S.
P r o f . D r . S . F r e u d , W i e n :
„Die Welle stärksten Mitgefühls nach der Lesung Ihres Briefes
brach sich alsbald an zwei Bedenken: einer innerlichen Schwierig-
keit und einem äußerlichen Hindernis. Für die erstere gab mir
ein Satz Ihrer eigenen Vorrede den geeigneten Ausdruck: „Nun gibt
es ja wohl Leute, welche eine so geringe Meinung von der heutigen
Kulturmenschheit haben, daß sie die Existenz eines Weltgewissens
bestreiten.“ Ich glaube, daß ich zu diesen Leuten gehöre. Ich konnte
zum Beispiel den Satz nicht unterschreiben, daß die Behandlung
der Strafgefangenen eine Schande für unsere Kultur ist. Im Gegen-
teil, würde mir eine Stimme sagen: sie ist ganz in Einklang mit
unserer Kultur, notwendige Äußerung der Brutalität und des Un-
verstandes, die die gegenwärtige Kulturmenschheit beherrschen.
Und wenn durch ein Wunder plötzlich die Überzeugung auf-
tauchte, daß die Reform des Strafwesens die nächste und dring-
lichste Aufgabe unserer Kultur ist, was würde sich anders her-
ausstellen, als daß die kapitalistische Gesellschaft jetzt nicht die
Mittel hat, den für diese Reform erforderlichen Aufwand zu be-
streiten! — Die Erkenntnis der anderen, äußeren Schwierigkeit
knüpft an die Stellen Ihres Briefes an, in denen Sie mich zum an-
erkannten geistigen Führer und kulturellen Bahnbrecher erheben
X
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und mir ein Vorwurf auf das Ohr der Kulturwelt zuschreiben. Ver-
ehrter Herr! Ich wollte, es wäre so; ich würde mich dann Ihrem
Wunsche nicht verweigern. Aber mir scheint, ich bin persona non
grata, nicht ungratissima, beim deutschen Volke und zwar
beim gelehrten ebenso wie beim ungelehrten. Ich hoffe mit
Bestimmtheit, daß Sie nicht von mir glauben, ich sei durch diese
Mißfallensbezeigungen schwer gekränkt worden. Ich bin schon seit
Dezennien nicht mehr so kindisch; an Ihrem Beispiel gemessen,
wäre es auch zu lächerlich. Ich erwähne diese Nichtigkeiten nur,
um zu erhärten, daß ich kein wünschenswerter Fürsprech für ein
Buch bin, das die Sympathien der Lesermassen für eine gute Sache
entflammen will. — Ihr Buch ist übrigens ergreifend, schön, klug
und gut!“
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Prof. Dr. S. Freud, Wien
1931-074/1931
1931-074/1931