.)