Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 1923-001/1923.2

Freud, Sigmund (1923-001/1923.2): Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung

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    2963-VS-27                      Box 12

    SEPARATABDRUCK
    aus der
    INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE
    Herausgegeben von Professor S. Freud, redigiert von Dr. O. Rank.
    IX. Jahrgang 1923. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, G. m. b. H., Leipzig, Wien, Zürich.

    Originalarbeiten.

    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung.
    Von Sigm. Freud.

              Der zufällige Umstand, daß die letzten Auflagen der „Traum-
    deutung“ durch Plattendruck hergestellt wurden, veranlaßt mich,
    nachstehende Bemerkungen selbständig zu machen, die sonst als
    Abänderungen oder Einschaltungen im Text untergekommen
    wären.
              1. Bei der Deutung eines Traumes in der Analyse hat
    man die Wahl zwischen verschiedenen technischen Verfahren.
              Man kann a) chronologisch vorgehen und den Träumer seine
    Einfälle zu den Traumelementen in der Reihenfolge vorbringen
    lassen, welche diese Elemente in der Erzählung des Traumes
    einhalten. Dies ist das ursprüngliche, klassische Verfahren, welches
    ich noch immer für das beste halte, wenn man seine eigenen
    Träume analysiert.
              Oder man kann b) die Deutungsarbeit an einem einzelnen
    ausgezeichneten Element des Traumes ansetzen lassen, das man
    mitten aus dem Traum herausgreift, z. B. an dem auffälligsten
    Stück desselben oder an dem, welches die größte Deutlichkeit
    oder sinnliche Intensität besitzt, oder etwa an eine im Traum
    enthaltene Rede anknüpfen, von der man erwartet, daß sie zur
    Erinnerung an eine Rede aus dem Wachleben führen wird.
              Man kann c) überhaupt zunächst vom manifesten Inhalt
    absehen und dafür an den Träumer die Frage stellen, welche
    Ereignisse des letzten Tages sich in seiner Assoziation zum
    erzählten Traum gesellen.
              Endlich kann man d), wenn der Träumer bereits mit der
    Technik der Deutung vertraut ist, auf jede Vorschrift verzichten
    und es ihm anheimstellen, mit welchen Einfällen zum Traum er
    beginnen will. Ich kann nicht behaupten, daß die eine oder die

    Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX/1.                        

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    Sigm. Freud

    andere dieser Techniken die vorzüglichere ist und allgemein
    bessere Ergebnisse liefert.

    2. Ungleich bedeutsamer ist der Umstand, ob die Deutungs-
    arbeit unter hohem oder niedrigem Widerstandsdruck
    vor sich geht, worüber der Analytiker ja niemals lange im Zweifel
    bleibt. Bei hohem Druck bringt man es vielleicht dazu, zu erfahren,
    von welchen Dingen der Traum handelt, aber man kann nicht
    erraten, was er über diese Dinge aussagt. Es ist, wie wenn man
    einem entfernten oder leise geführten Gespräch zuhören würde.
    Man sagt sich dann, daß von einem Zusammenarbeiten mit dem
    Träumer nicht gut die Rede sein kann, beschließt, sich nicht viel
    zu plagen und ihm nicht viel zu helfen, und begnügt sich damit,
    ihm einige Symbolübersetzungen, die man für wahrscheinlich
    hält, vorzuschlagen.

    Die Mehrzahl der Träume in schwierigen Analysen ist von
    solcher Art, so daß man aus ihnen nicht viel über Natur und
    Mechanismus der Traumbildung lernen kann, am wenigsten aber
    Auskünfte zu der beliebten Frage erhalten wird, wo denn die
    Wunscherfüllung des Traumes steckt.

