S.
a
1
Jenseits des Lustprinzips
von
Sigm. FreudIn der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, dass
der Ablauf der seelischen Vorgänge, automatisch durch das Lust-
prinzip reguliert wird, das heisst, wir glauben, dass er jedesmal
durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird, und dann eine sol-
che Richtung einschlägt, dass sein Endergebnis mit einer Herab-
setzung dieser Spannung, als mit einer Vermeidung von Unlust oder
Erzeugung von Lust zusammenfällt. Wenn wir die von uns studirten
seelischen Prozesse mit Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten,
führen wir den oekonomischen Gesichtspunkt in unsere Arbeit ein.
Wir meinen eine Darstellung, die neben dem topischen und dem
dynamischen Moment noch dies oekonomische zu würdigen versuche,
sei die vollständigste, die wir uns derzeit vorstellen können,
und verdiene es, durch den Namen einer metapsychologischen, hervor-
gehoben zu werden.Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, in wie weit
wir uns miz der Aufstellung des Lustprinzips einem bestimmten,
historisch festgelegten, philosophischen System angenähert oder
angeschlossen haben. Wir gelangen zu solchen spekulativen Annah-
men bei dem Bemühen, von den Tatsachen der täglichen Beobachtung
auf unserem Gebiet Beschreibung und Rechenschaft zu geben. Priori-
tät und Originalität gehören nicht zu den Zielen, die der psycho-
analytischen Arbeit gesetzt sind, und die Eindrücke, welche der
Aufstellung dieses Prinzips zu Grunde liegen, sind so augenfällig
dass es kaum möglich ist, sie zu übersehen. Dagegen würden wir
uns gerne zur Dankbarkeit gegen eine philosophische oder psycholo-
gische Theorie bekennen, die uns zu sagen wüsste, was die Bedeu-
tungen der für uns so imperativen Lust‑ und Unlustempfindungen
sind. Leider wird uns hier nichts Brauchbares geboten. Es ist das
dunkelsteS.
2
und unzugänglichste Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir
unmöglich vermeiden können, es zu berühren, so wird die
lockerste Annahme darüber, meine ich, die beste sein. Wir
haben uns entschlossen, Lust und Unlust mit der Quantität
der im Seelenleben vorhandenen – und nicht irgendwie gebunde-
nen – Erregung in Beziehung zu bringen, solcher Art, dass
Unlust einer Steigerung, Lust einer Verringerung dieser
Quantität entspricht. Wir denken dabei nicht an ein einfaches
Verhältnis zwischen der Stärke der Empfindungen und den Ver-
änderungen, auf die sie bezogen werden; am wenigsten – nach al-
len Erfahrungen der Psychophysiologie – an direkte Propor-
tionalität; wahrscheinlich ist das Mass der Verringerung oder
Vermehrung in der Zeit das für die Empfindung entscheidende
Moment. Das Experiment fände hier möglicher Weise Zutritt,
für uns Analytiker ist weiteres Eingehen in diese Probleme
nicht geraten, solange nicht ganz bestimmte Beobachtungen uns
leiten können.Die Tatsachen, die uns veranlasst haben, an die Herrschaft des
Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, finden auch ihren Aus-
druck in der Annahme, dass es ein Bestreben des seelischen
Apparats sei, die in ihm vorhandene Quantität von Erregung
möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist
dasselbe, nur in andere Fassung gebracht.Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, von
einer Herrschaft des Lustprinzips über den Ablauf der seeli-
schen Prozesse zu reden. Wenn eine solche bestände, müsste
die übergrosse Mehrheit unserer Seelenvorgänge von Lust be-
gleitet sein oder zur Lust führen, während doch die allge-
meinste Erfahrung dieser Folgerung energisch widerspricht.
Es kann also nur so sein, dass eine starke Tendenz zum Lustprinzip
in der Seele besteht, der sich aber gewisse andere Kräfte oder
Verhältnisse widersetzen, so dass der Endausgang nicht immerS.
2a
Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir
finden, daß ein so tiefblickender Forscher wie
G. Th. Fechner eine Auffassung von Lust und Unlust
vertreten hat, welche im Wesentlichen mit der
zusam̄enfällt, die uns von der psychoanalytischen
Arbeit aufgedrängt wird. Die Äußerung Fechner’s
ist in seiner kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpf-
ungs‑ und Entwicklungsgeschichte der Organismen,
1873 (Abschnitt XI, Zusatz, p. 94) enthalten und lautet
wie folgt:„Insofern bewußte Antriebe im̄er mit Lust oder
Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder
Unlust mit Stabilitäts‑ und Instabilitätsverhält-
nißen in psychophysischer Beziehung gedacht werden,
und es läßt sich hierauf die anderwärts von mir
näher zu entwickelnde Hypothese begründen, daß
jede, die Schwelle des Bewußtseins übersteigende
psychophysische Bewegung nach Maßgabe mit Lust
behaftet sei, als sie sich der vollen Stabilität
über eine gewiße Grenze hinaus nähert, mit
Unlust nach Maßgabe, als sie über eine gewiße
Grenze davon abweicht, indeß zwischen beiden,
als qualitative Schwelle der Lust und Unlust zu be-
zeichnenden Grenzen eine gewiße Breite
aesthetischer Indifferenz besteht, …“S.
2b
Denn wenn die Arbeit des seelischen Apparats dahin geht, die
Erregungsquantität möglichst niedrig zu halten, so muß alles,
was dieselbe zu steigern geeignet ist, als funktionswidrig
d.h. als unlustvoll empfunden werden. Das Lustprinzip
leitet sich aus dem Konstanzprinzip ab; in Wirk-
lichkeit wurde das Konstanzprinzip aus den Tatsachen
¿¿erschloßen, die uns die Annahme des Lustprinzips
aufnötigten. Bei eingehenderer Diskussion werden wir auch finden,
daß dies von uns angenom̄ene Bestreben des seelischen
Apparats sich als spezieller Fall dem Fechner’schen Prinzipzur
der Tendenz zur Stabilität unterordnet, zu dem
derer die Lust‑Unlustempfindungen in Be-
ziehung gebracht hat.S.
3
der Lusttendenz entsprechen kann. Wenn wir uns nun der Frage
zuwenden, welche Umstände die Durchsetzung des Lustprinzips
zu vereiteln vermögen, dann betreten wir wieder sicheren und
bekannten Boden und können unsere analytischen Erfahrungen
in reichem Ausmass zur Beantwortung heranziehen.Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips
ist uns als ein gesetzmässiger vertraut. Wir wissen, dass das
Lustprinzip einer primären Arbeitsweise des seelischen Apparats
eignet, und dass es für die Selbstbehauptung des Organismus un-
ter den Schwierigkeiten der Aussenwelt so recht von Anfang an
unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist. Unter dem Ein-
fluss der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird es vom Realitäts-
prinzip abgelöst, welches, ohne die Absicht endlicher Lustge-
winnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den
Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen, und die
zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust
fordert und durchsetzt. Das Lustprinzip bleibt dann noch lange
Zeit die Arbeitsweise der schwerer „erziehbaren“ Sexualtriebe,
und es kommt immer wieder vor, dass es, sei es von diesen letz-
teren aus, sei es im Ich selbst, das Realitätsprinzip zum
Schaden des ganzen Organismus überwältigt.Es ist indess unzweifelhaft, dass die Ablösung des Lustprin-
zips durch das Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht
für den intensivisten Teil der Unlusterfahrungen verantwortlich
gemacht werden kann. Eine andere, nicht weniger gesetzmässige
Quelle der Unlustentbindung ergiebt sich aus den Konflikten
und Spaltungen im seelischen Apparat, während das Ich seine
Entwicklung zu höher zusammengesetzten Organisationen durch-
macht. Fast alle Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus
den mitgebrachten Triebregungen, aber diese werden nicht alle
zu den gleichen Entwicklungsphasen zugelassen. Unterwegs ge-
schieht es immer wieder, dass einzelne Triebe oder TriebanteileS.
S.
4
sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als
unverträglich mit den übrigen erweisen, die sich zu der
umfassenden Einheit des Ichs zusammenschliessen können.
Sie werden dann von dieser Einheit durch den Prozess der
Verdrängung abgespalten, auf niedrigeren Stufen der psychi-
schen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von der Möglich-
keit einer Befriedigung abgeschnitten. Gelingt es ihnen dann,
was bei den verdrängten Sexualtrieben so leicht geschieht,
sich auf Umwegen zu einer direkten oder Ersatzbefriedigung
durchzuringen, so wird dieser Erfolg, der sonst eine Lust-
möglichkeit gewesen wäre, vom Ich als Unlust empfunden. Infol-
ge des alten, in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat
das Lustprinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, gerade
während gewisse Triebe am Werke waren, in Befolgung des Prin-
zips neue Lust zu gewinnen. Die Einzelheiten des Vorganges,
durch welchen die Verdrängung eine Lustmöglichkeit in eine
Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut verstanden oder
nicht klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische
Unlust von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfun-
den werden kann.Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken noch
lange nicht die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber vom
Rest wird man mit einem Anschein von gutem Recht behaupten,
dass sein Vorhandensein der Herrschaft des Lustprinzips nicht
widerspricht. Die meiste Unlust, die wir verspüren, ist ja
Wahrnehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des Drängens unbe-
friedigter Triebe oder äussere Wahrnehmung, sei es, dass diese
an sich peinlich ist, oder dass sie unlustvolle Erwartungen
im seelischen Apparat erregt, von ihm als „Gefahr“ erkannt
wird. Die Reaktion auf diese Triebansprüche und Gefahr-
drohungen, in der sich die eigentliche Tätigkeit des seeli-
schen Apparats äussert, kann dann in korrekter Weise vom Lust-
prinzip oder dem es modifizierenden Realitätsprinzip geleitetS.
5
werden. Somit scheint es nicht notwendig, eine weitergehen-
de Einschränkung des Lustprinzips anzuerkennen, und doch
kann gerade die Untersuchung der seelischen Reaktion auf
die äusserliche Gefahr neuen Stoff und neue Fragestellun-
gen zu dem hier behandelten Problem liefern.II.
Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusam-
menstössen und anderen, mit Lebensgefahr verbundenen Unfäl-
len ist seit langem ein Zustand beschrieben worden, dem dann
der Name „traumatische Neurose“ verblieben ist. Der schreck-
liche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine grosse Anzahl
solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der Ver-
suchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung des
Nervensystems durch Einwirkung mechanischer Gewalt zurückzu-
führen.+/ Das Zustandsbild der traumatischen Neurose nähert
sich der Hysterie durch seinen Reichtum an ähnlichen motori-
schen Symptomen, übertrifft diese aber in der Regel durch
die stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, etwa
wie bei einer Hypochondrie oder Melancholie, und durch die
Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen Schwächung und
Zerrüttung der seelischen Leistungen. Ein Verständnis ist
bisher weder für die Kriegsneurosen noch für die traumati-
schen Neurosen des Friedens erzielt worden. Bei den Kriegs-
neurosen wirkte es einerseits aufklärend, aber doch wieder-
um verwirrend, dass dasselbe Krankheitsbild gelegentlich ohne
Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zu Stande kommen
konnte; an der gemeinen traumatischen Neurose heben sich zwei
Züge hervor, an welche die Ueberlegung anknüpfen konnte,+/ Vgl. Zur Pychoanalyse der Kriegsneurosen, mit Beiträgen
von Ferenczi, Abraham, Simmel und E. Jones. Band I. Der
Internat. Psychoanalytischen Bibliothek, 1919.S.
6
erstens, dass das Hauptgewicht der Verursachung auf das Mo-
ment der Überraschung, auf den Schreck, zu fallen schien,
und zweitens, dass eine gleichzeitig erlittene Verletzung
oder Wunde zumeist der Entstehung der Neurose entgegenwirkte.
Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Aus-
drücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer Beziehung zur Ge-
fahr gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet einen gewissen
Zustand wie Erwartung der Gefahr und Vorbereitung auf diesel-
be, mag sie auch eine unbekannte sein; Furcht verlangt ein
bestimmtes Objekt, vor dem man sich fürchtet; Schreck aber be-
nennt den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr kommt,
ohne auf sie vorbereitet zu sein, betont das Moment der Ueber-
raschung. Ich glaube nicht, dass die Angst eine traumatische
Neurose erzeugen kann; an der Angst ist etwas, was gegen den
Schreck und also auch gegen die Schreckneurose schützt. Wir
werden auf diesen Satz später zurückkommen.Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten
Weg zur Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten.
Nun zeigt das Traumleben der traumatischen Neurose den Cha-
rakter, dass es den Kranken immer wieder in die Situation sei-
nes Unfalles zurückführt, aus der er mit neuem Schrecken erwacht.
Darüber verwundert man sich viel zu wenig. Man meint, es sei
eben ein Beweis für die Stärke des Eindrucks, den das trauma-
tische Erlebnis gemacht hat, dass es sich dem Kranken, sogar
im Schlaf immer wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trau-
ma sozusagen psychisch fixirt. Solche Fixirungen an das Er-
lebnis, welches die Erkrankung ausgelöst hat, sind uns seit
langem bei der Hysterie bekannt. Breuer und Freud äusserten
1893: Die Hysterischen leiden grossenteils an Reminiszenzen.
Auch bei den Kriegsneurosen haben Beobachter wie Ferenczi
und Simmel manche motorische Symptome durch Fixirung an
den Moment des Traumas erklären können.S.
7
Allein es ist mir nicht bekannt, dass die an traumatischer
Neurose Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinne-
rung an ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht bemühen sie
sich eher, nicht an ihn zu denken. Wenn man es als selbst-
verständlich hinnimmt, dass der nächtliche Traum sie wieder
in die krankmachende Situation versetzt, so verkennt man die
Natur des Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, dem Kran-
ken Bilder aus der Zeit der Gesundheit oder der erhofften Ge-
nesung vorzuführen. Sollen wir durch die Träume der Unfalls-
neurotiker nicht an der wunscherfüllenden Tendenz des Traumes
irre werden, so bleibt uns etwa noch die Auskunft, bei diesem
Zustand sei wie so vieles andere auch die Traumfunktion er-
schüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden.Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere Thema der
traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des
seelischen Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen
Betätigungen zu studieren. Ich meine das Kinderspiel.Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind erst kürzlich
von S. Pfeifer in der Imago (V/4) zusammengestellt und analytisch
gewürdigt worden; ich kann hier auf diese Arbeit verweisen.
Diese Theorien bemühen sich, die Motive des Spielens der
Kinder zu erraten, ohne dass dabei der oekonomische Gesichts-
punkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in den Vordergrund ge-
rückt würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen um-
fassen zu wollen, eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir
bot, um das erste selbstgeschaffene Spiel eines Knaben im
Alter von 1½ Jahre aufzuklären. Es war mehr als eine flüchti-
ge Beobachtung, denn ich lebte durch einige Wochen mit dem
Kinde und dessen Eltern unter einem Dach, und es dauerte ziem-
lich lange, bis das rätselhafte und andauernd wiederholte Tun
mir seinen Sinn verriet.S.
8
Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keines-
wegs voreilig, es sprach mit 1½ Jahren erst wenige verständ-
liche Worte und verfügte ausserdem über mehrere bedeutungs-
volle Laute, die von der Umgebung verstanden wurden. Aber
es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem einzigen
Dienstmädchen und wurde wegen seines „anständigen“ Chara-
kters gelobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, be-
folgte gewissenhaft die Verbote, manche Gegenstände zu be-
rühren und in gewisse Räume zu gehen, und vor allem anderen,
es weinte nie, wenn die Mutter es für Stunden verliess, ob-
wohl es dieser Mutter zärtlich anhing, die das Kind nicht
nur selbst genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe
gepflegt und betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die
gelegentlich störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände,
deren es habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimmerecke,
unter ein Bett u.s.w. zu schleudern, so dass das Zusammensu-
chen seines Spielzeuges oft keine leichte Arbeit war. Dabei
brachte es mit dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung
ein lautes, langgezogenesooooo‑o‑o‑o hervor, das nach dem überein-
stimmenden Urteil der Mutter und des Beobachters keine Inter-
jektion war, sondern „Fort“ bedeutete. Ich merkte endlich,
dass das ein Spiel sei, und dass das Kind alle seine Spielsa-
chen nur dazu benützte, mit ihnen „fortsein“ zu spielen.
Eines Tages machte ich dann die Beobachtung, die meine Auffas-
sung bestätigte. Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem
Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z.B. am Bo-
den hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen;
sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit grossem Ge-
schick über den Rand seines verhängten Bettchens, so dass sie
darin verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvollesooooo‑o‑o‑o undS.
