Rank, Otto (1913-501//1913-766): 12. Sitzung am 8. Januar 1913: Dr. Paul Federn: Beispiel von Libidoverschiebung während der Kur
S.
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Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung.
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In der Sitzung vom 5. Februar 1913 hat der Ausschuß Herrn Hugo
Heller, als Verleger der zwei psychoanalytischen Zeitschriften, kooptiert.12. Sitzung am 8. Januar 1913:
Dr. Paul Federn: Beispiel von Libidoverschiebung während
der Kur.Die psychoanalytische Behandlung muß die pathologische Libidoverschnürung
zur Lösung bringen. Hiebei erfolgt die Verschiebung der Libido in der ent-gegengesetzten Richtung, als bei der Entstehung der neurotischen Erkrankung; es ergeben sich dabei im meisten Fällen ist nur das Resultat dieser Resultat ad
integrum zu ordnen, indem früher verdrängte Libido frei wird und gleich-zeitig die durch den entsprechenden Libidoanteil unterhaltenen Symptome an
Intensität verlieren, schließlich ganz verschwinden. Männer begegnet man
aber Fällen, welche trotz Neurose einen beträchtlichen Teil ihrer Libido un-verdrängt behalten haben. An solchen Fällen gelingt es, wenn man das Augenmerk darauf richtet, auch mit dem Detail den Zusammenhang der Verteilung und
der Verschiebung der Libido mit dem Wechsel oder Passieren von Symptomen
zu beobachten. Es handelt sich dabei um Individuen mit angenuinem starker
Triebstärke in normaler und perverser Richtung, bei welchen eine besondere
organische Disposition, die sich auch in der Prävalenz bestimmter erogener
Zonen äußert, wesentlich zur Entstehung der Neurose beigetragen hat. Eine
solches Prävalenz des organischen Faktors findet sich regelmäßig bei den
Fällen von Asthma bronchiale. Diese Krankheit macht deshalb so völlig
den Eindruck einer rein organischen Störung. Erst die Untersuchung der
seelischen Anlässe und die Aufklärung der scheinbaren Unbegründbarkeit
der Anfälle, sowie die ungewöhnliche Beeinflußbarkeit durch suggestive und
Stimmungseinflüsse haben den psychogenen Charakter der Erkrankung evident
gemacht. - Die Psychoanalyse hat regelmäßig libidinöse Ursachen aufdecken
können. An einem derartigen Falle von Bronchialasthma dessen psychogene
Details einer weiteren Publikation vorbehalten bleiben sollen, konnten die Vor-
gänge der Libidoverschiebung genau beobachtet und der psychogene Faktor
in der Ätiologie vom organischen gut unterschieden werden.Als konstitutioneller Faktor war das Prävalenz der Geruchsinne
und der Mundzone in erogener Hinsicht überaus deutlich. Diese Prävalenz
ist nach meiner Erfahrung an mehreren Fällen und in Übereinstimmung mit
vielen nicht psychoanalytischen Autoren ein regelmäßiger ätiologischer Befund beiS.
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dieser Erkrankung. Der zweite wichtige konstitutionelle Faktor, der aber allen
schweren Neurosen gemeinsam ist, ist die überraschende Intensität der Sexu-alität in den Kinderjahren. Konstitution und Milieueinflüsse gemeinsam ver-hindern das Auftreten der sexuellen Latenzperiode zwischen infantiler und
pubertärer Sexualität.Im vorliegenden Einzelfalle waren die Geruchseindrücke von den ersten
Kinderjahren an in ungewöhnlichem Maße sexuell lustvoll betont. Wie manche
Tierarten und die Wilden hatte der Patient ein hervorstehendes Geruchs-interesse in dieser Richtung, welches von sympathischen und antipathischen Charakter
von Menschen, Lokalitäten und Ereignissen durch Dezennien festhielt. Es ist
regelmäßig zu beobachten, daß Individuen, denen Geruchssinn so glänzend ent-wickelt und mit dem Sexualtrieb so eng verknüpft ist, sogenannte „Schmutzmenschen“ zu sein pflegen, welche bis zu feinsten Nuancen nicht an die tat-sächlichen Ereignisse, sondern an die Variationen der äußeren Umstände ihrer
manigfachen Stimmungen knüpfen. Die an den Geruchssinn fixierte Libido
brachte dem Kinde in analog wie bei dem Tiere — die körperlichen Sekrete
und Exkrete sowie die entsprechenden Organe an anderen Individuen zu Sexual-
objekten. Dadurch entstanden manigfache Phantasien. Und so wurde das
Kind durch perverse Beziehungen an die von ihm geliebten Personen fixiert.
