Ueber Deckerinnerungen.
Von Dr. Sigm. Freud in Wien.
Im Zusammenhange meiner psychoanalytischen Behandlungen (bei Hysterie, Zwangsneurose u. a.) bin ich oftmals in die Lage gekommen, mich um die Bruchstücke von Erinnerungen zu bekümmern, die den Einzelnen aus den ersten Jahren ihrer Kindheit im Gedächtnisse geblieben sind. Wie ich schon an anderer Stelle angedeutet habe, muss man für die Eindrücke dieser Lebenszeit eine grosse pathogene Bedeutung in Anspruch nehmen. Ein psychologisches Interesse aber ist dem Thema der Kindheitserinnerungen in allen Fällen gesichert, weil hier eine fundamentale Verschiedenheit zwischen dem psychischen Verhalten des Kindes und des Erwachsenen auffällig zu Tage tritt. Es bezweifelt niemand, dass die Erlebnisse unserer ersten Kinderjahre unverlöschbare Spuren in unserem Seeleninnern zurückgelassen haben; wenn wir aber unser Gedächtnis befragen, welches die Eindrücke sind, unter deren Einwirkung bis an unser Lebensende zu stehen uns bestimmt ist, so liefert es uns entweder nichts oder eine relativ kleine Zahl vereinzelt stehender Erinnerungen von oft fragwürdigem oder rätselhaftem Wert. Dass das Leben vom Gedächtnis als zusammenhängende Kette von Begebenheiten reproduziert wird, kommt nicht vor dem sechsten oder siebenten, bei vielen erst nach dem zehnten Lebensjahr zu Stande. Von da an stellt sich aber auch eine constante Beziehung zwischen der psychischen Bedeutung eines Erlebnisses und dessen Haften im Gedächtnis her. Was vermöge seiner unmittelbaren oder bald nachher erfolgten Wirkungen wichtig erscheint, das wird gemerkt; das für unwesentlich erachtete wird vergessen. Wenn ich mich an eine Begebenheit über lange Zeit her erinnern kann, so finde ich in der Thatsache dieser Erhaltung im Gedächtnisse einen Beweis dafür, dass dieselbe mir damals einen tiefen Eindruck gemacht hat. Ich pflege mich zu wundern, wenn ich etwas wichtiges vergessen, noch mehr vielleicht, wenn ich etwas scheinbar gleichgiltiges gemerkt haben sollte.
Erst in gewissen pathologischen Seelenzuständen wird die für den normalen Erwachsenen giltige Beziehung zwischen psychischer Wichtigkeit und Gedächtnishaftung eines Eindruckes wieder gelöst. Der Hysterische z. B. erweist sich regelmässig als amnestisch für das Ganze oder einen Teil jener Erlebnisse, die zum Ausbruch seiner Leiden geführt haben, und die doch durch diese Verursachung für ihn bedeutsam geworden sind oder es auch abgesehen davon, nach ihrem eigenen Inhalt, sein mögen. Die Analogie dieser pathologischen Amnesie mit der normalen Amnesie für unsere Kindheitsjahre möchte ich als einen wertvollen Hinweis auf die intimen Beziehungen zwischen dem psychischen Inhalt der Neurose und unserem Kindererleben ansehen.
Wir sind so sehr an diese Erinnerungslosigkeit der Kindereindrücke gewöhnt, dass wir das Problem zu verkennen pflegen, welches sich hinter ihr verbirgt, und geneigt sind, sie als selbstverständlich aus dem rudimentären Zustand der seelischen Thätigkeiten beim Kinde abzuleiten. In Wirklichkeit zeigt uns das normal entwickelte Kind schon im Alter von drei bis vier Jahren eine Unsumme hoch zusammengesetzter Seelenleistungen in seinen Vergleichungen, Schlussfolgerungen und im Ausdruck seiner Gefühle, und es ist nicht ohne Weiteres einzusehen, dass für diese, den späteren so voll gleichwertigen, psychischen Akte Amnesie bestehen muss.
Eine unerlässliche Vorbedingung für die Bearbeitung jener psychologischen Probleme, die sich an die ersten Kindheitserinnerungen knüpfen, wäre natürlich die Sammlung von Material, indem man durch Umfrage feststellt, was für Erinnerungen aus dieser Lebenszeit eine grössere Anzahl von normalen Erwachsenen mitzuteilen vermag. Einen ersten Schritt nach dieser Richtung haben V. und C. Henri 1895 durch Verbreitung eines von ihnen aufgesetzten Fragebogens gethan; die überaus anregenden Ergebnisse dieser Umfrage, auf welche von 123 Personen Antworten einliefen, wurden dann von den beiden Autoren 1897 in L’année psychologique T. III veröffentlicht. (Enquête sur les premiers souvenirs de l’enfance). Da mir aber gegenwärtig die Absicht ferne liegt, das Thema in seiner Vollständigkeit zu behandeln, werde ich mich mit der Hervorhebung jener wenigen Punkte begnügen, von denen aus ich zur Einführung der von mir so genannten „Deckerinnerungen“ gelangen kann.
Das Lebensalter, in welches der Inhalt der frühesten Kindheitserinnerung verlegt wird, ist meist die Zeit zwischen zwei und vier Jahren (so bei 88 Personen in der Beobachtungsreihe der Henri). Es giebt aber Einzelne, deren Gedächtnis weiter zurückreicht, selbst bis in das Alter vor dem vollendeten ersten Jahr, und andererseits Personen, bei denen die früheste Erinnerung erst aus dem sechsten, siebenten ja achten Jahre stammt. Womit diese individuellen Verschiedenheiten sonst zusammenhängen, lässt sich vorläufig nicht angeben; man bemerkt aber, sagen die Henri, dass eine Person, deren früheste Erinnerung in ein sehr zartes Alter fällt, etwa in’s erste Lebensjahr, auch über weitere einzelne Erinnerungen aus den nächsten Jahren verfügt, und dass die Reproduction des Erlebens als fortlaufende Erinnerungskette bei ihr von einem früheren Termin – etwa vom fünften Jahre an – anhebt als bei Anderen, deren erste Erinnerung in eine spätere Zeit fällt. Es ist also nicht nur der Zeitpunkt für das Auftreten einer ersten Erinnerung, sondern die ganze Function des Erinnerns bei einzelnen Personen verfrüht oder verspätet.