9
zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, be-
grüsste aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen „Da“.
Das war also das komplette Spiel, Verschwinden und Wieder-
kommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam,
und dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel wieder-
holt, obwohl die grössere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt
anhing.Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammen-
hang mit der grossen kulturellen Leistung des Kindes, mit
dem von ihm zustande gebrachten Triebverzicht (Verzicht auf
Triebbefriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne Sträuben
zu gestatten. Es entschädigte sich gleichsam dafür, indem es
dasselbe Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm erreichba-
ren Gegenständen selbst in Szene setzte. Für die affektive Ein-
schätzung dieses Spieles ist es natürlich gleichgiltig, ob
das Kind es selbst erfunden oder sich infolge einer Anregung
zu eigen gemacht hatte. Unser Interesse wird sich einem ande-
ren Punkte zuwenden. Das Fortgehen der Mutter kann dem Kinde
unmöglich angenehm oder auch nur gleichgiltig gewesen sein. Wie
stimmt es also zum Lustprinzip, dass es dieses ihm peinliche
Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird vielleicht antworten
wollen, das Fortgehen müsste als Vorbedingung des erfreulichen
Wiedererscheinens gespielt werden, im letzteren sei die eigen-
tliche Spielabsicht gelegen. Dem würde die Beobachtung wider-
sprechen, dass der erste Akt, das Fortgehen, für sich allein
als Spiel inszeniert wurde, und zwar ungleich häufiger als
das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze.Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine si-
chere Entscheidung:; bei unbefangener Betrachtung gewinnt man
den Eindruck, dass das Kind das Erlebnis aus einem anderen Mo-
tivalszum Spielwiederholtgemacht hat. Es war dabei passiv, wurde vom Er-
lebnis betroffen und bringt sich nun in eine aktive Rolle, in-
dem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wieder-
holt. Dieses Bestreben könnte man einem BemächtigungstriebS.
9a
x) Diese Deutung wurde dann durch eine weitere
Beobachtung völlig gesichert. Als eines Tages die Mutter
über viele Stunden abwesend gewesen war, wurde
sie beim Wiederkom̄en mit der Mitteilung be-
grüßt: Bebi oooo! die zunächst unverständlich blieb.
Es ergab sich aber bald, daß das Kind während dieses
langen Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, sich
selbst verschwinden zu lassen., indemEs hatte sein
Bild in dem fast bis zum Boden reichenden Stand-
spiegel entdeckt und sich dann niedergekauert, so
daß das Spiegelbild „fort“ war.S.
10
zurechnen, der sich davon unabhängig macht, ob die Erinne-
rung an sich lustvoll war oder nicht. Man kann aber auch eine
andere Deutung versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, so
dass er fort ist, könnte die Befriedigung eines im Leben unter-
drückten Racheimpulses gegen die Mutter sein, weil sie vom Kin-
de fortgegangen ist, und dann die trotzige Bedeutung ha-
ben: Ja, geh nur fort, ich brauch dich nicht, ich schick dich
selber weg. Dasselbe Kind, das ich mit 1½ Jahren bei seinem
ersten Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später,ein Spielzeug,
über das es sich geäussrgert hatte, auf den Boden zu werfen und
dabei zu sagen: Geh in K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzählt,
der abwesende Vater befinde sich im Krieg, und es vermisste
den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten Anzeichen von
sich, dass es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden
wolle. Wir wissen auch von anderen Kindern, dass sie ähnliche
feindselige Regungen durch das Wegschleudern von Gegenständen,
an Stelle der Personen auszudrücken vermögen. x/ Man gerät so
in Zweifel, ob der Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu ver-
arbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich primär und un-
abhängig vom Lustprinzip äussern kann. Im hier diskutierten
Falle könnte er einen unangenehmen Eindruck doch nur darum im
Spiel wiederholen, weil mit dieser Wiederholung ein andersarti-
ger, aber direkter Lustgewinn verbunden ist.Auch die weitere Verfolgung des Kinderspieles hilft diesem unse-
rem Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man sieht,
dass die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben
grossen Eindruck gemacht hat, dass sie dabei die Stärke des
Eindrucks abreagieren und sich sozusagen zu Herren der Situation
machen. Aber anderseits ist es klar genug, dass all ihr Spie-
len unter dem Einfluss des Wunsches steht, der diese ihre Zeit+/ Vgl. Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit“,
Imago V/4., Sammlg. kl. Schr. zur Neurosenlehre. IV. Folge.S.
11
dominirt, des Wunsches: gross zu sein und so tun zu können
wie die Grossen. Man macht auch die Beobachtung, dass der Unlustchara-
ter des Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht.
Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder eine klei-
ne Operation an ihmgemachtausgeführt hat, so wird dies erschreckende Er-
lebnisin die Aktivität des Spielesganz gewiss zum Inhalt des
nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn aus anderer Quelle
ist dabei nicht zu übersehen. Indem das Kind aus der Passivität
des Erlebens in die Aktivität des Spieles übergeht, fügt es ei-
nem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren
war, und rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters.Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, dass die Annahme ei-
nes besonderen Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens über-
flüssig ist. Schliessen wir noch die Mahnungen an, dass das künst-
lerische Spielen und Nachahmen der Erwachsenen, das zum Unter-
schied vom Verhalten des Kindes auf die Person des Zuschauers
zielt, diesem die schmerzlichsten Eindrücke z.B. in der Tragödie
nicht erspart, und doch von ihm als hoher Genuss empfunden werden
kann. Wir werden so davon überzeugt, dass es auch unter der Herr-
schaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug gibt, um das an
sich Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung und seelischen Be-
arbeitung zu machen. Mag sich mit diesen in endlichen Lustgewinn
auslaufenden Fällen und Situationen eine oekonomisch gerichtete
Aesthetik befassen; für unsere Absichten leisten sie nichts, denn
sie setzen Existenz und Herrschaft des Lustprinzips voraus, und
zeugen nicht für die Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des Lust-
prinzips, d.h. solcher, die ursprünglicher als dies und von ihm unab-
hängig wären.S.
12
III.
Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich ge-
bracht, dass die nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik
heute ganz andere sind als zu Anfang. Zuerstals das den Kran-konnte der analysierende Arzt nichts anderes an-
ken verborgene
streben, als das dem Kranken verborgene Unbewusste zu erraten,
zusammenzusetzen und zur rechten Zeit mitzuteilen. Die Psychoana-
lyse war vor allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische
Aufgabe dadurch nicht gelöst war, trat sofort die nächste Absicht
auf, den Kranken zur Bestätigung der Konstruktion durch seine
eigene Erinnerung zu nötigen. Bei diesem Bemühen fiel das
Hauptgewicht auf die Widerstände des Kranken; die Kunst war
jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem Kranken zu zeigen und
ihn durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für die
als „Uebertragung“ wirkende Suggestion) zum Aufgeben der
Widerstände zu bewegen.Dann aber wurde es immer deutlicher, dass das gesteckte Ziel,
die Bewusstwerdung des Unbewussten, auch auf diesem Wege nicht
voll erreichbar ist. Der Kranke kann von dem in ihm Verdrängten
nicht alles erinnern, vielleicht gerade das Wesentliche nicht,
und erwirbt so keine Ueberzeugung von der Richtigkeit der ihm
mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr genötigt, das Ver-
drängte als gegenwärtiges Erlebnis zu wiederholen, anstatt es,
wie der Arzt es lieber sähe, als ein Stück der Vergangenheit
zu erinnern. Diese mit unerwünschter Treue auftretende Repro-
duktion hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also
des Oedipuskomplexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt und spielt
sich regelmässig auf dem Gebiete der Übertragung, das heisst der Be-
ziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung so weit ge-
bracht, so kann man sagen, die frühere Neurose sei nun durch
eine frische Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich
bemüht, den Bereich dieser Uebertragungsneurose möglichst einzuschränken, möglichst viel in die Erinnerung zu
drängen und möglichst wenig zur Wiederholung zuzulassen. DasS.
13
Verhältnis, das sich zwischen Erinnerung und Reproduktion her-
stellt, ist für jeden Fall ein anderes. In der Regel kann
der Arzt dem Analysierten diese Phase der Kur nicht ersparen;
er muss ihn ein gewisses Stück seines vergessenen Lebens
wiedererleben lassen und hat dafür zu sorgen, dass ein Mass von
Ueberlegenheit erhalten bleibt, kraft dessen die anscheinen-
de Realität dochnichtimmer wieder als Spielzeuggelung einer ver-
gessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies, so ist die
Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige therapeu-
tische Erfolg gewonnen.Um diesen „Wiederholungszwang“, der sich während der psy-
choanalytischen Behandlung der Neurotiker äussert, begreifli-
cher zu finden, muss man sich vor allem von dem Irrtum frei
machen, man habe es bei der Bekämpfung der Widerstände mit
dem Widerstand des Unbewussten zu tun. Das Unbewusste, d.h.
„das Verdrängte“, leistet den Bemühungen der Kur überhaupt kei-
nen Widerstand, es strebt ja selbst nichts anderes an, als ge-
gen den auf ihm lastenden Druck zum Bewusstsein oder zur Ab-
fuhr durch die reale Tat durchzudringen. Der Widerstand in der
Kur geht von denselben höheren Schichten und Systemen des Seelen-
lebens aus, die seinerzeit die Verdrängung durchgeführt haben.
Da aber die Motive der Widerstände, ja diese selbst erfahrungs-
mässig in der Kur zunächst unbewusst sind, werden wir gemahnt,
eine Unzweckmässigkeit unserer Ausdrucksweise zu verbessern.
Wir entgehen der Unklarheit, wenn wir nicht das Bewusste und
das Unbewusste, sondern das zusammenhängende Ich und das Ver-
drängte in Gegensatz zu einander bringen. Vieles am Ich mag
selbst unbewusst sein; wahrscheinlich nur einen Teil davon
decken wir mit dem Namen des Vorbewussten. Nach dieser Er-
setzung einer bloss deskriptiven Ausdrucksweise durch eineS.
14
systematische oder dynamische können wir sagen, der Wider-
stand der Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann er-
fassen wir sofort, der Wiederholungs-
zwang ist dem unbewussten Verdrängten zuzuschreiben. Er
konnte sich wahrscheinlich nicht eher äussern, als bis die
entgegenkommende Arbeit der Kur, die Verdrängung gelockert
hatte.Es ist kein Zweifel, dass der Widerstand des bewussten und
vorbewussten Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will
ja die Unlust ersparen, die durch das Freiwerden des Ver-
drängten erregt würde, und unsere Bemühung geht dahin, solcher
Unlust unter Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung
zu erwirken. In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber
der Wiederholungszwang, die Kraftäusserung des Verdrängten?
Es ist klar, dass das meiste, was der Wiederholungszwang wie-
dererleben lässt, dem Ich Unlust bringen muss, denn er fördert
ja Leistungen verdrängter Triebregungen zu Tage; aber das
ist Unlust, die wir schon gewürdigt haben, die dem Lustprin-
zip nicht widerspricht, Unlust für das eine System und gleich-
zeitig Befriedigung für das andere. Die neue und merkwürdige
Tatsache aber, die wir jetzt zu beschreiben haben, ist, dass
der Wiederholungszwang auch solche Erlebnisse der Vergangen-
heit wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit enthalten, die
auch damals nicht Befriedigungen, selbst nicht von seither
verdrängten Triebregungen, gewesen sein können.Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der
Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der Realität und der Un-
zulänglichkeit der kindlichen Entwicklungsstufe zum Unter-
gang bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten Anlässen un-
ter tief schmerzlichen Empfindungen zu Grunde. Der LiebesverlustS.
15
und das Misslingen hinterliessen eine dauernde
Beeinträchtigung des Selbstgefühls als narzistische Nar-
be, Die Sexualforschung, der durch die körperliche Ent-
wicklung des Kindes Schranken gesetzt werden, brachte es
zu keinem befriedigenden Abschluss; daher die spätere Kla-
ge: Ich kann nichts fertigbringen, mir kann nichts gelingen.
Die zärtliche Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen
Elternteil, erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen War-
ten auf Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt ei-
nes neuen Kindes, die unzweideutig die Untreue des oder der
Geliebten erwies; der eigene mit tragischem Ernst unter-
nommene Versuch, selbst ein solches Kind zu schaffen, miss-
lang in beschämender Weise; die Abnahme der dem Kleinen ge-
spendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte Anspruch der Er-
ziehung, ernste Worte und eine gelegentliche Bestrafung hatten
endlich den ganzen Umfang der ihm zugefallenen Verschmähung
enthüllt. Es gibtdahier einige wenige Typen, die re-
gelmässig wiederfindenkehren,undwie der typischen Liebe dieser Kinder-
zeit ein Ende gesetzent wird.Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affektla-
gen werden nun vom Neurotiker in der Uebertragung wieder-
holt und mit grossem Geschick neu belebt. Sie streben den
Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen sich den Ein-
druck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu
harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie
finden die geeignteten Objekte für ihre Eifersucht, sie er-
setzen das heiss begehrte Kind der Urzeit durch den Vor-
satz oder das Versprechen eines grossen Geschenkes, das meist
ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von alledem konnte
damals lustbringend sein; man sollte meinen, es müsste heute
die geringere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung auftau-
chte, als wenn es sich zum neuen Erlebnis gestaltete. Aber
ein Zwang drängt zum letzteren.S.
S.
16
Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Uebertragungsphänomenen
der Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neuroti-
scher Personen wiederfinden. Es macht bei diesen den Eindruck
eines sie verfolgenden Schicksals, eines dämonischen Zuges in
ihrem Erleben, und die Psychoanalyse hat von Anfang an solches
Schicksal für zum grossen Teil selbstbereitet und durch frühin-
fantile Einflüsse determiniert gehalten. Der Zwang, der sich da-
bei äussert, ist vom Wiederholungszwang der Neurotiker nicht ver-
schieden, wenngleich diese Personen niemals die Zeichen eines
durch Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts geboten
haben. So kennt man Personen, bei denen jede menschliche Beziehung
den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die von jedem ihrer
Schützlinge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so ver-
schieden diese sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint,
alle Bitterkeit des Undanks auszukosten; Männer, bei denen jede
Freundschaft den Ausgang nimmt, dass der Freund sie verrät; an-
dere, die es unbestimmt oft in ihrem Leben wiederholen, eine
andere Person zur grossen Autorität für sich oder auch für die
Oeffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach abgemes-
sener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen;
Liebende, bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe diesel-
ben Phasen durchmacht und zum gleichen Ende führt u.s.w., u.s.w.
Wir verwundern uns über diese „ewige Wiederkehr des Gleichen“
nur wenig, wenn es sich um ein aktives Verhalten des Betreffenden
handelt, und wenn wir den sich gleichbleibenden Charakterzug sei-
nes Wesens auffinden, der sich in der Wiederholung der nämlichen
Erlebnisse äussern muss. Weit stärker wirken jene Fälle auf uns,
bei denen die Person etwas passiv zu erleben scheint, worauf ihr
ein Einfluss nicht zusteht, während sie doch immer nur die WiederholungS.
17
desselben Schicksals erlebt. Man denke z.B. an die Ge-
schichte jener Frau, die dreimal nacheinander Männer heira-
tete, die nach kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode
gepflegt werden mussten.+/ Die ergreifendste, poetische
Darstellung eines solchen Schicksalszuges hat Tasso im
romantischen Epos „Gerusalemme liberata“ gegeben. Held
Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda ge-
tötet, als sie in der Rüstung eines feindseligenlichen Ritters
mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den unheim-
lichen Zauberwald ein, der das Heer der Kreuzfahrer schreckt.
Dort zerhaut er einen hohen Baum mit seinem Schwerte, aber aus
der Wunde des Baumes strömt Blut, und die Stimme Clorinda’s,
deren Seele in diesen Baum gebannt war, klagt ihn an, dass er
wiederum die Geliebte geschädigt habe.Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der
Uebertragung und aus dem Schicksal der Menschen werden wir den
Mut zur Annahme finden, dass es im Seelenleben wirklich einen
Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaus-
setzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein, die Träume desr Un-
fallsneurotikersund den Antrieb zum Spiel des Kindes auf die-
sen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen, dass
wir die Wirkungen des Wiederholungszwangesunsnur in seltenen
Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können.
Beim Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben, welche ande-
re Deutungen seine Entstehung zulässt. Wiederholungszwang und
direkte lustvolle Triebbefriedigung scheinen sich dabei zu in-
timer Gemeinsamkeit zu verschränken. Die Phänomene der Uebertragung3/V
ngl. hiezu die treffende Bemerkung in dem Aufsatz von
C. G. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des
Einzelnen, Jahrb. f. Psychoanalyse I., 1909.S.
