Allgemeines über den hysterischen Anfall.

Von Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien.

 

A. Wenn man eine Hysterika, deren Leiden sich in Anfällen äussert, der Psychoanalyse unterzieht, so überzeugt man sich leicht, dass diese Anfälle nichts anderes sind als ins Motorische übersetzte, auf die Motilität projizierte, pantomimisch dargestellte Phantasien. Unbewusste Phantasien zwar, aber sonst von derselben Art, wie man sie in den Tagträumen unmittelbar erfassen, aus den nächtlichen Träumen durch Deutung entwickeln kann. Häufig ersetzt ein Traum einen Anfall, noch häufiger erläutert er ihn, indem die nämliche Phantasie zu verschiedenartigem Ausdruck im Traume wie im Anfall gelangt. Man sollte nun erwarten, durch die Anschauung des Anfalls zur Kenntnis der in ihm dargestellten Phantasie zu kommen; allein dies gelingt nur selten. In der Regel hat die pantomimische Darstellung der Phantasie unter dem Einfluss der Zensur ganz analoge Entstellungen wie die halluzinatorische des Traumes erfahren, so dass die eine wie die andere zunächst für das eigene Bewusstsein wie für das Verständnis des Zuschauers undurchsichtig geworden ist. Der hysterische Anfall bedarf also der gleichen deutenden Bearbeitung, wie wir sie mit den nächtlichen Träumen vornehmen. Aber nicht nur die Mächte, von denen die Entstellung ausgeht, und die Absicht dieser Entstellung, auch die Technik derselben ist die nämliche, die uns durch die Traumdeutung bekannt geworden ist.

1. Der Anfall wird dadurch unverständlich, dass er in demselben Material gleichzeitig mehrere Phantasien zur Darstellung bringt, also durch Verdichtung. Die Gemeinsamen der beiden (oder mehrerer) Phantasien bilden wie im Traume den Kern der Darstellung. Die so zur Deckung gebrachten Phantasien sind oft von ganz verschiedener Art, z. B. ein rezenter Wunsch und die Wiederbelebung eines infantilen Eindrucks; dieselben Innervationen dienen dann beiden Absichten, oft in der geschicktesten Weise. Hysteriker, die sich der Verdichtung im grossen Ausmasse bedienen, finden etwa mit einer einzigen Anfallsform ihr Auslangen; andere drücken eine Mehrheit von pathogenen Phantasien auch durch Vervielfältigung der Anfallsformen aus.

2. Der Anfall wird dadurch undurchsichtig, dass die Kranke die Tätigkeiten beider in der Phantasie auftretenden Personen auszuführen unternimmt, also durch mehrfache Identifizierung. Vgl. etwa das Beispiel, welches ich in dem Aufsatze „Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität“ in Hirschfelds Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. I, Nr. 1, erwähnt habe, in dem die Kranke mit der einen Hand (als Mann) das Kleid herunterreisst, während sie es mit der anderen (als Weib) an den Leib presst.

3. Ganz ausserordentlich entstellend wirkt die antagonistische Verkehrung der Innervationen, welche der in der Traumarbeit üblichen Verwandlung eines Elementes in sein Gegenteil analog ist, z. B. wenn im Anfall eine Umarmung dadurch dargestellt wird, dass die Arme krampfhaft nach rückwärts gezogen werden, bis sich die Hände über der Wirbelsäule begegnen. – Möglicherweise ist der bekannte Arc de cercle der grossen hysterischen Attacke nichts anderes als eine solche energische Verleugnung einer für den sexuellen Verkehr geeigneten Körperstellung durch antagonistische Innervation.

4. Kaum minder verwirrend und irreführend wirkt dann die Umkehrung in der Zeitfolge innerhalb der dargestellten Phantasie, was wiederum sein volles Gegenstück in manchen Träumen findet, die mit dem Ende der Handlung beginnen, um dann mit deren Anfang zu schliessen. So z. B. wenn die Verführungsphantasie einer Hysterika zum Inhalt hat, wie sie lesend in einem Park sitzt, das Kleid ein wenig gehoben, so dass der Fuss sichtbar wird, ein Herr sich ihr nähert, der sie anspricht, sie dann mit ihm an einen andern Ort geht und dort zärtlich mit ihm verkehrt, und sie diese Phantasie im Anfalle derart spielt, dass sie mit dem Krampfstadium beginnt, welches dem Koitus entspricht, dann aufsteht, in ein anderes Zimmer geht, sich dort hinsetzt, um zu lesen und dann auf eine imaginäre Anrede Antwort gibt.

Die beiden letztangeführten Entstellungen können uns die Intensität der Widerstände ahnen lassen, denen durch das Verdrängte noch bei seinem Durchbruch im hysterischen Anfall Rechnung getragen werden muss.

 

B. Das Auftreten der hysterischen Anfälle folgt leichtverständlichen Gesetzen. Da der verdrängte Komplex aus Libidobesetzung und Vorstellungsinhalt (Phantasie) besteht, kann der Anfall wachgerufen werden: 1. assoziativ, wenn der (genügend besetzte) Komplexinhalt durch eine Anknüpfung des bewussten Lebens angespielt wird, 2. organisch, wenn aus inneren somatischen Gründen und durch psychische Beeinflussung von aussen die Libidobesetzung über ein gewisses Mass steigt, 3. im Dienste der primären Tendenz, als Ausdruck der „Flucht in die Krankheit“, wenn die Wirklichkeit peinlich oder schreckhaft wird, also zur Tröstung, 4. im Dienste der sekundären Tendenzen, mit denen sich das Kranksein verbündet hat, sobald durch die Produktion des Anfalls ein dem Kranken nützlicher Zweck erreicht werden kann. Im letzteren Fall ist der Anfall für gewisse Personen berechnet, kann für sie zeitlich verschoben werden und macht den Eindruck bewusster Simulation.

