Notiz über den „Wunderblock“ 1925-001/1925.2

Freud, Sigmund (1925-001/1925.2): Notiz über den „Wunderblock“

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    NOTIZ ÜBER DEN »WUNDERBLOCK«

    Wenn ich meinem Gedächtnis mißtraue, – der Neurotiker
    tut dies bekanntlich in auffälligem Ausmaße, aber auch der
    Normale hat allen Grund dazu – so kann ich dessen Funktion
    ergänzen und versichern, indem ich mir eine schriftliche Auf-
    zeichnung mache. Die Fläche, welche diese Aufzeichnung bewahrt,
    die Schreibtafel oder das Blatt Papier, ist dann gleichsam ein
    materialisiertes Stück des Erinnerungsapparates, den ich sonst
    unsichtbar in mir trage. Wenn ich mir nur den Ort merke, an
    dem die so fixierte „Erinnerung“ untergebracht ist, so kann ich
    sie jederzeit nach Belieben „reproduzieren“ und bin sicher, daß
    sie unverändert geblieben, also den Entstellungen entgangen ist,
    die sie vielleicht in meinem Gedächtnis erfahren hätte.

    Wenn ich mich dieser Technik zur Verbesserung meiner
    Gedächtnisfunktion in ausgiebiger Weise bedienen will, bemerke
    ich, daß mir zwei verschiedene Verfahren zu Gebote stehen. Ich
    kann erstens eine Schreibfläche wählen, welche die ihr anvertraute
    Notiz unbestimmt lange unversehrt bewahrt, also ein Blatt Papier,
    das ich mit Tinte beschreibe. Ich erhalte dann eine „dauerhafte
    Erinnerungsspur“. Der Nachteil dieses Verfahrens besteht darin,
    daß die Aufnahmefähigkeit der Schreibfläche sich bald erschöpft.
    Das Blatt ist vollgeschrieben, hat keinen Raum für neue Auf-
    zeichnungen und ich sehe mich genötigt, ein anderes noch
    unbeschriebenes Blatt in Verwendung zu nehmen. Auch kann
    der Vorzug dieses Verfahrens, das eine „Dauerspur“ liefert, seinen
    Wert für mich verlieren, nämlich wenn mein Interesse an der

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    Notiz nach einiger Zeit erloschen ist und ich sie nicht mehr
    „im Gedächtnis behalten“ will. Das andere Verfahren ist von
    beiden Mängeln frei. Wenn ich zum Beispiel mit Kreide auf
    eine Schiefertafel schreibe, so habe ich eine Aufnahmsfläche, die
    unbegrenzt lange aufnahmefähig bleibt und deren Aufzeichnungen
    ich zerstören kann, sobald sie mich nicht mehr interessieren,
    ohne die Schreibfläche selbst verwerfen zu müssen. Der Nachteil
    ist hier, daß ich eine Dauerspur nicht erhalten kann. Will
    ich neue Notizen auf die Tafel bringen, so muß ich die, mit
    denen sie bereits bedeckt ist, wegwischen. Unbegrenzte Aufnahms-
    fähigkeit und Erhaltung von Dauerspuren scheinen sich also für
    die Vorrichtungen, mit denen wir unser Gedächtnis substituieren,
    auszuschließen, es muß entweder die aufnehmende Fläche erneut
    oder die Aufzeichnung vernichtet werden.

    Die Hilfsapparate, welche wir zur Verbesserung oder Verstärkung
    unserer Sinnesfunktionen erfunden haben, sind alle so gebaut wie
    das Sinnesorgan selbst oder Teile desselben (Brille, photographische
    Kamera, Höhrrohr usw.). An diesem Maß gemessen, scheinen
    die Hilfsvorrichtungen für unser Gedächtnis besonders mangelhaft
    zu sein, denn unser seelischer Apparat leistet gerade das, was
    diese nicht können; er ist in unbegrenzter Weise aufnahmsfähig
    für immer neue Wahrnehmungen und schafft doch dauer-
    hafte – wenn auch nicht unveränderliche – Erinnerungsspuren
    von ihnen. Ich habe schon in der „Traumdeutung“ 1900 die
    Vermutung ausgesprochen, daß diese ungewöhnliche Fähigkeit
    auf die Leistung zweier verschiedener Systeme (Organe des
    seelischen Apparates) aufzuteilen sei. Wir besäßen ein System
    W-Bw, welches die Wahrnehmungen aufnimmt, aber keine
    Dauerspur von ihnen bewahrt, so daß es sich gegen jede neue
    Wahrnehmung wie ein unbeschriebenes Blatt verhalten kann. Die
    Dauerspuren der aufgenommenen Erregungen kämen in dahinter
    gelegenen „Erinnerungssystemen“ zustande. Später („Jenseits des
    Lustprinzips“) habe ich die Bemerkung hinzugefügt, das unerklär-
     

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    liche Phänomen des Bewußtseins entstehe im Wahrnehmungs-
    system an Stelle der Dauerspuren.