Ein ganz besonderes Interesse wird sich der Frage zuwenden, welches der Inhalt dieser frühesten Kindheitserinnerungen zu sein pflegt. Aus der Psychologie der Erwachsenen müsste man die Erwartung herübernehmen, dass aus dem Stoff des Erlebten solche Eindrücke als merkenswert ausgewählt werden, welche einen mächtigen Affekt hervorgerufen haben oder durch ihre Folgen bald nachher als bedeutendsam erkannt worden sind. Ein Teil der von den Henri gesammelten Erfahrungen scheint diese Erwartung auch zu bestätigen, denn sie führen als die häufigsten Inhalte der ersten Kindheitserinnerungen einerseits Anlässe zu Furcht, Beschämung, Körperschmerzen und dgl. anderseits wichtige Begebenheiten wie Krankheiten, Todesfälle, Brände, Geburt von Geschwistern u. s. w. auf. Man würde so geneigt anzunehmen, dass das Princip der Gedächtnisauswahl für die Kinderseele das nämliche sei wie für die Erwachsenen. Es ist nicht unverständlich, aber doch ausdrücklicher Erwähnung wert, dass die erhaltenen Kindheitserinnerungen ein Zeugnis dafür ablegen müssen, auf welche Eindrücke sich das Interesse des Kindes zum Unterschiede von dem des Erwachsenen gerichtet hat. So erklärt es sich dann leicht, dass z. B. eine Person mitteilt, sie erinnere sich aus dem Alter von zwei Jahren an verschiedene Unfälle, die ihren Puppen zugestossen sind, sei aber amnestisch für die ernsten und traurigen Ereignisse, die sie damals hätte wahrnehmen können.
Es steht nun im schärfsten Gegensatz zu jener Erwartung und muss gerechtes Befremden hervorrufen, wenn wir hören, dass bei manchen Personen die frühesten Kindheitserinnerungen alltägliche und gleichgiltige Eindrücke zum Inhalt haben, die beim Erleben eine Affectwirkung auch auf das Kind nicht entfalten konnten, und die doch mit allen Details – man möchte sagen: überscharf – gemerkt worden sind, während etwa gleichzeitige Ereignisse nicht im Gedächtnis behalten wurden, selbst wenn sie nach dem Zeugnis der Eltern seinerzeit das Kind intensiv ergriffen haben. So erzählen Henri von einem Professor der Philologie, dessen früheste Erinnerung, in die Zeit zwischen drei und vier Jahren verlegt, ihm das Bild eines gedeckten Tisches zeigte, auf dem eine Schüssel mit Eis steht. In dieselbe Zeit fällt auch der Tod seiner Grossmutter, der das Kind nach der Aussage seiner Eltern sehr erschüttert hat. Der nunmehrige Professor der Philologie weiss aber nichts von diesem Todesfall, er erinnert sich aus dieser Zeit nur an eine Schüssel mit Eis.
Ein Anderer berichtet als erste Kindheitserinnerung eine Episode von einem Spaziergang, auf dem er von einem Baum einen Ast abbrach. Er glaubt noch heute angeben zu können, an welchem Ort das vorfiel. Es waren mehrere Personen mit dabei, und eine leistete ihm Hilfe.
Henri bezeichnen solche Fälle als selten vorkommende; nach meinen – allerdings zumeist bei Neurotikern gesammelten – Erfahrungen sind sie häufig genug. Eine der Gewährspersonen der Henri hat einen Erklärungsversuch für diese ob ihrer Harmlosigkeit unbegreiflichen Erinnerungsbilder gewagt, den ich für ganz zutreffend erklären muss. Er meint, es sei in solchen Fällen die betreffende Scene vielleicht nur unvollständig in der Erinnerung erhalten; gerade darum erscheint sie nichtssagend; in den vergessenen Bestandteilen wäre wohl all das enthalten, was den Eindruck merkenswert machte. Ich kann bestätigen, dass dies sich wirklich so verhält; nur würde ich es vorziehen, anstatt „vergessene Elemente des Erlebnisses“ „weggelassene“ zu sagen. Es ist mir oftmals gelungen, durch psychoanalytische Behandlung die fehlenden Stücke des Kindererlebnisses aufzudecken und so den Nachweis zu führen, dass der Eindruck, von dem ein Torso in der Erinnerung verblieben war, nach seiner Ergänzung wirklich der Voraussetzung von der Gedächtniserhaltung des Wichtigsten entsprach. Damit ist eine Erklärung für die sonderbare Auswahl, welche das Gedächtnis unter den Elementen eines Erlebnisses trifft, allerdings nicht gegeben; man muss sich erst fragen, warum gerade das Bedeutsame unterdrückt, das Gleichgiltige erhalten wird. Zu einer Erklärung gelangt man erst, wenn man tiefer in den Mechanismus solcher Vorgänge eindringt; man bildet sich dann die Vorstellung, dass zwei psychische Kräfte an dem Zustandekommen dieser Erinnerungen beteiligt sind, von denen die eine die Wichtigkeit des Erlebnisses zum Motiv nimmt, es erinnern zu wollen, die andere aber – ein Widerstand – dieser Auszeichnung widerstrebt. Die beiden entgegengesetzt wirkenden Kräfte heben einander nicht auf; es kommt nicht dazu, dass das eine Motiv das andere – mit oder ohne Einbusse – überwältigt, sondern es kommt eine Compromisswirkung zu Stande, etwa analog der Bildung einer Resultierenden im Kräfteparallelogramm. Das Compromiss besteht hier darin, dass zwar nicht das betreffende Erlebnis selbst das Erinnerungsbild abgiebt – hierin behält der Widerstand recht –, wohl aber ein anderes psychisches Element, welches mit dem anstössigen durch nahe Associationswege verbunden ist; hierin zeigt sich wiederum die Macht des ersten Princips, welches bedeutsame Eindrücke durch die Herstellung von reproducierbaren Erinnerungsbildern feiern möchte. Der Erfolg des Conflictes ist also der, dass anstatt des ursprünglich berechtigten ein anderes Erinnerungsbild zu Stande kommt, welches gegen das erstere um ein Stück in der Association verschoben ist. Da gerade die wichtigen Bestandteile des Eindruckes diejenigen sind, welche den Anstoss wachgerufen haben, so muss die ersetzende Erinnerung dieses wichtigen Elementes baar sein; sie wird darum leicht banal ausfallen. Unverständlich erscheint sie uns, weil wir den Grund ihrer Gedächtniserhaltung gern aus ihrem eigenen Inhalt ersehen möchten, während er doch in der Beziehung dieses Inhaltes zu einem anderen, unterdrückten Inhalt ruht. Um mich eines populären Gleichnisses zu bedienen, ein gewisses Erlebnis der Kinderzeit kommt zur Geltung im Gedächtnis, nicht etwa weil es selbst Gold ist, sondern weil es bei Gold gelegen ist.
