S.
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Notiz über den
DerWunderblockvon
Sigm. Freud
Wenn ich meinem Gedächtnis mißtraue, – der
Neurotiker tut dies bekanntlich in auffälligem
Ausmaße, aber auch der Normale hat allen
Grund dazu – so kann ich dessen Funktion
ergänzen und versichern, indem ich mir
eine schriftliche Aufzeichnung mache. Die
Fläche, welche diese Aufzeichnungträgtbewahrt, die
Schreibtafel oder das Blatt Papier, ist dann
ein gleichsam materialisiertes Stück des Erinner-
ungsapparates, den ich sonst unsichtbar in mir
trage. Wenn ich mir nur den Ort merke,
an dem die so fixierte "Erinnerung" untergebracht
ist, so kann ich sie jederzeit nach Belieben
"reproduzieren" und bin sicher, daß sie unver-
ändert geblieben, also den Entstellungen
entgangen ist, die sie vielleicht in meinem
Gedächtnis erfahren hätte.
Wenn ich mich dieser Technik zur Verbesserung
meiner Gedächtnisfunktion in ausgiebiger Weise
bedienen will, bemerke ich, daß mir zwei ver-
schiedene Verfahren zu Gebote stehen. Ich kann
erstens eine Schreibfläche wählen, welche die ihr
anvertraute Notiz unbestimmt lange unversehrt
bewahrt, also ein Blatt Papier, das ich mit Tinte
beschreibe. Ich erhalte dann eine "dauerhafte
Erinnerungsspur". Der Nachteil dieses Ver-
fahrens besteht darin, daß die Aufnahmsfähig-
keit der Schreibfläche sich bald erschöpft. Das
Blatt ist vollgeschrieben, hat keinen Raum für
neue Aufzeichnungen und ich sehe mich genötigt
ein anderes noch unbeschriebenes Blatt in
Verwendung zu nehmen. Auch kann der
Vorzug dieses Verfahrens, das eine "Dauerspur"
liefert, seinen Wert für mich verlieren,
wenn nämlich mein Interesse an der Notiz
nach einiger Zeit erloschen ist und ich sie
nicht mehr "im Gedächtnis behalten" will.
Das andere Verfahren ist von beiden Mängeln
frei. Wenn ich zB mit Kreide auf eine
Schiefertafel schreibe, so habe ich eine Aufnahms-
fläche, die unbegrenzt lange aufnahmsfähig
bleibt und deren Aufzeichnungen ich zerstören
kann, sobald sie mich nicht mehr interessieren
ohne die Schreibfläche selbst verwerfen
zu müssen. Der Nachteil ist hier, daß ich
eine "Dauerspur" nicht erhalten kann. Will
ich neue Notizen auf die Tafel bringen,
so muß ich die, mit denen sie bereits
bedeckt ist, wegwischen. Unbegrenzte Auf-
nahmsfähigkeit und Erhaltung von Dauerspuren
scheinen sich also für die Vorrichtungen,
mit denen wir unser Gedächtnis substituieren,
auszuschließen, es muß entweder dieS.
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aufnehmende Fläche erneut oder die Aufzeichnung
vernichtet werden.
Die Hilfsapparate, welche wir zur Verbesserung oder
Verstärkung unserer Sinnesfunktionen erfunden
haben, sind alle so gebaut wie das Sinnesorgan
selbst oder Teile desselben (Brille, photograph-
ische Kamera, Hörrohr usw.). An diesem Maß ge-
messen, scheinen die Hilfsvorrichtungen für unser
Gedächtnis besonders mangelhaft zu sein, denn
unser seelischer Apparat leistet gerade das, was
diese nicht können; er ist in unbegrenzter
Weise aufnahmsfähig für immer neue Wahr-
nehmungen und schafft doch dauerhafte – wenn auch
nicht unveränderliche – Erinnerungsspuren von
ihnen. Ich habe schon in der "Traumdeutung" 1900
die Vermutung ausgesprochen, daß diese
ungewöhnliche Fähigkeit auf die Leistung zweier
verschiedener Systeme (Organe des seelischen
Apparats) aufzuteilen sei. Wir besäßen ein
System W-Bw, welches die Wahrnehmungen
aufnimmt, aber keine Dauerspur von
ihnen bewahrt, so daß es sich gegen jede
neue Wahrnehmung wie ein unbeschrieb-
enes Blatt verhalten kann. Die Dauer-
spuren der aufgenommenen Erregungen
kämen in dahinter gelegenen "Erinner-
ungssystemen" zustande. Später ("Jenseits des
Lustprinzips") habe ich die Bemerkung hinzugefügt,
das unerklärliche Phänomen des Bewußtseins ent-
stehe im Wahrnehmungssystem an Stelle
der Dauerspuren.
