S.
1.
Konstruktionen in der Analyse
von
Sigm. Freud
Ein sehr verdienter Forscher, dem ich
es immer hoch angerechnet, daß er der
Psychoanalyse Gerechtigkeit erwiesen zu
einer Zeit, da die meisten Anderen sich
über diese Verpflichtung hinaussetzten,
hat doch einmal eine ebenso kränkende
wie ungerechte Äußerung über unsere
analytische Technik gethan. Er sagte, wenn
wir einem Patienten unsere Deut-
ungen vortragen, verfahren wir gegen
ihn nach dem berüchtigten Princip: Heads
I win, tails you loose. Das heißt, wenn er
uns zustimmt, dann ist es eben recht;
wenn er aber widerspricht, dann ist es nur
ein Zeichen seines Widerstandes, giebt
uns also auch Recht. Auf diese Weise behalten
wir immer Recht gegendendie hilflose
arme Person, die wir analysieren, gleich-
giltig wieersie sich gegen unsere Zu-
muthungen verhalten mag. Da es nun
richtig ist, daß ein Nein unseres Patienten
uns im Allgemeinen nicht bestimmt,
unsere Deutung als unrichtig aufzugeben,
ist eine solche Entlarvung unserer
Technik den Gegnern der Analyse sehr
willkommen gewesen. Es verlohnt sich
darum, eingehend darzustellen, wie wir
das "Ja" und das "Nein" des Patienten während
der analytischen Behandlung,dieserden Ausdruck
seiner Zustimmung und seines
Widerspruchs, einzuschätzen pflegen. Freilich
wird bei dieser Rechtfertigung kein aus-
übender Analytiker etwas erfahren, was
er nicht schon weiß.
Es ist bekanntlich die Absicht der analytischen
Arbeit, den Patienten dahin zu bringen,
daß er die Verdrängungen – im weitesten
Sinne verstanden – seiner Frühentwick-
lung wieder aufhebe, um sie durch Reak-
tionen zu ersetzen, wie sie einem Zu-
stand von psychischer Gereiftheit entsprechen
würden. Zu diesem Zwecke soll er bestimmte
Erlebnisse und die durch sie hervorgerufenen
Affektregungen wieder erinnern, die
derzeit bei ihm vergessen sind. Wir wissen,
daß seine gegenwärtigen Symptome und
Hemmungen die Folgen solcher Verdrängun-
gen, also der Ersatz für jenes Vergessene
sind. Was für Materialien stellt
er uns zur Verfügung, durch deren
Ausnützung wir ihn auf den Weg
führen können, die verlorenen
S.
2
Erinnerungen wieder zu gewinnen? Mancherlei,
Bruchstücke dieser Erinnerungen in seinen
Träumen, an sich von unvergleichlichem
Werth, aber in der Regel schwer entstellt
durch alle die Faktoren, die an der Traum-
bildung Antheil haben; Einfälle, die er
producirt, wenn er sich der "freien Assozia-
tion" überläßt, aus denen wir Anspiel-
ungen auf die verdrängten Erlebnisse und
Abkömmlinge der unterdrückten Affektreg-
ungen sowie der Reaktionen gegen sie
herauszufinden vermögen; endlich
Andeutung von Wiederholungen der
dem Verdrängten zugehörigen Affekte in
wichtigeren oder geringfügigen Handlungen
des Patienten innerhalb wie außerhalb
der analytischen Situation. Wir haben die
Erfahrung gemacht, daß das Verhältnis der
Übertragung, das sich zum Analytiker
herstellt, besonders geeignet ist, um die
Wiederkehr solcher Affektbeziehungen
zu begünstigen. Aus diesem Rohstoff
– sozusagen – sollen wir das Gewünschte
herstellen.
