12. Sitzung am 8. Januar 1913: Dr. Paul Federn: Beispiel von Libidoverschiebung während der Kur 1913-501//1913-766

Rank, Otto (1913-501//1913-766): 12. Sitzung am 8. Januar 1913: Dr. Paul Federn: Beispiel von Libidoverschiebung während der Kur

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    Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung.

    H. W. Fink (President), 1 West 83th Str., New York.
    B. M. Hinkle, 115 East 81th Str., New York.
    Josephine Jackson, 1971 Morton Av., Tasdedena, California.
    W. A. Karpas (Vicepresident), Bellevue Hospital, New York.
    M. Keshner, 264 East 7th Str., New York.
    C. P. Oberndorf, 249 West 74th Str., New York.
    B. Onuf, Amityville L. I.
    E. W. Scripture, 236 W. 74th Str., New York.
    L. Sheinman, Lebanon Hospital, New York.
    F. W. Stochran, 321 East 18th Str., New York.
    S. A. Tannenbaum, 243 East 7th Str., New York.
    W. Timme, 158 West 95th Str., New York.


    3. Ortsgruppe Wien.

    In der Sitzung vom 5. Februar 1913 hat der Ausschuß Herrn Hugo
    Heller, als Verleger der zwei psychoanalytischen Zeitschriften, kooptiert.

    12. Sitzung am 8. Januar 1913:

    Dr. Paul Federn: Beispiel von Libidoverschiebung während
    der Kur.

    Die psychoanalytische Behandlung muß die pathologische Libidoverschnürung
    zur Lösung bringen. Hiebei erfolgt die Verschiebung der Libido in der ent-gegengesetzten Richtung, als bei der Entstehung der neurotischen Erkrankung; es ergeben sich dabei im meisten Fällen ist nur das Resultat dieser Resultat ad
    integrum zu ordnen, indem früher verdrängte Libido frei wird und gleich-zeitig die durch den entsprechenden Libidoanteil unterhaltenen Symptome an
    Intensität verlieren, schließlich ganz verschwinden. Männer begegnet man
    aber Fällen, welche trotz Neurose einen beträchtlichen Teil ihrer Libido un-verdrängt behalten haben. An solchen Fällen gelingt es, wenn man das Augenmerk darauf richtet, auch mit dem Detail den Zusammenhang der Verteilung und
    der Verschiebung der Libido mit dem Wechsel oder Passieren von Symptomen
    zu beobachten. Es handelt sich dabei um Individuen mit angenuinem starker
    Triebstärke in normaler und perverser Richtung, bei welchen eine besondere
    organische Disposition, die sich auch in der Prävalenz bestimmter erogener
    Zonen äußert, wesentlich zur Entstehung der Neurose beigetragen hat. Eine
    solches Prävalenz des organischen Faktors findet sich regelmäßig bei den
    Fällen von Asthma bronchiale. Diese Krankheit macht deshalb so völlig
    den Eindruck einer rein organischen Störung. Erst die Untersuchung der
    seelischen Anlässe und die Aufklärung der scheinbaren Unbegründbarkeit
    der Anfälle, sowie die ungewöhnliche Beeinflußbarkeit durch suggestive und
    Stimmungseinflüsse haben den psychogenen Charakter der Erkrankung evident
    gemacht. - Die Psychoanalyse hat regelmäßig libidinöse Ursachen aufdecken
    können. An einem derartigen Falle von Bronchialasthma dessen psychogene
    Details einer weiteren Publikation vorbehalten bleiben sollen, konnten die Vor-
    gänge der Libidoverschiebung genau beobachtet und der psychogene Faktor
    in der Ätiologie vom organischen gut unterschieden werden.

    Als konstitutioneller Faktor war das Prävalenz der Geruchsinne
    und der Mundzone in erogener Hinsicht überaus deutlich. Diese Prävalenz
    ist nach meiner Erfahrung an mehreren Fällen und in Übereinstimmung mit
    vielen nicht psychoanalytischen Autoren ein regelmäßiger ätiologischer Befund bei

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    dieser Erkrankung. Der zweite wichtige konstitutionelle Faktor, der aber allen
    schweren Neurosen gemeinsam ist, ist die überraschende Intensität der Sexu-alität in den Kinderjahren. Konstitution und Milieueinflüsse gemeinsam ver-hindern das Auftreten der sexuellen Latenzperiode zwischen infantiler und
    pubertärer Sexualität.

