Der ›kleine Kohn‹ 1903-401/1903

Stekel, Wilhelm (1903-401/1903): Der ›kleine Kohn‹

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  • S.

     


    Oesterreichische
    Volks-Zeitung
    vormals
    Konstitutionelle Vorstadt-Zeitung.

    Nr. 236.

    Wien, Samstag 29. August 1903.

    49. Jahrgang.


    Der „kleine Kohn“.

    Nachdruck verboten.

    Ort der Handlung: das gemütliche Zimmer eines
    berühmten Nervenarztes. Anwesend ist eine kleine
    psychologische Gesellschaft, bestehend aus sechs Personen.
    Der Meister sitzt am Schreibtische, bequem in einen Arm-
    stuhl zurückgelehnt, die anderen um einen kleinen Tisch
    gruppiert. „Der Unruhige“ zieht ein kleines Manuskript
    aus der Tasche und entschuldigt sich zuerst, seinen Auf-
    trag, ein erschöpfendes Referat zu bringen, nicht ausge-
    führt zu haben.

    Er beginnt: Das Thema unseres heutigen Abends
    ist ein besonders schwieriges. Wie kommt es, dass gewisse
    Schlagworte, gewisse Refrains, gewisse Melodien eine so
    ungeheuere Popularität erlangen können? Worin besteht
    das Geheimnis, daß „Der kleine Kohn“ eine solche Ver-
    breitung gewinnen konnte?

    Ich gestehe es offen, daß ich diese Frage nicht vollständig
    lösen kann. Ich möchte Ihnen heute nur einige An-
    regungen vorlesen. Meiner Ansicht nach müssen wir bei
    dieser Frage als Hauptmoment die angeborene Denk-
    faulheit des Menschen betrachten. Diese Denkfaulheit ent-
    spricht ja nur dem physikalischen Gesetze der Trägheit,
    das für Stoff und Kraft, für Geist und Materie dieselbe
    Geltung hat. Zu diesem Konservatismus des menschlichen
    Denkens gesellt sich das große Bedürfnis vieler Indivi-
    duen, geistreich zu scheinen und Humor auszulösen.
    (Der bekannteste Typus solcher Menschen sind ja jene
    Leute, die eine besondere Freude an dem verbreiteten guter
    Witze finden.) Beiden erwähnten Momenten verdanken
    manche Schlagworte ihre rasche Verbreitung. Unsere
    instinktiven und erworbenen sozialen Gefühle stellen den
    gedüngten Boden vor, gleichsam die Nährgelatine, auf der
    diese geistigen Mikroorganismen rascher festen Fuß fassen
    und sich weiter entwickeln können. „Der kleine Kohn“ ent-
    spricht dem lebhaften sozialen Bedürfnisse der Menge, sich
    über gewisse Eigentümlichkeiten lustig zu machen. Sein
    geistiger Bruder, der in Wien verbreitete „Servus
    Brezina“, ist der Ausdruck der erstarkten deutschnationalen
    Bewegung, deren Brennpunkt in Oesterreich ja der Kampf
    zwischen Tschechen und Deutschen ist. Diese Refrains möchte
    ich am liebsten die sozialen Refrains nennen,

    weil sie der Stimmung einer ganzen Volksgruppe ent-
    sprechen, weil sie gewissermaßen einen ethnographischen
    Charakter haben. In dieses Kapitel gehören auch
    „Boulanger-Marsch“, der „Lueger-Marsch“, die „Mar-
    seillaise“ und verschiedene Schlagworte, wie zum Beispiel
    „Los von Rom“, „korrupte Bourgeoisie“ c. Während die
    erwähnten Schlagworte ihr Programm ganz offen bekennen,
    ja vermöge ihrer Kürze zur suggestiven Verbreitung
    gewisser Ideen sehr viel beitragen, verbergen die populären
    Refrains ihren ausgesprochenen sozialen Charakter in
    geschickter Weise.

    Eine andere Gruppe möchte ich die indivi-
    duellen Refrains nennen. In Wien hat ein an
    und für sich unsinniges Lied eine ungeheure Verbreitung
    gefunden; dasselbe klingt mit folgendem Refraine aus:
    „Drah’n m’r um und drah’n m’r auf, es liegt nix
    d’ran, weil m’r das Geld auf der Welt net fressen kann.“
    Dieser Refrain ist für die Wiener in gewisser Hinsicht
    auch ein sozialer, weil er ein Trostwort für die momentane
    schlechte materielle Lage enthält. In seiner Hauptbedingung
    ist er ein individueller. Der Beamte, der seinen ganzen
    Gehalt in einer Nacht leichtsinnig vergeudet, brüllt im
    Chore mit den anderen: „Drah’n m’r um und drah’n
    m’r auf u. s. w.“ Er betäubt mit diesem Refrain die
    Stimme seines Gewissens; er fühlt sich in seinem Leicht-
    sinn gestärkt durch den ganzen singenden Chor. Alle diese
    Menschen können ebenfalls ihr Geld nicht „fressen“. Er
    befreit sich mit diesem Schlagworte, das zu seiner späteren
    mißlichen Lage gar keine Beziehungen hat, von un-
    angenehmen Situationen.

