S.
1
DIE NEUE GENERATION
PUBLIKATIONSORGAN DES DEUTSCHEN
BUNDES FÜR MUTTERSCHUTZ / HERAUS-
GEGEBEN VON DR. PHIL. HELENE STÖCKERNr. 1 Berlin, 14. Januar 1911
Die infantile Sexualität / von Prof. Dr.
Sigmund FreudDie psychoanalytische Forschung führt mit wirklich
überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome
der Kranken auf Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück,
zeigt uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der
Natur erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt uns
anzunehmen, daß Störungen der Erotik die größte Bedeu-
tung unter den zur Erkrankung führenden Einflüssen zu-
gesprochen werden muß, und dies zwar bei beiden
Geschlechtern.Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gerne ge-
glaubt. Selbst solche Forscher, die meinen psychologischen
Arbeiten bereitwillig folgen, sind geneigt zu meinen, daß
ich den ätiologischen Anteil der sexuellen Momente über-
schätze, und wenden sich an mich mit der Frage, warum
denn nicht auch andere seelische Erregungen zu den be-
schriebenen Phänomenen der Verdrängung und Ersatzbil-
dung Anlaß geben sollen. Nun ich kann antworten: Ich weiß
nicht, warum sie es nicht sollten, habe auch nichts da-
gegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung
nicht haben, daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen
Momente unterstützen, nie aber die letzteren ersetzen
können. Dieser Sachverhalt wurde von mir nicht etwa
theoretisch postuliert; noch in den 1895 mit Dr. J. Breuer
publizierten Studien über Hysterie stand ich nicht aufS.
2
diesem Standpunkte; ich mußte mich zu ihm bekehren,
als meine Erfahrungen zahlreicher wurden und tiefer in
den Gegenstand eindrangen.Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede
stehenden Satzes wird durch das Benehmen der Patienten
nicht gerade erleichtert. Anstatt uns die Auskünfte über
ihr Sexualleben bereitwillig entgegenzubringen, suchen sie
dieses mit allen Mitteln zu verbergen. Die Menschen sind
überhaupt nicht aufrichtig in sexuellen Dingen. Sie zeigen
ihre Sexualität nicht frei, sondern tragen eine dicke Ober-
kleidung aus – Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob
es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der Sexualität. Und
sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind in unserer
Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht günstig;
eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den
anderen enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt
haben, daß sie sich’s in Ihrer Behandlung behaglich machen
dürfen, dann legen sie jene Lügenhülle ab, und dann erst
sind Sie in der Lage, sich ein Urteil über unsere Streit-
frage zu bilden. Leider sind auch die Ärzte in ihrem
persönlichen Verhältnis zu den Fragen des Sexuallebens
vor anderen Menschenkindern nicht bevorzugt, und viele
von ihnen stehen unter dem Banne jener Vereinigung von
Prüderie und Lüsternheit, welche das Verhalten der meisten
»Kulturmenschen« in Sachen der Sexualität beherrscht.Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergeb-
nisse fortfahren. In einer anderen Reihe von Fällen führt
die psychoanalytische Erforschung die Symptome allerdings
nicht auf sexuelle, sondern auf banale traumatische Erleb-
nisse zurück. Aber diese Unterscheidung wird durch
einen anderen Umstand bedeutungslos. Die zur gründ-
lichen Aufklärung und endgültigen Herstellung eines
Krankheitsfalles erforderliche Analysenarbeit macht nämlich
in keinem Falle bei den Erlebnissen der Erkrankungszeit
halt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die Pubertät
und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, um erstS.
3
dort auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden
Eindrücke und Vorfälle zu stoßen. Erst die Erlebnisse der
Kindheit geben die Erklärung für die Empfindlichkeit
gegen spätere Traumen, und nur durch die Aufdeckung
und Bewußtwerdung dieser fast regelmäßig vergessenen
Erinnerungsspuren erwerben wir die Macht zur Beseitigung
der Symptome. Wir gelangen hier zu dem gleichen Er-
gebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es die
unvergänglichen, verdrängten Wunschregungen der Kind-
heit sind, die ihre Macht zur Symptombildung geliehen
haben, ohne welche die Reaktion auf spätere Traumen
normal verlaufen wäre. Diese mächtigen Wunschregungen
der Kindheit dürfen wir aber ganz allgemein als sexuelle
bezeichnen.Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher.
Gibt es denn eine infantile Sexualität? werden Sie fragen.
