Prof. Dr. S. Freud, Wien 1931-074/1931

Freud, Sigmund (1931-074/1931): Prof. Dr. S. Freud, Wien

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  • S.

     

    P r o f . D r . S . F r e u d , W i e n :

    „Die Welle stärksten Mitgefühls nach der Lesung Ihres Briefes
    brach sich alsbald an zwei Bedenken: einer innerlichen Schwierig-
    keit und einem äußerlichen Hindernis. Für die erstere gab mir
    ein Satz Ihrer eigenen Vorrede den geeigneten Ausdruck: „Nun gibt
    es ja wohl Leute, welche eine so geringe Meinung von der heutigen
    Kulturmenschheit haben, daß sie die Existenz eines Weltgewissens
    bestreiten.“ Ich glaube, daß ich zu diesen Leuten gehöre. Ich konnte
    zum Beispiel den Satz nicht unterschreiben, daß die Behandlung
    der Strafgefangenen eine Schande für unsere Kultur ist. Im Gegen-
    teil, würde mir eine Stimme sagen: sie ist ganz in Einklang mit
    unserer Kultur, notwendige Äußerung der Brutalität und des Un-
    verstandes, die die gegenwärtige Kulturmenschheit beherrschen.
    Und wenn durch ein Wunder plötzlich die Überzeugung auf-
    tauchte, daß die Reform des Strafwesens die nächste und dring-
    lichste Aufgabe unserer Kultur ist, was würde sich anders her-
    ausstellen, als daß die kapitalistische Gesellschaft jetzt nicht die
    Mittel hat, den für diese Reform erforderlichen Aufwand zu be-
    streiten! — Die Erkenntnis der anderen, äußeren Schwierigkeit
    knüpft an die Stellen Ihres Briefes an, in denen Sie mich zum an-
    erkannten geistigen Führer und kulturellen Bahnbrecher erheben
    X
     

  • S.

    und mir ein Vorwurf auf das Ohr der Kulturwelt zuschreiben. Ver-
    ehrter Herr! Ich wollte, es wäre so; ich würde mich dann Ihrem
    Wunsche nicht verweigern. Aber mir scheint, ich bin persona non
    grata, nicht ungratissima, beim deutschen Volke und zwar
    beim gelehrten ebenso wie beim ungelehrten. Ich hoffe mit
    Bestimmtheit, daß Sie nicht von mir glauben, ich sei durch diese
    Mißfallensbezeigungen schwer gekränkt worden. Ich bin schon seit
    Dezennien nicht mehr so kindisch; an Ihrem Beispiel gemessen,
    wäre es auch zu lächerlich. Ich erwähne diese Nichtigkeiten nur,
    um zu erhärten, daß ich kein wünschenswerter Fürsprech für ein
    Buch bin, das die Sympathien der Lesermassen für eine gute Sache
    entflammen will. — Ihr Buch ist übrigens ergreifend, schön, klug
    und gut!“
     

     

    XI