    Eine dritte Gruppe von Refrains kann ich nicht
    anders als die „unsinnigen“ bezeichnen. Treffende
    Beispiele für diese Gruppe sind die Berliner Refrains
    vom „Struwelpeter“ und das erhebende Liedchen von der
    „Pflaume“. In Süddeutschland hat ein Lied große Ver-
    breitung gefunden, das mit den unsinnigen Worten
    schließt: „Mir san halt Landsknecht, linzerische Buabm, wir
    taufen uns a Sträußerl und stecken’s uns am Hut.“ Das
    Geheimnis dieser Erfolge liegt in einer einfachen Melodie.
    Die Worte sind nur ein leeres Füllmaterial für solche
    einschlagende Melodien Daß es wirklich nur die Melodie
    ist, beweist uns die große Popularität des „Tarara Bum
    diah“, das in Amerika mit einem sehr traurigen Texte

    sehr große Verbreitung erlangte und später in den ver-
    schiedensten Charaktereigenschaften seine Reise durch die
    ganze Welt antrat. In Wien wurde es ein übermütiger
    Gassenhauer, der sich in einer anstößigen Parodie rasch ver-
    breitete. Aehnlich erging es ja dem Liede „Fischerin du
    Kleine“. Es erlangte eine zweite geheime Bedeutung, die
    sehr viel zu seiner Popularität beitrug. Das führt uns
    nun zur Gruppe der vergänglichen Refrains,
    die offene und versteckte Anspielungen enthalten. Zum
    Beispiel „Im Chambre separée“, das meistens von Leuten
    gesungen wurde, die im Leben kein Chambre separée ge-
    sehen hatten. Die „Hulda, für die kein Stuhl da war“,
    die „Kleine Witwe“, die das Küssen so gewöhnt ist, daß
    sie es nicht lassen kann, „Großwardein“ sind nur einige
    zufällig herausgegriffene Beispiele.

    Dergestalt ist das Material, aus dem die große
    Masse ihr Bedürfnis, geistreich zu scheinen, befriedigt.
    Der Ladenschwengel, der ein besseres Gespräch eröffnen
    möchte, fragt seine Dame mit großer Grazie und Wich-
    tigkeit, ob sie denn gerade über „die Unsterblichkeit der
    Maikäfer“ nachdenke. Mit Hilfe des „kleinen Kohn“ und
    des „Servus Brezina“ setzt er das siegreich begonnene
    Gespräch fort, er sucht einen „Stuhl da für seine Hulda“
    und landet dann glücklich mit der „kleinen Witwe“ im
    Chambre Separée. Er braucht nicht lange nachzudenken,
    er arbeitet mit Schlagworten. Er ist auch sicher, das
    nötige Verständnis zu finden, den neutralen Boden, auf
    dem sich dann ihre schönen Seelen begegnen können.
    Betonen möchte ich noch einmal, daß manche Schlagworte,
    besonders die sozialen und individuellen, geradezu mit
    suggestiver Kraft wirken. Sie enthalten eine kurze
    Suggestion, gegen die alle Logik vergebens ankämpft.
    Auf diese Weise erklärt sich die rasche Verbreitung
    solcher Schlagworte, die geradezu mit kontagiöser Kraft
    ganze Massen erobern können. Das wären so meine
    Anregungen zu unserem heutigen Thema, sagen wir über
    den „kleinen Kohn“, den wir als modernsten Typus
    zum Repräsentanten der ganzen Gattung ernennen
    wollen.

    Der Sozialist: Ich bin mit nicht allen Aus-
    führungen meines Vorredners einverstanden. Vor allem
    glaube ich, daß wir die Macht der Suggestion bedeutend
    überschätzen. Eines ist richtig: Viele Refrains und speziell

    der „kleine Kohn“ appellieren an gewisse soziale Re-
    gungen, deren alle Menschen im geringeren stärkeren
    Grade teilhaftig sind. Wir lernen dies Thema nicht er-
    schöpfend, wenn wir es nicht vom Standpunkte der
    Massen-Psychologie aus betrachten. Ich halte alle Refrains
    für Wunscherscheinungen, die eigentlich in ihrer Kürze das
    gesamte Wunschgebiet des Volkes zum Ausdruck bringen.

