Rank, Otto (1907-418/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Häutler ›Mystik und Naturerkennen‹
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Mystik und Naturerkennen. 20. März 1907
Vortragender Häutler:
Das Naturerkennen gehe auf mystische Grundlagen zurück.
Man finde den mystischen Trieb und den Trieb nach Natur-
erkenntnis sehr häufig beisammen; oft sogar in demselben
Individuum (wie bei manchen Romantikern) vor allem aber in
drei großen kulturgeschichtlichen Epochen: bei den Griechen
Adler in der Zeit des 6. od. 7. Jahrhunderts, in der Renaissance und
bei den Romantikern (bes. Schelling). Dieses Zusammentreffen
lasse auf tiefe Beziehungen der beiden Triebe schliessen.
Die wesentlichsten Resultate aus dem Geiste der Mystik sind:
1.) die Tendenz zur Vereinheitlichung (des Einheitsgefühl des
Menschen mit Gott, Gottes mit der Natur, des Menschen mit der
Natur). Diese Vereinheitlichung des gesamten Lebens, eine
solche Verdrängung des Eindrucks der vielgestaltigen und
bunten Realität sei nur bei einem pathologisch krank-
Wissenschaft
des Ich haft gesteigertem Gefühlsleben möglich (das dem
backchischen Zustand ähnlich sei). Die Vereinheitlichung
erfolge, ähnlich wie in Traum und Neurose, durch die
visuelle Darstellung. Dieses Einheitsgefühl würde dann
auf die Natur projiziert und aufs Naturerkennen über-
tragen. Schon Thales, der erste Naturphilosoph, versucht,
alles unter einen Hut zu bringen: er sagt, es ist alles Eins.
Seither ist dieses Prinzip der europäischen Wissenschaft nicht
verloren gegangen. Es ist aber, ebenso wie die folgenden
Prinzipien nicht empirisch gefunden und nicht logisch
beweisbar sondern es ist als Bestimmung der innernS.
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Erfahrung auf die Natur projiziert worden.
2.) Das Gegensatz Gefühl. Wenn der Mystiker aus seiner gottseligen
Stimmung erwacht, und in die nüchterne Wirklichkeit
wiederkehrt, so fühlt er sich genötigt, zwischen diesen
Gegensätzen einen Zusammenhang herzustellen. Das
bringt ihn dazu, die Welt auf zwei Empfindungsgegensätzen
Anaximander aufzubauen, wie das schon Anaximander tat, der die
Welt aus „warm“ und „kalt“ entstehen lässt. Von da an ist in
der Wissenschaft dieses Gegensatzprinzip nicht mehr
geschwunden; bis auf die positive und negative Elektrizität
lässt es sich verfolgen. Auch dieses Prinzip ist aus dem
Gefühlsleben auf die Natur projiziert. Ebenso
3.) der Begriff des Unendlichen, den zuerst Heraklit ein-
führte. Auch dieser später für die Wissenschaft so
bedeutungsvolle Begriff ist gegeben aus dem religiösen
Hoheitsgefühl, das den Gott als das empfindet, was
ohne Grenzen ist.
Diese drei Prinzipien des Naturerkennens sind also aus dem
menschlichen Gefühlsleben in die Wissenschaft hinübergenommen
und aufs Erkennen übertragen. Mit dem mystischen
Aufschwung geht also Hand in Hand eine Erweiterung des
Bewußtseins und da der Mystizismus nur einem abnorm
gesteigerten Gefühlsleben entspringt, so müsse man die
Entwicklung des Intellekts als eine Krankheitserscheinung
auffassen.
Ein für die Naturerkenntnis höchst wichtiger Begriff, die Kau-
salität sei an den religiösen Zwängen erlernt: die
religiöse Zeremonie sei die Hochschule des Kausalitäts-
begriffs; dort lerne der Mensch, das jede Verfehlung von
einer Folge begleitet sei. Auch dieses Prinzip ist alsoS.
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nicht empirisch gefunden sondern durch Analogie gewonnen u.
dann auf die Natur angewendet.
Endlich sei der Begriff der "Harmonie", die alle Gegensätze auflöse,
Pythagoras von Pythagoras auch aus orphischen Gegenden eingeführt. —
Auch die besondre Vorliebe der Griechen für den Logos, das Wort, übe
heute noch in der Wissenschaft verheerende Wirkungen. Durch
das Wort vermenschlicht der Grieche die Natur. Für diese Vergötterung
des Wortes sei es charakteristisch, dass die griechische Naturphilos.
nach der Verbreitung der Schrift, die Mystik der Renaissance
nach der Erfindung der Buchdruckerkunst entstanden sei.