Unter den vielen möglichen Fällen von Ersetzung eines psychischen Inhaltes durch einen anderen, welche alle ihre Verwirklichung in verschiedenen psychologischen Constellationen finden, ist der Fall, der bei den hier betrachteten Kindererinnerungen vorliegt, dass nämlich die unwesentlichen Bestandteile eines Erlebnisses die wesentlichen des nämlichen Erlebnisses im Gedächtnisse vertreten, offenbar einer der einfachsten. Es ist eine Verschiebung auf der Contiguitätsassociation, oder wenn man den ganzen Vorgang in’s Auge fasst, eine Verdrängung mit Ersetzung durch etwas benachbartes (im örtlichen und zeitlichen Zusammenhange). Ich habe einmal Anlass gehabt, einen sehr ähnlichen Fall von Ersetzung aus der Analyse einer Paranoia mitzuteilen1). Ich erzälte von einer hallucinierenden Frau, der ihre Stimmen grosse Stücke aus der „Heiterethei“ von O. Ludwig wiederholten und zwar gerade die belang- und beziehungslosesten Stellen der Dichtung. Die Analyse wies nach, dass es andere Stellen derselben Geschichte waren, welche die peinlichsten Gedanken in der Kranken wachgerufen hatten. Der peinliche Affect war ein Motiv zur Abwehr, die Motive zur Fortsetzung dieser Gedanken waren nicht zu unterdrücken, und so ergab sich als Compromiss, dass die harmlosen Stellen mit pathologischer Stärke und Deutlichkeit in der Erinnerung hervortraten. Der hier erkannte Vorgang: Conflict, Verdrängung, Ersetzung unter Compromissbildung kehrt bei allen psychoneurotischen Symptomen wieder, er giebt den Schlüssel für das Verständnis der Symptombildung; es ist also nicht ohne Bedeutung, wenn er sich auch im physischen Leben der normalen Individuen nachweisen lässt; dass er bei normalen Menschen die Auswahl gerade der Kindheitserinnerungen beeinflusst, erscheint als ein neuer Hinweis auf die bereits betonten innigen Beziehungen zwischen dem Seelenleben des Kindes und dem psychischen Material der Neurosen.
Die offenbar sehr bedeutsamen Vorgänge der normalen und pathologischen Abwehr und die Verschiebungserfolge, zu denen sie führen, sind, soweit meine Kenntnis reicht, von den Psychologen noch gar nicht studiert worden, und es bleibt noch festzustellen, in welchen Schichten der psychischen Thätigkeit und unter welchen Bedingungen sie sicht geltend machen. Der Grund für diese Vernachlässigung mag wohl sein, dass unser psychisches Leben, insofern es Object unserer bewussten inneren Wahrnehmung wird, von diesen Vorgängen nichts erkennen lässt, es sei denn in solchen Fällen, die wir als „Denkfehler“ classificieren, oder in manchen auf komischen Effect angelegten psychischen Operationen. Die Behauptung, dass sich eine psychische Intensität von einer Vorstellung her, die dann verlassen bleibt, auf eine andere verschieben kann, welche nun die psychologische Rolle der ersteren weiterspielt, wirkt auf uns ähnlich befremdend, wie etwa gewisse Züge des griechischen Mythus, wenn z. B. Götter einen Menschen mit Schönheit wie mit einer Hülle überkleiden, wo wir nur die Verklärung durch verändertes Mienenspiel kennen.
Weitere Untersuchungen über die gleichgiltigen Kindheitserinnerungen haben mich dann belehrt, dass deren Entstehung noch anders zugehen kann, und dass sich hinter ihrer scheinbaren Harmlosigkeit eine ungeahnte Fülle von Bedeutung zu verbergen pflegt. Hierfür will ich mich aber nicht auf blosse Behauptung beschränken, sondern ein einzelnes Beispiel breit ausführen, welches mir unter einer grösseren Anzahl ähnlicher als das lehrreichste erscheint, und das durch seine Zugehörigkeit zu einem nicht oder nur sehr wenig neurotischen Individuum sicherlich an Wertschätzung gewinnt.
Ein 38jähriger akademisch gebildeter Mann, der sich trotz seines fernab liegenden Berufes ein Interesse für psychologische Fragen bewahrt hat, seitdem ich ihn durch Psychoanalyse von einer kleinen Phobie befreien konnte, lenkte im Vorjahre meine Aufmerksamkeit auf seine Kindheitserinnerungen, die schon in der Analyse eine gewisse Rolle gespielt hatten. Nachdem er mit der Untersuchung von V. und C. Henri bekannt geworden war, teilte er mir folgende zusammenfassende Darstellung mit:
„Ich verfüge über eine ziemliche Anzahl von frühen Kindheitserinnerungen, die ich mit grosser Sicherheit datieren kann. Im Alter von voll drei Jahren habe ich nämlich meinen kleinen Geburtsort verlassen, um in eine grosse Stadt zu übersiedeln; meine Erinnerungen spielen nun sämtlich in dem Orte, wo ich geboren bin, fallen also in das zweite bis dritte Jahr. Es sind meist kurze Scenen, aber sehr gut erhalten und mit allen Details der Sinneswahrnehmung gestaltet, so recht im Gegensatz zu meinen Erinnerungsbildern aus reifen Jahren, denen das visuelle Element völlig abgeht. Vom dritten Jahr an werden die Erinnerungen spärlicher und weniger deutlich; es finden sich Lücken vor, die mehr als ein Jahr umfassen müssen; erst vom sechsten oder siebenten Jahre an, glaube ich, wird der Strom der Erinnerung continuierlich. Ich teile mir die Erinnerungen bis zum Verlassen meines ersten Aufenthaltes ferner in drei Gruppen. Eine erste Gruppe bilden jene Scenen, von denen mir die Eltern nachträglich wiederholt erzählt haben; ich fühle mich bei diesen nicht sicher, ob ich das Erinnerungsbild von Anfang an gehabt, oder ob ich es mir