Die infantile Sexualität 1910-001/1911

Freud, Sigmund (1910-001/1911): Die infantile Sexualität

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    DIE NEUE GENERATION

    PUBLIKATIONSORGAN DES DEUTSCHEN
    BUNDES FÜR MUTTERSCHUTZ / HERAUS-
    GEGEBEN VON DR. PHIL. HELENE STÖCKER

    Nr. 1 Berlin, 14. Januar 1911


    Die infantile Sexualität / von Prof. Dr.
    Sigmund Freud

    Die psychoanalytische Forschung führt mit wirklich
    überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome
    der Kranken auf Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück,
    zeigt uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der
    Natur erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt uns
    anzunehmen, daß Störungen der Erotik die größte Bedeu-
    tung unter den zur Erkrankung führenden Einflüssen zu-
    gesprochen werden muß, und dies zwar bei beiden
    Geschlechtern.

    Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gerne ge-
    glaubt. Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen
    Arbeiten bereitwillig folgen, sind geneigt zu meinen, daß
    ich den ätiologischen Anteil der sexuellen Momente über-
    schätze, und wenden sich an mich mit der Frage, warum
    denn nicht auch andere seelische Erregungen zu den be-
    schriebenen Phänomenen der Verdrängung und Ersatzbil-
    dung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten: Ich weiß
    nicht, warum sie es nicht sollten, habe auch nichts da-
    gegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung
    nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen
    Momente unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen
    können. Dieser Sachverhalt wurde von mir nicht etwa
    theoretisch postuliert; noch in den 1895 mit Dr. J. Breuer
    publizierten Studien über Hysterie stand ich nicht auf

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    diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm bekehren,
    als meine Erfahrungen zahlreicher wurden und tiefer in
    den Gegenstand eindrangen.

    Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede
    stehenden Satzes wird durch das Benehmen der Patienten
    nicht gerade erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte über
    ihr Sexualleben bereitwillig entgegenzubringen, suchen sie
    dieses mit allen Mitteln zu verbergen. Die Menschen sind
    überhaupt nicht aufrichtig in sexuellen Dingen. Sie zeigen
    ihre Sexualität nicht frei, sondern tragen eine dicke Ober-
    kleidung aus – Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob
    es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der Sexualität. Und
    sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind in unserer
    Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht günstig;
    eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den
    anderen enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt
    haben, daß sie sich’s in Ihrer Behandlung behaglich machen
    dürfen, dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst
    sind Sie in der Lage, sich ein Urteil über unsere Streit-
    frage zu bilden. Leider sind auch die Ärzte in ihrem
    persönlichen Verhältnis zu den Fragen des Sexuallebens
    vor anderen Menschenkindern nicht bevorzugt, und viele
    von ihnen stehen unter dem Banne jener Vereinigung von
    Prüderie und Lüsternheit, welche das Verhalten der meisten
    »Kulturmenschen« in Sachen der Sexualität beherrscht.

    Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergeb-
    nisse fortfahren. In einer anderen Reihe von Fällen führt
    die psychoanalytische Erforschung die Symptome allerdings
    nicht auf sexuelle, sondern auf banale traumatische Erleb-
    nisse zurück. Aber diese Unterscheidung wird durch
    einen anderen Umstand bedeutungslos. Die zur gründ-
    lichen Aufklärung und endgültigen Herstellung eines
    Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit macht nämlich
    in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungszeit
    halt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die Pubertät
    und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, um erst

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    dort auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden
    Eindrücke und Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der
    Kindheit geben die Erklärung für die Empfindlichkeit
    gegen spätere Traumen, und nur durch die Aufdeckung
    und Bewußtwerdung dieser fast regelmäßig vergessenen
    Erinnerungsspuren erwerben wir die Macht zur Beseitigung
    der Symptome. Wir gelangen hier zu dem gleichen Er-
    gebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es die
    unvergänglichen, verdrängten Wunschregungen der Kind-
    heit sind, die ihre Macht zur Symptombildung geliehen
    haben, ohne welche die Reaktion auf spätere Traumen
    normal verlaufen wäre. Diese mächtigen Wunschregungen
    der Kindheit dürfen wir aber ganz allgemein als sexuelle
    bezeichnen.

    Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher.
    Gibt es denn eine infantile Sexualität? werden Sie fragen.
    Ist das Kindesalter nicht vielmehr die Lebensperiode, die
    durch das Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist?
    Nein, es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pu-
    bertätszeit in die Kinder fährt, wie im Evangelium der
    Teufel in die Säue. Das Kind hat seine sexuellen Triebe
    und Betätigungen von Anfang an, es bringt sie mit auf
    die Welt, und aus ihnen geht durch eine bedeutungsvolle,
    an Etappen reiche Entwicklung die sogenannte normale
    Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist nicht einmal
    schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexualbetätigung
    zu beobachten; es gehört vielmehr eine gewisse Kunst
    dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten.

    Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage
    versetzt, einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer
    Mitte selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die Arbeit
    eines Dr. Sanford Bell, die 1902 im »American Journal of
    Psychology« abgedruckt worden ist. Der Autor ist ein
    Fellow der Clark University, desselben Instituts, in dessen
    Räumen wir jetzt stehen. In dieser Arbeit, betitelt »A pre-
    liminary study of the emotion of love between the sexes«,

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    die drei Jahre vor meinen »Drei Abhandlungen zur Sexual-
    theorie« erschienen ist, sagt der Autor ganz so, wie ich
    Ihnen eben sagte:

    The emotion of sex-love … does
    not make its appearance for the first time at the period
    of adolescence, as has been thought. Er hat, wie wir in
    Europa sagen würden, im amerikanischen Stil gearbeitet,
    nicht weniger als 2500 positive Beobachtungen im Laufe
    von 15 Jahren gesammelt, darunter 800 eigene. Von den
    Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten kundgeben,
    äußert er: The unprejudiced mind in observing these ma-
    nifestations in hundreds of couples of children cannot
    escape referring them to sex origin. The most exacting
    mind is satisfied when to these observations are added the
    confessions of those who have as children, experienced
    the emotion to a marked degree of intensity, and whose
    memories of childhood are relatively distinct.

    Am meisten
    aber werden diejenigen von Ihnen, die an die infantile
    Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein, zu hören,
    daß unter diesen früh verliebten Kindern nicht wenige
    sich im zarten Alter von drei, vier und fünf Jahren befinden.

    Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Be-
    obachtungen eines engsten Landsmannes eher Glauben
    schenken würden als den meinigen. Mir selbst ist es vor
    kurzem geglückt, aus der Analyse eines fünfjährigen, an
    Angst leidenden Knaben, die dessen eigener Vater kunst-
    gerecht mit ihm vorgenommen,*) ein ziemlich vollständiges
    Bild der somatischen Triebäußerungen und der seelischen
    Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen Liebes-
    lebens zu gewinnen. Und ich darf Sie daran erinnern,
    daß mein Freund Dr. C. G. Jung Ihnen in diesem Saale
    vor wenigen Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren
    Mädchens vorlas, welches aus dem gleichen Anlaß wie
    mein Patient – bei der Geburt eines Geschwisterchens –
    fast die nämlichen sinnlichen Regungen, Wünsch- und

    *) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrbuch für psycho-
    analytische und psychopathologische Forschungen. Bd. I, 1. Hälfte, 1909.

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    Komplexbildungen, mit Sicherheit erraten ließ. Ich ver-
    zweifle also nicht daran, daß Sie sich mit der anfänglich
    befremdlichen Idee der infantilen Sexualität befreunden
    werden und möchte Ihnen noch das rühmliche Beispiel
    des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten, der noch
    vor wenigen Jahren öffentlich äußerte, »er stehe meinen
    sexuellen Theorien ohne Verständnis gegenüber«, und seit-
    her die infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch
    eigene Beobachtungen bestätigt hat.*)

    Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder
    andere, vom Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen,
    so ist dies nur zu leicht erklärlich. Sie haben ihre eigene
    infantile Sexualbetätigung unter dem Drucke der Erziehung
    zur Kultur vergessen und wollen nun an das Verdrängte
    nicht erinnert werden. Sie würden zu anderen Über-
    zeugungen gelangen, wenn sie die Untersuchung mit einer
    Selbstanalyse, einer Revision und Deutung ihrer Kindheits-
    erinnerungen beginnen würden.

    Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir
    an eine Würdigung der infantilen Sexualität von den
    frühesten Jahren an.**) Der Sexualtrieb des Kindes erweist
    sich als hoch zusammengesetzt, er läßt eine Zerlegung in
    viele Komponenten zu, die aus verschiedenen Quellen
    stammen. Er ist vor allem noch unabhängig von der
    Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich später
    stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten
    von Lustempfindung, die wir nach Analogien und Zu-
    sammenhängen als Sexuallust zusammenfassen. Die Haupt-
    quelle der infantilen Sexuallust ist die geeignete Erregung
    bestimmter, besonders reizbarer Körperstellen, außer den
    Genitalien, der Mund-, After- und Harnröhrenöffnung,
    aber auch der Haut und anderer Sinnesoberflächen. Da

    *) Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der
    schweiz. Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.

    **) Drei Vorlesungen zur Sexualtheorie, Wien, 1906, Fr. Deuticke,
    2. Auflage 1910.

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    in dieser ersten Phase des kindlichen Sexuallebens die
    Befriedigung am eigenen Körper gefunden und von einem
    fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die Phase
    nach einem von Havelock Ellis geprägten Wort die des
    Autoerotismus. Jene für die Gewinnung von sexueller
    Lust bedeutsamen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das
    Ludeln und Wonnesaugen der kleinsten Kinder ist ein
    gutes Beispiel einer solchen autoerotischen Befriedigung
    von einer erogenen Zone aus; der erste wissenschaftliche
    Beobachter dieses Phänomens, ein Kinderarzt namens Lindner
    in Budapest, hat es bereits richtig als Sexualbefriedigung
    gedeutet und dessen Übergang in andere und höhere For-
    men der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.*) Eine
    andere Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die masturba-
    torische Erregung der Genitalien, die eine so große Be-
    deutung für das spätere Leben behält und von vielen
    Individuen überhaupt nie völlig überwunden wird. Neben
    diesen und anderen autoerotischen Betätigungen äußern
    sich sehr frühzeitig beim Kinde jene Triebkomponenten
    der Sexuallust oder, wie wir gern sagen, der Libido, die
    eine fremde Person als Objekt zur Voraussetzung nehmen.
    Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf, als aktive und
    passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten Vertreter
    dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus),
    mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus), und die
    aktive und passive Schaulust, von welch ersterer später die
    Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer der Drang zur
    künstlerischen und schauspielerischen Schaustellung. Andere
    Sexualbetätigungen des Kindes fallen bereits unter den
    Gesichtspunkt der Objektwahl, bei welcher eine fremde
    Person zur Hauptsache wird, die ihre Bedeutung ursprüng-
    lich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes verdankt. Der
    Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen
    Periode noch keine ausschlaggebende Rolle. Sie können

    *) Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879.

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    so jedem Kinde, ohne ihm Unrecht zu tun, ein Stück
    homosexueller Begabung zusprechen.

    Dies zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexual-
    leben des Kindes, in welchem der einzelne Trieb unab-
    hängig von jedem anderen dem Lusterwerbe nachgeht, er-
    fährt nun eine Zusammenfassung und Organisation nach
    zwei Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß der Pubertäts-
    zeit der definitive Sexualcharakter des Individuums meist
    fertig ausgebildet ist. Einerseits unterordnen sich die ein-
    zelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone, wodurch
    das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung
    tritt und ihre Befriedigung nur noch als Vorbereitung und
    Begünstigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung
    bleibt. Anderseits drängt die Objektwahl den Autoerotismus
    zurück, so daß nun im Liebesleben alle Komponenten des
    Sexualtriebes an der geliebten Person befriedigt werden
    wollen. Aber nicht alle ursprünglichen Triebkomponenten
    werden zu einem Anteil an dieser endgültigen Feststellung
    des Sexuallebens zugelassen. Noch vor der Pubertätszeit
    sind unter dem Einfluß der Erziehung äußerst energische
    Verdrängungen gewisser Triebe durchgesetzt und seelische
    Mächte wie Scham, Ekel, Moral hergestellt worden, welche
    diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt
    dann im Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen Be-
    dürftigkeit, so findet sie an den genannten seelischen
    Reaktions- oder Wiederstandsbildungen Dämme, welche
    ihr den Ablauf in die sogenannten normalen Wege vor-
    schreiben und es ihr unmöglich machen, die der Verdrängung
    unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es sind besonders
    die koprophilen, d. h. die mit den Exkrementen zusammen-
    hängenden Lustregungen der Kindheit, welche von der
    Verdrängung am gründlichsten betroffen werden, und
    ferner die Fixierung an die Personen der primitiven Objekt-
    wahl.

    Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus, daß jeder
    Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen Dis-
     

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    position mit sich bringt, insofern er gehemmt, verzögert
    werden oder unvollkommen ablaufen kann. Dasselbe gilt
    für die so komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion.
    Sie wird nicht bei allen Individuen glatt durchgemacht
    und hinterläßt dann entweder Abnormitäten oder Dis-
    positionen zu späterer Erkrankung auf dem Wege der
    Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, daß nicht
    alle Partialtriebe sich der Herrschaft der Genitalzone unter-
    werfen; ein solcher unabhängig gebliebener Trieb stellt
    dann das dar, was wir eine Perversion nennen, und was
    das normale Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann.
    Es kommt, wie bereits erwähnt, sehr häufig vor, daß der
    Autoerotismus nicht völlig überwunden wird, wovon die
    mannigfaltigsten Störungen in der Folge Zeugnis ablegen.
    Die ursprüngliche Gleichwertigkeit beider Geschlechter als
    Sexualobjekte kann sich erhalten, und daraus wird sich
    eine Neigung zur homosexuellen Betätigung im reifen
    Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließ-
    lichen Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von
    Störungen entspricht den direkten Entwicklungshemmungen
    der Sexualfunktion; sie umfaßt die Perversionen und
    den gar nicht seltenen allgemeinen Infantilismus des Sexual-
    lebens.

    Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise
    von einer Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten.
    Die Neurosen verhalten sich zu den Perversionen wie das
    Negativ zum Positiv; in ihnen sind dieselben Triebkompo-
    nenten als Träger der Komplexe und Symptombildner
    nachweisbar wie bei den Perversionen, aber sie wirken
    hier vom Unbewußten her; sie haben also eine Verdrängung
    erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im Un-
    bewußten behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen,
    daß überstarke Äußerung dieser Triebe in sehr frühen
    Zeiten zu einer Art von partieller Fixierung führt, die nun
    einen schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion
    darstellt. Stößt die Ausübung der normalen Sexualfunktion

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    im reifen Leben auf Hindernisse, so wird die Verdrängung
    der Entwicklungszeit gerade an jenen Stellen durchbrochen,
    wo die infantilen Fixierungen stattgefunden haben.

    Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber
    das ist ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort
    in einem viel weiteren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu
    verstehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt
    sich, ob nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem
    Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf das Gebiet der Fort-
    pflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Verständnis
    der Perversion, den Zusammenhang zwischen Perversion,
    Neurose und normalem Sexualleben, und setzen sich
    außer stande, die leicht zu beobachtenden Anfänge
    des somatischen und seelischen Liebeslebens der Kinder
    nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen. Wie immer
    Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden wollen,
    halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität
    in jenem vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die
    Würdigung der infantilen Sexualität geleitet wird.

    Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des
    Kindes zurück. Wir haben hier manches nachzuholen, weil
    wir unsere Aufmerksamkeit mehr den somatischen als den
    seelischen Äußerungen des Sexuallebens geschenkt haben.

