VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

Unter den Träumen, die ich durch Mittheilung von Seiten derer erfahren habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz sonderen Anspruch auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von Patientin erzählt worden, die ihn selbst in einer Vorlesung über Traum kennen gelernt hat; seine eigentliche Quelle ist mir unbekannt geblieben. Jener Dame aber hat er durch seinen Inhalt Eindruck gemacht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn „nachzuträumen“, d. h. Elemente des Traumes in einem eigenen Traum zu erholen, um dureh diese Uebertragung eine Uebereinstimmung in einem bestimmten Punkte auszudrücken.

Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind folgende: Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines Kindes gewacht. Nachdem das Kind gestorben, begibt er sich in einem Nebenzimmer zur Ruhe, lässt aber die Thüre geöffnet, um aus seinem Schlafraum in jenen zu blicken, worin die Leiche des Kindes aufgebahrt liegt, von grossen Kerzen umstellt. Ein alter Mann ist zur Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiche, Gebete murmelnd. Nach einigen Stunden Schlafes träumt der Vater, dass das Kind an seinem Bette steht, ihn am Arme fasst und ihm vorwurfsvoll zuraunt: Vater, siehst Du denn nicht, dass ich verbrenne? Er erwacht, merkt einen hellen Lichtschein, der aus dem Leichenzimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter eingeschlummert, die Hüllen und einen Arm der theuren Leiche verbrannt durch eine Kerze, die brennend auf sie gefallen war.

Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und wurde auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt, richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch die offen stehende Thüre in’s Auge des Schlafenden und regte denselben Schluss bei ihm an, den er als Wachender gezogen hätte, es sei durch Umfallen der Kerze ein Brand in der Nähe der Leiche entstanden. Vielleicht hatte selbst der Vater die Besorgnis mit in den Schlaf hinübergenommen, dass der greise Wächter seiner Aufgabe nicht gewachsen sein dürfte.

Auch wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es sei denn, dass wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes müsse überdeterminirt, und die Rede des Kindes aus Reden zusammengesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dem Vater wichtige Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an das Fieber, in dem das Kind gestorben, und die Worte: Vater, siehst Du denn nicht? an eine andere uns unbekannte, aber affectreiche Gelegenheit.

Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den Zusammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang erkannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, dass unter solchen Verhältnissen überhaupt ein Traum zu Stande kam, wo das rascheste Erwachen geboten war. Wir werden dann aufmerksam, dass auch dieser Traum einer Wunscherfüllung nicht entbehrt. Im Traum benimmt sich das todte Kind wie ein lebendes, es mahnt selbst den Vater, kommt an sein Bett und zieht ihn am Arm, wie es wahrscheinlich in jener Erinnerung that, aus welcher der Traum das erste Stück der Rede des Kindes geholt hat. Dieser Wunscherfüllung zu Liebe hat der Vater nun seinen Schlaf um einen Moment verlängert. Der Traum erhielt das Vorrecht vor der Ueberlegung im Wachen, weil er das Kind noch einmal lebend zeigen konnte. Wäre der Vater zuerst erwacht und hätte dann den Schluss gezogen, der ihn in’s Leichenzimmer führte, so hätte er gleichsam das Leben des Kindes um diesen einen Moment verkürzt.

Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigenthümlichkeit dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns bisher vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn der Träume besteht, auf welchem Weg derselbe gefunden wird, und welcher Mittel sich die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen. Die Aufgaben der Traumdeutung standen bis jetzt im Mittelpunkte unseres Blickfeldes. Und nun stossen wir auf diesen Traum, welcher der Deutung keine Aufgabe stellt, dessen Sinn unverhüllt gegeben ist, und werden aufmerksam, dass dieser Traum noch immer die wesentlichen Charaktere bewahrt, durch die ein Traum auffällig von unserem wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis nach Erklärung rege macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die Deutungsarbeit angeht, können wir erst merken, wie unvollständig unsere Psychologie des Traumes geblieben ist.

Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg einschlagen, wollen wir Halt machen und zurückschauen, ob wir auf unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, dass die bequeme und behagliche Strecke unseres Weges hinter uns liegt. Bisher haben alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht sehr irre, in’s Lichte, zur Aufklärung und zum vollen Verständnis geführt; von dem Moment an, da wir in die seelischen Vorgänge beim Träumen tiefer eindringen wollen, werden alle Pfade in’s Dunkel münden. Wir können es unmöglich dahin bringen, den Traum als psychischen Vorgang aufzuklären, denn erklären heisst auf Bekanntes zurückführen, und es gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir unterordnen könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der Träume als Erklärungsgrund erschliessen lässt. Wir werden im Gegentheile genöthigt sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzustellen, die den Bau des seelischen Apparates und das Spiel der in thätigen Kräfte mit Vermuthungen streifen, und die wir bedacht sein müssen, nicht zu weit über die erste logische Angliederung auszuspinnen, weil sonst ihr Werth sich in’s Unbestimmbare verläuft. SeIbst wenn wir keinen Fehler im Schliessen begehen und alle logisch sich ergebenden Möglichkeiten in Rechnung ziehen, droht uns die wahrscheinliche Unvollständigkeit im Ansatz der Elemente mit dem völligen Fehlschlagen der Rechnung. Einen Aufschluss über die Construction und Arbeitsweise des Seeleninstrumentes wird man durch die sorgfältigste Untersuchung des Traumes oder einer anderen vereinzelten Leistung nicht gewinnen oder wenigstens nicht begründen können, sondern wird zu diesem Zwecke zusammentragen müssen, was sich bei dem vergleichenden Studium einer ganzen Reihe von psychischen Leistungen als eonstant erforderlich herausstellt. So werden die psychologischen Annahmen, die wir aus der Analyse der Traumvorgänge schöpfen, gleichsam an einer Haltestelle warten müssen, bis sie den Anschluss an die Ergebnisse anderer Untersuchungen gefunden haben, die von einem anderen Angriffspunkte zum Kern des nämlichen Problems vordringen wollen.

a) Das Vergessen der Träume.

Ich meine also, wir wenden uns vorber zu einem Thema, aus dem sich ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch geeignet ist, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Boden zu entziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten worden, dass wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht kennen, richtiger, dass wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu kennen, wie er wirklich vorgefallen ist (vgl. Seite 31). Was wir vom Traum erinnern, ünd woran wir unsere Deutungskünste üben, das ist erstens verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses, welches in ganz besonders hohem Grade zur Bewahrung des Traumes unfähig scheint, und hat vielleicht gerade die bedeutsamsten Stücke seines Inhaltes eingebüsst. Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren Träumen Aufmerksamkeit schenken wollen, zur Klage veranlasst, dass wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr wissen als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigenthümlich unsicher vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, dass unsere Erinnerung den Traum nicht nur lückenbaft, sondern auch ungetreu und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran zweifeln kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenhängend und verschwommen war, wie wir’s im Gedächtnis haben, so lässt sich andererseits in Zweifel ziehen, ob ein Traum so zusammenhängend gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuch der Reproduction nicht vorhandene oder durch Vergessen geschaffene Lücken mit willkürlich gewähltem neuen Materiale ausfüllen, den Traum ausschmücken, abrunden, zurichten, so dass jedes Urtheil unmöglich wird, was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja bei einem Autor (Spitta64) haben wir die Muthmassung gefunden, dass alles, was Ordnung und Zusammenhang ist, überhaupt erst bei dem Versuch, sich den Traum zurückzurufen, in ihn hineingetragen wird. So sind wir in Gefahr, dass man uns den Gegenstand selbst aus der Hand winde, dessen Werth zu bestimmen wir unternommen haben.

Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnungen überhört. Ja wir haben im Gegentheile in den kleinsten, unscheinbarsten und unsichersten Inhaltsbestandtheilen des Traumes die Aufforderung zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden, als in dessen deutlich und sieher erhaltenen. Im Traum von Irma’s Injection hiess es: Ich rufe schnell den Doctor M. herbei, und wir nahmen an, auch dieser kleine Zusatz wäre nicht in den Traum gelangt, wenn er nicht eine besondere Ableitung zuliesse. So kamen wir zur Geschichte jener unglücklichen Patientin, an deren Bett ich „schnell“ den älteren Collegen berief. In dem scheinbar absurden Traum, der den Unterschied von 51 und 56 als quantité négligeable behandelt, war die Zahl 51 mehrmal erwähnt. Anstatt dies selbstverständlich oder gleichgiltig zu finden, haben wir daraus auf einen zweiten Gedankengang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der zur Zahl 51 hinführt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte uns zu Befürchtungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen, im schärfsten Gegensatz zu einem dominirenden Gedankenzug, der prahlerisch mit den Lebensjahren um sich wirft. In dem Traume „Non vixit“ fand sich als unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs übersah, die Stelle: „Da P. ihn nicht versteht, fragt mich Fl. etc.“ Als dann die Deutung stockte, griff ich auf diese Worte zurück, und fand von ihnen aus den Weg zu der Kinderphantasie, die in den Traumgedanken als intermediärer Knotenpunkt auftritt. Es geschah dies mittelst der Zeilen des Dichters:

Selten habt Ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich Euch, Nur wenn wir im Koth uns fanden, So verstanden wir uns gleich!

Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind, und wie die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem sich die Aufmerksamkeit solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung haben wir bei der Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen Ausdruckes geschenkt, in welchem der Traum uns vorlag; ja, wenn uns ein unsinniger oder unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde, als ob es der Anstrengung nicht gelungen wäre, den Traum in die richtige Fassung zu übersetzen, haben wir auch diese Mängel des Ausdruckes respectirt. Kurz, was nach der Meinung der Autoren eine willkürliche, in der Verlegenheit eilig zusammengebraute Improvisation sein soll, das haben wir behandelt wie einen heiligen Text. Dieser Widerspruch bedarf der Aufklärung.

Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren Unrecht zu geben. Vom Standpunkte unserer neu gewonnenen Einsichten über die Entstehung des Traumes vereinigen sich die Widersprüche ohne Rest. Es ist richtig, dass wir den Traum beim Versuch der Reproduction entstellen; wir finden darin wieder, was wir als secundäre und oft missverständliche Bearbeitung des Traumes durch die Instanz des normalen Denkens bezeichnet haben. Aber jede Entstellung ist selbst nichts anderes als ein Stück der Beartung, welcher die Traumgedanken gesetzmässig in Folge der Traumcensur unterliegen. Die Antoren haben hier das manifest arbeitende Stück der Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uns verschlägt es wenig, da wir wissen, dass eine weit ausgiebigere Entungsarbeit, minder leicht fassbar, den Traum bereits von den verborgenen Traumgedanken her zum Object erkoren hat. Die Autoren irren nur darin, dass sie die Modification des Traumes bei seinem Erinnern und In-Worte-Fassen für willkürlich, also für nicht weiter auflösbar und demnach für geeignet halten, uns an der Erkenntnis des Traumes irre zu leiten. Sie unterschätzen die Determinirung im Psychischen. Es gibt da nichts Willkürliches. Es lässt sich ganz allgemein zeigen, dass ein zweiter Gedankenzug sofort die Bestimmmung des Elementes übernimmt, welches vom ersten unbestimmt gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz willkürlich eine Zahl einfallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl, die mir einfällt, ist durch Gedanken in mir, die meinem momentanen Vorsatz ferne stehen mögen, eindeutig und nothwendig bestimmt. Ebenso wenig willkürlich sind die Veränderungen, die der Traum bei der Redaction des Wachens erführt. Sie bleiben in associativer Verknüpfung mit dem Inhalt, an dessen Stelle sie sich setzen, und dienen dazu, uns den Weg zu diesem Inhalt zu zeigen, der selbst wieder der Ersatz eines anderen sein mag.

Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe auf diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitte ich den Erzähler, ihn zu wiederholen. Das geschieht dann selten mit den nämlichen Worten. Die Stellen aber, an denen er den Ausdruck verändert hat, die sind mir als die schwachen Stellen der Traumverkleidung kenntlich gemacht worden, die dienen mir wie Hagen das gestickte Zeichen an Sigfried’s Gewand. Dort kann die Traumdeutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine Aufforderung gewarnt worden, dass ich besondere Mühe zur Lösung des Traumes anzuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem Drange des Widerstandes, die schwachen Stellen der Traumverkleidung, indem er einen verrätherischen Ausdruck durch einen ferner abliegenden ersetzt. Er macht mich so auf den von ihm fallen gelassenen Ausdruck aufmerksam. Aus der Mühe, mit der die Traumlösung vertheidigt wird, darf ich auch auf die Sorgfalt schliessen, die dem Traum sein Gewand gewebt hat.

Minder Recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit dem unser Urtheil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel Raum machen. Dieser Zweifel entbehrt nämlich einer intellectuellen Gewähr; unser Gedächtnis kennt überhaupt keine Garantien, und doch unterliegen wir viel öfter, als objectiv gerechtfertigt ist, dem Zwange, seinen Angaben Glauben zu schenken. Der Zweifel an der richtigen Wiedergabe des Traumes oder einzelner Traumdaten ist wieder nur ein Abkömmling der Traumcensur, des Widerstandes gegen das Durchdringen der Traumgedanken zum Bewusstsein. Dieser Widerstand hat sich mit den von ihm durchgesetzten Verschiebungen und Ersetzungen nicht immer erschöpft, er heftet sich dann noch an das Durchgelassene als Zweifel. Wir verkennen diesen Zweifel um so leichter, als er die Vorsicht gebraucht, niemals insentive Elemente des Traumes anzugreifen, sondern blos schwache und undeutliche. Wir wissen aber jetzt bereits, dass zwischen Traumgedanken und Traum eine völlige Umwerthung aller psychischen Werthe stattgefunden hat; die Entstellung war nur möglich durch Werthentziehung, sie äussert sich regelmässig darin und begnügt sich gelegentlich damit. Wenn zu einem undeutlichen Element des Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutrit, so können wir dem Fingerzeige folgend in diesem einen directeren Abkömmling eines der vervehmten Traumgedanken erkennen. Es ist damit, wie nach einer grossen Umwälzung in einer der Republiken des Alterthums oder der Renaissance. Die früher herrschenden edlen und mächtigen Familien sind nun verbannt, alle hohen Stellungen mit Emporkömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur noch ganz verarmte und machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der Gestürzten. Aber auch diese geniessen nicht die vollen Bürgerrechte, sie werden misstrauisch überwacht. An der Stelle des Misstrauens im Beispiel steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum bei der Analyse eines Traumes, dass man sich von der ganzen Scala der Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit,

dass etwas der oder jener Art im Traum vorgekommen sei, behandle die volle Gewissheit. So lange jemand bei der Verfolgung eines Traumelementes sich nicht zum Verzicht auf diese Rücksicht entschlossen, so lange stockt hier die Analyse. Die Geringschätzung für das betreffende Element hat bei dem Analysirten die psychische Wirkung, dass ihm von den ungewollten Vorstellungen hinter demselben nichts einfallen will. Solche Wirkung ist eigentlich nicht selbstverständlich; es wäre nicht widersinnig, wenn jemand sagte: Ob dies oder jenes im Traume enthalten war, weiss ich nicht sicher; fallt mir aber dazu folgendes ein. Niemals sagt er so, und gerade diese die Analyse störende Wirkung des Zweifels lässt ihn als einen Abkömmling und als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes entlarven. Die Psychoanalyse ist mit Recht misstrauisch. Eine ihrer Regeln lautet: Was immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand.

Auch das Vorgessen der Träume bleibt so lange unergründlich, als man nicht die Macht der psychischen Censur zu seiner Erklärung mit, heranzieht. Die Empfindung, dass man in einer Nacht sehr viel geträumt und davon nur wenig behalten hat, mag in einer Reihe von Fällen einen anderen Sinn haben, etwa den, dass die Traumarbeit die Nacht hindurch spürbar vor sich gegangen ist und nur den einen kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an der Thatsache, dass man den Traum nach dem Erwachen immer mehr vergisst, ein Zweifel nicht möglich. Man vergisst ihn oft trotz peinlicher Bemühungen ihn zu merken. Ich meine aber, so wie man in der Regel den Umfang dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man auch die mit der Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbusse an seiner Kenntnis. Alles, was das Vergessen am Trauminhalt gekostet hat, kann man oft durch die Analyse wieder hereinbringen; wenigstens in einer ganzen Anzahl von Fällen kann man von einem einzelnen stehen gebliebenen Brocken aus, zwar nicht den Traum — aber an dem liegt ja auch nichts — doch die Traumgedanken alle auffinden. Es verlangt einen grösseren Aufwand an Aufmerksamkeit und Selbstüberwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch an, dass das Vergessen des Traumes seine feindselige Absicht nicht verfehlt hat.

Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Widerstand dienende Natur des Traumvergessens1) gewinnt man bei den Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es kommt gar nicht selten vor, dass mitten in der Deutungsarbeit plötzlich ein ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als bisher vergessen bezeichnet wird. Dieser der Vergessenheit entrissene Traumtheil ist nun jedesmal der wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege zur Traumlösung und war darum dem Widerstande am meisten ausgesetzt. Unter den Traumbeispielen, die ich in den Zusammenhang dieser Abhandlung eingestreut habe, trifft es sich einmal, dass ich so ein Stück Trauminbalt nachträglich einzuschalten habe. Es ist dies ein Reisetraum, der Rache nimmt an einer unliebenswürdigen Reisegefährtin, den ich wegen seines zum Theil grob unfläthigen Inhalts fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück lautet: Ich sage aufein Buch von Schiller: It is from ... corrigire mich aber, den Irrthum selbst bemerkend: It is by... Der Mann bemerkt hierauf zu seiner Schwester: „Er hat es ja richtig gesagt.“

Die Selbstcorrectur im Traum, die manchen Autoren so wunderbar erschienen ist, verdient wohl nieht uns zu beschäftigen. Ich werde lieber für den Sprachirrthum im Traum das Vorbild aus meiner Erinnerung aufzeigen. Ich war 17jährig zum ersten Mal in England und einen Tag lang am Strande der Irish Sea. Ich schwelgte natürlich im Fang der von der Fluth zurückgelassenen Seethiere und beschäftigte mich gerade mit einem Seestern (der Traum beginnt mit: HollthurnHolothurien), alsein reizendes kleines Mädchen zu mir trat und mich fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich antwortete: Yes he is alive, schämte mich aber dann der Incorrectheit und wiederholte den Satz richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals begangen habe, setzt nun der Traum einen anderen, in den der Deutsche ebenso leicht verfällt, „Das Buch ist von Schiller“, soll man nicht mit from, ... sondern mit by... übersetzen. Dass die Traumarbeit diesen Ersatz vollzieht, weil from durch den Gleichklang mit dem deutschen Eigenschaftswort fromm eine grossartige Verdichtung ermöglicht, das nimmt uns nach allem, was wir von den Absichten der Traumarbeit und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der Wahl der Mittel gehört haben, nicht mehr Wunder. Was will aber die harmlose Erinnerung vom Meeresstrand im Zusammenhang des Traumes besagen? Sie erläutert an einem möglichst unschuldigen Beispiel, dass ich das Geschlechtswort am unrechten Platz gebrauche, also das Geschlechtliche (he) dort anbringe, wo es nicht hingehört. Dies ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des Traumes. Wer dann noch die Ableitung des Buchtitels „Matter and Motion“ angehört hat (Molière im Malade Imaginaire: La matière est-elle Jaudable? — a motion of the bowels), der wird sich das Fehlende leicht ergänzen können.

Ich kann übrigens den Beweis, dass das Vergessen des Traumes zum grossen Theil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstration ad oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt; aber den Traum spurlos vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen. Wir setzen die Arbeit fort, ich stosse auf einen Widerstand, mache dem Kranken etwas klar, helfe ihm durch Zureden und Drängen, sich mit irgend einem unangenehmen Gedanken zu versöhnen, und kaum ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt weiss ich auch wieder, was ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, der ihn an diesem Tage in der Arbeit gestört hat, hat ihn auch den Traum vergessen lassen. Durch die Ueberwindung dieses Widerstandes habe ich den raum zur Erinnerung gefördert.

Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der Arbeit angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder mehr Tagen vorgefallen ist, und bis dahin in der Vergessenheit geruht hat. Dass die Träume eben so wenig vergessen werden wie andere seelische Acte, und dass sie auch in Bezug auf ihr Haften im Gedächtnis den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzustellen sind, zeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung dieses Manuscriptes machen konnte, Ich hatte in meinen Notizen reichlich eigene Träume aufbewahrt, die ich damals aus irgend einem Grunde nur sehr unvollständig oder auch überhaupt nicht der Deutung unterziehen konnte. Bei einigen derselben habe ich nun ein bis zwei Jahre später den Versuch, sie zu deuten, unternommen, in der Absicht mir Material zur Illustration meiner Behauptungen zu sehaffen. Dieser Versuch gelang mir ausnahmslos; ja ich möchte behaupten, die Deutung ging so lange Zeit später leichter vor sich als damals, so lange die Träume frische Erlebnisse waren, wofür ich als mögliche Erklärung angeben möchte, dass ich seither über manche Widerstände in meinem Inneren weggekommen bin, die mich damals störten. Ich habe bei solchen nachträglichen Deutungen die damaligen Ergebnisse an Traumgedanken mit den heutigen, meist viel reichhaltigeren, verglichen und das damalige unter dem heutigen unverändert wiedergefunden. Ich trat meinem Erstaunen hierüber rechtzeitig in den Weg, indem ich mich besann, dass ich ja bei meinen Patienten längst in Uebung habe, Träume aus früheren Jahren, die sie mir gelegentlich erzählen, deuten zu lassen, als ob es Träume aus der letzten Nacht wären, nach demselben Verfahren und mit demselben Erfolg. Bei der Besprechung der Angstträume werde ich zwei Beispiele von solch’ verspäteter Traumdeutung mittheilen. Als ich diesen Versuch zum ersten Male anstellte, leitete mich die berechtigte Erwartung, dass der Traum sich auch hierin nur verhalten werde wie ein neurotisches Symptom. Wenn ich nämlich einen Psychoneurotiker, eine Hysterie etwa, mittelst Psychoanalyse behandle, so muss ich für die ersten, längst überwundenen Symptome seines Leidens ebenso Aufklärung schaffen wie für die noch heute bestehenden, die ihn zu mir geführt haben, und finde erstere Aufgabe nur leichter zu lösen als die heute dringende. Schon in den 1895 publicirten „Studien über Hysterie“ konnte ich die Aufklärung eines ersten hysterischen Anfalles mittheilen, den die mehr als 40jährige Frau in ihrem 15. Lebensjahre gehabt hatte.

In loserer Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen, was ich über die Deutung der Träume zu bemerken habe, und was vielleicht den Leser orientiren wird, der mich durch Nacharbeit an seinen eigenen Träumen controliren will.