Ist das Kindesalter nicht vielmehr die Lebensperiode, die
durch das Fehlen des Sexualtriebes ausgezeichnet ist?
Nein, es ist gewiß nicht so, daß der Sexualtrieb zur Pu-
bertätszeit in die Kinder fährt, wie im Evangelium der
Teufel in die Säue. Das Kind hat seine sexuellen Triebe
und Betätigungen von Anfang an, es bringt sie mit auf
die Welt, und aus ihnen geht durch eine bedeutungsvolle,
an Etappen reiche Entwicklung die sogenannte normale
Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist nicht einmal
schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexualbetätigung
zu beobachten; es gehört vielmehr eine gewisse Kunst
dazu, sie zu übersehen oder wegzudeuten.Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage
versetzt, einen Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer
Mitte selbst anzurufen. Ich zeige Ihnen hier die Arbeit
eines Dr. Sanford Bell, die 1902 im »American Journal of
Psychology« abgedruckt worden ist. Der Autor ist ein
Fellow der Clark University, desselben Instituts, in dessen
Räumen wir jetzt stehen. In dieser Arbeit, betitelt »A pre-
liminary study of the emotion of love between the sexes«,S.
4
die drei Jahre vor meinen »Drei Abhandlungen zur Sexual-
theorie« erschienen ist, sagt der Autor ganz so, wie ich
Ihnen eben sagte:The emotion of sex-love … does
not make its appearance for the first time at the period
of adolescence, as has been thought. Er hat, wie wir in
Europa sagen würden, im amerikanischen Stil gearbeitet,
nicht weniger als 2500 positive Beobachtungen im Laufe
von 15 Jahren gesammelt, darunter 800 eigene. Von den
Zeichen, durch die sich diese Verliebtheiten kundgeben,
äußert er: The unprejudiced mind in observing these ma-
nifestations in hundreds of couples of children cannot
escape referring them to sex origin. The most exacting
mind is satisfied when to these observations are added the
confessions of those who have as children, experienced
the emotion to a marked degree of intensity, and whose
memories of childhood are relatively distinct.Am meisten
aber werden diejenigen von Ihnen, die an die infantile
Sexualität nicht glauben wollten, überrascht sein, zu hören,
daß unter diesen früh verliebten Kindern nicht wenige
sich im zarten Alter von drei, vier und fünf Jahren befinden.Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Be-
obachtungen eines engsten Landsmannes eher Glauben
schenken würden als den meinigen. Mir selbst ist es vor
kurzem geglückt, aus der Analyse eines fünfjährigen, an
Angst leidenden Knaben, die dessen eigener Vater kunst-
gerecht mit ihm vorgenommen,*) ein ziemlich vollständiges
Bild der somatischen Triebäußerungen und der seelischen
Produktionen auf einer frühen Stufe des kindlichen Liebes-
lebens zu gewinnen. Und ich darf Sie daran erinnern,
daß mein Freund Dr. C. G. Jung Ihnen in diesem Saale
vor wenigen Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren
Mädchens vorlas, welches aus dem gleichen Anlaß wie
mein Patient – bei der Geburt eines Geschwisterchens –
fast die nämlichen sinnlichen Regungen, Wünsch- und*) Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrbuch für psycho-
analytische und psychopathologische Forschungen. Bd. I, 1. Hälfte, 1909.S.
5
Komplexbildungen, mit Sicherheit erraten ließ. Ich ver-
zweifle also nicht daran, daß Sie sich mit der anfänglich
befremdlichen Idee der infantilen Sexualität befreunden
werden und möchte Ihnen noch das rühmliche Beispiel
des Züricher Psychiaters E. Bleuler vorhalten, der noch
vor wenigen Jahren öffentlich äußerte, »er stehe meinen
sexuellen Theorien ohne Verständnis gegenüber«, und seit-
her die infantile Sexualität in ihrem vollen Umfang durch
eigene Beobachtungen bestätigt hat.*)Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder
andere, vom Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen,
so ist dies nur zu leicht erklärlich. Sie haben ihre eigene
infantile Sexualbetätigung unter dem Drucke der Erziehung
zur Kultur vergessen und wollen nun an das Verdrängte
nicht erinnert werden. Sie würden zu anderen Über-
zeugungen gelangen, wenn sie die Untersuchung mit einer
Selbstanalyse, einer Revision und Deutung ihrer Kindheits-
erinnerungen beginnen würden.Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir
an eine Würdigung der infantilen Sexualität von den
frühesten Jahren an.**) Der Sexualtrieb des Kindes erweist
sich als hoch zusammengesetzt, er läßt eine Zerlegung in
viele Komponenten zu, die aus verschiedenen Quellen
stammen. Er ist vor allem noch unabhängig von der
Funktion der Fortpflanzung, in deren Dienst er sich später
stellen wird. Er dient der Gewinnung verschiedener Arten
von Lustempfindung, die wir nach Analogien und Zu-
sammenhängen als Sexuallust zusammenfassen. Die Haupt-
quelle der infantilen Sexuallust ist die geeignete Erregung
bestimmter, besonders reizbarer Körperstellen, außer den
Genitalien, der Mund-, After- und Harnröhrenöffnung,
aber auch der Haut und anderer Sinnesoberflächen. Da*) Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der
schweiz. Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.**) Drei Vorlesungen zur Sexualtheorie, Wien, 1906, Fr. Deuticke,
