Protokoll der 17. Sitzung am 1. Februar 1911. Dr. Alfred Adler: Der männliche Protest als Kernproblem der Neurose 1911-505/1911.01

Rank, Otto (1911-505/1911.01): Protokoll der 17. Sitzung am 1. Februar 1911. Dr. Alfred Adler: Der männliche Protest als Kernproblem der Neurose

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    P R O T O K O L L

    der

    17. S I T Z U N G

    am 1.Februar 1911.


     

    Dr.Alfred A D L E R :


     

    Der männliche Protest als Kernproblem der Neurose.

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        Als Grundthese seiner Auseinandersetzungen stellt der Vortra-
    gende den Satz auf: Die Erscheinungen der Verdrängung,wie sie von
    Freud geschildert wurden, bilden ein für die neurotische und normale
    Psyche wichtiges Kapitel, aber sie enthalten in gleicher Weise jene
    Triebkräfte, von denen aus die Neurose geleitet wird.

        Ehe der Vortragende auf sein eigentliches Thema: Verdrängung u?
    männlicher Protest, ihre Rolle und Bedeutung für die neurotische Dy-
    namik, eingeht, sucht er einige Schwierigkeiten zu beseitigen. So vor
    allem das Problem, welcher Herkunft die Protesttendenzen bei Mann
    und Weib sind und ob sie existieren, das sich durch Hinweise auf die
    menschliche Kultur- und Gesellschaftsentwicklung dahin beantworten
    lasse, dass diese Triebkräfte in der Tat immer lebendig und wirksam
    gewesen sind, wofür ja unter anderem auch die Tatsache spreche, dass
    wir uns alle mit dem Gedanken des Kampfes ums Dasein vertraut gemacht
    haben.

        Ebenso kommt die zweiter Punkt, dass nämlich die Frau vom Manne
    entwertet wird, in unserer Kultur deutlich zum Ausdruck, ja darf ge-
    radezu als Triebkraft für unsere Kultur angesehen werden. Hier genü-
    ge ein Hinweis auf die literarischen Bestrebungen der sog. Antifemi-
    nisten.

        Die grösste Schwierigkeit habe die Anerkennung der Behauptung
    verursacht, die bei allen is Frauen insgesamt einen männlichen Protest
    voraussetzt. Zum Beweise hierfür wird aus einem demnächst erscheinen-
    den Buche über die Psychologie der Verbrecherin von Dr. jur. Jasni,
    eines Verfassers, der sich mit den Adlerschen Auffassungen identifi-
    ziere, ein Abschnitt mit entsprechenden literarischen und kulturhis-
    torischen Belegen vorgelesen.

        Zu seinem eigentlichen Thema übergehend bemerkt der Vortragen-
    de, dass die Ursachen und der Weg zur Neurose trotz der Erkenntnis
    der Verdrängung, nicht so klar seien als man annähme; es mussten viele
    teils unbewiesene, teils unbeweisbare Hilfsvorstellungen herangezogen
    werden. Durch Zurückführung auf die sexuelle Konstitution sei das
    Problem der gelungenen und misslungenen Verdrängung nur noch rätsel-
    hafter geworden. Die organische Verdrängung erscheine nur als Notaus-

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    gang, die Lust als deus ex machina der Verdrängung. Auch sei das Wesen
    der Sublimierung und Ersatzbildung nicht ergründet. - Die Festlegung
    auf den Begriff des Komplexes sei ein weiterer Schritt die räumliche
    Anschauung über die dynamische zu setzen.