Das Gewünschte ist ein zuverlässiges und in
allen wesentlichen Stücken vollständiges
Bild der vergessenen Lebensjahre des Pa-
tienten. Hier werden wir aber daran
gemahnt, daß die analytische Arbeit aus
zwei ganz verschiedenen Stücken besteht,
daß sie sich auf zwei gesonderten Schau-
plätzen vollzieht, an zwei Personen vor
sich geht, von denen jedem eine andere
Aufgabe zugewiesen hat. Man fragt sich
einen Augenblick lang, warum man
auf diese grundlegende Thatsache nicht
längst aufmerksam gemacht wurde, aber
man sagt sich sofort, daß einem hier
nichts vorenthalten wurde, daß es sich
um ein allgemein bekanntes, sozusagen
selbstverständliches Faktum handelt, das
nur hier in einer besonderen Absicht
herausgehoben und für sich gewürdigt
wird. Wir wissen alle, der Analysirte
soll dazu gebracht werden, etwas von
ihm Erlebtes und Verdrängtes zu er-
innern, und die dynamischen Be-
dingungen dieses Vorgangs sind so
interessant, daß das andere Stück der
Arbeit, die Leistung des Analytikers,
dagegen in den Hintergrund rückt.
Der Analytiker hat von dem, worauf
es ankommt, nichts erlebt und nichtsS.
3
verdrängt; seine Aufgabe kann es nicht sein,
etwas zu erinnern. Was ist also seine
Aufgabe? Er hat das Vergessene aus den
Anzeichen, die es hinterlassen, zu errathen
oder, richtiger ausgedrückt, zu konstruiren.
Wie, wann und mit welchen Erläuterungen
er seine Konstruktionen dem Analysirten
mittheilt, das stellt die Verbindung her
zwischen beiden Stücken der ana-
lytischen Arbeit, zwischen seinem Antheil
und dem des Analysirten.
Seine Arbeit der Konstruktion oder, wenn
man es so lieber hört, der Rekonstruktion,
zeigt eine weitgehende Übereinstimmung
mit der des Archaeologen, der eine zer-
störte und verschüttete Wohnstätte oder
ein Bauwerk der Vergangenheit aus-
gräbt. Sie ist eigentlich damit identisch,
nur daß der Analytiker unter besseren
Bedingungen arbeitet, über mehr
Hilfsmaterial verfügt, weil er sich um
etwas noch Lebendes bemüht, nicht um
ein zerstörtes Objekt, und vielleicht auch
noch aus einem anderen Grunde. Aber
wie der Archäologe aus stehengebliebenen
Mauerresten die Wandungen des
Gebäudes aufbaut, aus Vertiefungen
im Boden die Anzahl und Stellung
von Säulen bestimmt, aus den im
Schutt gefundenen Resten die einstigen
Wandverzierungen und Wandgemälde
wieder herstellt, genau so geht der Ana-
lytiker vor, wenn er seine Schlüsse aus
Erinnerungsbrocken, Assoziationen und
aktiven Äußerungen des Analysirten zieht.
Beiden bleibt das Recht zur Rekonstruk-
tion durch Ergänzung und Zusammen-
fügung der erhaltenen Reste unbestritten.
Auch manche Schwierigkeiten und Fehlerquellen
sind für beide Fälle die nämlichen. Eine der
heikelsten Aufgaben der Archaeologie ist be-
kanntlich die Bestimmung des relativen
Alters eines Fundes, und wenn ein Objekt
in einer bestimmten Schicht zum Vorschein
kommt, bleibt es oft zu entscheiden, ob
es dieser Schicht angehört oder durch eine
spätere Störung in die Tiefe gerathen ist.
Es ist leicht zu errathen, was bei den
analytischen Konstruktionen diesem Zwei-
fel entspricht.
Wir haben gesagt, der Analytiker arbeite
unter günstigeren Verhältnissen als
der Archäolog, weil er auch über Ma-
terial verfügt, zu dem die AusgrabungenS.
4
kein Gegenstück bringen können, z.B. die Wieder-
holungen von aus der Frühzeit stammenden
Reaktionen und alles was durch die Übertrag-
ung an solchen Wiederholungen aufgezeigt
wird. Außerdem kommt aber in Betracht, daß
der Ausgräber es mit zerstörten Objekten zu
thun hat, von denen große und wichtige
Stücke ganz gewiß verloren gegangen sind,
durch mechanische Gewalt, Feuer und Plünder-
ung. Keiner Bemühungist es möglichkann es gelingen, sie auf-
zufinden, um siemit demit den erhaltenen
Resten zusammenzusetzen. Man ist einzig
und allein auf die Rekonstruktion
angewiesen, die sich darum oft genug nicht
über eine gewisse Wahrscheinlichkeit
erheben kann. Anders ist es mit dem
psychischen Objekt, dessen Vorgeschichte der
Analytiker erheben will. Hier trifft
regelmäßig zu, was sich beim archäolog-
ischen Objekt nur in glücklichen Ausnahms-
fällen ereignet hat, wie in Pompeji
und mit dem Grab des Tutankhamen.
