[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Klages ›Zur Psychologie der Handschrift‹ 1911-429/1911.01

Rank, Otto (1911-429/1911.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Klages ›Zur Psychologie der Handschrift‹

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         V     



     

    P R O T O K O L L

    der

     2. S i t z u n g  am 

    25.Oktober 1911.











     

     Dr.Ludwig K l a g e s (München): 


     

     Zur Psychologie der Handschrift. 

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              Der Vortragende geht von der Tatsache aus,dass sich manche Per-
    sonen mit ihrer Schrift dem zur VVerfügung stehenden Raume anpassen,
    andere nicht.Schliessen wir,dass diese unwillkürliche Anpassung
    auch in anderen Lebenslagen platzgreifen wird,so habebn  wir aus der
    Handschrift einen Schluss auf den Charakter gezogen und dabei das
    physiognomische Verfahren angewendet.Denn die Psychologie der
    Handschrift ist nur ein Teil der Physiognomik der Funktion der Or-
    gane(die andere Gruppe,die Physiognomik der Organe bleibt hier ganz
    beiseite),für die folgendes allgemeine Schema gilt.Wir nehmen an,
    dass es Bewegungen gibt,die aus einem Willensakt hervorgehen ;hinter
    dem Willensakt können wir uns aber nur denken eine Persönlichkeit
    im Zustande des Wollens und dann stammt die Bewegung direkt aus der
    Persönlichkeit.Wären wir auf das Wie der Bewegung zu achten gewohnt,
    so wäre es uns möglich aus jeder willkürlichen Bewegung das Wesen
    der Persönlichkeit abzulesen.Die Handschrift bildet darum den un-
    zweifelhaftesten Angriffspunkt der Bewegungsdiagnostik,weil sie uns
    die flüchtige Bewegung aufbewahrt.Wir können die Handschrift des-
    kriptiv genau erfassen;von quantitativen Schrifteigenschaften kom-
    men in Betracht: Grösse,Eile,Nachdruck.-

              Das Hauptgesetz der Beziehungen zwischen der Person und der H
    Handschrift ist das Gesetz der Abhängigkeit aller Bewegungen von
    der Psyche.Das erste dieser Gesetzte fand Piderit(Mimik und Physiog-
    nomik,1865);es lautete: Zu jeder inneren Tätigkeit gehört die ihr ana-
    loge Bewegung,zu jeder Tätigkeitsdisposition die ihr analoge Bewe-
    gungstendenz.In unserem Gebrauch des Wortes Gemütsbewegung(für Affek
    liegt der Beweis für diesen Satz.Erläutert wird das Gesetz am
    Affekt des Zornes und hierauf die Anwendung auf die Schreibbewegung
    gemacht.Es werden die affektiven Charaktere den nichtaffektiven
    gegenübergestellt und nach dem Gesetz den affektiven Charakteren
    eine ungleichmässige Schrift zugesprochen.Von den affektiven Charak-
    teren werden zwei Typen unterschieden: die expansiven und die depres-
    siven.Die ersten haben eine ausgiebige,eilige,wuchtige Schrift,die
    durch gewisse Eigentümlichkeiten gekennzeichnet ist.

              Das zweite Gesetz,das erst auf Grund der Analyse der Schrift
    gefunden wurde,lautet: Das gesamte Ausdrucksleben wird bestimmt durch
    das Bild,das der Mensch unbewusst von dem jeweiligen Ausdruck erwar-

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    tet.Unser individueller Raumsinn wirkt unbewusst modelnd auf un-
    sere Schreibbewegung ein.Der Vortragende bespricht anschliessend
    daran die Funktion der Zwischenräume (Klammer,Unterstreichungen)
    zur Markierung der begrifflichen und lautlichen Einheit und ihre
    verschiedene Ausprägung verschieden veranlagten Charakteren.

              Schliesslich unternimmt der Votr.einen Haupteinwand vorweg-
    zunehmen und zu widerlegen.Der häufig vorgebrachte Einwand,dass
    man sich das alles willkürlich angewöhnen könne,trifft nicht die
    Sache,um die es sich hier handelt.Wir können mit unseren Methoden
    das Erworbene von dem Ursprünglichen unterscheiden und so das will
    kürlich Erworbene von einer andern Seite her unseren diagnostischen
    Zwecken dienstbar machen.

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     D I S K U S S I O N. 