    Bei ganz extrem hohem Widerstandsdruck ereignet sich das
    Phänomen, daß die Assoziation des Träumers in die Breite, anstatt
    in die Tiefe geht. An Stelle der gewünschten Assoziationen zu
    dem erzählten Traum kommen immer neue Traumstücke zum
    Vorschein, die selbst assoziationslos bleiben. Nur wenn sich der
    Widerstand in mäßigen Grenzen hält, kommt das bekannte Bild
    der Deutungsarbeit zustande, daß die Assoziationen des Träumers
    von den manifesten Elementen aus zunächst weit divergieren,
    so daß eine große Anzahl von Themen und Vorstellungskreisen
    angerührt werden, bis dann eine zweite Reihe von Assoziationen
    von hier aus rasch zu den gesuchten Traumgedanken kon-
    vergiert.

    Dann wird auch das Zusammenarbeiten des Analytikers mit
    dem Träumer möglich; bei hohem Widerstandsdruck wäre es nicht
    einmal zweckmäßig.

    Eine Anzahl von Träumen, die während der Analysen vor-
    fallen, sind unübersetzbar, wenngleich sie nicht gerade den Wider-
    stand zur Schau tragen. Sie stellen freie Bearbeitungen der zu-
    grunde liegenden latenten Traumgedanken vor und sind wohl-
    gelungenen, künstlerisch überarbeiteten Dichtwerken vergleich-
    bar, in denen man die Grundmotive zwar noch kenntlich, aber
    in beliebiger Durchrüttlung und Umwandlung verwendet findet.
    Solche Träume dienen in der Kur als Einleitung zu Gedanken

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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 3

    und Erinnerungen des Träumers, ohne daß ihr Inhalt selbst in
    Betracht käme.

    3. Man kann Träume von oben und Träume von unten
    unterscheiden, wenn man diesen Unterschied nicht zu scharf
    fassen will. Träume von unten sind solche, die durch die Stärke
    eines unbewußten (verdrängten) Wunsches angeregt werden,
    der sich eine Vertretung in irgendwelchen Tagesresten verschafft
    hat. Sie entsprechen Einbrüchen des Verdrängten in das Wach-
    leben. Träume von oben sind Tagesgedanken oder Tagesabsichten
    gleichzustellen, denen es gelungen ist, sich nächtlicherweile eine
    Verstärkung aus dem vom Ich abgesprengten Verdrängten zu
    holen. Die Analyse sieht dann in der Regel von diesem unbe-
    wußten Helfer ab und vollzieht die Einreihung der latenten
    Traumgedanken in das Gefüge des Wachdenkens. Eine Ab-
    änderung der Theorie des Traumes wird durch diese Unterscheidung
    nicht erforderlich.

    4. In manchen Analysen oder während gewisser Strecken
    einer Analyse zeigt sich eine Sonderung des Traumlebens vom
    Wachleben, ähnlich wie die Absonderung der Phantasietätigkeit,
    die eine continued story (einen Tagtraumroman) unterhält, vom
    Wachdenken. Es knüpft dann ein Traum an den anderen an,
    nimmt ein Element zum Mittelpunkt, welches im vorhergehenden
    beiläufig gestreift wurde, u. dergl. Viel häufiger trifft aber der
    andere Fall zu, daß die Träume nicht aneinanderhängen, sondern
    sich in aufeinanderfolgende Stücke des Wachdenkens einschalten.

    5. Die Deutung eines Traumes zerfällt in zwei Phasen, die
    Übersetzung und die Beurteilung oder Verwertung desselben.
    Während der ersten soll man sich durch keinerlei Rücksicht auf
    die zweite beeinflussen lassen. Es ist, wie wenn man ein Kapitel
    eines fremdsprachigen Autors vor sich hat, z. B. des Livius.
    Zuerst will man wissen, was Livius in diesem Kapitel erzählt,
    erst dann tritt die Diskussion ein, ob das Gelesene ein Geschichts-
    bericht ist oder eine Sage oder eine Abschweifung des Autors.

    Welche Schlüsse darf man aber aus einem richtig übersetzten
    Traum ziehen? Ich habe den Eindruck, daß die analytische Praxis
    hierin Irrtümer und Überschätzungen nicht immer vermieden hat,
    und zwar zum Teil aus übergroßem Respekt vor dem „geheimnis-
    vollen Unbewußten“.