    Vor einiger Zeit ist nun unter dem Namen Wunderblock
    ein kleines Gerät in den Handel gekommen, das mehr zu leisten
    verspricht als das Blatt Papier oder die Schiefertafel. Es will nicht
    mehr sein als eine Schreibtafel, von der man die Aufzeichnungen
    mit einer bequemen Hantierung entfernen kann. Untersucht man
    es aber näher, so findet man in seiner Konstruktion eine
    bemerkenswerte Übereinstimmung mit dem von mir supponierten
    Bau unseres Wahrnehmungsapparats und überzeugt sich, daß es
    wirklich beides liefern kann, eine immer bereite Aufnahme-
    fläche und Dauerspuren der aufgenommenen Aufzeichnungen.

    Der Wunderblock ist eine in einen Papierrand gefaßte Tafel
    aus dunkelbräunlicher Harz-
    oder Wachsmasse, über welche ein
    dünnes, durchscheinendes Blatt gelegt ist, am oberen Ende an
    der Wachstafel fest haftend, am unteren ihr frei anliegend. Dieses
    Blatt ist der interessantere Anteil des kleinen Apparats. Es besteht
    selbst aus zwei Schichten, die außer an den beiden queren Rändern
    von einander abgehoben werden können. Die obere Schicht ist
    eine durchsichtige Zelluloidplatte, die untere ein dünnes, also
    durchscheinendes Wachspapier. Wenn der Apparat nicht gebraucht
    wird, klebt die untere Fläche des Wachspapiers der oberen Fläche
    der Wachstafel leicht an.

    Man gebraucht diesen Wunderblock, indem man die Auf-
    schreibung auf der Zelluloidplatte des die Wachstafel deckenden
    Blattes ausführt. Dazu bedarf es keines Bleistifts oder einer
    Kreide, denn das Schreiben beruht nicht darauf, daß Material an
    die aufnehmende Fläche abgegeben wird. Es ist eine Rückkehr
    zur Art, wie die Alten auf Ton-
    und Wachstäfelchen schrieben.
    Ein spitzer Stilus ritzt die Oberfläche, deren Vertiefungen die
    „Schrift“ ergeben. Beim Wunderblock geschieht dieses Ritzen
    nicht direkt, sondern unter Vermittlung des darüber liegenden
    Deckblattes. Der Stilus drückt an den von ihm berührten Stellen

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    die Unterfläche des Wachspapiers an die Wachstafel an und
    diese Furchen werden an der sonst glatten weißlichgrauen Ober-
    fläche des Zelluloids als dunkle Schrift sichtbar. Will man die
    Aufschreibung zerstören, so genügt es, das zusammengesetzte
    Deckblatt von seinem freien unteren Rand her mit leichtem Griff
    von der Wachstafel abzuheben. Der innige Kontakt zwischen
    Wachspapier und Wachstafel an den geritzten Stellen, auf dem
    das Sichtbarwerden der Schrift beruhte, wird damit gelöst und
    stellt sich auch nicht her, wenn die beiden einander wieder
    berühren. Der Wunderblock ist nun schriftfrei und bereit, neue
    Aufzeichnungen aufzunehmen.

    Die kleinen Unvollkommenheiten des Geräts haben für uns
    natürlich kein Interesse, da wir nur dessen Annäherung an
    die Struktur des seelischen Wahrnehmungsapparats verfolgen
    wollen.

    Wenn man, während der Wunderblock beschrieben ist, die
    Zelluloidplatte vorsichtig vom Wachspapier abhebt, so sieht man
    die Schrift ebenso deutlich auf der Oberfläche des letzteren und
    kann die Frage stellen, wozu die Zelluloidplatte des Deckblattes
    überhaupt notwendig ist. Der Versuch zeigt dann, daß das dünne
    Papier sehr leicht in Falten gezogen oder zerrissen werden würde,
    wenn man es direkt mit dem Stilus beschriebe. Das Zelluloid-
    blatt ist also eine schützende Hülle für das Wachspapier, die
    schädigende Einwirkungen von außen abhalten soll. Das Zelluloid
    ist ein „Reizschutz“; die eigentlich reizaufnehmende Schicht ist
    das Papier. Ich darf nun darauf hinweisen, daß ich im „Jenseits
    des Lustprinzips“ ausgeführt habe, unser seelischer Wahrnehmungs-
    apparat bestehe aus zwei Schichten, einem äußeren Reizschutz,
    der die Größe der ankommenden Erregungen herabsetzen soll, und
    aus der reizaufnehmenden Oberfläche dahinter, dem System W-Bw.