18
stehen offenkundig im Dienste des Widerstandes von Seiten
des auf der Verdrängung beharrenden Ichs; der Wiederholungs-
zwang wird gleichsam vom Ich, das am Lustprinzip festhal-
ten will, zur Hilfe gerufen. An dem, was man den Schicksals-
zwang nennen könnte, scheint uns vieles durch die rationelle Er-
wägung verständlich, so dass man ein Bedürfnis nach der Auf-
stellung eines neuen geheimnisvollen Motivs nicht verspürt.
Am unverdächtigsten ist vielleicht der Fall der Unfallsträume,
aber bei näherer Ueberlegung muss man doch zugestehen, dass
auch in den anderen Beispielen der Sachverhalt durch die Lei-
stung der uns bekannten Motive nicht gedeckt wird. Es bleibt
genug übrig, was die Annahme des Wiederholungszwanges recht-
fertigt, und dieserberscheint uns ursprünglicher, elementarer,
triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip.
Wenn es aber einen solchen Wiederholungszwang im Seelischen
giebt, so möchten wir gerne etwas darüber wissen, welcher Fun-
ktion er entspricht, unter welchen Bedingungen er hervortreten
kann, und in welcher Beziehung er zum Lustprinzip steht, dem
wir doch bisher die Herrschaft über den Ablauf der Erregungsvor-
gänge im Seelenleben zugetraut haben.IV.
Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spe-
kulation, die ein jeder nach seiner besonderen Einstellung wür-
digen oder vernachlässigen wird.Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der Unter-
suchung unbewusster Vorgänge empfangenen Eindruck an, dass
das Bewusstsein nicht der allgemeinste Charakter der seeli-
schen Vorgänge, sondern nur eine besondere Funktion dersel-
ben sein könne. In metapsychologischer Ausdrucksweise behauptetS.
S.
19
sie, das Bewusstsein sei die Leistung eines besonderen Systems,
das sie Bw. benennt. Da das Bewusstsein im Wesentlichen Wahr-
nehmungen von Erregungen liefert, die aus der Aussenwelt kom-
men, und Empfindungen von Lust und Unlust, die nur aus dem Inne-
ren des seelischen Apparates stammen können, kann dem System
Bw‑W eine räumliche Stellung zugewiesen werden. Es muss an der
Grenze von aussen und innen liegen, der Aussenwelt zugekehrt
sein und die anderen psychischen Systeme umhüllen. Wir bemer-
ken dann, dass wir mit diesen Annahmen nichts Neues gewagt,
sondern uns der lokalisierenden Hirnanatomie angeschlossen
haben, welche den „Sitz“ des Bewusstseins in die Hirnrinde, in
die äusserste, umhüllende Schicht des Zentralorgans verlegt.
Die Hirnanatomie braucht sich keine Gedanken darüber zu ma-
chen, warum – anatomisch gesprochen – das Bewusstsein gerade an
der Oberfläche des Gehirns untergebracht ist, anstatt wohlver-
wahrt irgendwo im innersten Innern desselben zu hausen.
Vielleicht bringen wir es in der Ableitung einer solchen Lage
für unser System W-Bw weiter.Das Bewusstsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die
wir den Vorgängen in diesem System zuschreiben. Wir stützen uns
auf die Eindrücke unserer psychoanalytischen Erfahrung, wenn
wir annehmen, dass alle Erregungsvorgänge in den anderen Sy-
stemendaselbstDauerspuren als Grundlage des Gedächtnisses
in diesen hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem Bewusst-
werden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten und haltbarsten
wenn der sie zurücklassende Vorgang niemals zum Bewusstsein
gekommen ist. Wir finden es aber beschwerlich zu glauben, dass
solche Dauerspuren der Erregung auch im System Bw‑W zu Stande
kommen. Sie würden die Eignung des Systems zur Aufnahme neuer
Erregungen sehr bald einschränken +/, wenn sie immer bewusst+/ Dies durchaus nach J. Breuers Auseinandersetzung im theore-
tischen Abschnitt der „Studien über Hysterie“,1895.S.
20
blieben; im anderen Falle, wenn sie unbewusst würden, stellten
sie uns vor die Aufgabe, die Existenz unbewusster Vorgänge in
einem System zu erklären, dessen Funktionieren sonst vom Phä-
nomen des Bewusstseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen
durch unsere Annahme, welche das Bewusstwerden in ein beson-
deres System verweist, nichts verändert und nichts gewonnen.
Wenn dies auch keine absolut verbindliche Erwägung sein mag,
so kann sie uns doch zur Vermutung bewegen, dass Bewusstwerden
und Hinterlassung einer Gedächtnisspur für dasselbe System mit
einander unverträglich sind. Wir würden so sagen können, im
System Bw werde der Erregungsvorgang bewusst, hinterlasse aber
keine Dauerspur; alle die Spuren desselben, auf welche sich die
Erinnerung stützt, könnämen bei der Fortpflanzung der Erregung
auf die nächsten inneren Systeme in diesen zu Stande. In diesem Sinne
ist auch das Schema entworfen, welches ich dem spekulativen
Abschnitt meiner „Traumdeutung“ 1900 eingefügt habe. Wenn man
bedenkt, wie wenig wir aus anderen Quellen über die Entstehung
des Bewusstseins wissen, wird man dem Satze, das Bewusstsein entste-
he an Stelle der Erinnerungsspur wenigstens die Bedeutung ei-
ner irgendwie bestimmten Behauptung einräumen müssen.Das System Bw. wäre also durch die Besonderheit ausgezeichnet,
dass der Erregungsvorgang in ihm nicht wie in allen anderen
psychischen Systemen eine dauernde Veränderungihrerseiner Elemente
hinterlässt, sondern gleichsam im Phänomen des Bewusstwerdens
verpufft. Eine solche Abweichung von der allgemeinen Regel for-
dert eine Erklärung durch ein Moment, welches ausschliesslich
bei diesem einen Systemabzusprechende Momentin Betracht kommt,S.
21
und dies den anderen Systemen abzusprechende Moment könnte
leicht die exponierte Lage des Systems Bw sein, sein unmit-
telbares Anstossen an die Aussenwelt.Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner grösstmögli-
chen Vereinfachungvorals undifferenziertes Bläschen reiz-
barer Substanz vor; dann ist seine der Aussenwelt zugekehrte
Oberfläche durchIihre Lage selbst differenziert und dient als
Rreizaufnehmendes Organ. Die Embriyologie als Wiederholung der
Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirklich, dass das Zentral-
nervensystem aus dem Ectoderm hervorgeht, und die graue Hirn-
rinde ist noch immer ein Abkömmling der primitiven Oberflä-
che und könnte wesentliche Eigenschaften derselben durch
Erbschaft übernommen haben. Es wäre dann leicht denkbar, dass
durch unausgesetzten Anprall der äusseren Reize an die
Oberfläche des Bläschens dessen Substanz bis in eine gewisse
Tiefe dauernd verändert wird, so dass ihr Erregungsvorgang
anders abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete sich so
eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so durchgebrannt
ist, dass sie der Reizaufnahme die günstigsten Verhältnisse
entgegenbringt und einer weiteren Modifikation nicht fähig
ist. Auf das System Bw übertragen würde dies meinen, dass des-
sen Elemente keine Dauerveränderung beim Durchgang der Erregungnichtmehr
annehmen können, weil sie bereits aufs äusserste im Sinne die-
ser Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie aber befähigt,
das Bewusstsein entstehen zu lassen. Worin diese Modifikation
derInstanzSubstanz und des Erregungsvorganges in ihr besteht,
darüber kann man sich mancherlei Vorstellungen machen, die
sich derzeit der Prüfung derzeit entziehen. Man kann annehmen, die Er-
regung habe bei ihrem Fortgang von einem Element zum anderen
einen Widerstand zu überweinden, und diese Verringerung desS.
22
Widerstandes setze
aebern die Dauerspur der Erregung (Bahnung):;
im System Bw bestünde also ein solcher Uebergangswiderstand
von einem Element zum anderen nicht mehr. Man kann mit die-
ser Vorstellung die Breuer’sche Unterscheidung von ruhen-
der (gebundener) und frei beweglicher Besetzungsenergie in
den Elementen der psychischen Systeme zusammenbringen; +/
die Elemente des Systems Bw würden dann keine gebundene und
nurunfrei abfuhrfähigenEnergie führen. Aber ich meine, vorläu-
fig ist es besser, wenn man sich über diese Verhältnisse möglichst
unbestimmt äussert. Immerhin hätten wir durch diese Spekula-
tionen die Entstehung des Bewusstseins in einen gewissen Zu-
sammenhang mit der Lage des Systems Bw und dem ihm zuzuschrei-
benden Besonderheiten des Erregungsvorganges verflochten.An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden Rinden-
schichte haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses Stückchen
lebender Substanz schwebt inmitten einer mit den stärksten
Energien geladenen Aussenwelt und würde von den Reizwirkungen
derselben erschlagen werden, wenn es nicht mit einem Reiz-
schutz versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, dass seine
äusserste Oberfläche die dem Lebenden zukommende Struktur
aufgiebt, gewissermassen anorganisch wird und nun als eine
besondere Hülle oder Membran reizabhaltend wirkt, d.h. ver-
anlasst, dass die Energien der Aussenwelt sich nur mit einem
Bruchteil ihrer Intensität auf die nächsten lebend gebliebe-
nen Schichten fortsetzen können. Diese können nun hinter dem
Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen Reizmengen
widmen. Die Aussenschicht hat aber durch ihr Absterben alle
tieferen vor dem gleichen Schicksal bewahrt, wenigstens so+/ Studien über Hysterie von I. Breuer u. S. Freud
3. unveränderte Auflage, 1917.S.
23
lange bis nicht Reize von solcher Stärke herankommen
.,
dass sie den Reizschutz durchbrechen. Für den lebenden
Organismus ist der Reizschutz eine beinahe wichtigere
Aufgabe als die Reizaufnahme; er ist mit einem eigenen
Energievorrat ausgestattet und muss vor allem bestrebt
sein, die besonderen Formen der Energieumsetzung, dies
in ihm spielen, vor dem gleichmachenden, also zerstören-
den Einfluss der übergrossen, draussen arbeitenden Ener-
gien zu bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem der
Absicht, Richtung und Art der äusseren Reize zu erfahren
und dazu muss es genügen, der Aussenwelt kleine Proben
zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten zu verkosten.
Bei den hochentwickelten Organismen hat sich die reiz-
aufnehmende Rindenschicht des einstigen Bläschens längst
in die Tiefe des Körperinnern zurückgezogen, aber Antei-
le von ihr sind an der Oberfläche unmittelbar unter dem
allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind die
Sinnesorgane, die im Wesentlichen Einrichtungen zur Auf-
nahme spezifischer Reizeinwirkungen enthalten, aber ausser-
dem besondere Vorrichtungen zu neuerlichem Schutz gegen
übergrosse Reizmengen und zur Abhaltung unangemessener
Reizarten. Es ist für sie charakteristisch, dass sie nur
sehr geringe Quantitäten des äusseren Reizes verarbeiten,
sie nehmen nur Stichproben der Aussenwelt vor, vielleicht
darf man sie Fühlern vergleichen, die sich an die Aussen-
welt heranltasten und dannnurimmer wieder von ihr zurück-
ziehen.Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu
berühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen
würdee. Der Kant’sche Satz, dass Zeit und Raum notwen-
dige Formen unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisserS.
24
psychoanalytischer Er
Kkenntnisse einer Diskussion unter-
zogen werden. Wir haben erfahren, dass die unbewussten Seelen-
vorgänge an sich „zeitlos“ sind. Das heisst zunächst, dass
sie nicht zeitlich geordnet werden, dass die Zeit nichts an
ihnen verändert, dass man die Zeitvorstellung nicht an sie he-
ranbringen kann. Es sind dies negative Charaktere, die man sich
nur durch Vergleichung mit den bewussten seelischen Prozessen
deutlich machen kann. Unsere,abstrakte Zeitvorstellung scheint
vielmehr durchaus von der Arbeitsweise des Systems Bw‑W herge-
holt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu entspre-
chen. Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer
Weg des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiss, dass diese
Behauptungen sehr dunkel klingen, muss mich aber auf solche
Andeutungen beschränken.Die andere Abstraktion, die sich an
das Funktionieren von BW anknüpfen lässt, ist aber nicht Raum,
sondern Stoff (Substanz)Wir haben bisher ausgeführt, dass das lebende Bläschen mit ei-
nem Reizschutz gegen die Ausssenwelt ausgestattet ist. Vorhin
hatten wir festgelegt, dass die nächste Rindenschicht desselben
als Organ zur Reizaufnahme von aussen differenzirt sein muss.
Diese empfindlicheRindschichtspätereRindenschicht, das spä-
tere System Bw, empfängt aber auch Erregungen von innen her;
die Stellung dessSystems zwischen aussen und innen, und die
Verschiedenheit der Bedingungen für die Einwirkung von der ei-
nen und der anderen Seite werden massgebend für die Leistung
dessSystems und des ganzen seelischen Apparats. Gegen aussen
giebt es einen Reizschutz, die ankommenden ErregungsgrössenS.
25
werden nur in verkleinerten Masstab wirken; nach innen
zu ist ein Reizschutz unmöglich, die Erregungen der tie-
feren Schichten setzen sich direkt und in unverringertem
Mass auf das System fort, indem gewisse Charaktere ihres
Ablaufs die Reihe der Lust‑ Unlustempfindungen erzeugen.
Allerdings werden die von innen kommenden Erregungen nach
ihrer Intensität und nach anderen qualitativen Charakteren
(eventuell nach ihrer Amyplitude) der Arbeitsweise des Sy-
stems adaequater sein,als die von der Aussenwelt zuströmen-
den Reize. Aber zweierlei ist durch diese Verhältnisse ent-
scheidend bestimmt, erstens die Praevalenz der Lust‑und Un-
lustempfindungen, die ein Index für Vorgänge im Innern des
Apparats sind, über alle äusseren Reize, und zweitens eine
Richtung des Verhaltens gegen solche innere Erregungen, wel-
che allzu grosse Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird sich
die Neigung ergeben, sie so zu behandeln, als ob sie nicht
von innen, sondern von aussen her einwirkten, um die Abwehr-
mittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu
können. Dies ist die Herkunft der Projektion, der eine so gros-
se Rolle bei der Verursachung pathologischer Prozesse vorbe-
halten ist.Ich habe den Eindruck, dass wir durch die letzten Ueberlegun-
gen,die Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis ange-
nähert haben; eine Aufklärung jener Fälle, die sich ihm wider-
setzen, haben wir aber nicht erreicht. Gehen wir darum einen
Schritt weiter. Solche Erregungen von aussen, die stark ge-
nug sind, den Reizschutz zu durchbrechen heissen wir traumati-
sche. Ich glaube, dass der Begriff des Traumas eine solcheS.
26
Beziehung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein
Vorkommnis,wie das äussere Trauma wird gewiss eine grossartige
Störung im Energiebetrieb des Organismus hervorrufen und alle
Abwehrmittel in Bewegung setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei
zunächst aussser Kraft gesetzt. Die Ueberschwemmung des seeli-
schen Apparates mit grossen Reizmengen ist nicht mehr hintanzu-
halten; es ergiebt sich vielmehr eine andere Aufgabe, den Reiz
zu bewältigen, die hereingebrochenen Reizmengen psychisch zu bin-
den, um sie dann der Erledigung zuzuführen.WaWahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen
Schmerzes der Erfolg davon, dass der Reizschutz in beschränktem
Umfange durchbrochen wurde. Von dieser Stelle der Peripherie
strömen dann dem seelischen Zentralapparat kontinuierliche Erre-
gungen zu, wie sie sonst nur aus dem Innern des Apparats kom-
men konnten.+/Und was können wir als die Reaktion des Seelenlebens
auf diesen Einbruch erwarten? Von allen Seiten her wird die Bese-
tzungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung der Einbruchstelle
entsprechend hohe Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird eine
grossartige „Gegenbesetzung“ hergestellt, zu deren Gunsten
alle anderen psychischen Systeme verarmen., so dass eine ausge-
dehnte Lähmung oder Herabsetzung der sonstigen psychischen Lei-
stung erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, un-
sere metapsychologischen Vermutungen an solche Vorbilder anzu-
lehnen. Wir ziehen also aus diesem Verhalten den Schluss, dass
ein selbst hochbesetztes System im Stande ist, neu hinzukommen-
de strömende Energie aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung umzu-
wandeln, also sie psychisch zu „binden“. Je höher die eigene ruhende+/ Vgl. Triebe und Triebschicksale.Sammlg.kl.Schriften zur Neuro-
senlehre IV.,1919.S.