    Man vergißt zu leicht daran, daß ein Traum zumeist nur ein
    Gedanke ist wie ein anderer, ermöglicht durch den Nachlaß der
    Zensur und die unbewußte Verstärkung und entstellt durch die
    Einwirkung der Zensur und die unbewußte Bearbeitung.

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    Sigm. Freud

    Greifen wir das Beispiel der sogenannten Genesungsträume
    heraus. Wenn ein Patient einen solchen Traum gehabt hat, in dem
    er sich den Einschränkungen seiner Neurose zu entziehen scheint,
    z. B. eine Phobie überwindet oder eine Gefühlsbindung aufgibt, so
    sind wir geneigt zu glauben, er habe einen großen Fortschritt
    gemacht, sei bereit, sich in eine neue Lebenslage zu fügen,
    beginne mit seiner Gesundheit zu rechnen usw. Das mag oftmals
    richtig sein, aber ebenso oft haben solche Genesungsträume nur
    den Wert von Bequemlichkeitsträumen, sie bedeuten den Wunsch,
    endlich gesund zu sein, um sich ein weiteres Stück der
    analytischen Arbeit, das sie als bevorstehend fühlen, zu ersparen.
    In solchem Sinn ereignen sich Genesungsträume z. B. recht häufig,
    wenn der Patient in eine neue, ihm peinliche Phase der Über-
    tragung eintreten soll. Er benimmt sich dann ganz ähnlich wie
    manche Neurotiker, die sich nach wenigen Stunden Analyse für
    geheilt erklären, weil sie allem Unangenehmen entgehen wollen,
    das in der Analyse noch zur Sprache kommen soll. Auch die
    Kriegsneurotiker, die auf ihre Symptome verzichteten, weil ihnen
    die Therapie der Militärärzte das Kranksein noch unbehaglicher zu
    machen verstand, als sie den Dienst an der Front gefunden
    hatten, sind denselben ökonomischen Bedingungen gefolgt, und
    sie haben sich in beiden Fällen nicht haltbar erwiesen.

    6. Es ist gar nicht so leicht, allgemeine Entscheidungen über
    den Wert richtig übersetzter Träume zu fällen. Wenn beim
    Patienten ein Ambivalenzkonflikt besteht, so bedeutet ein feind-
    seliger Gedanke, der in ihm auftaucht, gewiß nicht eine dauernde
    Überwindung der zärtlichen Regung, also eine Entscheidung des
    Konflikts, und ebensowenig hat ein Traum vom gleichen feind-
    seligen Inhalt diese Bedeutung. Während eines solchen Ambivalenz-
    konflikts bringt oft jede Nacht zwei Träume, von denen jeder
    eine andere Stellung nimmt. Der Fortschritt besteht dann darin,
    daß eine gründliche Isolierung der beiden kontrastierenden
    Regungen gelungen ist und jede von ihnen mit Hilfe der unbe-
    wußten Verstärkungen bis zu ihrem Extrem verfolgt und einge-
    sehen werden kann. Mitunter ist der eine der beiden ambivalenten
    Träume vergessen worden, man darf sich dann nicht täuschen
    lassen und annehmen, daß nun die Entscheidung zugunsten der
    einen Seite gefallen ist. Das Vergessen des einen Traumes zeigt
    allerdings, daß für den Augenblick die eine Richtung die Oberhand
    hat, aber das gilt nur für den einen Tag und kann sich ändern.
    Die nächste Nacht bringt vielleicht die entgegengesetzte Äußerung
    in den Vordergrund. Wie der Konflikt wirklich steht, kann nur

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      Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung 5

      durch die Berücksichtigung aller anderen Kundgebungen auch des
      Wachlebens erraten werden.