        Die Frage lautet: Ist das treibende Moment in der Neurose die
    Verdrängung oder wie er sagen möchte die irritierte Psyche, bei ders
    Untersuchung auch die Verdrängung zu finden ist? Die ganze Verdrän-
    gung geschieht unter dem Drucke der Kultur; woher stammt aber unsere
    Kultur? Antwort: Aus der Verdrängung. - Der Ichtrieb ist zum inhaltslo-
    sen Begriff geworden. Fasst man ihn aber nicht als etwas starr geworde-
    nes auf sondern als etwas die Summe aller Anspannungen, als Einstell-
    ung gegen die Aussenwelt, als ein "Geltenwollen", Streben nach Macht,
    nach Herrschaft, nach oben sein wollen, so wird klar, dass dieses
    Geltenwollen 1. auf gewisse Triebe hemmend, verdrängend, modifizierend,
    2. aber vor allem steigernd einwirken muss. - Was wir sehen ist niemals
    etwas Ursprüngliches, sondern die Einfügung des Kindes richtet und m
    modifiziert sein Triebleben so lange, bis es sich an die Aussenwelt
    angepasst hat. In dieser ersten Zeit kann von Vorbildlichkeit und I
    Identifizierung nicht gesprochen werden. - Die Triebbefriedigung und
    damit die Qualität und Stärke des Triebes ist jederzeit variabel
    und daher unmessbar. Ebensowenig lassen die libidinösen Tendenzen
    einen Schluss auf die Stärke und Zusammensetzung des Sexualtriebes
    zu. - Diese Anpassung des Kindes an ein bestimmtes gegebenes Milieu
    vollzieht sich begleitet von der Trotzeinstellung des Kindes, derzu-
    folge es an den Kinderfehlern, an den sexuellen Unarten festhält; Die-
    se Trotzeinstellung bewirkt dann bei neurotischen Mädchen Phantasien
    und den Wunsch sich hinzugeben, um die Mutter zu kränken, bewirkt beim
    männlichen Neurotiker Pollutionen, Ejakulatio praecox, Impotenz, womit
    er sich gegen die Sexualität zu sichern sucht. Woher stammt nun die-
    se Gier nach Geltung, diese Lust am Verkehrten, Verbotenen, dieses
    trotzhafte Festhalten an Fehlern und diese Sicherungsmassregeln ge-
    gen ein Zuviel oder Zuwenig, in welch letzterem Falle der Pat. zur s
    Selbstentwertung schreitet, nur um sich hinterher erheben zu können/

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    Für dieses Verhalten habe er zwei Durchgangspunkte der psychischen
    Entwicklung verantwortlich gemacht:

        1. Das Aufkommen eines Minderheitsgefühls im Zusammenhang mit der
           Minderwertigkeit gewisser Organe;

        2. deutliche Hinweise auf eine jeweilige Befürchtung vor einer
           weiblichen Rolle.

    Bei gegenseitiger Unterstützung führen diese Momente zur Auflehnung
    und Trotzeinstellung. Von diesem Punkte aus wird das Gefühlsleben
    verfälscht, von da an kommt diese Gier nach Triumphen hinein. Manche
    Neurotiker wissen von diesen Charakterzügen wenn sie dieselben auch
    nicht ihrem ganzen Umfang nach kennen, viele haben es einmal gewusst
    und dann vergessen aus Ehrgeiz oder Eitelkeit.

        So erweist sich z.B. das Stottern in jedem Punkte durch den männ-
    lichen Protest konstituiert; in einem Falle zeigte es sich gegen den
    Vater gerichtet, sicherte aber den Pat. zugleich vor der Ehe. - Freuds
    "Liebesreihe" erklärte sich daraus, dass der Pat. alle Frauen haben
    wollte, um sich gegen die Abhängigkeit von einer einzigen zu sichern.

        Die Aufdeckung der Protestcharakterzüge als erstes Stück der
    Analyse ist gewöhnlich von einer Besserung, häufig aber auch von Wi-
    derständen gefolgt, die sich in Versuchen zur Entwertung des Arztes
    kundgeben. Aehnlich wie dieses Aufdecken der neurotischen Charaktero-
    logie schildert ja Freud das Wesen der missglückten Verdrängung. Das
    weitere Stück der Kur führt dann regelmässig zu den Quellen der Neu-
    rose: Dem Gefühl der Minderwertigkeit und dem männlichen Protest.