    Im vorliegenden Einzelfalle waren die Geruchseindrücke von den ersten
    Kinderjahren an in ungewöhnlichem Maße sexuell lustvoll betont. Wie manche
    Tierarten und die Wilden hatte der Patient ein hervorstehendes Geruchs-interesse in dieser Richtung, welches von sympathischen und antipathischen Charakter
    von Menschen, Lokalitäten und Ereignissen durch Dezennien festhielt. Es ist
    regelmäßig zu beobachten, daß Individuen, denen Geruchssinn so glänzend ent-wickelt und mit dem Sexualtrieb so eng verknüpft ist, sogenannte „Schmutzmenschen“ zu sein pflegen, welche bis zu feinsten Nuancen nicht an die tat-sächlichen Ereignisse, sondern an die Variationen der äußeren Umstände ihrer
    manigfachen Stimmungen knüpfen. Die an den Geruchssinn fixierte Libido
    brachte dem Kinde in analog wie bei dem Tiere — die körperlichen Sekrete
    und Exkrete sowie die entsprechenden Organe an anderen Individuen zu Sexual-
    objekten. Dadurch entstanden manigfache Phantasien. Und so wurde das
    Kind durch perverse Beziehungen an die von ihm geliebten Personen fixiert.
    Sein völlig spontan entstandenes, durch kein äußeres Ereignis unterstütztes
    Sexualziel dieser intensiven libidinösen Beziehung war die Phantasie des Cunnil-ingus, welche nach dem 7. Lebensjahr auftrat, in welchem Jahre das Kind
    infolge von Tierbeobachtungen und durch Aufklärung von dem Geburtsvorgänge
    Nachricht erhalten hatte. Der Cunnilingus ist eine Perversität, welche nicht
    durch einfaches Verbleiben bei einer infantilen Sexualstufe erklärt werden kann.
    Der Cunnilingus erfüllt die infantile Sehnsucht, zur Mutter zurückzukommen.
    Der Anreiz zu dieser Perversität stammt von der Riechsphäre, das Organ
    gehört der Mundzone an und das Ziel ist der reifen Sexualität entnommen,
    es ist das Ziel, in die Vagina einzudringen. So ist der Cunnilingus dazu
    geeignet, daß durch diese Phantasien die normale von den Sexualorganen
    ausgehende Libido, infolge des gemeinsamen Zieles und Objektes, auf die
    im infantilen Stadium prävalente Mund- und Ruchzone verschoben wird.
    Diese Verschiebung wurde unterstützt durch die sonstige intensive, über
    ihre reifen erotischen Äußerungen keineswegs synchrone Fixierung an die
    Mutter. Da unser Patient wie die meisten Asthmatiker eine starke sexuelle
    Konstitution hatte, blieb trotzdem die eigenexuelle Sexualität ungestört. Nur
    war die Liebesfähigkeit für andere Frauen wesentlich gelähmt. Sie war am
    Ödipuskomplex fixiert. Und im Ödipuskomplex war die Libido von der Ge-nitalzone auf die Mundzone verschoben. Entsprechend dieser eigenartigen
    Fixierung waren in dem intensiven Phantasieleben des Kindes auch typische
    Mutterleibsphantasien ungemein häufig, welche auch die spontanen Spiele
    des Kindes beeinflußten.

    Das Asthma war zum erstenmal nach einer Trennung von der Mutter
    aufgetreten. Jedes Asthma ging in typische Phantasien und Tagträume, bei
    Nacht in das Individuum spezifische Asthmaträume, voraus. Die Analyse dieser
    Träume und der wachen Phantasien führte regelmäßig auf bestimmte libidinöse
    Bestrebungen zurück, welche mit dem Anfällen seinen Wunsch wenigstens
    so weit erreicht, daß es die Mutter oder andere geliebte Personen herbeizu-zwingen vermochte. Und in den begleitenden Phantasien und Träumen war
    auch die libidinöse Wunscherfüllung noch beim Erwachsenen dargestellt. So
    entspricht auch das Asthma der allgemeinen Formel, wie sie Freud für jedes
    hysterische Symptom aufgestellt hat, daß es eine im Bewußtsein verlassene