erst nach einer solchen Erzählung geschaffen habe. Ich bemerke, dass es auch Vorfälle giebt, denen trotz mehrmaliger Schilderung von seiten der Eltern bei mir kein Erinnerungsbild entspricht. Auf die zweite Gruppe lege ich mehr Wert; es sind Scenen, von denen mir – soviel ich weiss – nicht erzählt wurde, zum Teil auch nicht erzählt werden konnte, weil ich die mithandelnden Personen: Kinderfrau, Jugendgespielen nicht wiedergesehen habe. Von der dritten Gruppe werde ich später reden. Was den Inhalt dieser Scenen und somit deren Anspruch auf Erhaltung im Gedächtnis betrifft, so möchte ich behaupten, dass ich über diesen Punkt nicht ganz ohne Orientierung bin. Ich kann zwar nicht sagen, dass die erhaltenen Erinnerungen den wichtigsten Begebenheiten jener Zeit entsprechen, oder was ich heute so beurteilen würde. Von der Geburt einer Schwester, die 21/2 Jahre jünger ist als ich, weiss ich nichts; die Abreise, der Anblick der Eisenbahn, die lange Wagenfahrt vorher haben keine Spur in meinem Gedächtnis hinterlassen. Zwei kleine Vorfälle während der Eisenbahnfahrt habe ich mir dagegen gemerkt; wie Sie sich erinnern, sind diese in der Analyse meiner Phobie vorgekommen. Am meisten Eindruck hätte mir doch eine Verletzung im Gesicht machen müssen, bei der ich viel Blut verlor und vom Chirurgen genäht wurde. Ich kann die Narbe, die von diesem Unfall zeugt, noch heute tasten, aber ich weiss von keiner Erinnerung, die direct oder indirect auf dieses Erlebnis hinwiese. Vielleicht war ich übrigens damals noch nicht zwei Jahre.“
„Demnach verwundere ich mich über die Bilder und Scenen der beiden ersten Gruppen nicht. Es sind allerdings verschobene Erinnerungen, in denen das wesentliche zumeist ausgeblieben ist; aber in einigen ist es zum mindesten angedeutet, in anderen wird es mir leicht, nach gewissen Fingerzeigen die Ergänzung vorzunehmen, und wenn ich so verfahre, so stellt sich mir ein guter Zusammenhang zwischen den einzelnen Erinnerungsbrocken her, und ich ersehe klar, welches kindliche Interesse gerade diese Vorkommnisse dem Gedächtnis empfohlen hat. Anders steht es aber mit dem Inhalt der dritten Gruppe, deren Besprechung ich mir bisher aufgespart habe. Hier handelt es sich um ein Material – eine längere Scene und mehrere kleine Bilder –, mit dem ich wirklich nichts anzufangen weiss. Die Scene erscheint mir ziemlich gleichgiltig, ihre Fixierung unverständlich. Erlauben Sie, dass ich sie Ihnen schildere: Ich sehe eine viereckige, etwas abschüssige Wiese, grün und dicht bewachsen; in dem Grün sehr viele gelbe Blumen; offenbar der gemeine Löwenzahn. Oberhalb der Wiese ein Bauernhaus, vor dessen Thür zwei Frauen stehen, die mit einander angelegentlich plaudern, die Bäuerin im Kopftuch und eine Kinderfrau. Auf der Wiese spielen drei Kinder, eines davon bin ich (zwischen zwei und drei Jahren alt), die beiden anderen mein Vetter, der um ein Jahr älter ist, und meine fast genau gleichaltrige Cousine, seine Schwester. Wir pflücken die gelben Blumen ab und halten jedes eine Anzahl von bereits gepflückten in den Händen. Den schönsten Strauss hat das kleine Mädchen; wir Buben aber fallen wie auf Verabredung über sie her und entreissen ihr die Blumen. Sie läuft weinend die Wiese hinauf und bekommt zum Trost von der Bäuerin ein grosses Stück Schwarzbrot. Kaum dass wir das gesehen haben, werfen wir die Blumen weg, eilen auch zum Haus nnd verlangen gleichfalls Brot. Wir bekommen es auch, die Bäuerin schneidet den Laib mit einem langen Messer. Dieses Brot schmeckt mir in der Erinnerung so köstlich und damit bricht die Scene ab.“
„Was an diesem Erlebnis rechtfertigt nun den Gedächtnisaufwand, zu dem es mich veranlasst hat? Ich habe mir vergeblich den Kopf darüber zerbrochen; liegt der Accent auf unserer Unliebenswürdigkeit gegen das kleine Mädchen; sollte das Gelb des Löwenzahns, den ich natürlich heute gar nicht schön finde, meinem Auge damals so gefallen haben; oder hat mir nach dem Herumtollen auf der Wiese das Brot soviel besser geschmeckt als sonst, dass daraus ein unverlöschbarer Eindruck geworden ist? Beziehungen dieser Scene zu dem unschwer zu erratenden Interesse, welches die anderen Kinderscenen zusammenhält, kann ich auch nicht finden. Ich habe überhaupt den Eindruck, als ob es mit dieser Scene nicht richtig zuginge; das Gelb der Blumen sticht aus dem Ensemble gar zu sehr hervor, und der Wohlgeschmack des Brotes erscheint mir auch wie hallucinatorisch übertrieben. Ich muss mich dabei an Bilder erinnern, die ich einmal auf einer parodistischen Ausstellung gesehen habe, in denen gewisse Bestandteile anstatt gemalt plastisch aufgetragen waren, natürlich die unpassendsten, z. B. die Tournüren der gemalten Damen. Können Sie mir nun einen Weg zeigen, der zur Aufklärung oder Deutung dieser überflüssigen Kindheitserinnerung führt?“
Ich hielt es für geraten zu fragen, seit wann ihn diese Kindheitserinnerung beschäftige, ob er meine, dass sie seit der Kindheit periodisch in seinem Gedächtnis wiederkehre, oder ob sie etwa irgendwann später nach einem zu erinnernden Anlass aufgetaucht sei. Diese Frage war alles, was ich zur Lösung der Aufgabe beizutragen brauchte; das übrige fand mein Partner, der kein Neuling in solchen Arbeiten war, von selbst.
