II. Die Methode der Traumdeutung.
Die Analyse eines Traummusters.
Die Ueberschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, lässt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt zu zeigen, dass Träume einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigenen Aufgabe ergeben können. Mit der Voraussetzung, dass Träume deutbar sind, trete ich sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen Traumtheorien mit Ausnahme der Scherner’schen, denn „einen Traum deuten heisst, seinen „Sinn angeben, ihn durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwerthiges Glied in die Verkettung unserer seelischen Actionen einfügt. Wie wir erfahren haben, lassen aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für sie überhaupt kein seelischer Act, sondern ein somatischer Vorgang, der sich durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders hat sich zu allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient sich ihres guten Rechtes, inconsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht entschliessen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer dunkeln Ahnung geleitet scheint sie doch anzunehmen, der Traum habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum Ersatze eines anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen.
Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum zu „deuten“ und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden versucht. Das erste dieser Verfahren fasst den Trauminhalt als Ganzes in’s Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vorne herein an jenen Träumen, welche nicht blos unverständlich, sondern auch verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa die Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao angedeihen liess. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kommen, welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Aegypten, welche allen Ueberfluss aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben. Die meisten der arteficiellen Träume, welche von Dichtern geschaffen wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben den vom Dichter gefassten Gedanken in einer Verkleidung wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren unseres Träumens passend gefunden wird. Die Meinung, der Traum beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er im Voraus ahne, — ein Rest der einst den Träumen zuerkannten prophetischen Bedeutung — wird dann zum Motiv, den durch symbolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes durch ein „es wird“ in’s Futurum zu versetzen.
Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung findet, dazu lässt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der unvermittelten Intuition, und darum konnte die Traumdeutung mittelst Symbolik sich zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung gebunden schien.1) Von solchem Anspruch hält sich die andere der populären Methoden der Traumdeutung völlig ferne. Man könnte sie als die „Chiffrirmethode“ bezeichnen, da sie den Traum wie eine Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Bedeutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Brief geträumt; aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.; ich sehe nun in einem, „Traumbuch“ nach und finde, dass „Brief“ mit „Verdruss“, „Leichenbegängnis“ mit „Verlobung“ zu übersetzen ist. Es bleibt mir dann überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, einen Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig hinnehme. Eine interessante Abänderung dieses Chiffrirverfahrens, durch welche dessen Charakter als rein mechanische Uebertragung einigermassen corrigirt wird, zeigt sieh in der Schrift über Traumdeutung des Artemidoros aus Daldis.2) Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die Lebensumstände des Träumers Rücksicht genommen, so dass das nämliche Traumelement für den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kaufmann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, dass die Deutungsarbeit nicht auf das Ganze des Traumes gerichtet wird, sondern auf jedes Stück des Trauminhaltes für sich, als ob der Traum ein Conglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängende und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffrirmethode ausgegangen ist.
Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei der Chiffrirmethode käme alles darauf an, dass der „Schlüssel“, das Traumbuch, verlässlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. Man wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben und mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Aufgabe zu streichen.
Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen müssen, dass hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt, in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahrheit der Dinge näher gekommen zu sein scheint das Urtheil der heute geltenden Wissenschaft. Ich muss behaupten, dass der Traum wirklich eine Bedeutung hat, und dass ein wissenschaftliches Verfahren der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin ich auf folgende Weise gelangt:
Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung gewisser psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich nämlich aus einer bedeutsamen Mittheilung von Josef Breuer weiss, dass für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auflösung und Lösung in Eines zusammenfällt.2) Hat man eine solche pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der Räthselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Verfahrens schliesslich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Bemühung gewesen sind, darüber werde ich ein anderes Mal ausführlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoanalytischen Studien gerieth ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzutheilen, die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten mir ihre Träume und lehrten mich so, dass ein Traum in die psychische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer pathologischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu behandeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf ihn anzuwenden.
Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner Aufmerksamkeit für seine psychische Wahrnehmungen und eine Ausschaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit gesammelter Aufmerksamkeit ist es vortheilhaft, dass er eine ruhige Tage einnimmt und die Augen schliesst; den Verzicht auf die Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen muss man ihm ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge davon ab, dass er alles beachtet und mittheilt, was ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten lässt, den einen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten; denn gerade an dieser Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auflösung des Traumes, der Zwangsidee u. dgl. zu finden.
Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, dass die psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Action mehr in’s Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirne des Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen muss eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende übt ausserdem eine Kritik aus, in Folge deren er einen Theil der ihm aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere kurz abbricht, so dass er den Gedankenwegen nicht folgt, welche sie eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiss er sich so zu benehmen, dass sie überhaupt nicht bewusst, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Bewusstsein, die sonst unfassbar geblieben wären. Mit Hilfe, dieses für die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials lässt sich die Deutung der pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Vertheilung der psychischen Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Einschlafen treten die „ungewollten Vorstellungen“ hervor durch den Nachlass einer gewissen willkürlichen (und gewiss auch kritischen) Action, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellung einwirken lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung“ anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellung verwandeln sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen von Schleiermacher61) u. A. Seite 33.) Bei dem Zustand, den man zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, verzichtet man absichtlich und willkürlich auf jene Activität und verwendet die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht so die „ungewollten“ Vorstellungen zu „gewollten“. Es ist im Allgemeinen nicht schwierig, sich selbst oder einen Anderen in den gewünschten Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung zu versetzen. Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unterweisung zu Stande; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Thätigkeit herabsetzt, und mit welchem man die Intensität der Selbstheobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Thema, welches von der Aufmerksamkeit fixirt werden soll. Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, dass man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen Theilstücke seines Inhaltes zum Object der Aufmerksamkeit machen darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen zu diesem Traum ein? so weiss er in der Regel nichts in seinem geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muss ihm den Traum zerstückt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stück eine Reihe von Einfällen, die man als die „Hintergedanken“ dieser Traumpartie bezeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also die von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären, historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffrirmethode“. Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese fasst sie den Traum von vorne herein als etwas Zusammengesetztes, als ein Conglomerat von psychischen Bildungen auf. Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich wohl bereits über tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, dass ich mich dem Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von Neuropathen, die einen Rückschluss auf die Träume gesunder Menschen nicht gestatten, nöthigt mich ein anderer Grund zu deren Verwerfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist natürlich immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu Grunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vorbericht und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind, und so die Aufmerksamkeit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht vielmehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Erschliessung der schwierigeren Probleme der Neurosen-Psychologie zu schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind, oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben verzeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrirmethode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixirten Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefasst darauf, dass derselbe Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zusammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person berrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verlässlichkeit solcher „Selbstanalysen“ entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keineswegs ausgeschlossen. Nach meinem Urtheil liegen die Verhältnisse bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung Anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traumdeutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreifliche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, weiss sich dabei auch nicht gesichert vor der Missdeutung der Fremden. Aber darüber muss man sich hinaussetzen können. „Tout psychologiste, schreibt Delboeuf,26) est obligé de faire l’aveu même de ses faiblesses s’il croît par là jeter du jour sur quelque problème obscure.“ Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das anfängliche Interesse an den Indiscretionen, die ich begehen muss, sehr bald der ausschliesslichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten psychologischen Probleme Platz machen.
Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht einen Vorbericht nöthig. Nun muss ich aber den Leser bitten, für eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu versenken, denn solche Uebertragung fordert gebieterisch das Interesse für die versteckte Bedeutung der Träume.
Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaftlich sehr nahe stand. Man versteht es, dass solche Vermengung der Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse des Arztes ist grösser, seine Autorität geringer. Ein Misserfolg droht die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern. Die Cur endete mit einem theilweisen Erfolg, die Patientin verlor ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die endgiltige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeichnen, und muthete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen die Behandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer College, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr besser, aber nicht ganz gut. Ich weiss, dass mich diese Worte meines Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa dass ich der Patientin zu viel versprochen hätte, und führte — ob mit Recht oder Unrecht — die vermeintliche Parteinahme Otto’s gegen mich auf den Einfluss von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine Behandlung nie gerne gesehen hatten. Uebrigens wurde mir meine peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irma’s nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., ein gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, der unmittelbar nach dem Erwachen fixirt wurde.
Traum vom 23./24. Juli 1895.
Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — Unter ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, dass sie die „Lösung“ noch nicht acceptirt. Ich sage ihr: Wenn Du noch Schmerzen hast, so ist es wirklich nur Deine Schuld. — Sie antwortet: Wenn Du wüsstest, was für Schmerzen jetzt habe im Hals, Magen und Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich erschrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben wie die Frauen, die ein künstliches Gebiss tragen. Ich denke mir, sie hat es doch nicht nöthig. — Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finde rechts einen grossen weissen Fleck, und anderwärts sehe ich an merkwürdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nachgebildet sind, ausgedehnte weissgraue Schorfe. — Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt ..... Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben ihr, und Freund Leopold percutirt sie über dem Leibchen und sagt: Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrirte Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie er spüre) .... M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infection, aber es macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbar, woher die Infection rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl fühlte, eine Injection gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen ... Propionsäure .... Trimethylamin (dessen Formel ich fett gedruckt vor mir sehe) .. Man macht solche Injectionen nicht so leichtfertig ... Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein.
Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft, und welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Auskunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irma’s Befinden erhalten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht geschrieben, haben meine Seelenthätigkeit auch während des Schlafes beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, was der Traum bedeutet. Ich selbst weiss es auch nicht. Ich wundere mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injection mit Propionsäure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum scheint mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muss ich mich zu einer eingehenden Analyse entschliessen.
Analyse:
Die Halle — viele Gäste, die wir empfangen. Wir wohnten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschliessen. Dies Haus war ehemals zu einem Vergnügungslocal bestimmt, hat hievon die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. Der Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem Geburtstag würden mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen. Mein Traum anticipirt also diese Situation: Es ist der Geburtstag meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden von uns als Gäste in der grossen Halle der Bellevue empfangen.
Ich mache Irma Vorwürfe, dass sie die Lösung nicht acceptirt hat; ich sage: Wenn Du noch Schmerzen hast, ist es Deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen sagen können, oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (später als unrichtig erkannte) Meinung, dass meine Aufgabe sich darin erschöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzutheilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin diesem jetzt glücklich überwundenen Irrthum dankbar dafür, dass er mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner unvermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produciren sollte. — Ich merke aber an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche, dass ich vor Allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. Wenn es Irma’s eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein?
Irma’s Klagen; Schmerzen im Hals, Leib und Magen, es schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen gehörten zum Symptomcomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr vordringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Uebelkeit und Ekel. Schmerzen im Hals, im Leib, Schnüren in der Kehle spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu dieser Auswahl der Symptome im Traum entschlossen habe, kann es auch für den Moment nicht finden.
Sie sieht bleich und gedunsen aus.
Meine Patientin war immer rosig. Ich vermuthe, dass hier eine andere Person ihr unterschiebt.
Ich erschrecke im Gedanken, dass ich doch organische Affection übersehen habe.
Wie man mir gerne glauben wird, eine nie erlöschende Angst beim Specialisten, der fast ausschliesslich Neurotiker sieht, und der so viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche andere Aerzte als organisch behandeln. Andererseits beschleicht mich — ich weiß nicht woher — ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irma’s organisch begründet sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine Cur beseitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir also eigentlich vor, als sollte ich einen Irrthum in der Diagnose wünschen; dann wäre der Vorwurf des Misserfolges auch beseitigt.
Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu sehen. Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die falsche Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch nicht nöthig.
Bei Irma hatte ich niemals Anlass, die Mundhöhle zu inspiciren. Der Vorgang im Traum erinnert mich an die vor einiger Zeit vorgenommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Eindruck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Oeffnen des Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiss zu verbergen. An diesen Fall knüpfen sieh andere Erinnerungen an ärztliche Untersuchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von Beiden zur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es doch nicht nöthig, ist wohl zunächst ein Compliment für Irma; ich vermuthe aber noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es hei aufmerksamer Analyse, ob man die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, fand ich sie in der im Traum reproducirten Situation beim Fenster, und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, dass sie einen diphtheritischen Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, dass ich in den letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat es mir verrathen. Was weiss ich aber von ihren Zuständen? Gerade das eine, dass sie am hysterischen Würgen leidet wie meine Irma im Traum. Ich habe also im Traum meine Patientin durch ihre Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Vermuthung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von sehr zurückhaltender Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum zeigt. - Eine andere Erklärung wäre, dass sie es nicht nöthig hat; sie hat sich wirklich bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen, falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. Dann fällt mir eins andere Person ein, auf welche jene Züge anspielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin, und ich möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, dass sie sich vor mir genirt, und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich bleich, und als sie einmal eine besonders gute Zeit hatte, war sie gedunsen.3) Ich habe also meine Patientin Irma mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der Behandlung sträuben würden. Was kann es für Sinn haben, dass ich sie im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, dass ich sie vertauschen möchte; die Andere erweckt entweder bei mir stärkere Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht acceptirt. Die Andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der Mund geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als Irma.4)
Was ich im Halse sehe: einen weissen Fleck; verschorfte Nasenmuscheln.