Sein völlig spontan entstandenes, durch kein äußeres Ereignis unterstütztes
Sexualziel dieser intensiven libidinösen Beziehung war die Phantasie des Cunnil-ingus, welche nach dem 7. Lebensjahr auftrat, in welchem Jahre das Kind
infolge von Tierbeobachtungen und durch Aufklärung von dem Geburtsvorgänge
Nachricht erhalten hatte. Der Cunnilingus ist eine Perversität, welche nicht
durch einfaches Verbleiben bei einer infantilen Sexualstufe erklärt werden kann.
Der Cunnilingus erfüllt die infantile Sehnsucht, zur Mutter zurückzukommen.
Der Anreiz zu dieser Perversität stammt von der Riechsphäre, das Organ
gehört der Mundzone an und das Ziel ist der reifen Sexualität entnommen,
es ist das Ziel, in die Vagina einzudringen. So ist der Cunnilingus dazu
geeignet, daß durch diese Phantasien die normale von den Sexualorganen
ausgehende Libido, infolge des gemeinsamen Zieles und Objektes, auf die
im infantilen Stadium prävalente Mund- und Ruchzone verschoben wird.
Diese Verschiebung wurde unterstützt durch die sonstige intensive, über
ihre reifen erotischen Äußerungen keineswegs synchrone Fixierung an die
Mutter. Da unser Patient wie die meisten Asthmatiker eine starke sexuelle
Konstitution hatte, blieb trotzdem die eigenexuelle Sexualität ungestört. Nur
war die Liebesfähigkeit für andere Frauen wesentlich gelähmt. Sie war am
Ödipuskomplex fixiert. Und im Ödipuskomplex war die Libido von der Ge-nitalzone auf die Mundzone verschoben. Entsprechend dieser eigenartigen
Fixierung waren in dem intensiven Phantasieleben des Kindes auch typische
Mutterleibsphantasien ungemein häufig, welche auch die spontanen Spiele
des Kindes beeinflußten.Das Asthma war zum erstenmal nach einer Trennung von der Mutter
aufgetreten. Jedes Asthma ging in typische Phantasien und Tagträume, bei
Nacht in das Individuum spezifische Asthmaträume, voraus. Die Analyse dieser
Träume und der wachen Phantasien führte regelmäßig auf bestimmte libidinöse
Bestrebungen zurück, welche mit dem Anfällen seinen Wunsch wenigstens
so weit erreicht, daß es die Mutter oder andere geliebte Personen herbeizu-zwingen vermochte. Und in den begleitenden Phantasien und Träumen war
auch die libidinöse Wunscherfüllung noch beim Erwachsenen dargestellt. So
entspricht auch das Asthma der allgemeinen Formel, wie sie Freud für jedes
hysterische Symptom aufgestellt hat, daß es eine im Bewußtsein verlasseneZeitschr. f. ärztl. Psychoanalys.
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stimmung. Mit fortschreitender Heilung pflegten diese Stimmungen noch auf-zutreten, ohne daß sie durch Regression bis zum wirklichen Asthma führten.