27
Besetzung ist, desto grösser wäre auch ihre bindende Kraft;
umgekehrt also je niedriger seine Besetzung ist, desto weni-
ger wird das System für die Aufnahme zuströmender Energie be-
fähigt sein, desto gewaltsamer müssen dann die Folgen eines
solchen Durchbruches des Reizschutzes sein. Man wird gegen die-
se Auffassung nicht mit Recht einverstanwenden, dass die Erhöhung
der Besetzungen um die Einbruchsstelle sich weit einfacher aus
der direkten Fortleitung der ankommenden Erregungsmengen er-
kläre. Wenn dem so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur
eine Vermehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, und der
lähmende Charakter des Schmerzes, die Verarmung aller anderen
Systeme bliebe unaufgeklärt. Auch die sehr heftigen Abfuhrwir-
kungrn des Schmerzes stören unsere Erklärung nicht, denn sie
gehen reflektorisch vor sich, d.h. sie erfolgen ohne Vermitt-
lung des seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit all unserer
Erörterungen, die wir metapsychologische heissen, rührt natürlich
daher, dass wir nichts über die Natur des Erregungsvorganges in
den Elementen der psychischen Systeme wissen und uns zu keiner
Aufnnahme darüber berechtigt fühlen. So operiren wir also stets
mit einem grossen X, welches wir in jede neue Formel mit hinü-
bernehmen. Dass dieser Vorgang sich mit quantitativ verschie-
denen Energien vollzieht, ist eine leicht zulässige Forderung,
dass er auch mehr als eine Qualität (z.B. in der Art einer
Amplitude) hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu haben wir
die Aufstellung Breuers in Betracht gezogen, dass es sich um
zweierlei Formen der Energieerfüllung handelt, so dass eine frei-
strömende, nach Abfuhr drängende und eine ruhende Besetzung
der psychischen Systeme (oder ihrer Elemente) zu unterscheiden ist.S.
28
Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, dass die „Bindung“
der in den seelischen Apparat einströmenden Energie in ei-
ner Überführung aus dem frei strömenden in den ruhenden Zu-
stand besteht.Ich glaube, man darf den Versuch wagen,
diedie gemeine trau-
matische Neurose als die Folge eines ausgiebigen Durchbruchs
des Reizschutzes aufzufassen. Damit wärealsodie alte, nai-
ve Lehre vom Schock in ihre Rechte eingesetzt, anscheinend im
Gegensatz zu einer späteren und psychologisch anspruchsvolleren,
welche nicht der mechanischen Gewalteinwirkung, sondern dem
Schreck und der Lebensbedrohung die aetiologische Bedeutung
zuspricht. Allein diese Gegensätze sind nicht unversöhnlich,
und die psychoanalytische Auffassung der traumatischen Neuro-
se ist mit der rohesten Form der Schocktheorie nicht identisch.
Versetzt letztere das Wesen des Schocks in die direkte Schädi-
gung der molekularen Struktur, oder selbst der histologischen
Struktur der nerwvösen Elemente, so suchen wir dessen Wirkung
aus der Durchbrechung des Reizschutzes für das Seelenorgan und
aus den daraus sich ergebenden Aufgaben¿¿¿zu verstehen. Der
Schreck behält seine Bedeutung auch für uns. Seine Bedingung
ist das Fehlen der Angstbereitschaft, welche die Ueberbese-
tzung der den Reiz zunächst aufnehmenden Systeme einschliesst.
Infolge dieser niedrigeren Besetzung sind die Systeme dann
nicht gut im Stande, die ankommenden Erregungsmengen zu binden,
die Folgen der Durchbrechung des Reizschutzes stellen sich
um sovieles leichter ein. Wir finden so, dass die Angstbereit-
schaft mit der Ueberbesetzung der aufnehmenden Systeme die letz-
te Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl von
Traumen mag der Unterschied zwischen dem unvorbereiteten undS.
29
den durch Ueberbesetzung vorbereiteten Systemen das für den
Ausgang entscheidende Moment sein; von einer gewissen Stär-
ke des Traumas an wird er wohl nicht mehr ins Gewicht fallen.
Wenn die Träume der Unfallsneurotiker die Kranken so regel-
mässig in die Situation des Unfalles zurückführen, so dienen
suie damit allerdings nicht der Wunscherfüllung, deren hallu-
zinatorische Herbeiführung ihnen unter der Herrschaft des
Lustprinzips zur Funktion geworden ist. Aber wir dürfen an-
nehmen, dass sie sich dadaurch einer anderen Aufgabe zur Ver-
fügung stellen, deren Lösung vorangehen muss, ehe das Lust-
prinzip seine Herrschaft beginnen kann. Diese Träume suchen
die Reizbewältigung unter Angstentwicklung nachzuholen, deren
Unterlassung die Ursache der traumatischen Neurose geworden
ist. Sie geben uns so einen Ausblick auf eine Funktion des
seelischen Apparats, welche,iohne dem Lustprinzip zu wider-
sprechen, doch unabhängig von ihm ist und ursprünglicher
scheint als die Absicht des Lustgewinns und der Unlustver-
meidung. 1⎾Von den „Kriegsneurosen“, soweit diese Bezeichnung
mehr als die Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet,
habe ich an anderer Stelle ausgeführt, dass sie sehr wohl
traumatische Neurosen sein könnten, die durch einen Ichkon-
flikt erleichtert worden sind.+/ 2⎾V.
Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rinden-
schicht gegen Erregungen von innen her wird die Folge haben
müssen, dass diese Reizübertragungen die grössere oekonomi-
sche Bedeutung gewinnen und häufig zu oekonomischen Störun-
gen Anlass geben, die den traumatischen Neurosen gleichzustellen2⎾+/Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung.
Internationale Psychoanalytische Bibliothek Nr.1, 1919.S.
29a
Hier wäre also die Stelle, zuerst
eine Ausnahme von dem Satze, der Traum
ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen.
Die Angstträume sind keine solche Ausnahme,
wie ich wiederholt und eingehend gezeigt
habe, auch die „Strafträume“ nicht, denn
diese setzen nur an die Stelle der verpönten
Wunscherfüllung die dafür gebührende
Strafe, sind also die Wunscherfüllung
des auf den verworfenen Trieb reagiren-
den Schuldbewußtseins. Aber die oben
erwähnten Träume der Unfallsneurotik-
er lassen sich nicht mehr unter den
Gesichtspunkt der Wunscherfüllung
bringen, und ebensowenig die in den
Psychoanalysentvorfallenden Träume,
die uns die Erinnerung der psychischen
Traumen der Kindheit wiederbringen.
Sie gehorchen vielmehr dem Wiederholungs-
zwang, der in der Analyse allerdings durch
den – nicht unbewußten Wunsch, das
Vergessene und Verdrängte heraufzu-
beschwören, unterstützt wird. So wäre
also auch die Funktion des Traumes,
Motive zur Unterbrechung des Schlafes
durch Wunscherfüllung der störenden
Regungen zu beseitigen, nicht seine
ursprüngliche; er konnte sich ihrer erst
bemächtigen, nachdem das gesamte
Seelenleben die Herrschaft des Lust-
prinzips angenom̄en hatte. Giebt es
ein „Jenseits des Lustprinzips“, so ist
es nur folgerichtig, auch für die wunsch-
erfüllende Tendenz des Traumes eine
Vorzeit zuzulassen.
Nur erhebt sich, wenn diese Tendenz
einmal durchbrochen ist, die weitereS.
S.
29c
xx) Die auf S x erwähnte Tatsache, daß eine gleich-
zeitige grobe Verletzung durch das Trauma die Chance für
die Entstehung einer
Neurose verringert, ist nicht mehr unverständlich,
wenn man zweier von der psychoanalytischen
Forschung betonter Verhältniße gedenkt.
Erstens, daß mechanische Erschütterung als eine
der Quellen der Sexualerregung anerkannt
werden muss (vgl die Bemerkungen über
dieden EinflußWirkung des Schaukelns und Eisenbahnfahrens
in „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
4 Aufl, 1920, S x), und zweitens, daß dem schmerz-
haften und fieberhaften Kranksein ein mächtiger
Einfluß auf die Verteilung der Libido
während seiner Dauer zukom̄t. So würde
also die mechanische Gewalt des Traumas
diedas Quantum Sexualerregung freimachen,
welches infolge der mangelnden Angstvorbe-
reitung traumatisch wirkt. Die gleichzeitige
Körperverletzung würde aber durch die Anspruch-
nahme einer narzißtischen Überbesetzung
des leidenden Organs den Überschuß an Erreg-
ung binden (S. z. Zur Einführung des Narzißmus,
Kl. Schriften zur Neurosenlehre, vierte Folge
1918). Es ist auch bekannt, aber für die Libidotheorie
nicht genügend verwertet worden, daß so
schwere Störungen in der Libidoverteilung
wie die einer Melancholie durch eine
interkurrente organische Erkrankung zeit-
weilig rückgaufgehoben werden, ja daß
sogar der Zustand einer voll entwickelten
Dementia praecox unter der nämlichen Be-
dingung einer vorübergehenden Rückbildung
fähig ist.S.
30
sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erre-
gung sind die sogenannten Triebe des Organismus, die Reprae-
sentatnten aller aus dem Körperinneren stammenden, auf den
seelischen Apparat übertragenen Kraftwirkungen, selbst das
wichtigste wie das dunkelste Element der psychologischen
Forschung.Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu
mgewagt, dass
die von den Trieben ausgehenden Regungen nicht den Typus des
gebundenen, sondern den des frei beweglichen, nach Abfuhr
drängenden.Nervenvorganges einhalten. Das Beste, was wir
über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der Traum-
arbeit her. Dabei fanden wir, daß die Prozeße in den unbe-
wussten Systemen von denen in den (vor‑)bewussten gründlich
verschiedeen sind, daß im Unbewussten Besetzungen leicht voll-
ständig übertragen, verschoben, verdichtet werden können, was
nur fehlerhafte Resultate ergeben könnte, wenn es an vorbe-
wusstem Material geschähe, und was darum auch die bekannten
Sonderbarkeiten des manifesten Traumes ergiebt, nachdem die
vorbewussten Tagesreste die Bearbeitung nach den Gesetzen des
Unbewussten erfahren haben. Ich nannte die Art dieser Prozesse
im Unbewussten den psychischen „Primärvorgang“ zum Unterschied
von dem für unser normales Wachleben giltigen Sekundärvorgang.
Da die Triebregungen alle an deniunbewussten Systemen angreifen,
ist es kaum eine Neuerung zu sagen, dass sie dem Primärvorgang
folgen, und anderseits gehört wenig dazu, um den psychischen
Primärvorgang mit der frei beweglichen Besetzung, den Sekun-
därvorgang mit Veränderungen an der gebundenen oder tonischen
Besetzung Breuers zu identifiziren+/ Es wäre dann die Aufgabe+/ Vgl. den Abschnitt VII. Psychologie der Traumvorgänge in
meiner „Traumdeutung“S.
31
der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im
Primärvorgang anlangende Erregung der Triebe zu binden. Das
Misglücken dieser Bindung würde eine der traumatischen Neuro-
se analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter Bindung
könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner
Modifikation)zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzten:
Bis dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelenapparates,
die Erregung zu bewältigen oder zu binden, voranstehen, zwar
nicht im Gegensatz zum Lustprinzip aber unanbhängig von ihm
und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses.Die Aüsserungen eines Wiederholungszwanges, die wir an
den frühen Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens,wie an den
Erlebnissen der psychoanalytischen Kur beschrieben haben,
zeigen im hohen Grad den triebhaften, und wo sie sich im Ge-
gensatz zum Lustprinzip befinden, den daemonischen Charakter.
Beim Kinderspiel glauben wir esjazu begreifen, daß das Kind
auch das unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil es sich
durch seine Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung des
starken Eindruckes erwirbt, als beim bloss passiven Erleben mög-
lich war. Jede neuerliche Wiederholung scheint diese angestrebte
Beherrschung zu verbessern, und auch bei lustvollen Erlebnissen
kann sich das Kind an Wiederholungen nicht genug tun und wierd
unerbittlich auf der Irdentität des Eindruckes bestehen. Die-
ser Charakterzug ist dazu bestimmt, späterhin zu verschwinden.
Ein zum zweiten Mal angehörter Witz wird fast wirkungslos blei-
ben, eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweiten Mal den
Eindruck erreichen, denn sie das erste Mal hinterliess; ja der
Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das ihm sehr
gefallen hat, so bald nochmals durchzulesen. Immer wird dieS.
32
Neuheit die Bedingung des Genusses sein
;.dDas Kind aber wird nicht
müde werden, vom Erwachsenen die Wiederholung eines ihm gezeig-
ten oder mit ihm angestellten Spieles zu verlangen, bis dieser
erschöpft es verweigert, und wenn man ihm eine schöne Geschichte
erzählt hat, will es immer wieder die nämliche Geschichte an-
statt einer neuen hören, besteht unerbittlich auf der Identi-
tät der Wiederholung und verbessert jede Abänderung, die sich
der Erzähler zu Schulden kommen lässt, mit der er sich vielleicht
sogar ein neues Verdienst erwerben wollte. Dem Lustprinzip wird
dabei nicht widersprochen; es isthinsinnfäällig, dass die Wiederho-
lung, das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet. Beim Analy-
sierten hingegen wird es klar, daß der Zwang, die Begehbenheiten
seiner infantilen Lebensperiode in der Uebertragung zu wieder-
holen, sich in jeder Weise über das Lustprinzip hinaussetzt.Er
Der Kranke benimmt sich dabei völlig wie infantil und zeigt uns so, daß die ver-
drängten Erinnerungsspuren seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht
im gebundenen Zustande in ihm vorhanden, ja gewissermassen des
Sekundärvorganges nicht fähig sind. Dieser Ungebundenheit verdan-
ken sie auch ihr Vermögen, durch Anheftung an die Tagesreste ei-
ne im Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden:.dDerselbe
Wiederholungszwang tritt uns so oft als therapeutisches Hinder-
nis entgegen, wenn wir zu Ende der Kur die völlige Ablösung
vom Arzte durchsetzen wollen, und es ist anzunehmen, dass die
dunkle Angst der mit der Analyse nicht Vertrauten, die sich
scheuen, irgend etwas aufzuwecken, was man nach ihrer Meinung
besser schlafen liesse, im Grunde das Auftreten dieses daemoni-
schen Zwanges fürchtet.Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang zur Wie-
derholung zusammen? Hier muss sich uns die Idee aufdrängen, dass
wir einem allgemeinen, bisher nicht klar erkannten Charakter derS.
33
Triebe, vielleicht alles organischen Lebens überhaupt auf
die Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre also ein demBbelebten
Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines
früheren Zustandes, welchen dies Belebte unter dem Einfluss
äußerer Störungskräfte aufgeben musste, eine Art von organi-
scher Elastizität, oder wenn man will, die Aeusserung der Träg-
heit im organischen Leben.Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir ha-
ben uns daran gewöhnt, im Trieb das zur Veränderung und Ent-
wicklung drängende Moment zu sehen, und sollen nun das gerade
Gegenteil in ihm erkennen, den Ausdruck der konservativen Na-
tur des Lebenden. Anderseits fallen uns sehr bald jene Beispie-
le aus dem Tierleben ein, welche die historische Bedingtheit
der Triebe zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse Fische um die
Laufaichzeit beschwerliche Wanderungen unternehmen,um den Laich
in bestimmten Gewässern, weit entfernt von ihren sonstigen
Wohnorten, abzulegen, so haben sie nach der Deutung vieler Bio-
logenunternur die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die
sie im Laufe der Zeit gegen andere vertauscht hatten. Dasselbe
soll für die Wanderflüge der Zugvögel gelten:; aber der Suche
nach weiteren Beispielen enthebt uns bald die Mahnung, dass wir
in den Phänomenen der Erblichkeit und in den Tatsachen der Em-
bryologie die grossartigsten Beweise für den organischen Wie-
derholungszwang haben. Wir sehen, der Keim eines lebenden Tie-
res ist genötigt, in seiner Entwicklung die Strukturen all der
Formen, von denen das Tier abstammt – wenn auch in flüchtiger
Abkürzung zu wiederholen, – anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definiti-
ven Gestaltung zu eilen, und können dies Verhalten nur zum geringstenS.
