Freud, Sigmund (1912-411/1912.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Sadger ›Aus Hebbels Kindheit‹
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Da die Ausführungen des Vortragenden in Buchform ausführ-
lich publiziert werden sollen, beschränkt sich das Protokoll auf
eine Andeutung ihres Inhalts. Aus der vom Dichter selbst nieder
geschriebenen Kindheitsgeschichte, die eine selten geschlossene
Erinnerung vomzweitenLebensjahre an aufweist,wirdHebbels
Kinderverhältnis zu den Eltern, seine frühe intensive Verliebtheit
sowie die von ihm selbst geschilderte Beziehung seiner religiösen
Vorstellungen auf den Vaterkomplex besprochen, die die psa. Auffas-
sungen von der Entwicklung und den Konflikten der kindlichen See-
le vollauf bestätigen.- Es wird ferner auf den innigen Zusammen-
hang seiner lebhaften Einbildungskraft mit seiner frühzeitig er-
wachten Erotik hingewiesen, sowie aus seine ebenfalls daraus re-
sultierten kindlichen Angstzustände.- Es wird nebenbei bemerkt, das
die Kinder die religiösen Dogmen so gut und ohne Anstoss daran zu
nehmen vertragen, weil sie den unbewussten Komplexen entgegenkom-
men.- Zum Schluss wird bemerkt, dass der Dichter diese Memoiren
nur in einem fieberhaften Zustand schreiben konnte, in welchem häuf
fig auch das Dichten vor sich ging. Da ähnliches auch von andern
Dichtern, z.B. Grillparzer, berichtet wird, so gewährt vielleicht
diese Tatsache einen Einblick in das dichterische Schaffen über-
haupt, bes. mit Rücksicht auf die Bemerkung Hebbels, dass in diesen
Zuständen ihm die alten seit den Tagen der Kindheit nicht mehr
gesehenen Fratzen, die ihn vor dem Einschlafen zu quälen pflegten,
wieder aufgetaucht seien.
D i s k u s s i o n .
Stekel möchte gegen die Vorlesung allbekannter Dichterwerke pro-
testieren und vor der neuerlichen Aufzeigung des Mutterkomplexes
bei einem Dichter warnen, da wir bereits wissen, dass dieser Kom-
plex überall wirksam ist.- Dass die religiösen Dogmen auf das Kind
keinen Eindruck machen, habe er nicht gefunden, müsse ihnen im Ge-
genteil eine pathologische Wirksamkeit bei der Entstehung der
Neurose zuschreiben, die allerdings oft erst nach Jahren zum Vor-
schein kommen könne. Im Gefühl bleibt der alte Kinderglaube immerS.
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bestehen.- Die sonderbare Produktionsbedingung erkläre sich da-
raus, dass im Fieberzustand ein Durchbruch des Ubw. erfolge.
Reik bemerkt, man dürfe die Anregungen dankbar empfangen,umals Versuch die
prinzipiellen Zusammenhänge zwischen Dichtung und Kindererlebnis
aufzudecken.- Zur Beziehung von Krankheit und Dichtung wird die
schwere Krankheit nach Goethes Strassburger Zeit erwähnt, ebenso
die Konzeption des Werther.- Schiller sagte, er könne nur in einer
Art pathologischem Affekt dichten.Tausk möchte sich
fastder Warnung Stekels vor dem Mutterkomplex
anschliessen. Was man erwartet, ist eine Psychologie des Schaffens.