    Tausk bemerkt,der zweite Teil des Vortrags habenkaum etwas anderes
    gesagt,als was wir in der Psychoanalyse gelernt haben: nämlich,das
    Unbewusste drückt sich aus und es findet jedes Mittel dazu gut ge-
    nug.Die vorgetragenen Prinzipien sind sicher anwendbar und aufklä-
    rend.Es wäre nur zu wünschen gewesen,dass sich der Vortragende vor-
    her mit der Psychoanalyse vertraut gemacht und sich mit uns über
    den Ausdruck des Unbewussten geeinigt hätte;er hätte uns dann mehr
    von den methodologischen Details,die sehr wertvoll und interessant
    seien,mitteilen können.

    DR.Klages erwidert,es sei gar nicht in seiner Absicht gelegen ge-
    wesen,vom Standpunkt der Psychoanalyse aus das uns Interessieren-
    de zu besprechen,sondern er wollte lediglich eine Einführung in
    die Handschriftendiagnostik geben.Dass eine Verwandtschaft der
    Interessen-und Forschungsrichtung vorliegt habe ihn zu dem Vortrag
    bestimmt.

    Sachs findet es schwer einen inhaltlich und formell so abgeschlos-
    senen Vortrag zu kritisieren;es müsse dabei Notwendig eine Unge-
    rechtigkeit mit unterlaufen,da er nicht für Psychonanlytiker be-
    stimmt,aber von ihnen kritisiert werden soll.Die weitestgehende
    Uebereinstimmung mit der Psychoanalyse sei darin zu finden,dass
    für den Vortr.alle psychischen Ausserungen determiniert seien.
    Allerdings fassen wir das Unbewusste nicht in dem Sinne auf,wie

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    es der Vortr.tut.Wir nehem das Ub/dynamisch als das Verdrängte,
    während der Vortr.alles,was sich der momentanen Erkenntnis entzieht
    dazu rechnet.Ferner sieht er in der Persönlichkeit des Menschen,
    die uns im etwas fortwährend Wechselndes zerfällt,etwas Festes und
    Einheitliches.Die Resultate,zu denen er komme,werden wohl auch in
    unserem Sinne verwertbar sein.Besonders interessieren würde uns
    das Kapitel der Familienschrift;die Aenderungen in der Pubertät und
    die Angleichungen an die Verwandten.

    Klages gibt den Unterschied in der Auffassung des Unbewussten zu,
    hebt jedoch als wichtiger hervor,dass wir von Bewusstseinstatsachen
    er jedoch von Ausdruckstatsachen ausgehen und dass wir beide Dahin-
    ter etwas anderes suchen.-Was die Differenz in bezug auf die Per-
    sönlichkeit anbelange,so müssen auch wir zu der Persönlichkit in
    seinem Sinne kommen,die nicht anderes als den Begriff der Anlage
    involviere.

    Reitler konstatiert,dass wir nicht nur von Bewusstseinstatsachen
    sondern auch von Symptomen ausgehen in der Psychopathologie des
    Alltagslebens.Die Ausführungen des Vortragenden erschienen wie eine
    spezielle Anwendung der dort verwendeten Gesichtspunkte.,und manches
    was der Vortr.als Ausdruck der Schrift fasste hat die grösste Aehn-
    lichkeit mit unseren Fehlleistungen.

    Klages sieht in diesen Ausführungen ein völliges Verkennen seiner
    Absichten,die von der gegenteiligen Auffassung ausgehen.Dem Ver-
    sprechen entspreche das Verschreiben aber nicht die individuelle Ge-
    staltung der Schrift.Wo wir vom Ausdruck aus gehen,gehört das zum patho
    logischen Teil der Ausdruckslehre.-Es gibt Fälle,wo jemand bis zur
    Pubertät oder nachher so schreibt wie sein Vater oder seine Mutter;
    das zeigt,dass irgend eine psychische Beziehung bestand,die dann
    stabil wurde. -Das "ALLtagsleben "kenne er nicht.

    Sadger betont,dass der Hinweis auf das Psychopathologische im All-
    tagsleben irreführen könnte.Das Schreiben liesse sich sehr wohl als
    eine Symptomhandlung auffassen.Die Wandlungen der Schrift zur Puber-
    tätszeit treten sehr häufig ein,meistens in Form der auffälligen
    Linksschrift,was wie der Vortr.ausführte,eine revolutionäre Aufleh-
    nung andeutet.Es wäre sehr wertvoll,wenn wir auf diese Weise Be-

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    stätigungen unserer auf andere Weise gewonnenen Ansichten eb erhalten
    könnten.So wäre es interessant zu erfahren,wie der Autoerotismus
    sich in der Schrift ausdrückt.