      7. Mit der Frage nach der Wertung der Träume hängt die
      andere nach ihrer Beeinflußbarkeit durch ärztliche „Suggestion“
      innig zusammen. Der Analytiker wird vielleicht zuerst erschrecken,
      wenn er an diese Möglichkeit gemahnt wird; bei näherer Über-
      legung wird dieser Schreck gewiß der Einsicht weichen, die Beein-
      flussung der Träume des Patienten sei für den Analytiker nicht
      mehr Mißgeschick oder Schande als die Lenkung seiner bewußten
      Gedanken.

      Daß der manifeste Inhalt der Träume durch die analytische
      Kur beeinflußt wird, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Das
      folgt ja schon aus der Einsicht, daß der Traum ans Wachleben
      anknüpft und Anregungen desselben verarbeitet. Was in der
      analytischen Kur vorgeht, gehört natürlich auch zu den Eindrücken
      des Wachlebens und bald zu den stärksten desselben. Es ist also
      kein Wunder, daß der Patient von Dingen träumt, die der Arzt
      mit ihm besprochen und deren Erwartung er in ihm geweckt
      hat. Nicht mehr Wunder jedenfalls, als in der bekannten Tat-
      sache der „experimentellen“ Träume enthalten ist.

      Das Interesse setzt sich nun dahin fort, ob auch die durch
      Deutung zu eruierenden latenten Traumgedanken vom Ana-
      lytiker beeinflußt, suggeriert, werden können. Die Antwort darauf
      muß wiederum lauten: Selbstverständlich ja, denn ein Anteil dieser
      latenten Traumgedanken entspricht vorbewußten, durchaus bewußt-
      seinsfähigen Gedankenbildungen, mit denen der Träumer eventuell
      auch im Wachen auf die Anregungen des Arztes hätte reagieren
      können, mögen die Erwiderungen des Analysierten nun diesen
      Anregungen gleichgerichtet sein oder ihnen widerstreben. Ersetzt
      man den Traum durch die in ihm enthaltenen Traumgedanken,
      so fällt eben die Frage, wieweit man Träume suggerieren kann,
      mit der allgemeineren, inwieweit der Patient in der Analyse der
      Suggestion zugänglich ist, zusammen.

      Auf den Mechanismus der Traumbildung selbst, auf die eigent-
      liche Traumarbeit gewinnt man nie Einfluß; daran darf man festhalten.

      Außer dem besprochenen Anteil der vorbewußten Traum-
      gedanken enthält jeder richtige Traum Hinweise auf die ver-
      drängten Wunschregungen, denen er seine Bildungsmöglichkeit
      verdankt. Der Zweifler wird zu diesen sagen, sie erscheinen im
      Traume, weil der Träumer weiß, daß er sie bringen soll, daß sie
      vom Analytiker erwartet werden. Der Analytiker selbst wird mit
      gutem Recht anders denken.

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              Wenn der Traum Situationen bringt, die auf Szenen aus der
    Vergangenheit des Träumers gedeutet werden können, scheint
    die Frage besonders bedeutsam, ob auch an diesen Trauminhalten
    der ärztliche Einfluß beteiligt sein kann. Am dringendsten wird
    diese Frage bei den sogenannten bestätigenden, der Analyse
    nachhinkenden Träumen. Bei manchen Patienten bekommt man
    keine anderen. Sie reproduzieren die vergessenen Erlebnisse ihrer
    Kindheit erst, nachdem man dieselben aus Symptomen, Einfällen
    und Andeutungen konstruiert und ihnen dies mitgeteilt hat. Das
    gibt dann die bestätigenden Träume, gegen welche aber der Zweifel
    sagt, sie seien ganz ohne Beweiskraft, da sie auf die Anregung
    des Arztes hin phantasiert sein mögen, anstatt aus dem Unbe-
    wußten des Träumers ans Licht gefördert zu sein. Ausweichen
    kann man in der Analyse dieser mehrdeutigen Situation nicht,
    denn wenn man bei diesen Patienten nicht deutet, konstruiert und
    mitteilt, findet man nie den Zugang zu dem bei ihnen Verdrängten.