Der weisse Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irma’s Freundin, ausserdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten Tochter vor nahezu zwei Jahren, und an all den Schreck jener bösen Zeit. Die Schorfe an den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Cocain, um lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen Tagen gehört, dass eine Patientin, die es mir gleich that, sich eine ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die Empfehlung des Cocains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein theurer, 1895 schon verstorbener Freund hatte durch den Missbrauch dieses Mittels seinen Untergang beschleunigt.
Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt.
Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. Aber das „schnell“ ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches, Erlebnis. Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxication bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst an den erfahrenen älteren Collegen um Beistand. Dass ich diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumstand erhärtet. Die Kranke, welche der Intoxication erlag, führte denselben Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltung vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne hier fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftigkeit machen kann.
Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt.
Davon ist soviel richtig, dass sein schlechtes Aussehen häufig die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere müssen einer anderen Person angehören. Es füllt mir mein im Auslande lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasirt trägt und dem, wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im Ganzen ähnlich sah. Ueber ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, dass er wegen einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muss einen Grund haben, dass ich die beiden Personen im Traume zu einer einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, dass ich gegen Beide aus ähnlichen Gründen missgestimmt war. Beide hatten einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte, zurückgewiesen.
Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links unten nach.
Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. Das Schicksal hat die Beiden, da sie dieselbe Specialität ausüben, zu Concurrenten gemacht, die man beständig mit einander vergleicht. Sie haben mir Beide Jahre hindurch assistirt, als ich noch eine öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Scenen, wie die im Traum reproducirte, haben sich dort oftmals zugetragen. Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattirte, hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit wie zwischen dem Inspector Bräsig und seinem Freunde Karl. Der Eine that sich durch „Fixigkeit“ hervor, der Andere war langsam, bedächtig, aber gründlich. Wenn ich im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die Gedankenverbindung im Traume fortschiebt: vom kranken Kind zum Kinderkrankeninstitut. — Die Dämpfung links unten macht mir den Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, in dem mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappirt hat. Es schwebt mir ausserdem etwas vor wie eine metastatische Affection, aber es könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame imitirt nämlich, soweit ich es übersehen ka eine Tuberculose.
Eine infiltrirte Hautpartie an der linken Schulter.
Ich weiss sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den ich regelmässig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich ... wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Uebrigens fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrirte Hautpartie“ klingt. An die „Infiltration links hinten oben“ sind wir gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf Tuberculose.
Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung. Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet; es ist irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche Patienten untersuchen muss. Von einem hervorragenden Kliniker pflegte man zu erzählen, dass er seine Patienten stets nur durch die Kleider physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen.
Dr. M. sagt: Es ist eine Infection, aber es macht nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen das Gift sich ausscheiden.
Das erscheint mir zuerst lächerlich, muss aber doch, wie alles andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war eine locale Diphtheritis. - Aus der Zeit der Erkrankung meiner Tochter erinnere ich mich an die Discussion über Diphtheritis und Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfection, die von der localen Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfection weist Leopold durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde denken lässt. Ich glaube zwar, dass gerade bei Diphtherie derartige Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie.
Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich folgendermassen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt gebracht, dass die Schmerzen der Patientin von einer schweren organischen Affection herrühren. Es ahnt mir, dass ich auch nur die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand diphtheritischer Leiden kann die psychische Cur nicht verantwortlich gemacht werden. Nun genirt es mich doch, dass ich Irma ein so schweres Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten Ausganges, und es scheint mir nicht übel gewählt, dass ich den Trost gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf.
Warum ist dieser Trost aber so unsinnig?
Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, dass Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will ich mich damit über den Reichthum des Dr. M. an weit her geholten Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig machen? Zu Dysenterie füllt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhlbeschwerden übernommen, den andere Collegen als einen Fall von „Anämie mit Unterernährung“ behandelt hatten. Ich erkannte, dass es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie nicht an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Aegypten, dass er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für Dysenterie erklärt habe. Ich vermuthe zwar, die Diagnose ist nur ein Irrthum des unwissenden Collegen, der sich von der Hysterie äffen lässt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, dass ich den Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darmaffection etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt ferner an Diphtherie an, welcher Name ††† im Traum nicht genannt wird.