2. Auflage 1910.S.
6
in dieser ersten Phase des kindlichen Sexuallebens die
Befriedigung am eigenen Körper gefunden und von einem
fremden Objekt abgesehen wird, heißen wir die Phase
nach einem von Havelock Ellis geprägten Wort die des
Autoerotismus. Jene für die Gewinnung von sexueller
Lust bedeutsamen Stellen nennen wir erogene Zonen. Das
Ludeln und Wonnesaugen der kleinsten Kinder ist ein
gutes Beispiel einer solchen autoerotischen Befriedigung
von einer erogenen Zone aus; der erste wissenschaftliche
Beobachter dieses Phänomens, ein Kinderarzt namens Lindner
in Budapest, hat es bereits richtig als Sexualbefriedigung
gedeutet und dessen Übergang in andere und höhere For-
men der Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.*) Eine
andere Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die masturba-
torische Erregung der Genitalien, die eine so große Be-
deutung für das spätere Leben behält und von vielen
Individuen überhaupt nie völlig überwunden wird. Neben
diesen und anderen autoerotischen Betätigungen äußern
sich sehr frühzeitig beim Kinde jene Triebkomponenten
der Sexuallust oder, wie wir gern sagen, der Libido, die
eine fremde Person als Objekt zur Voraussetzung nehmen.
Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf, als aktive und
passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten Vertreter
dieser Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus),
mit ihrem passiven Gegenspiel (Masochismus), und die
aktive und passive Schaulust, von welch ersterer später die
Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer der Drang zur
künstlerischen und schauspielerischen Schaustellung. Andere
Sexualbetätigungen des Kindes fallen bereits unter den
Gesichtspunkt der Objektwahl, bei welcher eine fremde
Person zur Hauptsache wird, die ihre Bedeutung ursprüng-
lich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes verdankt. Der
Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen
Periode noch keine ausschlaggebende Rolle. Sie können*) Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879.
S.
7
so jedem Kinde, ohne ihm Unrecht zu tun, ein Stück
homosexueller Begabung zusprechen.Dies zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexual-
leben des Kindes, in welchem der einzelne Trieb unab-
hängig von jedem anderen dem Lusterwerbe nachgeht, er-
fährt nun eine Zusammenfassung und Organisation nach
zwei Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß der Pubertäts-
zeit der definitive Sexualcharakter des Individuums meist
fertig ausgebildet ist. Einerseits unterordnen sich die ein-
zelnen Triebe der Oberherrschaft der Genitalzone, wodurch
das ganze Sexualleben in den Dienst der Fortpflanzung
tritt und ihre Befriedigung nur noch als Vorbereitung und
Begünstigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung
bleibt. Anderseits drängt die Objektwahl den Autoerotismus
zurück, so daß nun im Liebesleben alle Komponenten des
Sexualtriebes an der geliebten Person befriedigt werden
wollen. Aber nicht alle ursprünglichen Triebkomponenten
werden zu einem Anteil an dieser endgültigen Feststellung
des Sexuallebens zugelassen. Noch vor der Pubertätszeit
sind unter dem Einfluß der Erziehung äußerst energische
Verdrängungen gewisser Triebe durchgesetzt und seelische
Mächte wie Scham, Ekel, Moral hergestellt worden, welche
diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten. Kommt
dann im Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen Be-
dürftigkeit, so findet sie an den genannten seelischen
Reaktions- oder Wiederstandsbildungen Dämme, welche
ihr den Ablauf in die sogenannten normalen Wege vor-
schreiben und es ihr unmöglich machen, die der Verdrängung
unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es sind besonders
die koprophilen, d. h. die mit den Exkrementen zusammen-
hängenden Lustregungen der Kindheit, welche von der
Verdrängung am gründlichsten betroffen werden, und
ferner die Fixierung an die Personen der primitiven Objekt-
wahl.Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus, daß jeder
Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen Dis-
S.