Vorher konnte aus dem Auftreten der Asthmastimmung mit Bestimmtheit auf
den kommenden Anfall gerechnet werden. Diese Stimmung wurde immer
durch einen unerfüllten, bewußten oder unbewußten Wunsch ausgelöst und war
bis in das reife Menschenalter des sich unglücklich und verlassen fühlenden
Kindes. Während der Erwachsene auf ein Unglückgefühl mit vernünftigen
Maßregeln und Plänen, auch mit Wünschen und Hoffnungen oder der Re-signation reagiert, hat das sich unglücklich fühlende Kind nur das Gefühl:
Man soll mir helfen, ich mag das nicht und die Mutter soll kommen. Diese
Hilfe sucht das Kind durch Schreien mit Jammern, durch Betonen und Zeigen
des Unglücklichseins herbeizurufen. Das infantile Unglücksgefühl bei dem
Neurotiker hat deshalb immer ein Publikum und verlangt die sofortige Ab-hilfe durch fremde Hilfe, auch in Fällen, wo das unmöglich ist. Bei unserem
Kranken erbtegte sich dieses infantile Unglücksgefühl als die Stimmung des
artigen Hilfe vor einem Publikum entstehenden, ansteigenden, erregenden
und verzweifelten Kindes. Im Unbewußten war es noch immer die Mutter,
nach der der Kranke wie der Kranke bei der Atemlosigkeit schreit. Da
alle Sehnsucht nach der Mutter die pervers-infantile Bronch. wieder im Un-
bewußten reaktivierte, wurde auch der konstitutionell ausgebildete, von der
Ruchsphäre ausgelöste abnorme Reflex der Bronchialmuskel und die zum Asthma
gehörige Sekretion nur in den Kindheit durch die Unglücksstimmung provoziert,
die Rückkehr zu den infantilen Wünschen verriest sich in dem Ablauf der
Phantasien und Träume des Patienten, welche der Steigerung von der ak-tuellen Enttäuschung bis zum Anfall parallel gingen.Es ergab sich, daß bei einundzwanzigmal disperierten Individuum endogene
sexuelle und exogene infantile Momente, auch wenn letztere geeignet schienen,
Katarhhe auszulösen, in Wirklichkeit dadurch das Asthma einleiten, daß sie
eine infantile Situation durch unbewußte Assoziationen wiedererweckten, in
welcher das Kind nach der Mutter mit perverser Libido begehrte, nach Be-
ziehung nur zu der konnte. Von nicht rein sexuellen Momenten kamen noch
unbewußte Phantasien hinzu, welche ein Wüten, Kämpfen, Streiten, Wett-laufen und Lachen bis zur Atemförderung repräsentierten.Daß das Asthma aus der Kindheit in die Pubertät und bis in das vierte
Lebensdezentium anhielt, war durch das Ausbleiben der Latenzperiode er-leichtert, denn die in der Pubertät erwachende Penis-sexualität hat unmittelbar
zum ersten kindliche Fixierung verstärken. Die zweite Ursache war, daß der
Patient die infantile Einteilung umgehen, bei denen Erotismus und Vor-stellungen, welche nach dem Lust- und Unlustprinzip erfolgt, nicht aufgegeben
hatte. Infolge dieses Festhaltens an der infantilen Reaktionsweise blieb der End-
zwang unveränderlich das gleiche Scheitern des Versuches einer Wunsch-befriedigung, welches Scheitern im Asthma zur Darstellung kam. Trotz
der schlichen Unlustreaktion konnte infolge der Unkontrollierbarkeit der
unbewußten Vorgänge der unbewußte Versuch einer Befriedigung nach der in-fantilen Weise nicht aufgegeben werden, daher bleibt der Asthmaanfall nur
für das Bewußtsein des erwachsenen Individuums ein Scheitern der Wünsche
dar. Das Kind hatte tatsächlich mit den Anfällen seinen Wunsch wenigstens
so weit erreicht, daß es die Mutter oder andere geliebte Personen herbeizu-zwingen vermochte. Und in den begleitenden Phantasien und Träumen war
auch die libidinöse Wunscherfüllung noch beim Erwachsenen dargestellt. So
entspricht auch das Asthma der allgemeinen Formel, wie sie Freud für jedes
hysterische Symptom aufgestellt hat, daß es eine im Bewußtsein verlasseneZeitschr. f. ärztl. Psychoanalys. 20
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infantile Sexualbefriedigung, dabei eine Kompromisaktion von libidinösen und anderen Wünschen und der Abwehr dagegen darstellt.
