Schlesinger, Hermann (1896-062/1896.2): [Diskussionsbemerkung Freuds zu:] Fuchs ›Demonstration eines atypischen Falles von Raynaud'scher Krankheit‹
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Wiener medicinischer Club.
Sitzung vom 29. April 1896.
(Wiener klin. Wochenschr. 1896. Nr. 20.)
E. Eisenschitz demonstrirt einen Fall von beiderseitiger Accessorius-
lähmung.
Dem Pat. wurde vor 6 Jahren bei Exstirpation von Lymphdrüsen am Halse
beiderseits der äussere Ast des N. accessorius durchschnitten. Es stellte sich Lähmung
und Atrophie der Mm. sterno-cleido-mastoidei und cucullares ein, hingegen blieb die
Sternalportion des l. Sterno-cleido-mastoideus intact. Vom M. cucullaris sind die
vordersten (sich an die Clavicula inserirenden) Partien intact. Das Schulterblatt ist
von der Mittellinie entfernt und gedreht.
Docent Sternberg hebt hervor, dass er nach zwei eigenen Beobachtungen die
Ansicht Remaks’s bestätigen könne, nach welcher die vorderste Partie des Cucullaris
von Cervicalnerven versorgt werde. H. Schlesinger (Wien).
Physiologischer Club zu Wien.
Sitzung vom 18. März 1896.
(Wiener klin. Wochenschr. 1896. Nr. 19.)
L. v. Frankl-Hochwart: Ueber die Innervation des Geschmackes.
Vortr. nimmt auf Grund von Beobachtungen an Menschen, denen der N. lingualis
resecirt worden ist, an, dass der genannte Nerv Geschmacksfasern für die vorderen
zwei Dritttheile der Zunge abgiebt; dieselben gehen dann ganz oder zum grössten
Theile in die Chorda tympani über. Wahrscheinlich ist dann weiter auf Grund
klinischer Facten, dass im Quintus an der Hirnbasis die Geschmacksfasern enthalten
sind; es ist aber noch immer fraglich, ob der zweite oder dritte Ast dieselben führe.
Es ist auch die Verbindung zwischen den basalen Geschmacksfasern und der im
Facialis weiterlaufenden Chorda noch unbekannt. Für das hintere Zungendrittel
fungirt der N. glossopharyngeus als Geschmacksvermittler; dies mag aber individuellen
Schwankungen unterliegen und unter Umständen der Glossopharyngeus die ganze
Zunge mit Geschmacksfasern versorgen (hierdurch könnte man erklären, warum mit-
unter bei Zerstörungen und Durchschneidungen des Trigeminus es zu keinen Ge-
schmacksstörungen kommt und andererseits bei Läsionen des Glossopharyngeus schon
Geschmacksstörungen in den vorderen Zungenabschnitten beobachtet wurden). H. Schlesinger (Wien).
Verein für Psychiatrie und Neurologie in Wien.
Sitzung vom 21. April 1896.
(Wiener klin. Wochenschr. 1896. Nr. 20.)
H. Schlesinger demonstrirt einen Kranken mit Hemiatrophia faciei auf
Basis einer centralen Erkrankung.
Der nunmehr 26 jährige Kranke hatte vor 3 Jahren Schlingbeschwerden und
Sehstörungen; im darauffolgenden Jahre stellte sich Sprachbehinderung ein; im
Beginne des Jahres 1895 wurde eine Zungenlähmung mit Hemiatrophie der Zunge,
im Juli desselben Jahres eine rechtsseitige totale Stimmbandlähmung constatirt. Um
dieselbe Zeit trat die immer rasch fortschreitende Hemiatrophia faciei auf. Weder
Potus noch Lues in der Anamnese; keine hereditäre Belastung. Pat. war vordem
völlig gesund.
Status praesens: Der Kranke ist sonst kräftig gebaut und gut entwickelt.
Die rechte Gesichtshälfte erscheint in toto höchstgradig atrophisch; die AbnahmeS.