 

C. Die Erforschung der Kindergeschichte Hysterischer lehrt, dass der hysterische Anfall zum Ersatz einer ehemals geübten und seither aufgegebenen autoerotischen Befriedigung bestimmt ist. In einer grossen Zahl von Fällen kehrt diese Befriedigung (die Masturbation durch Berührung oder Schenkeldruck, die Zungenbewegung u. dgl.) auch im Anfalle selbst unter Abwendung des Bewusstseins wieder. Das Auftreten des Anfalles durch Libidosteigerung und im Dienst der primären Tendenz als Tröstung wiederholt auch genau die Bedingungen, unter denen diese autoerotische Befriedigung seinerzeit vom Kranken mit Absicht aufgesucht wurde. Die Anamnese der Kranken ergibt folgende Stadien: a) autoerotische Befriedigung ohne Vorstellungsinhalt, b) die nämliche im Anschluss an eine Phantasie, welche in die Befriedigungsaktion ausläuft, c) Verzicht auf die Aktion mit Beibehaltung der Phantasie, d) Verdrängung dieser Phantasie, die sich dann entweder unverändert oder modifiziert und neuen Lebenseindrücken angepasst, im hysterischen Anfalle durchsetzt und e) eventuell selbst die ihr zugehörige, angeblich abgewöhnte Befriedigungsaktion wiederbringt. Ein typischer Zyklus von infantiler Sexualbetätigung – Verdrängung – Missglücken der Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten.

Der unwillkürliche Harnabgang darf gewiss nicht für unvereinbar mit der Diagnose des hysterischen Anfalls gehalten werden; er wiederholt bloss die infantile Form der stürmischen Pollution. Uebrigens kann man auch den Zungenbiss bei unzweifelhafter Hysterie antreffen; er widerspricht der Hysterie so wenig wie dem Liebesspiel; sein Auftreten im Anfall wird erleichtert, wenn die Kranke durch ärztliche Erkundigung auf die differentialdiagnostischen Schwierigkeiten aufmerksam gemacht worden ist. Selbstbeschädigung im hysterischen Anfall kann (häufiger bei Männern) vorkommen, wo sie einen Unfall des kindlichen Lebens (den Erfolg einer Rauferei z. B.) wiederholt.

Der Bewusstseinsverlust, die Absence des hysterischen Anfalls geht aus jenem flüchtigen, aber unverkennbaren Bewusstseinsentgang hervor, der auf der Höhe einer jeden intensiven Sexualbefriedigung (auch der autoerotischen) zu verspüren ist. Bei der Entstehung hysterischer Absencen aus den Pollutionsanwandlungen junger weiblicher Individuen ist diese Entwicklung am sichersten zu verfolgen. Die sogenannten hypnoiden Zustände, die Absencen während der Träumerei, die bei Hysterischen so häufig sind, lassen die gleiche Herkunft erkennen. Der Mechanismus dieser Absencen ist ein relativ einfacher. Zunächst wird alle Aufmerksamkeit auf den Ablauf des Befriedigungsvorganges eingestellt, und mit dem Eintritt der Befriedigung wird diese ganze Aufmerksamkeitsbesetzung plötzlich aufgehoben, so dass eine momentane Bewusstseinsleere entsteht. Diese sozusagen physiologische Bewusstseinslücke wird dann im Dienste der Verdrängung erweitert, bis sie all das aufnehmen kann, was die verdrängende Instanz von sich weist.

 

D. Die Einrichtung, welche der verdrängten Libido den Weg zur motorischen Abfuhr im Anfall weist, ist der bei jedermann, auch beim Weibe, bereitgehaltene Reflexmechanismus der Koitusaktion, den wir bei schrankenloser Hingabe an die Sexualtätigkeit manifest werden sehen. Schon die Alten sagten, der Koitus sei eine „kleine Epilepsie“. Wir dürfen abändern: der hysterische Krampfanfall ist ein Koitusäquivalent. Die Analogie mit dem epileptischen Anfall hilft uns wenig, da dessen Genese doch unverstandener ist als die des hysterischen.

Im ganzen setzt der hysterische Anfall, wie die Hysterie überhaupt, beim Weibe ein Stück Sexualbetätigung wieder ein, das in den Kinderjahren bestanden hatte und damals exquisit männlichen Charakter erkennen liess. Man kann es häufig beobachten, dass gerade Mädchen, die bis in die Jahre der Vorpubertät bubenhaftes Wesen und Neigungen zeigten, von der Pubertät an hysterisch werden. In einer ganzen Reihe von Fällen entspricht die hysterische Neurose nur einer exzessiven Ausprägung jenes typischen Verdrängungsschubes, welcher durch Wegschaffung der männlichen Sexualität das Weib entstehen lässt. (Vgl.: Drei Abhandlungen über Sexualtheorie, 1905.)