    Die Analogie hätte nicht viel Wert, wenn sie sich nicht weiter
    verfolgen ließe. Hebt man das ganze Deckblatt – Zelluloid und
    Wachspapier – von der Wachstafel ab, so verschwindet die

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    Schrift und stellt sich, wie erwähnt, auch später nicht wieder
    her. Die Oberfläche des Wunderblocks ist schriftfrei und von
    neuem aufnahmefähig. Es ist aber leicht festzustellen, daß die
    Dauerspur des Geschriebenen auf der Wachstafel selbst erhalten
    bleibt und bei geeigneter Belichtung lesbar ist. Der Block liefert
    also nicht nur eine immer von neuem verwendbare Aufnahms-
    fläche wie die Schiefertafel, sondern auch Dauerspuren der Auf-
    schreibung wie der gewöhnliche Papierblock; er löst das Problem,
    die beiden Leistungen zu vereinigen, indem er sie auf zwei
    gesonderte, mit einander verbundene Bestandteile
    – Systeme – verteilt. Das ist aber ganz die gleiche Art,
    wie nach meiner oben erwähnten Annahme unser seelischer
    Apparat die Wahrnehmungsfunktion erledigt. Die reizaufneh-
    mende Schicht – das System W-Bw – bildet keine Dauer-
    spuren, die Grundlagen der Erinnerung kommen in anderen,
    anstoßenden Systemen zustande.

    Es braucht uns dabei nicht zu stören, daß die Dauerspuren
    der empfangenen Aufzeichnungen beim Wunderblock nicht ver-
    wertet werden; es genügt, daß sie vorhanden sind. Irgendwo
    muß ja die Analogie eines solchen Hilfsapparats mit dem vor-
    bildlichen Organ ein Ende finden. Der Wunderblock kann ja
    auch nicht die einmal verlöschte Schrift von innen her wieder
    „reproduzieren“; er wäre wirklich ein Wunderblock, wenn er das
    wie unser Gedächtnis vollbringen könnte. Immerhin erscheint es
    mir jetzt nicht allzu gewagt, das aus Zelluloid und Wachspapier
    bestehende Deckblatt mit dem System W-Bw und seinem Reiz-
    schutz, die Wachstafel mit dem Unbewußten dahinter, das Sichtbar-
    werden der Schrift und ihr Verschwinden mit dem Aufleuchten
    und Vergehen des Bewußtseins bei der Wahrnehmung gleichzu-
    stellen. Ich gestehe aber, daß ich geneigt bin, die Vergleichung
    noch weiter zu treiben.

    Beim Wunderblock verschwindet die Schrift jedesmal, wenn
    der innige Kontakt zwischen dem den Reiz empfangenden Papier

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    und der den Eindruck bewahrenden Wachstafel aufgehoben wird.
    Das trifft mit einer Vorstellung zusammen, die ich mir längst
    über die Funktionsweise des seelischen Wahrnehmungsapparats
    gemacht, aber bisher für mich behalten habe. Ich habe angenommen,
    daß Besetzungssinnervationen in raschen periodischen Stößen aus
    dem Inneren in das völlig durchlässige System W-Bw geschickt
    und wieder zurückgezogen werden. Solange das System in solcher
    Weise besetzt ist, empfängt es die von Bewußtsein begleiteten
    Wahrnehmungen und leitet die Erregung weiter in die unbe-
    wußten Erinnerungssysteme; sobald die Besetzung zurückgezogen
    wird, erlischt das Bewußtsein und die Leistung des Systems ist
    sistiert. Es wäre so, als ob das Unbewußte mittels des Systems
    W-Bw der Außenwelt Fühler entgegenstrecken würde, die rasch
    zurückgezogen werden, nachdem sie deren Erregungen verkostet
    haben. Ich ließ also die Unterbrechungen, die beim Wunderblock
    von außen her geschehen, durch die Diskontinuität der Inner-
    vationsströmung zustande kommen, und an Stelle einer wirk-
    lichen Kontaktaufhebung stand in meiner Annahme die periodisch
    eintretende Unerregbarkeit des Wahrnehmungssystems. Ich ver-
    mutete ferner, daß diese diskontinuierliche Arbeitsweise des
    Systems W-Bw der Entstehung der Zeitvorstellung zugrunde liegt.
    Denkt man sich, daß während eine Hand die Oberfläche des
    Wunderblocks beschreibt, eine andere periodisch das Deckblatt
    desselben von der Wachstafel abhebt, so wäre das eine Versinn-
    lichung der Art, wie ich mir die Funktion unseres seelischen
    Wahrnehmungsapparats vorstellen wollte.