S.
34
Teil mechanisch erklären, dürfen die historische Er-
klärung nicht bei Seite lassen. Und ebenso erstreckt sich weit
in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, welches ein
verlorenes Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus glei-
chen ersetzt.Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, dass es
ausser den konservativen Trieben, die zur Wiederholung nötigen,
auch andere giebt, die zur Neugestaltung und zum Fortschritt
drängen, darf gewiss nicht unberücksichtigt bleiben. Aber vor-
her mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle Triebe Frühe-
res wiederherstellen wollen, in ihre letzten Konsequenzen zu
verfolgen. Mag, was dabei herauskommt, den Anschein des „Tief-
sinnigen“ erwecken oder an Mystisches anklingen, so wissen wir uns
doch von dem Vorwurf frei, etwas derartiges angestrebt zu haben. Wir
suchen nüchterne Resultate der Forschung oder der auf sie ge-
gründeten Überlegung, und unser Wunsch möchte diesenxkeinen
anderen Charakter als den der Sicherheit verleihen.Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch er-
worben und auf Regression, Wiederholungherstellung von Früherem gerichtet
sind, so müssen wir alle Erfolge der organischen Entwicklung
auf die Rechnung äussererr, störender und ablenkender Einflüsse
setzen. Das elementare Lebewesen würde sich vonnseinem Anfang
an nicht haben ändern wollen, hätte unter sich gleichbleiben-
den Verhältnissen stets nur den nämlichen Lebenslauf wiederholt.
Aber im letzten Grunde müsste es die Entwicklungsgeschichte un-
serer Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne sein, die uns in
der Entwicklung der Organismen ihren Abdruck hinterlassen hat.
Die konservativen organischen Triebe haben jede dieser aufge-
zwungenen Abänderungen des Lebenslaufes aufgenom̄en und zur
Wiederholung aufbewahrt und müssen so denntäuschenden EindruckS.
35
von Kräften machen, die nach Veränderung und Fort-
schritt streben, während sie blos ein altes Ziel auf alten
und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses Endziel
alles organischen Strebens ließe sich angeben. Der konser-
vativen Natur der Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des
Lebens ein noch nie zuvor erreichter Zustand wäre. Es muss
vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand sein, den das Leben-
de einmal verlassen hat, und zu dem es über alle Umwege der
Entwicklung zurückstrebt.Da nach unsererWenn wir es als ausnahmslosenEr-
fahrung annehmen dürfen, dass alles Lebende aus inneren Gründenrstirbt, ins Anor-
ganische zurückkehrt, so können wir nur sagen: Das Ziel
alles Lebens ist der Tod, und zurückgreifend: Das Leblose
war früher da als das Lebende.Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch
ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des
Lebenden erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang vorbildlich
ähnlich jenem anderen, der in einer gewissen Schicht der le-
benden Materie später das Bewusstsein entstehen ließ. Die
damals entstandene Spannung in denm vorhin unbelebten Stoff
trachtete danach sich abzugleichen; es war der erste Trieb
gegeben,umder zum Leblosen zurückzukehren. Die damals lebende
Substanz hatte das Sterben noch leicht, es war wahrscheinlich
nur ein kurzer Lebensweg zu durchlaufen, dessen Richtung
durch die chemische Struktur des jungen Lebens bestimmt war.
Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende Substanz immer
wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben sein, bis
sich massgebende äußere Einflüsse so änderten, dass sie die
noch überlebende Substanz zu immer grösseren Ablenkungen vom
ursprünglichen Lebensweg und zu immer komplizirteren Umwegen
bis zur Erreichung des Todesziels nötigten. Diese Umwege zumS.
36
Tode
o, von den konservativen Trieben getreulich festgehal-
ten, bieten uns heute das Bild der Lebenserscheinungen.
Wenn manallan der ausschliesslich konservativen Natur der
Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Her-
kunft und Ziel des Lebens nicht gelangen.Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was sich
für die grossen Gruppen von Trieben ergiebt, die wir hinter
den Lebenserscheinungen der Organismen statuiren. Die Aufstel-
lung der Selbsterhaltungstriebe, die wir jedem lebenden Wesen
zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur Voraussetzung,
dass das gesamte Triebleben der Herbeiführung des Todes dient.
Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-Macht-und Gel-
tungstriebe schrumpftsozusagenin diesem Lichte gesehen ein; es sind Partialtriebe,
dazu bestimmt, den eigenen Todesweg des Organismus zu sichern
und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum Anorganischen als
die immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinemn
Zusammenhang einfügbare Bestreben des Organismus, sich aller
Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, dass der
Organismus nur auf seine Weise sterben will; auch diese Lebens-
wächter sind ursprünglich Trabanten des Todes gewesen.
Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein.
In ein ganz anderes Licht rücken die Sexualtriebe, für welche
die Neurosenlehre eine Sonderstellung in Anspruch genommen hat.
Nicht alle Organismen sind dem äusseren Zwang unterlegen, der
sie zu immer weiterengehender Entwicklung antreibtieb. Vielen
ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die
Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch heute, wenn nicht alle
so doch viele Lebewesen, die den Vorstufen der
höheren Thiere und Pflanzen ähnlich sein müßen.
Und ebenso machen nicht alle Elementarorganismen, welche den komplizirten Leib eines höhe-
ren Lebexxwesens zusammensetzen, den ganzen Entwicklungsweg
bis zum natürlichen Tode mit:. Einige unter ihnen, die Keimzel-
len, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche Struktur der
lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten und neuS.
36a
Dabei kom̄t das
pParadoxeVerhaltenzu Stande, daß
der lebende Organismus sich auf das energischste gegen
Einwirkungen (Gefahren) sträubt, die ihm dazu ver-
helfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem
Wege (durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen,
aber dies Verhalten charakterisirt eben einerein
triebhaftes im Gegensatz zu einem intelligenten
Streben.‑ Vgl. übrigens die später folgende Korrektur
dieser extremen Auffassung der Selbsterhaltungs-
triebe.S.
37
erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit
vom ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese bei-
den Eigenschaften, die ihnen ihre selbständige Existenz er-
möglichen. Unter günstige Bedingungenbgebracht, beginnen
sie sich zu entwickeln d.h. das Spiel, dem sie ihre Entsteh-
ung verdanken, zu wiederholen, und dies endet damit, dass
wieder ein Anteil ihrer Substanz,die Entwicklung bis zum
Ende fortführt, während ein anderer als neuer Keimrest von
Neuem auf den Anfang der Entwicklung zurückgreift. So arbei-
ten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden Substanz entge-
gen und wissen für sie zu erringen, was uns als potentielle
Unsterblichkeit erscheinen muß, wenngleich es vielleicht nur
eine Verlängerung des Todesweges bedeutet.Völlig unverständlichIm höchsten
Grad bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, dass die Keimzelle für diese Lei-
stung durch die Verschmelzung mit einer anderen, ihr ähnli-
chen,und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt erst
befähigt wird.Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen über-
lebenden Elementarorganismen in Acht nehmen, für ihre sichere
Unterbringung sorgen, solange sie wehrlos gegen die Reize der
Aussenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit den anderen Keimzel-
len herbeiführen u-s.w., bilden die Gruppe der Sexualtriebe.
Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die anderen, in-
dem sie frühere Zustände der lebenden Substanz wiederbringen,
aber sie sind es in stärkerem Masse, indem sie sich als beson-
deres resistent gegen äussere Einwirkungen erweisen, undda
dann noch in einem weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für län-
gere Zeiten erhalten. Sie sind die eigentlichen Lebenstriebe;
dadurch, dass sie der Absicht der anderen Triebe, welche durch
die Funktion zum Tode führt, entgegenwirken, deutet sich einS.
38
[Hier fehlt das Faksimile der Seite 38 ohne die eingeklebte Ergänzung, so dass man die Transkription des der langen, gestrichenen Passage, die aus der diplomatischen Umschrift der ersten Reinschrift hier übernommen wurde, nicht überprüfen konnte. In der digital zugänglichen Fassung des Faksimiles findet sich diese Seite auch nicht ohne diese Einklebung. Quelle: https://www.loc.gov/resource/mss39990.OV0721/?sp=64] [2021-04-12]
Gegensatz zwischen ihnen und den übrigen an, den die Neurosen-
lehre als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein Zauder-
rhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt
nach vorwärts, um das Endziel des Lebens möglichst bald zu er-
reichen, die andere schnellt an einer gewissen Stelle dieses
Weges zurück, um ihn vorn einem bestimmten Punkt an nochmals
zu machen und so die Dauer des Weges zu verlängern. Aber wenn auch Sexuali-
tät und Unterschied der GeschlechterwarenzuAnfangBeginn des Lebens
gewiss nicht vorhanden waren,und der geschilderte Ablauf erscheint
1⎾so bleibt es doch möglich, daß die später als sexuelle
zu bezeichnenden Triebe von allem Anfang an
in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegenarbeit gegen
das Spiel der Ichtriebe nicht erst zu einem späteren
Zeitpunkt aufgenommen habenx).Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen, ob nicht alle die-
se Spekulationen der Begründung entbehren: Gibt es wirklich,
abgesehen von den Sexualtrieben, keine anderen Triebe als solche, die einen früheren Zustand wie-
derherstellen wollen, nicht auch andere, die nach einem noch nie
erreichten streben? Ich weiss in der organischen Welt kein si-
cheres Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik wi-
derspräche. Ein Trieb zur Höherentwicklung in der Tier‑und Pflan-
zenwelt lässt sich gewiss nicht feststellen, wenn auch eine sol-
che Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten bleibt. Aber
einerseits ist es vielfach nur Sache unserer Einschätzung, wenn
wir eine Entwicklungsstufe für höher als eine andere erklären und
anderseits zeigt uns die Wissenschaft des Lebenden, daß Höher-
entwicklung in einem Punkte sehr häufig durch Rückbildung in ei-
nem anderen erkauft oder wettgemacht wird. Auch giebt es Tier-
formen genug, deren Jugendzustände uns erkennen lassen, dassS.
39
ihre Entwicklung vielmehr einen rückschreitenden Charakter
hatgewonnennommen hat. Höherentwicklung wie Rückbildung könnten
beide Folgen der zur Anpassung drängenden äusseren Kräfte
sein, und die Rolle der Triebe könnte sich für beide Fälle
darauf beschränken, die aufgezwungene Veränderung als
innere Kraftquelle festzuhalten.Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben
zu verzichten, dass im Menschen selbst ein Trieb zur Ver-
vollkommnung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe
geistiger Leistung und ethischer Sublimierung gebracht hat,
und von dem man erwarten darf, daß er seine Entwicklung
zum Uebermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an
einen solchen inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende
Illusion zu schonen. Die bisherige Entwicklung des Menschen
scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen, als die
der Tiere, und was man an einer Minderzahl von menschlichen
Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung
beobachtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebver-
drängung verstehen, auf welche das Wertvollste an der mensch-
lichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt es
nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in
der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses be-
stünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen
sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und
aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforder-
ten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment,
welches bei keiner der hergestellten Situationen zu ver-
harren gestattet, sondern nach des Dichters Worten ”unge-
bändigt immer vorwärts dringt“ (Mephisto im Faust I. Studir-
zimmer.) Der Weg nach rückwärts, zur vollen BefriedigungS.
39a
1⎾ x) Auf anderem Wege ist Ferenczi zur
Möglichkeit derselben Auffassung gelangt
(Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes,
Int. Zeit. f. Psychoanalyse I, 1913):
„Bei konsequenter Durchführung dieses Gedankengangs
muß man sich mit der Idee einer auch das organische
Leben beherrschenden Beharrungs‑ resp. Regressions-
tendenz vertraut machen, während die Tendenz
nach Fortentwicklung, Anpassung etc nur auf
äußere Reize hin lebendig wird.“ (S.137)S.
40
ist in der Regel durch die Widerstände, welche die Verdrän-
gungen aufrechthalten, verlegt, und somit bleibt nichts ande-
res übrig als in der anderen noch freien Entwicklungsrichtung
fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozess absch-
liessen und das Ziel erreichen zu können. Die Vorgänge bei
der Ausbildung einer neurotischen Phobie, die ja nichts an-
deres als ein Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung ist,
geben uns das Vorbild für die Entstehung dieses anscheinen-
den „Vervollkommnungstriebes“, den wir aberalsunmöglich
allen menschlichen Individuen zuschreiben können. Die dynami-
schen Bedingungen dafür sind zwar ganz allgemein vorhanden,
aber die oekonomischen Verhältnisse scheinen das Phänomen nur
in seltenen Fällen zu begünstigen.Editorische Anmerkungen:
Die Fortsetzung findet sich nach dem Einschub des neuen Kapitels am Ende des Textes, nunmehr als Kapitel VII.]S.
40
S40.
VI.
Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen
Gegensatz zwischen den „Ichtrieben“ und den
Sexualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode
und die letzteren zur Lebenserhaltung
drängen läßt, wird uns gewiß nach vielen
Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu
kom̄t, daß wir eigentlich nur für die
ersteren den konservativen oder besser
regredierenden, einem Wiederholungs-
zwang entsprechenden Charakter des
Triebs in Anspruch nehmen konnten.
Denn nach unserer Annahme rühren die
Ichtriebe von der Belebung der unbe-
lebten Materie her und wollen die
Unbelebtheit wieder herstellen. Die Sexual-
triebeaberhingegen –, es ist augenfällig, daß
sie primitive Zustände des Lebewesens
reproduziren, aber ihr mit allen Mitteln
angestrebtes Ziel ist die Verschmelzung
zweier in bestim̄ter Weise differenzir-
ter Keimzellen. Wenn diese Vereinigung
nicht zu Stande kommt, dann stirbt die
Keimzelle wie alle anderen Elemente
des vielzelligen Organismus. Nur
unter dieser Bedingung kann die Ge-
schlechtsfunktion das Leben verlängern
und ihm den Schein der Unsterblich-
keit verleihen.¿Welches wichtige Er-
eignis im Entwicklungsgang der lebenden
Substanz wird aber durch die geschlecht-
liche Fortpflanzung oder ihren Vor-
läufer, die Kopulation zweier
Individuen unter den Protisten
wiederholt? Das wissen wir nicht zu
sagen, und darum würden wir es
als Erleichterung empfinden, wenn
unser ganzer Gedankenaufbau sich
als irrtümlich erkennen ließe.S.
41
Der Gegensatz von Ich(Todes‑)trieben und
Sexual(Lebens‑)trieben würde dann
entfallen, damit auch der Wiederholungs-
zwang die ihm zugeschriebene Bedeutung
einbüßen.Kehren wir darum zu einer von uns einge-
flochtenen Annahme zurück, in der Er-
wartung, sie werde sich exakt wider-
legen lassen. Wir haben auf Grund der
Voraussetzung weitere Schlüße aufge-
baut, daß alles Lebende aus inneren
Ursachen sterben müße. Wir haben
diese Annahme so sorglos gemacht,
weil sie uns nicht als solche erscheint.
Wir sind gewohnt so zu denken, unsere
Dichter bestärken uns darin. Vielleicht
haben wir uns dazu entschloßen, weil
ein Trost in diesem Glauben liegt.
Wenn man schon selbst sterben und
vorher seine Liebsten durch den Tod
verlieren soll, so will manwenigstenslieber
einem unerbittlichen Naturgesetz,
der hehren Ανάγχη erlegen sein
als einem Zufall, der sich etwa noch
hättefvermeiden laßen. Aber vielleicht
ist dieser Glaube an die innere Gesetz-
mäßigkeit des Sterbens auch nur
eine der Illusionen, die wir uns ge-
schaffen haben „um die Schwere
des Daseins zu ertragen“. Ursprüng-
lich ist er sicherlich nicht, denn primitiven
Völkern ist die Idee eines „natürlichen
Todes“ fremd; sie führen jedes Sterben
unter ihnen auf den Einfluß eines
Feindes oder einesbestebösen Geistes
zurück. Versäumen
wir es darum nicht, uns zur Prüfung
dieses Glaubens an die biologische
Wissenschaft zu wenden.S.