Alles Wesentliche ist erhalten, selbst was
vollkommen vergessen scheint, ist noch
irgendwie und irgendwo vorhanden, nur
verschüttet, der Verfügung des Individuums
unzugänglich gemacht. Man darf ja bekannt-
lich bezweifeln, ob irgend eine psychische
Bildung wirklich voller Zerstörung anheim-
fällt. Es ist nur eine Frage der analyt-
ischen Technik, ob es gelingen wird, das
Verborgene vollständig zum Vorschein
zu bringen. Dieser außerordentlichen Be-
vorzugung der analytischen Arbeit
stehen nureinezwei andere Tatsachen entgegen,
nämlich daß das psychische Objekt unvergleich-
lich komplizierter ist als das materielle des
Ausgräbers und daß unsere Kenntniß
nicht genügend vorbereitet ist auf das,
was wir finden sollen, da dessen intime
Struktur noch so viel Geheimnisvolles
birgt. Und nun kommt unser Vergleich
der beiden Arbeiten auch zu seinem
Ende, denn der Hauptunterschied der
beiden liegt darin, daßdasfür die
Archäologie die Rekonstruktion
das Ziel und das Ende der Bemühung
ist, für die Analyse aber ist die
Konstruktion nur eine Vorarbeit.S.
5.
II
Vorarbeit allerdings nicht in dem Sinne,
daß sie zuerst als Ganzes erledigt werden
müßte, bevor man das Nächste beginnt, etwa
wie bei einem Hausbau, wo alle Mauern
aufgerichtet und alle Fenster eingesetzt
sein müssen, ehe man sich mit der inneren
Dekoration der Gemächer beschäftigen kann.
Jeder Analytiker weiß, daß es in der analytischen
Behandlung anders zugeht, daß beide Arten
von Arbeit nebeneinander herlaufen, die
eine immer voran, die andere an sie an-
schließend. Der Analytiker bringt ein Stück
Konstruktion fertig, teilt es dem Analysir-
ten mit, damit es auf ihn wirke, dann
konstruirt er ein weiteres Stück aus dem
neu zuströmenden Material, verfährt
damit auf dieselbe Weise und in solcher
Abwechslung weiter bis zum Ende. Wenn
man in den Darstellungen der analytischen
Technik so wenig von "Konstruktionen"
hört, so hat dies seinen Grund darin, daß
man anstatt dessen von "Deutungen" und
deren Wirkung spricht. Aber ich meine,
Konstruktion ist die weitaus angemessenere
Bezeichnung. Deutung bezieht sich auf das,
was man mit einem einzelnen Element
des Materials, einem Einfall, einer Fehlleist-
ung und dgl. vornimmt. Eine Konstruktion ist
es aber, wenn man dem Analysirten ein
Stück seiner vergessenen Vorgeschichte
etwa in folgender Art vorführt: Bis
zu Ihrem nten Jahr haben Sie sich als allein-
iger und unbeschränkter Besitzer der
Mutter betrachtet, dann kam ein zweites
Kind und mit ihm eine schwere Enttäuschung.
Die Mutter hat Sie für eine Weile sich
auch später Ihnen nicht mehr ausschließlich
gewidmet. Ihre Empfindungen für die
Mutter wurden ambivalent, der Vater
gewann eine neue Bedeutung für Sie
und so weiter. In diesem Aufsatz ist unsere Aufmerk-
samkeit ausschließlich dieser Vorarbeit
der Konstruktionen zugewendet. Und da
erhebt sich zu allererst die Frage, welche
Garantien haben wir während der Arbeit
an den Konstruktionen, daß wir nicht
irre gehen und den Erfolg der Behandlung
durch die Vertretung einer unrichtigen
S.
6
Konstruktion aufs Spiel setzen? Es mag uns
scheinen, daß diese Frage eine allgemeine
Beantwortung überhaupt nicht zuläßt,
aber noch vor dieser Erörterung wollen
wir einer trostreichen Auskunft lauschen,
die uns die analytische Erfahrung giebt.