Ja, es muss so sein, dass ich mich mit der tröstlichen Prognose: Es wird noch Dysenterie hinzukommen u. s. w. über Dr. M. lustig mache, denn ich entsinne mich, dass er mir einmal vor Jahren etwas ganz Aehnliches von einem anderen Collegen lachend erzählt hat. Er war zur Consultation mit diesem Collegen bei einem schwer Kranken berufen worden und fühlte sieh veranlasst, dem Anderen, der sehr hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, dass er beim Patienten Eiweiss im Harn finde. Der College liess sich aber nicht irre machen, sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr College, der Eiweiss wird sich schon ausscheiden! — Es ist mir also nicht mehr zweifehaft, dass in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die der Hysterie unwissenden Collegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiss denn Dr. M., dass die Erscheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irma’s, welche eine Tuberculose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er diese Hysterie erkannt, oder ist er ihr „aufgesessen“ ?
Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung“ bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in diesem Traum bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma mit den Worten: Wenn Du noch Schmerzen hast, ist es Deine eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaut der ihm in den Mund gelegten unsinnigen Tröstung.
Wir wissen unmittelbar, woher die Infection rührt. Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben vorhin wussten wir es noch nicht, da die Infection erst durch Leopold nachgewiesen wurde.
Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine Injection gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, dass in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irma’s Familie in’s benachbarte Hotel geholt wurde, um dort Jemandem, der sich lich unwohl fühlte, eine Injection zu machen. Die Injectionen erinnern mich wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit Cocain vergiftet hat. Ich hatte ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während der Morphiumentziehung gerathen; er machte sich aber unverzüglich Cocaininjectionen.
Mit einem Propylpräparat ... Propylen ... Propionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf geträumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Liqueur, auf welcher „Ananas“5) zu lesen stand, und die ein Geschenk unseres Freundes Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen Anlässen zu schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon curirt. Diesem Liqueur entströmte ein solcher Fuselgeruch, dass ich mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche schenken wir den Dienstleuten, und ich noch vorsichtiger untersagte es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl ...) hat nun offenbar bei mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Prpyl, Methyl u. s. w. geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind vielleicht gerade in der organischen Chemie gestattet.
Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traum die chemische Formel, was jedenfalls eine grosse Anstrengung meines Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als wollte man aus dem Context etwas als ganz besonders wichtig heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine meine Arbeiten weiss, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgetheilt und unter anderem erwähnt, eines der Producte des Sexualstoffwechsels glaube er im Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der nervösen Affectionen, welche ich heilen will, die grösste Bedeutung beilege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es mir darum zu thun ist, den Misserfolg der Cur bei ihr zu etnschuldigen, werde ich mich wohl am besten auf diese Thatsache berufen, an welcher ihre Freunde gerne ändern möchten. Wie merkwürdig übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die Andere, welche ich an Irma’s Statt im Traume zur Patientin habe, ist auch eine junge Witwe.
Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen Wort zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser Freund, der in meinem Leben eine so grosse Rolle spielt, in dem Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen? Doch; er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affectionen der Nase und ihrer Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den weiblichen Sexualorganen. eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im Hals bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre Magenschmerzen etwa nasalen Ursprungs sind. Er leidet aber selbst an Naseneiterungen; die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl die Pyämie an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt.
Man macht solche Injectionen nicht so leichtfertig. Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund Otta geschleudert. Ich glaube, etwas Aenliches habe ich mir am Nachmittage gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich beeinflussen lässt; wie leicht er mit seinem Urtheil fertig wird. — Ausserdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den verstorbenen Freund, der sich so rasch zu Cocaininjectionen entschloss. Ich hatte Injectionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beabsichtigt. Bei dem Vorwurf, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig mit jenen chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, dass ich wieder die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der derselbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch für’s Gegentheil.
Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern traf ich zufällig den Sohn einer 82jährigen Dame, der ich täglich zwei Morphiuminjectionen geben muss. Sie ist gegenwärtig auf dem Lande, und ich hörte über sie, dass sie an einer Venenentzündung leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, dass ich ihr in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Situationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben die drei Personen im Traum für einander einzusetzen.