        Es ist nun noch die Frage zu beantworten: Wann erkrankt der Neu-
    rotiker resp. wann wird seine Neurose manifest. Freud nimmt eine Ge-
    legenheitsursache an, bei der die Verdrängung stärker, der alte Kon-
    flikt neu belebt wird. Hier lägen Unklarheiten vor, denn der Neuroti-
    tisch Disponierte antwortet auf jede Erwartung oder Herabsetzung
    mit einem Anfall; das ist jedoch der Zeitpunkt, von dem wir den Aus-
    bruch der Neurose rein äusserlich datieren. Die neuen Triebverdrängun-
    gen sind Begleiterscheinungen, die sich unter dem erhöhten Zwang des
    männlichen Protestes bilden. So z.B. unter der Furcht, dass die Frau
    ihm überlegen wäre, die jeden Neurotiker heimlich benagt (Die zu den
    Phantasien führt, dass eine Frau über ihn hinwegschreitet - Ganghofer,

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    zur Frau mit dem Penis oder Fischschwanz, zur Kindheitserinnerung
    Leonardos; das Gegenstück dazu sind Geburtsphantasien, Kastrations-
    gedanken und der Wunsch, ein Mädchen zu sein). Ebenso erwies sich die
    von Freud libidinös aufgefasste Geruchskomponente als ein neuroti-
    scher Schwindel. Ein Pat. behauptete von den Frauen, sie hätten einen
    schlechten Geruch, um sie zu entwerten. Die Sicherungstendenz ist ein-
    geleitet durch den Drang nach Geltung und steht psychisch in gleicher
    Reihe mit dem Wunsch oben zu sein, zu fliegen, auf eine Leiter oder
    Stiege zu steigen auf dem Giebel eines Hauses zu stehen u. ähnlicher
    Träume. Ebenso stehen die Tendenz, die Frau zu entwerten und sie zu
    koitiren enge nebeneinander. Deutlich ist diese Tendenz beim Don
    Juan Typus und bei manchem Neurotiker führt sie d zur Flucht zu der
    Dirne, wo er sich diese Entwertung erspart. Ein ähnlicher Mechanismus
    liegt der Leichenliebe zugrunde. - Auch im Rahmen des Inzestkomplexes
    will der Knabe, der sieht, dass es männlich ist, oben zu sein, die Mut-
    ter koitiren um sich über sie zu erheben und sie zu entwerten. Auch
    Sadist wird er in der gleichen Entwertungstendenz. Ob und wie viel
    Libido dabei im Spiele ist, ist vollkommen gleichgültig. Dienstmädchen
    und Gouvernanten-Liebschaften, Masturbation und Pollution sind Siche-
    rungstendenzen gegen Herabsetzung und dienen bloss der männlichen
    Tendenz, sich nicht einer Frau beugen zu müssen. Zurückgreifend auf
    den im ersten Vortrag mitgeteilten Fall, hebt Redner hervor, dass die
    Sicherungssymptome dazu dienten, sich zu beweisen, dass er nicht hei-
    raten könne. Im Bewusstsein sagte er sich: Ich kann erst heiraten, wenn
    ich eine gute Stelle bekomme. Seine psychische Situation liess ihn
    aber nicht dazu kommen. Fragen wir uns nun: Was hat der Pat. verdrängt?
    Seine Libido? Er war sich ihrer so bewusst, dass er fortwährend daran
    dachte, sich vor ihr zu sichern. Hat er eine Phantasie verdrängt? Sei-
    ne Phantasie war die Frau über ihm, die Frau mit dem Penis. Diese
    Phantasie ist selbst ein Schreckbild für den Pat., aufgerichtet und
    festgehalten damit er sich zur Geltung bringen könne. - Hat er libi-
    dinöse Regungen zur Mutter verdrängt? Ist er also am Oedipuskomplex
    erkrankt? Es gibt Pat., die ihren Oedipuskomplex kannten, ohne gebessert
    zu sein. Man kann nicht mehr von einem Komplex von libidinösen Wün-
    schen und Phantasien reden, sondern es wird auch der Oedipuskomplex
    als +Teilerscheinung einer überstarken psychischen Dynamik verstanden

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    werden müssen, als ein Stadium des männlichen Protestes, von dem aus
    die wichtigeren Einsichten in die Charakterologie des Neurotikers
    möglich werden.

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    D I S K U S S I O N .
     

    Prof.Freud möchte heute nur einen Teil seiner Einwendungen vorbrin-
    gen. Zunächst seine subjektive Stellung zu den Adlerschen Arbeiten,
    dann seine Eindrücke und schliesslich gewisse prinzipielle Beden-
    ken, nicht ~Gegenbeweise.

