Rank, Otto (1907-429/1907.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Wittels ›Weibliche Ärzte‹
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1wo publiziert?
Diskussion über Wittels Aufsatz: Weibliche Ärzte.
(Fackel 228)
Federn bemerkt, dass Wittels es versäumt habe, auf die wirkliche
Frage des Frauenstudiums überhaupt einzugehen.
Er befinde sich in einem großen Irrtum, wenn er meine, die Sexualität
sei der einzige Trieb des Menschen. Beim Frauenstudium käme auch
die Arbeit und die Frage der Ausfüllung des Lebens durch die Arbeit
in Betracht. Das Arbeitsbedürfnis ist nicht nur in den sozialen
Verhältnissen begründet, sondern es gehört zu einem der spät
entstandenen Instinkte der Menschen.
Federn weist dann, zur Ergänzung von Wittels Einseitigkeit, auf die
geile Perversität vieler männlicher Ärzte hin und auf die Sexualaus-
beutung vieler Weiber durch männliche Ärzte. Er zeige nicht an,
gerade den Frauen jenen Vorwurf daraus zu machen, dass sie ihre
Sexualität im Studium der Medizin ausleben. Das sei ein prüder Stand-
punkt. So viel Berechtigung könne man allerdings den Ausführungen
Wittels unterlegen, dass es unzulässig ist, Frauen an den Genitalien
von Männern öffentlich manipulieren zu lassen.
Schließlich hebt Federn, zur Charakterisierung von W' schiefem
Standpunkt, noch eine Anzahl kleiner Momente besonders her-
vor.Graf hebt, ohne auf Einzelheiten eingehen zu können, nur den
großen Affektaufwand hervor, mit dem W. dieses sozial -
psychologische Thema behandelt habe. Man könne diesen inadäquaten
Affekt nur dem Ärger W' darüber zuschreiben, dass das Weib statt
zu koitieren Medizin studiert. - Auch die Leistungen des Mannes
entspringen ja sinnlichen Quellen, die Frage könne nur sein,
ob das fürs Weib schädlich sei. Graf glaubt ja. Was speziell den
Beruf der Ärztin anbelangt, so könne die Frau darin nie so BedeutendesS.
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leisten wie der Mann, weil ihr der große persönliche Einfluss, die suggestive
Kraft abgehe, die neben dem Wissen erst den vollwertigen Arzt mache.
Dieses Stück Priestertum (die ersten Ärzte waren Priester gewesen) könne der
Arzt auch heute noch nicht entbehren, und seine Autorität, die
eine Art Fortsetzung der väterlichen Autorität sei, spiele bei der
Behandlung und Heilung eine bedeutende Rolle. Der weibliche Arzt,
dem ein solches Maß von Autorität fehle, sei eher geeignet die
Mutter zu ersetzen u. zw. als Krankenpflegerin.Reitler möchte das meiste von W' Ausführungen unterschreiben,
so weit sie nämlich die psycholog. Erkenntnis betreffen. -
Einzelheiten möchte er dagegen ablehnen. So den unberechtigten
Hass gegen die Hysterie, oder die Allgemeingültigkeit des Prinzips vom
Männerfang; die Weiber, die ohne Nötigung Medizin studieren, haben
meist (aus Erkenntnis ihrer körperlichen Defekte) ganz auf den
Mann verzichtet.Hitschmann hebt hervor, dass wir ja die "weiblichen Ärzte" eigentlich gar
nicht kennen, sondern nur die "Studentinnen". Was wir kennen
sind Vorkämpferinnen, für die Formen des Verkehrs noch nicht
gefunden sind, und die eben wegen ihrer exponierten Stellung
eher der Schonung bedürfen. Wenn W ihnen Hysterie vorwirft,
so ist das eine ganz unberechtigte weite Fassung dieses Begriffs.