              Die Sachlage gestaltet sich günstig, wenn sich an die Ana-
    lyse eines solchen nachhinkenden bestätigenden Traumes unmittel-
    bar Erinnerungsgefühle für das bisher Vergessene knüpfen.

              Der Skeptiker hat dann den Ausweg zu sagen, es seien
    Erinnerungstäuschungen. Meist sind auch solche Erinnerungs-
    gefühle nicht vorhanden. Das Verdrängte wird nur stückweise
    durchgelassen und jede Unvollständigkeit hemmt oder verzögert
    die Bildung einer Überzeugung. Auch kann es sich um die Repro-
    duktion nicht einer wirklichen, vergessenen Begebenheit, sondern
    um die Förderung einer unbewußten Phantasie handeln, für welche
    ein Erinnerungsgefühl niemals zu erwarten ist, aber irgend ein-
    mal ein Gefühl subjektiver Überzeugung möglich bleibt.

              Können also die Bestätigungsträume wirklich Erfolge der
    Suggestion, also Gefälligkeitsträume sein? Die Patienten, welche
    nur Bestätigungsträume bringen, sind dieselben, bei denen der
    Zweifel die Rolle des hauptsächlichen Widerstandes spielt. Man
    macht nicht den Versuch, diesen Zweifel durch Autorität zu über-
    schreien oder ihn mit Argumenten zu erschlagen. Er muß bestehen
    bleiben, bis er im weiteren Fortgang der Analyse zur Erledigung
    kommt. Auch der Analytiker darf im einzelnen Falle einen
    solchen Zweifel festhalten. Was ihn endlich sicher macht, ist gerade
    die Komplikation der ihm gestellten Aufgabe, die der Lösung
    eines der „Puzzles“ genannten Kinderspiele vergleichbar ist. Dort
    ist eine farbige Zeichnung, die auf ein Holzbrettchen geklebt ist
    und genau in einen Holzrahmen paßt, in viele Stücke zerschnitten
    worden, die von den unregelmäßigsten krummen Linien begrenzt

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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung      7

    werden. Gelingt es, den unordentlichen Haufen von Holzplättchen,
    deren jedes ein unverständliches Stück Zeichnung trägt, so zu
    ordnen, daß die Zeichnung sinnvoll wird, daß nirgends eine Lücke
    zwischen den Fugen bleibt, und daß das Ganze den Rahmen aus-
    füllt, sind alle diese Bedingungen erfüllt, so weiß man, daß man
    die Lösung des Puzzle gefunden hat und daß es keine andere gibt.

              Ein solcher Vergleich kann natürlich dem Analysierten
    während der unvollendeten analytischen Arbeit nichts bedeuten.
    Ich erinnere mich hier an eine Diskussion, die ich mit einem
    Patienten zu führen hatte, dessen außerordentliche Ambivalenz-
    einstellung sich im stärksten zwanghaften Zweifel äußerte. Er
    bestritt die Deutungen seiner Träume nicht und war von deren
    Übereinstimmung mit den von mir geäußerten Mutmaßungen sehr
    ergriffen. Aber er fragte, ob diese bestätigenden Träume nicht
    Ausdruck seiner Gefügigkeit gegen mich sein könnten. Als ich
    geltend machte, daß diese Träume auch eine Summe von Einzel-
    heiten gebracht hätten, die ich nicht ahnen konnte, und daß sein
    sonstiges Benehmen in der Kur gerade nicht von Gefügigkeit
    zeugte, wandte er sich zu einer anderen Theorie und fragte, ob
    nicht sein narzißtischer Wunsch, gesund zu werden, ihn veranlaßt
    haben könne, solche Träume zu produzieren, da ich ihm doch die
    Genesung in Aussicht gestellt habe, wenn er meine Konstruktionen
    annehmen könne. Ich mußte antworten, mir sei von einem solchen
    Mechanismus der Traumbildung noch nichts bekannt worden,
    aber die Entscheidung kam auf anderem Wege. Er erinnerte sich
    an Träume, die er gehabt, ehe er in die Analyse eintrat, ja ehe
    er etwas von ihr erfahren hatte, und die Analyse dieser vom
    Suggestionsverdacht freien Träume ergab dieselben Deutungen
    wie der späteren. Sein Zwang zum Widerspruch fand zwar noch
    den Ausweg, die früheren Träume seien minder deutlich gewesen
    als die während der Kur vorgefallenen, aber mir genügte die
    Übereinstimmung. Ich meine, es ist überhaupt gut, gelegentlich
    daran zu denken, daß die Menschen auch schon zu träumen
    pflegten, ehe es eine Psychoanalyse gab.