Er antwortete: „Daran habe ich noch nicht gedacht. Nachdem Sie mir diese Frage gestellt haben, wird es mir fast zur Gewissheit, dass diese Kindererinnerung mich in jüngeren Jahren gar nicht beschäftigt hat. Ich kann mir aber auch den Anlass denken, von dem die Erweckung dieser und vieler anderer Erinnerungen an meine ersten Jahre ausgegangen ist. Mit 17 Jahren nämlich bin ich zuerst wieder als Gymnasiast zum Ferienaufenthalt in meinen Heimatsort gekommen und zwar als Gast einer uns seit jener Vorzeit befreundeten Familie. Ich weiss sehr wohl, welche Fülle von Erregungen damals Besitz von mir genommen hat. Aber ich sehe schon, ich muss Ihnen nun ein ganzes grosses Stück meiner Lebensgeschichte erzählen; es gehört dazu, und Sie haben es durch Ihre Frage heraufbeschworen. Hören Sie also: Ich bin das Kind von ursprünglich wohlhabenden Leuten, die, wie ich glaube, in jenem kleinen Provinznest behaglich genug gelebt hatten. Als ich ungefähr drei Jahre alt war, trat eine Katastrophe in dem Industriezweig ein, mit dem sich der Vater beschäftigte. Er verlor sein Vermögen, und wir verliessen den Ort notgedrungen, um in eine grosse Stadt zu übersiedeln. Dann kamen lange harte Jahre; ich glaube, sie waren nicht wert, sich etwas daraus zu merken. In der Stadt fühlte ich mich nie recht behaglich; ich meine jetzt, die Sehnsucht nach den schönen Wäldern der Heimat, in denen ich schon, kaum dass ich gehen konnte, dem Vater zu entlaufen pflegte, wie eine von damals erhaltene Erinnerung bezeugt, hat mich nie verlassen. Es waren meine ersten Ferien auf dem Lande, die mit 17 Jahren, und ich war, wie gesagt, Gast einer befreundeten Familie, die seit unserer Uebersiedelung gross emporgekommen war. Ich hatte Gelegenheit, die Behäbigkeit, die dort herrschte, mit der Lebensweise bei uns zu Hause in der Stadt zu vergleichen. Nun nützt wohl kein Ausweichen mehr; ich muss Ihnen gestehen, dass mich noch etwas anderes mächtig erregte. Ich war 17 Jahre alt, und in der gastlichen Familie war eine 15jährige Tochter, in die ich mich sofort verliebte. Es war meine erste Schwärmerei, intensiv genug, aber vollkommen geheim gehalten. Das Mädchen reiste nach wenigen Tagen ab in das Erziehungsinstitut, aus dem sie gleichfalls auf Ferien gekommen war, und diese Trennung nach so kurzer Bekanntschaft brachte die Sehnsucht erst recht in die Höhe. Ich erging mich viele Stunden lang in einsamen Spaziergängen durch die wiedergefundenen herrlichen Wälder mit dem Aufbau von Luftschlössern beschäftigt, die seltsamer Weise nicht in die Zukunft strebten, sondern die Vergangenheit zu verbessern suchten. Wenn der Zusammenbruch damals nicht eingetreten wäre, wenn ich in der Heimat geblieben wäre, auf dem Lande aufgewachsen, so kräftig geworden wie die jungen Männer des Hauses, die Brüder der Geliebten, und wenn ich dann den Beruf des Vaters fortgesetzt hätte und endlich das Mädchen geheiratet, das ja all’ die Jahre über mir hätte vertraut werden müssen! Ich zweifelte natürlich keinen Augenblick, dass ich sie unter den Umständen, welche meine Phantasien schufen, ebenso heiss geliebt hätte, wie ich es damals wirklich empfand. Sonderbar, wenn ich sie jetzt gelegentlich sehe – sie hat zufällig hierher geheiratet –, ist sie mir ganz ausserordentlich gleichgiltig, und doch kann ich mich genau erinnern, wie lange nachher die gelbe Farbe des Kleides, das sie beim ersten Zusammentreffen trug, auf mich gewirkt, wenn ich dieselbe Farbe irgendwo wiedersah.“
Das klingt ja ganz ähnlich wie Ihre eingeschaltete Bemerkung, dass Ihnen der gemeine Löwenzahn heute nicht mehr gefällt. Vermuten Sie nicht eine Beziehung zwischen dem Gelb in der Kleidung des Mädchens und dem so überdeutlichen Gelb der Blumen in Ihrer Kinderscene?
„Möglich, doch war es nicht dasselbe Gelb. Das Kleid war eher gelbbraun wie Goldlack. Indes kann ich Ihnen wenigstens eine Zwischenvorstellung, die Ihnen taugen würde, zur Verfügung stellen. Ich habe später in den Alpen gesehen, dass manche Blumen, die in der Ebene lichte Farben haben, auf den Höhen sich in dunklere Nüancen kleiden. Wenn ich nicht sehr irre, giebt es auf den Bergen häufig eine dem Löwenzahn sehr ähnliche Blume, die aber dunkelgelb ist und dann dem Kleid der damals Geliebten in der Farbe ganz entsprechen würde. Ich bin aber noch nicht fertig, ich komme zu einer in der Zeit nahe liegenden zweiten Veranlassung, welche meine Kindheitseindrücke in mir aufgerührt hat. Mit 17 Jahren hatte ich den Ort wiedergesehen; drei Jahre später war ich in den Ferien auf Besuch bei meinem Onkel, traf also die Kinder wieder, die meine ersten Gespielen gewesen waren, denselben um 1 Jahr älteren Vetter und dieselbe mit mir gleichalterige Cousine, die in der Kinderscene von der Löwenzahnwiese auftreten. Diese Familie hatte gleichzeitig mit uns meinen Geburtsort verlassen und war in der fernen Stadt wieder zu schönem Wohlstand gekommen.“
Und haben Sie sich da auch wieder verliebt, diesmal in die Cousine, und neue Phantasien gezimmert?
„Nein, diesmal ging es anders. Ich war schon auf der Universität und gehörte ganz den Büchern; für meine Cousine hatte ich nichts übrig. Ich habe damals meines Wissens keine solchen Phantasien gemacht. Aber ich glaube, zwischen meinem Vater und meinem Onkel bestand der Plan, dass ich mein abstruses Studium gegen ein practisch besser verwertbares vertauschen, nach Beendigung der Studien mich im Wohnort des Onkels niederlassen und meine Cousine zur Frau nehmen sollte. Als man merkte, wie versunken in meine eigenen Absichten ich war, liess man wohl den Plan wieder fallen; ich meine aber, dass ich ihn sicher erraten habe. Später erst als junger Gelehrter, als die Not des Lebens mich hart anfasste, und ich so lange auf eine Stellung in dieser Stadt zu warten hatte, mag ich wohl manchmal daran gedacht haben, dass der Vater es eigentlich gut mit mir gemeint, als er durch dieses Heiratsproject mich für den Verlust entschädigt wissen wollte, den jene erste Katastrophe mir fürs ganze Leben gebracht “
In diese Zeit Ihrer schweren Kämpfe um’s Brod möchte ich also das Auftauchen der in Rede stehenden Kindheitsscene verlegen, wenn Sie mir noch bestätigen, dass Sie in denselben Jahren die erste Bekanntschaft mit der Alpenwelt geschlossen haben.