Es wird Niemand erwarten dürfen, dass ihm die Deutung seiner Träume mühelos in den Schoss falle. Schon zur Wahrnehmung endoptischer Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerksamkeit entzogener Sensationen bedarf es der Uebung, obwohl kein psychisches Motiv sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen sträubt. Es ist erheblich schwieriger, der „ungewollten Vorstellungen“ habhaft zu werden. Wer dies verlangt, wird sich mit den Erwartungen erfüllen müssen, die in dieser Abhandlung rege gemacht werden, und wird in Befolgung der hier gegebenen Regeln jede Kritik, jede Voreingenommenheit, jede affective oder intellectuelle Parteinahme während der Arbeit bei sich niederzuhalten bestrebt sein. Er wird der Vorschrift eingedenk bleiben, die Claude Bernard für den Experimentator im physiologischen Laboratorium aufgestellt hat: Travailler comme une bête, d. h. so ausdauernd, aber auch so unbekümmert um das Ergebnis. Wer diese Rathschläge befolgt, der wird die Aufgabe allerdings nicht mehr schwierig finden. Die Deutung eines Traumes vollzieht sich auch nicht immer in Einem Zuge; nicht selten fühlt man seine Leistungsfähigkeit erschöpft, wenn man einer Verkettung von Einfüllen gefolgt ist, der Traum sagt einem niehts mehr an diesem Tage; man thut dann gut, abzubrechen und an einem nächsten zur Arbeit zurückzukehren. Dann lenkt ein anderes Stück des Trauminhaltes die Aufmerksamkeit auf sich, und man findet den Zugang zu einer neuen Schicht von Traumgedanken. Man kann das die „fractionirte“ Traumdeutung heissen.

Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur Anerkennung der Thatsache zu bewegen, dass seine Aufgabe nicht voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Elemente des Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann ausserdem eine andere, eine Ueberdeutung desselben Traumes möglich sein, die ihm entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichthum an unbewussten, nach Ausdruck ringenden, Gedankengängen in unserem Denken eine Vorstellung zu machen und an die Geschicklichkeit der Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige Ausdrucksweise jedesmal gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird immer geneigt sein, dem Autor vorzuwerfen, dass er seinen Witz überflüssig vergeude; wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren belehrt finden.

Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann, ist mit Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, dass man bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat, welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine Frage des Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellectuellen Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psychologischen Kenntnissen und seiner Uebung in der Traumdeutung den inneren Widerstinden den Herren zeigen kann. Ein Stück weit ist das immer möglich, so weit wenigstens, um die Ueberzeugung zu gewinnen, dass der Traum eine sinnreiche Bildung ist, und meist auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig gestattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf gemeinsamem Boden, und ist dann im Zusammenhange der Deutung zu unterwerfen. Von auf einander folgenden Träumen kann man oft merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem nächsten nur in der Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so dass die beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Dass die verschiedenen Träume derselben Nacht ganz regelmässig von der Deutungsarbeit wie ein Ganzes zu behandeln sind, habe ich bereits durch Beispiele erwiesen.

In den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im Dunkeln lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an derer dem Unerkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung geräth, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluss bleiben und nach allen Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt auslaufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechtes erhebt sich dann der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium.

Wir kehren zu den Thatsachen des Traumvergessens zurück. Wir haben es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluss aus ihnen zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt, den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, entweder als Ganzes unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise im Laufe des Tages, und wenn wir als den Hauptbetheiligten bei diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen den Traum erkennen, der doch schon in der Nacht das Seinige gegen den Traum gethan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen diesen Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen wir den grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei das Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir aussagen, der Traum wäre überhaupt nicht zu Stande gekommen, wenn der Widerstand bei Nacht gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluss ist, dass dieser während der Nachtzeit einen Theil seiner Macht eingebüsst hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn wir haben seinen Antheil an der Traumbildung in der Traumentstellung nachgewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf, dass er des Nachts verringert war, dass durch diese Abnahme des Widerstandes die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen so leicht, dass er, mit dem Erwachen in seine volle Kraft eingesetzt, sofort wieder beseitigt, was er, so lange er schwach war, zulassen musste. Die beschreibende Psychologie lehrt uns ja, dass die Hauptbedingung der Traumbildung der Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun die Erklärung hinzufügen: der Schlafzustand ermöglicht die Traumbildung, indem er die endopsychische Censur herabsetzt.

Wir sind gewiss in Versuchung, diesen Schluss als den einzig möglichen aus den Thatsachen des Traumvergessens anzusehen, und weitere Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und des Wachens aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig hierin innehalten. Wenn wir uns in die Psychologie des Traumes ein Stück weiter vertieft haben, werden wir erfahren, dass man sich die Ermöglichung der Traumbildung auch noch anders vorstellen kann. Der Widerstand gegen das Bewusstwerden der Traumgedanken kann vielleicht auch umgangen werden, ohne dass er an sich eine Herabsetzung erfahren hätte. Es ist auch plausibel, dass beide der Traumbildung günstigen Momente, die Herabsetzung sowie die Umgehung des Widerstandes, durch den Schlafzustand gleichzeitig ermöglicht werden. Wir brechen hier ab, um nach einer Weile hier fortzusetzen.

Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser Verfahren bei der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern müssen. Wir gehen ja so hervor, dass wir alle sonst das Nachdenken beherrsehenden Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Traumelement richten und dann notiren, was uns, an ungewollten Gedanken zu demselben einfällt. Dann greifen wir einen nächsten Bestandtheil des Trauminhaltes auf, wiederholen an ihm dieselbe Arbeit und lassen uns, unbekümmert um die Richtung, nach der die Gedanken treiben, von ihnen weiter führen, wobei wir — wie man zu sagen pflegt — vom Hundertsten in’s Tausendste gerathen. Dabei hegen wir die zuversichtliche Erwartung, am Ende ganz ohne unser Dazuthun auf die Traumgedanken zu gerathen, aus denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun etwa Folgendes einzuwenden haben: Dass man von einem einzelnen Elemente des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede Vorstellung lässt sich assoeiativ etwas knüpfen; es ist nur merkwürdig, dass man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedankenablauf gerade zu den Traumgedanken gerathen soll. Wahrscheinlich ist das eine Selbsttäuschung; man folgt der Associationskette von dem einen Elemente aus, bis man sie aus irgend einem Grunde abreissen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, so ist es nur natürlich, dass die ursprüngliche Unbeschränktheit der Association jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere Gedankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse der zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stossen, die auch mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas gemein haben. Dann bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu haben, der einen Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen darstellt. Da man sich sonst jede Freiheit der Gedankenverbindung gestattet und eigentlich nur die Uebergänge von einer Vorstellung zur anderen ausschliesst, die beim normalen Denken in Kraft treten, so wird es schliesslich nicht schwer, aus einer Reihe von „Zwischengedanken“ etwas zusammenzubrauen, was man die Traumgedanken benennt, und ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht bekannt sind, für den psychischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber alles Willkür und witzig erscheinende Ausnützung des Zufalls dabei, und jeder, der sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem beliebigen Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung herausgrübeln.

Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so können wir uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traumdeutungen berufen, auf die tiberraschenden Verbindungen mit anderen Traumelementen, die sich während der Verfolgung der einzelnen Worstellungen ergeben, und auf die Unwahrscheinlichkeit, dass etwas, was den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie eine unserer Traumdeutungen, anders gewonnen werden künne, als indem man vorher hergestellten psychischen Verbindungen nachfährt. Wir könnten auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, dass das Verfahren bei der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der Auflösung der hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens durch das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle gewährleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den eingeschalteten Illustrationen einen Anhalt finde. Wir haben aber keinen Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer sich willkürlich und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem präexistenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da wir dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen vermögen.

Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, dass wir uns einem ziellosen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traumdeutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vorstellungen auftauchen lassen. Es lässt sich zeigen, dass wir immer nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten können, und dass mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte — wie wir ungenau sagen: unbewusste — Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt den Ablauf der ungewollten Vorstellungen determinirt halten. Ein Denken ohne Zielvorstellungen lässt sieh durch unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht herstellen; es ist mir aber auch unbekannt, in welehen Zuständen psychischer Zerrüttung es sich sonst herstellt. Die Psychiater haben hier viel zu früh auf die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich weiss, dass ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbehrender Gedankenablauf im Rahmen der Hysterie und der Parnoia ebenso wenig vorkommt wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. Er tritt vielleicht bei den endogenen psychischen Affectionen überhaupt nicht ein; selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer geistreichen Vermuthung von Leuret sinnvoll und werden nur durch Auslassungen für uns unverständlich. Ich habe die nämliche Ueberzeugung gewonnen, wo mir Gelegenheit zur Beobachtung geboten war. Die Delirien sind das Werk einer Censur, die sich keine Mühe mehr gibt ihr Walten zu verbergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu einer nicht mehr anstössigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos ausstreicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch dann das übriggelassene zusammenhangslos wird. Diese Censur verfährt ganz analog der russischen Zeitungscensur an der Grenze, welche ausländische Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände der zu behütenden Leser gelangen lässt.

Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger Associationsverkettung kommt vielleicht bei destructiven organischen Gehirnprocessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches gehalten wird, lässt sich allemal durch Einwirkung der Censur auf eine Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird. Als ein untrügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Association hat man es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bilder) unter einander durch die Bande der sogenannten oberflächlichen Associationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz, Wortzweideutigkeit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbeziehung, durch alle die Associationen, die wir im Witz und beim Wortspiel zu verwerthen uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die Gedankenverbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes zu den Collateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumgedanken führen, zu; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele davon gefunden, die unser Befremden wecken mussten. Keine Anknüpfung war da zu locker, kein Witz zu verwerflich, als dass er nicht die Brücke von einem Gedanken zum anderen hätte bilden dürfen. Aber das richtige Verständnis solcher Nachsichtigkeit liegt nicht ferne. Jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem anderen durch eine anstössige und oberflächliche Association verbunden ist, existirt auch eine correcte und tiefergehende Verknüpfung zwischen den beiden, welche dem Widerstande der Censur unterliegt.

Druck der Censur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist die richtige Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen Associationen. Die oberflächlichen Associationen ersetzen in der Darstellung die tiefen, wenn die Censur diese normalen Verbindungswege ungangbar macht. Es ist, wie wenn ein allgemeines Verkehrshindernis, z. B. eine Ueberschwemmung, im Gebirge die grossen und breiten Strassen unwegsam werden lässt; der Verkehr wird dann auf unbequemen und steilen Fusspfaden aufrecht erhalten, die sonst nur der Jäger begangen hat.

Man kann hier zwei Fälie von einander trennen, die im wesentlichen Eins sind. Entweder die Censur richtet sich nur gegen den Zusammenhang zweier Gedanken, die von einander losgelöst, dem Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Gedanken nach einander in’s Bewusstsein; ihr Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür fällt uns eine oberflächliche Verknüpfung zwischen beiden ein, an die wir sonst nicht gedacht hätten, und die in der Regel an einer anderen Ecke des Vorstellungscomplexes ansetzt, als von welcher die unterdrückte, aber wesentliche Verbindung ausgeht. Oder aber, beide Gedanken unterliegen an sich wegen ihres Inhaltes der Censur; dann erscheinen beide nicht in der richtigen, sondern in modifieirter, ersetzter Form, und die beiden Ersatzgedanken sind so gewählt, dass sie durch eine oberflächliche Association die wesentliche Verbindung wiedergeben, in der die von ihnen ersetzten stehen. Unter dem Drucke der Censur hat hier in beiden Fällen eine Verschiebung stattgefunden von einernormalen, ernsthaften Association auf eine oberflächliche, absurd erscheinende.

Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns bei der Traumdeutung auch den oberflächlichen Associationen ganz ohne Bedenken an.2)

Von den beiden Sätzen, dass mit dem Aufgeben der bewussten Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an verborgene Zielvorstellungen übergeht, und dass oberflächliche Associationen nur ein Verschiebungsersatz sind für unterdrückte tiefer gehende, macht die Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten Gebrauch; we sie erhebt die beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken fahren zu lassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in den Sinn kommt, so halte ich die Voraussetzung fest, dass er die Zielvorstellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und halte mich für berechtigt zu folgern, dass das scheinbar Harmloseste und Willkürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem Krankheitszustande steht. Eine andere Zielvorstellung, von der dem Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung,

sowie der eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört demnach in die Darstellung der psyehoanalytischen Technik als therapeutischen Methode. Wir haben hier einen der Anschlüsse erreicht, bei denen wir das Thema der Traumdeutung vorsätzlich fallen lassen.

Eines nur ist riehtig und bleibt von den Einwendungen bestehen, nämlich dass wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir machen ja beim Deuten im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen zu den Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den umgekehrten Weg genommen, und es ist gar nicht wahrscheinlich, dass diese Wege in umgekehrter Richtung gangbar sind. Es erweist sich vielmehr, dass wir bei Tag über neue Gedankenverbindungen Schachte führen, welche die Zwischengedanken und die Traumgedanken bald an dieser, bald an jener Stelle treffen. Wir können sehen, wie sich das frische Gedankenmaterial des Tages in die Deutungsreihen einschiebt, und wahrscheinlich nöthigt auch die Widerstandssteigerung, die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu neuen und ferneren Umwegen. Die Zahl oder Art der Collateralen aber, die wir so bei Tage anspinnen, ist psychologisch völlig bedeutungslos, wenn sie uns nur den Weg zu den gesuchten Traumgedanken führen.

b) Die Regression.

Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen, dürfen wir es nieht länger verschieben, in die psychologischen Untersuchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir stellen die Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zusammen. Der Traum ist ein vollwichtiger psychischer Act; seine Triebkraft ist allemale ein zu erfüllender Wunsch; seine Unkenntlichkeit als Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und Absurditäten rühren von dem Einfluss der psychischen Censur her, den er bei der Bildung erfahren hat; ausser der Nöthigung, sich dieser Censur zu entziehen, haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine Nöthigung zur Verdichtung des psychischen Materiales, eine Rücksicht auf Darstellbarkeit in Sinnesbildern und — wenn auch nicht regelmässig — eine Rücksicht auf ein rationelles und intelligibles Aeussere des Traumgebildes. Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu psychologischen Postulaten und Muthmassungen; die gegenseitige Beziehung des Wünschmotives und der vier Bedingungen, sowie dieser untereinander, ist zu untersuchen; der Traum ist in den Zusammenhang des Seelenlebens einzureihen.

Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes gestellt, um uns an die Räthsel zu mahnen, deren Lösung noch aussteht. Die Deutung dieses Traumes vom brennenden Kind bereitete uns keine Schwierigkeiten, wenngleich sie nicht in unserem Sinne vollständig gegeben war. Wir fragten uns, warum hier überhaupt geträumt wurde, anstatt zu erwachen, und erkannten als das eine Motiv des Träumens den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen. Dass noch ein anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt, werden wir nach späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist es die Wunscherfüllung, der zu Liebe der Denkvorgang des Sehlafens in einen Traum verwandelt wurde.

Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter übrig, welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens von einander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen Schein aus dem Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist eine Kerze umgefallen und das Kind brennt! Der Traum gibt das Resultat dieser Ueberlegung unverändert wieder, aber dargestellt in einer Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Ergebnis des Wachens zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste und auffälligste psychologische Charakter des Träumens; ein Gedanke, in der Regel der gewünschte, wird im Traume objectivirt, als Scene dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.

Wie soll man nun diese charakteristische Eigenthümlichkeit der Traumarbeit erklären oder — bescheidener ausgedrückt — in den Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?

Bei näherem Zusehen merkt man wohl, dass in der Erscheinungsform des Traumes zwei von einander fast unabhängige Charaktere ausgeprägt sind. Der eine ist die Darstellung als gegenwärtige Situation mit Weglassung des vielleicht; der andere die Umsetzung des Gedankens in visuelle Bilder und in Rede.

Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren, dass die in ihnen ausgedrückte Erwartung in’s Präsens gesetzt wird, scheint vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr auffällig. Es hängt dies mit der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der Wunscherfüllung in diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen anderen Traum vor, in dem sich der Traumwunsch nicht von der Fortsetzung der Wachgedanken in den Schlaf absondert, z. B. den von Irma’s Injection. Hier ist der zur Darstellung gelangende Traumgedanke ein Optativ: Wenn doch der Otto-an-der Krankheit Irma’s Schuld sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und ersetzt ihn durch ein simples Präsens: Ja, Otto ist Schuld an der Krankheit Irma’s. Das ist also die erste der Verwandlungen, die auch der entstellungsfreie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei dieser ersten Eigenthümlichkeit des Traumes werden wir uns aber nicht lange aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die bewusste Phantasie, auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungsinhalt ebenso verfährt. Wenn Daudet’s Mr. Joyeuse beschäftigungslos durch die Strassen von Paris irrt, während seine Töchter glauben müssen, er habe eine Anstellung und sitze in seinem Bureau, so träumt er von den Vorfällen. die ihm zur Protection und zu einer Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum gebraucht also das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte wie der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in welcher der Wunsch als erfüllt dargestellt wird.

Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigenthümlich ist aber der zweite Charakter, dass der Vorstellungsinhalt nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen man dann Glauben schenkt, und die man zu erleben meint. Fügen wir gleich hinzu, dass nicht alle Träume die Umwandlung von Vorstellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur aus Gedanken bestehen, denen man die Wesenheit der Träume darum doch nicht bestreiten wird. Mein Traum: „Autodidasker — die Tagesphantasie mit Professor N.“ ist ein solcher, in den sich kaum mehr sinnliche Elemente einmengten, als wenn ich seinen Inhalt bei Tag gedacht hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traum Elemente, welche die Umwandlung in’s Sinnliche nicht mitgemacht haben, die einfach gedacht oder gewusst werden, wie wir’s vom Wachen her gewöhnt sind. Ferner wollen wir gleich hier daran denken, dass solche Verwandlung von Vorstellungen in Sinnesbilder nicht dem Traume allein zukommt, sondern ebenso der Hallucination, den Visionen, die etwa selbständig in der Gesundheit auftreten oder als Symptome der Psychoneurosen. Kurz, die Beziehung, die wir hier untersuchen, ıst nach keiner Richtung eine ausschliessliche; es bleibt aber bestehen, dass dieser Charakter des Traumes, wo er vorkommt, uns als der bemerkenswertheste erscheint, so dass wir ihn nicht aus dem Traumleben weggenommen denken könnten. Sein Verständnis erfordert aber weit ausgreifende Erörterungen.

Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche man bei den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfenswerth hervorheben. Der grosse G. Th. Fechner25) spricht in seiner Psychophysik (II. Th. p. 520) im Zusammenhange einiger Erörterungen, die er dem Traume widmet, die Vermuthung aus, dass der Schauplatz der Träume ein anderer sei, als der des wachen Vorstellungslebens. Keine andere Annahme gestatte es, die besonderen Eigenthümlichkeiten des Traumlebens zu begreifen.

Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer psychischen Localität. Wir wollen ganz bei Seite lassen, dass der seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als anatomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung sorgfältig aus dem Wege gehen, die psychische Localität etwa anatomisch zu bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem Boden und gedenken nur der Aufforderung zu folgen, dass wir uns das Instrument, welches den Seelenleistungen dient, vorstellen wie etwa ein zusammengesetztes Mikroskop, einen photographischen Apparat u. dgl. Die psychische Localität entspricht dann einem Orte innerhalb eines solchen Apparates, an dem eine der Vorstufen des Bildes zu Stande kommt. Beim Mikroskop und Fernrohr sind dies bekanntlich zum Theil ideelle Oertlichkeiten, Gegenden, in denen kein greifbarer Bestandtheil des Apparates gelegen ist. Für die Unvollkommenheiten dieser und aller ähnlichen Bilder Entschuldigung zu erbitten, halte ich für überflüssig. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei einem Versuch unterstützen, der es unternimmt, uns die Complication der psychischen Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung zerlegen, und die Einzelleistung den einzelnen Bestandtheilen des Apparates zuweisen. Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen Instrumentes aus solcher Zerlegung zu errathen, ist meines Wissens noch nicht gewagt worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine, wir dürfen unseren Vermuthungen freien Lauf lassen, wenn wir dabei nur unser kühles Urtheil bewahren, das Gerüste nicht für den Bau halten. Da wir nichts Anderes benöthigen als Hilfsvorstellungen zur ersten Annäherung an etwas Unbekanntes, so werden wir die rohesten und greifbarsten Annahmen zunächst allen anderen vorziehen.

Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein zusammengesetztes Instrument, dessen Bestandtheile wir Instanzen oder der Anschaulichkeit zu Liebe Systeme heissen wollen. Dann bilden wir die Erwartung, dass diese Systeme vielleicht eine constante räumliche Orientirung gegen einander haben, etwa wie die verschiedenen Linsensysteme des Fernrohres hinter einander stehen. Streng genommen brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen Anordnung der psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns, wenn eine feste Reihenfolge dadurch hergestellt wird, dass bei gewissen psychischen Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeitlichen Folge von der Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag bei anderen Vorgängen eine Abänderung erfahren; eine solche Möglichkeit wollen wir uns offen lassen. Von den Bestandtheilen des Apparates wollen wir von nun an der Kürze halber als „ψ-Systeme“ sprechen.

Das Erste, das uns auffällt, ist nun, dass dieser aus ψ-Systemen zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische Thätigkeit geht von (inneren oder äusseren) Reizen aus und endigt in Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und ein motorisches Ende zu; an dem sensibeln Ende befindet sich ein System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen Ende ein anderes, welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der psychische Vorgang verläuft im Allgemeinen vom Wahrnehmungsende zum Motilitätsende. Das allgemeinste Schema des psychischen Apparates hätte also folgendes Ansehen:

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Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten Forderung, der psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Reflexapparat. Der Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychischen Leistung.

Wir haben nun Grund, am sensibeln Ende eine erste Differenzirung eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die an uns herankomnmen, verbleibt in unserem psychischen Apparat eine Spur, die wir „Erinnerungsspur“ heissen können. Die Function, die sich auf diese Erinnerungsspur bezieht, heissen wir ja „Gedächtnis“. Wenn wir Ernst mit dem Vorsatz machen, die psychischen Vorgänge an Systeme zu knüpfen, so kann die Erinnerungsspur nur bestehen in bleibenden Veränderungen an den Elementen der Systeme. Nun bringt es, wie schon von anderer Seite ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten mit sich, wenn ein und dasselbe System an seinen Elementen Veränderungen getreu bewahren und doch neuen Anlässen zur Veränderung immer frisch und aufnahmsfähig entgegentreten soll. Nach dem Princip, das unseren Versuch leitet, werden wir also diese beiden Leistungen auf verschiedene Systeme verthelen. Wir nehmen an, dass ein vorderstes System des Apparates die Wahrnehmungsreize aufnimmt, aber nichts von ihnen bewahrt, also kein Gedächtnis hat, und dass hinter diesem ein zweites System liegt, welches die momentane Erregung des ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann wäre dies das Bild unseres psychischen Apparates (Fig. 2):

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Es ist bekannt, dass wir von den Wahrnehmungen, die auf System W einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren als den Inhalt derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch als im Gedächtnis mit einander verknüpft, und zwar vor Allem nach ihrem einstigen Zusammentreffen in der Gleichzeitigkeit. Wir heissen das die Thatsache der Association. Es ist nun klar, wenn das W-System überhaupt kein Gedächtnis hat, dass es auch die Spuren für die Association nicht aufbewahren kann; die einzelnen W-Elemente wären in ihrer Function unerträglich behindert, wenn sich gegen eine neue Wahrnehmung ein Rest früherer Verknüpfung geltend machen würde. Wir müssen also als die Grundlage der Association vielmehr die Erinnerungssysteme annehmen. Die Thatsache der Association besteht dann darin, dass in Folge von Widerstandsverringerungen und Bahnungen von einem der Er-Elemente die Erregung sich eher nach einem zweiten als nach einem dritten Er-Element fortpflanzt.