              8. Es könnte wohl sein, daß es den Träumen in einer Psycho-
    analyse in ausgiebigerem Maße gelingt, das Verdrängte zum Vor-
    schein zu bringen, als den Träumen außerhalb dieser Situation.
    Aber es ist nicht zu erweisen, denn die beiden Situationen sind
    nicht vergleichbar; die Verwertung in der Analyse ist eine Absicht,
    die dem Traume ursprünglich ganz ferne liegt. Dagegen kann es
    nicht zweifelhaft sein, daß innerhalb einer Analyse weit mehr des
    Verdrängten im Anschluß an Träume zutage gefördert wird als

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    8 Sigm. Freud

    mit Hilfe der anderen Methoden; für solche Mehrleistung muß es
    einen Motor geben, eine unbewußte Macht, welche während des Schlaf-
    zustandes besser als sonst imstande ist, die Absichten der Ana-
    lyse zu unterstützen. Nun kann man hiefür kaum einen anderen
    Faktor in Anspruch nehmen als die aus dem Elternkomplex
    stammende Gefügigkeit des Analysierten gegen den Analytiker,
    also den positiven Anteil der von uns so genannten Übertragung,
    und in der Tat läßt sich an vielen Träumen, die Vergessenes und
    Verdrängtes wiederbringen, kein anderer unbewußter Wunsch
    entdecken, dem man die Triebkraft für die Traumbildung zuschreiben
    könnte. Will also jemand behaupten, daß die meisten der in der
    Analyse verwertbaren Träume Gefälligkeitsträume sind und der
    Suggestion ihre Entstehung verdanken, so ist vom Standpunkt
    der analytischen Theorie nichts dagegen einzuwenden. Ich brauche
    dann nur noch auf die Erörterungen in meinen „Vorlesungen zur
    Einführung“ zu verweisen, in denen das Verhältnis der Übertragung
    zur Suggestion behandelt und dargetan wird, wie wenig die
    Anerkennung der Suggestionswirkung in unserem Sinne die
    Zuverlässigkeit unserer Resultate schädigt.

    Ich habe mich in der Schrift „Jenseits des Lustprinzips“
    mit dem ökonomischen Problem beschäftigt, wie es den in jeder
    Hinsicht peinlichen Erlebnissen der frühinfantilen Sexualperiode
    gelingen kann, sich zu irgend einer Art von Reproduktion durch-
    zwingen. Ich mußte ihnen im „Wiederholungszwang“ einen außer-
    ordentlich starken Auftrieb zugestehen, der die im Dienst des
    Lustprinzips auf ihnen lastende Verdrängung bewältigt, aber doch
    nicht eher, „als bis die entgegenkommende Arbeit der Kur die
    Verdrängung gelockert hat“ (S. 17). Hier wäre einzuschalten,
    daß es die positive Übertragung ist, welche dem Wiederholungs-
    zwang diese Hilfe leistet. Es ist dabei zu einem Bündnis der Kur
    mit dem Wiederholungszwang gekommen, welches sich zunächst
    gegen das Lustprinzip richtet, aber in letzter Absicht die Herr-
    schaft des Realitätsprinzips aufrichten will. Wie ich dort ausge-
    führt habe, ereignet es sich nur allzu häufig, daß sich der Wieder-
    holungszwang von den Verpflichtungen dieses Bundes frei macht
    und sich nicht mit der Wiederkehr des Verdrängten in der Form
    von Traumbildern begnügt.