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    stimmung. Mit fortschreitender Heilung pflegten diese Stimmungen noch auf-zutreten, ohne daß sie durch Regression bis zum wirklichen Asthma führten.
    Vorher konnte aus dem Auftreten der Asthmastimmung mit Bestimmtheit auf
    den kommenden Anfall gerechnet werden. Diese Stimmung wurde immer
    durch einen unerfüllten, bewußten oder unbewußten Wunsch ausgelöst und war
    bis in das reife Menschenalter des sich unglücklich und verlassen fühlenden
    Kindes. Während der Erwachsene auf ein Unglückgefühl mit vernünftigen
    Maßregeln und Plänen, auch mit Wünschen und Hoffnungen oder der Re-signation reagiert, hat das sich unglücklich fühlende Kind nur das Gefühl:
    Man soll mir helfen, ich mag das nicht und die Mutter soll kommen. Diese
    Hilfe sucht das Kind durch Schreien mit Jammern, durch Betonen und Zeigen
    des Unglücklichseins herbeizurufen. Das infantile Unglücksgefühl bei dem
    Neurotiker hat deshalb immer ein Publikum und verlangt die sofortige Ab-hilfe durch fremde Hilfe, auch in Fällen, wo das unmöglich ist. Bei unserem
    Kranken erbtegte sich dieses infantile Unglücksgefühl als die Stimmung des
    artigen Hilfe vor einem Publikum entstehenden, ansteigenden, erregenden
    und verzweifelten Kindes. Im Unbewußten war es noch immer die Mutter,
    nach der der Kranke wie der Kranke bei der Atemlosigkeit schreit. Da
    alle Sehnsucht nach der Mutter die pervers-infantile Bronch. wieder im Un-
    bewußten reaktivierte, wurde auch der konstitutionell ausgebildete, von der
    Ruchsphäre ausgelöste abnorme Reflex der Bronchialmuskel und die zum Asthma
    gehörige Sekretion nur in den Kindheit durch die Unglücksstimmung provoziert,
    die Rückkehr zu den infantilen Wünschen verriest sich in dem Ablauf der
    Phantasien und Träume des Patienten, welche der Steigerung von der ak-tuellen Enttäuschung bis zum Anfall parallel gingen.

    Es ergab sich, daß bei einundzwanzigmal disperierten Individuum endogene
    sexuelle und exogene infantile Momente, auch wenn letztere geeignet schienen,
    Katarhhe auszulösen, in Wirklichkeit dadurch das Asthma einleiten, daß sie
    eine infantile Situation durch unbewußte Assoziationen wiedererweckten, in
    welcher das Kind nach der Mutter mit perverser Libido begehrte, nach Be-
    ziehung nur zu der konnte. Von nicht rein sexuellen Momenten kamen noch
    unbewußte Phantasien hinzu, welche ein Wüten, Kämpfen, Streiten, Wett-laufen und Lachen bis zur Atemförderung repräsentierten.

    Daß das Asthma aus der Kindheit in die Pubertät und bis in das vierte
    Lebensdezentium anhielt, war durch das Ausbleiben der Latenzperiode er-leichtert, denn die in der Pubertät erwachende Penis-sexualität hat unmittelbar
    zum ersten kindliche Fixierung verstärken. Die zweite Ursache war, daß der
    Patient die infantile Einteilung umgehen, bei denen Erotismus und Vor-stellungen, welche nach dem Lust- und Unlustprinzip erfolgt, nicht aufgegeben
    hatte. Infolge dieses Festhaltens an der infantilen Reaktionsweise blieb der End-
    zwang unveränderlich das gleiche Scheitern des Versuches einer Wunsch-befriedigung, welches Scheitern im Asthma zur Darstellung kam. Trotz
    der schlichen Unlustreaktion konnte infolge der Unkontrollierbarkeit der
    unbewußten Vorgänge der unbewußte Versuch einer Befriedigung nach der in-fantilen Weise nicht aufgegeben werden, daher bleibt der Asthmaanfall nur
    für das Bewußtsein des erwachsenen Individuums ein Scheitern der Wünsche
    dar. Das Kind hatte tatsächlich mit den Anfällen seinen Wunsch wenigstens
    so weit erreicht, daß es die Mutter oder andere geliebte Personen herbeizu-zwingen vermochte. Und in den begleitenden Phantasien und Träumen war
    auch die libidinöse Wunscherfüllung noch beim Erwachsenen dargestellt. So
    entspricht auch das Asthma der allgemeinen Formel, wie sie Freud für jedes
    hysterische Symptom aufgestellt hat, daß es eine im Bewußtsein verlassene