„Das ist richtig; Bergtouren waren damals das einzige Vergnügen, das ich mir erlaubte. Aber ich verstehe Sie noch nicht recht.“
Sogleich. Aus Ihrer Kinderscene heben Sie als das intensivste Element hervor, dass Ihnen das Landbrot so ausgezeichnet schmeckt. Merken Sie nicht, dass diese fast hallucinatorisch empfundene Vorstellung mit der Idee Ihrer Phantasie correspondiert, wenn sie in der Heimat geblieben wären, jenes Mädchen geheiratet hätten, wie behaglich hätte sich Ihr Leben gestaltet, symbolisch ausgedrückt, wie gut hätte Ihnen Ihr Brot geschmeckt, um das Sie in jener späteren Zeit gekämpft haben? Und das Gelb der Blumen deutet auf dasselbe Mädchen hin. Sie haben übrigens in der Kindheitsscene Elemente, die sich nur auf die zweite Phantasie, wenn Sie die Cousine geheiratet hätten, beziehen lassen. Die Blumen wegwerfen, um ein Brot dafür einzutauschen, scheint mir keine üble Verkleidung für die Absicht, die Ihr Vater mit Ihnen hatte. Sie sollten auf Ihre unpractischen Ideale verzichten und ein „Brotstudium“ ergreifen, nicht wahr?
„So hätte ich also die beiden Reihen von Phantasien, wie sich mein Leben behaglicher hätte gestalten können, mit einander verschmolzen, das „Gelb“ und das „Land“brot aus der einen, das Wegwerfen der Blumen und die Personen aus der anderen entnommen?“
So ist es; die beiden Phantasien auf einander projiciert und eine Kindheitserinnerung daraus gemacht. Der Zug mit den Alpenblumen ist dann gleichsam die Marke für die Zeit dieser Fabrikation. Ich kann Ihnen versichern, dass man solche Dinge sehr häufig unbewusst macht, gleichsam dichtet.
„Aber dann wäre es ja keine Kindheitserinnerung, sondern eine in die Kindheit zurückverlegte Phantasie. Mir sagt aber ein Gefühl, dass die Scene echt ist. Wie vereint sich das?“
Für die Angaben unseres Gedächtnisses giebt es überhaupt keine Garantie. Ich will Ihnen aber zugeben, dass die Scene echt ist; dann haben Sie sie aus unzählig viel ähnlichen oder anderen hervorgesucht, weil sie sich vermöge ihres – an sich gleichgiltigen – Inhaltes zur Darstellung der beiden Phantasien eignete, die für Sie bedeutsam genug waren. Ich würde eine solche Erinnerung, deren Wert darin besteht, dass sie im Gedächtnisse Eindrücke und Gedanken späterer Zeit vertritt, deren Inhalt mit dem eigenen durch symbolische und ähnliche Beziehungen verknüpft ist, eine Deckerinnerung heissen. Jedenfalls werden Sie aufhören, sich über die häufige Wiederkehr dieser Scene in Ihrem Gedächtnis zu verwundern. Man kann sie nicht mehr eine harmlose nennen, wenn sie, wie wir gefunden haben, die wichtigsten Wendungen in Ihrer Lebensgeschichte, den Einfluss der beiden mächtigsten Triebfedern, des Hungers und der Liebe, zu illustrieren bestimmt ist.
„Ja, den Hunger hat sie gut dargestellt; aber die Liebe?“
In dem Gelb der Blumen, meine ich. Ich kann übrigens nicht leugnen, dass die Darstellung der Liebe in dieser Ihrer Kindheitsscene hinter meinen sonstigen Erfahrungen weit zurückbleibt.
„Nein, keineswegs. Die Darstellung der Liebe ist ja die Hauptsache daran. Jetzt verstehe ich erst! Denken Sie doch: einem Mädchen die Blume wegnehmen das heisst ja: deflorieren. Welch’ ein Gegensatz zwischen der Frechheit dieser Phantasie und meiner Schüchternheit bei der ersten, meiner Gleichgiltigkeit bei der zweiten Gelegenheit.“
Ich kann Sie versichern, dass derartige kühne Phantasien die regelmässige Ergänzung zur juvenilen Schüchternheit bilden.
„Aber dann wäre es nicht eine bewusste Phantasie, die ich erinnern kann, sondern eine unbewusste, die sich in diese Kindheitserinnerungen verwandelt?“
Unbewusste Gedanken, welche die bewussten fortsetzen. Sie denken sich: wenn ich die oder die geheiratet hätte, und dahinter entsteht der Antrieb, sich dieses Heiraten vorzustellen.
„Ich kann es jetzt selbst fortsetzen. Das Verlockendste an dem ganzen Thema ist für den nichtsnutzigen Jüngling die Vorstellung der Brautnacht; was weiss er von dem, was nachkommt. Diese Vorstellung wagt sich aber nicht an’s Licht, die herrschende Stimmung der Bescheidenheit und des Respektes gegen die Mädchen erhält sie unterdrückt. So bleibt sie unbewusst …“
Und weicht in eine Kindheitserinnerung aus. Sie haben Recht, gerade das Grobsinnliche an der Phantasie ist der Grund, dass sie sich nicht zu einer bewussten Phantasie entwickelt, sondern zufrieden sein muss, in eine Kindheitsscene als Anspielung in verblümter Form Aufnahme zu finden.
