[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] von Winterstein ›Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie‹ 1912-426/1912.01

Rank, Otto (1912-426/1912.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] von Winterstein ›Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie‹

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    10.  S  i  t  z  u  n  g
    am 11.Dezember 19112

    Dr.Alfr.Frh.v.Winterstein :

    Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte
    der Philosophie.

          Der Vortr.charakterisiert seine Aufgabe als eine mehr negative,
    indem er sich zu untersuchen vornimmt:
               welche Elemente eines philosophischen Systems heterogenen
    Ursprungs sind,welche Rolle das Unbewusste in der philosophischen
    Produktion spielt,wie weit die Geltung einer philosophischen Wissen-
    schaft durch die Psychoanalyse berührt wird,und endlich welche Welt-
    anschauung allein vom Standpunkt der Psychoanalyse zulässig sein kann.
          Der Vortr.geht aus von der infantilen Sexualforschung,aus der
    sich nach Freuds Darstellung(Leonardo)drei Möglichkeiten ergeben:
    1.die neurotische Hemmung,2.der neurotische Grübler und 3.der Forsche
    Die beiden letzten Typen sind unter den Philosophen zu finden und zei-
    gen insbesondere auffällige Aehnlichkeiten mit dem Zwangsneurotiker
    und den Systembildungen mancher Geisteskranker.Der Vortr.geht nun da-
    ran die Vermengung des Wunschmaterials mit dem Erkenntnismaterial an
    einigen philosophischen Systemen darzutun.Zwei Dinge erscheinen dabei
    als dogmatische Annahmen:der Begriff einer übersinnlichen Welt und
    die Einführung Gottes,die der Vortr.nun geschichtlich verfolgt. Bei
    ihrer ps.a.Reduktion verweist der Vortr.auf den Mechanismus der Pro-
    jektion und unterscheidet zwei Arten derselben,die zwei verschiedenen
    Intensitätsgraden von Verdrängung entsprechen:1.die personifizierende
    Projektion(funktional)und 2.die paranoische Affektprojektion.-Es wer-
    den dann die zwei Arten kosmischer Systeme:die der Emanation und
    Kreation besprochen.Bei den ersten gelangt die Projektion endopsychisc
    wahrgenommener Libidovorgänge zur Objektbesetzung und Regression,wo-
    bei das Stadium des Narzissismus(Identifikation mit der Vaterimago)
    eine besondere Bedeutung hat.Hier werden auch die Mystiker gestreift.
    Bei den zweiten erfolgt im Gegensatz zur Welteltern-Mythe und in patho

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    logischer Ueberschätzung der Vater-sowie Abkehr von der Mutterlibido
    die Weltschöpfung durch Gott allein(Die Kunst scheint im Gegensatz
    von Religion und Philosophie mehr unter dem Einfluss der Mutter zu
    stehen).Die typischen Lehren dieser Systeme xxx(Glaube an Prae-Exi-
    stenz,Seelenwanderung und Wiederkehr des Gleichen) sowie diese selbst
    führt der Vortr. in letzter Linie auf Libido Vorgänge zurück.
          Es werden nun die verschiedenen Typen der Weltbegriffe daraufhin
    untersucht,welcher sich am wenigsten durch unbewusste Motive beein-
    flusst erweist.Es ergibt sich,dass die idealistischen Systeme weniger
    Erkenntnis und mehr Wunschmaterial enthalten,während beim Zustande-
    kommen der andern Weltbilder,an denen der Forschertrieb und die zur
    Wissbegierde sublimierte Libido Anteil haben,die Libido nur als Motor
    des Denkens wirkt.
          Es wird nun Platos System besprochen und die Beziehungen von
    Philosophie und psychosexueller Konstitution an diesem Beispiel dar-
    zulegen versucht.
          Es werden schliesslich noch die eingangs erwähnten zwei Typen
    (der zur Wissbegierde subl.inf.Neugierde,und der Typ des Zwangsneu-
    rotikers und Paranoikers) in ihrer spezifischen Systembildung charak
    terisiert und hervorgehoben,dass sie in Wirklichkeit nicht scharf
    gegen einander abgesetzt sind.Endlich wird als alleiniger Weltbe-
    griff,der sich mit Recht auf dem Boden der Freudschen Lehre erheben
    kann,der realistisch-dualistische betont.Auch nach Freud gibt es
    zwei Realitäten:die Aussenwelt und das Unbewusste,als psychische
    Realität.