        Zunächst boten Adlers Arbeiten infolge seiner abstrakten Art
    dem Verständnisse ziemliche Schwierigkeiten. Dieser erste Eindruck
    wurde bestätigt beim neuerlichen Studium der Arbeiten, an das sich
    Redner auf direkte Aufforderung einiger Kollegen machte. Persönlich
    nahm er es dem Autor übel, dass er von denselben Dingen sprach, ohne
    sie auch mit denselben Namen, die sie bereits hatten, zu bezeichnen,
    und r ohne zu versuchen, seine neuen Namen mit den alten in Beziehung
    zu bringen. So hat man den Eindruck, dass in dem männlichen Protest
    irgendwie die Verdrängung stecke; entweder falle er ganz mit ihr zusam-
    men oder es sei dasselbe Phänomen unter verschiedenen Gesichtspunk-
    ten. - Redner selbst habe diese Gesichtspunkte bei seinen eigenen Ar-
    beiten gestreift. So die Begriffe der Flucht in die Krankheit und des
    Krankheitsgewinns, was sich sekundär einstellt, und die eigentlich zu-
    sammenfallen mit vielem, was Adler vorgebracht hat. Aber eine Auseinan-
    dersetzung mit diesen Gedanken sucht man in seinen Arbeiten vergebens.
    Sogar unsere alte Bisexualität heisst bei ihm psychischer Hermaphro-
    ditismus als ob es etwas anderes wäre.

        Was nun die sachlichen Eindrücke betreffe, so sucht Redner mit
    möglichster Vermeidung der psychoanalytischen Kritik, die sich immer
    nach der Genese der Dinge frage, dieselben festzustellen. In der Jahr-
    bucharbeit von Rosenstein sei ausgeführt, dass bei Adler der Unter-
    bau (Organminderwertigkeit) und dann gleichsam die Fortsetzung nach
    oben, die Ueberleitung zur Oberflächenpsychologie (zum Ich, zur Sozial-
    psychologie) zu finden sei. Dass diese Fortsetzungen nach oben und un-
    ten notwendig seien, habe er immer gewusst, sich aber mit Absicht auf

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    die Psychologie des Unbewussten beschränkt. Nun sei aber Tatsächlich
    Adlers Arbeit nicht die Fortsetzung nach oben und die Begründung
    nach unten, sondern etwas durchaus anderes; es sei nicht die Psychoana-
    lyse.

        Ehe Redner im einzelnen auf seinen Eindruck und seine prinzipi-
    ellen Bedenken zu sprechen kommt, möchte er eine Anzahl von Sicherun-
    gen entfernen, mit denen der Vortragende seine Theorie umgeben hat.
    Ein 1.Satz lautete: Es gibt keine absolute Erkenntnis. Dieser Tatsache
    versuchen wir ja durch die Methodik Rechnung zu tragen, die zunächst
    auf Einzelresultate ausgeht. - 2. hiess es, in der Psychoanalyse müsse
    es gestattet sein, dass sich jede Individualität in ihr zum Ausdruck
    bringe. - Nun müsse das zum Glück für die Psychoanalyse nicht so sein,
    und der Weg sich vor diesem bis zu einem gewissen Grade allerdings
    unvermeidlichen subjektiven Faktor zu hüten, bestehe darin, seine per-
    sönliche Untersuchung zu fördern, mit der Selbstanalyse den Fort-
    schritt der Erkenntnis zu begleiten. - 3. zeigen sich darin die beiden
    Tendenzen, die Adlers Arbeiten aufdecken: a) Die antisexuelle Tendenz
    (in einer noch ungedruckten Arbeit spricht er bereits von einer
    asexuellen Vorzeit) und b) eine zweite Tendenz ist gerichtet gegen
    den Wert des Details und gegen die Phänomenologie der Neurose.

        Adler habe die Einheit der Neurosen vertreten, die ohnehin in der
    gleichen Aetiologie und den gleichen Mechanismen begründet liege. Was
    er behaupte sei die Einerleiheit der Neurose; diese Tendenz ist metho-
    disch zu bedauern und verurteilt die ganze Arbeit zur Sterilität.