42
Wenn wir so thun, dürfen wir erstaunt
sein, wie wenig die Biologen in der
Frage des natürlichen Todes einig sind,
ja daß ihnen der Begriff des Todes über-
haupt unter den Händen zerrinnt. Die
Tatsache einer bestimmten durchschnitt-
lichen Lebensdauer wenigstens bei höheren
Thieren spricht natürlich für den Tod
aus inneren Ursachen, aber der Umstand,
daß einzelne große Thiere und riesen-
hafte Baumgewächse ein sehr hohes und
bisher nicht abschätzbares Alter erreichen,
hebt diesen Eindruck wieder auf. Nach der
großartigen Konzeption von W. Fliess
sind alle Lebenserscheinungen, – und gewieß auch
der Tod der Organismen an die Erfüll-
ung bestimmter Termine gebunden, in denen
die Abhängigkeit zweier lebenden Substanzen,
einer männlichen und einer weiblichen, vom
Sonnenjahr zum Ausdruck kom̄t. Allein
die Beobachtungen, wie leicht und bis zu
welchem Ausmaß es dem Einfluß äußerer
Kräfte möglich ist, die Lebensäußerungen
insbesondere der Pflanzenwelt in ihrem
zeitlichen Auftreten zu verändern, sie
zu verfrühen oder hintanzuhalten,
sträuben sich gegen die Starrheit der
Fliess’schen Formeln und lassen zum
mindesten an der Alleinherrschaft
der von ihm aufgestellten Gesetze
zweifeln.Das größte Interesse knüpft sich für uns
an die Behandlung, welche das Thema
von der Lebensdauer und vom Tode
der Organismen in den Arbeiten von
A. Weismann gefunden hat. x) Von diesemx) Über die Dauer des Lebens 1882; Über Leben
und Tod 1892; Das Keimplasma 1892. u. a.S.
43
Forscher rührt die Unterscheidung der lebenden
Substanz in eine sterbliche und unsterbliche
Hälfte her, die sterbliche ist der Körper im
engeren Sinne, das Soma, sie allein sind dem
natürlichen Tod unterworfen, die Keim-
zellen aber sind potentia unsterblich, in-
sofern sie im Stande sind, unter gewißen
günstigen Bedingungen sich zu einem
neuen Individuum zu entwickeln, oder
anders ausgedrückt, sich mit einem
neuen Soma zu umgeben.“ 1)Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete
Analogie mit unserer eigenen, auf so ver-
schiedenem Wege entwickelten Auf-
fassung. Weismann, der die lebende Substanz
morphologisch betrachtet, erkennt in ihr
einen Bestandteil, der dem Tode ver-
fallen ist, das Soma, den Körper abgesehen
vom Geschlechts‑ und Vererbungsstoff, und
einen unsterblichen, eben dieses Keim-
plasma, welches der Erhaltung der Art,
der Fortpflanzung dient. Wir haben
nicht den lebenden Stoff, sondern die
in ihm thätigen Kräfte eingestellt
und sind dazu geführt worden zwei
Arten von Trieben zu unterscheiden,
jene welche das Leben zum Tod
führen wollen,unddie anderen
die Sexualtriebe, welche immer wieder die
Erneuerung des Lebens anstreben und
durchsetzen. Das klingt wie ein
dynamisches Korollar zu Weismann’s
morphologischer Theorie.Der Anschein einer bedeutsamen Über-
einstimmung verflüchtigt sich alsbald,
wenn wir Weismann’s Entscheidung
über das Problem des Todes vernehmen.1) Über Leben und Tod, 2 Aufl, 1892, S20.
S.
44
Denn Weismann
machtläßt die Sonderung von
sterblichem Soma und unsterblichem
Keimplasma erst bei den vielzelligen
Organismen gelten, bei den einzelligen
Thieren sind Individuum und Fortpflanz-
ungszelle noch ein und dasselbex), die Einzelligen
erklärt er also für potentiell
unsterblich, der Tod tritt erst bei den
Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser
Tod der höheren Lebewesen ist allerdings
ein natürlicher, ein Tod aus inneren Ur-
sachen, aber er beruht nicht auf einer Ur-
eigenschaft der lebenden Substanzx), kann
nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens
begründete Notwendigkeit aufgefaßt
werden.x) Der Tod ist vielmehr eine Zweck-
mäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der
Anpassung an die äußeren Lebensbeding-
ungen, weil von der Sonderung der Kör-
perzellen in Soma und Keimplasma, an
die unbegrenzte Lebensdauer des
Individuums ein ganz unzweckmäßiger
Luxus geworden wäre. Mit dem Ein-
tritt dieser Differenzirung bei den
Vielzelligen wurde der Tod möglich
und zweckmäßig. Seither stirbt das
Soma der höheren Lebewesen aus in̄eren
Gründen zu bestim̄ten Zeiten ab,
die Protisten aber sind unsterblich
geblieben. Die Fortpflanzungabehin-
gegen ist nicht erst mit dem Tod ein-
geführt worden, sie ist vielmehr eine
Ureigenschaft der lebenden Materie
wie das Wachstum, aus welchem
sie hervorging, und das Leben ist von
seinem Beginn auf Erden an kontinuir-
lich geblieben.x)x) Dauer des Lebens, S 38.
x) Leben und Tod, zweite Aufl, S. 67.
x) Dauer des Lebens, S 33.
x) Über Leben und Tod, Schluß.
S.
45
Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis
eines natürlichen Todes für die höheren
Organismen unserer Sache wenig hilft.–
Wenn der Tod eine späte Erwerbung
der Lebewesen ist, dann kom̄en Todes-
triebe, die sich vom Beginn des Lebens
auf Erden ableiten, weiter nicht in
Betracht. Die Vielzelligen mögen dann
immerhin aus inneren Gründen sterben,
an den Mängeln ihrer Differenzir-
ung oder an den Unvollkom̄enheiten
seinesihres Stoffwechsels; es hat für
die Frage, die uns beschäftigt, kein
Interesse. Eine solche Auffassung und
Ableitung des Todes liegt dem ge-
wohnten Denken der Menschen auch
sicherlich viel näher als die befremd-
ende Annahme von „Todestrieben“.Die Diskussion, die sich an die Auf-
stellungen von Weisman angeschloßen,
hat nach meinem Urteil in keiner
Richtung Entscheidendes ergeben.x)
Manche Autoren sind zum Standpunkt von
Goette zurückgekehrt (1883), der in dem
Tod die direkte Folge der Fortpflanzung
sah. Hartmann charakterisirt den Tod
nicht durch Auftreten einer „Leiche“
eines abgestorbenen Anteils der lebenden
Substanz, sondern definirt ihn als den
„Abschluß der individuellen Entwicklung“.
In diesem Sinne sind auch die Protozoen
sterblich, der Tod fällt bei ihnen im̄er
mit der Fortpflanzung zusam̄en, aberx) Vgl. Max Hartmann, Tod und Fortpflan-
zung 1906. Alex. Lipschütz, Warum wir
sterben, Kosmos19bücher 1914. Franz Dof-
lein, Das Problem des Todes und
der Unsterblichkeit bei den Pflanzen
und Tieren, 1919.S.
46
er wird durch diese gewissermaßen verschleiert
indem die ganze Substanz des Elterntieres
direkt in die jungen Kinderindividuen
übergeführt werden kann (l.c. S. 29).Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf
gerichtet, die behauptete Unsterblichkeit
der lebendenStSubstanz an den Einzelligen
experimentell zu erproben. Ein Amerikaner,
Woodruff hat ein bewimpertes Infusorium,
ein „Pantoffelthierchen“, das sich durch
Teilung in zwei Individuen fortpflanzt,
in Zucht genom̄en und es bis zur 3029 sten
Generation, wo er den Versuch abbrach,
verfolgt, indem er jedesmal das eine
der Teilprodukte isolirte und in frisches
Wasser brachte. Dieser späte Abköm̄ling
des ersten Pantoffelthierchens war ebenso
frisch wie der Urahn, ohne alle Zeichen
des Alterns oder der Degeneration;
somit schien, wenn solchen Zalen bereits
Beweiskraft zukommt, die Unsterb-
lichkeit der Protisten experimentell
erweisbar. x)Andere Forscher sind zu anderen Resultaten
gekommen. Maupas, Calkins u A. haben
im Gegensatz zu Woodruff gefunden,
daß auch diese Infusorien nach einer
gewißen Anzal von Teilungen, schwächer
werden, an Größe abnehmen, einen Teil
ihrer Organisation einbüßen und
endlich sterben, wenn sie nicht gewiße
auffrischende Einflüße erfahren. Demnach
stürben die Protozoen nach einer Phase
des Altersverfalles ganz wie die
höheren Tiere, so recht im Widerspruch
zu den Behauptungen Weismann’s,x) Für dies und das Folgende vgl Lipschütz
l. c. S. 26 und 52 ff.S.
47
der den Tod als eine späte Erwerbung
der lebenden Organismen anerkennt.Aus dem Zusammenhange dieser Unter-
suchungen heben wir zwei Tatsachen heraus,
die uns einen festen Anhalt zu bieten
scheinen. Erstens: wenn die Thierchen
zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine
Altersveränderung zeigen, miteinander
zuzweit verschmelzen, „kopuliren“ können,
worauf sie nach einiger Zeit wieder
auseinandergehen –, so bleiben sie vom
Alter verschont, sie sind „verjüngt“
worden. Diese Kopulation ist doch wol
der Vorläufer der geschlechtlichen
Fortpflanzung höherer Wesen; sie hat
mit der Vermehrung noch nichts zu
thun, beschränkt sich auf die Vermisch-
ung der Substanzen beider Individuen
(Weismann’s Amphimixis). Der auffrischende
Einfluß der Kopulation kann aber
auch ersetzt werden durch bestim̄te
Reizmittel, Veränderungen in der Zusam̄en-
setzung der Nährflüßigkeit, Temper-
atursteigerung oder Schütteln. Man
erinnert sich an das berühmteBe
Experiment von J. Loeb, der Seeigel-
eier durch gewiße chemische Reize
zu Teilungsvorgängen zwang, die sonst
nur nach der Befruchtung auftreten.Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß
die Infusorien durch ihren eigenen
Lebensprozeß zu einem natürlichen
Tod geführt werden, denn der
Widerspruch zwischen den Ergebnißen
von Woodruff und von anderen
rührt daher, daß Woodruff jede
neue Generation in frische Nähr-
flüßigkeit brachte. Unterließ erS.
48
dies, so beobachtete er dieselben
SAltersver-
änderungen der Generationen wie die
anderen Forscher. Er schloß, daß die Thier-
chen durch die Produkte des Stoffwech-
sels, die sie an die umgebende Flüßig-
keit abgeben, geschädigt werden, und
konnte dann überzeugend nachweisen,
daß nur die Produkte des eigenen
Stoffwechsels diese zum Tode der
Generation führende Wirkung haben.
Denn in einer Lösung die mit den Abfalls-
produkten einer entfernter verwandten
Art übersättigt war, gediehen dieselben
Thierchen ausgezeichnet, die in ihrer
eigenen Nährflüßigkeit angehäuft
sicher zu Grunde gingen. Das Infusor
stirbt also sich selbst überlassen eines
natürlichen Todes an der Unvollkom̄en-
heit der Beseitigung ihrer eigenen
Stoffwechselprodukte; aber vielleicht
sterben auch alle höheren Thiere im
Grund an dem gleichen Unvermögen.Es mag uns da der Zweifel anwandeln,
ob es überhaupt zweckdienlich war, die
Entscheidung der Frage nach dem natür-
lichen Tod im Studium der Protozoen
zu suchen. Die primitive Organisation
dieser Lebewesen mag uns wichtige
Verhältniße verschleiern, die auch
bei ihnen Statt haben aber erst
bei höheren Tieren erkannt werden
können, wo sie sich einen morpholog-
ischen Ausdruck verschafft haben.
Wenn wir den morphologischen Stand-
punkt verlassen, um den dynamischen einzu-
nehmen, so kann es uns überhaupt
gleichgiltig sein, ob sich der natürliche
Tod der Protozoen erweisen läßt
oder nicht. Bei ihnen hat sich die späterS.
49
als sterblich erkannte Substanz von der unsterb-
lichen noch in keiner Weise gesondert.
Die Triebkräfte, die das Leben in den
Tod überführen wollen, könnten
auchbeiin ihnen von Anfang an wirk-
sam sein, und doch könnte ihr Effekt
durch den der lebenserhaltenden
Kräfte so gedeckt werden, daß ihr
direkter Nachweis sehr schwierig wird.
Wir haben allerdings gehört, daß die
Beobachtungen und Versuche der Biologen
uns die Annahme solcher zum Tod führ-
enden inneren Vorgänge auch
für die Protisten gestatten.
Aber selbst, wenn die Protisten für als unsterblich im
Sinne von Weismann
erweisen, so gilt seine Behauptung,
der Tod sei eine späte Erwerbung,
nur für die manifestenWirkungenÄußerungen
des Todes und macht keine Annahme
über die zum Tode drängenden Prozeße
unmöglich. Unsere Erwartung, die
Biologie werde dieAnnAnerken̄-
ung der Todestriebeunmöglichglatt
beseitigenmachen, hat sich nicht erfüllt. Wir
können uns mit ihrer Möglichkeit
weiter beschäftigen, wenn wir sonst
Gründe dafür haben. Die auffällige
Ähnlichkeit der Weismann’schen Sonderung
von Soma und Keimplasma mit unserer
Scheidung derLeTodestriebe von
den Lebenstrieben bleibt aber be-
stehen und erhält ihren Wert
wieder.Verweilen wir kurz bei dieser exquisit
dualistischen Auffassung des Trieblebens.
Nach der Theorie E. Hering’s. von den
Vorgängen in der lebenden Substanz
laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Pro-
zeße entgegengesetzter Richtung ab, die
einen aufbauend – assimilatorisch, dieS.
50
anderen abbauend – di
assimilatorisch. Sollen wir
es wagen in diesen beiden Richtungen
der Lebensprozeße die Betätigung unserer
beiden Triebgruppen, der Lebenstriebe
und der Todestriebe¿¿¿zu erkennen?
Aber etwas anderes können wir uns
nicht verhehlen, daß wir unversehens
in den Hafen der Philosophie Schopen-
hauers eingelaufen sind; für den
ja der Tod „das eigentliche Resultat“
und insoferne der Zweck des Lebens
ist x), der Sexualtrieb aber die Verkör-
perung des Willens zum Leben.Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter
zu gehen. Nach allgemeiner Einsicht ist die
Vereinigung zalreicher Zellen zu einem
Lebensverband, die Vielzelligkeit
der Organismen, ein Mittel zur Ver-
längerung ih¿ihrer Lebensdauer geworden.
Eine Zelle hilft dazu, das Lebeneiner
der anderen zu erhalten, und der Zellen-
staat kann weiter leben, auch wenn
einzelne Zellen absterben müßen.
Wir haben bereits gehört, daß auch die
Kopulation, die zeitweilige Ver-
schmelzung, zweier Einzelliger, lebens-
erhaltend und verjüngend auf beide
wirkt. Somit könnte man den Versuch
machen die in der Psychoanalyse
gewonnene Libidotheorie auf das
Verhältniß der Zellen zu einander
zu übertragen und sich vorzustellen,
daß es die in jeder Zelle thätigen
Lebens‑ oder Sexualtriebe sind,
welche die anderen Zellen zum Ob-
jekt nehmen, deren Todestriebe, d.i
die von diesen angeregten Prozeßex) Über die anscheinende Absichtlichkeit im
Schicksale des Einzelnen, Großherzog Wil-
helm Ernst Ausgabe, IV B. S 268S.
51
teilweise neutralisiren und sie so am
Leben erhalten, während andere Zellen
dasselbe für sie besorgen und noch
andere in der Ausübung dieser libid-
inösen Funktion sich selbst aufopfern.
Die Keimzellen selbst würden sich absolut
„narzißtisch“ benehmen, wie wir’s in
der Neurosenlehre zu bezeichnen
gewohnt sind, wenn ein ganzes Indi-
viduum seine Libido im Ich behält
und nichts von ihr für Objektbesetz-
ungen verausgabt. Die Keimzellen
brauchen ihre Libido, die Tätigkeit ihrer
Lebenstriebe für sich selbst als
Vorrat für ihre spätere großartig
aufbauende Tätigkeit. So würde also die Libido unserer
Sexualtriebe mit dem Eros der Dichter
und Philosophen zusam̄enfallen, der alles
Lebende zusam̄enhält.An dieser Stelle finden wir den Anlaß
die langsame Entwicklung unserer
Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse
der Übertragungsneurosen zwang
uns zunächst den Gegensatz zwischen
Sexualtrieben, die auf das Objekt
gerichtetwarensind, und anderen Trieben
auf, die wir nur sehr ungenügend
erkannten und vorläufig als Ichtriebe
bezeichneten. Unter ihnen mußten
Triebe, die der Selbsterhaltung des
Individuums dienen, in erster Linie
anerkannt werden. Was für andere
Unterscheidungen da zu machen waren,
konnte man nicht wissen. Keine
Kenntnis wäre für die Begründung
einer richtigen Psychologie so wichtig
gewesen wie eine ungefähre Ein-
sicht in die gemeinsame Natur und die etwa-
igen Besonderheiten der Triebe. Aber
auf keinem Gebiet der PsychologieS.