„Warum aber gerade in eine Kindheitsscene, möchte ich fragen?“
Vielleicht gerade der Harmlosigkeit zu Liebe. Können Sie sich einen stärkeren Gegensatz zu so argen sexuellen Aggressionsvorsätzen denken als Kindertreiben? Uebrigens sind für das Ausweichen von verdrängten Gedanken und Wünschen in die Kindheitserinnerungen allgemeinere Gründe massgebend, denn Sie können dieses Verhalten bei hysterischen Personen ganz regelmässig nachweisen. Auch scheint es, dass das Erinnern von Längstvergangenem an und für sich durch ein Lustmotiv erleichtert wird. „Forsan et haec olim meminisse juvabit.“
„Wenn dem so ist, so habe ich alles Zutrauen zur Echtheit dieser Löwenzahnscene verloren. Ich halte mir vor, dass in mir auf die zwei erwähnten Veranlassungen hin, von sehr greifbaren realen Motiven unterstützt, der Gedanke auftaucht: Wenn du dieses oder jenes Mädchen geheiratet hättest, wäre dein Leben viel angenehmer geworden. Dass die sinnliche Strömung in mir den Gedanken des Bedingungssatzes in solchen Vorstellungen wiederholt, welche ihr Befriedigung bieten können; dass diese zweite Fassung desselben Gedankens infolge ihrer Unverträglichkeit mit der herrschenden sexuellen Disposition unbewusst bleibt, aber gerade dadurch in den Stand gesetzt ist, im psychischen Leben fortzudauern, wenn die bewusste Fassung längst durch die veränderte Realität beseitigt ist; dass der unbewusst gebliebene Satz nach einem geltenden Gesetz, wie Sie sagen, bestrebt ist, sich in eine Kindheitsscene umzuwandeln, welche ihrer Harmlosigkeit wegen bewusst werden darf; dass er zu diesem Zweck eine neue Umgestaltung erfahren muss, oder vielmehr zwei, eine, die dem Vordersatz das Anstössige benimmt, indem sie es bildlich ausdrückt, eine zweite, die den Nachsatz in eine Form presst, welche der visuellen Darstellung fähig ist, wozu die Mittelvorstellung Brot–Brotstudium verwendet wird. Ich sehe ein, dass ich durch die Production einer solchen Phantasie gleichsam eine Erfüllung der beiden unterdrückten Wünsche – nach dem Deflorieren und nach dem materiellen Wohlbehagen – hergestellt habe. Aber nachdem ich mir von den Motiven, die zur Entstehung der Löwenzahnphantasie führten, so vollständig Rechenschaft geben kann, muss ich annehmen, dass es sich hier um etwas handelt, was sich überhaupt niemals ereignet hat, sondern unrechtmässig unter meine Kindheitserinnerungen eingeschmuggelt worden ist.“
Nun muss ich aber den Verteidiger der Echtheit spielen. Sie gehen zu weit. Sie haben sich von mir sagen lassen, dass jede solche unterdrückte Phantasie die Tendenz hat, in eine Kindheitsscene auszuweichen; nun nehmen Sie hinzu, dass dies nicht gelingt, wenn nicht eine solche Erinnerungsspur da ist, deren Inhalt mit dem der Phantasie Berührungspunkte bietet, die ihr gleichsam entgegenkommt. Ist erst ein solcher Berührungspunkt gefunden – hier ist es das Deflorieren, die Blume wegnehmen –, so wird der übrige Inhalt der Phantasie durch alle zulässigen Zwischenvorstellungen (denken Sie an das Brot!) so weit umgemodelt, bis sich neue Berührungspunkte mit dem Inhalt der Kinderscene ergeben haben. Sehr wohl möglich, dass bei diesem Process auch die Kinderscene selbst Veränderungen unterliegt; ich halte es für sicher, dass auf diesem Wege auch Erinnerungsfälschungen zu Stande gebracht werden. In Ihrem Falle scheint die Kindheitsscene nur ciseliert worden zu sein; denken Sie an die übermässige Hervorhebung des Gelb und an den übertriebenen Wohlgeschmack des Brotes. Das Rohmaterial war aber brauchbar. Wäre es so nicht gewesen, so hätte sich diese Erinnerung eben nicht aus allen anderen zum Bewusstsein erheben können. Sie hätten keine solche Scene als Kindheitserinnerung bekommen, oder vielleicht eine andere, denn Sie wissen ja, wie leicht es unserem Witz wird, Verbindungsbrücken von überallher überallhin zu schlagen. Für die Echtheit Ihrer Löwenzahnerinnerung spricht übrigens ausser Ihrem Gefühl, das ich nicht unterschätzen möchte, noch etwas Anderes. Sie enthält Züge, die nicht auflösbar durch Ihre Mitteilungen sind, auch zu den aus der Phantasie stammenden Bedeutungen nicht passen. So z. B. wenn der Vetter Ihnen mithilft, die Kleine der Blumen zu berauben. Könnten Sie mit einer solchen Hilfeleistung beim Deflorieren einen Sinn verbinden? Oder mit der Gruppe der Bäuerin und der Kinderfrau oben vor dem Haus?
„Ich glaube nicht.“
Die Phantasie deckt sich also nicht ganz mit der Kindheitsscene, sie lehnt sich nur in einigen Punkten an sie an. Das spricht für die Echtheit der Kindheitserinnerung.
„Glauben Sie, dass eine solche Deutung von scheinbar harmlosen Kindheitserinnerungen oftmals am Platze ist?“
Nach meinen Erfahrungen sehr oft. Wollen Sie es zum Scherz versuchen, ob die beiden Beispiele, welche die Henri mitteilen, die Deutung als Deckerinnerungen für spätere Erlebnisse und Wünsche zulassen? Ich meine die Erinnerung an den gedeckten Tisch, auf dem eine Schale mit Eis steht, was mit dem Tod der Grossmutter zusammenhängen soll, und die zweite von dem Ast, den sich das Kind auf einem Spaziergang abbricht, wobei ihm ein Anderer Hilfe leistet?
Er besann sich eine Weile: „Mit der ersten weiss ich nichts anzufangen. Es ist sehr wahrscheinlich eine Verschiebung im Spiele, aber die Mittelglieder sind nicht zu erraten. Für die zweite getraute ich mich einer Deutung, wenn die Person, die sie als ihre eigene mitteilt, kein Franzose wäre.“
Jetzt verstehe ich Sie nicht. Was soll das ändern?
„Es ändert viel, da der sprachliche Ausdruck wahrscheinlich die Verbindung zwischen der Deckerinnerung und der gedeckten vermittelt. Im Deutschen ist „sich einen ausreissen“ eine recht bekannte, vulgäre Anspielung auf die Onanie. Die Scene würde die Erinnerung an eine später erfolgte Verführung zur Onanie in die frühe Kindheit zurückverlegen, da ihm doch jemand dazu verhilft. Es stimmt aber doch nicht, weil in der Kindheitsscene so viel andere Personen mit dabei sind.“
Während die Verleitung zur Onanie in der Einsamkeit und im Geheimen stattgefunden haben muss. Gerade dieser Gegensatz spricht mir für Ihre Auffassung; er dient wiederum dazu, die Scene harmlos zu machen. Wissen Sie, was es bedeutet, wenn wir im Traum „viele fremde Leute“ sehen, wie es in den Nacktheitsträumen so häufig vorkommt, bei denen wir uns so entsetzlich geniert fühlen? Nichts Anderes als – Geheimnis, was also durch seinen Gegensatz ausgedrückt ist. Uebrigens bleibt die Deutung ein Scherz; wir wissen ja wirklich nicht, ob der Franzose in den Worten „casser une branche d’une arbre“ oder in einer etwas rectificierten Phrase eine Anspielung an die Onanie erkennen wird.