    Die primitive Objektwahl des Kindes, die sich von seiner
    Hilfsbedürftigkeit ableitet, fordert unser weiteres Interesse
    heraus. Sie wendet sich zunächst allen Pflegepersonen zu,
    die aber bald hinter den Eltern zurücktreten. Die Be-
    ziehung der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte Beob-
    achtung des Kindes und spätere analytische Erforschung
    des Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs frei
    von Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt
    beide Elternteile und einen Teil besonders zum Objekt
    seiner erotischen Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei
    selbst einer Anregung der Eltern, deren Zärtlichkeit die
    deutlichsten Charaktere einer, wenn auch in ihren Zielen
    gehemmten, Sexualbetätigung hat. Der Vater bevorzugt

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    in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn; das
    Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle
    des Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht.
    Die Gefühle, die in diesen Beziehungen zwischen Eltern
    und Kindern und in den daran angelehnten zwischen den
    Geschwistern untereinander geweckt werden, sind nicht
    nur positiver, zärtlicher, sondern auch negativer, feindseliger
    Art. Der so gebildete Komplex ist zur baldigen Ver
    drängung bestimmt, aber er übt noch vom Unbewußten
    her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus. Wir
    dürfen die Vermutung aussprechen, daß er mit seinen
    Ausläufern den Kernkomplex einer jeden Neurose darstellt,
    und wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des
    Seelenlebens nicht minder wirksam anzutreffen. Der
    Mythus vom König Ödipus, der seinen Vater tötet und
    seine Mutter zum Weib gewinnt, ist eine noch wenig
    abgeänderte Offenbarung des infantilen Wunsches, dem
    sich späterhin die Inzestschranke abweisend entgegenstellt.
    Die Hamlet-Dichtung Shakespeares ruht auf demselben
    Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes.

    Um die Zeit, da das Kind von dem noch unver-
    drängten Kernkomplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungs-
    volles Stück seiner intellektuellen Betätigung im Dienste
    der Sexualinteressen ein. Es beginnt zu forschen, woher
    die Kinder kommen, und errät in Verwertung der ihm
    gebotenen Anzeichen mehr von den wirklichen Verhältnissen,
    als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich hat die
    materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind,
    in dem es zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein
    Forscherinteresse geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm
    selbst tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl von
    »infantilen Sexualtheorien«, wie daß es beiden Geschlechtern
    das gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder
    durch Essen empfangen und durch das Ende des Darmes
    gebären läßt, und daß es den Verkehr der Geschlechter
    als einen feindseligen Akt, eine Art von Überwältigung

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    erfaßt. Aber gerade die Unfertigkeit seiner sexuellen
    Konstitution und die Lücke in seinen Kenntnissen, die
    durch die Latenz des weiblichen Geschlechtskanals gegeben
    ist, nötigt den infantilen Forscher, seine Arbeit als er-
    folglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung
    selbst, sowie die einzelnen durch sie zutage geförderten
    infantilen Sexualtheorien bleiben von bestimmender Be-
    deutung für die Charakterbildung des Kindes und den
    Inhalt seiner späteren neurotischen Erkrankung.

    Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das
    Kind die Eltern zu Objekten seiner ersten Liebeswahl
    mache. Aber seine Libido soll nicht an diese ersten Ob-
    jekte fixiert bleiben, sondern sie späterhin bloß zum
    Vorbild nehmen und von ihnen zur Zeit der definitiven
    Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten. Die Ab-
    lösung des Kindes von den Eltern wird so zu einer un-
    entrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des
    jungen Individuums nicht gefährdet werden soll. Während
    der Zeit, da die Verdrängung die Auslese unter den
    Partialtrieben der Sexualität trifft, und später, wenn der
    Einfluß der Eltern gelockert werden soll, der den Auf-
    wand für diese Verdrängungen im wesentlichen bestritten
    hat, fallen der Erziehungsarbeit große Aufgaben zu, die
    gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnisvoller und
    einwandfreier Weise erledigt werden.*)


    Die Eifersucht / von Havelock Ellis

    Es ist schwer, einen Grad von Lebensgemeinsamkeit zu
    finden, der die Eifersucht oder auch nur die Gelegen-
    heit für die Motive der Eifersucht ausschließe.

    *) Wir freuen uns, unsern Lesern hierdurch einen Beitrag des ge-
    schätzten Forschers bringen zu können, der so bahnbrechend auf dem
    Gebiet der Sexualanalyse wirkt. Er ist mit freundlicher Erlaubnis
    des Autors und Verlegers den Abhandlungen »Über Psychoanalyse«
    entnommen, die vor kurzem im Verlag von Deuticke, Leipzig und
    Wien, erschienen sind. Wir kommen auf das Werk noch zurück. Die Red.