    D  I  S  K  U  S  S  I  O  N  .

    Tausk hebt als besonders bedeutsam das Moment des Narzissismus her-
    vor und an diesem selbst wieder drei Stücke:Homosexualität,Sadismus
    und Analität;von der letzten scheint die Kraft der Fixierung im Narz
    eigentlich auszugehen(ein Stück seines eigenen Körpers).Das tiefste
    Stück des Narz.ist nach Jekls die Identifizierung mit dem Penis des
    Vaters.
    Hitschmann ist im ganzen mit den Ausführungen einverstanden,für die
    er den Beweis seinerzeit in seinem Vortr.über Schopenhauer erbracht
    habe.Er vermisst die Heranziehung jener Philosophen,bei denen Opti-
    mismus oder Pessimismus Bedeutung haben,ferner ein Eingehen auf das
    Ledigbleiben der Philosophen.

  • S.

    Sachs versucht das typische Verhältnis zwischen Ps.A.und Philosophie
    in drei Punkten zusammenzufassen.1.Es können sich in einem System
    intuitiv Sätze der Ps.A.wiederfinden.2.Dies kann indirekt der Fall
    sein,indem die Libido nach neurotischen oder psychotischen Mechanis-
    men umgearbeitet ist(dies hat der Vortr.hauptsächlich ausgeführt).
    3.kann die geistige Tätigkeit aus sublimierter Libido stammen.-
    Daran knüpft sich die Frage,welche Eigentümlichkeit hat die Libido
    des Philosophen ursprünglich und welchey Wandlungen muss sie durch-
    machen,um gerade als Philosophie wieder auftauchen zu können.
    Rosenstein steht den Ausführungen skeptisch gegenüber,die zum T.nich
    mehr als Vermutungen waren.So steht z.B.noch in Frage,ob der Tod ein
    Libidoproblem ist.Der Wille zur Macht scheint im Gegensatz zur Libi-
    do vom Vortr.sehr unterschätzt.
    Prof.Freud möchte in das Lob einstimmen,wenn auch einschränkend.Ge-
    wiss sind nicht allein die Libidovorgänge wichtig,sondern ebenso
    die Ichvorgänge.Die Frage ist,warum nur die Schicksale der Libido
    in die Aussenwelt projiziert werden können und nicht auch die andern
    Vorgänge.Dass der Vater für die Religion die grösste Bedeutung habe,
    hat Redner bereits vor längerer Zeit so formuliert;Gesetzt ist,was der
    Vater macht,Religion,was der Sohn hat.Der homosexuelle Ursprung die-
    ses grössten Stückes der Kultur ist ziemlich deutlich,da ja auch un-
    sere sozialen Gefühle homosexueller Natur sind(asozial macht das
    Weib)?-Der Vortr.erbrachte den Beweis für die Möglichkeit,an die
    Redner geglaubt hat:dass man nämlich die Beziehungen der Libido zur
    Religionspsychologie und Kulturbildung erörtern kann,ohne den Begriff
    wie Jung meint,abändern zu müssen.Es sind sekundäre Einwirkungen zwi
    schen Libidostörungen und Ich.
          Was die Einwendungen des Vortr.gegen die psychologischen Formu-
    lierungen über das Verhältnis von Bewusstsein und Unbewusstem(im
    letzten Abschn.der Traumdeutung)betrifft,so sei zuzugestehen,dass die
    se von der letzten Formulierung wie auch von der letzten Ausbeutung
    noch weit entfernt sind.Die Bezeichnung des Bewusstseins als eines
    Sinnesorgans soll nur ein Vergleich sein.Was wir Qualitäten heissen,
    findet im Realpsychischen keine Analogie,sondern sie werden erst dur
    das Bewusstseinsorgan geschaffen aus den rein quantitiven Vorgängen
    des Psychischen.-Sollte Redner unter den Weltanschauungen der Philo-
    sophen wählen,so könnte er sich nur als Dualist bezeichnen.Den
    Gegensatz zwischen den Vorstellungen und ihrer Gegenständen gleicht
    kein Monismus aus.Die Auffassung des Vortr.,dass die Libido-Symbole
    ursprünglich Libido)objekte waren,können wir an der Entwicklung ver
    folgen.Die primitiven Menschen personifizieren alle Objekte;erst mit
    dem Hervortreten des Unterschiedes dazwischen kommt es,dass man die
    Objekte nicht zu Gegenständen der Libido macht,sondern als Symbole be
    stehen lässt.

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