Die lehrt uns nämlich, es bringt keinen
Schaden, wenn wir uns einmal geirrt
und dem Patienten eine unrichtige
Konstruktionalsals die wahrscheinliche historische
Wahrheit vorgetragen haben. Es bedeutet
natürlich einen Zeitverlust, und wer
dem Patienten immer nur irrige Kombin-
ationen zu erzählen weiß, wird ihm keinen
guten Eindruck machen und es in seiner
Behandlung nicht weit bringen, aber ein ein-
zelner solcher Irrthum ist harmlos. Was in
solchem Falle geschieht, ist vielmehr, daß
der Patient wie unberührt bleibt, weder
mit Ja noch mit Nein darauf reagirt. Das
kann möglicherweise nur ein Aufschub
seiner Reaktion sein; bleibt es aber so,
dann dürfen wir den Schluß ziehen, daß
wir uns geirrt haben, und werden dies
ohne Einbuße an unserer Autorität
bei passender Gelegenheit dem Patienten
eingestehen. Diese Gelegenheit ist gegeben,
wenn neues Material zum Vorschein
gekommen ist, das eine bessere Konstruktion
und somit die Korrektur des Irrthums
gestattet. Die falsche Konstruktion fällt
in solcher Art heraus, als ob sie nie
gemacht worden wäre, ja in manchen
Fällen gewinnt man den Eindruck,
als hätte man mit Polonius zu reden,
den Wahrheitskarpfen grade mit Hilfe
des Lügenköders gefangen. Die Gefahr,
den Patienten durch Suggestion irre zu
führen, indem man ihm Dinge "einredet",
an die man selbst glaubt, die er aber
nicht annehmen sollte, ist sicherlich maß-
los übertrieben worden. Der Analytiker
müßte sich sehr inkorrekt benommen haben,
wenn ihm ein solches Mißgeschick zustoßen
könnte; vor allem hätte er sich vorzu-
werfen, daß er den Patienten nicht
zu Wort kommen ließ. Ich kann ohne
Ruhmredigkeit behaupten, daß ein
solcher Mißbrauch der "Suggestion"
in meiner Thätigkeit sich niemals
ereignet hat.
S.
7
Aus dem Vorstehenden geht bereits
hervor, daß wir keineswegs geneigt
sind, die Anzeichen zu vernachlässigen, die
sich aus der Reaktion des Patienten auf die
Mittheilung einer unserer Konstruktionen
ableiten. Wir wollen diesen Punkt eingehend
behandeln. Es ist richtig, daß wir ein "Nein"
des Analysirten nicht als vollwertig hin-
nehmen, aber ebensowenig lassen wir sein
"Ja" gelten; es ist ganz ungerechtfertigt,
uns zu beschuldigen, daß wir seine Äußer-
ung in allen Fällen in eine Bestätigung
umdeuten. In Wirklichkeit geht es nicht
so einfach zu, machen wir uns die Entscheid-
ung nicht so leicht.
Das direkte "Ja" des Analysirten ist vieldeutig.
Es kann in der That anzeigen, daß erunsere
die vernommene Konstruktion als richtig
anerkennt, es kann aber auch bedeutungslos
sein oder selbst, was wir "heuchlerisch"
heißen können, indem es seinem Wider-
stand bequem ist, die nicht aufgedeckte
Wahrheit durch eine solche Zustimmung
weiterhin zu verbergen. Einen Wert
hat dies Ja nur, wenn es von indi-
rekten Bestätigungen gefolgt wird, wenn
der Patient in unmittelbarem Anschluß
an sein Ja neue Erinnerungen producirt,
welche die Konstruktion ergänzen und
erweitern. Nur in diesem Falle aner-
kennen wir das "Ja" als volle Erledigung
des betreffenden Punktes.
Das Nein des Analysirten ist ebenso vieldeutig
und eigentlich noch weniger verwendbar
als sein Ja. In seltenen Fällen erweist es
sich als Ausdruck berechtigter Ablehnung;
ungleich häufiger ist es Äußerung eines
Widerstandes, der durch den Inhalt der
mitgetheilten Konstruktion hervorgerufen
wird, aber ebensowohl von einem
anderen Faktor der komplexen analyt-
ischen Situation herrühren kann. Das
Nein des Patienten beweist also nichts für
die Richtigkeit der Konstruktion, es ver-
trägt sich aber sehr gut mit dieser Mög-
lichkeit. Da jede solche Konstruktion un-
vollständig ist, nur ein Stückchen des
vergessenen Geschehens erfaßt, steht es uns
frei anzunehmen, daß der Analysirte
nicht eigentlich das ihm Mitgetheilte leugnet,
sondern seinen Widerspruch von
dem noch nicht aufgedeckten Antheil
her aufrecht hält. Er wird in der
S.