Die reiche Aufklärung, die sie erfahren, sei ja eine förmliche
Prophylaxe gegen die Hysterie. Neben der Hysterie werden ihnen noch
körperliche Gebrechen vorgeworfen; diese ästhetische Beurteilung
hat mit einem Vorwurf gar nichts tun. + Neben der Sexualablehnung
sexuelle
werfe ihnen aber Wittels auch Aggression (Absetzung des Mannes) vor,
was direkt ein logischer Schnitzer sei. Die Sexualverdrängung, die
Wittels beim Weib so unangenehm empfinde, sei übrigens eine
allgemeine Eigenschaft der besseren Mädchen, und als Vater wäre
sie W gewiss auch bei seinen eigenen Töchtern sympathisch.
Jene weibliche Sexualablehnung entspringe den schwierigen Verhältnissen.
+ Gleichwohl sei zuzugeben, dass die Studentinnen meist hässlich, die wahren
Amazonen (Busenlose) seien.S.
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im Sexualleben des Weibes, das nun einmal zum Stamme jener Asra
gehört, welche schwanger werden wenn sie lieben.
Zugeben müsse man W, dass zur wirklichen Entwicklung einer vollen
Persönlichkeit erotische Erfahrungen gehören. Andrerseits dürfe
man aber nicht wie W. die Rolle der Sexualität so riesig überschätzen
und die Welt, aus der Vogelperspektive betrachtet, in die Formel fassen:
coito ergo sum. Das Prinzip des Weibes sei Kinder zu haben; das
sei aber Prinzip der Gattung. Es müsse nicht alles actu sein,
nur
sondern es komme auch die potentia in Betracht. - Die Gefahr,
die Wittels in dem Gefangenwerden mancher Studenten durch eine
solche "Scheusal" sieht, sei gar nicht so groß, und das Schicksal
eines solchen jungen Mannes immer noch besser, als die dirnen-
volle Jugend so mancher andern. Auch das in gewissem Sinne
freie Verhalten der Studentinnen (wie etwa Prostituierte
heute) sei immer noch der verlogenen Heuchelei so mancher
virgo tacta (Gersuny) vorzuziehen.
W' Artikel liege das uns fremd gewordene Ideal der nach-
geborenen Griechin, das Hetärenideal, zugrunde (was sich
am Schluss seiner Arbeit zeigt). Das sei aber schon mehr
Griechengasse als Griechenland. W. schwärme da von einem
präsyphilitischen Zeitalter und wolle uns nun das Über-
mensch züchten.
Aus seinem Aufsatz klingt der Schrei des überbrünstigen Hirsches
nach irgend einer Befriedigung.Freud spricht zunächst dem originellen, temperamentvollen und
scharfsinnigen Artikel seine Anerkennung aus. Andrerseits finde
er darin gewisse Halb- und Viertelwahrheiten.
Vor allem sei W. ein Mangel an Galanterie im höheren Sinne vorzuwerfen.
Das Weib, dem die Kultur die schwerere Last (besonders die der Fortpflanzung)
auferlegt habe, müsse milde und tolerant beurteilt werden in den
Punkten, wo es gegen den Mann zurückgeblieben sei.S.
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Ferner sei in dem Artikel ein mangelnder Gerechtigkeitssinn zu rügen,
der sich nur gegen das Neuankommende skeptisch verhält, während
er das Alte, auch Tadelnswerte, unangefochten lässt. Die Unzu-
kömmlichkeiten kamen ja nicht erst durch das Weib in den ärztlichen
Beruf hinein, sondern sie bestehen längst.
Die Sexualität als Triebfeder des Studiums habe W. ganz richtig hervor-
gehoben; nur vernachlässige er dabei den Unterschied zwischen
sublimierter und roher Sexualität, die für ihn gleichwertig seien. Die
Verschiebung der Sexualität aber zur Wissbegierde liege jeder
Forschung zugrunde.
W. repräsentiere einen juvenilen Standpunkt; nämlich den jungen
Männer, die zuerst große Frauenschwärmer sind und es nicht wagen,
den Mädchen diese menschlichen Regungen zuzuschreiben. Langsam
lernt er erst erkennen, dass das Weib der Sexualität
keineswegs abhold ist; jedesmal aber wenn er dem Weib "daraufkommt",
macht er ihm einen Vorwurf daraus. Daran knüpft sehr
bald die Weiberfeindschaft an; er verachtet das Weib (wie er unbew.
bei der Mutter getan hat). Der Artikel versuche auch die Bloß-
stellung eines einst verehrten Objekts.