Bei näherem Eingehen ergibt sich die Nothwendigkeit, nicht eines, sondern mehrere solcher Er-Systeme anzunehmen, in denen dieselbe durch die W-Elemente fortgepflanzte, Erregung eine verschiedenartige Fixirung erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wird jedenfalls dıe Fixirung der Association durch Gleichzeitigkeit enthalten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe Erregungsmaterial nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein, so dass etwa Beziehungen der Aehnlichkeit u. A. durch diese späteren Systeme dargestellt würden. Es wäre natürlich müssig, die psychische Bedeutung eines solchen Systemes in Worten angeben zu wollen. Die Charakteristik desselben läge in der Innigkeit seiner Beziehungen zu Elementen des Erinnerungsrohmateriales, das heisst, wenn wir auf eine tiefer greifende Theorie hinweisen wollen, in den Abstufungen des Leitungswiderstandes nach diesen Elementen hin.

Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeutsames hinweist, wäre hier einzuschalten. Das W-System, welches keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Gedächtnis, ergibt für unser Bewusstsein die ganze Mannigfaltigkeit der sinnlichen Qualitäten. Umgekehrt sind unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an sich unbewusst. Sie können bewusst gemacht werden; es ist aber kein Zweifel, dass sie im unbewussten Zustand alle ihre Wirkungen entfalten. Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke, die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten Jugend, solche, die fast nie bewusst werden. Werden aber Erinnerungen wieder bewusst, so zeigen sie keine sinnliche Qualität oder eine sehr geringfügige im Vergleiche zu den Wahrnehmungen. Liesse sich nun bestätigen, dass Gedächtnis und Qualität für das Bewusstsein an den ψ-Systemen einander aus schliessen, so eröffnete sich in die Bedingungen der Neuronerregung ein vielversprechender Einblick.

Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen Apparates am sensibeln Ende angenommen haben, erfolgte ohne Rücksicht auf den Traum und die aus ihm ableitbaren psychologischen Aufklärungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes des Apparates wird uns aber der Traum zur Beweisquellee Wir haben gesehen, dass es uns unmöglich wurde, die Traumbildung zu erklären, wenn wir nicht die Annahmen zweier psychischen Instanzen wagen wollten, von denen die eine die Thätigkeit der anderen einer Kritik unterzieht, als deren Folge sich die Ausschliessung vom Bewausstwerden ergibt.

Die kritisirende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält nähere Beziehungen zum Bewusstsein als die kritisirte. Sie steht zwischen dieser und dem Bewusstsein wie ein Schirm. Wir haben ferner Anhaltspunkte gefunden, die kritisirende Instanz mit dem zu identificiren, was unser waches Leben lenkt und über unser willkürliches, bewusstes Handeln entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so wird durch die letzterwähnte Erkenntnis das kritisirende System an’s motorische Ende gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in unser Schema ein und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre Beziehung zum Bewusstsein aus.

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Das letzte der Systeme am motorischen Ende heissen wir das Vorbewusste, um anzudeuten, dass die Erregungsvorgänge in demselben ohne weitere Aufhaltung zum Bewustsein gelangen können, falls noch gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung einer gewissen Intensität, eine gewisse Vertheilung jener Function, die man Aufmerksamkeit zu nennen hat, und dergleichen. Es ist gleichzeitig das System, welches die Schlüssel zur willkürlichen Motilitätinne hat. Das System dahinter heissen wir das Unbewusste, weil es keinen Zugang zum Bewusstsein hat, ausser durch das Vor- bewusste, bei welehem Durchgang sein Erregungsvorgang sich Abänderungen gefallen lassen muss.

In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoss zur Traumbildung? Der Vereinfachung zu Liebe in das System Ubw. Wir werden zwar in späteren Erörterungen hören, dass dies nicht richtig ist, dass die Traumbildung genöthigt ist an Traumgedanken anzuknüpfen, die dem System des Vorbewussten angehören. Wir werden aber auch an anderer Stelle, wenn wir vom Traumwunsch handeln, erfahren, dass die Triebkraft für den Traum vom Ubw beigestellt wird, und wegen dieses letzteren Momentes wollen wir das unbewusste System als den Ausgangspunkt der Traumbildung annehmen. Diese Traumerregung wird nun wie alle anderen Gedankenbildungen das Bestreben äussern, sich in’s Vbw fortzusetzen und von diesem aus den Zugang zum Bewusstsein zu gewinnen.

Die Erfahrung lehrt uns, dass den Traumgedanken tagsüber dieser Weg, der durch’s Vorbewusste zum Bewusstsein führt, durch die Widerstandscensur verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den Zugang zum Bewusstsein; aber es erhebt sieh die Frage, auf welchem Wege und Dank welcher Veränderung. Würde dies den Traumgedanken dadurch ermöglicht, dass Nachts der Widerstand absinkt, der an der Grenze zwischen Unbewusstem und Vorbewusstem wacht, so bekämen wir Träume in dem Material unserer Vorstellungen, die nicht den hallucinatorischen Charakter zeigen, der uns jetzt interessirt.

Das Absinken der Censur zwischen den beiden Systemen Ubw und Vbw kann uns also nur solche Traumbildungen erklären wie Autodidasker, aber nicht Träume wie den vom brennenden Kinde, den wir uns als Problem an den Eingang dieser Untersuchungen gestellt haben.

Was im hallucinatorischen Traum vor sich geht, können wir nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende des Apparates pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt schliesslich beim System der Wahrnehmungen an. Heissen wir die Richtung, nach weleher sich der psychische Vorgang aus dem Unbewussten im Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir vom Traum aussagen, er habe regredienten Charakter.

Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten psychologischen Eigenthümlichkeiten des Traumvorganges; aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie dem Träumen nicht allein zukommt. Auch das absichtliche Erinnern und andere Theilvorgänge unseres normalen Denkens entsprechen einem Rückschreiten im psychischen Apparat von irgend welchem complexen Vorstellungsact auf das Rohmaterial der Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Während des Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen niemals über die Erinnerungsbilder hinaus; es vermag die hallucinatorische Belebung der Wahmehmungsbilder nicht zu erzeugen. Warum ist dies im Traume anders? Als wir von der Verdichtungsarbeit des Traumes sprachen, konnten wir der Annahme nicht ausweichen, dass durch die Traumarbeit die an den Vorstellungen haftenden Intensitäten von einer zur anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich ist es diese Abänderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es ermöglicht, das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in umgekehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen.

Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes gethan, als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben. Wir heissen es Regression, wenn sich im Traum die Vorstellung in das sinnliche Bild rückverwandelt, aus dem sie irgend einmal hervorgegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt aber Rechtfertigung. Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues lehrt? Nun ich meine, der Name „Regression“ dient uns insoferne, als er die uns bekannte Thatsache an das Schema des mit einer Richtung versehenen seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es sich aber zum ersten Male, ein solehes Schema aufgestellt zu haben. Denn eine andere Eigenthümlichkeit der Traumbildung wird uns ohne neue Ueberlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich werden. Wenn wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb des von uns angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt sich uns ohne Weiteres die empirisch festgestellte Thatsache, dass alle Denkrelationen der Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren gehen oder nur mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationen sind nach unserem Schema nicht in den ersten Er-Systemen, sondern in weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der Regression bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren Ausdruck einbüssen. Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der Regression in sein Rohmaterial aufgelöst.

Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermuthungen bewenden lassen. Es muss sich wohl um Veränderungen in den Energiebesetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche sie wegsamer oder unwegsamer für den Ablauf der Erregung werden; aber in jedem derartigen Apparat könnte der nämliche Effect für den Weg der Erregung durch mehr als eine Art von solchen Abänderungen zu Stande gebracht werden. Man denkt natürlich sofort an den Schlafzustand, und an Besetzungsänderungen, die er am sensibeln Ende des Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine continuirlich laufende Strömung von dem ψ-System der W her zur Motilität; diese hat bei Nacht ein Ende und könnte einer Rückströmung der Erregung kein Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies die „Abschliessung von der Aussenwelt“, welche in der Theorie einiger Autoren die psychologischen Charaktere des Traumes aufklären soll (vergl. Seite 35). Indess wird man bei der Erklärung, der Regression des Traumes Rücksicht auf jene anderen Regressionen nehmen müssen, die in krankhaften Wachzuständen zu Stande kommen. Bei diesen Formen lässt natürlich die eben gegebene Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression trotz der ununterbrochenen sensibeln Strömung in progredienter Richtung.

Für die Hallucinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, dass sie thatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte Gedanken sind, und dass nur solche Gedanken diese Verwandlung erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewusst gebliebenen Erinnerungen im intimen Zusammenhange stehen. Z. B. einer meiner jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen gehindert durch „grüne Gesichter mit rothen Augen“, vor denen er sich entsetzt. Quelle dieser Erscheinung ist die unterdrückte, aber einstens bewusste Erinnerung an einen Knaben, den er vor vier Jahren oftmals sah, und der ihm ein abschreckendes Bild vieler Kinderunarten bot, darunter auch jener der Onanie, aus der er sich selbst jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die Mama hatte damals bemerkt, dass der ungezogene Junge eine grünliche Gesichtsfarbe habe und rothe (d. h. roth geränderte) Augen. Daher das Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn an eine andere Vorhersage der Mama zu erinnern, dass solche Jungen blödsinnig werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben. Unser kleiner Patient lässt den einen Theil der Prophezeiung eintreffen; er kommt im Gymnasium nicht weiter, und fürchtet sich, wie das Verhör seiner ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten Theil. Die Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg, dass er schläft, seine Aengstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit einem Vorzugszeugnis abschliesst.

Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir eine 40jährige Hysterica aus ihren gesunden Tagen erzählt hat. Eines Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht ihren Bruder im Zimmer, der doch, wie sie weiss, sich in der Irrenanstalt befindet. Ihr kleiner Sohn schläft im Bette neben ihr. Damit das Kind nicht erschrickt und in Krämpfe verfällt, wenn es den Onkel sieht, zieht sie die Bettdecke über dasselbe, und dann verschwindet die Erscheinung. Die Vision ist die Umarbeitung einer Kindererinnerung der Dame, die zwar bewusst war, aber mit allem unbewusstem Materiale in ihrem Innern in intimster Beziehung stand. Ihre Kinderfrau hatte ihr erzählt, dass die sehr früh verstorbene Mutter (sie war zur Zeit des Todesfalles erst 11/2, Jahre alt) an epileptischen oder hysterischen Krämpfen gelitten hatte und zwar seit einem Schreck, den ihr der Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verursachte, dass er ihr als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopf erschien. Die Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung: Die Erscheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine Wirkung. Diese Elemente sind aber zu neuem Zusammhange angeordnet und auf andere Personen übertragen. Das offenkundige Motiv der Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist die Besorgnis, dass ihr kleiner Sohn, der seinem Onkel physisch so ähnlich war, das Schicksal desselben theilen könnte.

Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Beziehung zum Schlafzustande und darum vielleicht zu dem Beweise ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf meine Analyse einer hallucinirenden Paranoica3) und auf die Ergebnisse meiner noch nicht veröffentlichten Studien über die Psychologie der Psychoneurosen, um zu bekräftigen, dass man in diesen Fällen von regredienter Gedankenverwandlung den Einfluss einer unterdrückten oder unbewusst gebliebenen Erinnerung, meist einer infantilen, nicht übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit ihr in Verbindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Censur verhinderten Gedanken, in die Regression als in jene Form der Darstellung, in der sie selbst psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein Ergebnis der Studien über Hysterie anführen, dass die infantilen Scenen (seien sie nun Erinnerungen oder Phantasien), wenn es gelingt, sie bewusst zu machen, hallucinatorisch gesehen werden und erst beim Mittheilen diesen Charakter abstreifen. Es ist auch bekannt, dass selbst bei Personen, die sonst im Erinnern nieht visuell sind, die frühesten Kindererinnerungen den Charakter der sinnlichen Lebhaftigkeit bis in späte Jahre bewahren.

Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traumgedanken den infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder auftauchen, wie die Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet sind, so wird man auch für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht abweisen, dass die Verwandlung von Gedanken in visuelle Bilder mit die Folge der Anziehung sein möge, welche dienach Neubelebung strebende visuell dargestellte Erinnerung auf den nach Ausdruck ringenden vom Bewusstsein abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach dieser Auffassung liesse sich der Traum auch beschreiben als der durch Uebertragung auf Recentes veränderte Ersatz der infantilen Scene. Die Infantilscene kann ihre Erneuerung nicht durchsetzen; sie muss sich mit der Wiederkehr als Traum begnügen.

Der Hinweis auf die gewissermassen vorbildliche Bedeutung der Infantilscenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den Trauminhalt, macht eine der Annabmen Scherner’s und seiner Anhänger über die inneren Reizquellen überflüssig. Scherner nimmt einen Zustand von „Gesichtsreiz“, von innerer Erregung im Sehorgan an, wenn die Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen Elemente oder einen besonderen Reichthum an solchen erkennen lassen. Wir brauchen uns gegen diese Annahme nicht zu sträuben, dürfen uns etwa damit begnügen, einen solehen Erregungszustand blos für das psychische Wahrnehmungssystem des Sehorgans zu statuiren, werden aber geltend machen, dass dieser Erregungszustand ein durch die Erinnerung hergestellter, die Auffrischung der seinerzeit actuellen Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung kein gutes Beispiel für solehen Einfluss einer infantilen Erinnerung zur Hand; meine Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen Elementen, als ich die Anderer schätzen muss; aber in dem schönsten and lebhaftesten Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die hallucinatorische Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Qualitäten recenter und kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich habe auf Seite 272 einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe des Wassers, die braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der Schiffe und das düstere Braun und Roth der Bauwerke, die ich sah, mir einen tiefen Eindruck hinterliessen. Wenn irgend einer, so musste dieser Traum auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und was hatte mein Sehorgan in diesen Reizzustand versetzt? Ein recenter Eindruck der sich mit einer Reihe früherer zusammenthat. Die Farben, die ich sah, waren zunächst die des Ankersteinbaukastens, mit dem die Kinder am Tage vor meinem Traume ein grossartiges Bauwerk aufgeführt hatten, um es meiner Bewunderung zu zeigen. Da fanden sich das nämliche düstere Roth an den grossen, das Blau und Braun an den kleinen Steinen. Dazu gesellten sich die Farbeneindrücke der letzten italienischen Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der Lagune und das Braun des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes war nur eine Wiederholung der in der Erinnerung gesehenen.

Fassen wir zusammen, was wir über die Eigenthümlichkeit des Traumes, seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugiessen, erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt, sondern haben ihn als auf unbekannte Verhältnisse hindeutend herausgegriffen und durch den Namen des „regredienten“ Charakters ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese Regression sei wohl überall, wo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstandes, der sich dem Vordringen des Gedankens zum Bewusstsein auf dem normalen Wege entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche als sinnesstark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben. Beim Traume käme vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der progredienten Tagesströmung von den Sinnesorganen, welches Hilfsmoment bei den anderen Formen von.Regression durch Verstärkung der anderen Regressionsmotive wett gemacht werden muss. Wir wollen auch nicht vergessen uns zu merken, dass bei diesen pathologischen Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Energieübertragung ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des normalen seelischen Lebens, da durch ihn eine volle hallucinatorische Besetzung der Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei der Analyse der Traumarbeit als die „Rücksicht auf Darstellbarkeit“ beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung der von den Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Scenen zu beziehen sein.

Leicht möglich, dass dieses erste Stück unserer psychologischen Verwerthung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. Wir wollen uns damit trösten, dass wir ja genöthigt sind, in’s Dunkle hinaus zu bauen. Sind wir nieht völlig in die Irre gerathen, so müssen wir von einem anderen Angriffspunkte her in ungefähr die nämliche Region gerathen, in weleher wir uns dann vielleicht besser zurecht finden werden.

c) Zur Wunscherfüllung.

Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns einen willkommenen Anlass, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre von der Wunscherfülung stösst, zu würdigen. Wir haben es gewiss Alle mit Befremden aufgenommen, dass der Traum nichts anderes als eine Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des Widerspruches, der vom Angsttraum ausgeht. Nachdem uns die ersten Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter dem Traum verberge sich Sion und psychischer Werth, so wäre unsere Erwartung keineswegs auf eine so eindeutige Bestimmung dieses Sinnes gefasst gewesen. Nach der correcten, aber kärglichen Definition des Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand — insoferne man schläft — fortgesetzte Denken. Wenn nun unser Denken bei Tage so verschiedenartige psychische Acte schafft, Urtheile, Schlussfolgerungen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl., wodurch soll es bei Nacht genöthigt sein, sich allein auf die Erzeugung von Wünschen einzuschränken? Gibt es nicht vielmehr reichlich Träume, die einen andersartigen psychischen Act in Traumgestalt verwandelt bringen, z. B. eine Besorgnis, und ist nicht gerade der vorangestellte, ganz besonders durchsichtige Traum des Vaters ein solcher? Er zieht auf den Lichtschein hin, der ihm auch schlafend in’s Auge fällt, den besorgten Schluss, dass eine Kerze umgefallen sei und die Leiche in Brand gesteckt haben könne; diesen Schluss verwandelt er in einen Traum, indem er ihn in eine sinnfällige Situation und in das Präsens einkleidet. Welche Rolle spielt dabei die Wunscherfüllung, und ist denn die Uebermacht des vom Wachen her sich fortsetzenden oder durch den neuen Sinneseindruck angeregten Gedankens dabei irgend zu verkennen?

Das ist alles richtig und nöthigt uns, auf die Rolle der Wunscherfüllung im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen.

Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung der Träume in zwei Gruppen veranlasst. Wir haben Träume gefunden, die sich offen als Wunscherfüllungen gaben; andere, deren Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war. In den letzteren erkannten wir die Leistungen der Traumcensur. Die unentstellten Wunschträume fanden wir hauptsächlich bei Kindern; kurze, offenherzige Wunschträume schienen — ich lege Nachdruck auf diesen Vorbehalt — auch bei Erwachsenen vorzukommen.

Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt, der sich im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder auf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses „Woher“? Ich meine, auf den Gegensatz zwischen dem bewusst gewordenen Tagesleben und einer unbewusst gebliebenen psychischen Thätigkeit, die sich erst zur Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine dreifache Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. Er kann 1. bei Tage erregt worden sein und infolge äusserer Verhältnisse keine Befriedigung gefunden haben; es erübrigt dann für die Nacht ein anerkannter und unerledigter Wunsch; 2. er kann bei Tage aufgetaucht sein, aber Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns dann ein unerledigter, aber unterdrückter Wunsch oder 3. er kann ausser Beziehung mit dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen gehören, die erst Nachts aus dem Unterdrückten in uns rege werden. Wenn wir unser Schema des psychischen Apparates vornehmen, so localisiren wir einen Wunsch der ersten Art in das System Vbw; vom Wunsch der zweiten Art nehmen wir an, dass er aus dem System Vbw in das Ubw zurückgedrängt worden ist, und wenn überhaupt, nur dort sich erhalten hat; und von der Wunschregung der dritten Art glauben wir, dass sie überhaupt unfähig ist, das System des Ubw zu überschreiten. Haben nun Wünsche aus diesen verschiedenen Quellen den gleichen Werth für den Traum, die gleiche Macht einen Traum anzuregen?

Eine Ueberschau über die Träume, die uns für die Beantwortung dieser Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst, als vierte Quelle des Traumwunsches hinzuzufügen die actuellen bei Nacht sich erhebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das sexuelle Bedürfnis). Sodann wird uns wahrscheinlich, dass die Herkunft des Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum anzuregen, nichts ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen, welcher die bei Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an die nebenstehenden Kinderträume; sie werden durch einen unerfüllten, aber nicht unterdrückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele dafür, dass ein bei Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft macht, sind überaus reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher Art könnte ich hier nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame, deren jüngere Freundin sich verlobt hat, beantwortet tagsüber die Anfragen der Bekannten, ob sie den Bräutigam kenne, und was sie von ihm halte, mit uneingeschränkten Lobsprüchen, bei denen sie ihrem Urtheil Schweigen auferlegt, denn sie hätte gern die Wahrheit gesagt: Er ist ein Dutzendmensch. Nachts träumt sie, dass dieselbe Frage an sie gerichtet wird, und antwortet mit der Formel: Bei Nachbestellungen genügt die Angabe der Nummer. Endlich, dass in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen sind, der Wunsch aus dem Unbewussten stammt und bei Tage nicht vernehmbar werden konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher Analysen erfahren. So scheinen zunächst alle Wünsche für die Traumbildung von gleichem Werth und gleicher Macht.

Ich kann hier nicht beweisen, dass es sich doch eigentlich anders verhält, aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen Zweifel darüber, dass ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traumerreger sein kann. Aber es ist nicht zu vergessen, das ist dann der Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von der dem Infantilen eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein am Tage nicht erfüllter Wunsch bei einem Erwachsenen genügt, um einen Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, dass wir mit der fortschreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende Thätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen sich dabei ja individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der Eine den infantilen Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein Anderer, wie ja solche Unterschiede auch für die Abschwächung des ursprünglich deutlich visuellen Vorstellens bestehen. Aber im Allgemeinen, glaube ich, wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom Tage übrig gebliebene Wunsch nicht genügen, einen Traum zu schaffen. Ich gebe gerne zu, dass die aus dem Bewussten stammende Wunschregung einen Beitrag zur Anregung des Traumes liefern wird, aber wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde nicht, wenn der vorbewusste Wunsch sich nicht eine Verstärkung von anderswoher zu holen wüsste.

Aus dem Unbewussten nämlich. Ich stelle mir vor, dass der bewusste Wunsch nur dann zum Traumerreger wird, wenn es ihm gelingt, einen gleichlautenden unbewussten zu wecken, durch den er sich verstärkt. Diese unbewussten Wünsche betrachte ich, nach den Andeutungen aus der Psychoanalyse der Neurosen, als immer rege, jederzeit bereit, sich Ausdruck zu verschaffen, wenn sich ihnen Gelegenheit bietet, sich mit einer Regung aus dem Bewussten zu alliiren, ihre grosse Intensität auf deren geringere zu übertragen4).

Es muss dann zum Anschein kommen, als hätte allein der bewusste Wunsch sich im Traume realisirt; allein eine kleine Auffälligkeit in der Gestaltung dieses Traumes wird uns ein Fingerzeig werden, dem mächtigen Helfer aus dem Unbewussten auf die Spur zu kommen. Diese immer regen, so zu sagen unsterblichen Wünsche unseres Unbewussten, welche an die Titanen der Sage erinnern, auf denen seit Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten, die einst von den siegreichen Göttern auf sie gewälzt wurden, und die unter den Zuckungen ihrer Glieder noch: jetzt von Zeit zu Zeit erbeben: — diese in der Verdrängung befindlichen Wünsche, sage ich, sind aber selbst infantiler Herkunft, wie wir durch die psychologische Erforschung der Neurosen erfahren. Ich möchte also den früher ausgesprochenen Satz, die Herkunft des Traumwunsches sei gleichgiltig, beseitigen und durch einen anderen ersetzen, der lautet: Der Wunsch, welcher sich im Traume darstellt, muss ein infantiler sein. Er stammt dann beim Erwachsenen aus dem Ubw; beim Kind, wo es die Sonderung und Censur zwischen Vbw und Ubw noch nicht giebt, oder wo sie sich erst allmählich herstellt, ist es ein unerfüllter, unverdrängter Wunsch des Wachlebens. Ich weiss, diese Anschauung ist nicht allgemein zu erweisen; aber ich behaupte, sie ist häufig zu erweisen, auch wo man es nicht vermuthet hätte, und ist nicht allgemein zu widerlegen.