    Der Bequeme: Warum haben so viele Refrains
    die Form einer Frage? „Haben Sie nicht den
    kleinen Kohn gesehen?“ — Liegt nicht in dieser Frage
    ein Teil ihrer Kraft?

    Der Unruhige: In diesem Falle ist die Frage
    nur eine Form der Charakteristik. Viele „kleine Kohns“
    haben eben die Eigentümlichkeit, in Frageform zu sprechen.
    Dann gestattet eine Frage tausend Deutungen, tausend
    Antworten; sie kann leichter Humor auslösen.

    Der Bequeme: Mir fällt ferner beim Refrain
    des „kleinen Kohns“ die Plastik dieses Ausdruckes auf.
    Sehen wir einen anderen Namen an die Stelle von
    Kohn und die ganze Plastik verschwindet. Liegt das in
    der Alliteration?

    Professor Benedikt hat einmal von einem Ladungs-
    und Entladungsbedürfnis der Menschen gesprochen. Wir
    müssen uns mit Reizen laden, wir müssen aber auch
    diese Reize von Zeit zu Zeit entladen. Diese Refrains
    wirken meiner Ansicht nach als wohltätige Entladungen
    innerer Spannungen. Sie sind eine Ablenkung von
    größeren und bedrückenden Angelegenheiten. Panem et
    circenses! Die Refrains sind die Spiele der Völker.

    Der Gemäßigte: Ein Beitrag zur Erklärung
    der stumpfsinnigen Refrains! Ich halte sie für die
    Reaktion unseres Intellektes gegen den übermäßigen
    Gebrauch unseres Geistes. Der Durchschnittsmensch denkt
    so: Jetzt haben wir schon so lange gescheit sein müssen,
    warum sollen wir nicht einmal Blödsinn machen? Die
    Menschheit hat von Zeit zu Zeit ein ungeheures Be-
    dürfnis nach Blödsinn. Und Witz und Unsinn sind Ruhepausen
    unseres ermüdeten Gehirnes; sie steigen durch ihre
    humoristische Kraft unsere Lebensfreude Wenn ich mir
    erlauben darf, Kleines mit Großem zu vergleichen, so hat
    uns die Musikgeschichte der letzten Jahre ein lehrreiches
    Beispiel gegeben. Die Humperdincksche Oper „Hänsel und
    Gretel“ war die Reaktion unserer Gehörnerven und un...


     