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Der Begriff einer Deckerinnerung als einer solchen, die ihren Gedächtniswert nicht dem eigenen Inhalt, sondern dessen Beziehung zu einem anderen unterdrückten Inhalt verdankt, dürfte aus der vorstehenden, möglichst getreu mitgeteilten Analyse einigermassen klar geworden sein. Je nach der Art dieser Beziehung kann man verschiedene Klassen von Deckerinnerungen unterscheiden. Von zwei dieser Klassen haben wir unter unseren sogen. frühesten Kindheitserinnerungen Beispiele gefunden, wenn wir nämlich die unvollständige und durch diese Unvollständigkeit harmlose Infantilscene mit unter den Begriff der Deckerinnerung fallen lassen. Es ist vorauszusehen, dass sich Deckerinnerungen auch aus den Gedächtnisresten der späteren Lebenszeiten bilden werden. Wer den Hauptcharakter derselben, grosse Gedächtnisfähigkeit bei völlig gleichgiltigem Inhalt, im Auge behält, wird leicht Beispiele dieser Art zahlreich in seinem Gedächtnis nachweisen können. Ein Teil dieser Deckerinnerungen mit später erlebtem Inhalt verdankt seine Bedeutung der Beziehung zu unterdrückt gebliebenen Erlebnissen der frühen Jugend, also umgekehrt wie in dem von mir analysierten Falle, in dem eine Kindererinnerung durch später erlebtes gerechtfertigt wird. Je nachdem das eine oder das andere zeitliche Verhältnis zwischen Deckendem und Gedecktem statt hat, kann man die Deckerinnerung als eine rückläufige oder als eine vorgreifende bezeichnen. Nach einer anderen Beziehung unterscheidet man positive und negative Deckerinnerungen (oder Trutzerinnerungen), deren Inhalt im Verhältnis des Gegensatzes zum unterdrückten Inhalt steht. Das Thema verdiente wohl eine gründlichere Würdigung; ich begnüge mich hier damit, aufmerksam zu machen, welche complicierten – übrigens der hysterischen Symptombildung durchaus analogen – Vorgänge an der Herstellung unseres Erinnerungsschatzes beteiligt sind.
Unsere frühesten Kindheitserinnerungen werden immer Gegenstand eines besonderen Interesses sein, weil hier das eingangs erwähnte Problem, wie es denn kommt, dass die für alle Zukunft wirksamsten Eindrücke kein Erinnerungsbild zu hinterlassen brauchen, zum Nachdenken über die Entstehung der bewussten Erinnerungen überhaupt auffordert. Man wird sicherlich zunächst geneigt sein, die eben behandelten Deckerinnerungen unter den Kindheitsgedächtnisresten als heterogene Bestandteile auszuscheiden, und sich von den übrigen Bildern die einfache Vorstellung zu machen, dass sie gleichzeitig mit dem Erleben als unmittelbare Folge der Einwirkung des Erlebten entstehen und von da an nach den bekannten Reproductionsgesetzen zeitweise wiederkehren. Die feinere Beobachtung ergiebt aber einzelne Züge, welche schlecht zu dieser Auffassung stimmen. So vor allem den folgenden: In den meisten bedeutsamen und sonst einwandfreien Kinderscenen sieht man in der Erinnerung die eigene Person als ein Kind, von dem man weiss, dass man selbst dieses Kind ist; man sieht dieses Kind aber, wie es ein Beobachter ausserhalb der Scene sehen würde. Die Henri versäumen nicht aufmerksam zu machen, dass viele ihrer Gewährspersonen diese Eigentümlichkeit der Kinderscenen ausdrücklich hervorheben. Nun ist es klar, dass dieses Erinnerungsbild nicht die getreue Wiederholung des damals empfangenen Eindruckes sein kann. Man befand sich ja mitten in der Situation und achtete nicht auf sich, sondern auf die Aussenwelt.
Wo immer in einer Erinnerung die eigene Person so als ein Object unter anderen Objecten auftritt, darf man diese Gegenüberstellung des handelnden und des erinnernden Ich’s als einen Beweis dafür in Anspruch nehmen, dass der ursprüngliche Eindruck eine Ueberarbeitung erfahren hat. Es sieht aus, als wäre hier eine Kindheits-Erinnerungsspur zu einer späteren (Erweckungs-) Zeit in’s Plastische und Visuelle rückübersetzt worden. Von einer Reproduction aber des ursprünglichen Eindrucks ist uns niemals etwas zu Bewusstsein gekommen.
Noch mehr Beweiskraft zu Gunsten dieser anderen Auffassung der Kindheitsscenen muss man einer zweiten Thatsache zugestehen. Unter den mit gleicher Bestimmtheit und Deutlichkeit auftretenden Infantilerinnerungen an wichtige Erlebnisse giebt es eine Anzahl von Scenen, die sich bei Anwendung von Controle – etwa durch die Erinnerung Erwachsener – als gefälschte herausstellen. Nicht dass sie frei erfunden wären; sie sind insofern falsch, als sie eine Situation an einen Ort verlegen, wo sie nicht stattgefunden hat (wie auch in einem von den Henri mitgeteilten Beispiel), Personen mit einander verschmelzen oder vertauschen, oder sich überhaupt als Zusammensetzung von zwei gesonderten Erlebnissen zu erkennen geben. Einfache Untreue der Erinnerung spielt gerade hier, bei der grossen sinnlichen Intensität der Bilder und bei der Leistungsfähigkeit der jugendlichen Gedächtnisfunction, keine erhebliche Rolle; eingehende Untersuchung zeigt vielmehr, dass solche Erinnerungsfälschungen tendenziöse sind, d. h. dass sie den Zwecken der Verdrängung und Ersetzung von anstössigen oder unliebsamen Eindrücken dienen. Auch diese gefälschten Erinnerungen müssen also zu einer Lebenszeit entstanden sein, da solche Conflicte und Antriebe zur Verdrängung sich bereits im Seelenleben geltend machen konnten, also lange Zeit nach der, welche sie in ihrem Inhalt erinnern. Auch hier ist aber die gefälschte Erinnerung die erste, von der wir wissen; das Material an Erinnerungsspuren, aus dem sie geschmiedet wurde, blieb uns in seiner ursprünglichen Form unbekannt.
Durch solche Einsicht verringert sich in unserer Schätzung der Abstand zwischen den Deckerinnerungen und den übrigen Erinnerungen aus der Kindheit. Vielleicht ist es überhaupt zweifelhaft, ob wir bewusste Erinnerungen aus der Kindheit haben, oder nicht vielmehr blos an die Kindheit. Unsere Kindheitserinnerungen zeigen uns die ersten Lebensjahre, nicht wie sie waren, sondern wie sie späteren Erweckungszeiten erschienen sind. Zu diesen Zeiten der Erweckung sind die Kindheitserinnerungen nicht, wie man zu sagen gewohnt ist, aufgetaucht, sondern sie sind damals gebildet worden, und eine Reihe von Motiven, denen die Absicht historischer Treue fern liegt, hat diese Bildung sowie die Auswahl der Erinnerungen mitbeeinflusst.
1)Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. Neurol. Centralblatt. 1896. No. 10.