8
Regel seine Zustimmung erst dann äußern,
wenn er die ganze Wahrheit erfahren
hat, und die ist oft recht weitläufig. Die
einzig sichere Deutung seines Neins ist also
die auf Unvollständigkeit; die Konstruktion
hat ihm gewiß nicht Alles gesagt.
Es ergiebt sich also, daß man aus den direkten
Äußerungen des Patienten nach der
Mittheilung einer Konstruktion wenig
Anhaltspunkte gewinnen kann, ob man
richtig oder unrichtig gerathen hat. Umso
interessanter ist es, daß es indirekte Arten
der Bestätigung giebt, die durchaus zu-
verlässig sind. Eine derselben ist eine
Redensart, die man in wenig abgeänderten
Worten von den verschiedensten Per-
sonen wie über Verabredung zu hören
bekommt. Sie lautet: Das (daran) habe ich (oder:
hätte ich) nie gedacht. Man kann diese
Äußerung unbedenklich übersetzen:
Ja, Sie haben das Unbewußte in diesem
Falle richtig getroffen. Leider hört man
die dem Analytiker so erwünschte Formel
häufiger nach Einzeldeutungen als nach
der Mittheilungvonumfangreicher Konstruk-
tionen. Eine ebenso wertvolle
Bestätigung, diesmal positiv ausgedrückt,
ist es, wenn der Analysirte mit einer Assozia-
tion antwortet, die etwas dem Inhalt
der Konstruktion Ähnliches oder Analoges
enthält. Anstatt eines Beispieles hiefür
aus einer Analyse, das leicht aufzufinden,
aber weitläufig darzustellen wäre, möchte ich hier ein
kleines außeranalytisches Erlebniß er-
zählen, das einen solchen Sachverhalt mit
beinahe komisch wirkender Eindringlich-
keit darstellt. Es handelte sich um einen
Kollegen, der mich – es ist sehr lange her –
zum Consiliarius in seiner ärztlichen
Thätigkeit gewählt hatte. Eines Tages aber
brachte er mir seine junge Frau,
die ihm Ungelegenheiten bereitete.
Sie verweigerte ihm unter allerlei Vor-
wänden den sexuellen Verkehr, und er
erwartete offenbar von mir, daß ich sie
über die Folgen ihres unzweckmäßigen
Benehmens aufklären sollte. Ich gieng
darauf ein und setzte ihr aus einander,
daß ihre Weigerung bei ihrem Manne wahr-
scheinlich bedauerliche Gesundheitsstörungen
oder Versuchungen hervorrufen würden,
die zum Verfall ihrer Ehe führen könnten.
S.
9
Dabei unterbrach er mich plötzlich um mir zu
sagen: Der Engländer, bei dem Sie einen
Hirntumor diagnostizirt haben, ist auch
schon gestorben. Die Rede schien zuerst
unverständlich, das auch im Satze räthselhaft,
es war von keinem anderen Gestorbenen
gesprochen worden. Eine kurze Weile später
verstand ich. Der Mann wollte mich offen-
bar bekräftigen, er wollte sagen: Ja, Sie
haben ganz gewiß Recht, Ihre Diagnose
bei dem Patienten hat sich auch bestätigt.
Es war ein volles Gegenstück zu den in-
direkten Bestätigungen durch Assoziationen,
die wir in den Analysen erhalten. Daß
an der Äußerung des Kollegen auch andere,
von ihm bei Seite geschobene Gedanken
einen Antheil gehabt haben, will ich
nicht bestreiten.