Ich habe nun die Traumdeutung vollendet. Während die Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten Traumgedanken die Anregung geben musste. - Auch ist mir unterdess der „Sinn“ des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, welche durch den Traum verwirklicht wird und die das Motiv des Träumens gewesen sein muss. Der Traum erfüllt einige Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Otto’s, die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, dass ich nicht Schuld bin an dem noch vorhandenen Leiden Irma’s, und dass Otto daran schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irma’s unvollkommene Heilung geärgert, der Traum rächt mich an ihm, indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Von der Verantwortung für Irma’s Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Begründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sachverhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch.
Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunscherfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärztliche Handlung zuschiebe (die Injection), sondern ich nehme auch Rache an ihm für den schlechten Liqueur, der nach Fusel duftet, und ich finde im Traum einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint: die Injection mit einem Propylenpräparat. Ich bin noch nicht befriedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen verlässlicheren Concurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu sagen: Der ist mir lieber als Du. Otto ist aber nicht der Einzige, der die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Widerspruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen Anspielung meine Meinung aus, dass er der Sache als ein Unwissender gegenübersteht („Es wird Dysenterie hinzutreten etc.“). Ja, mir scheint, ich appellire von ihm weg an einen Anderen, Besserwissenden (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich gewendet habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irma’s Schmerzen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selbst schuld an ihnen, indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irma’s Schmerzen gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, durch eine psychische Cur gar nicht heilbar. Irma’s Leiden erklären sich befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran ich ja nichts ändern kann. Irma’s Leiden ist durch eine unvorsichtige Injection von Seiten Otto’s hervorgerufen worden mit einem dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irma’s Leiden rührt von einer Injection mit unreiner Spritze her wie die Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen Injectionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Erklärungen für Irma’s Leiden, die darin zusammentreffen mich zu entlasten, stimmen unter einander nicht zusammen, ja sie schliessen einander aus. Das ganze Plaidoyer — nichts anderes ist dieser Traum — erinnert lebhaft an die Vertheidigung des Mannes, der von seinem Nachbar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem Zustande zurückgegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er ihn entlehnte, drittens hat er nie einen Kessel vom Nachbar entlehnt. Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei Vertheidigungsarten stichhältig erkannt wird, muss der Mann freigesprochen werden.
Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren Beziehung zu meiner Entlastung von Irma’s Krankheit nicht so durchsichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleichnamigen Patientin, die Cocainschädlichkeit, die Affection meines in Aegypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbeschwerden, die Sorge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen leidet. Doch wenn ich all das in’s Auge fasse, fügt es sich zu einem einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etiquette: Sorge um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit. Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir Otto die Nachricht von Irma’s Befinden brachte. Aus dem im Traume mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich den Ausdruck für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir gesagt hätte: Du nimmst Deine ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was Du versprichst. Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich gewissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerther Weise sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die eher für die meinem Freund Otto zugeschriebene Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist gleichsam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irma’s Krankheit unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar.
Ich will nicht behaupten, dass ich den Sinn dieses Traumes vollständig aufgedeckt habe, dass seine Deutung eine lückenlose ist.
Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen aus ihm entnehmen und neue Räthsel erörtern, die er aufwerfen heisst. Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedankenzusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei jedem eigenen Traum in Betracht kommen, halten mich von der Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode der Traumdeutung befolgt, findet man, dass der Traum wirklich einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirnthätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deutungsarbeit lässt sich der Traum als eine Wunscherfüllung erkennen.
1) Nach Abschluss meines Manuscriptes ist mir eine Schrift von Stumpf63) zugegangen, „die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar, mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittelst einer allegorisirenden Symbolik ohne Gewähr für Allgemeingiltigkeit des Verfahrens.
2) Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895.
3) Auf diese dritte Person lässt sich auch die noch unaufgeklärte Klage über Schmerzen im Leib zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine eigene Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen ihre mir deutlich wurde. Ich muss mir eingestehen, dass ich Irma und meine Frau in diesem Traums nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner Entschuldigung sei bemerkt, dass ich beide am Ideal der braven, gefügigen Patientin messe.
4) Ich ahne, dass die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist, um allem verborgenen Sinn zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei Frauen fortsetzen, so käme ich weit ab. — Jeder Traum hat mindestens eine Stelle welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit Unerkannten zusammenhängt.
5) „Ananas“ enthält übrigens einen merkwürdigen Anklang an den Familiennamen meiner Patientin Irma.