Vor einiger Zeit ist nun unter dem Namen
Wunderblock ein kleines Gerät
in den Handel gekommen, das mehr zu leisten verspricht als
das Blatt Papier oder die Schiefertafel. Es
will nicht mehr sein als eine Schreibtafel, von
der man die Aufzeichnungen mit einer
bequemen Hantierung entfernen kann. Unter-
sucht man es aber näher, so findet man in
seiner Konstruktion eine bemerkenswerte
Übereinstimmung mit dem von mir supponierten
Bau unseres Wahrnehmungsapparats und
überzeugt sich, daß es wirklich beides liefern
kann, eine immer bereite Aufnahmsfläche
und Dauerspuren der aufgenommenen Auf-
zeichnungen.
Der Wunderblock ist eine in einen Papierrand
gefaßte Tafel aus dunkelbräunlicher Harz- oder
Wachsmasse, über welche ein dünnes, durch-
scheinendes Blatt gelegt ist, am oberen Ende
an der Wachstafel festhaftend, am unteren
ihr frei anliegend. Dieses Blatt ist der inter-
essantere Anteil des kleinen Apparats.
Es besteht selbst aus zwei Schichten, die außer
an den beiden queren Rändern vonS.
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einander abgehoben werden können. Die obere
Schicht ist eine durchsichtige Zelluloidplatte, die
untere ein dünnes, also durchscheinendes Wachs-
papier. Wenn der Apparat nicht gebraucht wird,
klebt die untere Fläche des Wachspapiers an
der oberen Fläche der Wachstafel leicht an.
Man gebraucht diesen Wunderblock, indem
man die Aufschreibung auf der Zelluloid-
platte des die Wachstafel deckenden Blattes
ausführt. Dazu bedarf es keines Bleistifts oder
einer Kreide, denn das Schreiben beruht
nicht darauf, daß Material an die aufneh-
mende Fläche abgegeben wird. Es ist eine
Rückkehr zur Art, wie die Alten auf
Ton- und Wachstäfelchen schrieben. Ein spitzer
Stilus ritzt die Oberfläche, deren Ver-
tiefungen die "Schrift" ergeben. Beim
Wunderblock geschieht dieses Ritzen nicht
direkt, sondern unter Vermittlung des
darüber liegenden Deckblattes. Der Stilus
drückt an den von ihm berührten Stellen
die Unterfläche des Wachspapiers an die
Wachstafel an und diese Furchen werden
an der sonst glatten weißlichgrauen Ober-
fläche des Zelluloids als dunkle Schrift
sichtbar. Will man die Aufschreibung
zerstören, so genügt es, das zusammengesetzte
Deckblatt von seinem freien unteren
Rand her mit leichtem Griff von der
Wachstafel abzuheben. Der innige Kontakt
zwischen Wachspapier und Wachstafel an den
geritzten Stellen, auf dem das Sichtbar-
werden der Schrift beruhte, wird damit
gelöst und stellt sich auch nicht wieder
her, wenn die beiden einander wieder
berühren. Der Wunderblock ist nun
schriftfrei und bereit, neue Aufzeich-
nungen aufzunehmen.
Die kleinen Unvollkommenheiten des Geräts
haben für uns natürlich kein Interesse,
da wir nur dessen Annäherung an die Struk-
tur des seelischen Wahrnehmungsapparats
verfolgen wollen.
Wenn man, während der Wunderblock beschrieben
ist, die Zelluloidplatte vorsichtig vom Wachs-
papier abhebt, so sieht man die Schrift ebenso
deutlich auf der Oberfläche des letzteren
und kann die Frage stellen, wozu die
Zelluloidplatte des Deckblattes überhaupt not-
wendig ist. Der Versuch zeigt dann, daß
das dünne Papier sehr leicht in Falten
gezogen oder zerrissen werden würde,
wenn man es direkt mit dem Stilus
beschriebe. Das Zelluloidblatt ist also eineS.
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schützende Hülle für das Wachspapier, die schädigende
Einwirkungen von außen abhalten soll. Das
Zelluloid ist ein "Reizschutz"; die eigentlich
reizaufnehmende Schicht ist das Papier. Ich
darf nun darauf hinweisen, daß ich im "Jenseits
des Lustprinzips" ausgeführt habe, unser seelischer
Wahrnehmungsapparat bestehe aus zwei Schichten,
einem äußeren Reizschutz, der die Größe der
ankommenden Erregungen herabsetzen soll, und
aus der reizaufnehmenden Oberfläche dahinter,
dem System W-Bw.