  • S.
    rerer Psychie gegen die ermüdenden Bleechaner Wagner’s,
    gegen die grausamen bluttriefenden italienischen Opern.
    Der Unruhige: Das bringt mir eine sehr
    wichtige Bemerkung zu sein. Das Volk hat einen dumpfen
    Groll gegen seine Klassiker, die es essen muß, ohne sie
    verstehen zu können. Am schönsten ist das in einem
    Wiener Liede zum Ausdruck gekommen. Das naive Be-
    kenntniß ist gerade rührend: „Was hat ka Goethe
    g’schrieb’n, was hat ka Schiller d’icht, ’s ist von kan
    Klassiker, von kan Goethe, so spricht ein Wienerherz zu
    einer Wienerin und ’s klingt doch voller Poesie“. Dieses
    doch erscheint wie eine Kriegserklärung des Volkes
    gegen die Klassiker. Wir brauchen Euch nicht, laßt uns
    in Ruhe. Wir haben un’sern kleinen Kohn!
    Der Schriftsteller: Die Masse verhält sich
    immer wie ein Kind. Wollen wir die Wirkung des
    populären Refrains auf die Volksseele begreifen, so
    müssen wird das Kind beobachten. Was gefällt einem
    Kinde, was amüsirt ihn? Da ist es merkwürdig, daß es
    gewisse Worte gibt, die dem Kinde außerordentlich ge-
    fallen und es zum Lachen reizen. Manche Melodien lernt
    es spielend, gegen andere verhält es sich ablehnend.
    Wunderbar ist es nun den Wortlaut, an dem sich die
    Kinder ergötzen. Zum Beispiel „Storch, Storch, Steiner“
    oder „Maiekäferchen mit dem Wälderschühchen“ 2c.
    Das Kinderlied gibt uns die besten Anhaltspunkte zum
    Verständniß der Popularität, welche gewisse Refrains
    erlangen.
    Der Meister: Wir sind bisher an der Oberfläche
    des Problems halten geblieben; wir haben vielleicht den
    Kernpunkt unserer Besprechungen zu weit gedehnt. Wäre es
    nicht besser gewesen, wir hätten beim kleinen Kohn ge-
    blieben und hätten diesen bis auf seine tiefsten Tiefen
    erschöpft? Wir haben uns noch nicht ja gelernt. Der soziale
    Charakter des kleinen Kohn, der Hintergrund, von dem
    er sich abhebt, die Schliche und weicheren und bewußten
    sozialen Gefühle ist ein wichtiges Moment zur Psychologie
    aller Refrains. Aber weit wichtiger halte ich die Bemer-
    kung, daß wir auf das Kinderleben zurückgreifen müssen.
    Die Masse verhält sich immer wie ein Kind Sie kennen
    ja den befreienden Schillerschen Ausspruch, daß eine
    Gruppe von vernünftigen Menschen in Summe einen
    Dummkopf ausmachen könne. Es ist in Wahrheit leichter,
    mehrere gescheite Menschen zu einer Torheit, als zu
    einer großen vernünftigen hohen Tat zu begeistern.
    Alle diese Refrains haben einen infantilen Charakter
    und ihre Wirkung ist eine infantile. Nicht genug energisch
    kann ich mich gegen den Mißbrauch wenden, den heutzu-
    tage mit dem Wort Suggestion getrieben wird. Was ist
    denn Suggestion? Wissen wir denn, wie die Suggestion
    wirkt? Sie werden mir zugeben, daß ich mich nicht diesen
    Fragen intensiv beschäftigt habe. Ich habe die herkömm-
    lichen Reize der Suggestion ausgesucht, aber keiner hat
    mir eine Antwort auf diese Frage bieten können.
    Cheikerhuus tanz die Shelhus,
    Cheikus tanz die ganze Welt,
    Sag’, wo hat dann Chelhuphers,
    Seinen Bub gestellt?“
    Ein Räthsel wird nicht erklärt, wenn wir ein zweites
    Räthsel an seine Stelle setzen.
    Wie wirken die Refrains? Welches Inhaltsmoment
    ruft ihre Wirkungen hervor? Das bringt uns zu einer
    viel größeren Frage: Wie gewinnt man Lust aus intellek-
    tuellen Leistungen, aus geistiger Arbeit? Einer meiner
    Vorredner hatte recht, wer den Durchschnitt der Masse
    zu reden. Er hatte recht und doch unrecht. Wir sind
    alle derselben. Wir denken nur, weil wir denken müssen.
    Ursprünglich ist das Denken das Mittel, um das Leben
    zu fristen. Eine Waffe im Kampfe ums Dasein. Nachher
    ergibt es sich, daß diese Lebensarbeit an und für sich
    Lust-Aeusserungen verbunden ist. Bleiben wir beim kleinen
    Kohn. Warum macht die Vorstellung des kleinen Kohn
    Lustgefühle in uns?
    Der Bequeme: Der kleine Kohn ist nur ein
    Symbol, doch wir sind viel mehr Spott über die ganze
    Macht des Großkapitals, der gerechtfertigte und ungerecht-
    fertigte Haß gegen die Unterdrückung von Seite der
    Stärkeren.
    Der Meister: Warum aber denn der kleine
    Kohn, dieses unscheinbare, harmlose Männchen?
    Der Unruhige: Damit es weniger Anstoß er-
    regen kann, damit es leichter Verbreitungen finden kann.
    Der Meister: Sehen Sie, jetzt sind wir nahe an
    der Lösung. Der kleine Kohn ist nur eine Maske: dieses
    unbestimmbare harmlose Etwas ist am besten geeignet,
    die unterdrückten Gedanken zu repräsentieren. Es handelt
    sich um einen Vorgang von geistiger Verschleierung, wie
    wir ihn in unseren Traumpoeesien häufig bemerken
    können. Würde das Lied anders heißen, es würde Anstoß
    erregen können. Es könnte nicht öffentlich gesungen
    werden. Eine Opposition wäre immer vorhanden. Aber
    in dieser Form kann sich dieser geistige Föhlen und
    jeder kann hineinlegen und hineindeuten, was er will.
    Der Gemäßigte: Das führt uns auf das Kind
    zurück. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Kinder
    lieber mit einem Stück Holz spielen als mit der schönsten
    Puppe. Das Holz können sie verschieden bearbeiten, es
    kann heute Amme, morgen Stubenmädchen, übermorgen
    eine Prinzessin sein. Die gekleidete Puppe bleibt immer
    dieselbe Dame. Das Holz ist aber ein völliger Repräsen-
    tant dieses Wunschlebens.
    Der Meister: Der kleine Kohn ist also auch
    so ein Stückchen Holz, das sich mit verschiedenen geistigen
    Gravierungen brennen anstechen lässt. Unsere unbewussten
    Gedanken unterstehen der Macht einer Zensur, die sie erst
    reguliert, bevor sie sie in das Reich des Bewussten ein-
    treten lässt. Der kleine Kohn ist ebenso eine Verschiebung
    schmerzvollgerader Gefühle und verdankt seine scheinbar
    grenzenlose Form der Zensur der unbewussten Volksseele.
    Ein populärer Refrain hat die Kritik der Zensur glücklich
    überstanden. Deshalb ist er das „Servus Brezina“ ge-
    worden. Er beleidigt nicht, er greift nicht an; er ist ge-
    mütlich, scheinbar harmlos. Dabei ist er doch charak-
    teristisch für die harte exotische Sprache und das Produkt
    einer geistigen Verschiebung. Hinter diesem unscheinbaren
    Brezina schlummern die Zornesgefühle gegen die Halb-
    herzigkeit der Behörden, die ganz Oesterreich in Ver-
    wirrung bringen. Jetzt sehen wir etwas klares. Ein
    populärer Refrain muß also die Hürde der Zensur über-
    winden. Er muss einen kindlichen Charakter besitzen,
    er muß bescheiden und scheinbar harmlos sein. Er muß die
    Macht von unbewussten Gefühlen in sich tragen.
    Wie sieht es aber mit den anscheinend unsinnigen
    Refrains? Worin besteht das Geheimniß ihres Erfolges?
    Der Bequeme: Die an Lustigkeit stehenden Men-
    schen, die Fahrgäste, haben noch das Bedürfnis, im
    Chore zu singen und dabei zu tanzen. Bei allen wilden
    Völkern geht sich dasselbe Bedürfniß. Alle singen im
    Chore und stoßen oft unverständliche, unsinnige Laute