Was hat nun die am Menschen geändert und wie wird die Libido durch die versohoben?
1. Die Psychoanalyse hat die auslösenden Momente dem Bewußtsein
richtig erklärt.
2. Die unbewußten Phantasien, die zum Asthma geführt hatten, wurden
bewußt gemacht und dabei malartige Affekte zur Erledigung gebracht.
3. Dadurch wurde der Patient befähigt, dort, wo er vorher zu einem Scha-den in ungeeigneter Weise das Lust-Unlust-Prinzip herrschen ließ, nach dem
Realitätsprinzip zu reagieren und seine Stimmungen rechtzeitig zu erkennen
und zu beherrschen.
4. Die Verschiebung der Libido von der Genitalzone auf die Riech-und
Mundzone wurde rückgängig gemacht.
5. Durch diese Rückverschiebung wurde es dem Patienten ermöglicht,
sich von den infantilen Fixierungen an ungeeignete Objekte zu lösen: Er kam
von der unbewußten Herrschaft der Mutterimago los.In der Diskussion hob Prof. Freud hervor, daß es zweckentsprechend
ist, solche Sexualneurosen, denen ein gleichlich psychischer Mechanismus wie
die Hysterie haben, aber die Symptome nicht durch eigentliche Konversion
bilden, sondern dazu eine organisch präformierte, abnorme somatische Reaktion
benützen, als Fixierungs-hysterien zu bezeichnen und als besondere
Gruppe der Konversions- und Angst-hysterien bei zuordnen.
Im Schlußwort hält es der Vortragende zum für wahrscheinlich, daß
alle Fälle von Bronchialasthma psychogen ausgelöst werden, aber mit Rück-sicht auf die relativ geringe Anzahl von psychoanalysierten Fällen sei diese
Frage noch unerledigt. (Autoreferat.)13. Sitzung am 15. Januar 1913.
Prof. Freud: Animismus, Magie und Allmacht der Ge-
danken (erschien in „Imago“, Februar 1913).14. Sitzung am 22. Januar 1913.
Dr. Lorenz (als Gast): Die Geschichte des Bergmannes von
Falun.
Nach einer historischen und literarischen Orientierung über die zu
Grunde liegende Begebenheit, ihre Überlieferung und die dichterische Aus-gestaltung der Vorgeschichte durch Arnim, E. T. A. Hoffmann, Richard Wagner
und H. v. Hoffmannsthal gibt der Vortragende mit besonderer Berücksichtigung
der Bearbeitungen Hoffmanns und Hofmannsthals eine Analyse des Wahnes
und der Träume des Helden, aus der sich dessen infantile Fixierung an die
Mutter mit ihrer neurotischen Darstellung in einer Mutterleibphantasie (das
Berg-innere) ergibt.15. Sitzung am 29. Januar 1913.
Kasuistische Mitteilungen und Referate.
1. Rosenstein: Nichts zu Daten: Zahlenanalyse.
2. Hitschmann: Übereinstimmungen zwischen Neurotikern.
3. Rank: Demonstration einer Zeichnung.
Mitteilung zweier Träume.
4. Sadger: Über die Notwendigkeit, die Gefäß-erotik von der Anal-erotik zu trennen.
5. Tausk: Traummechanismen und -symbole.