    9. So weit ich bis jetzt sehe, ergeben die Träume bei trau-
    matischer Neurose die einzige wirkliche, die Strafträume die
    einzige scheinbare Ausnahme von der wunscherfüllenden Tendenz
    des Traumes. Bei diesen letzteren stellt sich der merkwürdige
    Tatbestand her, daß eigentlich nichts von den latenten Traum-

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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung      9

    gedanken in den manifesten Trauminhalt aufgenommen wird,
    sondern daß an deren Stelle etwas ganz anderes tritt, was als
    eine Reaktionsbildung gegen die Traumgedanken, als Ablehnung
    und voller Widerspruch gegen sie beschrieben werden muß. Ein
    solches Einschreiten gegen den Traum kann man nur der kritischen
    Ichinstanz zutrauen und muß daher annehmen, daß diese, durch
    die unbewußte Wunscherfüllung gereizt, sich zeitweilig auch
    während des Schlafzustandes wiederhergestellt hat. Sie hätte auf
    diesen unerwünschten Trauminhalt auch mit Erwachen reagieren
    können, fand aber in der Bildung des Straftraumes einen Weg,
    die Schlafstörung zu vermeiden.

              So ist also z. B. für die bekannten Träume des Dichters
    Rosegger, die ich in der Traumdeutung (S. 321 der 7. Aufl.) erwähne,
    ein unterdrückter Text von hochmütigem, prahlerischem Inhalt zu
    vermuten, der wirkliche Traum aber hielt ihm vor: „Du bist ein
    unfähiger Schneidergeselle“. Es wäre natürlich unsinnig, nach einer
    verdrängten Wunschregung als Triebkraft dieses manifesten
    Traumes zu suchen; man muß sich mit der Wunscherfüllung der
    Selbstkritik begnügen.

              Das Befremden über einen derartigen Aufbau des Traumes
    ermäßigt sich, wenn man bedenkt, wie geläufig es der Traum-
    entstellung im Dienste der Zensur ist, für ein einzelnes Element
    etwas einzusetzen, was in irgend einem Sinne sein Gegenteil
    oder Gegensatz ist. Von da ab ist es nur ein kurzer Weg bis zur
    Ersetzung eines charakteristischen Stückes Trauminhalt durch
    einen abwehrenden Widerspruch, und ein Schritt weiter führt
    zur Ersetzung des ganzen anstößigen Trauminhalts durch den
    Straftraum. Von dieser mittleren Phase der Verfälschung des
    manifesten Inhalts möchte ich ein oder zwei charakteristische
    Beispiele mitteilen.

              Aus dem Traum eines Mädchens mit starker Vaterfixierung,
    welches sich in der Analyse schwer ausspricht: Sie sitzt im
    Zimmer mit einer Freundin, nur mit einem Kimono bekleidet. Ein
    Herr kommt herein, vor dem sie sich geniert. Der Herr sagt
    aber: „Das ist ja das Mädchen, das wir schon einmal so schön
    bekleidet gesehen haben.“ —- Der Herr bin ich, in weiterer Zurück-
    führung der Vater. Mit dem Traum ist aber nichts zu machen,
    so lange wir uns nicht entschließen, in der Rede des Herrn das
    wichtigste Element durch seinen Gegensatz zu ersetzen: „Das ist
    das Mädchen, das ich schon einmal unbekleidet und dann so
    schön gesehen habe.“ Sie hat als Kind von drei bis vier Jahren
    eine Zeitlang im selben Zimmer mit dem Vater geschlafen und

