8. Vortragsabend am 13. Dezember 1911. Dr. Hanns Sachs: Über Naturgefühl 1911-532//1912-769

Rank, Otto (1911-532//1912-769): 8. Vortragsabend am 13. Dezember 1911. Dr. Hanns Sachs: Über Naturgefühl

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S.

Korrespondenzblatt. 478 
 

5. Sitzung am 22. November 1911. 
Diskussion über die Masturbation (I. Abend, Referent Dr. Sadger). 
 

(Ein Bericht über diese auf eine Reihe von Vortragsabenden berechneten 
Onaniebatten unterbleibt mit Rücksicht darauf, als sie nach Abschluss in Form 
des 2. Heftes der „Wiener Psychoanalytischen Diskussionen" bei Bergmann in Wies- 
baden erscheinen sollen). 
 

6. Vortragsabend am 29. November 1911. 
 

Frl. Dr. S. Spielrein: Über Transformation. 
 

Aus einer grösseren Arbeit über „Destruktion als Ursache des Werdens" wird 
ein Abschnitt mitgeteilt und darin an reichem mythologischem und folkloristischem 
Material der Nachweis versucht, dass die Todeskomponente im Sexualinstinkt selbst 
enthalten sei und dass jeweils die eine oder andere Tendenz überwiege. So wird 
die Destruktion zur Ursache des Werdens; die alte Form muss zerstört werden, da- 
mit die neue zustande komme. Was für die alte Form Tod bedeute, sei für die neue 
Leben. An sich sei der Tod wohl grauenhaft, aber im Dienste des Sexualinstinkts 
ist er heilbringend. 
 

Die Diskussion bringt ausser einigen Materialnachträgen Auseinander- 
setzungen über die Ambivalenz im Triebleben und das Angstproblem. 
 

7. Vortragsabend am 6. Dezember 1911. 
 

Diskussion über die Masturbation (II Abend, Referenten Dr. Hitsch- 
mann, Dr. Tausk). 
 

8. Vortragsabend am 13. Dezember 1911. 
 

Dr. Hanns Sachs: Über Naturgefühl. 
 

Das Naturgefühl wird als Ausdrucksmittel des verdrängten Trieblebens, ins- 
besondere des autoerotischen, aufgefasst. Es ist das Ergebnis der Sexualisierung 
des Verhältnisses zur Aussenwelt, die teils direkt, teils auf dem Umweg des Angst- 
mechanismus erfolge, und ihren Ausdruck in der Personifikation der nun libido- 
besetzten Natur eindrücke findet. Die Personifikation ist eine Projektion des als 
direktes Lustobjekt' verborrenen Ich in die Aussenwelt, also eine Rückkehr des ver- 
drängten Autoerotismus. Die so geschaffenen Personifikationen werden je nach dem 
Fortschritt des Verdrängungsvorganges und Eignung der betreffenden Naturphänome- 
zur Darstellung weiterer Phantasien (Inzest, Familienroman etc.) überlagert. Es 
wird dann auf die ähnlichen Vorgänge bei der Paraphrenie (Dem. praec.) hinge- 
wiesen, die sich somit als eine Regression in einen ehemaligen Entwicklungzustand 
der Menschheit darstellt. Im Gegensatz zur antiken Hochschätzung des Objekts 
wird auf die Unentschlossenheit, in der Fühl denselben beim modernen Naturfühl 
hingewiesen und bemerkt, dass die Moderne das Gefühl selbst stark betone, während 
die Antike darauf keinen Wert legte (Homer- und Wertherstelle als Beispiel). Dass 
dieses Verhältnis in direktem Gegensatz zu dem von Freud der Sexualtheorie, 2. Aufl. 
S. 14 (Anm.) erkannten gegensätzlichen Stellung des antiken und modernen 
Menschen zum Sexualtrieb steht, darf als Beweis dafür angesehen werden, dass das 
moderne Naturgefühl der Ausdruck einer sehr weit fortgeschrittenen Verdrängung 
ist, die infolge vorhergehender Geltung des Kupladens Eifersucht. (er nennt sich Ödipus 
eines Orestes.) Seine Ohnmacht bedingt einen mit sadistischen Phantasien gepaarten 
Willen zur Macht. Mit seinem Suizid wollte er wieder sich und den Vater lieben 
und die Mutter strafen. Dem Suizidversuch voraus ging ein letzter, wie alle früheren 
missglückter Übergangsversuch auf ein am wenige Jahre jüngeres Mädchen. — 
Es scheint, dass der Suizid eines Schizophrenen nicht der Schizophrenie zur Last 
zu lägen und deshalb lediglich aus dessen Individualpsychologie zu verstehen ist. 
 

In der Diskussion des Vortrages, der in der neuen „Zeitschrift für an- 
gewandte Psychoanalyse" erscheinen soll, betont insbesondere Prof. Freud die 
Bedeutung des Naturgefühls zur primitivistischen Weltanschauung, ferner der Bedeutung 
des Narzissmus als Übergangsstufe von der Autoerotik zur Objektliebe und die 
Parallelisierung mit der Dem. praec., die sich auf drei Reihen von Phänomenen er- 
strecke.