Die aus dem bewussten Wachleben erübrigten Wunschregungen lasse ich also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich will ihnen keine andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an actuellen Sensationen während des Schlafes für den Trauminhalt (vergl. Seite 157 u. ff.). Ich bleibe auf der Linie, die mir dieser Gedankengang vorschreibt, wenn ich jetzt die anderen psychischen Anregungen in Betracht ziehe, die vom Tagesleben übrig bleiben und die nicht Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den Energiebesetzungen unseres wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu machen, wenn wir beschliessen den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann, der ist ein guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Muster dieser Gattung gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer vollständig. Unerledigte Probleme, quälende Sorgen, eine Uebermacht von Eindrücken, setzen die Denkthätigkeit auch während des Schlafes fort und unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das wir als das Vorbewusste bezeichnet haben. Wenn uns um eine Eintheilung dieser in den Schlaf sich fortsetzenden Denkregungen zu thun ist, so können wir folgende Gruppen derselben aufstellen: 1. Das während des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte, 2. das durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das Ungelöste, 3. das bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt sich als eine mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des Vorbewussten tagsüber in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und endlich können wir als 5. Gruppe anfügen: die indifierenten und darum unerledigt gebliebenen Eindrücke des Tages.

Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des Tageslebens in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der Gruppe des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. Sicherlich ringen diese Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck, und ebenso sicher dürfen wir annehmen, dass der Schlafzustand die gewohnte Fortführung des Erregungsvorganges im Vorbewussten und deren Abschluss durch das Bewusstwerden unmöglich macht. Insoferne wir unserer Denkvorgänge auf dem normalen Wege bewusst werden können, auch zur Nachtzeit, insoferne schlafen wir eben nicht. Was für Veränderung der Schlafzustand im System Vbw hervorruft, weiss ich nicht anzugeben; aber es ist unzweifelhaft, dass die psychologische Charakteristik des Schlafes wesentlich in den Besetzungsveränderungen gerade dieses Systemes zu suchen ist, das auch den Zugang zu der im Schlaf gelühmten Motilität beherrscht. Im Gegensatze dazu wüsste ich von keinem Anlass aus der Psychologie des Traumes, der uns annehmen hiesse, dass der Schlaf anders als secundär in den Verhältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächtlichen Erregung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den die Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen; sie muss die Verstärkung aus dem Ubw suchen und die Umwege der unbewussten Erregungen mitmachen. Wie stellen sich aber die vorbewussten Tagesreste zum Traume? Es ist kein Zweifel, dass sie reichlich in den Traum eindringen, dass sie den Trauminhalt benützen, um sich auch zur Nachtzeit dem Bewusstsein aufzudrängen; ja sie dominiren gelegentlich den Trauminhalt, nöthigen ihn, die Tagesarbeit fortzusetzen; es ist auch sicher, dass die Tagesreste jeden anderen Charakter ebensowohl haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei höchst lehrreich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu entscheidend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen, um in den Traum Aufnahme zu finden.

Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den Traum, der mir Freund Otto mit den Zeichen der Basedow’schen Krankheit erscheinen lässt. (Seite 186.) Ich hatte am Tage eine Besorgnis gebildet, zu der mir das Aussehen Otto’s Anlass gab, und die Sorge ging mir nahe, wie Alles, was diese Person betrifft. Sie folgte mir auch, darf ich annehmen, in den Schlaf. Wahrscheinlich wollte ich ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand diese Sorge Ausdruck in dem Traume, den ich mitgetheilt habe, dessen Inhalt erstens unsinnig war und zweitens keiner Wunscherfüllung entsprach. Ich begann aber nachzuforschen, woher der unangemessene Ausdruck der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und durch die Analyse fand ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem Baron L., mich selbst aber mit Professor R. identificirte. Warum ich gerade diesen Ersatz des Tagesgedanken hatte wählen müssen, dafür gab es nur eine Erklärung. Zu der Identificirung mit Professor R. musste ich im Ubw immer bereit sein, da durch sie einer der unsterblichen Kinderwünsche, der Wunsch der Grössensucht, sich erfüllte. Hässliche, der Verwerfung bei Tage sichere Gedanken gegen meinen Freund hatten die Gelegenheit benutzt, sich zur Darstellung mit einzuschleichen, aber auch die Sorge des Tages war zu einer Art von Ausdruck durch einen Ersatz im Trauminhalte gekommen. Der Tagesgedanke, der an sich kein Wunsch, sondern im Gegentheil eine Besorgnis war, musste sich auf irgend einem Wege die Anknüpfung an einen infantilen, nun unbewussten und unterdrückten, Wunsch verschaffen, der ihn dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das Bewusstsein „entstehen“ liess. Je dominirender diese Sorge war, desto gewaltsamer durfte die herzustellende Verbindung sein; zwischen dem Inhalt des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein Zusammenhang gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem Beispiele.

Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewusste Wunsch für den Traum bedeutet. Ich will zugeben, dass es eine ganze Classe von Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst ausschliesslich. aus den Resten des Tageslebens stammt, und ich meine, selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu werden, hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen lassen können, wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte, musste von einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis, sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu verschaffen. Um es in einem Gleichnis zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, dass ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und den Drang sie in That umzusetzen, kann doch ohne Capital nichts machen; er braucht einen Capitalisten, der den Aufwand bestreitet, und dieser Capitalist, der den psychischen Aufwand für den Traum beistellt, ist alle Male und unweigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Unbewussten.

Andere Male ist der Capitalist selbst der Unternehmer; das ist für den Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die Tagesarbeit ein unbewusster Wunsch angeregt worden, und der schafft nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des hier als Beispiel verwendeten. wirthschaftliehen Verhältnisses bleiben die Traumvorgänge parallel; der Unternehmer kann selbst eine Kleinigkeit an Capital mitbringen; es können mehrere Unternehmer sich an denselben Capitalisten wenden; es können mehrere Capitalisten gemeinsam das für die Unternehmer Erforderliche zusammensteuern. So gibt es auch Träume, die von mehr als einem Traumwunsche getragen werden, und dergleichen Variationen mehr, die leicht zu übersehen sind und uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser Erörterung über den Traumwunsch noch unvollständig ist, werden wir erst später ergänzen können.

Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse, die in zugemessener Menge zur freien Verfügung gestellte Quantität, lässt noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstructur zu. In den meisten Träumen lässt sich ein mit besonderer sinnlicher Intensität ausgestattetes Centrum erkennen, wie auf Seite 209 ausgeführt. Das ist in der Regel die directe Darstellung der Wunscherfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit rückgängig machen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in den Traumgedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt ersetzt. Die Elemente in der Nähe der Wunscherfüllung haben mit deren Sinn oft nichts zu thun, sondern erweisen sich als Abkömmlinge peinlicher, dem Wunsch zuwiderlaufender Gedanken. Durch den oft künstlich hergestellten Zusammenhang mit dem centralen Element haben sie aber soviel Intensität abbekommen, dass sie zur Darstellung fähig geworden sind. So diffundirt die darstellende Kraft der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang, innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich mittellosen, zur Darstellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren treibenden Wünschen gelingt es leicht, dieSphären der einzelnen Wunscherfüllungen von einander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume als Grenzzonen zu verstehen.

Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum durch die vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben, so verlohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu schenken. Sie miissen doch ein nothwendiges Ingrediens der Traumbildung sein, wenn uns die Erfahrung mit der Thatsache überraschen kann, dass jeder Traum eine Anknüpfung an einen recenten Tageseindruck, oft der gleichgiltigsten Art, mit in seinem Inhalt erkennen lässt. Die Nothwendigkeit für diesen Zusatz zur Traummischung vermöchten wir noch nicht einzusehen. (Seite 124) Sie ergibt sich auch nur, wenn man an der Rolle des unbewussten Wunsches festhält und dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser erfährt man, dass die unbewusste Vorstellung als solche überhaupt unfähig ist in’s Vorbewusste einzutreten, und dass sie dort nur eine Wirkung zu äussern vermag, indem sie sich mit einer harmlosen, dem Vorbewussten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung setzt, auf sie ihre Intensität überträgt und sich durch sie decken lässt. Es ist dies die Thatsache der Uebertragung, welche für so viele auffällige Vorfälle im Seelenleben der Neurotiker die Aufklärung enthält. Die Uebertragung kann die Vorstellung aus dem Vorbewussten, welche somit zu einer unverdient grossen Intensität ge langt, unverändert lassen, oder ihr selbst eine Modification durch den Inhalt der übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe mir die Neigung zu Gleichnissen aus dem täglichen Leben, aber ich bin versucht zu sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte Vorstellung ähnlich wie in unserem Vaterlande für den amerikanischen Zahnarzt, der seine Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines rite promovirten Doctors der Medicin als Aushängeschild und Deckung vor dem Gesetz bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die beschäftigtesten Aerzte sind, die solche Alliancen mit dem Zahntechniker eingehen, so werden auch im Psychischen nicht jene vorbewussten oder bewussten Vorstellungen zur Deckung einer verdrängten erkoren, die selbst genügend von der im Vorbewussten thätigen Aufmerkkeit auf sich gezogen haben. Das Unbewusste umspinnt mit seinen Verbindungen vorzugsweise jene Eindrücke und Vorstellungen des Vorbewussten, die entweder als indifferent ausser Beachtung geblieben sind, oder denen diese Beachtung durch Verwerfung alsbald wieder entzogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus der Associationslehre, durch alle Erfahrung bestätigt, dass Vorstellungen, die eine sehr innige Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich wie ablehnend gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten; ich habe einmal den Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen Lähmungen auf diesen Satz zu begründen.

Wenn wir annehmen, dass das nämliche Bedürfnis zur Uebertragung von den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die Analyse der Neurosen kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so erklären sich aueh mit einem Schlage zwei der Räthsel des Traumes, dass jede Traumanalyse eine Verwebung eines recenten Eindruckes nachweist, und dass dies recente Element oft von der gleichgiltigsten Art ist. Wir fügen hinzu, was wir bereits an anderer Stelle gelernt haben, dass diese recenten und indifferenten Elemente als Ersatz der allerältesten aus den Traumgedanken darum so häufig in den Trauminhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der Widerstandscensur am wenigsten zu befürchten haben. Während aber die Censurfreiheit uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente anfklärt, lässt die Constanz der recenten Elemente auf die Nöthigung zur Uebertragung durchblicken. Dem Anspruch des Verdrängten auf noch associationsfreies Material gentigen beide Gruppen von Eindrücken, die indifferenten, weil sie zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlass geboten haben, die recenten, weil dazu noch die Zeit gefehlt hat.

Wir sehen so, dass die Tagesreste, denen wir die indifferenten Eindrücke jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas entlehnen, wenn sie an der Traumbildung Antheil gewinnen, nämlich die Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch verfügt, sondern dass sie auch dem Unbewussten etwas unentbehrliches bieten, die nothwendige Anheftung zur Uebertragung. Wollten wir hier in die seelischen Vorgänge tiefer eindringen, so müssten wir das Spiel der Erregungen zwischen Vorbewusstem und Unbewusstem schärfer beleuchten, wozu wohl das Studium der Psychoneurosen drängt, aber gerade der Traum keinen Anhalt bietet.

Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein Zweifel, dass sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und nicht der Traum, der sich vielmehr bemüht den Schlaf zu hüten. Hierauf werden wir noch später zurückkommen.

Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem Gebiet des Ubw abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten zergliedert, die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische Regungen irgend welcher anderen Art oder einfach recente Eindrücke. Wir haben so Raum geschaflen für die Ansprüche, die man zu Gunsten der traumbildenden Bedeutung der wachen Denkarbeit in all ihrer Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre nicht einmal unmöglich, dass wir auf Grund unserer Gedankenreihe selbst jene extremen Fälle aufklären, in denen der Traum als Fortsetzer der Tagesarbeit eine ungelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen Ende bringt. Es mangelt uns nur an einem Beispiel solcher Art, um durch dessen Analyse die infantile oder verdrängte Wunschquelle aufzudecken, deren Heranziehung die Bemühung der vorbewussten Thätigkeit so erfolgreich verstärkt hat. Wir sind aber um keinen Schritt der Lösung des Räthsels näher gekommen, warum das Unbewusste im Schlafe nichts anderes bieten kann als die Triebkraft zu einer Wunscherfüllung? Die Beantwortung dieser Frage muss ein Licht auf die psychische Natur des Wünschens werfen; sie soll an der Hand des Schemas vom psychischen Apparat gegeben werden.

Wir zweifeln nicht daran, dass auch dieser Apparat seine heutige Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwickelung erreicht hat. Versuchen wir’s, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungsfähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen sagen uns, dass der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich möglichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau das Schema des Reflexapparates annahm, das ihm gestattete, eine von aussen an ihn anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem Wege abzuführen. Aber die Noth des Lebens stört diese einfache Function; ihr verdankt der Apparat auch den Anstoss zur weiteren Ausbildung. In der Form der grossen Körperbedürfnisse tritt die Noth des Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluss in die Motilität suchen, die man als „Innere Veränderung“ oder als „Ausdruck der Gemüthsbewegung“ bezeichnen kann. Das hungerige Kind wird hilflos schreien oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer momentan stossenden, sondern einer continuirlich wirkenden Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgend einem Wege, beim Kinde durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung des Befriedigungserlebnisses gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher Bestandtheil dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen Wahrnehmung (der Speise im Beispiel), deren Erinnerungsbild von jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfniserregung associirt bleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstes Mal auftritt, wird sich, Dank der hergestellten Verknüpfung, eine psychische Regung ergeben, welche das Brinnerungsbild jener Wahrnehmung wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen, also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wiederherstellen will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch heissen; das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, und die volle Besetzung der Wahrnehmung von der Bedürfniserregung her der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen Apparates anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen alsoin ein Halluciniren ausläuft. Diese erste psychische Thätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist.

Eine bittere Lebenserfahrung muss diese primitive Denkthätigkeit zu einer zweckmässigeren, secundären, modificirt haben. Die Herstellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredienten Wege im Innern des Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge, welche mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von aussen her verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert fort. Um die innere Besetzung der äusseren gleichwerthig zu machen, müsste dieselbe fortwährend aufrecht erhalten werden, wie es in den hallucinatorischen Psychösen und in den Hungerphantasien auch wirklich geschieht, die ihre psychische Leistung in der Festhaltung des gewünschten Objectes erschöpfen. Um eine zweekmässigere Verwendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es nothwendig, die volle Regression aufzuhalten, so dass sie nicht über das Erinnerungsbild Hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann, die schliesslich zur Herstellung der gewünschten Identität von der Aussenwelt her führen. Diese Hemmung sowie die darauf folgende Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung sich erst die Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken anschliesst. All die complicirte Denkthätigkeit aber, welche sich vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die Aussenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Erfahrung nothwendig gewordenen Umweg zur Wunscherfüllung dar.5) Das Denken ist doch nichts anderes als der Ersatz des hallucinatorischen Wunsches, und wenn der Traum eine Wunscherfüllung ist, so wird das eben selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch unseren seelischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag. Der Traum, der seine Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt, hat uns hiemit nur eine Probe der primären, als unzweekmässig verlassenen Arbeitsweise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das Nachtleben scheint verbannt. was einst im Wachen herrsehte, als das psychische Leben noch jung und untüchtig war, etwa wie wir in der Kinderstube die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen Menschheit, Pfeil und Bogen, wiederfinden. Das Träumen ist ein Stück des überwundenen Kinderseelenlebens. In den Psychosen werden diese sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen des psychischen Apparates sich wiederum Geltung erzwingen und dann ihre Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen die Aussenwelt an den Tag legen.

Die unbewussten Wunschregungen streben offenbar auch bei Tage sich geltend zu machen, und die Thatsache der Uebertragung, sowie die Psychosen belehren uns, dass sie auf dem Wege durch das System des Vorbewussten zum Bewusstsein und zur Beherrschung der Motilität durchdringen möchten. In der Censur zwischen Ubw und Vbw, deren Annahme uns der Traum geradezu aufnöthigt, haben wir also den Wächter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu ehren. Ist es nun nicht eine Unvorsichtigkeit dieses Wächters, dass er zur Nachtzeit seine Thätigkeit verringert, die unterdrückten Regungen des Ubw zum Ausdrucke kommen lässt, die hallucinatorische Regression wieder ermöglicht? Ich denke nicht, denn wenn sich der kritische Wächter zur Ruhe begibt, — wir haben die Beweise dafür, dass er doch nicht tief schlummert — so schliesst er auch das Thor zur Motilität. Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw sich auch auf dem Schauplatz tummeln mögen, man kann sie gewähren lassen, sie bleiben harmlos, weil sie nicht im Stande sind, den motorischen Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Aussenwelt verändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantirt die Sicherheit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet es sich, wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen Nachlass im Kräfteaufwand der kritischen Censur, sondern durch pathologische Schwächung derselben oder durch pathologische Verstärkung der unbewussten Erregungen hergestellt wird, so lange das Vorbewusste besetzt und die Thore zur Motilität offen sind. Dann wird der Wächter überwältigt, die unbewussten Erregungen unterwerfen sich das Vbw, beherrschen von ihm aus unser Reden und Handeln, oder erzwingen sich die hallucinatorische Regression und lenken. den nicht für sie bestimmten Apparat vermöge der Anziehung, welche die Wahrnehmungen auf die Vertheilung unserer psychischen Energie ausüben. Diesen Zustand heissen wir Psychose.

Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psychologischen Gerüste weiter zu bauen, das wir mit der Einfügung der beiden Systeme Ubw und Vbw verlassen haben. Wir haben aber noch Motive genug, bei der Würdigung des Wunsches als einziger psychischer Triebkraft für den Traum zu verweilen. Wir haben die Aufklärung entgegengenommen, dass der Traum darum jedesmal eine Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des Systems Ubw ist, welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als Wunscherfüllung kennt und über keine anderen Kräfte als die der Wunschregungen verfügt. Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem Recht festhalten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende psychologische Speculationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung zu zeigen, dass wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann. Wenn ein System des Ubw — oder etwas ihm für unsere Erörterungen analoges — existirt, so kann der Traum nicht dessen einzige Aeussezung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muss noch andere Formen abnormer Wunscherfüllungen geben als die Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie aller psychoneurotischen Symptome in dem einen Satz, dass auch sie als Wunscherfüllungen des Unbewussten aufgefasst werden müssen. Der Traum wird durch unsere Auiklärung nur das erste Glied einer für den Psychiater höchst bedeutungsvollen Reihe, deren Verständnis die Lösung des rein psycholo ischen Antheils der psychiatrischen Aufgabe bedeutet. Von anderen Gliedern dieser Reihe von Wunscherfüllungen, z. B. von den hysterischen Symptomen, kenne ich aber einen wesentlichen Charakter, den ich am Traume noch vermisse. Ich weiss nämlich aus den im Laufe dieser Abhandlung oftmals angedeuteten Untersuchungen, dass zur Bildung eines Tysterischen Symptoms beide Strömungen unseres Seelenlebens zusammentreffen müssen. Das Symptom ist nicht blos der Ausdruck eines realisirten unbewussten Wunsches; es muss noch ein Wunsch aus dem Vorbewussten dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt, so dass das Symptom mindestens zweifach determinirt wird, je einmal von einem der im Conflict befindlichen Systeme her. Einer weiteren Ueberdeterminirung sind — ähnlich wie beim Traum — keine Schranken gesetzt. Die Determinirung, die nicht dem Ubw entstammt, ist, soviel ich sehe, regelmässig ein Gedankenzug der Reaktion gegen den unbewussten Wunsch, z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann also ganz allgemein sagen, ein hysterisches Sympton entsteht nur dort, wo zwei gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede aus der Quelle eines anderen psychischen Systems, in einem Ausdruck zusammentreffen können. Beispiele würden hier wenig fruchten, da nur die vollständige Enthüllung der vorliegenden Complication Ueberzeugung erwecken kann. Ich lasse es darum bei der Behauptung und bringe ein Beispiel blos seiner Anschaulichkeit, nicht seiner Beweiskraft wegen. Das hysterische Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als die Erfüllung einer unbewussten Phantasie aus den Pubertätsjahren, nämlich des Wunsches, fortwährend gravid zu sein, ungezählt viele Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung trat: von möglichst vielen Männern. Gegen diesen unbändigen Wunsch hatte sich eine mächtige Abwehrregung erhoben. Da die Patientin aber durch das Erbrechen ihre Körperfülle und ihre Schönheit verlieren konnte, so dass kein Mann mehr an ihr Gefallen fand, so war das Symptom auch dem strafenden Gedankengang recht und durfte, von beiden Seiten zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe Manier auf eine Wunscherfüllung einzugehen, welche der Partherkönigin gegen den Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe den Feldzug aus Goldgier unternommen; so lies sie der Leiche geschmolzenes Gold in den Rachen giessen. „Hier hast du, was du dir gewünscht hast.“ Vom Traum wissen wir bis jetzt nur, dass er eine Wunscherfüllung des Unbewussten ausdrückt; es scheint, dass das herrschende, vorbewusste System diese gewähren lässt, nachdem sie ihr gewisse Entstellungen aufgenöthigt hat. Man ist auch wirklich nicht im Stande, allgemein einen dem Traumwunsch gegensätzlichen Gedankenzug nachzuweisen, der sich wie sein Widerpart im Traume verwirklicht. Nur hie und da sind uns in den Traumanalysen Anzeichen von Reaktionsschöpfungen begegnet, z. B. die Zärtlichkeit für Freund R. im Onkeltraum (Seite 96). Wir können aber die hier vermisste Zuthat aus dem Vorbewussten an anderer Stelle auffinden. Der Traum darf einen Wunsch aus dem Ubw nach allerlei Entstellungen zum Ausdruck bringen, während sieh das herrschende System auf den Wunsch zu schlafen zurückgezogen hat, und diesen Wunsch durch Herstellung der ihm möglichen Besetzungsänderungen innerhalb des psychischen Apparates realisirt, endlich ihn die ganze Dauer des Schlafes über festhält.6)

Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewussten zu schlafen, wirkt nun ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken wir an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Todtenzimmer zur Folgerung anregt, die Leiche könne in Brand gerathen sein. Wir haben als die eine der psychischen Kräfte, die den Ausschlag dafür geben, dass der Vater im Traume diesen Schluss zieht, anstatt sich durch den Lichtschein weeken zu lassen, den Wunsch aufgewiesen, der das Leben des im Traume vorgestellten Kindes um den einen Moment verlängert. Andere aus dem Verdrängten stammenden Wünsche entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die Analyse dieses Traumes nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft dieses Traumes dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters hinzunehmen; sowie durch den Traum das Leben des Kindes, so wird auch der Schlaf des Vaters um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren lassen, heisst diese Motivirung, sonst muss ich erwachen. Wie bei diesem Traume, so leiht auch bei allen anderen der Schlafwunsch dem unbewussten Wunsch seine Unterstützung. Wir haben auf Seite 161 von Träumen berichtet, die sich offenkundig als Bequemlichkeitsträume geben. Eigentlich haben alle Träume Anspruch auf diese Bezeichnung. Bei den Weckträumen, die den äusseren Sinnesreiz so verarbeiten, dass er mit der Fortsetzung des Schlafens verträglich wird, ihn in einen Traum verweben, um ihm die Ansprüche zu entreissen, die er als Mahnung an die Aussenwelt erheben könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches, weiter zu schlafen, am leichtesten zu erkennen. Derselbe muss aber ebenso seinen Antheil an der Gestattung aller anderen Träume haben, die nur von innen her als Wecker am Schlafzustand rütteln können. Was das Vbw in manchen Fällen dem Bewusstsein mittheilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass’ doch und schlaf’ weiter, es ist ja nur ein Traum; das beschreibt, auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelenthätigkeit gegen das Träumen. Ich muss die Folgerung ziehen, dass wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sieher wissen, dass wir träumen, wie wir es wissen, dass wir schlafen. Es ist durchaus nothwendig, den Einwand dagegen gering zu schätzen, dass unser Bewusstsein auf das eine Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem Anlass, wenn sich die Censur wie überrumpelt fühlt.

d) Das Wecken durch den Traum. Die Function des Traumes. Der Angsttraum.

