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696 Wiener klinische Rundschau 1895. Nr. 44. Wiener medicinisches Doctorencollegium.
Sitzung vom 28. October 1895.
(Originalbericht der Wiener klinischen Rundschau.)
Docent S. Freud: Ueber Hysterie. (Schluss.*)
Jedes Glied aus jener Kette, welche für die Structur der
Zwangsvorstellung so bedeutsam ist, haftet mit einer bestimmten
Intensität in der Bewusstseinssphäre. Zwingt das Unlustgefühl zur
Verdrängung der peinlichen Erinnerung, so übernimmt das nächste
Glied die Erbschaft ihrer Intensität, die psychische Geltung ver-
schiebt sich von der verdrängten Erinnerung auf das Schuld-
bewusstsein. Jetzt ist das Individuum in der Lage, jedes mehr
oder weniger geeignete Ereigniss an sein hypertrophisches Schuld-
bewusstsein zu knüpfen und sich mit dem Gedanken oder der Er-
wartung einer Schuld zu belasten. Derselbe Vorgang spielt sich
in complicirterer Weise bei der Betonung der hysterischen Haupt-
glieder ab.Gegen die gegebene Erklärung lässt sich vor Allem einwenden,
dass sie die letzten Ursachen der Hysterie nicht aufdeckt. Gerechter-
weise kann aber nicht verlangt werden, Erkrankungen der
Psyche weiter zu verfolgen, als die heutige psychologische Erkennt-
niss reicht. Die Bedeutung der vorgetragenen Auffassung von der
Hysterie liegt darin, dass es nun möglich ist, die Entwicklung und
den Zusammenhang der hysterischen Symptome zu begreifen und
therapeutische Vortheile an die Hand zu bekommen. Die Lehre
der Zukunft wird anknüpfen müssen an die Identität der hysteri-
schen und der Traumvorstellungen, sowie an ausschliessliche
Disposition der Kindheit.Die hysterische Verdrängung geht weit über die Grenzen einer
normalen Verdrängung hinaus. Sie ist ein Excess. Die verdrängte
Vorstellung kann normalerweise, freilich nur zum Preise eines Un-
lustgefühls, hervorgeholt werden, im Falle der Hysterie gelingt die
Reproduction nur unter Assistenz des Arztes. Dieser quantitative
Unterschied zwingt zur Ansicht, dass bei der Entstehung der Hy-
sterie eine unerklärliche hereditäre oder individuelle Disposition im
Spiele sei.Bei der Zwangsvorstellung setzen Zwangssymptom und Ver-
drängung zu verschiedenen Zeiten ein: das zu verdrängende neue
Ereigniss schliesst sich an ein früher entstandenes Schuldbewusst-
sein an. Dagegen geht bei der Hysterie Ereigniss und Symptom-
bildung Hand in Hand. Gleichzeitig mit dem ursprünglichen Er-
eigniss war eine Geruchsempfindung aufgetreten, und der Anfall
äussert sich nach der Verdrängung in der Weise, dass die hyste-
rische Person einen Geruch verspürt und weinen muss.Bei der Hysterie findet man ferner eine deutliche Neigung
zur »Conversion«, d. h. die Vorstellungen streben in's motorische
Gebiet, sie pflegen sich zu entladen. Die Zwangswuth trägt als
Merkmal die Angst, Anderen etwas zuzufügen; wer mit ihr be-
haftet ist, meidet die Gelegenheit, mit Anderen allein zu sein. Soll
hiebei die Hysterie Oberhand gewinnen, so äussert sich die Angst
und entlädt sich in Schreien, Toben, Zürnen, Zerreissen, echt
hysterischen Symptomen.Aus der Zwangsvorstellung lässt sich das ursprüngliche Er-
eigniss leicht erschliessen. Man erklärt den Affect als zu Recht
bestehend und ersetzt das Surrogat durch eine besser passende
Vorstellung. Bei der Hysterie hat eine der Symptombildung
gleichzeitige Affaire zu suchen, welche gemäss ihres Charakters
verdrängt werden musste. Für den obigen Fall: Geruchsempfindung
und eine Vorstellung, die das Weinen erklärlich macht, fanden sich
einst in der Realität zusammen.Die diagnostischen Hilfsmittel, deren Brauchbarkeit sonst zu
Ende ist, wenn die Krankheit entdeckt ist, werden bei der Hysterie
zu Mitteln der Therapie. Während der Arzt arbeitet, die verdrängte
Vorstellung aufzuspüren, hilft er dem Patienten, die Verdrängung
rückgängig zu machen. Einen Moment früher, als der Arzt das
Ereigniss erfährt, ist vom Kranken der Zwang gewichen, und die
übermässige Intensität, die dem hysterischen Symptom zukam, auf