        Durch Annahme der neuen Namen hätten wir ferner den Verlust je-
    ner Programmworte zu bedauern, welche unseren Zusammenhang mit den
    grossen Kulturkreisen hergestellt haben. Die Triebunterdrückung und
    die Widerstandsbewältigung rief das Interesse aller Gebildeten wach.

        Alle diese Adlerschen Lehren halte Redner für nicht unbedeutend
    und möchte ihnen folgendes prognostizieren: Sie werden einen grossen
    Eindruck machen und der Psychoanalyse zunächst sehr schaden. Der gros-
    se Eindruck hat zwei Quellen: 1. ist es unverkennbar, dass ein grosser
    bedeutender Intellekt mit grosser Darstellungsgabe an diesen Dingen
    arbeitet, 2. aber hat die ganze Lehre einen reaktionären und retrogra-
    den Charakter und gibt damit eine höhere Anzahl von Lustprämien, sie
    gibt statt Psychologie zum grossen Teil Biologie, und statt Psycholo-

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    gie des Unbewussten gibt sie Oberflächen-, Ichpsychologie. Endlich
    gibt sie anstatt Psychologie der Libido, der Sexualität, allgemeine
    Psychologie. So wird sie die bei jedem Psychoanalytiker noch vorhan-
    denen latenten Widerstände benützen, um sich zur Geltung zu bringen.
    Sie wird also der Entwicklung der Psychoanalyse zunächst schaden, an-
    derseits was psychoanalytische Resultate betrifft, steril bleiben.

        Allgemeine prinzipielle Einwände seien folgende zu machen:
    1. bemühen wir uns gerade die Psychologie rein zu halten von jeder
    Abhängigkeit, während Adler sie biologischen und psychologischen Ge-
    sichtspunkten unterwirft. 2. zeigt Adlers Auffassung eine ziemliche
    Ueberschätzung des Intellektuellen. Die falschen Wertungen der Kinder
    ihre Zweifel und Unsicherheiten bezüglich des Geschlechts, kurz die
    infantilen Sexualtheorien, sind bei ihm treibende Kräfte, die den gan-
    zen Aufbau tragen sollen. Diese falschen Urteile werden aber erst
    bestimmend unter ganz bestimmten Schicksalen der Libido, wobei diese
    falschen Urteile nicht als treibende Kräfte, sondern nur formgebend
    wirken. - Der 3. und wichtigste Einwand: Die ganze Darstellung der Neu-
    rose ist vom Ich aus gesehen und vom Ich aus betrachtet, so wie die
    Neurose dem Ich erscheint. Es ist Ichpsychologie durch die Kenntnis
    der Unbewusstenpsychologie vertieft. Darin liegt die Stärke und das
    Schwäche der Adlerschen Darstellung. Die Dinge, die wir bisher studiert
    haben, kann man auf diese Weise niemals sehen. So kommt es auch, dass
    bei Adler fortwährend primäre und sekundäre Dinge vertauscht werden.
    Darin liegt aber auch der wirkliche Wert seiner Arbeiten in soferne
    als sie eine scharf gesehene Ichpsychologie bieten. - Charakteristisch
    dafür sei auch die Tatsache, dass Adler nichts von all den neuen Din-
    gen entdeckt, sondern diese immer nur umgedacht habe.

        So vortrefflich auch in manchen Punkten die Charakterzeichnung
    gelungen sei, so sei sie doch in anderen Punkten ziemlich einseitig.
    Dieser Charakter des Neurotikers ist nicht allgemein; ein anderes Ma-
    terial ergibt eine ganze Anzahl anderer Charaktertypen.

        Wenn er den Schülern vorwerfe, dass sie immer wieder nur diesel-
    ben Dinge fänden, so habe er selbst an Stereotypien mehr geleistet.
    Immer wieder hören wir nur vom Obensein wollen, von der Sicherung,
    vom Scharfmachen und von Rückendeckung, was sein Vorbild offenbar in

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    einer infantilen Rauferei hat.--Sein Material  seien Menschen mit
    schlampigen Konflikten, verdrehte und verschrobene Charaktere, aber
    keine wirklichen echten Hystereien und grossen Neurosen, bei denen
    Redner selbst niemals noch das Delier von oben und unten gefunden
    habe.