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    infantile Sexualbefriedigung, dabei eine Kompromisaktion von libidinösen und anderen Wünschen und der Abwehr dagegen darstellt.

    Was hat nun die am Menschen geändert und wie wird die Libido durch die versohoben?

    1. Die Psychoanalyse hat die auslösenden Momente dem Bewußtsein
    richtig erklärt.
    2. Die unbewußten Phantasien, die zum Asthma geführt hatten, wurden
    bewußt gemacht und dabei malartige Affekte zur Erledigung gebracht.
    3. Dadurch wurde der Patient befähigt, dort, wo er vorher zu einem Scha-den in ungeeigneter Weise das Lust-Unlust-Prinzip herrschen ließ, nach dem
    Realitätsprinzip zu reagieren und seine Stimmungen rechtzeitig zu erkennen
    und zu beherrschen.
    4. Die Verschiebung der Libido von der Genitalzone auf die Riech-und
    Mundzone wurde rückgängig gemacht.
    5. Durch diese Rückverschiebung wurde es dem Patienten ermöglicht,
    sich von den infantilen Fixierungen an ungeeignete Objekte zu lösen: Er kam
    von der unbewußten Herrschaft der Mutterimago los.

    In der Diskussion hob Prof. Freud hervor, daß es zweckentsprechend
    ist, solche Sexualneurosen, denen ein gleichlich psychischer Mechanismus wie
    die Hysterie haben, aber die Symptome nicht durch eigentliche Konversion
    bilden, sondern dazu eine organisch präformierte, abnorme somatische Reaktion
    benützen, als Fixierungs-hysterien zu bezeichnen und als besondere
    Gruppe der Konversions- und Angst-hysterien bei zuordnen.
    Im Schlußwort hält es der Vortragende zum für wahrscheinlich, daß
    alle Fälle von Bronchialasthma psychogen ausgelöst werden, aber mit Rück-sicht auf die relativ geringe Anzahl von psychoanalysierten Fällen sei diese
    Frage noch unerledigt. (Autoreferat.)

    13. Sitzung am 15. Januar 1913.
    Prof. Freud: Animismus, Magie und Allmacht der Ge-
    danken (erschien in „Imago“, Februar 1913).

    14. Sitzung am 22. Januar 1913.
    Dr. Lorenz (als Gast): Die Geschichte des Bergmannes von
    Falun.
    Nach einer historischen und literarischen Orientierung über die zu
    Grunde liegende Begebenheit, ihre Überlieferung und die dichterische Aus-gestaltung der Vorgeschichte durch Arnim, E. T. A. Hoffmann, Richard Wagner
    und H. v. Hoffmannsthal gibt der Vortragende mit besonderer Berücksichtigung
    der Bearbeitungen Hoffmanns und Hofmannsthals eine Analyse des Wahnes
    und der Träume des Helden, aus der sich dessen infantile Fixierung an die
    Mutter mit ihrer neurotischen Darstellung in einer Mutterleibphantasie (das
    Berg-innere) ergibt.

    15. Sitzung am 29. Januar 1913.
    Kasuistische Mitteilungen und Referate.
    1. Rosenstein: Nichts zu Daten: Zahlenanalyse.
    2. Hitschmann: Übereinstimmungen zwischen Neurotikern.
    3. Rank: Demonstration einer Zeichnung.
    Mitteilung zweier Träume.
    4. Sadger: Über die Notwendigkeit, die Gefäß-erotik von der Anal-erotik zu trennen.
    5. Tausk: Traummechanismen und -symbole.