Von Das Ich und das Es liegen bei den Sigmund Freud Papers in der Library of Congress (Washington) zwei Manuskriptfassungen (Box OV 8). Nach der Kategorisierung von Ilse Grubrich-Simitis handelt es sich bei der ersten um einen „Entwurf“ (32 durchpaginierte Seiten), bei der zweiten um eine „Reinschrift“ (36 durchpaginierte Seiten plus Titelblatt und ca. sechs Seiten handschriftliche Einschübe). Der Entwurfscharakter der ersten Fassung ist am offensichtlichsten daran ablesbar, dass die einzelnen Absätze mit blauem, seltener mit rotem Fettstift durchgestrichen sind ‒ gewiss zum Zeichen, dass sie jeweils in der Reinschrift verwertet worden waren. Das Material wurde erstmals von Grubrich-Simitis beschrieben (1993, S. 180‒187). Nach ihrer Feststellung handelt es sich „um den einzigen Fall, wo zwei Hauptstufen in der Entstehungsdynamik eines für die psychoanalytische Theoriebildung konstitutiven Textes vollständig dokumentiert sind“ (S. 186 f.).

Schon am 17. April 1921 hatte Freud in einem Brief an Georg Groddeck ein Schema zur psychischen Gliederung entworfen, mit „Ich“ und „Es“, das dem in der späteren Schrift verwendeten sehr nahekam (Freud u. Groddeck 2008, S. 139). Direkt über die geplante Schrift äußerte er sich erstmals am 21. Juli 1922 gegenüber Sándor Ferenczi (Freud u. Ferenczi 2003, S. 139). Das war zwei Tage, bevor er mit der Niederschrift des Entwurfs begann; das Datum des Anfangs ist ebenso im Manuskript verzeichnet wie das des Endes: 9. August 1922. Unmittelbar danach muss er mit der Ausarbeitung der Reinschrift begonnen haben. Am 24. August schrieb er an Otto Rank: „‚Ich und Es‘ werden ins Reine gebracht“ (Lieberman u. Kramer 2014, S. 166); im Manuskript selbst ist der Abschluss dieses Vorgangs auf den 2. September datiert. Beim psychoanalytischen Kongress in Berlin, der am 25.‒27. September stattfand, hielt Freud einen Vortrag (1922f), in dem er das Erscheinen der neuen Schrift ankündigte und einige Kernthesen daraus vorstellte. Mit der Drucklegung hat er sich nicht beeilt. Erst am 18. März 1923 reagierte Ferenczi auf die „Einsendung des ersten Bogens“; am 15. April kommentierte er den zweiten ‒ zu spät, als dass seine Bemerkungen noch bei der Umbruchkorrektur hätten berücksichtigt werden können (Freud u. Ferenczi 1993, S. 154, 158, 160). Am 1. Mai konnte Rank berichten, dass das Buch in der Vorwoche erschienen sei (Rundbriefe, S. 80). 

Diese Druckausgabe war die einzige in Form einer Einzelveröffentlichung. Danach kam nur noch 1925 der autorisierte Abdruck in den Gesammelten Schriften (Bd. 6, S. 351‒405). Die damals erreichte Textgestalt wurde kanonisch; sie liegt allen späteren Wiedergaben des Werks, z. B. in den Gesammelten Werken oder in der Studienausgabe, zugrunde. Man kann somit bei Das Ich und das Es vier Textstufen oder -schichten unterscheiden. Eine kritische Edition, die diese Schichten abbildet und dokumentiert, verbunden mit einem Abdruck der Entwurfsfassung, wurde von Michael Schröter und Ulrike May publiziert (Freud 2018). Die von ihnen erstellte Transkription der beiden Manuskripte wird auch bei der Wiedergabe im Rahmen der Digitalen Edition benutzt.  

 

Bibliographie

Freud, S. (1922f): Etwas vom Unbewußten [Autoreferat eines Vortrags auf dem 7. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Berlin]. Int. Zschr. Psychoanal., 8: 486; ND in: Freud 2018: xxx‒xxx.

Freud, S. (2018): Jenseits des Lustprinzips ‒ Das Ich und das Es. Kritische Edition von M. Schröter und U. May. xxxx.

Freud, S. u. Ferenczi, S. (2003): Briefwechsel, Bd. III/1: 1920-1924, hg. von E. Falzeder, E. Brabant etc. Wien-Köln-Weimar (Böhlau). 

Freud, S. u. Groddeck, G. (2008): Briefwechsel, hg. von M. Giefer in Zusammenarbeit mit B. Schuh. Frankfurt a. M.-Basel (Stroemfeld). 

Grubrich-Simitis, I. (1993): Zurück zu Freuds Texten. Stumme Dokumente sprechen machen. Frankfurt a. M. (S. Fischer). 

Lieberman, E. J. u. Kramer, R. (Hg.) (2014 [2012]): Sigmund Freud und Otto Rank. Ihre Beziehung im Spiegel des Briefwechsels 1906-1925. Gießen (Psychosozial). 

Die Rundbriefe des "Geheimen Komitees", hg. von G. Wittenberger und C. Tögel, Bd. 4: 1923-1927. Tübingen (ed. diskord) 2006..