8
position mit sich bringt, insofern er gehemmt, verzögert
werden oder unvollkommen ablaufen kann. Dasselbe gilt
für die so komplizierte Entwicklung der Sexualfunktion.
Sie wird nicht bei allen Individuen glatt durchgemacht
und hinterläßt dann entweder Abnormitäten oder Dis-
positionen zu späterer Erkrankung auf dem Wege der
Rückbildung (Regression). Es kann geschehen, daß nicht
alle Partialtriebe sich der Herrschaft der Genitalzone unter-
werfen; ein solcher unabhängig gebliebener Trieb stellt
dann das dar, was wir eine Perversion nennen, und was
das normale Sexualziel durch sein eigenes ersetzen kann.
Es kommt, wie bereits erwähnt, sehr häufig vor, daß der
Autoerotismus nicht völlig überwunden wird, wovon die
mannigfaltigsten Störungen in der Folge Zeugnis ablegen.
Die ursprüngliche Gleichwertigkeit beider Geschlechter als
Sexualobjekte kann sich erhalten, und daraus wird sich
eine Neigung zur homosexuellen Betätigung im reifen
Leben ergeben, die sich unter Umständen zur ausschließ-
lichen Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von
Störungen entspricht den direkten Entwicklungshemmungen
der Sexualfunktion; sie umfaßt die Perversionen und
den gar nicht seltenen allgemeinen Infantilismus des Sexual-
lebens.Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise
von einer Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten.
Die Neurosen verhalten sich zu den Perversionen wie das
Negativ zum Positiv; in ihnen sind dieselben Triebkompo-
nenten als Träger der Komplexe und Symptombildner
nachweisbar wie bei den Perversionen, aber sie wirken
hier vom Unbewußten her; sie haben also eine Verdrängung
erfahren, konnten sich aber derselben zum Trotze im Un-
bewußten behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen,
daß überstarke Äußerung dieser Triebe in sehr frühen
Zeiten zu einer Art von partieller Fixierung führt, die nun
einen schwachen Punkt im Gefüge der Sexualfunktion
darstellt. Stößt die Ausübung der normalen SexualfunktionS.
9
im reifen Leben auf Hindernisse, so wird die Verdrängung
der Entwicklungszeit gerade an jenen Stellen durchbrochen,
wo die infantilen Fixierungen stattgefunden haben.Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber
das ist ja alles nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort
in einem viel weiteren Sinne, als Sie gewohnt sind, es zu
verstehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber es fragt
sich, ob nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem
Sinne gebrauchen, wenn Sie es auf das Gebiet der Fort-
pflanzung einschränken. Sie opfern dabei das Verständnis
der Perversion, den Zusammenhang zwischen Perversion,
Neurose und normalem Sexualleben, und setzen sich
außer stande, die leicht zu beobachtenden Anfänge
des somatischen und seelischen Liebeslebens der Kinder
nach ihrer wahren Bedeutung zu erkennen. Wie immer
Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden wollen,
halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität
in jenem vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die
Würdigung der infantilen Sexualität geleitet wird.Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des
Kindes zurück. Wir haben hier manches nachzuholen, weil
wir unsere Aufmerksamkeit mehr den somatischen als den
seelischen Äußerungen des Sexuallebens geschenkt haben.Die primitive Objektwahl des Kindes, die sich von seiner
Hilfsbedürftigkeit ableitet, fordert unser weiteres Interesse
heraus. Sie wendet sich zunächst allen Pflegepersonen zu,
die aber bald hinter den Eltern zurücktreten. Die Be-
ziehung der Kinder zu ihren Eltern ist, wie direkte Beob-
achtung des Kindes und spätere analytische Erforschung
des Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs frei
von Elementen sexueller Miterregung. Das Kind nimmt
beide Elternteile und einen Teil besonders zum Objekt
seiner erotischen Wünsche. Gewöhnlich folgt es dabei
selbst einer Anregung der Eltern, deren Zärtlichkeit die
deutlichsten Charaktere einer, wenn auch in ihren Zielen
gehemmten, Sexualbetätigung hat. Der Vater bevorzugtS.
