Brief von Professor Freud 1931-071/1931

Freud, Sigmund (1931-071/1931): Brief von Professor Freud

Zurück zum Werk
S.

566

schungszentrum ist so entstanden, daß die ersten Mitglieder vorher Schüler
und Mitglieder der schon vorhandenen Vereinigungen waren. Ich hoffe, daß
diese Feier in ihrem Land den Anstoß gebe, daß sich Männer und Frauen
der Psychoanalyse widmen.

Sie werden in dem Lehrinstitute Wiens und in gleicher Weise in den
anderen Städten (Berlin, London, Zürich, Budapest, Paris) freundliche Auf-
nahme finden. Wir Freudschüler haben vom Meister nicht nur seine
Wissenschaft zu lernen gehabt, sondern auch den großen Eindruck erlebt
der Einheit von Mann und Werk. Sein Lebenslauf wird für alle werdenden
Menschen ein Vorbild dafür sein, daß das Suchen und Aussprechen der
Wahrheit ohne Kompromiß und ohne Sucht nach Erfolg und rascher Aner-
kennung der einzig richtige Weg zum wahren Erfolg ist, wohl nicht immer
im Leben, aber immer im Wirken.

Freuen wir uns, daß Freud es erlebt hat, daß die Menschheit beginnt,
in ihrem Verständnis ihm, der so weit voraus war, nachzukommen. Diese
Feier ist ein Beweis dafür, und so danken wir, seine Freunde und Schüler,
ihnen allen für diese Freude.

*

Professor Freud hatte einen Brief an den Bürgermeister von Freiberg gerichtet.
Im Rahmen der Enthüllungsfeier verlas Anna Freud den

Brief von Professor Freud:

Ich danke dem Herrn Bürgermeister der Stadt Pribor-Freiberg, den Veranstaltern
dieser Feier und allen Anwesenden für die Ehre, die sie mir erweisen, indem sie
mein Geburtshaus durch diese Gedenktafel aus Künstlerhand auszeichnen. Und dies
schon zu meinen Lebzeiten und während die Mitwelt in der Würdigung meiner
Leistung noch nicht einig ist.

Ich habe Freiberg im Alter von 3 Jahren verlassen, es mit 16 Jahren als
Gymnasiast auf Ferien, Gast der Familie Fluß, wieder besucht und seither nicht
wieder. Vieles ist seit jener Zeit über mich ergangen: ich habe viel Mühe gehabt,
manches Leid erfahren, auch Glück und einigen Erfolg, wie es sich eben im
Menschenleben vermengt. Es wird dem nun 75jährigen nicht leicht, sich in jene
Frühzeit zu versetzen, aus deren reichem Inhalt nur wenige Reste in seine Erinne-
rung hineinragen, aber des einen darf ich sicher sein: tief in mir überlagert, lebt
noch immer fort das glückliche Freiberger Kind, der erstgeborene Sohn einer jugend-
lichen Mutter, der aus dieser Luft, aus diesem Boden die ersten unauslöschlichen Ein-
drücke empfangen hat. So mag es mir vergönnt sein, mit einem herzhaften Glückwunsch
für diesen Ort und seine Bewohner meine Danksagung zu beschließen.


Eigentümer und Verleger:
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien, I., Börsegasse 11
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Adolf Josef Storfer, Wien, I., Börsegasse 11
Druck: Johann N. Vernay A.-G., Wien, IX., Canisiusgasse 8–10