52
tappte man so sehr im Dunkeln. Jedermann
stellte so viele Triebe oder „Grundtriebe“
auf, als ihm beliebte und wirtschaftete
mit ihnen wie die alten griechischen
Naturphilosophen mit ihren vier
Elementen: dem Wasser, der Erde, dem
Feuer und der Luft. Die Psycho-
analyse, die irgend einer Annahme
über die Triebe nicht entraten
konnte, hielt sich vorerst an die
populäre Triebunterscheidung, für
die das Wort von „Hunger und
Liebe“ vorbildlich ist. Es war wenig-
stens kein neuer Willkürakt.
Damitlareichte man in der Analyse
der Psychoneurosen ein ganzes
Stück weit aus. Der Begriff der
Sexualität – und damit der eines
Sexualtriebs – mußte freilich er-
weitert werden, bis er vieles ein-
schloß, was sich nicht der Fortpflanz-
ungsfunktion einordnete, und
darüber gab es Lärm genug in
der strengen, vornehmen oder blos
heuchlerischen Welt.Der nächste Schritt erfolgte, als sich die
Psychoanalyse näher an das psychologische
Ich herantasten konnte, das ihre
zunächst nur alszeverdrängende,
zensurirende und zu Schutzbauten,
Reaktionsbildungen, befähigte
Instanz bekannt geworden war.
Kritische und andere, weitblickende, Geister
hatten zwar längst gegen die Einschränk-
ung des Libidobegriffes auf die Energie
der dem Objekt zugewendeten Sexual-
triebe Einspruch erhoben. Aber sie
versäumten es mitzuteilen, woher ihnen
die bessere Einsicht gekom̄en war, und
verstanden nicht, etwas für die Analyse
Brauchbares aus ihr abzuleiten. InS.
53
bedächtigerem Fortschr
itteneiten fiel es nun
der psychoanalytischen Beobachtung auf,
wie regelmäßig Libido vom Objekt
abgezogen und aufs Ich gerichtet wird,
(Introversion) und indem sie die Libido-
entwicklung des Kindes in ihren
frühesten Phasen studirte, kam sie
zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche
und ursprüngliche Reservoir der
Libido sei, die erst von da aus
auf das Objekt erstreckt werde.
Das Ich trat unter die Sexualobjekte
und wurde gleich als das vornehmste
unter ihnen erkannt. Wenn die
Libido so im Ich verweilte, wurde
sie narzißtisch genannt.x) Diese
narzißtische Libido war natürlich auch
die Kraftäußerung von Sexualtrieben,
im analytischen Sinne, die man mit den
von Anfang an zugestandenen „Selbst-
erhaltungstrieben“ identifizieren
mußte. Somit war der ursprüngliche
Gegensatz von Ichtrieben und Sexual-
trieben unzureichend geworden. Ein
Teil der Ichtriebe war als libidinös
erkannt; im Ich waren – neben anderen
wahrscheinlich – auch Sexualtriebe wirk-
sam, doch ist es berechtigt, daß die
alte Formel die Psychoneurose
beruhe auf einem Konflikt zwischen
den Ichtrieben und den Sexualtrieben
nichts enthielt, was heute zu verwerfen
wäre. Der Unterschied der beiden
Triebarten, der ursprünglich irgend¿
wie qualitativ gemeint war, ist jetzt
nur anders, nämlich topisch zu be-
stimmen. Insbesondere die Übertrag-
ungsneurose, das eigentliche Studienobjektx) Zur Einführung des Narzißmus. Jahrb.
der Psychoanalyse VI 1914 und Sam̄lung
kl. Schriften zur Neurosenlehre, vierte
Folge 1918S.
54
der Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis eines
Konflikts zwischen dem Ich und der libid-
inösen Objektbesetzung.Umsomehr müßen wir den libidinösen
Charakter der Selbsterhaltungstriebe
jetzt betonen, da wir den weiteren
Schritt wagen, den Sexualtrieb als den
alles Leben erhaltenden Eros zu er-
kennen.und die narzißtische Libido
des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten,
w¿mit denen die Somazellen an
einander haften. Nun abersehenfinden wir
uns plötzlichinfolgenderWeiseFrage
gegenüber: Wenn auch die Selbster-
haltungstriebe libidinöser Natur
sind, dann haben wir vielleicht über-
haupt keine anderen Triebe als libidin-
öse. Es sind wenigstens keine anderen
zu sehen. Dann muß man aber doch
den Kritikern Recht geben, die von
Anfang an geahnt haben, die Psycho-
analyse erkläre alles aus der Sexualität,
oder den Neuerern wie Jung, die
kurz entschloßen Libido für „Triebkraft“
überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht
so?¿In unserer Absicht lag dies Resultat
allerdings nicht. Wir sind ja vielmehr
von einer scharfen Scheidung zwischen
Ichtrieben = Todestrieben und Sexual-
trieben = Lebenstrieben ausgegangen.
Wir waren ja bereit, auch die angeblichen
Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den
Todestrieben zu rechnen, was wir jetzt
berichtigend zurückziehen müßen. Wir
vermuten, daß im Ich noch andere
als die Selbsterhaltungstriebe thätig
sind, wir sollten nur im Stande sein,
sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern,
daß die Analyse des Ichs so wenig
fortgeschritten ist, daß dieser Nach-
weis uns recht schwer wird. DieS.
55
libidinösen Triebe des Ichs mögen aller-
dings in besonderer Weise mit den
anderen, uns noch fremden Ichtrieben
verknüpft nach dem Ausdruck von
Alf. Adler „verschränkt“ sein. Noch
ehe wir den Narzißmus klar erkannt
hatten, bestand bereits in der
Psychoanalyse die Vermutung, daß
die „Ichtriebe“ libidinöse Komponenten
an sich gezogen haben. Aber das sind
recht unsichere Möglichkeiten, denen
die Gegner kaum Rechnung tragen
werden. Es bleibt mißlich, daß
uns die Analyse bisher im̄er nur in
den Stand gesetzt hat, libidinöse
Triebe nachzuweisen. Den Schluß, daß
esdarumandere nicht giebt, möchten
wir darum doch nicht mitmachen.Bei dem gegenwärtigen Dunkel der
Trieblehre thun wir wol nicht gut, irgend
einen Einfall, der uns Aufklärung ver-
spricht, zurückzuweisen. Wir sind von
der großen Gegensätzlichkeit von
Lebens‑ und Todestrieben ausgegangen.
Die Objektliebe selbst zeigt uns eine
zweite solche Polarität, die von Liebe (Zärt-
lichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es
uns nun gelänge, diese beiden Polaritäten
in Beziehung zu einander zu bringen,
die eine auf die andere zurückzuführen!
Wir haben von jeher eine sadistische
Komponente des Sexualtriebes aner-
kanntx), sie kann sich, wie wir wissen,
selbständig machen und als Perversion
das gesamte Sexualstreben der
Person beherrschen. Sie tritt auch
in einer der von mir sogenannten
„praegenitalen Organisationen“ alsx) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“,
von der ersten Auflage 1905 an.S.
56
dominirender Partialtrieb hervor? Wie
soll man aber den sadistischen Trieb,
der auf die Schädigung des Objekts zielt,
vom lebenserhaltenden Eros ableiten
können.? Liegt da nicht die Annahme
nahe, daß dieser Sadismus eigentlich
ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß
der narzißtischen Libido vom Ich abge-
drängt wurde, so daß er erst am
Objekt zum Vorschein kommt? Er
tritt dann in den Dienst der Sexual-
funktion; im oralen Organisations-
stadium der Libido fällt die Liebes-
bemächtigung noch mit der Vernichtung
des Objekts zusam̄en, später trennt
sich der sadistische Trieb ab und endlich
übernim̄t er auf der Stufe des Genital-
primats zum Zwecke der Fortpflanz-
ung die Funktion, das Sexualobjekt
soweit zu bewältigen, als es die Aus-
führung des Geschlechtsaktes erfordert.Wenn es erlaubt ist, eine solche An-
nahme zu machen, so wäre die Forder-
ung erfüllt, ein Beispiel eines – aller-
dings verschobenen – Todestriebes aufzu-
zeigen. Nur daß diese Auffassung von
jeder Anschaulichkeit weit entfernt
ist und einen geradezu mystischen
Eindruck macht. Wir kommen in den
Verdacht, um jeden Preis eine Aus-
kunft aus einer großen Verlegen-
heit gesucht zu haben. Dann dürfen
wir uns aber darauf berufen, daß
eine solche Annahme nicht neu ist, daß
wir sie bereits früher einmal ge-
macht haben, als von einer Verlegen-
heit noch keine Rede war. Klinische
Beobachtungen haben uns seinerzeit
zur Auffassung genötigt, daß der
dem Sadismus komplementäre
Partialtrieb des Masochismus
als eine Rückwendung des SadismusS.
Ja, man könnte sagen, der aus dem Ich herausge-
drängte Sadismuszeigehabe den libidinösen Kom-
ponenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt;
späterhin drängen diese zum Objekt nach.
Wo der ursprüngliche Sadismus keine Ermäßigung
und Verschmelzung erfährt, ist die bekannte
Liebe‑Haß‑Ambivalenz des Liebeslebens
hergestellt.S.
57
gegen das eigene Ich zu verstehen sei.x) Eine
Wendung des Triebes vom Objekt zum
Ich ist aber prinzipiell nichts anderes
als die Wendung vom Ich zum Objekt,
die hier als neu infrage steht. Der
Sadismus, deMasochismus, die Wend-
ung des Triebs gegen das eigene Ich, wäre
dann in Wirklichkeit eine Rückkehr
zu einer früheren Phase desselben,
eine Regression. In einem Punkte be-
dürfte die damals vom Masochismus
gegebene Darstellung einer Berichtig-
ung als allzu ausschließlich. Der Masoch-
ismus könnte auch, was ich dort be-
streiten wollte, ein primärer seinx).Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden
Sexualtrieben zurück. Schon aus derEr
Protistenforschung haben wir erfahren,
daß die Verschmelzung zweier Individuen
ohne nachfolgende Teilung, die Kopulation,
auf beide Individuen, die sich dann bald
von einander lösen,¿stärkend und
verjüngend wirkt. (S. o. Lipschütz). Sie
zeigen in weiteren Generationen
keine Degenerationserscheinungen
und scheinen befähigt, den Schädlich-
keiten ihres eigenen Stoffwechsels
länger zu widerstehen. Ich meine,
daß diese eine Beobachtung als vorbildlichx) Vgl Sexualtheorie – 4 Aufl 1920 und „Triebe
und Triebschicksale“ in Sam̄lg kl. Schriften,
vierte Folge.x) In einer inhalts‑ und gedankenreichen, für mich leider
nicht ganz durchsichtigen Arbeit hat Sabina
Spielrein ein ganzes Stück dieser Spekul-
ation vorweggenom̄en. Sie bezeichnet
die sadistische Komponente des Sexual-
triebs als die „destruktive“. (Die
Destruktion als Ursache des Werdens,
Jahrb. f. Psychoanalyse IV. 1912.S.
58
für den Effekt auch der geschlecht-
lichen Vereinigung genom̄en werden darf.
Aber auf welche Weise bringt die Ver-
schmelzung zweier wenigverschiedener
Zellen eine solche Erneuerung des
Lebens zu Stande? Der Versuch, der
die Konjugation bei den Protozoen
durch die Einwirkung chemischer, ja
selbst mechanischer Reize (l.c.) er-
setzt, gestattet wol eine sichere Ant-
wort zu geben: Es geschieht durch die
Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stim̄t
nun aber gut zur Annahme, daß der
Lebensprozeß des Individuums aus inneren Gründen zur
Abgleichung chemischer Span̄ungen, d.h. zum
Tode führt, während die Vereinigung
mit einer individuell verschiedenen
lebenden Substanz diese Span̄ungen
vergrößert, sozusagen neue Vital-
differenzen einführt, die dann abge-
lebt werden müßen. Für diese Ver-
schiedenheit muß es natürlich ein oder
mehrere Optima geben. Daß wir als
die herrschende Tendenz des Seelenlebens,
vielleicht des Nervenlebens überhaupt,
das Streben nach Herabsetzung, Konstant-
erhaltung, Aufhebung der innerenSpa
Reizspan̄ung erkannten,wie es gleich
(das Nirwanaprinzip nach einem englischen
Autor), wie es im Lustprinzip zum
Ausdruck kom̄t, das ist ja eines
unserer stärksten Motive an die
Existenz von Todestrieben zu glauben.Als empfindliche Störung unseres Ge-
dankenganges verspüren wir es aber
noch immer, daß wir gerade für den
Sexualtrieb jenen Charakter
eines Wiederholungszwanges nicht nach-
weisen können, der uns zuerst zur
Aufspürung der Todestriebe führte.S.
59
Das Gebiet der embryonalen Entwicklungs-
vorgänge ist zwar überreich an solchen
Wiederholungserscheinungen, die beiden
Keimzellen der geschlechtlichen Fort-
pflanzung und ihre Lebensgeschichte sind
selbst nur Wiederholungen der
Anfänge des organischen Lebens; aber
das Wesentliche an den vom Sexual-
trieb intendirten Vorgängen ist
doch die Verschmelzung zweier
Zelleiber. Erst durch diese wird
bei den höheren Lebewesen die
Unsterblichkeit der lebenden Substanz
gesichert.Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft
schaffen über die Entstehung der geschlecht-
lichen Fortpflanzung und die Herkunft
der Sexualtriebe überhaupt, eine
Aufgabe, vor der ein Außenstehender
zurückschrecken muß, und die von
den Spezialforschern selbst bisher
nicht gelöst werden konnte. In knappster
Zusam̄endrängung sei darum aus all
den widerstreitenden Angaben und
Meinungen hervorgehoben, was einen
Anschluß an unseren Gedankengang
zuläßt.Die eine Auffassung benim̄t dem Problem
der Fortpflanzung seinen geheimnis-
vollen Reiz, indem sie die Fortpflanz-
ung als eine Teilerscheinung des Wachs-
tumsauffadarstellt. (TeilVer-
mehrung durch Teilung, Sproßung, Knos-
pung). Die Entstehung der Fortpflanzung
durch geschlechtlich differenzirte Keim-
zellen könnte man sich nach nüchterner
Darwin’scher Denkungsart, so vorstellen daß der
Vorteil der Amphimixis, der sich
dereinst bei der zufälligen Konjug-
ation zweier Protisten ergab,¿¿inS.
60
der
weiterenferneren Entwicklung festgehalten
und weiter ausgenützt wurde.x) Das „Geschlecht“
wäre also nicht sehr alt, und die außer-
ordentlich heftigen Triebe, welche die
geschlechtliche Vereinigung herbeiführen
wollen, wiederholten dabei etwas, was
sich zufällig einmal ereignet und
seither als vorteilhaft befestigt hat.Es ist hier wiederum wie beim Tod
die Frage, ob man bei den Protisten
nichts anderes gelten lassen sollen, als
was sie zeigen, und ob man annehmen
¿darf, daß Kräfte und Vorgänge,
die erst bei höheren Lebewesen
sichtbar werden, auch bei diesen zuerst
entstanden sind. Für unsere Absichten
leistet die erwähnte Auffassung
der Sexualität sehr wenig. Man wird
gegen sie einwenden dürfen, daß
sie die Existenz von Lebenstrieben,
die schon im einfachsten Lebewesen
wirken, voraussetzt, denn sonst wäre
ja die Konjugation, die dem Lebens-
ablauf entgegenwirkt und die Auf-
gabe des Ablebens erschwert, nicht
festgehalten und ausgearbeitet, son-
dern vermieden worden. Wenn manx) Obwohl Weismann (Das Keimplasma, 1892) auch
diesen Vorteil leugnet: „Die Befrucht-
ung bedeutet keinesfalls eine Verjüngung
oder Erneuerung des Lebens, sie wäre
durchaus nicht notwendig zur Fortdauer
des Lebens, sie ist nichts als eine Einricht-
ung, um die Vermischung zweier ver-
schiedener Vererbungstendenzen möglich
zu machen.“ Als die Wirkung einer
solchen Vermischung betrachtet er
aber doch einegestSteigerung der
Variabilität der Lebewesen.S.