    dabei aus. Sind diese unsinnigen Refrains nicht eine
    Ueberlieferung der ererbten uralten Volksgebräuche?
    Sozusagen ethnographische Rudimente? Ein geistreicher
    Refrain wäre da gar nicht geeignet, im Chor gesungen
    zu werden; der Refrain schlägt die Brücke von Mensch
    zu Mensch.
    Der Unruhige: Das Geheimnis der unsinnigen
    Refrains besteht in der Konstruktion ihrer Melodien; sie
    sind einfach und packend, was man im Volksmund „an
    Schlager“ nennt. Sie sind einer originellen Harmo-
    nieierung unfähig, sie haben einen merkwürdig einfachen
    Rhythmus. Eine der wichtigsten Triebfedern des mensch-
    lichen Lebens ist der Bildungshaß. Das Herz schlägt
    fast rhythmisch, die Zelle zieht sich rhythmisch zusammen. In
    unseren anderen Funktionen,Hunger, Durst und Schlaf, Schrei
    haben wir den gleichen rhythmischen Charakter. Eine populäre
    Melodie muss diesen tiefsten Schichten der Instinkte der
    Menschheit, vielleicht sogar den geistigen Rhythmen unseres
    Körpers entsprechen. Sie muß Saiten in uns zum Tönen
    bringen. Wenn ich nur ein Klavier hintere, den Dämpfer
    hebe und einen Ton singe, so tönen immer einige Saiten
    mit. Das Geheimnis der Popularität einer Melodie liegt
    eben darin, dass sie sich einem der großen Lebens- und
    Körperrhythmen anpasst, daß sie die Ober-Töne unserer Seele
    zum Klingen bringt. Worte sind nur ein leeres Hüll-
    material und Nebensache. Manchmal werden diese Melodien
    mit Tonleiter und Talente ausgedrückt. Bedeutende Komponisten
    werden nur jene Menschen, welche diese Urrhythmen mit
    seinem Gefühle aus dem Inneren heraushören und sie der
    Menschheit überliefern. Aber noch deutlicher manifestiert
    sich der Typus dieser Urrhythmen in den Volksliedern,
    welche ihre Entstehung den unbewussten Regungen der
    Volksseele verdanken.
    Der Meister: Es ist unmöglich, aus der Masse
    heraus intellektuelle Vorgänge zu deuten. Die Musik ist
    die dunkelste und geheimnisvollste aller Künste. Wir müssen
    den umgekehrten Weg gehen und die Macht des Musik
    aus dem Intellekte heraus zu erklären suchen.
    Es ist spät geworden. Wir haben heute lange ge-
    plaudert. Aber wir haben ein großes Resultat. Wir ver-
    stehen den „kleinen Kohn“ — und das will viel heißen.

     

    Willy Bojan.