Richtig sei, dass durch das Studium nichts für die Frau gewonnen
sei, und dass damit auch das Schicksal der Frauen im großen
und ganzen nicht gebessert werde. Die Frauen können überdies
in der Sublimierung der Sexualität nicht mit der Leistung des
Mannes messen.
Das Ideal der Hetäre sei für unsere Kultur unbrauchbar.
Wir bemühen uns um die Aufdeckung der Sexualität; nachdem
sie aber hergestellt ist, verlangen wir, dass man sich diese
ganze Sexualverdrängung bewusst mache und sie der
Kultur unterordnen lerne. Wir setzen an Stelle der Ver-
drängung die normale Unterdrückung. Das sexuelle Problem
sei losgelöst vom sozialen nicht zu lösen, und wenn man denS.
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elenden Sexualverhältnissen die Abstinenz vorziehe, so abstiniere
man unter Protest.
Das Bewusstsein der Sündhaftigkeit, das der Sexualität ent-
gegensteht, sei ungeheuer verbreitet und auch die sexuell
Freien fühlen sich als schwere Sünder.
Ein Weib, das wie die Hetäre, in der Sexualität nicht verlässlich sei,
an dem sei überhaupt gar nichts, sie sei ein Haderlump.
Rank weist, abgesehen von W' Aufsatz, auf eine der infantilen Quellen
des Medizinstudiums hin. Die Frage woher die Kinder kommen (Freud)
spiele auch dabei die Hauptrolle. Der Mediziner löse sie praktisch, er
sei sozusagen der am wenigsten Neurotische. Der Philosoph löse sie
durch Abwehr (Zwangsneurose) indem er die Frage erweitere: woher
kommt der Mensch, die Welt? Der Theologe beantworte sie dahin, dass
er sage: sie kommen von Gott u. s. f.
Anknüpfend an Freuds Bemerkung vom Weiberhass bemerkt Rank
noch, Wittels' Standpunkt: alles was das Weib tue sei sexuell (siehe
bes. Leontiew), nur die Reaktionserscheinung seines früheren
Entwicklungsstadiums sei, wo er das Weib als asexuell auffasste.Adler findet, dass W. lauter bekannte Dinge sage, allerdings mit miss-
bräuchlicher Anwendung einer weniger bekannten Terminologie.
Dass es Grenzen für die Medizin studierenden Frauen gebe, sei eine
alte Tatsache. Gelegentlich einer Rundfrage wurde auch schon
vorgeschlagen die Vorführung von Genitalaffektionen spezielle
Kurse für die studierenden Frauen zu veranstalten.
Der Eindruck den er vom Artikel empfangen habe sei etwa so
wiederzugeben: W hebe den Studentinnen den Rock auf und sage:
sie haben ein weibliches Genitale. Das sei aber nichts Charakteristisches
für die Studentin.
W habe einen Teil unseres Geheimnisses verraten, nämlich dass
die ärztliche Kunst mit sexuellen Kräften arbeite. Es sei Gefahr
vorhanden, dass die Menge das missbräuchlich verstehe, so wieS.
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W. es missbräuchlich aufgefasst habe.
Freud habe erst unlängst hervorgehoben, dass der unbewusste
Anteil einer gewissen Schonung und Toleranz würdig sei. -
Wittels fühlt sich, durch ein Wort Freuds (die Hetäre sei ein Hader-
lump) persönlich so betroffen, dass er auf die Einwendungen
augenblicklich nicht näher eingehen kann.
Es war ihm darum ja tun eine Weltanschauung zu zeigen, die
der noch nicht ganz erfassten Grundverschiedenheit von
Mann und Weib gerecht wird. -
Er sei, ausgehend von der großen Hetäre, die alle Seiten ihrer
Sexualität frei auslebt, dazu gekommen, ihr Gegenstück,
die alle Sexualtriebe verkrüppelnde Studentin gering zu schätzen.
Er könne unmöglich das Weib für das höherstehende achten,
das auf den Ruf der Periode nicht hört. -