10
in der Regel die Tochter, die Mutter den Sohn; das
Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an die Stelle
des Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht.
Die Gefühle, die in diesen Beziehungen zwischen Eltern
und Kindern und in den daran angelehnten zwischen den
Geschwistern untereinander geweckt werden, sind nicht
nur positiver, zärtlicher, sondern auch negativer, feindseliger
Art. Der so gebildete Komplex ist zur baldigen Ver
drängung bestimmt, aber er übt noch vom Unbewußten
her eine großartige und nachhaltige Wirkung aus. Wir
dürfen die Vermutung aussprechen, daß er mit seinen
Ausläufern den Kernkomplex einer jeden Neurose darstellt,
und wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des
Seelenlebens nicht minder wirksam anzutreffen. Der
Mythus vom König Ödipus, der seinen Vater tötet und
seine Mutter zum Weib gewinnt, ist eine noch wenig
abgeänderte Offenbarung des infantilen Wunsches, dem
sich späterhin die Inzestschranke abweisend entgegenstellt.
Die Hamlet-Dichtung Shakespeares ruht auf demselben
Boden des besser verhüllten Inzestkomplexes.Um die Zeit, da das Kind von dem noch unver-
drängten Kernkomplex beherrscht wird, setzt ein bedeutungs-
volles Stück seiner intellektuellen Betätigung im Dienste
der Sexualinteressen ein. Es beginnt zu forschen, woher
die Kinder kommen, und errät in Verwertung der ihm
gebotenen Anzeichen mehr von den wirklichen Verhältnissen,
als die Erwachsenen ahnen können. Gewöhnlich hat die
materielle Bedrohung durch ein neu angekommenes Kind,
in dem es zunächst nur den Konkurrenten erblickt, sein
Forscherinteresse geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm
selbst tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl von
»infantilen Sexualtheorien«, wie daß es beiden Geschlechtern
das gleiche männliche Genitale zuspricht, daß es die Kinder
durch Essen empfangen und durch das Ende des Darmes
gebären läßt, und daß es den Verkehr der Geschlechter
als einen feindseligen Akt, eine Art von ÜberwältigungS.
11
erfaßt. Aber gerade die Unfertigkeit seiner sexuellen
Konstitution und die Lücke in seinen Kenntnissen, die
durch die Latenz des weiblichen Geschlechtskanals gegeben
ist, nötigt den infantilen Forscher, seine Arbeit als er-
folglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung
selbst, sowie die einzelnen durch sie zutage geförderten
infantilen Sexualtheorien bleiben von bestimmender Be-
deutung für die Charakterbildung des Kindes und den
Inhalt seiner späteren neurotischen Erkrankung.Es ist unvermeidlich und durchaus normal, daß das
Kind die Eltern zu Objekten seiner ersten Liebeswahl
mache. Aber seine Libido soll nicht an diese ersten Ob-
jekte fixiert bleiben, sondern sie späterhin bloß zum
Vorbild nehmen und von ihnen zur Zeit der definitiven
Objektwahl auf fremde Personen hinübergleiten. Die Ab-
lösung des Kindes von den Eltern wird so zu einer un-
entrinnbaren Aufgabe, wenn die soziale Tüchtigkeit des
jungen Individuums nicht gefährdet werden soll. Während
der Zeit, da die Verdrängung die Auslese unter den
Partialtrieben der Sexualität trifft, und später, wenn der
Einfluß der Eltern gelockert werden soll, der den Auf-
wand für diese Verdrängungen im wesentlichen bestritten
hat, fallen der Erziehungsarbeit große Aufgaben zu, die
gegenwärtig gewiß nicht immer in verständnisvoller und
einwandfreier Weise erledigt werden.*)
Die Eifersucht / von Havelock Ellis
Es ist schwer, einen Grad von Lebensgemeinsamkeit zu
finden, der die Eifersucht oder auch nur die Gelegen-
heit für die Motive der Eifersucht ausschließe.*) Wir freuen uns, unsern Lesern hierdurch einen Beitrag des ge-
schätzten Forschers bringen zu können, der so bahnbrechend auf dem
Gebiet der Sexualanalyse wirkt. Er ist mit freundlicher Erlaubnis
des Autors und Verlegers den Abhandlungen »Über Psychoanalyse«
entnommen, die vor kurzem im Verlag von Deuticke, Leipzig und
Wien, erschienen sind. Wir kommen auf das Werk noch zurück. Die Red.
You are here
Die infantile Sexualität
1910-001/1911