Die Wirkung des Fieberzustandes erkläresichim Sinne Stekels als
Durchbruch des Ubw. Dazu die häufige Phantasie junger Leute, die
sich eine schwere Krankheit wünschen, um etwas schaffen zu können
eigentlich um starke infantile Affekte zu erleben, um die Infanti-
lität zum Durchbruch zu bringen.Sachs möchte gegenüber Stekel den Wert derartiger Untersuchungen
betonen, die uns vorläufig die einzige Möglichkeit bieten, die
Psychoanalyse auch als Normalps. zu erweisen. Dass alle Menschen
den Elternkomplex haben ändert nichts an der interessanten Tat-
sache, dass die Dichter uns davon erzählen, was der Durchschnitts-
mensch nicht tut?- Eine solche Darstellung der Kinderzeit sei
jedoch keineswegs ein Unikum und es braucht nur an Rousseau, den
grünen Heinrich und andere Selbstbiographien erinnert zu werden.Rosenstein versteht
warumnicht Hebbels "Berserkerwut" alsBelastungs-sy
mptom angesehen und kein Versuch einer psychologischen Erklärung
gemacht wird (Sadismus). Gegen Sachs liesse sich einwenden, dass der
Dichter so wenig normal sei wie der Neurotiker.- Die Erklärung
des Fieberzustandes scheine weniger eine psychologische als eine
organische Frage zu sein und auf einer toxischen Wirkung zu beru-
hen. Auch erkläre das Zum-Vorschein-Kommen des Unbewussten nicht
alles, es ist dazu auch eine spezifische qualitative geistige Be-
fähigung nötig.Hitschmann findet es selbstverständlich, dass Hebbel, der so viele
einsichtsvolle und treffende Gedanken über den Traum und das un-
bewusste Schaffen in seinem Tagebuch niedergelegt habe, zum GegenS.
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einer solchen psa. Untersuchung werden musste. Doch habe ihn die
breite Ausführung Sadgers nicht sympathisch berührt. Ob man solche
spät vorgebrachten Kindheitserinnerungen so objektiv nehmen und
ihnen psa. Wert zusprechen kann, darüber hat Sadger nicht den ge-
ringsten Zweifel geäussert.- Der grössere und bewusstere Dichter
scheint überhaupt weniger geeignet zur Untersuchung seiner Werke.
Zur Diskussion möchte er die Frage stellen, wie das Liebesideal in
ganz früher Kindheit zustande kommt und ob die infantile Objekt-
wahl späterhin neben der Erinnerung an die Mutter als Vorbild wirk-
sam bleibt. Vielleicht ist auch schon ein Liebesobjekt vor dem
Inzestobjekt da und wieso schon um die Zeit eine erotische Objekt-
wahl möglich ist, neben der auf Charitas zurückgehenden Liebe zu
den Erwachsenen.Prof. Freud bemerkt anschliessend daran, dass Sanford Bell eine solche
frühzeitige Objektwahl mit allen seelischen Zeichen der Verliebtheit
an über 800 Fällen beobachtet habe (im Alter von 3-8 Jahren). Die Ob-
jektwahl geht in zwei Ansätzen vor sich. der 1. erfolgt im infantilen
Leben (im Alter von 3-4 Jahren) und dann folgt nach einer Latenzzeit
der zweite stürmische Ansatz in der Pubertät. Dieser doppelte Ansatz
hat gewisse Folgen, indem es die Kinder beim ersten Anlauf verschie-
den weit bringen. Die mit geistiger und sexueller Frühreife zeigen
vorzeitige sexuelle Verliebtheit (Byron, Dante) und wenn der Dichter
sein Leben damit zubringt, die Liebe zu besingen, so dürfen wir uns
nicht wundern, wenn er schon in den Kinderjahren einer intensiven Ob-
jektliebe fähig ist.- Das Verhältnis der Kinder zur Religion ist ver-
mutlich ein kompliziertes und es wird sich auf der positiven Seite
der Förderung ebenso wie auf der negativen der Hemmung manches fin-
den.Federn erwähnt zum Thema Krankheit und Schaffen das Gedicht von Hei-
ne: Ich glaube, dass der tiefste Grund des Schaffens Krankheit ist
gewesen, nur schaffend wurde ich gesund, nur schaffend konnte ich ge-
nesen.- Erwägt man, dass Hebbel oft lange Zeit nichts produzieren konn-
te, so muss man sagen, dass solche Dichter spezielle Gründe brauchen,
um überhaupt schaffen zu können. Die toxischen Erscheinungen einer
Erkrankung können dabei ebenso gut wirksam sein wie andere Male einS.