Die Analogie hätte nicht viel Wert, wenn sie sich
nicht weiter verfolgen ließe. Hebt man das
ganze Deckblatt – Zelluloid und Wachspapier – von
der Wachstafel ab, so verschwindet die
Schrift und stellt sich, wie erwähnt, auch
später nicht wieder her. Die Oberfläche des
Wunderblocks ist schriftfrei und von neuem
aufnahmsfähig. Es ist aber leicht festzustellen,
daß die Dauerspur des Geschriebenen auf der
Wachstafel selbst erhalten bleibt und bei
geeigneter Belichtung lesbar ist. Der Block
liefert also nicht nur eine immer von neuem ver-
wendbare Aufnahmsfläche wie die Schiefertafel,
sondern auch Dauerspuren der Aufschreibung
wie der gewöhnliche Papierblock; er löst
das Problem, die beiden Leistungen zu
vereinigen, indem er sie auf zwei geson-
derte, mit einander verbundene Bestand-
teile – Systeme – verteilt. Das ist aber
ganz die gleiche Art, wie nach meiner
oben erwähnten Annahme unser seelischer
Apparat die Wahrnehmungsfunktion
erledigt. Die reizaufnehmende Schicht –
das System W-Bw – bildet keine Dauer-
spuren, die Grundlagen der Erinnerung
kommen in anderen, anstoßenden Systemen
zustande.
Es braucht uns dabei nicht zu stören, daß die
Dauerspuren der empfangenen Aufzeichnungen
beim Wunderblock nicht verwertet wer-
den; es genügt, daß sie vorhanden sind.
Irgendwo muß ja die Analogie eines solchen
Hilfsapparats mit dem vorbildlichen Organ
ein Ende finden. Der Wunderblock kann
ja auch nicht die einmal verlöschte Schrift
von innen her wieder "reproduzieren";
er wäre wirklich ein Wunderblock,
wenn er das wie unser Gedächtnis
vollbringen könnte. Immerhin erscheint
es mir jetzt nicht allzu gewagt, das aus
Zelluloid und Wachspapier bestehende
Deckblatt mit dem System W-Bw und
seinem Reizschutz, die Wachstafel mit
dem Unbewußten dahinter, das Sichtbar-
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werden der Schrift und ihr Verschwinden mit
dem Aufleuchten und Vergehen des Bewußt-
seins bei der Wahrnehmung gleichzustellen.
Ich gestehe aber, daß ich geneigt bin, die Vergleichung
noch weiter zu treiben.
Beim Wunderblock verschwindet die Schrift
jedesmal, wenn der innige Kontakt zwischen
dem den Reiz empfangenden Papier und der
den Eindruck bewahrenden Wachstafel auf-
gehoben wird. Das trifft mit einer Vorstellung
zusammen, die ich mir längst über die Funktions-
weise des seelischen Wahrnehmungsapparats
gemacht, aber bisher für mich behalten habe.
Ich habe angenommen, daß Besetzungsinnervationen
in raschen periodischen Stößen aus dem
Inneren in das völlig durchlässige System
W-Bw geschickt und wieder zurückgezogen
werden. Solange das System in solcher Weise
besetzt ist, empfängt es die von Bewußt-
sein begleiteten Wahrnehmungen und
leitet die Erregung weiter in die unbe-
wußten Erinnerungssysteme; sobald die Be-
setzung zurückgezogen wird, erlischt das
Bewußtsein und die Leistung des Systems
ist sistiert. Es wärealsoso, als ob das Unbe-
wußte mittels des Systems W-Bw
der Außenwelt Fühler entgegenstrecken würde,
die rasch zurückgezogen werden, nachdem
sie deren Erregungen verkostet haben. Ich
ließ also die Unterbrechungen, die beim
Wunderblock von außen her geschehen,
durch die Diskontinuität der Innervations-
strömung zustande kommen, und an Stelle
einer wirklichen Kontaktaufhebung stand
in meiner Annahme die periodisch ein-
tretende Unerregbarkeit des Wahrnehm-
ungssystems. Ich vermutete ferner, daß diese
diskontinuierliche Arbeitsweise des Systems
W-Bw der Entstehung der Zeitvorstellung
zugrunde liegt.
Denkt man sichvor, daß während eine Hand
die Oberfläche des Wunderblocks beschreibt,
eine andere periodisch das Deckblatt desselben
von der Wachstafel abhebt, so wäre das
eine Versinnlichung der Art, wie ich mir
die Funktion unseres seelischen Wahr-
nehmungsapparats vorstellen wollte.S.
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Notiz über den Wunderblock
1925-001/1925.01
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