    Klages bestätigt die Ausführungen über die Pubertätsänderungen,fasst
    jedoch die sexuellen Tatsachen(Autoerotismus)auch nur als Symptome
    des Charakters,der in einer tieferen Schichte liegt.Die puerile
    Schrift von Sadgers Autoerotiker sei ein häufiger Fall,der Autoero-
    tismus dabei negativ zu deuten.

    Stekel hat sich seit vielen Jahren damit beschäftigt,als der Schrift
    gewisse sexuelle Eigentümlichkeiten herauszulesen.Trotzdem habe er
    die die Graphologie in seine Arbeitsmethoden nicht aufgenommen,weil
    sie uns wenig sage.Was der Vortr.unter dem Charakter verstehe,sei
    für uns ein Produkt aus Trieb und Hemmung .Darin seien wir einig
    mit dem Vortr.dass sich das Geheime in jeder Handlung ausdrücken
    müsse.-Die Schrift eines Analysierten ändert sich in der Behandlung;
    die meisten Neurotiker haben eine kindliche Schrift,weil sie infan-
    til sind.Den verdrängten Charakter,der sich ja auch in der Schrift
    ausdrückt,den kann die Graphologie nicht ermitteln.-Schliesslich
    versucht Redner eine Analyse des Vortr.auf Grund seiner Schrift.

    Klages bekennt sich darauf zu einem prinzipiell vollkommen verschie-
    denem Boden,indem er der Hoffnung Ausdruck gibt,dass diese Deutungen
    nicht das Wesen der Psychoanalyse widerspiegeln/-Die Triebe sind nur
    ein Teil dessen,was er Persönlichkeit nennt.Redner gibt nun eine
    Kritik der Schriftdeutung Stekels,die vom graphologischen Standpunkt
    vollkommen falsch sei.Bei den behandelten Neurotiker,die er bisher
    sah,konnte er nicht nur die Schriftidentität,sondern auch die Charak-
    teridentität konsttieren.

    Rosenstein macht einige prinzipielle bemerkungen,die alle zugunsten
    des Vortragenden lauten;denn z.T.handelt es sich um Misverständnisse
    Z/T.um eine Befangenheit in gewissen psa.Gesichtspunkten,aus der he-
    raus die Gegensätze schärfer dargestellt wurden als sie wirkliche
    sind.So wird man zugebn müssen,dass es gewisse Anlagen gibt,die nicht
    weiter aufzulösen sind.Und bevor man sich der Untersuchung der psy-
    chischen Inhalte zuwendet,muss man sich erst mit den psychischen Tä-
    tigkeiten beschäftigen(Otto Gross).

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    Klages findet eine besondere Schwierigkeit der Diskussion darin,
    dass man nach Gemeinsamkeiten und Abweichungen sucht.Er präzisiert
    dann seinen Begriff der Anlage und betont,dass nur darüber Meinungs-
    verschiedenheiten bestehen,welches die zentralen und äusseren Schich-
    ten derselben sind.

    Prof.Freud gedenkt nur ein paar Bemerkungen zu machen,die vielleicht
    die gegensätze mildern könnten.Es sei von den Psychoanalytikern,die
    offenbar nichts neues annehmen können,nicht Recht,dass sie vom Vortr
    ihre eigene Sprache zu hören gewünscht haben;anderseits sei es nicht
    Recht von Stekel gewesen,die Deutungen zu geben,die nicht alle für
    einwandfrei halten.

              Die Bedeutung der Graphologie hängt nach dem Urteil des Redners
    davon ab,ob die Handschrift als Ausdrucksbewegung der Ausfluss der
    ganzen Persönlichkeit oder  nur eines Teiles derselben ist.Dann wel-
    che Teile das sind und dann ob es bei verschiedenen Personen immmer
    die nämlichen Bezirke des Seelenlebens sind.Die Entscheidung darüber
    könne nur gefällt werden,nachdem man von den Resultaten der Grapholo-
    logie Kenntnis genommen habe.

              Einzelne Mitteilungen bieten interessante Analogien zu Psychi-
    atrischem.So die gewollte und die ungewollte Handschrift zu den
    originären und sekundären(unechten,affektierten)Objektbesetzungen
    der Normalen und Hysterischen und auf der andern Seite der Dementia
    praecox.Solche Analogien könnten sich noch an vielen anderen Stel-
    len ergeben.Das Studium der Graphologie gibt uns wichtige Anhalts-
    punkte auch für jenen Teil,den wir nicht bearbeiten können.

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