die Vorstellung des Ereignisses zurückgeglitten.Nun handelt es sich bei der Hysterie um Vorgänge des
Seelenlebens, die nicht zutage liegen. Der Patient hat ja die ge-
wünschte Vorstellung nicht zur Verfügung. Breuer bat deshalb
die Patienten sich in jenen Moment zurückzuversetzen, als das
Symptom zum erstenmale auftrat, und in der Hypnose fanden die
Kranken den Weg vom betonten Affect zur verdrängten Vor-
stellung.Die Hypnose lässt sich ersetzen. Der Patient erhält den
Auftrag, sich zu erinnern, wann, wo, unter welchen Umständen
das Symptom sich zu zeigen begann. Wo die Erinnerungsspur er-
lischt, liegt jenes Vorstellungsgebiet, auf das der Patient seine
Aufmerksamkeit nicht lenkt. Man fordert den Kranken auf, weiter
zu forschen und erklärt, es werde ihm etwas einfallen, sobald
man auf seine Stirne drückt. So wird die volle Aufmerksamkeit
auf das Wesentliche gelenkt. Jetzt reproducirt sie die verdrängte
Vorstellung, freiwillig oder unter Gegenwehr.Das Wesen der Verdrängung bestand also darin, dass die
Person nicht imstande war, spontan ihre Gedanken auf die be-
treffende Vorstellung zu lenken. Wenn sie in die Nähe dieses
Vorstellungskreises kommt, empfindet sie ein Unlustgefühl, welches
Ursache ist, dass sie die weitere Forschung aufgibt. Sie bewahrt
die Erinnerungsbilder, denn sonst wäre ja ihre Aussage über die-
selben unmöglich. Die Kranke glaubt aber, sie könne sich nicht
erinnern, und weiss nicht, dass ihr der Wille zur Erinnerung
fehlt. Sie hat ein doppeltes Seelenleben; das eine kennt die pein-
liche Vorstellung, das andere glaubt nicht im Besitze der Er-
innerung zu sein. Breuer hat diese Erscheinung »Spaltung der
Seelenthätigkeit« genannt.Die inneren Wahrnehmungen sind nicht minder unvollständig
und incorrect als die äusseren. Hysterische zumal sind solche
Personen, denen ihr Bewusstsein eine Erinnerung unrichtig und
unvollständig wiedergibt. Der grosse Widerstand, der sich ergibt,
wenn man der verdrängten Vorstellung nahe kommt, muss dem
Kranken gezeigt werden; er muss erkennen, dass er die Vor-
stellung nicht besessen hat, weil er sie nicht preisgeben wollte.Dieser grosse Widerstand bei der Forschung nach dem ur-
sprünglichen Ereigniss führt leicht auf Abwege. Der Patient klam-
mert sich an Nebensächliches und will nicht weiter. Ja er unter-
bricht die Behandlung, läuft davon, obwohl er sich anfangs grossen
Hoffnungen hingab. Dies zeugt von der grossen Unlust, die Auf-
merksamkeit auf den gesuchten Punkt zu richten, und der Grösse
der nöthigen psychischen Kraft, welche gleich ist jener Kraft, die
einst die Verdrängung herbeiführte.Der Patient kommt bei diesem psychischen Redressement in
Versuchung, dem Widerstand nachzugeben, wenn sich ihm geeignete
Auswege eröffnen. Man bekommt den Eindruck eines Dämons,
der sich sträubt ans Licht zu kommen, weil er weiss, dass dies
sein Ende sei.Durch einen beträchtlichen therapeutischen Erfolg belohnt
sich die immense Mühe. Es gelingt jedesmal, die Symptome der
Verdrängung zu bannen. Intelligenz und Zutrauen des Patienten
werden stark beansprucht. Die Behandlung ist langwierig und
muthet dem Patienten zu, Geheimnisse zu verrathen. Gegenindica-
tionen bestehen nicht.
*) Siehe Wiener klinische Rundschau 1895. Nr. 42 u. 43.
S.
Nr. 44. Wiener klinische Rundschau 1895. 697 Besteht aber die Disposition nicht ungeschwächt fort? Man
macht bei diesen Arbeiten die Wahrnehmung, dass die Patienten
nicht viele Verdrängungen durchmachen; ja nach der Pubertät
scheinen diese überhaupt ausgeschlossen zu sein. Bilden sich
im späteren Leben neue Symptome, so knüpfen sie an die früher
verdrängten Erinnerungen an, eine sich wiederholende unheilvolle
Situation wird auf gleiche Weise aus der Erinnerung verdrängt
wie ehemals. Wenn man dann die erste Verdrängung, mit der in
der Folge zahlreiche weitere Symptome verknüpft sind, behebt, so
hat man die Aussicht, die Hysterie zur Heilung zu bringen.
A—r.
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Docent S. Freud: Ueber Hysterie. (Schluss.)
1895-411/1895.7