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betrifft die Muskulatur und das Knochengerüst, während die Haut nicht verändert
erscheint; es besteht auch keine Anomalie in Bezug auf Färbung der Haut und
Behaarung. Die beiden Augenbrauenbogen stehen verschieden. Die r. Orbita ist
verkleinert, die r. Lidspalte stark verengt, der Bulbus zurückgesunken und in toto
in allen Durchmessern erheblich verkleinert (erst seit 11/2 Jahre). Die Nasenspitze
weicht nach rechts ab, die rechte Ohrmuschel ist kleiner als die linke. Die Pupillen
sind gleich, reagiren prompt. Nystagmusartige Zuckungen der Bulbi; rechtsseitige
Abducenzparese. Parese des ganzen r. sensibeln Trigeminus für Schmerz-, aber nicht
für Temperaturempfindung. Die Schleimhautreflexe fehlen rechts. Parese des r.
motorischen Trigeminus. Complete rechtsseitige Facialislähmung mit consecutiver
Contractur; träge Zuckung bei galvanischer Untersuchung, aber keine ausgesprochene
Entartungsreaction.Der harte Gaumen ist r. 11/2 cm, l. ca. 3 cm breit; die Raphe ist ganz ver-
schoben, die Wölbung auf beiden Seiten verschieden. Rechtsseitige Gaumensegel-
lähmung; es treten aber in dessen Bereiche fortwährend zuckende Bewegungen
auf. Die rechtsseitige Zungenhälfte ist hochgradig atrophisch. Die Geschmacks-
empfindung auf der r. Seite nahezu erloschen, die Geruchsempfindung r. herabgesetzt.
Die Epiglottis steht schief, es besteht rechtsseitige Recurrenslähmung mit Ver-
schmälerung des r. Stimmbandes, Herabsetzung der Reflexerregbarkeit des Larynx.
Gehör r. herabgesetzt (Trommelfellveränderungen). Die Sprache ist undeutlich,
bulbär. Allgemeinstörungen bestehen mit Ausnahme von heftigen Schwindelanfällen
nicht.Sonst der Nervenbefund normal. Der Harn von normaler Menge enthält weder
Zucker noch Eiweiss.Im Rachen lässt sich auf der r. Seite an der hinteren Wand eine mächtige
Knochenleiste palpiren, welche den Zugang zur r. Choane verlegt.Vortr. nimmt eine basale Affection an, welche mit der palpablen Knochen-
veränderung im Zusammenhang stehen dürfte. Das völlige Fehlen von Hautatrophien
zeigt, dass der vorgestellte Fall sich wesentlich von den von Möbius beschriebenen
unterscheide. Die Beobachtung lehrt neuerdings, dass die Hemiatrophie durch centrale
Veränderungen oder durch Erkrankungen der Nerven innerhalb der Schädelhöhle zu
Stande kommen könne.v. Frankl-Hochwart meint, dass die Störung des Geruchsinnes vielleicht mit
einer Läsion des Ganglion Gasseri zusammenhänge.
Th. Fuchs demonstrirt einen Fall von Raynaud’scher Affection.
Die 22jährige Patientin erkrankte vor 6 Jahren mit kleinen Panaritien an den
Fingerkuppen und bläulicher Verfärbung der Haut; die Haut wurde allmählich derber.
An den Händen und Füssen, besonders an den periphersten Abschnitten, intensiv
bläuliche Verfärbung der Haut; dieselbe ist kühl, secernirt nur wenig Schweiss. Die
Phalangen sind verkürzt, verbreitert, die Haut daselbst sclerodermatisch verändert.
Die Nägel sind stark gekrümmt. Sensibilität durchwegs intact. Sonst der interne
und Nervenbefund negativ.Vortr. betont, dass das Stadium der „localen Asphyxie“ hier direkt zur Sclero-
dactylie geführt habe; da dieser Befund nicht vereinzelt sei, müsse man an eine
gemeinschaftliche Pathogenese der Sclerodactylie und der Raynaud’schen Affection
denken.S. Freud theilt mit, dass er durch mehrere Jahre einen Fall von Sclero-
dactylie mit Raynaud’scher Affection beobachten konnte.H. Schlesinger bemerkt, dass er in einer grösseren Zahl von Fällen (an der
Klinik Schrötter) das Auftreten multipler, schmerzhafter Panaritien an den Finger-
kuppen nebst Sclerodermie im Gefolge der Raynaud’schen Affection habe beobachten
können. (Ein Theil derselben ist seither von Calmann in den „Jahrb. f. Psych.
Bd. XV. veröffentlicht worden.) H. Schlesinger (Wien).