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    Sigm. Freud

    alle Anzeichen deuten darauf hin, daß sie sich damals im Schlaf
    aufzudecken pflegte, um dem Vater zu gefallen. Die seitherige
    Verdrängung ihrer Exhibitionslust motiviert heute ihre Ver-
    schlossenheit in der Kur, ihr Unlust, sich unverhüllt zu zeigen.
    Aus einer anderen Szene desselben Traumes: Sie liest ihre
    eigene, im Druck vorliegende Krankengeschichte. Darin steht, daß
    ein junger Mann seine Geliebte ermordet — Kakao — das gehört
    zur Analerotik. Das letztere ist ein Gedanke, den sie im Traum bei
    der Erwähnung des Kakao hat. — Die Deutung dieses Traumstückes
    ist noch schwieriger als die des vorigen. Man erfährt endlich, daß
    sie vor dem Einschlafen die „Geschichte einer infantilen Neurose“
    (fünfte Folge der Sammlung kleiner Schriften) gelesen hat, in
    welcher eine reale oder phantasierte Koitusbeobachtung der Eltern
    den Mittelpunkt bildet, Diese Krankengeschichte hat sie schon
    früher einmal auf die eigene Person bezogen, nicht das einzige
    Anzeichen, daß auch bei ihr eine solche Beobachtung in Betracht
    kommt. Der junge Mann, der seine Geliebte ermordet, ist num
    eine deutliche Anspielung auf die sadistische Auffassung der
    Koitusszene, aber das nächste Element, der Kakao, geht weit davon
    ab. Zum Kakao weiß sie nur zu assoziieren, daß ihre Mutter zu
    sagen pflegt, vom Kakao bekomme man Kopfweh, auch von
    anderen Frauen will sie das gleiche gehört haben, Übrigens hat sie
    sich eine Zeitlang durch ebensolche Kopfschmerzen mit der Mutter —
    identifiziert. Ich kann nun keine andere Verknüpfung der beiden
    Traumelemente finden als durch die Annahme, daß sie von den
    Folgerungen aus der Koitusbeobachtung ablenken will. Nein, das
    hat nichts mit der Kinderzeugung zu tun. Die Kinder kommen
    von etwas, das man ißt (wie im Märchen), und die Erwähnung
    der Analerotik, die wie ein Deutungsversuch im Traum aussieht,
    vervollständigt die zu Hilfe gerufene infantile Theorie durch die
    Hinzufügung der analen Geburt. 2
    10. Man hört gelegentlich Verwunderung darüber äußern,
    daß das Ich des Träumers zwei- oder mehrmals im manifesten
    Traum erscheint, einmal in eigener Person und die anderen Male
    hinter anderen Personen versteckt. Die sekundäre Bearbeitung,
    hat während der Traumbildung offenbar das Bestreben gehabt,
    diese Vielheit des Ichs, welche in keine szenische Situation paßt,
    auszumerzen, durch die Deutungsarbeit wird sie aber wieder
    hergestellt. Sie ist an sich nicht merkwürdiger als das mehrfache
    Vorkommen des Ichs in einem wachen Gedanken, zumal wenn
    sich dabei das Ich in Subjekt und Objekt zerlegt, sich als beob-
    achtende und kritische Instanz dem anderen Anteil gegenüber-


     

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    Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung      11

    stellt oder sein gegenwärtiges Wesen mit einem erinnerten,
    vergangenen, das auch einmal Ich war, vergleicht. So z. B. in den
    Sätzen: „Wenn ich daran denke, was ich diesem Menschen getan
    habe“ und „Wenn ich daran denke, daß ich auch einmal ein
    Kind war.“ Daß aber alle Personen, die im Traume vorkommen,
    als Abspaltungen und Vertretungen des eigenen Ichs zu gelten
    haben, möchte ich als eine inhaltslose und unberechtigte Speku-
    lation zurückweisen. Es genügt uns daran festzuhalten, daß die
    Sonderung des Ichs von einer beobachtenden, kritisierenden,
    strafenden Instanz (Ichideal) auch für die Traumdeutung in Betracht
    kommt.

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