          Endlich noch ein paar prinzipielle Einwendungen. Selbstverständ
    lich muss bei jeder neurotischen Erscheinung das Ich in Betracht
    kommen. das Ichverhalten spielt genau dieselbe Rolle in der Genese
    der Neurose wie in der Genese des Traumes, wo das Individuum des W
    Wunsch zu schlafen zeigt. In ganz ähnlicher Weise muss bei jeder
    neurotischen Erkrankung ein Ichwunsch dabei sein. So wenig uns aber
    dieser Schlafwunsch das Detail des Traumes erklärt, so wenig werden
    die Ichmotive des männlichen Protestes und die Entstehung und Manni
    gfaltigkeit der Neurose erklären. Wenn Adler uns beständig die
    Ichmotivierung für die Neurose gibt so kann dadurch doch nicht die
    andere uns interessierende Motivierung ersetzt werden. Infolge die-
    ses Standpunkts kommt er zu wissenschaftlich falschen Wertungen,
    zu der Behauptung, dass die Libido des Neurotikers nicht echt sei.
    Mit dieser Verleugnung der Libido benimmt er sich ganz wie das neu-
    rotische Ich. Die Libido ist freilich nicht real, ihre Stärke läässt
    ganz wo anders; man darf nur nicht an die neurotische Währung verges
    sen und muss sie nach ihren Folgen beurteilen, in den Hemmungen zeigt
    sich ihre Grösse. Wenn man von ihr sagt, sie sei nicht real, so ist
    das richtig; aber zu sagen, sie isr falsch ist gänzlich willkürlich
    und ein unwissenschaftlicher Begriff. Ebenso ist es mit allem, was
    Adler neurotischen Schwindel nennt. Der Kern der Neurose ist die Angs
    des Ich vor der Libido und Adlers Ausführungen haben diese Auffassung
    nur verstärkt. Das Ich ist das, was sich vor der Libido fürchtet, die L
    Libido ist so gross, als ihre störenden Wirkungen sind. Von einem sol-
    chen primären Arrangement, wie es Adler annimmt, kann nicht die Rede
    sein; diese Phantasien wurden erst später über- oder unterwertet.

          Zum Schlusse möchte sich Redner noch in einem Punkte der Detail-
    kritik nähern. Aus Adlers Ausführungen wird man absolut nicht klar da-
    rüber, ob die Neurose eine Sicherung des Ich ist (Krankheitsgewinn) oder
    ob sie das Misslingen dieser Sicherung darstellt. Heute habe es ge-
    heissen, die Neurose werde als Sicherung hervorgerufen, während sonst

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    bei Adler die Neurose durch das Scheitern des männlichen Protestes
    entstehe. Es ergibt sich, dass eine einheitliche Auffassung der Neu-
    rose auf dem Boden der Adlerschen Lehre einfach unmöglich sei. Sie
    ist Charakterlehre, leistet aber nur die gewöhnlichen Missverständ-
    nisse des Ich. Es ist die Verleugnung des Unbewussten, deren sich das
    Ich schuldig macht und die hier theoretisch festgelegt wurde.

          Adler meint, diese Stellungnahme als eine unverdiente zurück-
    weisen zu können, obwohl er sich bewusst sei, sie in manchen Punkten
    verschuldet zu haben. Wenn Freud auf eine antisexuelle Tendenz hin-
    weist, so müsse er betonen, dass sein Neurotiker nicht weniger sexuell
    sei. Die von Freud geschilderten Befuelle Beziehungen sind in der
    Neurose zu finden. Seine eigenen Befunde gehen nur dahin, das was man
    Sexuelles sieht, dahinter viel wichtigere Beziehungen aufzuzeigen, die
    das nur ins Sexuelle umtäuschen, den männlichen Protest. Das rein Sexu-
    elle ist nichts Ursprüngliches sondern etwas Entstandenes, eine Trieb
    verschränkung. Wenn eingewandt wurde, der männliche Protest falle zu-
    sammen mit der Verdrängung, so habe er gerade heute sich zu zeigen
    bemüht, dass die Verdrängung nur ein kleiner Ausschnitt aus der Wir-
    kungsweise des männlichen Protestes ist.