61
also die Annahme von Todestrieben nicht
fahren lassen will, muß man ihnen
von allem Anfang an Lebenstriebe
zugesellen. Aber man muß es zugestehen,
wir arbeiten da an einer Gleichung
mit zwei Unbekannten.
Was wir sonst in derLiteraturWissenschaft
über die Entstehung der Geschlecht-
lichkeit finden, ist so wenig, daß
man dies Problem einem Dunkel
vergleichen kann in welches auch
nicht der Lichtstral einer Hypothese
gedrungen ist. An ganz anderer
Stelle begegnen wir allerdings
einer solchen Hypothese, die aber von
so phantastischer Art ist, – gewiß eher
alsein Mythus als eine wissenschaft-
liche Erklärung –, daß ich nicht wagen
würde, sie hier anzuführen, wenn
sie nicht gerade die eine Bedingung
erfüllen würde, nach deren Erfüll-
ung wir streben. Sie leitet nämlich
einen Trieb ab von dem Bedürf-
nis nach Wiederherstellung eines
früheren Zustandes.Ich meine natürlich die Theorie, die Plato
im Symposion durch Aristophanes ent-
wickeln läßt, und die nicht nur die Her-
kunft des Geschlechtstriebs, sondern
auch seiner wichtigsten Variation in
Bezug auf das Objekt behandelt: x)„Die menschliche Natur war ja einst ganz
anders. Ursprünglich gab es drei Geschlechter,
Drei und nicht wie heute zwei; neben
dem männlichen und weiblichen lebte
ein drittes Geschlecht, welches an den beidenx) Übersetzung von Rud. Kassner
S.
62
ersten gleichen Anteil hatte, …“ Alles an diesen
Menschen war aber doppelt, sie hatten also
vier Hände und vier Füße, zwei Ge-
sichter, doppelte Schamteile us.w. Da ließ
sich Zeus bewegen, jeden Menschen in
zwei Teile zu teilen, „wie man Birnen,
um sie einzumachen, entzwei schneidet“ …
„Als nun auf diese Weise die ganze Natur
entzwei war, kam in jeden Menschen
die große Sehnsucht nach seiner eigenen
anderen Hälfte und die beiden Hälften
schlugen die Arme um einander und
verflochten ihre Leiber und wollten
wieder zusam̄enwachsen …“Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen
folgend, die Annahme wagen, daß die
lebende Substanz bei ihrer Belebung
gleichzeitig in kleine Partikel zerrißen
wurde, die seither durch die Sexual-
triebe ihre Wiedervereinigung an-
streben? Daß diese Triebe, in denen
sich die chemische Affinität der unbe-
lebten Materie fortsetzt, durch das
Reich der Protisten hindurch allmälich
die Schwierigkeiten überwinden, welche
eine mit lebensgefährlichen Reizen
geladene Umgebung diesem Streben entgegengesetzte, die sie zur Bildung
einer schützenden Rindenschicht nötigt?
Daßsiediese zersprengten Teilchen lebender Substanz
so die Vielzelligkeit erreichen und
endlich
den Keimzellen den Trieb zur Wiederver-
einigung in höchster Konzentration
übertragen? Ich glaube es ist hier
die Stelle, abzubrechen.Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Be-
sinnung anzuschließen. Man könnte mich
fragen, ob und inwieweit ich selbstS.
63
von den hier entwickelten Annahmen
überzeugt bin. Meine Antwort würde
lauten, daß ich weder selbst überzeugt
bin noch bei anderen um Glauben für
sie werbe. Richtiger: ich weiß nicht, wie
weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß
der affektive Moment der Überzeug-
ung hier gar nicht in Betracht zu kom̄en
braucht. Man kann sich doch einem Ge-
dankengang hingeben, ihn verfolgen, soweit
er führt, nur aus wissenschaftlicher
Neugierde, oder wenn man will, als
advocatus diaboli, der sich darum doch
nicht dem Teufel selbst verschreibt.
Ich verkenne nicht, daß der dritte Schritt
in der Trieblehre, den ich hier unter-
nehme, nicht die Sicherheit beanspruchen
kann wie die beiden früheren,
die Erweiterung des Begriffs der
Sexualität und die Aufstellung des
Narzißmus. Diese Neuerungen waren
direkte Übersetzungen der Beobachtung
in Theorie, mit nichtandgrößeren Fehler-
quellen behaftet, als in all solchen
Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung
des regressiven Charakters der Triebe
ruht allerdings auch auf beobachtetem
Material, nämlich auf den Tatsachen des Wieder-
holungszwanges. Allein vielleicht habe
ich deren Bedeutung überschätzt.
Die Durchführung dieser Idee ist
jedenfalls nicht anders möglich, als
daß man mehrmals nach einander
Tatsächliches mit blos Erdachtem kom-
binirt und sich dabei weit von der
Beobachtung entfernt. Man weiß, daß
das Endergebnis umso unverläßlicher
wird, je öfter man dies während
des Aufbaues einer Theorie thut,S.
64
aber der Grad der Unsicherheit ist nicht
angebbar. Man kann dabei glücklich
geraten haben oder schmählich in
die Irre gegangen sein. Der sogenan̄ten
Intuition traue ich bei solchen
Arbeiten wenig zu; was ich von ihr
gesehen habe, schien mir eher der
Erfolg einer gewißen Unparteilich-
keit des Intellekts. Nur daß man
leider selten unparteiisch ist, wo es
sich es um die letzten Dinge, die
großen Probleme der Wissenschaft
und des Lebens handelt. Ich glaube,
ein jeder wird da von innerlich tief
begründeten Vorlieben beherrscht,
denen er mit seiner Spekulation un-
wissentlich in die Hände arbeitet. Bei
so guten Gründen zum Mistrauen bleibt
wolalsnichts anderes als ein kühles
Wolwollen für die Ergebniße der
eigenen Denkbemühung möglich. Ich be-
eile mich nur hinzuzufügen, daß solche
Selbstkritik durchaus nicht zu beson-
derer Toleranz gegen abweichende
Meinungen verpflichtet. Man darf un-
erbittlichLehrenTheorien abweisen, denen schon
die ersten Schritte in der Analyse
der Beobachtung widersprechen, und
kann dabei doch wissen, daß die
Richtigkeit derer, die man vertritt,
doch nur eine vorläufige ist.
In der Beurteilung unserer Spekulation
über die Lebens‑ und Todestriebe
würde es uns wenig stören, daß
soviel befremdende und unanschauliche
Vorgänge darin vorkom̄en, wie ein
Trieb werde von anderen heraus-
gedrängt, oder er wende sich vom
Ich zum Objekt und dgl. Dies rührt
nur daher, daß wir genötigt sind,S.
65
mit den wissenschaftlichen Terminis, dh eine
der eigenen Bildersprache der Psycho-
logie (richtig: der Tiefenpsychologie)
zu arbeiten. Sonst könnten wir die
entsprechenden Vorgänge überhaupt
nicht beschreiben, ja, würden sie gar
nicht wahrgenom̄en haben. Die Mängel
in unserer Beschreibung würden
wahrscheinlich verschwinden, wenn wir
anstatt der psychologischen Termini
schon die physiologischen oder chemischen
einsetzen könnten. Diese gehören
zwar auch nur einer Bildersprache
an, aber einer uns seit längerer
Zeit vertrauten und vielleicht auch
einfacheren.Hingegen wollen wir uns recht klar
machen, daß die Unsicherheit unserer
Spekulation zu einem hohen Grad
durch die Nötigung gesteigert wurde,
Anleihen bei der biologischen Wissen-
schaft zu machen. Die Biologie ist
wahrlich ein Reich der unbegrenzten
Möglichkeiten, wir haben die über-
raschendsten Aufklärungen von ihr
zu erwarten und können nicht er-
raten, welche Antworten sie
auf die von uns an sie gestellten
Fragenineinige Jahrzehnte
später geben würde. Vielleicht
gerade solche, durch die unser
ganzer künstlicher Bau von
Hypothesen umgeblasen wird.
Wenn dem so ist, könnte jemand fragen,
wozu unternim̄t man also solche Ar-
beiten wie die in diesem Ab-
schnitt niedergelegte, und warum
bringt man sie doch zur Mitteilung?
Nun, ich kann nicht in Abrede stellen,S.
S.
67
Editorische Anmerkung:
[40] [Diese Zählung basiert auf der Transkription der 1. Reinschrift und berücksichtigt nicht das eingefügte 6. Kapitel. Sie wird in der diplomatischen Umschrift nicht übernommen.
Hier findet sich noch einmal das Ende des 5. Kapitels (zu dessen Umschrift siehe S. 40.) An dieser Stelle wird nach dem Ende des eingeschobenen VI. Kapitels mit dem folgenden und abschließenden VII. Kapitel fortgefahren.]VII.
Wenn es
einwirklich so allgemeiner Charakter der Triebe ist, dass sie
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, so dürfen wir
uns nicht darüber verwundern, dass im Seelenleben soviele Vor-
gänge sich unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. Dieser Cha-
rakter würde sich jedem Partialtrieb mitteilen und sich in sei-
nem Falle auf die Wiedererreichung einer bestim̄ten Staztion
des Entwicklungsweges beziehen. Aber all dies, worüber das
Lustprinzip noch keine Macht bekommen hat, brauchte darum
noch nicht im Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist
noch ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wiederholungs-
vorgänge zur Herrschaft des Lustprinzips zu bestimmen.Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten Funk-
tionen des seelischen Apparates erkannt, die anlangenden
Triebregungen zu „binden“, den in ihnen herrschenden Pri-
märvorgang durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre freiS.
68
bewegliche Besetzungsenergie in vorwiegend ruhende (tonische)
Besetzung umzuwandeln. Während dieser Umsetzung kann auf die
Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht genommen werden, allein
das Lustprinzip wird dadurch nicht aufgehoben. Die Umsetzung
geschieht vielmehr im Dienste des Lustprinzips; die Bindung
ist ein vorbereitender Akt, der die Herrschaft des Lustprin-
zips einleitet und sichert.Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer von einander, als
wir es bisher gethan haben. Das Lustprinzip ist dann eine
Tendenz, welche im Dienste einer Funktion steht, der es zu-
fällt, den seelischen Apparat überhaupt erregungslos zu ma-
chen, oder den Betrag der Erregung in ihm konstant oder mög-
lichst niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für keine die-
ser Fassungen sicher entscheiden, aber wir merken, dass die
so bestimmte Funktion Anteil hätte an dem allgemeinsten Stre-
ben alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzu-
kehren.Der alles seelische Leben beherrschende Lusttrieb un-Wir haben alle erfahren,
terschiede sich in diesem Charakter nicht von den anderen or-
ganischen Welt zurückzukehren Trieben, welche die somatische
Erregung ans Seelische heranbringen.
daß die grösste uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit
dem momentanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung ver-
bunden ist. Die Bindung der Triebreguerregung wäre aber eine
vorbereitende Funktion, welche die Erregung für ihre endgilti-
ge Erledigung in der Abfuhrlust zurichten soll.Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob die Lust‑
und Unlustempfindungen von den gebundenen wie von den ungebun-
denen Erregungsvorgängen in gleicher Weise erzeugt werden können.
Da erscheint es denn ganz unzweifelhaft, dass die ungebundenen,
die Primärvorgänge, weit intensivere Empfindungen nach beiden
Richtungen ergeben als die gebundenen, die des Sekundärvorgangs.S.
69
Die Primärvorgänge sind auch die zeitlich früheren, zu Anfang
des Seelenlebens giebt es keine anderen und wir können schlies-
sen, wenn das Lustprinzip nicht schon bei ihnen in Wirksamkeit
wäre, könnte es sich überhaupt für die späteren nicht herstel-
len. Wir kommen so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis,
daß deras Lusttriebstreben zu Anfang des seelischen Lebens sich weit
intensiver äussert als späterhin, aber nicht so uneingeschränkt,
ers muss sich häufige Durchbrüche gefallen lassen. In reiferen
Zeiten ist die Herrschaft des Lustprinzips sehr viel mehr ge-
sichert, aberder Triebdieses selbst ist der Bändigung so wenig ent-
gangen wie dieanderenTriebe überhaupt. Jedenfalls muß das, was am Erregungsvorgange die Empfindungen
von Lust und Unlust entstehen lässt, beim Sekundärvorgang eben-
so vorhanden sein wie beim Primärvorgang. 1⎾Vielleicht sind die
sogenannten Spannungsempfindungen, die uns das Bewusstsein ne-
ben den Lust‑Unlustempfindungen von innnen her vermittelt, eher
auf die gebundenen, die direkten Lust‑Unlustempfineungen aber
auf die ungebundenen und auf die Abfuhrvorgänge zu beziehen.
Vielleicht wird das Vorkommen von lustvoller wie von unlust-
voller Spannung durch diese Zuteilung unserem Verständnis nä-
her gebracht.Ich halte es für überflüssig, die Zaghaftigkeit wie die Unsi-
cherheit dieser Spekulationen entschuldigen zu wollen. Wer
das tatsächliche hinter ihnen herausgreifen will, der möge die
Erscheinungen des Wiederholungszwanges seiner Aufmerksamkeit
würdigen.Mit dieser Auffassung konkurrirt aber eine
andere, welche die Empfindungen von Span̄ung
auf die absolute Größe und auf das Niveau
der Energiebahntzung, Lust und Unlust dagegen
auf die Änderung dieser Größe in der Zeit-
einheit beziehen möchte. Die beiden Mög-
lichkeiten sind nicht unvereinbar mit
einander undS.
70
1⎾Hier wäre die Stelle, mit weiteren
Studien einzusetzen. Unser Bewußtsein
vermittelt uns von¿¿innen her nicht
nur die Empfindungen von Lust und
Unlust, sondern auch von einer eigen-
tümlichen Span̄ung, die selbst wieder
eine lustvolle oder eine unlustvolle
sein kann. Sind es nun die gebundenen
und die ungebundenen Energievorgänge
die wir mittels dieser Empfindungen
von einander unterscheiden sollen, oder
ist die Spannungsheempfindung auf die absol-
ute Größe, eventuell das Niveau
der Besetzung zu beziehen, während
die Lust‑Unlustreihe auf die Änder-
ung der Besetzungsgröße in der Zeit-
einheitzu beziehenhindeutet? Es muß uns auch
auffallen, daß die Lebenstriebe soviel
mehr mit unserer inneren Wahrnehm-
ung zu thun haben, da sie als Störenfriede auftreten, unausgesetzt
Span̄ungen mit sich bringen, deren Er-
ledigung als Lust empfunden wird,
während die Todestriebe ihre Ar-
beit unauffällig
zu leisten scheinen. Das Lustprinzip
scheint geradezu im Dienste der Todes-
triebe zu stehen; es wacht allerdings
auch über die Reize von außen, die
von beiderlei Triebarten als
Gefahren eingeschätzt werden, aber
ganz besonders über die Reizsteigerungen
von innen her, die eine Erschwerung
der Lebensaufgabe erzielen. Hieran
knüpfen sich ungezälte andere Fragen,
deren Beantwortung jetzt nichtS.
71
möglich ist. Man muß geduldig sein und auf
weitere Mittel und Anläße zur Forschung
warten. Auch bereit bleiben, einen Weg
wieder zu verlassen, den man eine
Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts
Gutem zu führen scheint. Nur solche
Gläubige, die von der Wissenschaft
einen Ersatz für den aufgegebenen
Katechismus fordern, werden dem
Forscher die Fortbildung oder selbst
die Umbildung seiner Ansichten
verübeln dürfen. Im übrigentröstet
mag uns ein Dichter über die langsamen
Fortschritte unserer wissenschaftlichen
Erkenntnis trösten.„Was man nicht erfliegen kann,
muß man erhinken.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Schrift sagt, es ist keine Sünde
zu hinken.x)x) Rückert in den Markamen des Hariri
Editorische Eingriffe bei der Erstellung der diplomatischen Umschrift von Druckvorstufen (Entwürfen, Reinschriften):
Die Einfügungen, die auf gesonderten, eingeklebten / darübergeklebten Papierstreifen oder Seiten erfolgt sind, finden sich in zweifacher Form: Sie sind an die vorgesehen Stelle im Text der diplomatischen Umschrift eingefügt und es finden sich die diplomatischen Umschriften zusätzlich noch bei den Faksimiles der Einklebungen.
Aus verarbeitungstechnischen Gründen werden als Vorbereitung zum Textvergleich im Editortext alle Fußnoten stillschweigend in Endnoten umgewandelt.