Die indirekte Bestätigung durch Assoziationen,
die zum Inhalt der Konstruktion passen,
giebt unserem × wertvolle Anhaltspunkte,
um zu errathen, ob sich diese Konstruktion
in der Fortsetzung der Analyse bewahr-
heiten wird. Besonders eindrucksvoll
ist auch der Fall, wenn sich die Bestätigung
mit Hilfe einer Fehlleistung in den
direkten Widerspruch einschleicht. Einer
schönes Beispiel dieser Art habe ich
früher einmal an anderer Stelle ver-
öffentlicht. In den Träumen des Patien-
ten tauchte wiederholt der in Wien
wohlbekannte Name Jauner auf, ohne
in seinen Assoziationen genügende Auf-
klärung zu finden. Ich versuchte dann
die Deutung, er meine wohl Gauner, wenn
er Jauner sage, und der Patient ant-
wortete prompt: Das scheint mir doch
zu jewagt. – Oder der Patient will die
Zumuthung, daß ihm eine bestimmte Zahl-
ung zu hoch erscheine, mit den Worten
zurückweisen: Zehn Dollars spielen bei
mir keine Rolle, setzt aber anstatt
Dollars die niedrigere Geldsorte ein
und sagt: Zehn Schilling. (österr. Währung).
Wenn die Analyse unter dem Druck
starker Momente steht, die eine nega-
tive therapeutische Reaktion erzwingen,
wie Schuldbewußtsein, masochistisches Lei-
densbedürfniß, Sträuben gegen die
Hilfeleistung des Analytikers, macht
das Verhalten des Patienten nach
der Mittheilung der Konstruktion
uns oft die gesuchte Entscheidung sehr
S.
10
leicht. Ist die Konstruktion falsch, so ändert sich nichts
beim Patienten; wenn sie aber richtig
ist oder eine Annäherung an die Wahr-
heit bringt, so reagirt er auf sie mit einer
unverkennbaren Verschlimmerung seiner
Symptome und seines Allgemeinbefindens.
Zusammenfassend werden wir feststellen,
wir verdienen nicht den Vorwurf, daß wir
dieAnalyStellungnahme des Analysirten
zu unseren Konstruktionen geringschätzig
zur Seite drängen. Wir achten auf sie und
entnehmen ihnen oftwichtigewertvolle
Anhaltspunkte. Aber diese Reaktionen
des Patienten sind zumeist vieldeutig und
gestatten keine endgiltige Entscheidung. Nur
die Fortsetzung der Analyse kann die Ent-
scheidung über Richtigkeit oder Unbrauch-
barkeit unserer Konstruktion bringen.
Wir geben die einzelne Konstruktion für
nichts anderes aus als für eine Ver-
muthung, die auf Prüfung, Bestätig-
ung oder Verwerfung wartet. Wir bean-
spruchen keine Autorität für sie, for-
dern vom Patienten keine unmittel-
bare Zustimmung, diskutiren nicht mit
ihm, wenn er ihr zunächst widerspricht.
Kurz, wir benehmen uns nach dem Vorbild
einer bekannten Nestroyschen Figur, des
Hausknechts, der für alle Fragen und
Einwendungen die einzige Antwort
bereit hat: Im Laufe der Begebenheiten
wird alles klar werden.
III.
Wie dies in der Fortsetzung der Analyse
vor sich geht, auf welchen Wegen sich
unsere Vermuthung in die Überzeugung
des Patienten verwandelt, das darzu-
stellen, lohnt kaum der Mühe; es ist
aus täglicher Erfahrung jedem Analytiker
bekannt und bietet dem Verständnis
keine Schwierigkeit. Nur ein Punkt
daran verlangt nach Untersuchung
und Aufklärung. Der Weg, der von
der Konstruktion des Analytikers aus-
geht, sollte in der Erinnerung des
Analysirten enden; er führt nicht
immer so weit. Oft genug gelingt
es nicht, den Patienten zur Erinner-
ung des Verdrängten zu bringen.
Anstatt dessen erreicht man bei ihm
durcheine beikorrekte Ausführung der
Analyse eine sichere Überzeugung
von der Wahrheit der Konstruktion,
S.
11
die therapeutisch dasselbe leistet wie eine
wiedergewonnene Erinnerung. Unter
welchen Umständen dies geschieht und
wie es möglich wird, daß ein scheinbar
unvollkommener Ersatz doch die volle
Wirkung thut, das bleibt ein Stoff für
spätere Forschung.
Ich werde diese kleine Mittheilung mit
einigen Bemerkungen beschließen, die
eine weitere Perspektive eröffnen.