Hitschmann bemerkt, das Thema sei ihm zu speziell. Überdies lägen
ihm neuere Naturphilosophen näher; da könne man es sehr häufig
beobachten, dass große Naturforscher sich gleichsam als Gegen-
satz zu der steten Beschäftigung mit dem Realen sich irgendeiner
mystischen Philosophie ergäben. Swedenborg, der technisch gebildete
Mann wird zu einem der größten Mystiker. Mach erzählt einmal,
die Idee zu seinem Monismus sei ihm an einem schönen Sonntag-
auf einem Spaziergang
morgen gekommen. Diese Ableitung seines Weltbildes aus
einem reinen Gefühlszustand sei ihm immer als der größte
Einwand gegen sein Weltbild erschienen. —
Das Sich-eins-fühlen mit der Welt sei ein Gefühl wie es die erste
Liebe auch hervorbringe. Auch Musik erzeuge eine ähnliche
weltfremde Stimmung.
Adler weist auf die Durchdringung der Weltanschauung mit den
allerpersönlichsten Empfindungen hin. Es müsse sich dabei aber
nicht immer, wie Häutler meine, um einen Zustand der
Erregung handeln. Bei der philosophischen Erfassung der
Welt handle es sich vielmehr um etwas ähnliches wie beim
Ergreifen eines Berufes: um die Durchdringung der Welt mitS.
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seinem persönlichsten Wünschen und Begehren. Es müssten
tiefere, andere Bestimmungen hinzukommen; denn in der
von Häutler geschilderten Lage waren andere auch. — Lohnend wäre
auch eine Untersuchung, welcher Art jene Menschen seien,
bei denen die Zahl eine so große Rolle spiele. (Menschen mit
besonderem rythm. Empfinden).
Große Bedeutung sei der Auffassung der intellektuellen Ent-
wicklung als Krankheitserscheinung beizulegen.
Die Verwendung der Hinterhände als Füße bei gewissen Affen müsse
einen gewaltigen Einfluss auf die Entwicklung ihres Intellekts
genommen haben. —
F Freud bemerkt, dass es sich bei derMetaphysikum eine Pro-
jektion sogenannter endopsychischer Wahrnehmungen
handle. Der Naturforscher aber könnte durch Übung seine
Beobachtungsfähigkeit so weit geschärft haben, dass er sie
auf die Aussenwelt anwenden könne. — Aber das Stückchen
Aussenwelt, das er erkennen könne sei immer nur verhältnis-
mäßig klein. Das Übrige — „denkt“ er — wird so sein wie Ich, im
Übrigen wird er also anthropomorph. Für den Rest setzt er also die
dunkle Wahrnehmung der eigenen psychischen Vorgänge.
Die Frage nach dem psychologischen Ursprung der philosophischen
Begriffe müsste man bei den alten Philosophen in Angriff zu
nehmen suchen, wo die Begriffe noch frisch seien. Aber auch
dort sei das Problem noch zu schwer anzufassen. Man müsste
es also an einem greifbareren kleineren naheliegenden Objekt
studieren und das wären die Delirien. Das waren ebenfalls
kombinierte Leistungen, denen das Systematische anhafte. Mit
diesen Bildungen bemänteln die Kranken die Symptome.
Nach dem Sinn der Kranken gehen die Symptome direkt aus den
Delirien hervor. Diese Delirien, deren es mehre Arten gebe,S.
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könne man den großen Systemen analogisieren. Außer den
der Psychiatrie geläufigen sog. verworrenen Delirien, die man
erst ersetzen müsste, könne man zwei Arten von Delirien
unterscheiden: 1. Angstdelirien, 2. Zwangsdelirien.
ad 1 seien bewusste Gedankensysteme mit denen die Leute
ihre Angst begründen und verstehen suchen. Diese Delirien
stellen nur Projektionen dar. Es sindÜbersetzungeneiner
Reihe von psychischen Strebungen aus demunbekannten
Unbewussten auf ein bekanntes bewusstes Gebiet, wo sich
die Symptome äußern. So begründe, in einem Fall von lokomotorischer
Angst, der Pat. seine Unfähigkeit allein gehen zu können, in einem
logischen System von Bedingungen. Dieses Delir ist ein Transport-
mittel der Motive und Regungen vom Sexuellen auf das Gebiet der
Lokomotion. — Ein wissenschaftliches Beispiel eines solchen Systems
sei Wernickes gleichsam deliriöse Psychologie. Er habe seine Gehirn-
anatomie direkt aufs Gebiet der Psychologie übertragen.
ad 2 Diese Delirien werden auf dem Weg einer komplizierten psychischen
Tätigkeit zu einem Abbild der Vorgänge im Unbewussten.
Wichtig für die psychologische Erkenntnis der philosophischen Begriffe sei
das Seelenleben des Kindes; zu beobachten in welchen Jahren das Kind
die Grundlagen der sittlichen Weltordnung legt und wann es be-
ginne, sie nach aussen zu übertragen (zb. Gerechtigkeit, Kausalt. etc).