Seitdem wir wissen, dass das Vorbewusste über die Nacht auf den Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang mit Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der Wacharbeit Tagesreste übrig geblieben, denen sich die Energiebesetzung nicht völlig entziehen liess. Oder es sei durch die Wacharbeit tagsüber einer der unbewussten Wünsche rege geworden, oder es treffe beides zusammen; wir haben die hier mögliche Mannigfaltigkeit bereits erörtert. Schon im Laufe des Tages oder erst mit Herstellung des Schlafzustandes hat der unbewusste Wunsch sich den Weg zu den Tagesresten gebahnt, seine Uebertragung auf sie bewerkstelligt. Es entsteht nun ein auf das recente Material übertragener Wunsch, oder der unterdrückte recente Wunsch hat sich durch Verstärkung aus dem Unbewussten neu belebt. Er möchte nun auf dem normalen Wege der Gedankenvorgänge durch das Vbw, dem er mit einem Bestandtheil ja angehört, zum Bewusstsein vordringen. Aber er stösst auf die Censur, die noch besteht, und deren Einfluss er jetzt unterliegt. Hier nimmt er die Entstellung an, die schon durch die Uebertragung auf das Recente angebahnt war. Bis jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas ähnliches zu werden wie eine Zwangsvorstellung, eine Wahnidee u. dgl., nämlich ein durch Uebertragung verstärkter, durch Censur im Ausdruck entstellter Gedanke. Nun aber gestattet der Schlafzustand des Vorbewussten nicht das weitere Vordringen; wahrscheinlich hat sich das System durch Herabsetzung seiner Erregungen gegen das Eindringen geschützt. Der Traumvorgang sehlägt also den Weg der Regression ein, der gerade durch die Eigenthümlichkeit des Schlafzustandes eröffnet ist, und folgt dabei der Anziehung, welche Erinnerungsgruppen auf ihn ausüben, die zum Theil selbst nur als visuelle Besetzungen, nicht als Uebersetzung in die Zeichen der späteren Systeme vorhanden sind. Auf dem Wege zur Regression erwirbt er die Darstellbarkeit. Von der Compression werden wir später handeln. Er hat jetzt das zweite Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes zurückgelegt. Das erste Stück spann sich progredient von den unbewussten Scenen oder Phantasien zum Vorbewussten; das zweite Stück strebt von der Censurgrenze an wieder zu den Wahrnehmungen hin. Wenn der Traumvorgang aber Wahrnehmungsinhalt geworden ist, so hat er das ihm durch Censur und Schlafzustand im Vbw gesetzte Hindernis gleichsam umgangen. Es gelingt ihm, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und vom Bewusstsein bemerkt zu werden. Das Bewusstsein nämlich, dass uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar. Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem Wahrnehmungssystem, in erster Linie; ausserdem von den Lust- und Unlusterregungen, die sich als einzige psychische Qualität bei den Energieumsetzungen im Innern des Apparates ergeben. Alle Vorgänge in den ψ-Systemen sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen Qualität und sind darum kein Object des Bewusstseins, insoferne sie ihm nicht Lust oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir werden uns zur Annahme entschliessen müssen, dass diese Lustund Unlustentbindungen automatisch den Ablauf der Besetzungsvorgänge reguliren. Es hat sich aber später die Nothwendigkeit herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den Vorstellungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. Zu diesem Zwecke bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das Bewusstsein anziehen könnten, und erhielt sie höchst wahrscheinlich durch die Verknüpfung der vorbewussten Vorgänge mit dem nicht qualitätslosen Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qualitäten dieses Systems wird jetzt das Bewusstsein, das vorher nur Sinnesorgan für die Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan für einen Theil unserer Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei Sinnesoberflächen, die eine dem Wahrnehmen, die andere den vorbewussten Denkvorgängen zugewendet.

Ich muss annehmen, dass die dem Vbw zugewendete Sinnesfläche des Bewusstseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer gemacht wird, als die gegen die W-Systeme gerichtete. Das Aufgeben des Interesses für die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch zweckmässig. Es soll im Denken nichts vorfallen; das Vbw verlangt zu schlafen. Ist der Traum aber einmal Wahrnehmung geworden, so vermag er dureh die jetzt gewonnenen Qualitäten das Bewusstsein zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das, worin überhaupt ihre Funetion besteht; sie dirigirt einen Theil der im Vbw verfügbaren Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So muss man also zugeben, dass der Traum jedesmal weckt, einen Theil der ruhenden Kraft des Vbw in Thätigkeit versetzt. Er erfährt nun von dieser jene Beeinflussung, die wir als seeundäre Bearbeitung mit Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben. Das will besagen, der Traum wird von ihr behandelt wie jeder andere Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben Erwartungsvorstellungen unterzogen, soweit sein Material sie eben zulässt. Soweit bei diesem dritten Stück des Traumvorganges eine Ablaufsrichtung in Betracht kommt, ist es wieder die progrediente.

Zur Verhütung von Missverständnissen wird ein Wort über die zeitlichen Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht sein. Ein sehr anziehender Gedankengang Goblot’s29), der offenbar durch das Räthsel des Maury’schen Guillotinentraumes angeregt ist, sucht darzuthun, dass der Traum keine andere Zeit in Anspruch nimmt als die der Uebergangsperiode zwischen Schlafen und Erwachen. Das Erwachen braucht Zeit; in dieser Zeit füllt der Traum vor. Man meint, das letzte Bild des Traumes war so stark, dass es zum Erwachen nöthigte. In Wirkliehkeit war es nur darum so stark, weil wir bei ihm dem Erwachen schon so nahe waren. „Un rêve c’est un réveil qui commence“.

Es ist schon von Dugas18) hervorgehoben worden, dass Goblot viel Thatsächliches beseitigen muss, um seine These allgemein zu halten. Es gibt auch Träume, aus denen man nieht erwacht, z. B. manche, in denen man träumt, dass man träumt. Nach unserer Kenntnis der Traumarbeit können wir unmöglich zugeben, dass sie sich nur über die Periode des Erwachens erstrecke. Es muss uns im Gegentheil wahrscheinlich werden, dass das erste Stück der Traumarbeit bereits am Tage, noch unter der Herrschaft des Vorbewussten beginnt. Das zweite Stück derselben, die Veränderung durch die Censur, die Anziehung durch die unbewussten Scenen, das Durchdringen zur Wahrnehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch fort, und insoferne dürften wir immer Recht haben, wenn wir eine Empfindung angeben, wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch wenn wir nicht zu sagen wissen, was. Ich glaube aber nicht, dass es nothwendig ist anzunehmen, die Traumvorgänge hielten bis zum Bewusstwerden wirklich die zeitliche Folge ein, die wir beschrieben haben; es sei zuerst der übertragene Traumwunsch vorhanden, dann gehe die Entstellung durch die Censur vor sich, darauf folge die Richtungsänderung zur Regression u. s. w. Wir haben eine solche Succession bei der Beschreibung herstellen müssen: in Wirklichkeit handelt es sich wohl vielmehr um gleichzeitiges Erproben dieser und jener Wege, um ein Hin- und Herwogen der Erregung, bis endlich durch deren zweckmässigste Anhäufung gerade die eine Gruppirung die bleibende wird. Ich möchte selbst nach gewissen persönlichen Erfahrungen glauben, dass die Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr Ergebnis zu liefern, wobei dann die ausserordentliche Kunst im Aufbau des Traumes alles Wunderbare verliert. Selbst die Rücksicht auf die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner Meinung nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewusstsein an sich zieht. Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung, da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt wie etwas anderes Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das Stunden lang hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.

Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun entweder die genügende Intensität, um das Bewusstsein auf sich zu ziehen und das Vorbewusste zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend, und er muss bereit bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen die beweglicher gewordene Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die meisten Träume scheinen mit vergleichsweise geringen psychischen Intensitäten zu arbeiten, denn sie warten das Erwachen ab. Es erklärt sich so aber auch, dass wir in der Regel etwas Geträumtes wahrnehmen, wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe reisst. Der erste Blick dabei wie beim spontanen Erwachen trifft den von der Traumarbeit geschaffenen Wohrnehmungsinhalt, der nächste dann den von aussen gegebenen.

Das grössere theoretische Interesse wendet sich aber den Träumen zu, die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf der sonst überall nachweisbaren Zweckmässigkeit gedenken und sich fragen, warım dem Traum, also dem unbewussten Wunsch, die Macht gelassen wird, den Schlaf, also die Erfüllung des vorbewussten Wunsches, zu stören. Es muss das wohl an Energierelationen liegen, in welche uns die Einsicht fehlt. Besässen wir diese, so würden wir wahrscheinlich finden, dass das Gewährenlassen des Traumes und der Aufwand einer gewissen detachirten Aufmerksamkeit für ihn eine Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall, dass das Unbewusste Nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie Tagsüber. Wie die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es mehrmals in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem Schlafen vereinbar. Man erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein. Es ist, wie wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht; man erwacht ad hoc. Wenn man wieder einschläft, hat man die Störung beseitigt. Die Erfüllung des Schlafwunsches ist, wie bekannte Beispiele vom Ammenschlaf u. dgl. zeigen, ganz gut mit der Unterhaltung eines gewissen Aufwandes von Aufmerksamkeit nach einer bestimmten Richtung vereinbar.

Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf einer besseren Kenntnis der unbewussten Vorgänge fusst. Wir haben selbst die unbewussten Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotzdem seien sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar zu machen. Wenn aber der Schlafzustand besteht, und der unbewusste Wunsch die Kraft gezeigt hat, einen Traum zu bilden und mit ihm das Vorbewusste zu wecken, warum versiegt diese Kraft, nachdem der Traum zur Kenntnis genommen worden ist? Sollte der Traum sich nicht vielmehr fortwährend erneuern, gerade wie die störende Fliege es liebt, immer wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren? Mit welchem Recht haben wir behauptet, dass der Traum die Schlafstörung beseitigt?

Es ist ganz richtig, dass die unbewussten Wünsche immer rege bleiben. Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewusster Vorgänge, dass sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewussten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hievon den stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speciell der Hysterie. Der unbewusste Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor dreissig Jahren vorgefallen ıst, wirkt, nachdem sie sich den Zugang zu den unbewussten Affectquellen verschaftt hat, alle die dreissig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewussten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluss der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Abblassen der Erinnerungen und die Affectschwäche der nicht mehr recenten Eindrücke, das sind in Wirklichkeit secundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zu Stande kommen. Es ist das Vorbewusste, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie kann keinen andern Weg einschlagen, als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerfen.

Für den einzelnen unbewussten Erregungsvorgang gibt es also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung für dies eine Mal einen Abfluss in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewussten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebunden anstatt abgeführt. Letzteres aber geschieht beim Traumvorgang. Die Besetzung, die dem zur Wahrnehmun gewordenen Traum von Seiten des Vbw entgegenkommt, weil sie durch die Bewustseinserregung hingelenkt worden ist, bindet die unbewusste Erregung des Traumes und macht sie als Störung unschädlich. Wenn der Träumer für einen Augenblick erwacht, so hat er wirklich die Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte. Es kann uns jetzt ahnen, dass es wirklich zweckmässiger und wohlfeiler war, den unbewussten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den Weg zur Regression frei zu geben, damit er einen Traum bilde, und dann diesen Traum durch einen kleinen Aufwand von vorbewusster Arbeit zu binden und zu erledigen, als das Unbewusste auch die ganze Zeit des Schlafens über im Zaume zu halten. Es stand ja zu erwarten, dass der Traum, auch wenn er ursprünglich kein zweckmässiger Vorgang war, im Kräftespiel des seelischen Lebens sich einer Function bemächtigt haben würde. Wir sehen, welches diese Function ist. Er hat die Aufgabe übernommen, die frei gelassene Erregung des Ubw wieder unter die Herrschaft des Vorbewussten zu bringen; er führt dabei die Erregung des Ubw ab, dient ihm als Ventil und sichert gleichzeitig gegen einen geringen Aufwand an Wachthätigkeit den Schlaf des Vorbewussten. So stellt er sich als ein Compromiss, ganz wie die anderen psychischen Bildungen seiner Reihe, gleichzeitig in den Dienst der beiden Systeme, indem er beider Wünsche, insoweit sie mit einander verträglich sind, erfüllt. Ein Blick auf die Seite 55 mitgetheilte Robert’sche „Ausscheidungstheorie“ wird zeigen, dass wir diesem Autor in der Hauptsache, in der Bestimmung der Function des Traumes, Recht geben müssen, während wir in den Voraussetzungen und in der Würdigung des Traumvorganges von ihm abweichen.

Die Einschränkung, insofern beide Wünsche mit einander verträglich sind, enthält einen Hinweis auf die möglichen Fülle, in denen die Function des Traumes zum Scheitern gelangt. Der Traumvorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewussten zugelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewussten so intensiv rüttelt, dass dies seine Ruhe nicht mehr bewahren kann, so hat der Traum das Compromiss gebrochen, das andere Stück seiner Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen und durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier nicht die Schuld des Traumes, wenn er, sonst der Hüter des Schlafes, als Störer desselben auftreten muss, und braucht uns gegen seine Zweckmässigkeit nicht einzunehmen. Es ist dies nicht der einzige Fall im Organismus, dass eine sonst zweckmässige Einrichtung unzweckmässig und störend wird, sobald an den Bedingungen ihres Entstehens etwas geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens dem neuen Zweck, die Veränderung anzuzeigen und die Regulirungsmittel des Organismus wider sie wach zu rufen. Ich habe natürlich den Fall des Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine Recht zu geben, dass ich diesem Zeugen gegen die Theorie der Wunscherfüllung ausweiche, wo immer ich auf ihn stosse, will ich der Erklärung des Angsttraumes wenigstens mit Andeutungen näher treten.

Dass ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum doch eine Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu erklären, dass der Wunsch dem einen System, dem Ubw, angehört, während das System des Vbw diesen Wunsch verworfen und unterdrückt hat. Die Unterwerfung des Ubw durch das Vbw ist auch bei völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; das Mass dieser Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen Normalität. Neurotische Symptome zeigen uns an, dass sich die beiden Systeme im Conflict mit einander befinden; sie sind die Compromissergebnisse dieses Confliets, die ihm ein vorläufiges Ende setzen. Sie gestatten einerseits dem Ubw einen Ausweg für den Abfluss seiner Erregung, dienen ihm als Ausfallsthor, und geben doch andererseits dem Vbw die Möglichkeit, das Ubw einigermassen zu beherrschen. Lehrreich ist es z. B. die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig allein über die Strasse zu gehen, was wir mit Recht als „Symptom“ anführen. Man hebe nun dieses Symptom auf, indem man ihm zu dieser Handlung nöthigt, für die er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann ein Angstanfall, wie auch oft ein Angstanfall auf der Strasse die Veranlassung für die Herstellung der Platzangst geworden ist. Wir erfahren so, dass das Symptom constituirt worden ist, um den Ausbruch der Angst zu verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine Grenzfestung vorgelegt.

Unsere Erörterung lässt sich nicht weiter führen, wenn wir nicht auf die Rolle der Affecte bei diesen Vorgängen eingehen, was aber hier nur unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz auf, dass die Unterdrückung des Ubw vor Allem darum nothwendig wird, weil der sich selbst überlassene Vorstellungsablauf im Ubw einen Affect entwickeln würde, der ursprünglich den Charakter der Lust hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrängung den Charakter der Unlust trägt. Die Unterdrückung hat den Zweck, aber auch den Erfolg, diese Unlustentwickelung zu verhüten. Die Unterdrückung erstreckt sich auf den Vorstellungsinhalt des Ubw, weil vom Vorstellungsinhalt her die Entbindung der Unlust erfolgen könnte. Eine ganz bestimmte Annahme über die Natur der Affectentwickelung ist hier zu Grunde gelegt. Dieselbe wird als eine motorische oder sekretorische Leistung angesehen, zu welcher der Innervationsschlüssel in den Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch die Beherrschung von Seiten des Vbw werden diese Vorstellungen gleichsam gedrosselt, an der Aussendung der Affect entwickelnden Impulse gehemmt. Die Gefahr, wenn die Besetzung von Seiten des Vbw aufhört, besteht also darin, dass die unbewussten Erregungen solchen Affect entbinden, der — in Folge der früher stattgehabten Verdrängung — nur als Unlust, als Angst verspürt werden kann.

Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvorganges entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisirung liegen darin, dass Verdrängungen stattgefunden haben, und dass die unterdrückten Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen also ganz ausserhalb des psychologischen Rahmens der Traumbildung. Wäre es nicht, dass unser Thema durch dies eine Moment, die Befreiung des Ubw während des Schlafes, mit dem Thema der Angstentwickelung zusammenhinge, so könnte ich auf die Besprechung des Angsttraumes verzichten und mir alle ihm anhängenden Dunkelheiten hier ersparen.

Die Lehre vom Angsttraum gehört, wie ich schon wiederholt ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Wir haben weiter nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre Berührungsstelle mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt haben. Ich kann nur noch eines thun. Da ich behauptet babe, dass die neurotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich Angstträume der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material in deren Traumgedanken nachzuweisen.

Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele, die mir neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge Angstträume von jugendlichen Personen.

Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum mehr gehabt. Aus meinem siebenten oder achten Jahre erinnere ich mich an einen solchen, den ich etwa 30 Jahre später der Deutung unterworfen habe. Er war sehr lebhaft, und zeigte mir die geliebte Mutter mit eigenthümlich ruhigem, schlafendem Gesichtsausdruck, die von zwei (oder drei) Personen mit Vogelschnäbeln in’s Zimmer getragen und auf's Bett gelegt wird. Ich erwachte weinend und schreiend und störte den Schlaf der Eltern. Die — eigenthümlich drapirten — überlangen Gestalten mit Vogelschnäbeln hatte ich den Illustrationen der Philippson’schen Bibel entnommen; ich glaube, es waren Götter mit Sperberköpfen von einem ägyptischen Grabrelief Sonst aber liefert mir die Analyse die Erinnerung an einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns Kindern auf der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte; und ich möchte sagen, der hiess Philipp. Es ist mir dann, als hätte ich von dem Knaben zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den sexuellen Verkehr bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein lateinisches, durch „coitiren” ersetzt wird, das aber durch die Auswahl der Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muss die sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des welterfährenen Lehrmeisters errathen haben. Der Gesichtsausdruck der Mutter im Traume war vom Angesicht des Grossvaters copirt, den ich einige Tage vor seinem Tode im Coma schnarchend gesehen hatte. Die Deutung der secundären Bearbeitung im Traume muss also gelautet haben, dass die Mutter stirbt, auch das Grabrelief stimmt dazu. In dieser Angst erwachte ich und liess nicht ab, bis ich die Eltern geweckt hatte. Ich erinnere mich, dass ich mich plötzlich beruhigte, als ich die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung bedurft hätte: sie ist also nicht gestorben. Diese secundäre Deutung des Traumes ist aber schon unter dem Einfluss der entwickelten Angst geschehen. Nicht dass ich ängstlich war, weil ich geträumt hatte, dass die Mutter stirbt; sondern ich deutete den Traum in der vorbewussten Bearbeitung so, weil ich schon unter der Herrschaft der Angst stand. Die Angst aber lässt sich mittelst der Verdrängung zurückführen auf ein dunkles, offenkundig sexuelles Gelüste, das in dem visuellen Inhalt des Traumes seinen guten Ausdruck gefunden hatte.

Ein 27jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist, hat zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst geträumt, dass ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt; er möchte laufen, ist aber wie gelähmt und kommt nicht von der Stelle. Das ist wohl ein gutes Muster eines sehr gemeinen und sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse geräth der Träumer zuerst auf eine, der Zeit nach spätere, Erzählung seines Onkels, dass er auf der Strasse von einem verdächtigen Individuum nächtlich angefallen wurde, und schliesst selbst aus diesem Einfall, dass er zur Zeit des Traumes von einem ähnlichen Erlebnis gehört haben kann. Zur Hacke erinnert er, dass er sich in jener ebenszeit einmal beim Holzverkleinern mit der Hacke an der Hand verletzt. Er geräth dann unvermittelt auf sein Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder, den er zu misshandeln und hinzuwerfen pflegte, erinnert sich speciell eines Male, wo er ihn mit dem Stiefel an den Kopf traf, so dass er blutete und die Mutter dann äusserte: Ich habe Angst, er wird ihn noch einmal umbringen. Während er so beim Thema der Gewaltthat festgehalten scheint, taucht ihm plötzlich eine Erinnerung aus dem neunten Lebensjahr auf. Die Eltern waren spät nach Hause gekommen, gingen, während er sich schlafend stellte, zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen und andere Geräusche, die ihm unheimlich vorkamen, konnte auch die Lage der Beiden im Bette errathen. Seine weiteren Gedanken zeigen, dass er zwischen dieser Beziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder eine Analogie hergestellt hatte. Er subsummirte, was bei den Eltern vorfiel, unter den Begriff: Gewaltthat und Rauferei. Ein Beweis für diese Auffassung war ihm, dass er oft Blut im Bette der Mutter bemerkt hatte.

Dass der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn bemerken, unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist, möchte ich sagen, Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe für diese Angst die Erklärung gegeben, dass es sich um eine sexuelle Erregung handelt, die von ihrem Verständnis nicht bewältigt wird, auch wohl darum auf Ablehnung stösst, weil die Eltern in sie verflochten sind, und die darum sich in Angst verwandelt. In einer noch früheren Lebensperiode stösst die sexuelle Regung für den gegengeschlechtlichen Theil des Elternpaares noch nicht auf Verdrängung und äussert sich frei, wie wir gehört haben (Seite 178).

Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit Hallucinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unverstandene und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Aufzeichnung sich auch wahrscheinlich eine zeitliche Periodieität herausstellen würde, da eine Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl durch zufällige erregende Eindrücke, als auch durch die spontanen, sehubweise eintreffenden, Entwickelungsvorgänge erzeugt werden kann.

Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um diese Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es dagegen an dem Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständnis der ganzen Reihe von Phänomenen, sowohl nach der somatischen als auch nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Beispiel, wie nahe man, durch die Scheuklappen der medicinischen Mythologie geblendet, am Verständnis solcher Fälle vorbeigehen kann, möchte ich einen Fall anführen, den ich in der These über den Pavor noeturnus von Debacker17) 1881 (p. 66) gefunden habe.

Ein 13jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann ängstlich und verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit Hallucinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume war immer sehr deutlich. Er konnte also erzählen, dass der Teufel ihn angeschrieen habe: Jetzt haben wir dich, jetzt haben wir dich, und dann roch es nach Pech und Schwefel, und das Feuer verbrannte seine Haut. Aus diesem Traum schreckte er dann auf, konnte zuerst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man ihn deutlich sagen hörte: „Nein, nein, nicht mich, ich hab’ ja nichts gethan,“ oder auch: „Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr thun“. Einige Male sagte er auch: „Albert hat das nicht gethan.“ Er vermied es später sich auszukleiden, „weil das Feuer ihn nur ergreife, wenn er ausgekleidet sei“. Mitten aus diesen Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Gefahr brachten, wurde er auf’s Land geschickt, erholte sich dort im Verlaufe von 11/2 Jahren und gestand dann einmal 15 Jahre alt: „Je n’osais pas l’avouer, mais j’éprouvais continuellement des pieotements et des surexeitations aux parties7); à la fin, cela m’énervait tant que plusieurs fois, j’ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir“.

Es ist wahrlich nicht schwer zu errathen, 1) dass der Knabe in früheren Jahren masturbirt, es wahrscheinlich geleugnet hatte und mit schweren Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein Geständnis: Je ne le ferai plus; sein Leugnen: Albert n’a jamais fait ça); 2) dass unter dem Andrang der Pubertät die Versuchung zu masturbiren in dem Kitzel an den Genitalien wieder erwachte; dass aber jetzt 3) ein Verdrängungskampf in ihm losbrach, der die Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte, welche Angst nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.

Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69) „Es geht aus dieser Beobachtung hervor, dass 1) der Einfluss der Pubertät bei einem Knaben von geschwächter Gesundheit einen Zustand von grosser Schwäche herbeiführen, und dass es dabei zu einer sehr erheblichen Gehirnanämie8) kommen kann.

2) Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung, dämonomanische Hallucinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht auch tägliche Angstzustände.

3) Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben eben auf die Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als Kind auf ihn gewirkt hatten.

4) Alle Erscheinungen sind in Folge eines längeren Landaufenthaltes durch körperliche Uebung und Wiederkehr der Kräfte nach abgelaufener Pubertät verschwunden.

5) Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis des Vaters einen prädisponirenden Einfluss auf die Entstehung des Gehirnzustandes beim Kinde zuschreiben.

Das Schlusswort: „Nous avons fait entrer cette observation dans le cadre des delires apyrétiques d’inanition, car c’est à l’ischémie cérébrale que nous rattachons cet état particulier.“

e) Der Primär- und der Seeundärvorgang. Die Verdrängung.

Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der Traumvorgänge einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe unternommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum gewachsen ist. Die Gleichzeitigkeit eines so complicirten Zusammenhanges durch ein Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und dabei bei jeder Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will meinen Kräften zu schwer werden. Es rächt sich nun an mir, dass ich bei der Darstellung der Traumpsychologie nicht der historischen Entwickelung meiner Einsichten folgen kann. Mir waren die Gesichtspunkte für die Auffassung des Traumes durch vorhergegangene Arbeiten über die Psychologie der Neurosen gegeben, auf die ich mich hier nicht beziehen soll und doch immer wieder beziehen muss, während ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom Traume aus den Anschluss an die Psychologie der Neurosen erreichen möchte. Ich kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser ergeben; aber ich weiss kein Mittel, sie zu vermeiden.

Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gerne bei einem anderen Gesichtspunkte, der mir den Werth meiner Bemühung zu heben scheint. Ich fand ein Thema vor, das von den schärfsten Widersprüchen in den Meinungen der Autoren beherrscht war, wie die Einführung des ersten Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer Bearbeitung der Traumprobleme ist für die meisten dieser Widersprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien der geäusserten Ansichten, dass der Traum ein sinnloser und ein somatischer Vorgang sei, mussten wir selbst entschieden widersprechen; sonst aber haben wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend einer Stelle des verwiekelten Zusammenhanges Recht geben und nachweisen können, dass sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Dass der Traum die Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt, hat sich durch die Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken ganz allgemein bestätigt. Diese beschäftigen sich nur mit dem, was uns wichtig scheint und uns mächtig interessirt. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch das Gegentheil haben wir gelten lassen, dass der Traum die gleichgiltigen Abfälle des Tages aufklaubt und sich eines grossen Tagesinteresses nicht eher bemächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit einigermassen entzogen hat. Wir fanden dies giltig für den Trauminhalt, der den Traumgedanken einen durch Entstellung veränderten Ausdruck gibt. Der Traumvorgang, sagten wir, bemächtigt sich aus Gründen der Associationsmechanik leichter des frischen oder des gleichgiltigen Vorstellungsmateriales, welches von der wachen Denkthätigkeit noch nicht mit Beschlag belegt ist, und aus Gründen der Censur übertragt er die psychische Intensität von dem Bedeutsamen, aber auch Anstössigen, auf das Indifferente. Die Hypermnesie des Traumes und die Verfügung über das Kindheitsmaterial sind zu Grundpfeilern unserer Lehre geworden; in unserer Traumtheorie haben wir dem aus dem Infantilen stammenden Wunsch die Rolle des unenthehrlichen Motors für die Traumbildung zugeschrieben. An der experimentell nachgewiesenen Bedeutung der äusseren Sinnesreize während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich nicht einfallen, aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältnis zum Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Gedankenreste. Dass der Traum den objectiven Sinnesreiz nach Art einer Illusion deutet, brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wir haben das von den Autoren unbestimmt gelassene Motiv für diese Deutung hinzugefügt. Die Deutung erfolgt so, dass das wahrgenommene Object für die Schlafstörung unschädlich und für die Wunscherfüllung verwendbar wird. Den subjectiven Erregungszustand der Sinnesorgane während des Schlafes, der durch Trumbull Ladd46) nachgewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als besondere Traumquelle gelten, aber wir wissen ihn durch regrediente Belebung der hinter dem Traum wirkenden Erinnerungen zu erklären. Auch den inneren organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkt der Traumerklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine, wenngleich bescheidenere, Rolle verblieben. Sie stellen uns — die Sensationen des Fallens, Schwebens, Gehemmtseins — ein allezeit bereites Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der Traumgedanken so oft es Noth thut, bedient.

Dass der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint uns richtig für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes durch das Bewusstsein; für die vorhergehenden Stücke des Traumvorganges haben wir einen langsamen, wogenden Ablauf wahrscheinlich gefunden. Zum Räthsel des überreichen, in den kürzesten Moment zusammengedrängten Trauminhaltes konnten wir den Beitrag liefern, dass es sich dabei um das Aufgreifen bereits fertiger Gebilde des psychischen Lebens handle. Dass der Traum von der Erinnerung entstellt und verstümmelt wird, fanden wir richtig, aber nicht hinderlich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer von Anfang der Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem erbitterten und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das Seelenleben Nachts schlafe oder über all seine Leistungsfühigkeit wie bei Tage verfüge, haben wir beiden Theilen Recht und doch keinem ganz Recht geben können. In den Traumgedanken fanden wir die Beweise einer höchst complicirten, mit fast allen Mitteln des seelischen Apparates arbeitenden, intellectuellen Leistung; doch ist es nicht abzuweisen, dass diese Traumgedanken hei Tage entstanden sind, und es ist unentbehrlich anzunehmen, dass es einen Schlafzustand des Seelenlebens gibt. So kam selbst die Lehre vom partiellen Schlaf zur Geltung; aber nicht in dem Zerfall der seelischen Zusammenhänge haben wir die Charakteristik des Schlafzustandes gefunden, sondern in der Einstellung des den Tag beherrschenden psychischen Systems auf den Wunsch zu schlafen. Die Ablenkung von der Aussenwelt bewahrte auch für unsere Auffassung ihre Bedeutung; sie hilft, wenn auch nicht als einziges Moment, die Regression der Traumdarstellung ermöglichen. Der Verzicht auf die willkurliche Lenkung des Vorstellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische Leben wird darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, dass nach dem Aufgeben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft geangen. Die lockere Associationsverknüpfung im Traume haben wir nicht nur anerkannt, sondern ihrer Herrschaft einen weit grösseren Umfang zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber gefunden, dass sie nur der erzwungene Ersatz für eine andere, correcte und sinnvolle ist. Gewiss nannten auch wir den Traum absurd; aber Beispiele konnten uns lehren, wie klug der Traum ist, wenn er sich absurd stellt. Von den Functionen, die dem Traume zuerkannt worden sind, trennt uns kein Widerspruch. Dass der Traum die Seele wie ein Ventil entlaste. und dass nach Robert’s Ausdruck allerlei Schädliches durch das Vorstellen im Traume unschädlich gemacht wird, trifft nicht nur genau mit unserer Lebre von der zweifachen Wunscherfüllung durch den Traum zusammen, sondern wird für uns sogar nach seinem Wortlaut verständlicher als bei Robert. Das freie sich Ergehen der Seele im Spiele ihrer Fähigkeiten findet sich bei uns wieder in dem Gewährenlassen des Traumes durch die vorbewusste Thätigkeit. Die „Rückkehr auf den embryonalen Standpunkt des Seelenlebens im Traume“ und die Bemerkung von Havelock Ellis23), „an archaic world of vast emotions and imperfect thoughts“ erscheinen und als glückliche Vorwegnahmen unserer Ausführungen, die primitive, bei Tage unterdrückte Arbeitsweisen an der Traumbildung betheiligt sein lassen; und wie bei Delage15) wird bei uns das „Unterdrückte“ zur Triebfeder des Träumens.

Die Rolle, welche Scherner der Traumphantasie zuschreibt, und die Deutungen Scherner’s selbst, haben wir in vollem Umfange anerkannt, aber ihnen gleichsam eine andere Localität im Problem anweisen müssen. Niehbt der Traum bildet die Phantasie, sondern an der Bildung der Traumgedanken hat die unbewusste Phantasiethätigkeit den grössten Antheil. Wir bleiben Scherner für den Hinweis auf die Quelle der Traumgedanken verpflichtet; aber fast alles, was er der Traumarbeit zuschreibt, ist der Thätigkeit des bei Tage regsamen Unbewussten zuzurechnen, welche die Anregungen für die Träume nicht minder ergibt als die für die neurotischen Symptome. Die Traumarbeit mussten wir von dieser Thätigkeit als etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Gebundenes absondern. Endlich haben wir die Beziehung des Traumes zu den Seelenstürungen keineswegs aufgegeben, sondern sie auf neuem Boden fester begründet.

Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere Einheit zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten und widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude eingefügt, manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich verworfen. Aber auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den vielen Unklarheiten abgesehen, die wir durch unser Vordringen in das Dunkel der Psychologie auf uns gezogen haben, scheint auch noch ein neuer Widerspruch uns zu bedrücken. Wir haben einerseits die Traumgedanken durch völlig normale geistige Arbeit entstehen lassen, andererseits aber eine Reihe von ganz abnormen Denkvorgängen unter den Traumgedanken, und von ihnen aus zum Trauminhalt aufgefunden, welche wir dann bei der Traumdeutung wiederholen. Alles, was wir die „Traumarbeit“ geheissen haben, scheint sich von den uns als correct bekannten psychischen Vorgängen so weit zu entfernen, dass die härtesten Urtheile der Autoren über die niedrige psychische Leistung des Träumens uns wohl angebracht dünken müssen.

Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Constellationen herausgreifen, die zur Traumbildung führen:

Wir haben erfahren, dass der Traum eine Anzahl von Gedanken ersetzt, die aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch gefügt sind. Wir können darum nicht bezweifeln, dass diese Gedanken unserem normalen Geistesleben entstammen. Alle Eigenschaften, welche wir an unseren Gedankengängen hochschätzen, durch welche sie sich als complicirte Leistungen hoher Ordnung kennzeichnen, finden wir an den Traumgedanken wieder. Es besteht aber keine Nöthigung anzunehmen, dass diese Gedankenarbeit während des Schlafes vollzogen wurde, was unsere bisher festgehaltene Vorstellung vom psychischen Schlafzustand arg beirren würde. Diese Gedanken können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen, sich von ihrem Anstoss an, unserem Bewusstsein unbemerkt, fortgesetzt haben und fanden sich dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir aus dieser Sachlage etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis, dass die complicirtesten Denkleistungen ohne Mitthun des Bewusstseins möglich sind, was wir ohnedies aus jeder Psychoanalyse eines Hysterischen oder einer Person mit Zwangsvorstellungen erfahren mussten. Diese Traumgedanken sind an sich sicherlich nicht bewusstseinsunfähig; wenn sie uns tagsüber nicht bewusst worden sind, so mag dies verschiedene Gründe haben. Das Bewusstwerden hängt mit der Zuwendung einer bestimmten psychischen Function, der Aufmerksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter Quantität aufgewendet wird, welche von dem betreffenden Gedankengang durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine andere Art, wie solche Gedankengänge dem Bewusstsein vorenthalten werden können, ist folgende: Von unserem bewussten Nachdenken her wissen wir, dass wir bei Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg verfolgen. Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche der Kritik nicht Stand halt, so brechen wir ab; wir lassen die Aufmerksamkeitsbesetzung fallen. Es scheint nun, dass der begonnene und verlassene Gedankengang sich dann fortspinnen kann, ohne dass sich ihm die Aufmerksamkeit wieder zuwendet, wenn er nicht an einer Stelle eine besonders hohe Intensität erreicht, welche die Aufmerksamkeit erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit Bewusstsein erfolgte Verwerfung durch das Urtheil, als unrichtig oder als unbrauchbar für den actuellen Zweck des Denkactes, kann also die Ursache sein, dass ein Denkvorgang vom. Bewusstsein unbemerkt sich bis zum Einschlafen fortsetzt.

Resumiren wir, dass wir einen solchen Gedankengang einen vorbewussten heissen, ihn für völlig correct halten, und dass er ebensowohl ein blos vernachlässigter, wie ein abgebrochener, unterdrückter sein kann. Sagen wir auch frei heraus, in welcher Weise wir uns den Vorstellungsablauf veranschaulichen. Wir glauben, dass von einer Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgrösse, die wir „Besetzungsenergie“ heissen, längs der durch diese Zielvorstellung ausgewählten Associationswege verschoben wird. Ein „vernachlässigter“ Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; von einem „unterdrückten“ oder „verworfenen“ ist sie wieder zurückgezogen worden; beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Der zielbesetzte Gedankengang wird unter gewissen Bedingungen fähig, die Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu ziehen, und erhält dann durch dessen Vermittlung eine „Ueberbesetzung“. Unsere Annahmen über die Natur und Leistung des Bewusstseins werden wir ein wenig später klarlegen müssen.

Ein so im Vorbewussten angeregter Gedankengang kann spontan erlöschen oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir uns so vor, dass seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Associationsrichtungen diffundirt, die ganze Gedankenkette in einen erregten Zustand versetzt, der für eine Weile anhält, dann aber abklingt, indem die abfuhrbedürftige Erregung sich in ruhende Besetzung umwandelt. Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgang weiter keine Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber in unserem Vorbewussten andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer unbewussten und immer regen Wünsche stammen. Diese können sich der Erregung in dem sich selbst überlassenen Gedankenkreise bemächtigen, stellen die Verbindung zwischen ihm und dem unbewussten Wunsche her, übertragen ihm die dem unbewussten Wunsch eigene Energie, und von jetzt an ist der vernachlässigte oder unterdrückte Gedankengang im Stande, sich zu erhalten, obwohl er durch diese Verstärkung keinen Anspruch auf den Zugang zum Bewusstsein erhält. Wir können sagen, der bisher vorbewusste Gedankengang ist in’s Unbewusste gezogen worden.

Andere Constellationen zur Traumbildung wären, dass der vorbewusste Gedankengang von vorne herein in Verbindung mit dem unbewussten Wunsche stand, und darum auf Abweisung von Seiten der herrschenden Zielbesetzung stiess, oder dass ein unbewusster Wunsch aus anderen (etwa somatischen) Gründen rege geworden ist, und ohne Entgegenkommen eine Uebertragung auf die vom Vbw nicht besetzten psychischen Reste sucht. Alle drei Fälle treffen endlich in einem Ergebnis zusammen, dass ein Gedankenzug im Vorbewussten zu Stande kommt, der von der vorbewussten Besetzung verlassen, vom unbewussten Wunsch her Besetzung gefunden hat.

Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Umwandlungen, die wir nicht mehr als normale psychische Vorgänge anerkennen, und die ein uns befremdendes Resultat, eine psychopathologische Bildung, ergeben. Wir wollen dieselben herausheben und zusammenstellen:

1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach ihrem ganzen Betrage abflussfühig und übergehen von einer Vorstellung auf die andere, so dass einzelne mit grosser Intensität versehene Vorstellungen gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals wiederholt, kann die Intensität eines ganzen Gedankenzuges schliesslich in einem einzigen Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist die Thatsache der Compression oder Verdichtung, die wir während der Traumarbeit kennen gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld an dem befremdenden Eindruck des Traumes, denn etwas ihr analoges ist uns aus dem normalen und dem Bewusstsein zugänglichen Seelenleben ganz unbekannt. Wir haben auch hier Vorstellungen, die als Knotenpunkte, oder als Endergebnisse ganzer Gedankenketten eine grosse psychische Bedeutung besitzen, aber diese Werthigkeit äussert sich in keinem für die innere Wahrnehmung sinnfälligen Charakter; das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner Weise intensiver. Im Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische Zusammenhang in die Intensität des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der nämliche Fall, wie wenn ich in einem Buch ein Wort, dem ich einen überragenden Werth für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett drucken lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam sprechen und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt unmittelbar zu einem der Traumarbeit entlehnten Beispiele (Trimethylamin im Traum von Irma’s Injection). Die Kunsthistoriker machen uns darauf aufmerksam, dass die ältesten historischen Sculpturen ein ähnliches Princip befolgen, indem sie die Ranggrüsse der dargestellten Personen durch die Bildgrösse zum Ausdruck bringen. Der König wird zwei- oder dreimal so gross gebildet als sein Gefolge oder der überwundene Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu demselben Zweck feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des Imperators in die Mitte stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, besondere Sorgfalt auf die Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die Feinde zu seinen Füssen legen, ihn aber nicht mehr als Riesen unter Zwergen erscheinen lassen. Indess ist die Verbeugung des Untergebenen vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte noch heute ein Nachklang jenes alten Darstellungsprincips.

Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes fortschreiten, ist einerseits durch die correcten vorbewussten Relationen der Traumgedanken, andererseits durch die Anziehung der visuellen Erinnerungen im Unbewussten vorgeschrieben. Der Erfolg der Verdichtungsarbeit erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruch gegen die Wahrnehmungssysteme erfordert werden.

2. Es werden wiederum durch freie Uebertragbarkeit der Intensitäten und im Dienste der Verdiehtung Mittelvorstellungen gebildet, Compromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleichfalls etwas Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor allem auf die Auswahl und Festhaltung des „richtigen“ Vorstellungselementes ankommt. Dagegen ereignen sich Misch- wie Compromissbildungen ausserordentlich häufig, wenn wir für die vorbewussten Gedanken den sprachlichen Ausdruck suchen, und werden als Arten des „Versprechens“ angeführt.

3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen, stehen in den lockersten Beziehungen zu einander und sind durch solche Arten von Associationen verknüpft, welche von unserem Denken verschmäht und nur dem witzigen Effect zur Ausnützung überlassen werden. Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlautassociationen als den anderen gleichwerthig.

4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht darnach, einander aufzuheben, sondern bestehen neben einander, setzen sich oft, als ob kein Widerspruch bestünde, zu Verdichtungsproducten zusammen, oder bilden Compromisse, die wir unserem Denken nie verzeihen würden, in unserem Handeln aber oft gutheissen.

Dies wiren einige der auffülligsten abnormen Vorgänge, denen im Laufe der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traumgedanken unterzogen werden. Man erkennt als den Hauptcharakter derselben, dass aller Werth darauf gelegt wird, die besetzende Energie beweglich und abfuhrfähig zu machen; der Inhalt und die eigene Bedeutung der psychischen Elemente, an denen diese Besetzungen haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch meinen, die Verdichtung und Compromissbildung geschehe nur im Dienste der Regression, wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu verwandeln. Allein die Analyse — und noch deutlicher — die Synthese solcher Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B. des Traumes „Autodidasker — Gespräch mit Professor N.“ ergeben die nämlichen Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die anderen.

So können wir uns also der Einsicht nicht verschliessen, dass an der Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vorgänge betheiligt sind; der eine schafft vollkommen correcte, dem normalen Denken gleichwerthige Traumgedanken; der andere verfährt mit denselben auf eine höchst befremdende, incorrecte Weise. Den letzteren haben wir schon im Abschnitt VI als die eigentliche Traumarbeit abgesondert. Was haben wir nun zur Ableitung dieses letzteren psychischen Vorgangs vorzubringen?

Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht ein Stück weit in die Psychologie der Neurosen, speciell der Hysterie, eingedrungen wären. Aus dieser aber erfahren wir, dass die nämlichen incorrecten psychischen Vorgänge — und noch andere nicht aufgezählte — die Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen. Auch bei der Hysterie finden wir zunächst eine Reihe von völlig correcten, unseren bewussten ganz gleichwerthigen Gedanken, von deren Existenz in dieser Form wir aber nichts erfahren können, die wir erst nachträglich reconstruiren. Wenn sie irgendwo zu unserer Wahrnehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir aus der Analyse des gebildeten Symptoms, dass diese normalen Gedanken eine abnorme Behandlung erlitten haben und mittelst Verdichtung, Compro- missbildung, über oberflächliche Associationen, unter Deckung der Widersprüche, eventuell auf dem Wege der Regression in das Symptom übergeführt wurden. Bei der vollen Identität zwischen den Eigenthümlichkeiten der Traumarbeit und der psychischen Thätigkeit, welehe in die psychoneurotischen Symptome ausläuft, werden wir uns für berechtigt halten, die Schlüsse, zu denen uns die Hysterie nöthigt, auf den Traum zu übertragen.

Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, dass solche abnorme psychische Bearbeitung eines normalen Gedankenzuges nur dann vorkommt, wenn dieser zur Uebertragung eines unbewussten Wunsches geworden ist, der aus dem Infantilen stammt und sich in der Verdrängung befindet. Diesem Satz zu Liebe haben wir die Theorie des Traumes auf die Aufnahme gebaut, dass der treibende Traumwunsch allemale aus dem Unbewussten stammt, was, wie wir selbst zugestanden, sich nicht allgemein nachweisen, wenn auch nicht zurückweisen, lässt. Um aber sagen zu können, was die „Verdrängung“ ist, mit deren Namen wir schon so oft gespielt haben, müssen wir ein Stück an unserem psychologischen Gerüste weiter bauen.

Wir hatten uns in die Fiction eines primitiven psychischen Apparates vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird, Anhäufung von Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungslos zu erhalten. Er war darum nach dem Schema eines Reflexapparates gebaut; die Motilität, zunächst der Weg zur inneren Veränderung des Körpers, war die ihm zu Gebote stehende Abfuhrbahn. Wir erörterten dann die psychischen Folgen eines Befriedigungserlebnisses und hätten dabei schon die zweite Annahme einfügen können, dass Anhäufung der Erregung — nach gewissen uns nicht bekümmernden Modalitäten — als Unlust empfunden wird und den Apparat in Thätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem dis Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen. Eine solche, von der Unlust ausgehende, auf die Lust zielende, Strömung im Apparat heissen wir einen Wunsch; wir haben gesagt, nichts anderes als ein Wunsch sei im Stande, den Apparat in Bewegung zu bringen, und der Ablauf der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmungen von Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein hallucinatorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein. Diese Hallucination erwies sich aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des Bedürfnisses, also die mit der Befriedigung verbundene Lust, herbeizuführen.

Es wurde so eine zweite Thätigkeit — in unserer Ausdrucksweise die Thätigkeit eines zweiten Systems — nothwendig, welche nicht gestattete, dass die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung vordringe und von dort aus die psychischen Kräfte binde, sondern die vom Bedürfnisreiz ausgehende Erregung auf einen Umweg leite, der endlich über die willkürliche Motilitit die Aussenwelt so verändert, dass die reale Wahrnehmung des Befriedigungsobjectes eintreten kann. So weit haben wir das Schema des psychischen Apparates bereits verfolgt; die beiden Systeme sind der Keim zu dem, was wir als Ubw und Vbw in den voll ausgebildeten Apparat einsetzen.

Um die Aussenwelt zweckmässig durch die Motilität verändern zu können, bedarf es der Anhäufung einer grossen Summe von Erfahrungen in den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixirung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in diesem Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. Wir gehen nun in unseren Annahmen weiter. Die vielfach tastende, Besetzungen aussendende und wieder einziehende Thätigkeit des zweiten Systems bedarf einerseits der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial; andererseits wäre es überflüssiger Aufwand, wenn sie grosse Besetzungsquantitäten auf die einzelnen Denkwege schickte, die dann unzweckmässig abströmen und die für die Veränderung der Aussenwelt nothwendige Quantität verringern würden. Der Zweckmässigkeit zu Liebe postulire ich also, dass es dem zweiten System gelingt, die Energiebesetzungen zum grösseren Antheil in Ruhe zu erhalten, und nur einen kleineren Theil zur Verschiebung zu verwenden. Die Mechanik dieser Vorgänge ist mir ganz unbekannt; wer mit diesen Vorstellungen Ernst machen wollte, müsste die physikalischen Analogien heraussuchen und sich einen Weg zur Veranschaulichung des Bewegungsvorganges bei der Neuronerregung bahnen. Ich halte nur an der Vorstellung fest, dass die Thätigkeit des ersten ψ-Systems auf freies Abströmen der Erregungsquantitäten gerichtet ist, und dass das zweite System durch die von ihm ausgehenden Besetzungen eine Hemmung dieses Abströmens, eine Verwandlung in ruhende Besetzung, wohl unter Niveauerhöhung, herbeiführt. Ich nehme also an, dass der Ablauf der Erregung unter der Herrschaft des zweiten Systems an ganz andere mechanische Verhältnisse geknüpft wird, als unter der Herrschaft des ersten. Hat das zweite System seine probende Denkarbeit beendigt, so hebt es auch die Hemmung und Stauung der Erregungen auf und lässt dieselben zur Motilität abfliessen.

Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man die Beziehungen dieser Abflusshemmung durch das zweite System zur Regulirung durch das Unlustprineip in’s Auge fasst. Suchen wir uns das Gegenstück zum primären Befriedigungserlebnis auf, das äussere Schreckerlebnis. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primitiven Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es werden dann so lange ungeordnete motorische Aeusserungen erfolgen, bis eine derselben den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig dem Schmerz entzieht, und diese wird bei Wiederauftreten der Wahrnehmung sofort wiederholt werden (etwa als Fluchtbewegung), bis die Wahrnehmung wieder versöhwunden ist. Es wird aber hier keine Neigung übrig bleiben, die Wahrnehmung der Schmerzquelle hallucinatorisch oder anderswie wieder zu besetzen. Vielmehr wird im primären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche Erinnerungsbild sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu verlassen, weil ja das Ueberfliessen seiner Erregung auf die Wahrnehmung Unlust hervorrufen wiirde (genauer: hervorzurufen beginnt). Die Abwendung von der Erinnerung, die nur eine Wiederholung der einstigen Flucht vor der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch erleichtert, dass die Erinnerung nicht wie die Wahrnehmung genug Qualität besitzt, um das Bewusstsein zu erregen und hiedurch neue Besetzung an sich zu ziehen. Diese mühelos und regelmässig erfolgende Abwendung des psychischen Vorganges von der Erinnerung des einst Peinlichen, gibt uns das Vorbild und das erste Beispiel der psychischen Verdrängung. Es ist allgemein bekamnt, wie viel von dieser Abwendung vom Peinlichen, von der Taktik des Vogels Strauss, noch im normalen Seelenleben des Erwachsenen nachweisbar geblieben ist.

Zufolge des Unlustprincipes ist das erste ψ-System also überhaupt unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu ziehen. Das System kann nichts anderes, als wünschen. Bliebe es so, so wäre die Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches die Verfügung über alle in der Erfahrung niedergelegten Erinnerungen braucht. Es eröffnen sich nun zwei Wege; entweder macht sich die Arbeit des zweiten Systems vom Unlustprincip völlig frei, setzt ihren Weg fort, ohne sich um die Erinnerungsunlust zu kümmern; oder sie versteht es, die Unlusterinnerung in solcher Weise zu besetzen, dass die Unlustentbindung dabei vermieden wird. Wir können die erste Möglichkeit zurückweisen, denn das Unlustprincip zeigt sich auch als Regulator für den Erregungsablauf des zweiten Systems; somit werden wir auf die zweite gewiesen, dass dies System eine Erinnerung so besetzt, dass der Abfluss von ihr gehemmt wird, also auch der einer motorischen Innervation vergleiehbare Abfluss zur Entwickelung der Unlust. Zur Hypothese, dass die Besetzung durch das zweite System gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluss der Erregung darstellt, werden wir also von zwei Ausgangspunkten her geleitet, von der Rücksicht auf das Unlustprincip und von dem Princip des kleinsten Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest, — es ist der Schlüssel zur Verdrängungslehre — dass das zweite System nurdann eine Vorstellung besetzenkann, wenn es im Stande ist, die von ihr ausgehende Unlustentwickelung zu hemmen. Was sich etwa dieser Hemmung entzüge, bliebe auch für das zweite System unzugänglich, würde dem Unlustprincip zufolge alsbald verlassen werden. Die Hemmung der Unlust braucht indess keine vollständige zu sein; ein Beginn derselben muss zugelassen werden, da es dem zweiten System die Natur der Erinnerung und etwa deren mangelnde Eignung für den vom Denken gesuchten Zweck anzeigt.

Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zulässt, werde ich jetzt Primärvorgang nennen; den, der sich unter der Hemmung des zweiten ergibt, Secundärvorgang. Ich kann noch an einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke das zweite System den Primärvorgang corrigiren muss. Der Primärvorgang strebt nach Abfuhr der Erregung, um mit der so gesammelten Erregungsgrösse eine Wahrnehmungsidentität herzustellen; der Secundärvorgang hat diese Absicht verlassen und an ihrer Statt die andere aufgenommen, eine Denkidentität zu erzielen. Das ganze Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung genommenen Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die motorischen Erfahrungen wieder erreicht werden soll. Das Denken muss sich für die Verbindungswege zwischen den Vorstellungen interessiren, ohne sich durch die Intensitäten derselben heirren zu lassen. Es ist aber klar, dass die Verdiehtungen von Vorstellungen, Mittel- und Compromissbildungen in der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich sind; indem sie die eine Vorstellung für die andere setzen, lenken sie vom Wege ah, der von der ersteren weiter geführt hatte. Solche Vorgänge werden also im secundären Denken sorgfältig vermieden. Es ist auch nicht schwer zu übersehen, dass das Unlustprincip dem Denkvorgang, welchem es sonst die wichtigsten Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in der Verfolgung der Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz des Denkens muss also dahin gehen, sich von der äusschliesslichen Regulirung durch das Unlustprineip immer mehr zu befreien und die Affectentwickelung durch die Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch als Signal verwerthbar ist, einzuschränken. Durch eine neuerliche Ueberbesetzung, die das Bewusstsein vermittelt, soll diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen aber, dass diese selbst im normalsten Seelenleben selten vollständig gelingt, und dass unser Denken der Fälschung durch die Einmengung des Unlustprincipes immer zugänglich bleibt.

Aber nicht dies ist die Lücke in der Functionstüchtigkeit unseres seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, dass Gedanken, die sich als Ergebnisse der secundären Denkarbeit darstellen, dem primären psychischen Vorgang verfallen, mit welcher Formel wir jetzt die zum Traume und zu den hysterischen Symptomen führende Arbeit beschreiben können. Der Fall von Unzulänglichkeit ergibt sich durch das Zusammentreffen zweier Momente aus unserer Entwickelungsgeschichte, von denen das eine ganz dem seelischen Apparat anheimfällt, und einen massgebenden Einfluss auf das Verhältnis der beiden Systeme ausgeübt hat, das andere aber im wechselnden Betrage zur Geltung kommt und Triebkräfte organischer Herkunft in’s Seelenleben einführt. Beide stammen aus dem Kinderleben und sind ein Niederschlag der Veränderung, die unser seelischer und somatischer Organismus seit den infantilen Zeiten erfahren hat.

Wenn ieh den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat den primären benannt habe, so that ich dies nicht allein mit Rücksicht auf die Rangordnung und Leistungsfüähigkeit, sondern durfte auch die zeitlichen Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen lassen. Ein psychischer Apparat, der nur den Primärvorgang besisse, existirt zwar unseres Wissens nicht und ist insoferne eine theoretische Fiction; aber soviel ist thatsächlich, dass die Primärvorgänge in ihm von Anfang an Regeben sind, während die secundären erst allmälieb im Laufe des Lebens sich ausbilden, die primären hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft über sie vielleicht erst mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses verspäteten Eintreffens der secundären Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens, aus unbewussten Wunschregungen bestehend, unfassbar und unhemmbar für das Vorbewusste, dessen Rolle ein für allemale daraut beschränkt wird, den aus dem Unbewussten stammenden Wunschregungen die zweckmässigsten Wege anzuweisen. Diese unbewussten Wünsche stellen für alle späteren seelischen Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben, den etwa abzuleiten und auf höher stehende Ziele zu lenken sie sich bemühen dürfen. Ein grosses Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt auch infolge dieser Verspätung der vorbewussten Besetzung unzugänglich.

Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren und unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche, deren Erfüllungen in das Verhältnis des Widerspruches zu den Zielvorstellungen des secandären Denkens getreten sind. Die Erfüllung dieser Wünsche würde nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlustaffect hervorrufen, und eben diese Affectverwandlung macht das Wesen dessen aus, was wir als „Verdrängung“ bezeichnen. Auf welchem Wege, durch welche Triebkräfte eine solche Verwandlung vor sich gehen kann, darin besteht das Problem der Verdrängung, das wir hier nur zu streifen brauchen. Es genügt uns festzuhalten, dass eine solche Affectverwandlung im Laufe der Entwickelung vorkommt (man denke nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden Ekels im Kinderleben), und dass sie an die Thätigkeit des secundären Systems geknüpft ist. Die Erinnerungen, von denen aus der unbewusste Wunsch die Affectentbindung, hervorruft, waren dem Vbw niemals zugänglich; darum ist deren Affectentbindung auch nicht zu hemmen. Eben wegen dieser Affectentwickelung sind diese Vorstellungen jetzt auch nicht von den vorbewussten Gedanken her zugänglich, auf die sie ihre Wunschkraft übertragen haben. Vielmehr tritt das Unlnstprincip in Kraft und veranlasst, dass das Vbw sich von diesen Uebertragungsgedanken abwendet. Dieselben werden sich selbst überlassen, „verdrängt“, und somit wird das Vorhandensein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an entzogenen Erinnerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.

Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwickelung ein Ende, sowie den Uebertragungsgedanken im Vbw die Besetzung entzogen ist, und dieser Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprincips als zweckmässig, Anders aber, wenn der verdrängte unbewusste Wunsch eine organische Verstärkung erfährt, die er seinen Uebertragungsgedanken leihen, wodurch er sie in den Stand setzen kann, mit ihrer Erregung den Versuch zum Durchdringen zu machen, auch wenn sie von der Besetzung des Vbw verlassen worden sind. Es kommt dann zum Abwehrkampf, indem das Vbw den Gegensatz gegen die verdrängten Gedanken verstärkt, und in weiterer Folge zum Durchdringen der Uebertragungsgedanken, welche Träger des unbewussten Wunsches sind, in irgend einer Form von Compromiss durch Symptombildung. Von dem Moment aber, da die verdrängten Gedanken von der unbewussten Wunscherregung kräftig besetzt, von der vorbewussten Besetzung dagegen verlassen sind, unterliegen sie dem primären psychischen Vorgang, zielen sie nur auf motorische Abfuhr oder, wenn der Weg frei ist, auf, hallucinatorische Belebung der gewünschten Wahrnehmungsidentität. Wir haben früher empirisch gefunden, dass die beschriebenen incorrecten Vorgänge sich nur mit Gedanken abspielen, die in der Verdrängung stehen. Wir erfassen jetzt ein weiteres Stück des Zusammenhanges. Diese incorrecten Vorgänge sind die in psychischen Apparat primären; sie treten überall dort ein, wo Vorstellungen von der vorbewussten Besetzung verlassen, sich selbst überlassen werden und sich mit der ungehemmten nach Abfluss strebenden Energie vom Unbewussten her erfüllen können. Einige andere Beobachtungen kommen hinzu, die Auffassung zu stützen, dass diese incorrect genannten Vorgänge nicht wirklich Fälschungen der normalen, Denkfehler, sind, sondern die von einer Hemmung befreiten Arbeitsweisen des psychischen Apparates. So sehen wir, dass die Ueberleitung der vorbewussten Erregung auf die Motilität nach denselben Vorgängen geschieht, und dass die Verknüpfung der vorbewussten Vorstellungen mit Worten leicht die nämlichen, der Unaufmerksamkeit zugeschriebenen Verschiebungen und Vermengungen zeigt. Endlich möchte sich ein Beweis für den Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser primären Verlaufsweisen nothwendig wird, aus der Thatsache ergeben, dass wir einen komischen Effect, einen durch Lachen abzuführenden Ueberschuss erzielen, wenn wir diese Verlaufsweisen des Denkens zum Bewusstsein vordringen lassen.

Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschliessender Sicherheit, dass es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen sein können, welche in den Entwiekelungsperioden der Kindheit die Verdrängung (Affectverwandlung) erfahren haben, in späteren Entwickelungsperioden dann einer Erneuerung fähig sind; sei es infolge der sexuellen Constitution, die sich ja aus der ursprünglichen Bisexualität herausbildet, sei es infolge ungünstiger Einflüsse des sexuellen Lebens, und die somit die Triebkräfte für alle psychoneurotische Symptombildung abgeben. Nur durch die Einführung dieser sexuellen Kräfte sind die in der Theorie der Verdrängung noch aufweisbaren Lücken zu schliessen. Ich will es dahingestellt sein lassen, ob die Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie des Traumes erhoben werden darf; ich lasse diese hier unvollendet, weil ich schon durch die Annahme, der Traumwunsch stamme jedesmal aus dem Unbewussten, einen Schritt weit über das Beweisbare hinausgegangen bin.9) Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin der Unterschied im Spiel der psychischen Kräfte bei der Traumbildung und bei der Bildung der hysterischen Symptome gelegen ist; es fehlt uns ja hiezu die genauere Kenntnis des einen der in Vergleich zu bringenden Glieder. Aber auf einen anderen Punkt lege ich Werth und schicke das Bekenntnis voraus, dass ich nur dieses Punktes wegen all die Erörterungen über die beiden psychischen Systeme, ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hier aufgenommen habe. Es kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehenden psychologischen Verhältnisse annähernd richtig, oder, wie bei so schwierigen Dingen leicht möglieh, schief und lückenhaft aufgefasst habe. Wie immer die Deutung der psychischen Censur, der correcten und der abnormen Bearbeitung des Trauminhaltes sich verändern mag, es bleibt giltig, dass solehe Vorgänge bei der Traumbildung wirksam sind, und dass sie die grösste Analogie im Wesentlichen mit den bei der hysterischen Symptombildung erkannten Vorgängen zeigen. Nun ist der Traum kein pathologisches Phänomen; er hat keine Störung des psychischen Gleiehgewichtes zur Voraussetzung; er hinterlässt keine Schwächung der Leistungsfähigkeit. Der Einwand, dass meine Träume und die meiner neurotischen Patienten nicht auf die Träume gesunder Menschen schliessen lassen, dürfte wohl ohne Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus den Phänomenen auf deren Triebkräfte schliessen, so erkennen wir, dass der psychische Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch eine das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird, sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit liegt. Die beiden psychischen Systeme, die Uebergangscensur zwischen ihnen, die Hemmung und Ueberlagerung der einen Thätigkeit durch die andere, die Beziehungen beider zum Bewusstsein — oder was eine richtigere Deutung der thatsächliehen Verhältnisse an deren Statt ergeben mag; — das alles gehört zum normalen Aufbau unseres Seeleninstrumentes, und der Traum zeigt uns einen der Wege, die zur Kenntnis der Structur desselben führen. Wenn wir uns mit einem Minimum von völlig gesichertem Erkenntniszuwachs begnügen wollen, so werden wir sagen, der Traum beweist uns, dass das Unterdrückte auch beim normalen Menschen fortbesteht und psychischer Leistungen fähig bleibt. Der Traum ist selbst eine der Aeusserungen dieses Unterdrückten; nach der Theorie ist er es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung wenigstens in einer grossen Anzahl, welche die auffälligen Charaktere des Traumlebens gerade am deutlichsten zur Schau trägt. Das seelisch Unterdrückte, welches im Wachleben dureh die gegensätzliche Erledigung der Widersprüche am Ausdruck gehindert und von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde, findet im Nachtleben und unter der Herrschaft der Compromissbildungen Mittel und Wege, sich dem Bewusstsein aufzudrängen.

Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo.

Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten und allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein kleines Stück weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen — pathologisch zu heissenden — Bildungen her weiter in die Zerlegung desselben vorzudringen. Denn die Krankheit — wenigstens die mit Recht functionell genannte — hat nicht die Zertrümmerung dieses Apparates, die Herstellung neuer Spaltungen in seinem Inneren zur Voraussetzung; sie ist dynamisch aufzuklären durch Stärkung und Schwächung der Componenten des Kräftespiels, von dem so viele Wirkungen während der normalen Function verdeckt sind. An anderer Stelle könnte noch gezeigt werden, wie die Zusammensetzung des Apparates aus den beiden Instanzen eine Verfeinerung auch der normalen Leistung gestattet, die einer einzigen unmöglich wäre.10)

f) Das Unbewusste und das Bewusstsein. — Die Realität.

Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei Systemen nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von zweierlei Vorgängen oder Ablaufsarten der Erregung, deren Annahme uns durch die psychologischen Erörterungen der vorstehenden Abschnitte nahe gelegt wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere Hilfsvorstellungen fallen zu lassen, müssen wir immer bereit sein, wenn wir uns in der Lage glauben, sie durch etwas Anderes zu ersetzen, was der unbekannten Wirklichkeit besser angenähert ist. Versuchen wir es jetzt, einige Anschauungen richtig zu stellen, die sich missverständlich bilden konnten, so lange wir die beiden Systeme im nächsten und rohesten Sinne als zwei Localitäten innerhalb des seelischen Apparates im Auge hatten, Anschauungen, die ihren Niederschlag in den Ausdrücken „verdrängen“ und „durchdringen“ zurückgelassen haben. Wenn wir also sagen, ein unbewusster Gedanke strebe nach Uebersetzung in’s Vorbewusste, um dann zum Bewusstsein durchzudringen, so meinen wir nicht, dass ein zweiter an neuer Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Ueberschrift gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht; und auch vom Durchdringen zum Bewusstsein wollen wir jede Idee einer Ortsveränderung sorgfältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vorbewusster Gedanke wird verdrängt und dann vom Unbewussten aufgenommen, so könnten uns diese dem Vorstellungskreis des Kampfes um ein Terrain entlehnten Bilder zur Annahme verlocken, dass wirklich in der einen psychischen Localität eine Anordnung aufgelöst und durch eine neue in der anderen Localität ersetzt wird. Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was dem realen Sachverhalt besser zu entsprechen scheint, dass eine Energiebesetzung auf eine bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurückgezogen wird, so dass das psychische Gebilde unter die Herrschaft einer Instanz geräth oder ıhr entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum eine topische Vorstellungsweise durch eine dynamische; nicht das psychische Gebilde erscheint uns als das Bewegliche, sondern dessen Innervation.

Dennoch halte ich es. für zweckmässig und berechtigt, die anschauliche Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir weichen jedem Missbrauch dieser Darstellungsweise aus, wenn wir uns erinnern, dass Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im Allgemeinen überhaupt nicht in organischen Elementen des Nervensystems localisirt werden dürfen, sondern so zu sagen zwischen ihnen, wo Widerstände und Bahnungen das ihnen entsprechende Correlat bilden, Alles, was Gegenstand unserer inneren Wahrnehmung werden kann, ist virtuell, wie das durch den Gang der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fermrohr. Die Systeme aber, die selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen gleich den Linsen des Fernrohrs, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung dieses Gleichnisses entspräche die Censur zwischen zwei Systemen der Strahlenbrechung beim Uebergange in ein neues Medium.

Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es ist Zeit, sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige Psychologie beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Aufstellungen zu prüfen. Die Frage des Unbewussten in der Psychologie ist nach dem kräftigen Worte von Lipps11) weniger eine psychologische Frage, als die Frage der Psychologie. So lange die Psychologie diese Frage durch die Worterklärung erledigte, das „Psychische“ sei eben das „Bewusste“, und „unbewusste psychische Vorgänge“ ein greifbarer Widersinn, blieb eine psychologische Verwerthung der Beobachtungen, welche ein Arzt an abnormen Seelenzuständen gewinnen konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der Arzt und der Philosoph zusammen, wenn beide anerkennen, unbewusste psychische Vorgänge seien „der zweckmässige und wohlberechtigte Ausdruck für eine feststehende Thatsache“. Der Arzt kann nicht anders, als die Versicherung, „das Bewusstsein sei der unentbehrliche Charakter des Psychischen“, mit Achselzucken zurückweisen, und etwa, wenn sein Respect vor den Aeusserungen der Philosophen noch stark genug ist, annehmen, sie behandelten nicht dasselbe Object und trieben nicht die gleiche Wissenschaft. Denn auch nur eine einzige verständnisvolle Beobachtung des Seelenlebens eines Neurotikors, eine einzige Traumanalyse, muss ihm die unerschütterliche Weberzeugung aufdrängen, dass die complicirtesten und correctesten Denkvorgänge, denen man doch den Namen psychischer Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen können, ohne das Bewusstsein der Person zu erregen. Gewiss erhält der Arzt von diesen unbewussten Vorgängen nicht eher Kunde, als bis sie eine Mittheilung oder Beobachtung zulassende Wirkung auf das Bewusstsein ausgeübt haben. Aber dieser Bewusstseinseffect kann einen von dem unbewussten Vorgang ganz abweichenden psychischen Charakter zeigen, so dass die innere Wahrnehmung unmöglich den einen als den Ersatz des anderen erkennen kann. Der Arzt muss sich das Recht wahren, durch einen Schlussprocess vom Bewusstseinseffect zum unbewussten psychischen Vorgang vorzudringen; er erfährt auf diesem Wege, dass der Bewusstseinseffect nur eine entfernte psychische Wirkung des unbewussten Vorganges ist, und dass letzterer nicht als solcher bewusst geworden ist, auch dass er bestanden und gewirkt hat, ohne sich noch dem Bewusstsein irgendwie zu verrathen.

Die Rückkehr von der Ueberschätzung der Bewusstseinseigenschaft wird zur unerlässlichen Vorbedingung für jede richtige Einsicht in den Hergang des Psychischen. Das Unbewusste muss nach dem Ausdrucke von Lipps als allgemeine Basis des psychischen Lebens angenommen werden. Das Unbewusste ist der grössere Kreis, der den kleineren des Bewussten in sich einschliesst; alles Bewusste hat eine unbewusste Vorstufe, während das Unbewusste auf dieser Stufe stehen bleiben und doch den vollen Werth einer psychischen Leistung beanspruchen kann. Das Unbewusste ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Aussenwelt, und uns durch die Daten des Bewusstseins ebenso unvollständig gegeben wie die Aussenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane.

Wenn der alte Gegensatz von Bewusstleben und Traumleben durch die Einsetzung des unbewussten Psychischen in die ihm gebührende Stellung entwerthet ist, so werden eine Reihe von Traumproblemen abgestreift, welche frühere Autoren noch eingehend beschäftigt haben. So manche Leistungen, über deren Vollziehung im Traume man sich wundern konnte, sind nun nicht mehr dem Traum anzurechnen, sondern dem auch bei Tage arbeitenden unbewussten Denken. Wenn der Traum mit einer symbolisirenden Darstellung des Körpers, nach Scherner, zu spielen scheint, so wissen wir, dies ist die Leistung gewisser unbewusster Phantasien, die wahrscheinlich sexuellen Regungen nachgeben, und die nicht nur im Traum sondern auch in den hysterischen Phobien und anderen Symptomen zum Ausdruck kommen. Wenn der Traum Arbeiten des Tages fortführt und erledigt, und selbst werthvolle Einfälle an’s Licht fördert, so haben wir hievon nur die Traumverkleidung abzuziehen als Leistung der Traumarbeit und als Marke der Hilfeleistung dunkler Mächte der Seelentiefen (vgl. den Teufel in Tartini’s Sonatentraum). Die intellectuelle Leistung selbst füllt denselben Seelenkräften zu, die tagsüber alle solche vollbringen. Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Masse zur Ueberschätzung des bewussten Oharakters auch der intellectuellen und künstlerischen Production. Aus den Mittheilungen einiger höchstproductiven Menschen, wie Goethe und Helmholtz, erfahren wir doch eher, dass das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen ihnen einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung kam. Die Mithilfe der bewussten Thätigkeit in anderen Fällen hat nichts Befremdendes, wo eine Anstrengung aller Geisteskräfte vorlag. Aber es ist das viel missbrauchte Vorrecht der bewussten Thätigkeit, dass sie uns alle anderen verdecken darf, wo immer sie mitthut.

Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung der Träume als ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häuptling etwa durch einen Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmt wurde, dessen Erfolg verändernd in die Geschichte eingegriffen hat, da ergibt sich ein neues Problem nur so lange, als man den Traum wie eine fremde Maeht anderen vertrauteren Seelenkräften gegenüber stellt, nicht mehr, wenn man den Traum als eine Form des Ausdrucks für Regungen betrachtet, auf denen bei Tage ein Widerstand lastete, und die sich bei Nacht Verstärkung aus tiefliegenden Erregungsquellen holen konnten. Die Achtung aber, mit der dem ‘Traum bei den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige psychologische Ahnung gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten und Unzerstörbaren in der Menschenseele, dem Dämonischen, welches den Trraumwunsch hergibt, und das wir in unserem Unbewussten wiederfinden.

Ich sage nicht ohne Absicht, in unserem Unbewussten, denn was wir so heissen, deckt sich nicht mit dem Unbewussten der Philosophen, auch nicht mit dem Unbewussten bei Lipps. Dort soll es blos den Gegensatz zu dem Bewussten bezeichnen; dass es ausser den bewussten Vorgängen auch unbewusste psychische gibt, ist die heiss bestrittene und energisch vertheidigte Erkenntnis. Bei Lipps hören wir von dem weiter reichenden Satz, dass alles Psychische als unbewusst vorhanden ist, einiges davon dann auch als bewusst. Aber nicht zum Erweis für diesen Satz haben wir die Phänomene des Traumes und der hysterischen Symptombildung herangezogen; die Beobachtung des normalen Tageslebens reicht allein hin, ihn über jeden Zweifel festzustellen. Das Neue, was uns die Analyse der psychopathologischen Bildungen und schon ihres erstes Gliedes, der Träume, gelehrt, besteht darin, dass das Unbewusste — also das Psychische — als Function zweier gesonderter Systeme vorkommt und schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also zweierlei Unbewusstes, was wir von den Psychologen noch nicht gesondert finden. Beides ist Unbewusstes im Sinne der Psychologie; aber in unserem ist das eine, das wir Ubw heissen, auch bewusstseinsunfähig, während das andere Vbw von uns darum genannt wird, weil dessen Erregungen, zwar auch nach Einhaltung gewisser Regeln, vielleicht erst unter Ueberstehung einer neuen Censur, aber doch ohne Rücksicht auf das Ubw-System zum Bewusstsein gelangen können. Die Thatsache, dass die Erregungen, um zum Bewusstsein zu kommen, eine unabänderliche Reihenfolge, einen Instanzenzug durchzumachen haben, der uns durch ihre Censurveränderung verrathen wurde, diente uns zur Aufstellung eines Gleichnisses aus dem Räumlichkeit. Wir beschrieben die Beziehungen der beiden Systeme zu einander und zum Bewusstsein, indem wir sagten, das System Vbw stehe wie ein Schirm zwischen dem System Ubw und dem Bewusstsein. Das System Vbw sperre nicht nur den Zugang zum Bewusstsein, es beherrsche auch den Zugang zur willkürlichen Motilität und verfüge über die Aussendung einer mobilen Besetzungsenergie, von der uns ein Antheil als Aufmerksamkeit vertraut ist.

Auch von der Unterscheidung Ober- und Unterbewusstsein, die in der neueren Litteratur der Psychoneurosen so beliebt geworden ist, missen wir uns ferne halten, da gerade sie die Gleichstellung des Psychischen und des Bewussten zu betonen scheint.

Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst allmächtigen, alles Andere verdeckenden Bewusstsein? Keine andere, als die eines Sinnesorganes zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten. Nach dem Grundgedanken unseres schematischen Versuches können wir die Bewustseinswahrnehmung nur als die eigene Leistung eines besonderen Systems auffassen, für welches sich die Abkürzungsbezeichnung Bw empfiehlt. Dies System denken wir uns in seinen mechanischen Charakteren ähnlich wie die Wahrnehmungssysteme W, also erregbar durch Qualitäten, und unfähig die Spur von Veränderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der psychische Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Aussenwelt zugekehrt ist, ist selbst Aussenwelt für das Sinnesorgan des Bw, dessen teleologische Rechtfertigung in diesem Verhältnisse ruht. Das Princip des Instanzenzuges, welches den Bau des Apparates zu beherrschen scheint, tritt uns hier nochmals entgegen. Das Material an Erregungen fliesst dem Bw-Sinnesorgan von zwei Seiten her zu, von dem W-System her, dessen durch Qualitäten bedingte Erregung wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchmacht, bis sie zur bewussten Einpfindung wird, und aus dem Innern des Apparates selbst, dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust und Unlust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen angelangt sind.

Die Philosophen, welehe inne wurden, dass correcte und hoch zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazuthun des Bewusstseins möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit erfunden, dem Bewusstsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen als überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges. Die Analogie unseres Bw-Systemes mit den Wahrnehmungssystemen entreisst uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, dass die Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeitsbesetzung auf die Wege zu leiten, nach denen die ankommende Sinneserregung sich verbreitet; die qualitative Erregung des W-Systems dient der mobilen Qantität im psychischen Apparat als Regulator ihres Ablaufes. Dieselbe Verrichtung können wir für das überlagernde Sinnesorgan des Bw-Systemes in Anspruch nehmen. Indem es neue Qualitäten wahrnimmt, leistet es einen neuen Beitrag zur Lenkung und zweckmässigen Vertheilung der mobilen Besetzungsquantitäten. Mittelst der Lust- und Unlustwahrnehmung beeinflusst es den Verlauf der Besetzungen innerhalb des sonst unbewusst und durch Quantitätsverschiebungen arbeitenden psychischen Apparates. Es ist wahrscheinlich, dass das Unlustprincip die Verschiebungen der Besetzung zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohl möglich, dass das Bewusstsein dieser Qualitäten eine zweite und feinere Regulirung hinzuthut, die sich sogar der ersteren widersetzen kann und die Leistungsfähigkeit des Apparats vervollkommnet, indem sie ihn gegen seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch was mit Unlustentbindung verknüpft ist, der Besetzung und Bearbeitung zu unterziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, dass diesen Regulirungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane eine grosse Rolle bei der Functionsthätigkeit des Apparates zugedacht ist. Die automatische Herrschaft des primären Ualustprincips und die damit verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch die sensibeln Regulirungen, die selbst wieder Automatismen sind, gebrochen. Man erfährt, dass die Verdrängung, die, ursprünglich zweckmässig, doch in schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische Beherrschung ausläuft, sich soviel leichter an Erinnerungen als an Wahrnehmungen vollzieht, weil bei ersteren der Besetzungszuwachs durch die Erregung der psychischen Sinnesorgane ausbleiben muss. Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits nicht bewusst wird, weil er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er andere Male nur darum verdrängt werden, weil er aus anderen Gründen der Bewusstseinswahrnehmung entzogen wurde. Es sind das Winke, deren sich die Therapie bedient, um vollzogene Verdrängungen rückgängig zu machen.

Der Werth der Ueberbesetzung, welche durch den regulirenden Einfluss des Bw-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt wird, ist im teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dargethan, als durch die Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit einer neuen Regulirung, welche das Vorrecht des Menschen vor den Thieren ausmacht. Die Denkvorgänge sind nämlich an sich qualitätslos bis auf die sie begleitenden Lust und Unlusterregungen, die ja als mögliche Störung des Denkens in Schranken gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu verleihen, werden sie beim Menschen mit den Worterinnerungen associirt, deren Qualitätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf sich zu ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Besetzung zuzuwenden.

Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewusstseinsprobleme lässt sich erst bei der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge übersehen. Man empfängt dann den Eindruck, dass auch der Uebergang vom Vorbewussten zur Bewusstseinsbesetzung mit einer Censur verknüpft ist, ähnlich der Censur zwischen Ubw und Vbw. Auch diese Censur setzt erst bei einer gewissen quantitativen Grenze ein, so dass ihr wenig intensive Gedankenbildungen entgehen. Alle möglichen Fülle der Abhaltung von dem Bewusstsein, sowie des Durchdringens zu demselben unter Einschränkungen, finden sich im Rahmen der psychoneurotischen Phänomene vereinigt; sämmtlich weisen sie auf den innigen und zweiseitigen Zusammenhang zwischen Censur und Bewusstsein hin. Mit der Mittheilung zweier derartiger Vorkommnisse will ich diese psychologischen Erörterungen beschliessen.

Ein Consilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent und unbefangen blickenden Mädehen. Ihr Aufzug ist befremdend; wo doch sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt ist, trägt sie einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der Blouse offen. Sie klagt über Schmerzen in einem Bein und entblösst unaufgefordert eine Wade. Ihre Hauptklage aber lautet wörtlich: Sie hat ein Gefühl im Leib, als ob etwas darin stecken würde, was sich hin und her bewegt und sie durch und durch erschüttert. Manchmal wird ihr dabei der ganze Leib wie steif. Mein mitanwesender College sieht mich dabei an; er findet die Klage nicht missverständlich. Merkwürdig erscheint uns Beiden, dass die Mutter der Kranken sich dabei nichts denkt; sie muss sich ja wiederholt in der Situation befunden haben, welche ihr Kind beschreibt. Das Mädchen selbst hat keine Ahnung von dem Belang ihrer Rede, sonst würde sie dieselbe nicht im Munde führen. Hier ist es gelungen, die Censur so abzublenden, dass eine sonst im Vorhewussten verbleibende Phantasie wie harmlos in der Maske einer Klage zum Bewusstsein zugelassen wird.

Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Behandlung mit einem 14jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hysterischem Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm versichere, er werde nach dem Augenschluss Bilder sehen oder Einfälle bekommen, die er mir mittheilen soll. Er antwortet in Bildern. Der letzte Eindruck, ehe er zu mir gekommen ist, lebt in seiner Erinnerung visuell auf. Er hatte mit seinem Onkel ein Brettspiel gespielt und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert verschiedene Stellungen, die günstig sind oder ungünstig, Züge, die man nicht machen darf. Dann sieht er auf dem Brett einen Dolch liegen, einen Gegenstand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie auf das Brett verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brett, dann kommt eine Sense hinzu, und jetzt tritt das Bild eines, alten Bauern auf, der das Gras vor dem entfernten heimathlichen Hause mit der Sense mäht. Nach wenigen Tagen habe ich das Verständnis für diese Aneinanderreihung von Bildern gewonnen. Unerfreuliche Familienverhältnisse haben den Knaben in Aufregung gebracht. Ein harter, jähzorniger Vater, der mit der Mutter im Unfrieden lebte, dessen Erziehungsmittel Drohungen waren; die Scheidung des Vaters von der weichen und zärtlichen Mutter; die Wiederverheirathung des Vaters, der eines Tages eine junge Frau als die neue Mama nach Hause brachte. In den ersten Tagen nachher brach die Krankheit des 14jährigen Knaben aus. Es ist die unterdrückte Wuth gegen den Vater, die jene Bilder zu verständlichen Anspielungen zusammengesetzt hat. Eine Reminiscenz aus der Mythologie hat das Material gegeben. Die Sichel ist die, mit der Zeus den Vater entmannte, die Sense und das Bild des Bauern schildern den Kronos, den gewaltthätigen Alten, der seine Kinder frisst, und an dem Zeus so unkindlich Rache nimmt. Die Heirath des Vaters war eine Gelegenheit, ihm die Vorwürfe und Drohungen zurückzugeben, die das Kind früher einmal von ihm gehört hatte, weil es mit den Genitalien spielte (das Brettspiel; die verbotenen Züge; der Dolch, mit dem man umbringen kann). Hier sind es lang verdrängte Erinnerungen und deren unbewusst gebliebene Abkömmlinge, die auf dem ihnen eröffneten Umwege sich als scheinbar sinnlose Bilder in’s Bewusstsein schleichen.

So würde ich also den theoretischen Werth der Beschäftigung mit dem Traum in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis und in der Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen suchen. Wer vermag zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine gründliche Bekanntschaft mit dem Bau und den Leistungen des Seelenapparates noch erheben kann, wenn schon der heutige Stand unseres Wissens eine glückliche therapeutische Beeinflussung der an sich heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet? Und der praktische Werth dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die Seelenkenntnis, die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften der Einzelnen? Haben denn die unbewussten Regungen, die der Traum offenbart, nicht den Werth von realen Mächten im Seelenleben? Ist die ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche gering anzuschlagen, die, wie sie Träume schaffen, eines Tages Anderes schaffen können?

Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Fragen zu antworten. Meine Gedanken haben diese Seite des Traumproblems nicht weiter verfolgt. Ich meine nur, jedenfalls hatte der römische Kaiser Unrecht, weleher einen Unterthanen hinrichten liess, weil dieser geträumt hatte, dass er den Imperator ermordet. Er hätte sich zuerst darum bekümmern sollen, was dieser Traum bedeutete; sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug. Und selbst, wenn ein Traum, der anders lautete, diese majestätsverbrecherische Bedeutung hätte, wäre es noch am Platze, des Wortes von Plato zu gedenken, dass der Tugendhafte sich begnügt, von dem zu träumen, was der Böse im Leben thut. Ich meine also, am besten gibt man die Träume frei. Ob den unbewussten Wünschen Realität zuzuerkennen ist, kann ich nicht sagen. Allen Uebergangs- und Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen. Hat man die unbewussten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten Ausdruck gebracht, vor sich, so muss man sich wohl erinnern, dass auch dem psychisch Realen mehr als nur eine Existenzform zukommt. Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurtheilung des Menschen genügt zumeist die That und die bewusst sich äussernde Gesinnung, Die That vor Allem verdient in die erste Reihe gestellt zu werden; denn viele zum Bewusstsein durchgedrungene Impulse werden noch durch reale Mächte des Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die That aufgehoben; ja, sie begegnen oft darum keinem psychischen Hindernis auf ihrem Wege, weıl das Unbewusste ihrer anderweitigen Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle Fälle lehrreich, den viel durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf dem unsere Tugenden sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin dynamisch bewegte Complication eines menschlichen Charakters fügt sich höchst selten der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere überjährte Morallehre es möchte.

Und der Werth des Traumes für die Kenntnis der Zukunft? Daran ist natürlich nicht zu denken. Man möchte dafür einsetzen: Für die Kenntnis der Vergangenheit. Denn aus der Vergangenheit stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar entbehrt auch der alte Glaube, dass der Traum uns die Zukunft zeigt, nicht völlig des Gehalts an Wahrheit. Indem uns der Traum einen Wunsch als erfüllt vorstellt, führt er uns allerdings in die Zukunft; aber diese vom Träumer für gegenwärtig genommene Zukunft ist durch den unzerstörbaren Wunsch zum Ebenbild jener Vergangenheit gestaltet.


1) Vergl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine Abhandlung über den „psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit“ in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1898.

2) Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, dass die oberflächlichen Associationen im Trauminhalt blossgelegt werden, wie z. B. in den beiden von Maury mitgetheilten Träumen [Seite 41: pélerinage — Pelletier — pelle; Kilometer — Kilogramm — Gilolo — Lobelia — Lopez — Lotto]. Aus der Arbeit mit Neurotikern weiss ich, welche Reminiscenz sich so darzustellen liebt. Es ist das Nachschlagen im Conversationslexieon (Lexicon überhaupt), aus dem ja die Meisten in der Zeit der Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung der sexuellen Rätlısel gestillt haben.

3) Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. Neurologisches Centralblatt, 1896. Nr. 10.

4) Sie theilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen wirklich unbewussten, d.h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen Acten. Diese sind ein für allemale gebahnte Wege, die nie veröden und den Erregungsvorgang immer wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewusste Erregung sie wiederbesetzt. Um mich eines Gleichnisses zu bedienen: es gibt für sie keine andere Art der Vernichtung als für die Schatten der odysseischen Unterwelt, die zum neuen Leben erwachen, sobald sie Blut getrunken haben. Die vom vorbewussten System abhängigen Vorgänge sind in ganz anderem Sinne zerstörbar. Auf diesem Unterschiede ruht die Psychotherapie der Neurosen.

5) Von der Wunscherfüllung des Traumes rühmt Le Lorrain45) mit Recht: „Sans fatigue sérieuse, sans être obligé de recourir à cette lutte opiniâtre et longue qui use et corrode les jouissanees poursuivies.“

6) Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von Liébault, des Erweckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil provoqué etc., Paris, 1889.)

7) Von mir hervorgehoben; übrigens nicht missverständlich.

8) Meine Hervorhebung.

9) Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung des Themas, die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung einerseits einen zu grossen Aufwand, andererseits die Anlehnung an ein dem Traume fremdes Material erfordern würde. So habe ich es z. B. vermieden anzugeben, ob ich mit dem Worte „unterdrückt“ einen anderen Sinn verbinde als mit dem Worte „verdrängt“. Es dürfte nur klar geworden sein, dass letzteres die Zugehörigkeit zam Unbewussten stärker als das erstere betont. Ich bin auf das nahe liegende Problem nicht eingegangen, warum die Traumgedanken die Entstellung durch die Censur auch für den Fall erfahren, dass sie auf die progrediente Fortsetzung zum Bewusstsein verzichten und sich für den Weg der Regression entscheiden, u. dgl. Unterlassungen mehr. Es kam mir vor Allem darauf an, einen Eindruck von den Problemen zu erwecken, zu denen die weitere Zergliederung der Traumarbeit führt, und die anderen Themata anzudeuten, mit denen dieses auf dem Wege zusammentrifft. Die Entscheidung, an welcher Stelle die Verfolgung abgebrochen werden soll, ist mir dann nicht immer leicht geworden. — Dass ich die Rolle des sexuellen Vorstellungslebens für den Traum nicht erschöpfend behandelt und die Deutung von Träumen mit offenkundig sexuellem Inhalt vermieden habe, beruht auf einer besonderen Motivirung, die sich vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt. Es liegt gerade meinen Anschauungen und den Lehrmeinunger, die ich in der Neuropathologie vertrete, völlig ferne, das Sexualleben als ein Pudendum anzusehen, das weder den Arzt noch den wissenschaftlichen Forscher zu. bekümmern hat. Auch finde ich die sittliche Entrüstung lächerlich, durch welche der Uebersetzer des Artemidoros aus Daldis2) über die „Symbolik der Träume“ sich bewegen liess, das dort enthaltene Kapitel über sexuelle Träume der Kenntnis der Leser zu unterschlagen. Für mich war allein die Einsicht massgebend, dass ich mich bei der Erklärung sexueller Träume tief in die noch ungeklärten Probleme der Perversion und der Bisexualität verstricken müsste, und so sparte ich mir dies Material für einen anderen Zusammenhang.

10) Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die Psychopathologie auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer kleinen, noch nicht abge- schlossenen Reihe von Aufsätzen in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie (über den psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit 1898 — über Denkerinnerungen 1899) suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Erscheinungen als Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten.

11) Der Begriff des Unbewussten in der Psychologie. — Vortrag auf dem dritten internationalen Congress für Psychologie zu München 1897.