Es ist mir in einigen Analysen aufgefallen,
daß die Mittheilung einer offenbar zu-
treffenden Konstruktion ein über-
raschendes und zunächst unverständliches
Phänomen beim Analysirten zum Vor-
schein brachte. Sie bekamen lebhafte
Erinnerungen, von ihnen selbst als
"überdeutlich" bezeichnet, aber sie erinn-
erten nicht etwa die Begebenheit, die
der Inhalt der Konstruktion war, sondern
Details, die diesem Inhalt nahe standen, zB.
die Gesichter der darin genannten Personen
überscharf, oder die Räume, in denen
sich Ähnliches hätte zutragen können, oder,
ein Stück weiter weg, die Einrichtungs-
gegenstände dieser Räumlichkeiten, von
denen die Konstruktion natürlich nichts
hatte wissen können. Dies geschah eben-
sowohl in Träumen unmittelbar nach
der Mittheilung als auch im Wachen in phan-
tasieartigen Zuständen. An diese
Erinnerungen selbst schloß weiter nichts
an; es lag dann nahe, sie als Ergebniß
eines Kompromisses aufzufassen. Der
"Auftrieb" des Verdrängten, durch die
Mittheilung der Konstruktion rege
geworden, hatte jene bedeutsamen
Erinnerungsspuren zum Bewußtsein
tragen wollen; einem Widerstand
war es gelungen, zwar nicht die Be-
wegung aufzuhalten, aber wohl sie
auf benachbarte, nebensächliche Objekte
zu verschieben.
Diese Erinnerungen hätte man Hallucinationen
nennen können, wenn zu ihrer Deut-
lichkeit der Glaube an ihre Aktualität
hinzugekommen wäre. Aber die Ana-
logie gewann an Bedeutung, als ich
auf das gelegentliche Vorkommen
wirklicher Hallucinationen bei
anderen, gewiß nicht psychotischen, Fällen
aufmerksam wurde. Der Gedanken-
gang gieng dann weiter: Vielleicht ist
S.
12
es ein allgemeiner Charakter der
Hallucination, bisher nicht genug gewür-
digt, daß in ihr etwas in der Frühzeit
Erlebtes und dann Vergessenes wiederkehrt,
etwas was das Kind gesehen oder
gehört zur Zeit, da es noch kaum sprach-
fähig war, und was sich nun dem
Bewußtsein aufdrängt, wahrscheinlich
entstellt und verschoben in Wirkung
der Kräfte, die sich einer solchen Wieder-
kehr widersetzen. Und bei der nahen
Beziehung der Hallucination zu bestimmten
Formen von Psychose darf unser Ge-
dankengang noch weiter greifen. Viel-
leicht sind die Wahnbildungen, in
denen wir diese Hallucinationen so
regelmäßig eingefügt finden, selbst
nicht so unabhängig vom Auftrieb des
Unbewußten und von der Wiederkehr
des Verdrängten, wie wir gemein-
hin annehmen. Wir betonen in dem
Mechanismus einer Wahnbildung in der
Regel nur zwei Momente, die Ab-
wendung von der Realwelt und deren
Motive einerseits und den Einfluß
der Wunscherfüllung auf den Inhalt des
Wahns anderseits. Aber kann der
dynamische Vorgang nicht eher der sein,
daß die Abwendung von der Realität
vom Auftrieb des Verdrängten aus-
genützt wird, um seinen Inhalt dem
Bewußtsein aufzudrängen, wobei die
bei diesem Vorgang erregten Wider-
stände und die Tendenz zur Wunsch-
erfüllung sich in die Verantwortlichkeit
für die Entstellung und Verschiebung des
Wiedererinnerten theilen? Das ist doch auch
der uns bekannte Mechanismus des Traumbildunges,
den schon uralte Ahnung dem Wahnsinn
gleichgesetzt hat.
Ich glaube nicht, daß diese Auffassung des
Wahns vollkommen neu ist, aber sie betont
doch einen Gesichtspunkt, der für gewöhnlich
nicht in den Vordergrund gerückt wird.
Wesentlich an ihr ist die Behauptung,
daß der Wahnsinn nicht nur Methode
hat, wie schon der Dichter erkannte,
sondern daß auch ein Stück historischer
Wahrheit in ihm enthalten ist, und
es liegt uns nahe, anzunehmen, daß
der zwanghafte Glaube, den der Wahn
findet, grade aus solch infantiler
Quelle seine Stärke bezieht. Mir
S.