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Erlebnis des Liebeslebens. Schon das Liegen im Bett gibt dem Men-
schen eine kindliche Einstellung (im Bett kommt der Mensch sich
auch klein vor), und die Uebertragung von der Mutter auf die Pfle-
geperson liegt da besonders nahe. Das sind Gelegenheitsursachen
zum Erwachen der Kindheitserinnerungen. Hebbel gehört zu jenen neu-
rotischen Menschen, die durch Enttäuschungen oft nicht arbeiten
können; die Krankheit hat ihn dann so weit erregt, dass er trotz der
Hemmungen schaffen konnte. Das Thema hängt mit der ganzen Frage,
wie weit der Dichter normal ist, zusammen.- Schliesslich wendet sich
der Redner entschieden gegen die Publikation der Arbeit sowie gegen
den Begriff der Belastung, der sich dahin auflösen lasse, dass alle
bedeutenden Menschen frühzeitig und stark sexuell und sadistisch w-
waren, und dass sie demnach schon frühzeitig alle jene Reaktionen
aufweisen, die die andern Menschen erst später in nicht in dieser
Intensität zeigen.Prof. Freud weist noch zum Thema Schaffen und Krankheit darauf hin,
dass mit einer längeren Krankheit meist der Faktor der Abstinenz
verbunden ist und damit die Neigung zur Introjektion der Libido.Friedjung verweist als Gegenstück auf seine bei Kindern gemachten
Beobachtungen,dassdass die dem Kinde während der Krankheit in er-
höhtem Masse zugewendete Zärtlichkeit ihm in der Rekonvaleszenz
abgeht (waswas zu ähnlichen nerotischen Abstinenz-erscheinungen
führt.Stekel trägt noch nach, dass Dichter in einen Schaffensrausch gera-
ten, wenn sie eine schwere Krankheit überstanden haben. Menschen, die
den Tod vor Augen haben, wünschen die Sterblichkeit durch die Un-
sterblichkeit zu besiegen. Ueberhaupt wäre über die Psychologie
der Krankheit noch zu sprechen; deren Bedeutung für das Individuum
uns ja der Neurotiker zeigt. Bei Hebbel findet sich noch das interes-
sante psychologische Problem, dass sein Schaffen beständig unter ei-
ner Hemmung steht und niemals die erstrebte Höhe gewinnt, ja oft sehr
tief unter ihr bleibt, dieseinefeinen und tiefen psychologischen
Bemerkungen erwarten lassen.Marczinowski möchte auch das Schaffen im Fieber als ein physiologi-
sches Problem betrachten. Es fallen wie bei der Alkoholisierung und
bei der Manie Hemmungen weg. Auch sträubt er sich dagegen, dass die re-S.
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ligiöse Erziehung des Kindes so harmlos aufgefasst werde und möchte
gerade das Gegenteil behaupten. In den so häufigen blasphemischen
Äusserungen der Kinder äussert sich ein Trotz und eine Auflehnung,
die eigentlich nur dem Vater gilt. Das Wort Objektwahl ist vielleich
im Ausdruck irreführend, denn wir tun das ja nicht aktiv, sondern ste-
hen dabei unter einem Zwang.Doz. Kelen findet die Verliebtheit der Kinder in frühzeitigem Alter
selbstverständlich und erinnert sich selbst solcher Fälle. Nicht klar
sei ihm der vom Vortr. behauptete Zusammenhang der jedem Kinde eigen
nen Scheu vor dem Nägelschneiden und der "Hauterotik" geworden.Sadger dankt in seinem Schlusswort Herrn Professor Freud für die Be-
lehrung und Dr. Bachs für die Verteidigung und repliziert auf Stekels
Angriffe.-Als merkwürdig führt er noch bei Hebbel an, dass er trotz sei-
nes fabelhaften Gedächtnisses nicht imstande gewesen sei die latei-
nische Deklination zu erlernen, was vielleicht gerade mit der frühen
Sexualentwicklung zusammenhänge. Diese Dichter haben wahrscheinlich
auch frühzeitig schon erotische Phantasien, die in jedem fieberhaften
Zustand rege werden. Die mit der sexuellen Frühentwicklung parallel
laufende geistige ist vielleicht eine Bedingung des künstlerischen
Schaffens.
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