          Um zur weiteren Klärung der Frage beizutragen plant der Vortra
    gende eine Analyse Freuds von seinem Standpunkt zu beleuchten und
    die Abweichungen aufzuzeigen.

          Was den Ausbruch der Neurose betrifft, so ist sie ein Mittel
    des männlichen Protestes und die beiden vom Freud als widersprechend
    hervorgehobenen Behauptungen zeigen eigentlich nicht den mindesten
    Unterschied in der Auffassung. Das eine ist der Anblick im Ruhezu-
    stand, das andere im psychischen Getriebe.       /

          Stekel hat allmählich die Ueberzeugung gewonnen, dass vieles
    von dem, was Adler vorbringt neu und wertvoll sei. Der Vorwurf Freuds
    dass es sich dabei um Biologie und Ichpsychologie handle seien un-
    berechtigt. So müsse er beispielsweise das Wertvolle des Aggressions-
    triebes anerkennen als auch des Hermaphroditismus, der keineswegs
    mit Freuds Bisexualität erschöpft sei. Wenn etwas den Wert der Ad-
    lerschen Arbeiten herabzusetzen geeignet sei, so sei es seine Nei-
    gung, wertvolle Funde sogleich verallgemeinern zu wollen.

          Dass der Neurotiker sich minderwertig fühlt, ist sicher, aber p

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    aber nicht aus der Erkenntnis seiner minderwertigen Organe heraus.
    In anderen Fällen geschieht es aus der Erkenntnis seiner eigenen
    Schlechtigkeit heraus, der Kriminalität.--Ueberraschend sei, dass Ad-
    ler den Standpunkt der Verdrängung verlassen wollen; Prinzip und Tat-
    sache der Verdrängung könne ihm durch nichts ersetzt werden.

          Bezüglich der Auffassung des Inzests als Kernproblem der Neu-
    rose sei er selbst auch etwas anderer Meinung geworden. Hinter dem
    Sexuellen steht ein zweiter Trieb, den Adler Aggression und er Krimi-
    nalität nenne. Das Primäre sei heute für ihn nicht mehr die Liebe son
    dern der Hass. Die übermässige Liebe ist nichts anderes als die Ueber-
    kompensation des ursprünglichen Hasses. Dieser Hass bricht neben der
    Liebe durch, z.B. in Impulsen, die Mutter zu töten, was wir früher sym-
    bolisch aufgefasst haben (Messer Dolch, Waffe etc.). Man wird so zu dem
    Gedanken geführt, dass vielleicht auch der Sexualakt nur ein Ersatz
    des ursprünglichen Hasses ist.

          Der Wichtigkeit des männlichen Protestes könne er sich nicht
    anschliessen; vielleicht werde hier nur ein Symptom der Neurose als
    treibende Kraft aufgeführt.

          In einem Punkte möchte er Freud direkt widersprechen. Beim Traum
    will nicht das Ichbewusstsein schlafen, sondern das Unbewusste ver-
    langt die Herrschaft.

          Prof. Freud ergreift zu einer tatsächlichen Berichtigung und
    zu einem Nachtrag das Wort. ad1 habe er den Wert von Adlers charak-
    terologischen Studien immer anerkannt und daran nur getadelt, dass
    sie die Psychologie des Unbewussten ersetzen wollen.

          ad2 unterliege diese Betonung des neurotischen Charakters
    bei diesem Typus von Neurotikern noch einer Möglichkeit. Die Ent-
    wicklung des Ich nach dieser Seite des Heltenwollens erfolgt viel-
    leicht darum, weil die Ermässigung durch die libidinösen Beiträge,
    die in der Entwicklung gestört worden sind, fehlt. Wenn man sich dann
    fragt, was hier als primär in den Vordergrund gestellt werden muss,
    so kann man über das sekundäre Moment in dieser Charakterveränderung
    nicht im Zweifel sein. /

    *o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*