13
stehen heute, um diese Theorie zu erweisen,
nur Reminiscenzen zu Gebote, nicht frische
Eindrücke. Es würde wahrscheinlich die
Mühe lohnen, wenn man versuchte,
entsprechende Krankheitsfälle nach den
hier entwickelten Voraussetzungen zu
studiren und auch ihre Behandlung danach
einzurichten. Man würde die vergeb-
liche Bemühung aufgeben, den Kranken
von dem Irr-sinn seines Wahns, von seinem
Widerspruch zur Realität, zu überzeugen,
und vielmehr in der Anerkennung des
Wahrheitskerns einen gemeinsamen
Boden finden, auf dem sich die thera-
peutische Arbeit entwickeln kann. Diese
Arbeit bestünde darin, das Stück histo-
rischer Wahrheit von seinen Entstel-
lungen und Anlehnungen an die
reale Gegenwart zu befreien und es
zurechtzurücken an die Stelle der Ver-
gangenheit, der es zugehört. Die Ver-
rückung aus der vergessenen Vor-
zeit in die Gegenwart oder in die
Erwartung der Zukunft ist ja ein
regelmäßiges Vorkommniß auch beim
Neurotiker. Oft genug, wenn ihn ein
Angstzustand erwarten läßt, daß sich
etwas Schreckliches ereignen wird, steht
er bloß unter dem Einfluß einer ver-
drängten Erinnerung, die zum Bewußt-
sein kommen möchte und nicht bewußt
werden kann, daß etwas damals Schreck-
haftes sich wirklich ereignet hat. Ich meine,
man wird aus solchen Bemühungen
an Psychotikern sehr viel Werthvolles
erfahren, auch wenn ihnen der thera-
peutische Erfolg versagt bleibt.
Ich weiß, daß es nicht verständdienstlich
ist, ein so wichtiges Thema so beiläufig
zu behandeln, wie es hier geschieht. Ich
bin dabei der Verlockung einer Analogie
gefolgt. Die Wahnbildungen der Kranken
erscheinen mir als Äquivalente der
Konstruktionen, die wir in den analyt-
ischen Behandlungen aufbauen, Versuche
zur Erklärung und Wiederherstellung,
die unter den Bedingungen der Psychose
allerdings nur dazu führen können, das
Stück Realität, das man in der Gegen-
wart verleugnet, durch ein anderes
Stück zu ersetzen, das man in früher
Vorzeit gleichfalls verleugnet hatte. Die
intimen Beziehungen zwischen dem
Stoff der gegenwärtigen Verleugnung
und dem der damaligen Verdrängung
S.
14
aufzudecken, wird die Aufgabe der Einzelunter-
suchung. Wie unsere Konstruktion
nur dadurch wirkt, daß sie ein Stück
verloren gegangener Lebensgeschichte wieder-
bringt, so dankt auch der Wahn seine
überzeugende Kraft dem Antheil historischer
Wahrheit, den er an die Stelle der
abgewiesenen Realität einsetzt. In solcher
Art würde auch der Wahn sich dem
Satze unterwerfen, den ich früher
einmal nur für die Hysterie ausgesprochen
habe, der Kranke leide an seinen Re-
miniscenzen. Diese kurze Formel
wollte auch damals nicht die Kom-
plikation der Krankheitsverursachung
bestreiten und die Wirkung so vieler
anderer Momente ausschließen.
Erfaßt man die Menschheit als ein
Ganzes und setzt sie an die Stelle
des einzelnen menschlichen Individuums,
so findet man, daß auch sie Wahnbild-
ungen entwickelt hat, die der logischen
Kritik unzugänglich sind und der Wirk-
lichkeit widersprechen. Wenn sie
trotzdem eine außerordentliche
Gewalt über die Menschen äußern
können, so führt die Untersuchung
zum gleichen Schluß wie beim
einzelnen Individuum. Sie danken
ihre Macht dem Gehalt an historischer
Wahrheit, die sie aus der Verdrängung
vergessener Urzeiten heraufgeholt
haben.
You are here
Konstruktionen in der Analyse
1937-002/1937.01
1937-002/1937.01