Man würde dabei auf einzelne in banalen Situationen des täglichen
Lebens begründete Vorgänge kommen. — Bei der Berücksichtigung
des infantilen Moments müsse man jedoch von der mehr witzigen als
beweisbaren Auffassung absehen, dass Thales, der alles aus dem Wasser
entstehen lasse, ein Enuretiker, und Heraklit, wegen der Gehörshalluzinaton
u. des Ordnungssinnes, ein Analerotiker gewesen sei.
In der hohen Schätzung des Wortes scheine der Sinn zu stecken, dass das Bewusst-
werden der Wahrnehmungen nur durch die Namengebung möglich sei.
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/ Federn vermutet, dass dem Vortragenden selbst die ekstatischen
Zustände nicht fern liegen und findet so den Widerspruch der
Nicht-Ekstatiker begreiflich. Der V. habe uns wieder daran gemahnt,
dass Dinge, die uns heute so selbstverständlich erscheinen, auf
mühseligen Wegen gewonnen wurden. —
Die Ekstase scheine die Bedingung zu sein, in der die großen
Entdeckungen gemacht wurden. Die Einengung des Vorstellungs-
gebiets im Verein mit dem Lustgefühl, das die Ekstase bereitet,
lässt den Ekstatiker ein ganz anderes Ich fühlen; daher kommt
sein Einheitsgefühl mit Gott. —
Rank bemerkt, man werde vielleicht auch einmal die spezifische
Ätiologie der geistigen Tätigkeiten feststellen können, ähnlich
wie Prof. Freud die spez. Ätiologie der „Geisteskrankheiten“ (Hysterie,
Zwangsneurose etc) festgestellt habe. Man könne sich des Eindrucks
nicht erwehren, dass zb. der Philosoph der typische Masturbant sei
(analog dem Zwangsneurotiker, dessen Neurose ja auch auf die infantile
Mast. zurückgeht). Philosophieren habe ausgesprochen autoerotischen
Charakter. Der Dichter dagegen (besonders der Dramatiker) ent-
spräche genau dem Hysteriker; beide stehen der Objektliebe
ganz nahe. — Der Mystiker stünde dann zwischen beiden aber schon
der Neurose viel näher. — Fausts mystischer Drang sei veredelter
Autoerotismus; er sei sofort geheilt, wie er das Weib bekomme. —
Brecher wirft nur die Frage auf, in welchem Verhältnis die
Metapsychologie zu der gangbaren, von den Philosophen jetzt
geübten Psychologie stehen solle. Ob z. B. das Bedürfnis nach
Kausalität nur unbewussten Momenten entspringe?
Häutler: Aus der Verknüpfung von Schuld u. Strafe im religiösen Leben
sei dann das wissenschaftliche Gesetz der Kausalität gelernt worden.
/ Freud: die Religion entspräche dann der Zwangsneurose,
das philosophische System dem Delir. —
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Sadger vermutet, dass das Philosophieren seinen letzten Ursprung
habe in der Frage des Kindes nach der Beschaffenheit des Genitales
des andern Geschlechts, d. h. der Mutter bezw. des Vaters.
(Prof. Freud möchte diese Frage auf die Herkunft der Kinder einschränken,
denn das Kind wisse noch gar nichts von andern Genitalien; es nimmt
an, dass alle die gleichen Genitalien haben, wie es selbst). —
Sadger meint, er habe das bei den Analysen gefunden. Ferner:
der Gedanke von der Einheitlichkeit der Welt entspringe dem Gedanken,
sich an die Stelle des Vaters zu versetzen. —
Den ekstatischen Zustand könne man vergleichen mit dem Gefühl
beim Koitus (s. die Ekstase der Mönche und Nonnen; Genitalien von Jesus
und Maria).
Das Gegensatzgefühl entspringe dem Missverhältnis des sexuellen Über-
masses und des realen Lebens. —
Die religiösen Gesetze sind in letzter Linie Vorschriften des Vaters.
Kausalitätsprinzip: für das Kind ist eine die Ursache aller andern,
nämlich der Vater.
Das „harmonische“ Gefühl stelle sich ein, wenn das Kind die Rolle des
Vaters übernommen hat.
Kahane meint, obwohl die materiellen Empfindungen der
sexuellen Sphäre die Ausgangspunkte gewisser philosophischer
Begriffe gewesen seien. So die Erscheinung der Menstruation des
Ordnungsbegriffs, die Erektion der Erweiterung des Ichgefühls
u. a. — Der Umstand, dass es nur dem Manne gegeben sei, die Welt
zu ergründen, habe vielleicht darin seinen Grund, dass die
Ekstase nur eine dem Mann eigene psychische Begleiterscheinung
der physischen Sexualvorgänge sei. —
Die psychischen Begleiterscheinungen der Vorpubertät seien
vielleicht hier das Maßgebende. Die Vorpubertät sei gleichsam
die philos. Zeit jedes Menschen und man könnte dieser Zeit die griech.
Naturphil. analogisieren. Der einzelne Mensch müsse vielleicht
auch im Psychischen alle Entwicklungsstadien der ganzen Reihe durchmachen.